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☆Lullaby - Teil 2☆

Kurzbeschreibung
GeschichteSci-Fi, Übernatürlich / P16 / MaleSlash
Dr. Helen Magnus Nikola Tesla
09.05.2015
01.07.2017
18
54.648
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01.07.2017 3.444
 
Der dicke, allesverschlingende Wolkenteppich löste sich allmählich auf.
Und auch das bis dato anhaltende, triste, unheilverkündende Grau wich schließlich von der Himmelsleinwand.
Kein Regen mehr.
Kein Donnergrollen mehr.
Keine Blitze mehr.
Nur ein einziger, schwächlicher Sonnenstrahl, der sich erfolgreich seinen Weg durch das verdunkelte Wolkenzelt kämpfte und alsbald einen kleinen Teil der römischen Piazza erhellte.

Nikola fühlte sich wie betäubt.
Als hätte man ihm soeben schonungslos den Boden unter den Füßen weggerissen.
Schmerzhaft realistische Bilder aus längst vergangenen Tagen tauchten nun deutlich vor dem inneren Auge des Unsterblichen auf.
Vergessen geglaubte Erlebnisse überfluteten seinen zentralen Speicher, welcher zu überlasten drohte erbarmungslos.
Unfähig zu sprechen oder auch nur in irgendeiner Form zu handeln, verharrte der Serbe.
Sein Blick ward wie gebannt auf die am Hinterkopf blutende, mit einer stark sichtbaren Jochbeinprellung ausgestattete Frau geheftet, welche vor ihm kniete.

Schweißperlen standen Iris auf der Stirn.
Müdigkeit.
Erschöpfung.
Schmerz.
Und eine vernichtende Beklemmung, die ihr schier ohnmächtig die Luft zum Atmen nahm.
Eine einzelne, funkelnde Träne, welche sich in ihrem blutroten Auge abzeichnete, lief ihr nun im nächsten Moment die beschmutzte Wange hinab.
Die Dunkelhaarige hatte ihr Augenmerk nunmehr ebenfalls starr auf ihr Gegenüber gerichtet.

Feuer traf Eis.

Ein schicksalhafter Windstoß fegte über den inzwischen fast menschenleeren Platz und übertönte zumindest für einen kurzen Augenblick die vorherrschende Totenstille.

Wie zu zwei Salzsäulen erstarrt, verweilten beide stumm und regungslos.

Das Sanctuary-Team und die (noch) übrigen Helfer beobachteten ahnungslos das Geschehen aus der Ferne und atmeten erleichtert auf.
Manche von ihnen standen ebenfalls geschockt da.
Andere wiederum leckten sich ihre Wunden.
Wieder andere wagten sich schließlich nach einer Weile siegessicher aus der Deckung und formierten sich blitzschnell erneut, indem sie die Fulgur ins Visier nahmen.

Ein bleischweres Seufzen wurde von Tesla ausgestoßen.
Er musste sich schwer überwinden, bevor er seiner alten Freundin letztlich zur Überraschung aller die Hand reichte.

“Du wirst widerstandslos mit mir mitkommen, Iris! Wir sollten reden. Es erklärt sich von selbst, dass du jegliche Fluchtversuche oder weitere Angriffe auf meine Kollegen und Freunde, sowie auf meine Familie - und darunter fallen insbesondere Ari und Helen - unterlässt! Ich verlasse mich auf deine vollste Kooperation, aber falls du es dir doch anders überlegen oder mich irgendwie täuschen solltest, sei gewarnt: Ich werde sofort handeln!"
Sein eben noch so sachlicher Tonfall veränderte sich.
Azurblaue, kühle Augen blitzten sie, nur für einen Sekundenbruchteil, nachtschwarz und gefährlich an.

“A… Aber…”, fing Henry brüskiert an.
“Ist das ihr ERNST?!” fragte Kate scheinbar fassungslos.
“Ich finde, wir sollten sie zumindest fesseln, ruhig stellen oder ihr eine von den Halsketten umhängen!” brachte sich nun auch Will mit ein.
“Diese Frau hat gerade ohne mit der Wimper zu zucken Menschen getötet! Sie hat sie sprichwörtlich zu einem Häufchen Asche werden lassen und ein dutzend Weiterer unserer Männer schwer verletzt - Verbrennungen dritten Grades! Hinzu kommen noch die unzähligen, bestialischen und überaus heimtückischen Angriffe auf Ari, Magnus und Sie selbst! … Bei allem Respekt Tesla, aber meiner Meinung nach würde ich mich nicht nur auf das bloße “Wort” oder “Versprechen” dieser Person verlassen! Tut mir leid, aber ich sehe hier eine absolut tödliche, manipulative, abnorme Psychopathin für die man erhebliche Sicherheits-Vorkehrungen treffen sollte! Wenn Sie mich fragen, würde ich sie nicht noch einmal in die Nähe unserer Chefin oder ihrer Adoptivtochter bringen. Informationen hin oder her… Ich finde…”,
erörterte Zimmerman, wurde jedoch mit einer einzigen Handbewegung des Vampirs zum Schweigen gebracht.

“Halt die Klappe, Cindy! Denkst du, ich weiß all das nicht?! Ich mache, was ich für richtig halte! Niemand außer mir rührt sie an!” fauchte er bestimmt.

Ein amüsiertes Lächeln huschte über das blasse Gesicht der Kinderflüsterin, welche nun triumphierend neben ihrem alten Freund stand und seine Hand festhielt.
Herzklopfen erfasste sie plötzlich.
Sie fühlte sich in jenem Moment unglaublich gut, unantastbar und siegreich, trotz ihrer Niederlage.
Doch das Ganze sollte nicht von Dauer sein.

“Regelt hier alles und kommt dann nach!” trug er dem Techniker des Teams auf, welcher bereits sein Walkie-Talkie gezückt hatte und nur stumm nickte.
“Ich gehe mit ihr vor!”

Auf einmal bemerkte die mächtige Lady, wie ihr in sekundenschnelle ihre High-Heels angezogen wurden.
Sie hatte keine Zeit um zu reagieren.

Nikolas Griff um Irisas rechte Hand wurde fester.
Spitze, lange Fingernägel bohrten sich augenblicklich schmerzhaft in weißes Fleisch.
“Freu dich nicht zu früh! Ich hoffe wirklich um deinetwillen, dass du dich an das hältst, was ich dir gesagt habe. So, mal sehen, wie schnell du in High-Heels rennen kannst!” flüsterte er ihr süffisant und mit einem diabolischen Grinsen ins Ohr.
Dann riss er sie mit vampirischer Schnelligkeit unsanft  mit sich…


Wenige Minuten später, im italienischen Sanctuary…


Cobaltblaue, mit silber-grauen Sprenkeln versehene Augen starrten mit gemischten Gefühlen durch eine gläserne Front.

Der dahinter befindliche Raum war speziell präpariert und abgeriegelt worden.
Winzige Spuren von Malachit und anderen Blitzableitern in den nackten, grauen Wänden sowie etliche Düsen, welche kontinuierlich eine Art schwaches, farbloses Gas zur Klimatisierung und Betäubung der Insassin ausströmten, stellten nur einen kleinen Teil der Sicherheitsvorkehrungen dar.
Einzig ein geerdeter, elektrisch verstellbarer, mit Licht, Fuß- und Handfesseln, sowie weiteren Fixiergurten ausgestatteter Stuhl bildete das spärlich gehaltene Mobiliar.
Die wenigen ausziehbaren Schubladen-Schränke, versehen mit allerlei medizinischen Einmalprodukten und sterilem Operationsbesteck, sowie die zur Überwachung dienenden, jedoch noch nicht angeschlossenen Überwachungs-Geräte samt Monitor, verbesserten keineswegs die Freundlichkeit des Zimmers.

Benommen, aber noch nicht zu weggetreten und in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, saß die alterlose Schönheit da.
Vollkommen stumm.
Ein paar ihrer im Neonlicht bläulich-schimmernden, dunklen Haarsträhnen klebten ihr schweißnass auf der Stirn.
Das schulterfreie, türkisfarbene Kleid fühlte sich ebenso feucht an und drückte sich unangenehm gegen die helle Haut ihres Rückens und der Lehne.
Schmerzhaft schnitten ihr die Fesseln an den Gliedmaßen ins Fleisch.
Die Wunde am Hinterkopf, die Jochbeinprellung, sowie ihre beiden Füße schmerzten.
Ashton biss jedoch tapfer die Zähne zusammen.
Ihre purpurroten Seelenfenster glühten entschlossen.
So leicht würde sie sich nicht geschlagen geben.
Denn ihre bisherigen Strapazen und die körperlichen Schmerzen waren nichts im Vergleich zu der klaffenden Wunde und der unsagbaren, teuflischen Leere und Pein, die sie seit Jahren in ihrem Herz verspürte, mit sich trug Tag für Tag - ob sie wollte oder nicht - und die ihr so manches Mal die Kraft und den Verstand raubte.

Alles, so glaubte sie, hatte seinen Anfang bei Nikola und Helen genommen, welche sie verraten und betrogen hatten.
Nikola war der Schlüssel…
Doch auch von ihrer neuen Freundin, welche gleichzeitig ihre momentane Auftraggeberin darstellte und mit der sie vor kurzem noch gesprochen hatte, war Irisa maßlos enttäuscht...
Sie hatte sie einfach im Stich gelassen, sich heimtückisch aus dem Staub gemacht, ihre Leute abgezogen, den Stützpunkt verlagert und sie einfach so, ohne den vereinbarten Schutz und den zuvor ausgemachten, krisensicheren Plan, blind ins offene Messer laufen lassen.
Trotz der scheinbaren Gemeinsamkeit und der Sympathie, welche wahrscheinlich von vornherein nur einseitig vorhanden war.
Allmählich wurde der Blitzbeherrscherin schmerzhaft bewusst, dass sich - mit Ausnahme ihres verstorbenen Onkels- niemand je aufrichtig für ihre Gefühle, Wünsche, Bedürfnisse und Person vollends interessiert hatte.
Sie war ein Werkzeug.
Allein, beeinflussbar, schön, naiv und mächtig.
Jeder, den sie bisher ein wenig an sich heran gelassen hatte (und das waren in den letzten Jahrhunderten nur sehr wenige), hatte ihr weh getan, sie verraten, betrogen oder verlassen.
Alles was sie je wollte, war Liebe, Freundschaft, eine Familie oder einen Platz, wo sie hingehörte, akzeptiert, nicht gefürchtet und so wie sie war wertgeschätzt zu werden.
Doch all das blieb ihr stets verwehrt.

Iris Verzweiflung, Wut und Traurigkeit wuchs und wandelte sich schließlich zu purem  Hass und Gleichgültigkeit um.

Ein mechanisches Klicken ertönte, als die Tür zum Vorraum in dem er sich aufhielt geöffnet wurde.
Der vertraute Geruch von Vanille und Patchouli wehte ihm willkommen um die Nase, ehe nussbraune Locken auch schon seinen Hals kitzelten.
Sein Herz klopfte wie verrückt.
Jegliche Anspannung fiel von dem Adamssohn ab, als sich zwei Hände um ihn legten und sich ein wohl geformter, in ein adrettes Kostüm verpackter, weiblicher Körper sanft an ihn schmiegte.
Er verlor sich nun in Smaragden, welche mit Bernsteintupfer geschmückt waren.
Noch ehe er die Zeit fand, seine hübsche Freundin genauer zu mustern, ihr atemberaubendes Lächeln zu bewundern oder gar das Wort zu erheben, versiegelte diese zärtlich seine Lippen mit den ihren.
Es war wie Balsam für seine geschundene Seele und ließ ihn für einen kostbaren Augenblick das ganze Chaos um ihn herum vergessen.

“Ljubavi”, hauchte er ihr von Wärme und Liebe erfüllt ins Ohr.
Seine Hand wanderte an ihre Wange und strich zart über die dortige Haut.
So weich, makellos und rein wie die eines Engels.
Im nächsten Moment ließ er sein besorgtes Augenmerk über den Verband an der rechten Schulter der Brünetten wandern, den sie trotz ihrer Kleidung nicht ganz verstecken konnte.
Wut kochte in ihm auf, als er wieder zu Irisa hinüber  sah.
“Wie fühlst du dich Helen?”
“Mir geht's gut.” gab die Kryptozoologin gewohnt taff und stark zurück.
Der schwache Blutgeruch und vereinzelte Schweißperlen auf der Stirn verrieten ihm jedoch, dass sie log.
“Und dir? Wie geht es dir, Nikola? Hast du die Fulgur gefunden?”
Ein tiefes Seufzen verließ den Serben.
Er nahm ihre Hand behutsam in die seine, bevor er mit der anderen auf die Glasscheibe neben ihm deutete.
“Ja. Ich habe sie gefunden. Und auch schon versucht, mit ihr zu reden, aber sie schweigt wie ein Grab. Sie wollte nur, dass ich alle Sicherheitsvorkehrungen für sie treffe, die wir aufbieten können und dann den Raum verlasse. Ich tat, worum sie mich bat, auch zu Aris und deinem Wohl, wenngleich ich diese Bitte sehr merkwürdig von ihr fand. Ihr momentanes Verhalten ergibt für mich absolut keinen Sinn! Helen… es, … es ist Iris! … Iris ist Irisa!”
Noch immer saß der Schock tief, dass seine ehemals beste Freundin nun die von allen am meisten gehasste Feindin darstellte.
Perplex erhob sich Magnus, schritt an die von innen verspiegelte Glasfront und schaute verblüfft auf die Abnorme.
Bilder und Erlebnisse aus längst vergangenen Tagen tauchten nun auch vor ihrem inneren Auge auf.
Schlagartig erinnerte sie sich.

“Aber was? … Wie…? Das kann doch nicht sein! Sie besaß doch aber nie…”, bemühte sich die Gelehrte verständnislos und unwissend ab.
“Oh doch… Iris war schon damals, wie wir sie kennenlernten eine Abnorme! … Nur ich kannte ihr Geheimnis. Sie hat sich mir erst anvertraut, als uns das Schicksal eines Abends zusammenführte. Leider hat sie selbst mirnie das volle Ausmaß ihrer Kräfte und Fähigkeiten verraten oder sie gar demonstriert. Sie war damals sehr schüchtern, verschlossen, in sich gekehrt und wollte hauptsächlich mir helfen. Iris wollte eigentlich nur eine bessere Kontrolle über die Blitze bekommen. Das gelang ihr auch recht schnell. Sie wollte weder wissen, wer oder was sie wirklich war, ob es andere außer ihr gab, noch welche verborgenen Talente sonst in ihr schlummerten.
Jetzt verstehe ich auch, warum sie sich damals, als wir bei dir und deinem Vater im Sanctuary waren, nicht offenbart, um Hilfe oder Informationen gefragt hat: Ich glaube, sie hatte Angst. Als dann auch noch ihr Onkel wenige Tage später verstarb und du & ich wieder mehr Zeit miteinander verbrachten, muss ihr höchstwahrscheinlich irgendwie eine Sicherung durchgebrannt sein… Was ich bis vor einer Stunde jedoch noch nicht wusste, ist folgendes: Iris war - und ich vermute ist - bis zum heutigen Tag unsterblich in mich verliebt.”

Baff beäugte die Teratologin abwechselnd die nach dem Regenbogen benannte, geheimnisvolle Lady und ihren Freund.
Dann veränderte sich ihre Mimik.
“Ist mir egal! Wir müssen sie unbedingt dazu bringen, ihre Verbindung mit Ari zu lösen. Sie wird immer schwächer und stirbt, wenn wir nicht schleunigst handeln. Außerdem gibt es da noch ein paar Ungereimtheiten für mich. Ich will Antworten und Taten! Ich geh da jetzt rein!”
Mutig und mit einer felsenfesten Überzeugung, näherte sie sich der Sicherheitstür.
Pfeilschnell versperrte ihr Tesla den Weg.
“Mein Herz”, begann er mit einer Engelszunge auf die scheinbar unbeeindruckte und furchtlose Britin einzureden.
Kalte Fingerspitzen berührten dabei ihre unverletzte Schulter und liebkosten sie.
“Ich lasse dich nicht zu ihr gehen”, entgegnete er weiter, nun in einem bestimmteren Tonfall.
Beide sahen augenblicklich zueinander auf.

Grünes, loderndes Feuer traf auf blaues, kontinuierlich fließendes Wasser.

Die 159-Jährige ignorierte seine Worte stur und versuchte unterdessen resolut an ihm vorbei zu kommen.
Mit einer immensen Schnelligkeit und scheinbar leichtfertig, vereitelte der Sanguine-Nachkomme  jedoch jeden noch so kleinen Versuch.
Ein genervtes Schnauben entfuhr ihr.
Magnus Ärger und Frust wuchs.
Sie wusste, dass er stärker und schneller als sie war.
“Verdammt, Nikola! Lass mich durch! Hör auf damit! Wir haben keine Zeit mehr!” schrie sie ihn erzürnt an.
“Ich weiß! Aber lass mich bitte allein zu ihr gehen. Wer weiß, was Iris vor hat? Ich traue ihr nicht. Wer lässt sich freiwillig fesseln und einsperren? Das ist bestimmt ein Trick! Ich riskiere dein Leben nicht erneut. Du bleibst hier, Ljubavi! Vertraue mir, ich probiere es noch einmal, okay?”
Mit diesen Worten ließ er sie stehen und verschwand.

Eine Tür wurde geöffnet.
Iris Augenmerk war auf den Boden gerichtet, weswegen sie zunächst einen schwarzen Schatten, welcher immer größer wurde, wahrnahm.
Jemand war hineingekommen und näherte sich ihr.
Mit geräuschlosen, langsamen Schritten.
Plötzlich fielen dunkelbraune, edel wirkende  Lederschuhe in ihr Sichtfeld, welche abrupt vor ihr stoppten.
Ohne ihr Gegenüber anzusehen, saß die Rotäugige da.
Schweigend.
Jäh, riss sie eine männliche, dieses Mal liebevoll und  charmant zu ihr sprechende Stimme aus ihren Gedanken, der Leere und dem stetig in ihr tobenden Gefühlschaos.
“Iris”, hauchte es nah an ihrem Ohr.
Himmlisch-süß, wie ein Engel.
Sie fühlte, wie sich eine Hand auf die ihre legte und begann, kleine, sanfte Kreise zu ziehen.
Schließlich fuhren die Finger andächtig den Umriss ihres Tattoos nach, während sich eine zweite an ihre Wange stahl.
Berauscht von den für sie so wohltuenden Berührungen und dem Tonfall seiner Stimme, driftete sie ab.
Es kam ihr wie ein Dejá-Vuè vor…


Rückblick


“Iris?”
“Hey, hast du gerade gehört, was ich zu dir gesagt habe?”
Sie fühlte, wie sich eine Hand auf die ihre legte und begann, kleine, sanfte Kreise zu ziehen.
Mit hochrotem Kopf zog die Dunkelhaarige erschreckt ihre Hand weg.
“Ähm… könntest du es bitte noch einmal wiederholen? Ich… i… ich… war mit meinen Gedanken gerade woanders.” stammelte sie verliebt und peinlich berührt.
Ein belustigtes, herzhaftes Lachen ertönte von Seiten des Ursprungsblut-Trägers.
“Wo hast du bloß immer deinen Kopf, meine Teuerste? Langweile ich dich etwa? Wird schon alles gut gehen! Du wirst sehen, Helen und ihr Vater sind Experten. Sie können uns sicher...”

Tesla wurde unterbrochen, als eine galant gekleidete, blondhaarige Frau mit einem ebenso gut gekleideten, älteren Herrn, vor sie, in die pompöse Eingangshalle des Sanctuarys trat.
Der Mann mit dem leicht ergrauten Haar reichte Ashton sofort die Hand, begrüßte sie freundlich und beobachtete nun mit dem selben nicht gerade begeisterten Blick, wie sich seine Tochter und der Serbe praktisch in die Arme fielen.
Zulange schauten sie in die Augen des anderen, bevor sie sich zeitgleich ein Lächeln schenkten und sich zu den übrigen Personen gesellten.
“Willkommen. Schön, euch zu sehen, Nikola und Iris.”
sprach die schöne Ärztin.
“Danke für die Einladung. Und danke vielmals, dass Sie Nikola helfen wollen.” wandte sich die Lady mit der hellen Haut an den Älteren.
Sie verbeugte sich respektvoll.
“Ich bitte Sie, Miss Ashton. Das ist doch selbstverständlich! Ich mag es zwar nicht, die Fehler meiner Tochter auszubügeln…”, fing Gregory an.
Ein harter Blick traf sein neben ihm stehendes Mündel, welche zum ersten Mal seit sie Iris kennen gelernt hatte, demütig, klein und schuldbewusst zu Boden sah.
“Aber wir sind nun mal eine Familie und ich werde niemanden abweisen, der meine Hilfe braucht.”
Ein tiefes Seufzen verließ ihn.
“Kommt, wir gehen erst einmal in den Salon!”
Die kleine Gruppe setzte sich schon in Bewegung, da verharrte die Fulgur noch unsicher auf ihrem Platz.

“Ich muss noch etwas erledigen. I… Ich wollte nur…”, druckste die Dame mit der Brille nervös herum.
“Sicher, dass Sie schon gehen wollen, Miss Ashton?” fragte Magnus.
“Ganz sicher. Ich bin nur wegen Nikola hier. Aber wie ich sehe…”
Ihre roten Augen hefteten sich eifersüchtig auf die Britin, welche sich an seinem Arm untergehakt hatte.
“Ist er in den besten Händen.”
...

Drei Tage später hielt sie es nicht mehr aus und wollte den Vampir mit einem Theaterstück überraschen.
Sie hatte ihn kaum zu Gesicht bekommen und vermisste ihn schrecklich.
Außerdem wollte sie sich nach seinem Befinden und den Fortschritten erkundigen.
… Und ihm endlich ihre Liebe gestehen.

Ja. Richtig.
Iris hatte sich das Ganze gut überlegt und war zu dem mutigen Entschluss gekommen, Nikola ihre wahren Gefühle offenzulegen.
Dutzende Male hatte sie vor dem Spiegel geübt, was  sie zu ihm sagen würde.
Schlaflose Nächte folgten.

“Nur wer wagt, kann gewinnen.” schoss es ihr durch den Kopf, als sie schick zurecht gemacht und mit einem Schwertlilien-Blütenblatt als Glücksbringer unter dem weißen Seidenhandschuh, den sie trug, durch das Sanctuary lief.
Ein mit cremefarbenen Perlen besetztes, schneeweißes Kleid unterstrich ihre schlanke, zierliche und dennoch weibliche Gestalt nahezu perfekt.
Schwarze, dunkle Locken waren zu einer aufwendigen Hochsteckfrisur frisiert worden.
Dezenter Schmuck und rotbemalte Lippen rundeten das eindrucksvolle Gesamtbild gänzlich ab.
Ihr Herz raste.
Ihre Hände schwitzten.
Bang schritt sie auf den viel zu hohen Schuhen durch das alte, übergroße Gebäude.

Sie wusste, dass Gregory heute außer Haus sein würde.
Ein Freund ihres Onkels benötigte dessen Dienste in der Stadt.
Von ihm hatte sie auch die Karten.
Und tatsächlich, die Eingangstür des exorbitanten Anwesens stand offen.
Lediglich einer der Hausangestellten, begrüßte sie kurz freundlich und fragte sie, was ihr Begehr sei.
Er kannte Iris bereits vom Sehen.
“Ich will zu Nikola Tesla.”
“Immer weiter geradeaus, den Gang entlang und dann die erste Tür rechts.” teilte er ihr mit.
Die junge Schönheit bedankte sich und schritt weiter entschlossen voran.

Schließlich stand sie vor dem beschriebenen Raum.
Und tatsächlich, drangen dumpfe, vertraute Stimmen an ihr Ohr.
Ashton zitterte und legte vorsichtig ihre Hand auf die Klinke.
Da fiel ihr auf, dass die Tür einen Spalt breit offenstand.
Neugierig hielt sie inne und lugte hindurch.
Was sie nun hörte und mit ihren eigenen Augen sah, würde sich auf ewig in ihr Gedächtnis einbrennen…

“Es tut mir leid, Nikola. Es ist meine Schuld, dass du jetzt so bist und Tag für Tag gegen deinen Blutdurst ankämpfen musst. Hoffentlich hilft dir das künstliche Plasma, welches dir mein Vater gegeben hat.”
Die blonde Frau saß neben ihrem Freund auf der Couch und sah traurig aus.
Er hielt ihre Hand fest.
Blicke begegneten sich.
“Ich glaube, ich habe einen großen Fehler gemacht. Bei Nigel, James und mir ist es ja nicht so schlimm, aber was John und dich betrifft…”, fuhr sie fort, wurde jedoch von dem Wissenschaftler unterbrochen.
“Helen, mach dir mal darüber keine Gedanken. Du bist nicht schuld, meine Liebe! Es war unser aller eigene Entscheidung, das Ursprungsblut auszuprobieren. Jeder einzelne von uns trägt die Konsequenzen selbst. Ich bekomme das schon hin, du wirst sehen! … Wo wir gerade bei John sind, wo steckt er eigentlich?”
“Ich weiß es nicht… Wir sind schon seit drei Monaten kein Paar mehr. Es gab einen heftigen Streit zwischen uns, bei dem er mir ein Messer an die Kehle gedrückt hat und…”, erzählte ihm die hübsche Evastochter bestürzt.
Sie fröstelte und hatte Mühe, nicht die Fassung zu verlieren.
Nikola drückte ihr tröstlich die Schulter.
“... Dann hat er sich einfach teleportiert. Aus dem Staub gemacht…”
Die Gesichtszüge des Mannes veränderten sich.
“Dieser feige Bastard hat dich nicht verdient! Aber es tut mir trotzdem sehr leid für dich, Helen. Das war bestimmt sehr schwer für dich, immerhin hast du ihn geliebt.”
“Ja, das war es. Ein Teil von mir liebt ihn sogar noch immer, ich weiß selbst nicht warum. Dumm, nicht?”
Tesla schaute zu ihr auf und hob sanft ihr Kinn an, damit sie es ebenfalls tat.
Smaragde trafen auf Saphire.
“Überhaupt nicht, Herzchen.”
Mit glasigen Augen schenkte sie ihm ein Lächeln.
“Danke fürs Zuhören, Nikola. Danke, dass du mich nicht verurteilst und danke, dass…”
Noch ehe sie ihren Satz zu Ende bringen konnte, hauchte ihr der Unsterbliche einen Kuss auf.
Überrascht, zögerte Magnus zunächst, ließ es jedoch geschehen und erwiderte schließlich denKuss.
Was unschuldig begann, wurde letztlich immer leidenschaftlicher…

Iris fühlte, wie sich ein Dolch fest in ihr Herz bohrte.
Sie hatte Mühe, zu stehen und zu atmen.
Jäh füllten sich ihre Augen mit Tränen.
Wie in Trance, schloss sie geräuschlos die Tür.
Dabei fiel ihr das Blütenblatt aus ihrem Handschuh.
Es segelte kurz schicksalhaft durch die Luft, bis es auf dem kalten, harten Marmorboden achtlos liegen blieb.

Zu Hause angekommen, brach sie schließlich bitterlich weinend zusammen.
Doch das Grauen war noch nicht vorbei…
Denn ihr Ziehvater und Onkel, William Ashton, erlitt noch in derselben Nacht einen Herzanfall.
Somit verlor sie an jenem Tag zwei Männer, die sie über alles geliebt hatte und damit auch Ihre einzigen beiden Anker.
Ein Teil von ihr starb nun ebenfalls...
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