blind alley.

KurzgeschichteDrama, Tragödie / P16
Gary Ib Mary
09.05.2015
09.05.2015
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This empty fandom can't stop me. Here I am again, mit, meiner Meinung nach, noch viel mehr Feels als zuvor. Es tat weh, das hier zu schreiben, aber ich habe es geschafft.
(Listen to 'Blind Alley' to feel even more pain.)

I hope you still enjoy.
- Elinor.





*










Sie hatte schon wieder diesen Traum gehabt. Diesen Traum, der sie jedes Mal aufs Neue erschütterte. Dieser Traum, der sie jede Nacht verfolgte, der sie jede Nacht quälte und folterte, dieser Traum, der immer mit dem Gefühl der zerreißenden Trauer und tiefer Verzweiflung endete. Jeden Morgen wachte sie mit tränenbenetzten Wangen und einem gebrochenen Herzen auf, und sie wusste nicht wieso.

Ib hatte noch nie etwas, noch nie jemanden verloren. Kein Spielzeug, keine Puppe, kein Kuscheltier, niemand, der ihr wichtig war. Ihre Eltern waren da, ihre Großeltern … und Mary. Mary, das blonde Mädchen, mit dem Talent für das Malen mit Wachsmalstiften. Ibs Freundin, die … schon immer da war. Ib konnte sich an keinen Augenblick in ihrem Leben erinnern, an dem sie nicht da war, auch wenn sie nicht wusste, wo sie herkam. Sie war einfach da. Und weder sie, noch ihre Eltern hinterfragten diesen simplen Fakt. Doch auch Mary wusste nichts von diesen Träumen. Von diesen Träumen … in denen sie diesen Mann sah. Der Mann mit den sanften blauen Augen und dem warmen Lächeln, der ihre Hand hielt und ihr Sicherheit schenkte. Der sie durch eine verdrehte Welt von Bildern und Ungeheuern führte, Ungeheuer, die sie sich nicht einmal in ihren kühnsten Alpträumen vorstellen konnte. Die Träume von dem Mann, der sie rettete.

Nein, Ib hatte noch nie jemandem von ihm erzählt. Nicht einmal Mary. Denn obwohl sie diesen Mann nicht kannte und obwohl dieser Traum sie Nacht für Nacht unruhig schlafen ließ, sie wollte es nicht. Es schien nicht richtig. Es fühlte sich wie ein Verrat an den Mann an, der ihr das Leben gerettet hatte. Darum schwieg sie. Bis zu dem Tag, an dem Mary beschloss, auch die Nacht in ihrem Zimmer zu verbringen.


Ib wusste nicht, was sie tun sollte. Sie wusste, dass sie im Schlaf weinte. Sie wusste, dass da etwas war, das sie beschützen wollte. Dass sie tief in ihrem Herz verbarg und nicht mehr hergeben wollte. Vielleicht war es unsinnig, sich so an einen Mann zu klammern, den sie nicht kannte, der nicht einmal wirklich existierte, aber bei dem Gedanken daran, ihr Geheimnis an Mary weiterzugeben, schien es, als würde sie ihn auf eine gewisse Art und Weise verlieren. Und das … das wollte sie nicht. Vielleicht würde sie auch nicht von ihm träumen, diese Nacht. Vielleicht würde sie nicht abermals in die dunklen Gänge mit den irre grinsenden Puppen eintauchen. Vielleicht würde allein Marys Anwesenheit verhindern, dass sie abermals in der Trauer versinken würde. Vielleicht. Und was … wenn nicht?

Am besten wäre es, wenn sie es einfach dem Schicksal überließ. Mary war schließlich ihre beste Freundin, nicht wahr? Ihre Seelenverwandte. Ihre Schwester. Sie war immer da gewesen, sie hatte sie immer getröstet. Vielleicht betrogen ihre Gefühle sie und es war überhaupt nicht so schlimm, ihr von diesen Träumen zu erzählen. Vielleicht sollte sie es tun. Vielleicht war es das richtige.


Die Verzweiflung, die Ib in diesem Augenblick verspürte, war der, die sie jeden Morgen mit jeder Ader ihres Körpers fühlte, ganz ähnlich. Sie hatte Angst. Angst, dass die Träume aufhören würden, wenn sie es Mary erzählen würde. Dass der Mann mit dem violetten Haar und dem warmen Mantel verschwinden würde. Sie allein zurücklassen würde. Angst, dass sie das falsche fühlte. Dass es falsch war, so zu denken. Schließlich war sie nicht allein. Mary war doch da. Oder?

Verwirrt und verängstigt sehnte sie sich nach Verständnis. Nach der Wärme einer Umarmung, so, wie sie es ab und an auch in ihren Träumen spüren konnte. Nach einem Kuss auf die Stirn. Nach dem zärtlichen Glitzern in blauen, beruhigenden Augen. Aber da war nichts. Nur eine gähnende Leere und die Erkenntnis, dass sie bereits etwas verloren hatte. Dass es nicht mehr verloren gehen konnte. Dass es bereits fehlte. Dass er bereits fehlte.


Sie wusste nicht, wann sie angefangen hatte zu weinen, aber sie wischte sich die Tränen schnell weg, als sie die trippelnden Schritte ihrer Freundin im Gang hörte. Ib durfte nicht weinen. Es ging nicht. Es durfte nicht herauskommen. Sie klammerte sich an diese letzte Verbindung zu diesem Traum. Und doch wurde sie bemerkt. Natürlich … natürlich wurde sie bemerkt. Marys aufgeweckte, blaue Augen, die trotz der gleichen Farbe so unterschiedlich zu der des Mannes waren, betrachteten sie überrascht.


„Ib … was hast du? Deine Augen sind ganz rot! Hast du … geweint?“


Das braunhaarige Mädchen konnte nur schluchzen … und brach erneut in Tränen aus. Es tat weh. Es tat weh. Der Verlust und die Trauer fraßen sie auf, Stück für Stück. Und sie wusste nicht, was los war, wieso es so wehtut, warum es nicht aufhören will. Und ihre Stimme zittert genauso sehr wie ihr zierlicher Körper, als sie anfing zu sprechen.


„I-Ich … Mary … ich … ich habe diesen Traum …“





*





Mary konnte es hören. Das Schluchzen. Sie konnte Ibs zitternde Schultern sehen. Obwohl sie schlief. Obwohl die Erlösung des tiefen Schlafes sie umhüllte, sie weinte trotzdem. Auch wenn es zu erwarten war – schließlich hatte Ib ihr genau das hier beschrieben – Mary wollte es nicht glauben.


Wieso?


Wieso träumte Ib von ihm? Er ist doch weg, nicht wahr? Sie hatte seinen Platz eingenommen, sie war nun diejenige, die Ib Schutz geben sollte. Und doch kann sie den Schmerz auf den Zügen ihrer … Schwester sehen. Und wenn sie genau hinhört, kann sie auch gewimmerte Laute, Worte ausmachen.


„Garry … Garry, ich bitte dich, wach auf. B-Bitte. Bitte … l-lass mich nicht allein.“


Mary weiß nicht, was sie tun soll. Es schmerzt. Wieso kann sie nicht den Platz dieses Mannes einnehmen? Was ist daran so falsch, wieso kann sie nicht in dieser Welt glücklich sein? Sie hat doch nichts getan, nicht wahr? Es musste sein. Sie musste den Platz mit jemandem tauschen. Sie konnten nicht gemeinsam entkommen. Und sie bereut es nicht. Sie hat den Schnee gesehen, die helle, warme, die echte Sonne. Sie war im Herbst zusammen mit Ib draußen, um in Blätterhaufen herumzuspringen, sie hat richtige Süßigkeiten essen können. Sie hat nichts Falsches getan. Sie lebt doch nur. Und doch … doch hat sie Ib wehgetan. Tut es immer noch. Sonst würde sie nicht weinen. Sonst würde sie nicht seinen Namen rufen, immer und immer. Sonst würde sie sich nicht so benehmen, als würde er noch leben. Als wäre er noch hier. Aber das ist er nicht. Er ist nur ein Gemälde. Er atmet nicht, er lebt nicht, er ist in ihrem alten Zuhause gefangen und … sie würde es jedes Mal wieder tun. Die blauen Rosenblätter von ihrem Stängel reißen, Stück für Stück. Sie muss einfach nur mehr für Ib da sein. Sie ablenken. Sie dazu bringen, ihn zu vergessen. Diesen Mann zu vergessen. Dann wird alles gut werden. Und nichts wird ihr mehr im Weg stehen, ein normales und glückliches Leben mit ihrer geliebten Freundin zu verbringen.





*





„Hey, Mary. Weißt du, ich hatte schon wieder diesen Traum. Da war ein Mann, er hielt meine Hand und lächelte mich freundlich an. Wir gingen zusammen durch dunkle Gänge und Räume, und doch hatte ich keine Angst. Denn … er war da und er beschützte mich.

Doch da war etwas. Eine weinende Stimme, die immer wieder sagte, dass sie  nicht allein sein will. Es klang so unendlich traurig und einsam, dass ich seine Hand losließ. Und dann … war er weg.





Und ich war … wieder alleine.“
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