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☆Lullaby - Teil 2☆

Kurzbeschreibung
GeschichteSci-Fi, Übernatürlich / P16 / MaleSlash
Dr. Helen Magnus Nikola Tesla
09.05.2015
01.07.2017
18
54.648
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23.05.2015 3.744
 
"Sie hat was...?" hallte es ungläubig durch das Arbeitszimmer der Zufluchtsleiterin.
Ein langgezogenes Stöhnen entfuhr dem uralten Vampir, welcher bekümmert und gereizt auf der großen, champagnerfarbenen Couch saß.
Er verdrehte genervt seine silber-blauen Augen, bevor er zu der vor ihm stehenden Rotweinflasche griff, sie beherzt ansetzte und einen großen Schluck daraus nahm.
Nikola war frustriert und ging wie üblich, auf eine nur zu bequeme, einfache Art mit seinem Kummer und dem Berg an Problemen um: Er ertränkte sie hemmungslos im Alkohol.
"Krass! Dann hat Ari, ... ähm, ich meine diese fiese Abnorme mit den roten Glubschern, also versucht, sie beide zu töten!?" fasste die junge, in Mumbai geborene Kreaturen-Hüterin mit dem dunklen Teint zusammen.
Etliche Augenpaare starrten interessiert die Ursprungsblut-Träger an.
"Na ja, ... ganz so ist es nicht gewesen. Ich glaube nicht, dass uns Irisa töten wollte. Zumindest jetzt noch nicht! Sie hat die Kleine benutzt, um sich uns mitzuteilen, mit uns zu spielen und...", erklärte die Brünette dem restlichen Sanctuary-Team, welche sich im Raum versammelt hatten, den Sachverhalt.
Ein nicht zu überhörendes Geräusch unterbrach die angefangene Konversation, als der Schwarzhaarige die leere Weinflasche mit einem lauten Geräusch auf dem Glastisch, der sie voneinander trennte, abstellte und so die Aufmerksamkeit ungewollt auf sich lenkte.
Alle Personen, blickten ihn mit unterschiedlichen Gedanken und Gefühlen an.
Jeder wusste, wie ernst und prekär die Lage war und wie bedrückend und belastend sie für den Unsterblichen sein musste.
Wie eine tickende Zeitbombe, ruhte der schlanke Mann angespannt auf dem Möbelstück und schaute nun finster in die Runde.
Dass er trank (und das scheinbar ohne Unterlass), obwohl jegliche alkoholische Flüssigkeit ohnehin keine Wirkung bei seiner genetisch veränderten Physiologie gehabt hätte und dass er sich ihnen gegenüber gewohnt ignorant,  arrogant und distanziert verhielt, war für Will, Henry und Kate nichts neues.
Sie kannten den eigensinnigen, aber auch brillianten Physiker schon eine ganze Weile lang, deswegen konnten sie einigermaßen damit umgehen.
Doch was sie allesamt hingegen aus der Bahn warf und sie sogar soetwas wie aufrichtiges Mitleid und Sorge für ihn empfinden ließ, war sein derzeitiger Gesichtsausdruck.
Leere, immer schwärzer werdende Augen, bohrten sich abwesend und gedankenverloren, als würde er durch die anderen hindurch starren, aber zugleich auch mit einem wütenden, erschreckenden Funken, in die der Anwesenden.
Tiefe Falten zeichneten seine Stirn und die verjüngte, ansonsten straffe und wunderschöne Haut.
Seine Lippen waren so fest aufeinander gepresst, dass sie nur noch einen einzigen, dünnen Strich verkörperten.
Die Finger seiner rechten Hand, hatten sich raubtierartig in die Lehne des Mobiliarstücks gekrallt.
Wie eine Herde aufgescheuchter Gazellen, welche jeden Moment um einen Löwenangriff fürchten mussten, schlug sein Herz.
Helen, welche dicht neben ihm saß, konnte es beinahe in einem verräterisch lauten und unruhigen Rhythmus schlagen hören.
Sie durchschaute sein trotziges, theatralisches, nicht gerade überzeugendes Pokerface.
Genauso wie die anderen.
Sein viel zu schneller Atem, hielt er in jenem Moment an.
Die pechschwarze, normalerweise unbändig abstehende Haarpracht, welche ihm jetzt kraftlos und stumpf ins Gesicht fiel und ihn dadurch noch mitgenommener und verstreuter als sonst wirken ließ, das zerknitterte, von Aris Blut und Schweiß befleckte, in der Eile falsch zu geknöpfte Hemd und die Hose, welche ihm ohne den dazugehörigen Gürtel fast von den schmalen Hüften rutschte, sowie das fehlende, spitzbübische Grinsen, waren eindeutige Zeichen.
Der Erfinder sah um Jahre gealtert aus.

Schließlich unterbrach der Psychologe mutig das kurzzeitig anhaltende Schweigen und fasste sich ein Herz.
"Vielleicht sollten Sie lieber..."
Ohne jede Vorwarnung, erhob sich der Nachkomme der einst mächtigsten Abnormenspezies.
Er bewegte sich so schnell auf den Profiler zu, dass man es kaum mit bloßem Auge verfolgen konnte.
Überreizt packte der Ältere den Jüngeren, welcher sich langsam genähert und ihm tröstlich eine Hand auf die Schulter legen wollte, am Hemdkragen und hob ihn ein paar Zentimeter vom Boden hoch.
"Vorsicht, Jüngelchen! Fass mich nicht an! Und sag mir jetzt ja nicht, dass ich nichts mehr trinken oder mich hinlegen soll. Ich warne dich! Wenn du mir mit diesem Pseudo-Einfühlsamen-Seelenklempnerscheiß kommst, werde ich...", knurrte er ihm erbost und kurz davor, endgültig auszurasten, ins Ohr.
Foss und Freelander, verfolgten mit offener Kinnlade und großen Augen das Spektakel.
Sie waren gerade im Begriff aufzuspringen und ihrem ausgelieferten, verdutzt und erschreckt dreinblickenden Freund zu helfen, da kam ihnen die autoritäre 159-Jährige zuvor.
"Nikola! Lass Will auf der Stelle los!"
Ihre Stimme klang verärgert und scharf wie ein Messer.
Sie ruhte noch immer mit übereinander geschlagenen Beinen und einer Hand an ihrer Tee-Tasse, auf dem Sofa.
Die Biologin machte sich nicht die Mühe, aufzustehen oder gar wie alle um sie herum, in Nervosität oder Panik zu verfallen.
Lediglich der bestimmte Tonfall seiner Freundin und ihre laubgrünen, mit Bernsteinsprenkeln verzierten Seelenfenster, welche ihn kurz feurig und ermahnend musterten, brachten den Nobelpreisträger schließlich wieder zur Vernunft.
Wie ein unbedeutendes, langweiliges Spielzeug, ließ er von Zimmerman ab.
Der braunhaarige Stellvertreter der Einrichtung hustete kraftvoll, rieb sich seinen Hals und nahm erneut, die Brille auf der Nase richtend, neben der Inderin und dem Werwolf Platz.
Tesla schnaubte verächtlich, als ihn die drei jüngeren Mitarbeiter mit einem "Wow, das war nicht nötig"-Blick straften, ihn ignorierten oder ihn teils immernoch empathisch beäugten.
Sich keinerlei Fehlverhalten oder Schuld bewusst, wanderten seine Hände abermals zu der auf dem Tisch stehenden, gläsernen Weinflasche.
Das Genie hob sie hoch, seufzte und murmelte ein flüchtiges:
"Scheiße! Ich brauch Nachschub!"
Dann verschwand er in der Sekunde eines Augenaufschlags, aus dem Büro.

"Tut mir leid. Ihr wisst, dass er normalerweise nicht so ist...", entschuldigte sich die Gelehrte bei ihrem Team.
Der Techniker zog die Augenbrauen hoch und antwortete ironisch:
"Schon klar. Sonst ist er ein wahrer Sonnenschein!"
Seine Kollegin mit dem gebräunten Teint und der Geisteswissenschaftler, lachten beide amüsiert über die zutreffende Bemerkung des HAP.
Doch die Erwachsenen hielten augenblicklich inne, als sie bemerkten, dass sich die Miene ihrer Vorgesetzten schlagartig veränderte.
Ernst, von Sorge und einer Vielzahl an Gefühlen (war das etwa tatsächlich Angst, die da in Helen Magnus Augen aufleuchtete?) erfasst, schaute sie niedergeschlagen zu Boden.
Plötzlich eingeschüchtert und die tiefen, roten und dunklen Ringe unter ihren Sehorganen entdeckend, ergriff der zweite Netzwerksleiter einfühlsam das Wort:
"Das muss unheimlich schlimm für ihn sein. Für sie beide! Ich mag mir nicht mal annähernd vorstellen, was sie momentan durchmachen."
Erfreut und mit einem erschöpften, milden Lächeln, schaute die Evastochter den verständnisvollen Protegé an.
"Tschuldige, war nur Spaß! Vermutlich wäre ich noch ein ganzes Stück mieser drauf, wenn jemand mein Kind manipuliert und es quält. Aber so zu reagieren und seinen Frust an Will auszulassen, ist keine gute Lösung! ... Hat diese Abnorme wirklich ein kinetisches Feld, Blitze und einen organischen Zerfall, bei einem eigentlich unbezwingbaren und selbstregenerierenden Vampir erzeugt?" fing das Computergenie nochmals fast beeindruckt an.
Magnus nickte bejahend.
"Seiner Aussage zufolge, ja! ... Irisa hat unglaubliche Kräfte. Sie ist wahnsinnig gefährlich."
Nun mischte sich auch die dritte im Bunde ein.
"Doc, wie geht's der Kleinen?" formten ihre Lippen mit aufrichtiger Anteilnahme und Interesse, ernst den Satz.
Die Engländerin nippte kurz an ihrem Earl-Grey Tee.
"Ich musste sie sedieren und aus Sicherheitsgründen ans Bett fesseln. Sie befindet sich momentan in einem der Quarantäne-Zimmer. Der Große ist bei ihr und passt auf. Ari... hat einen Gehirntumor, der rasend schnell wächst. Es gibt bisher keinen Beweis dafür, aber ich glaube, dass Irisa etwas damit zutun hat. Wir müssen schleunigst eine Lösung für diese Miesere finden!"
Betroffen stierten sie die drei an.
"Was können wir tun, um zu helfen?" sprachen sie gleichzeitig, wie aus der Pistole geschossen.
Dankbar erhellten sich die eingemeißelten, ausgelaugten, traurigen Züge.
Das Oberhaupt vertraute ihnen den Rest der Geschichte an und übertrug jedem ein paar wichtige Aufgaben.

Eine halbe Stunde später...

"Kannst du dir nicht wenigstens ein Glas holen? Wenn du in dem Tempo weiter machst, hast du meinen Weinkeller in drei Tagen leer! Und überhaupt, was sollte das da eben?" machte die Oxford-Absolventin ihrem Ärger Luft.
Sie hatte gerade die gigantische Bibliothek betreten, in die sich ihr ehemaliger Studienfreund zurück gezogen hatte und stand mit verschränkten Armen im Türrahmen.
Der Herr mit dem überdurchschnittlich hohen IQ und dem feurigen Temperament, war  mit einer Flasche Whisky (anscheinend war der Wein schon aus) über zwei aufgeschlagene Bücher gebeugt und studierte konzentriert die staubigen, alten Seiten.
Er schien so in die literarischen Werke oder seine Gedanken (so ganz konnte es die Kreaturen-Forscherin nicht genau sagen) vertieft zu sein, dass er sie völlig ignorierte.
Der Hobby-Pianist schaute weder zu ihr hoch, noch gab er ihr eine zufriedenstellende, prägnante Antwort.
"Nikola? ... Hey! Hallo? Ich rede mit dir!" fauchte sie ihn barsch und sauer an.
Wieder erfolgte keine Reaktion.
Das Geräusch von Stöckelschuhen, welche resolut und die Initiative ergreifend über Parkettboden stolzierten, drang dumpf an seine Ohren.
Im nächsten Augenblick, roch er ihr wohl vertrautes, exotisches Parfum, welches ihn auf angenehme Art, ein Stück weit in die Wirklichkeit zurück holte.
"Verdammt! Sag mal, wie alt bist du!? Warum musst du dich nur immer wie ein unverbesserlicher, trotziger, pubertärer, einzelgängerischer Sturkopf aufführen?" warf sie ihm in Rage an den Kopf.
Dann entriss sie ihrem Gefährten die inzwischen fast leere Flasche und baute sich groß vor ihm auf.
"Himmel Herrgott, Nikola! ... Meinst du, dass du der einzige bist, der so drin hängt und leidet? Ich sag dir jetzt mal was und du solltest besser gut zuhören!" verkündete sie aufbrausend.
"Ich bin seit drei Uhr morgens wach, habe seither nicht geschlafen und mich ausschließlich um Ari gekümmert. Ich leide seit Tagen unter schlimmen Alpträumen, die entweder von der Kleinen oder von Ashley handeln. Eine totgeglaubte, mächtige Abnorme, ist plötzlich wieder zu neuem Leben erwacht und hat sich in dem Kind, welches ich über alle Maßen liebe, eingenistet. Nicht, dass ich mich beschweren will, aber ich hätte heute früh ein sehr wichtiges Meeting, etliche Termine und noch einen Haufen Arbeit gehabt, die ich allesamt absagen bzw. an jemand anderes abgeben musste. Ich weiß nicht, ob es dir bewusst ist, aber ich habe, trotz der ganzen Scheiße, die hier läuft, eine Einrichtung und das Sanctuary-Netzwerk zu führen! Seit etwas mehr als fünfzehn Stunden, habe ich nun nichts mehr gegessen  und der Tee eben, war das erste, was ich heute an Flüssigkeit zu mir genommen habe. Ich bin ständig am rennen, offen gesagt, ziemlich müde, körperlich erschöpft, hungrig, durstig und habe tierische Kopfschmerzen. Ich weiß nicht, wann ich das letzte mal Zeit für mich hatte oder zu einem entspannenden Bad, statt einer hektischen Katzenwäsche oder Dusche gekommen bin. Und ja, ich mache mir ebenfalls große Sorgen um unsere Tochter und habe Angst! Angst davor, was Irisa mit ihr vor hat und dass sie aufgrund des Tumors oder der von dieser Frau zugefügten Strapazen sterben könnte! ... Mein Leben und das deine, wurde massiv bedroht! Wer weiß, was Irisa im Schilde führt und wie wir sie aufhalten können? ... Das zerrt alles ganz schön an meinen Nerven und ich bin mit der gesamten Situation allmählich ziemlich überfordert! ... Trotzdem versuche ich, stark zu bleiben und alles zu tun, was ich kann! Doch als wäre das alles nicht schon anstrengend und kräftezehrend genug, machst du es mir auch noch schwerer! Mein Lieber, du bist mir keine Hilfe, wenn du dicht machst, dich in den Alkohol flüchtest, agressiv wirst oder dich so dermaßen kindisch benimmst! Bitte, ich flehe dich an! ... Denk mal einen Moment lang nicht nur an dich und sei meine Stütze! ... Ich schaffe das dieses Mal nicht ohne dich, okay? Wir können uns jetzt beide keinen Zusammenbruch leisten! Ari braucht uns! Ich weiß, dass wir das irgendwie hinkriegen. Das tun wir doch immer! ... Also, komm schon, steh auf!"

Plötzlich, die Ärztin war sich schon sicher, dass ihr Gegenüber nicht reagieren und weiterhin auf Ignoranz setzen würde, fixierten sie zwei eisblaue Augen.
Blitzschnell zog er sie um den Tisch herum zu sich und setzte sie vorsichtig auf seinem Schoß ab.
Anschließend legte er seinen Arm um ihre Taille, während sich die andere an ihre Wange stahl.
Kühle Fingerspitzen ertasteten spielerisch und sanft, die leicht gebräunte, rosige Haut.
Zwei Herzen, schlugen wild wie Rennpferde, als sich ihre Gesichter automatisch einander näherten und sich letztlich zu einem romantischen, leidenschaftlichen Kuss vereinten, welcher minutenlang andauerte.
Die Zeit, Angst und all das, was sie momentan quälte, wurde in diesem magischen Augenblick fast bedeutungslos.
"Žao mi je, Ljubavi!" * säuselte er seiner Freundin, als er sich außer Atem wieder von ihr löste, in seiner Muttersprache ins Ohr.
Vergebungssuchend und reumütig, zog er sie näher an seine Brust, schenkte ihr ein ehrliches, zum dahinschmelzen schönes Lächeln und ließ seine Lippen zärtlich über ihre Stirn, die Nasenspitze und den Mund wandern.
Ein schweres Seufzen verließ Helens Kehle, welche sich entkräftet an ihn schmiegte und ihre Hand mit der seinen verschränkte.
Ihre Lider fielen kurz zu.
"Ich hab überreagiert und...", begann er zögernd.
"Ist schon okay. Ich bin nicht diejenige, bei der du dich entschuldigen solltest... Du weißt, dass ich dir eh nicht lange böse sein kann. Nur, so gemütlich und bequem das hier auch ist, lass uns bitte aufstehen, sonst schlaf ich noch ein!"
Ein ansteckendes, kurzes Lachen kam von dem Serben.
"Und was ist, wenn ich das nicht will? Was ist, wenn wir hier einfach noch ein bisschen sitzen bleiben und du dich von mir halten und küssen lässt? Du brauchst eine Pause!"
Sein Tonfall und seine zarten, seidigen Lippen, welche sündig ihr Ohr streiften, verpasste ihr schlagartig eine angenehme Gänsehaut.
Liebevoll streichelte er ihr übers nussbraune Haar, drückte sie an sich und hauchte ihr zwischen dem Pony einen weiteren Kuss auf.
Der Einrichtungs-Bewohner dachte nicht daran, sie jetzt so einfach gehen zu lassen.
Dazu war er zusehr in sie vernarrt, von Schuld heimgesucht und geradezu süchtig nach ihrer Nähe, welche ihm jedes mal Kraft gab.
"Ari ist in den besten Händen, befindet sich hinter zehn Zentimeter dicken Stahltüren und sollte ohnehin noch eine Weile schlafen. Deine anderen Kinder schmeißen den Laden schon. Darling, ... du solltest dich hinlegen. Wie wär's, wenn ich dir ein Bad einlasse und was zu Essen und Trinken besorge? Du hilfst niemandem, wenn du vor Erschöpfung zusammenbrichst! Ich reiß mich in der Zwischenzeit zusammen, lass die Finger von deinem verlockenden Alkoholvorrat und versuche, mich nützlich zu machen. Wie klingt das?"
Die noch immer geschlossenen Lider der Biologin wurden bleischwer.
Sie verharrte müde und geborgen, in ihrer derzeitigen Position, legte widerstandslos ihr Haupt in der Kuhle zwischen seinem Hals und dem Schlüsselbein ab, genoss die Berührungen in vollen Zügen und summte ein ergebendes, kurzes: "Okay".
Seine Powerfrau so erledigt, ungewohnt kompromissbereit und schmusebedürftig vorzufinden, verriet dem im 18. Jahrhundert geborenen Mann so einiges über ihren momentanen Zustand.
In all den langen Jahren, in denen er sie schon kannte, war das nämlich eher seltener der Fall gewesen und er wusste ganz genau, was es zu bedeuten hatte.
Sie war ein eigensinniges, stures, starkes und äußerst dominantes Individuum, welche normalerweise ziemliche Schwierigkeiten damit hatte, sich überhaupt auf Nähe (egal in welcher Form) einzulassen, sie lange auszuhalten oder sich gar bei irgendetwas umstimmen zu lassen.
Die hübsche Evastochter spielte normalerweise die Rolle der taffen Unnahbaren, zeigte sich oftmals, wie er selbst, distanziert und genoss ihre Unabhängigkeit.
Selbst, als sie zum ersten Mal eine Beziehung miteinander eingingen, war es nicht gerade einfach gewesen.
Umso verblüffter reagierte der Vampir, als sie seit ein paar Wochen, wie ausgewechselt, ständig seine Nähe suchte, sich das von ihm nahm, was sie wollte und scheinbar gar nicht mehr von ihm zu weichen schien.
Vielleicht lag das Ganze an Ari.
Immerhin hatte das Kind ihre (Mutter)Gefühle geweckt und eine Seite in ihr zutage gefördert, die sie eigentlich schon längst begraben hatte, aber immer (noch) irgendwie vorhanden war.
Oder wurde Helen Magnus in ihren alten Tagen etwa doch noch weich und anhänglich?
Schließlich war sie trotz des Ursprungsbluts in ihren Adern, ein menschliches (wenn auch nicht alterndes) Wesen.
Und sehnen wir uns nicht alle nach Liebe, Halt, Nähe und Geborgenheit? ...

"Ich bring dich jetzt rauf, in dein Bett. Dann kannst du schlafen. Ruh dich aus! Ich halte in der Zwischenzeit die Stellung, okay?"
redete er mit einer Engelszunge auf sie ein.
Ihr warmer, gleichmäßig gehender Atem, kitzelte seine elfenbeinfarbene Haut.
Leicht und so merkwürdig verletzlich, lag sie in seinen starken Armen.
Sie hatte keine Lust mehr, zu sprechen und nickte nur kurz bestätigend mit ihrem Kopf.
Vorsichtig erhob er sich mit ihr zusammen und setzte sich sogleich mit Vampirgeschwindigkeit in Bewegung.
Als der Piano-Spieler in dem Schlafzimmer angekommen war, ihre Schuhe ausgezogen und den fraulichen Leib behutsam in das exorbitante Himmelbett gelegt hatte, deckte er sie sorgsam zu.
Er wollte sich schon entfernen, da öffnete sie ein letztes Mal ihre hinreißenden Smaragdaugen und ergriff seinen Arm.
"Nikola?"
Sofort drehte er sich zu ihr um und ließ sich auf der Bettkante nieder.
"Ja? Was ist mein Herz?" fragte er sie und bohrte seine marineblauen Sehorgane umgehend in die ihren.
"Weck mich bitte, wenn es Ari schlechter gehen sollte oder sobald du etwas rausgefunden hast. Und sei vorsichtig, okay?"
Sanft küsste er sein Herzblatt ein weiteres Mal auf die Stirn.
"Geht klar! Schlaf jetzt! Ich lasse dir nachher noch was hochbringen. Ist Tee und ein paar Sandwiches okay?" erkundigte sich der Unsterbliche rührend bei ihr.
"Ja. Ist mir eigentlich egal." sagte sie und unterdrückte nur mit Mühe ein herannahendes Gähnen.
"Gut. Mach dir keine Sorgen, ich komm schon zurecht. Bis nachher! Hoffentlich träumst du dieses Mal was Schönes!"
Ein kleines Lächeln umspielte dankbar ihre Mundwinkel, bevor ihre Sehorgane abermals zu fielen und sie ihn letztlich los ließ.
"Nur ein paar Minuten", versprach sie hundemüde und kuschelte sich in die weichen Kissen.
Dann fiel sie in einen tiefen Schlummer.

Nachdem der Schwarzhaarige zufrieden wieder in die Bibliothek zurückgekehrt war, setzte er sich erneut an denselben Tisch.
Mit einem schweren Seufzen, nahm er die von der Brünetten abgestellte Whiskyflasche und wollte sie gerade standhaft an ihren Platz im Keller zurück stellen, da stach ihm der durch den verschütteten Alkohol (den ihm Helen im Eifer des Gefechts entrissen und kurz bevor er sie zu sich gezogen, auf einem der aufgeschlagenen Bücher abgestellt hatte), entstandene, kreisrunde Fleck ins Auge.
Es war eine von Gregory Magnus verfasste Enzyklopädie, welche alle von ihm studierten Abnormen alphabetisch auflistete und eine kleine, prägnante Beschreibung zu den jeweiligen enthielt.
Das in Leder eingebundene, große Buch, war staubig, uralt und wurde von seiner Tochter, über die Jahrhunderte hinweg weitergeführt.
"Fulgur Principes", laß Nikola den Namen der im Index aufgeführten, von der Flüssigkeit eingekringelten Spezies vor.
Interessiert, schlug er die daneben verzeichnete Seitenzahl auf und überflog das sauber verfasste Geschriebene:
"Lat. für Blitz (Be)Herrscher. Menschenähnliche Lebewesen, die über die Fähigkeit verfügen, ein kinetisches Feld aufzubauen und Blitze herbei zu beschwören. Können durch einen Gehirnimpuls einen Energiestoß freisetzen, der sein Ziel trifft und es Stück für Stück auseinander reißt. Dabei lösen sich organische Wesen sprichwörtlich auf, indem sich ihre Hautpartikel, das Gewebe, die inneren Organe und sogar die Knochen, vom Körper selbst ablösen, in der Luft verweilen, absterben und nach und nach zerfallen. Anmerkung: Ursprungsblut-Träger (Vampire) eingeschlossen! Solange das Masseneffektfeld der Kreaturen aktiv ist und aufgebaut wurde, gibt es kein Entkommen."

Ein eiskalter Schauer lief Tesla über den Rücken.
"Diese extrem seltenen Abnormen sind in der Lage, über einen telepathischen Strang, Kontakt mit Homo Sapiens (bevorzugt Kinder, weil sie für ihre Art leichter zugänglicher sind) aufzunehmen und ihr Bewusstsein anzuzapfen. Sie haben Zugang zu dem Erinnerungsvermögen ihrer Opfer und können sie motorisch, gegen deren Willen steuern. Die Wesen sind überwiegend weiblich und es gelingt ihnen, über weite Entfernungen und keinen persönlichen oder direkten Kontakt, großen Schaden durch den hilflosen Betroffenen anzurichten. Anmerkung 2: Sind nur sehr schwer bis nahezu unmöglich, ausfindig zu machen! Äußere Merkmale sind identisch, wie bei der einer jungen Frau. Einzige Erkennungsmöglichkeit: Rubinrote Augen (werden erst mit der Zeit sichtbar, vorher unauffällige Irisfarbe), ältere, verzerrt klingende Stimme und einen blutroten, zwei Zentimeter großen Stein, der auf dem rechten Handrücken gut sichtbar in der Haut steckt. Ausserdem altern sie nicht.
Achtung: Fulgur Principes sind sehr gefährlich! Sie schaden dem Kind, welches sie kontrollieren solange, bis sie haben, was sie von ihm wollen. Je länger sie mit ihrem Opfer verbunden sind, desto schwieriger ist es für denjenigen, Widerstand zu leisten und gesund zu bleiben. Symptome bzw. Folgen bei einem solchen Kind (meistens 4-8 Jahre alt): -Hört Stimmen, -verhält sich ungewöhnlich z.B. wesensverändert, -Irisfarbe wechselt manchmal, -blutet aus Nase, Mund und Ohren, -plötzliche Krampfanfälle, -Kopfschmerzen, -Fieber, -älterer, unpassender Tonfall (Fulgur spricht durch es oder benutzt seine Fähigkeiten), -Tumorbildung, -Zustand völliger Erschöpfung, bis hin zum Exitus. Therapie und einzuleitende Maßnahmen: Linderung der Symptome & Beschwerden, ggf. Ruhigstellung. Versuchen Sie, das Kind im hier und jetzt zu behalten und binden Sie es trotz der schwierigen Situation an sich. Mit körperlichem Kontakt, einem gefestigten Vertrauensverhältnis und kontinuierlichem Zureden, sowie vertrauten Ritualen, machen Sie es dem Fulgur schwerer, die Kontrolle über ihren Liebling zu erlangen. (Beachten Sie dabei trotzdem ihren Eigenschutz)! Auf jeden Fall, sollten Sie so schnell wie möglich versuchen, die Kreatur aufzusuchen.

Wichtig: Sie können eine Fulgur-Kind-Verbindung nur lösen, wenn..."
Der Rest der Seite war herausgerissen worden.
Das letzte Eck des Pergaments und damit der Schlüssel zu Aris Befreiung, fehlte bedauerlicherweise und ließ das Physikgenie im Unklaren zurück.

Dennoch war er mit seinem Zufallsfund auf Gold gestoßen.
"Irisa ist also eine Fulgur Principes. Sie ist zwar verdammt mächtig, aber trotzdem nicht direkt, wie wir zunächst angenommen hatten, irgendwo in Aris Körper. Deswegen konnte sie Helen nicht auf den Röntgenbildern finden. Dieses abnorme Miststück ist keine parasitäre Lebensform, sondern ein Mensch mit üblen Fähigkeiten, der sich irgendwo feige an einem ganz anderen Ort versteckt! Sie lenkt die Kleine nur und terrorisiert uns eigentlich aus der Ferne. Ganz schön clever! Wenn ich doch nur wüsste, wo genau sich diese Schlange befindet und noch ein paar weitere Anhaltspunkte diesbezüglich hätte. Mist! Ausgerechnet der letzte Satz fehlt! Das muss ich unbedingt..."
Auf einmal fiel es dem Sanguine Vampir, welcher die neuen Informationen verarbeitete und die Worte der Rotäugigen nocheinmal Revue passieren ließ, wie Schuppen von den Augen.
Er sprang sofort von seinem Stuhl auf, nahm das Literaturwerk in die Hand und stürmte eilig zur Tür hinaus.

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*Serbisch für: "Es tut mir leid, meine Liebe!"
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