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☆Lullaby - Teil 2☆

Kurzbeschreibung
GeschichteSci-Fi, Übernatürlich / P16 / MaleSlash
Dr. Helen Magnus Nikola Tesla
09.05.2015
01.07.2017
18
54.648
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09.05.2015 5.821
 
☆Lullaby - Teil 2☆

-Prolog-

Der Mond erstrahlte hell am nachtschwarzen Firmament und ließ sein silbrig-glänzendes Licht durch das geöffnete Fenster und die davor angebrachten Lamellen, in das ansonsten in Dunkelheit getauchte Schlafzimmer fallen.
Eine sanfte, leichte, kaum wahrnehmbare Briese, wehte kühl von draußen zu ihnen herein.
Irgendwo in der Ferne, ertönte ein gedämpftes Hundegebell und das Geräusch einzelner, vorbeifahrender Autos, drang von der unter ihnen befindlichen Straße, an die Ohren der beiden ruhenden Ursprungsblut-Träger.
Die brünette, im 18.Jahrhundert in England geborene Frau, lag bequem in ihrem exorbitanten Himmelbett, im Schlafquartier des zweiten Stocks, in der Zufluchtsstätte, welche sich im Stadteil von Old City befand.
Neben ihr in den Seidenkissen und sich die gemeinsame, lange, große Decke, unter der sie nun lag teilend, ruhte ihr Freund, Nikola Tesla.
Der Vampir mit dem faszinierend-hellen, ebenmäßigen, makellosen Teint, der ansehnlichen, schlanken, leicht muskulösen Gestalt, den maskulinen Zügen, der pechschwarzen Kurzhaarfrisur und den cobaltblauen, mit silber-grauen Sprenkeln verzierten Augen, lag eng an sie gekuschelt da.
Er hatte seine Arme liebevoll um sie geschlungen, seine Brust hob und senkte sich gleichmäßig an ihrem Rücken.
Der Mann mit der weichen Haut, welcher lediglich in eine schwarze Boxershorts gehüllt war, schien  friedlich zu schlafen.
Man konnte es durch die Finsternis nicht ganz erkennen, doch scheinbar hatte er seine Augenlider geschlossen.

Helen Magnus, war trotz des injizierten Vampirblutes in ihrem Organismus (und ihren immerhin schon 159-Jahren) weitestgehend menschlich geblieben und musste deswegen, wohl oder übel, auch die dazugehörigen Grundbedürfnisse, wie Essen & Trinken, Schlaf usw. befriedigen, um sich am Leben zu erhalten.
Bei dem Physikgenie sah die Sache dagegen schon wieder anders aus.
Der freche, kluge Sanguine Vampir, welcher man auch als Abnormen bezeichnen konnte, war lediglich auf ausreichend Blut angewiesen.
Dies war das Einzige, was er zum Überleben benötigte.
Er brauchte sich aufgrund seiner genetisch fortgeschrittenen, mutierten Physiologie, keine anderen, üblichen Sorgen machen, schließlich verfügte er über Selbstheilungskräfte, die ständig aktiv waren und ihn so bei bester Gesundheit hielten.
Normalerweise brauchte er nicht einmal zu schlafen.
Er verspürte für gewöhnlich keine Müdigkeit oder gar Erschöpfung, noch war sein Körper auf (nächtliche) Erholungspausen angewiesen.
Jedoch, um sich ein Stück seiner alten Menschlichkeit zu bewahren und wegen der ausdrücklichen Bitte der Engländerin, hatte sich der Erfinder angewöhnt (allerdings nur wenn er bei ihr war), zumindest für 2-3 Stunden die Augen zuzumachen und zu "ruhen".
Oftmals entpuppte sich das Ganze jedoch als Reinfall.
Tesla zog es vor, in der Zeit, in der jeder Bewohner der Zufluchtsstätte in seinem Bett schlummerte, in der Bibliothek ein Buch zu lesen (meistens noch mit einer Flasche Rotwein), im Labor an seinen Erfindungen weiterzuarbeiten, einen Spaziergang auf dem Gelände oder dem umliegenden Gebiet zu unternehmen, leise Musik zu hören oder anderen, zeitvertreibenden Beschäftigungen nachzugehen.
Der Serbe genoss dann die Ruhe, die Ungestörtheit und seine eigene Gesellschaft.
In seinem Zu-Hause, in Smiljan, setzte er sich meist stundenlang an sein Klavier und spielte, verlor sich gänzlich in dem Takt der Musik und hörte erst bei Sonnenaufgang damit auf.
Manchmal schwelgte er melancholisch, wie so oft, in Erinnerungen oder ließ den Tag nocheinmal Revue passieren.
So auch jetzt...

Der Unsterbliche hielt die Teratologin im Arm und dachte währenddessen über so einiges, was ihn derzeit beschäftigte nach.
Er liebte es, sie beim Schlafen zu beobachten, so nah bei ihr zu sein und über sie zu wachen.
Es gab ihm alles und lenkte ihn von der Hektik und seinen Sorgen ab.
Glücklicherweise, zeigte sich die Wissenschaftlerin so manches Mal gnädig (oftmals war sie auch einfach nur genervt, wenn er wie ein treudoofer, verliebter Wachhund zum gefühlten hundertsten Mal an ihrem Zimmer vorbei lief oder wie eine schweigsame, geräuschlose Statur, plötzlich nachts neben ihrem Bett stand).
In eben solchen Momenten, durfte er sich neben sie legen und das kostbare Privileg ihrer Nähe genießen.
Ihm fiel jedoch auf, dass die vorsichtige, normalerweise recht distanzierte Evastochter mit den britischen Wurzeln, sich in letzter Zeit öfters nach seiner Gesellschaft, Zuwendung und seinen Zärtlichkeiten sehnte.
Selbst die erstaunten Blicke und das breite Grinsen ihrer loyalen Mitarbeiter (welche sich allesamt erst an Nikolas permanente Anwesenheit im Sanctuary gewöhnen mussten), störte sie nicht mehr, wenn sie sich an manchen Tagen spontan einen Kuss von ihm stahl, morgens gemeinsam im Flur Händchen hielten, sich hin und wieder von ihm umarmen oder über die Wange streicheln ließ, erschöpft und an ihn gekuschelt, auf der Couch in ihrem Arbeitszimmer saß oder  auch mal ungewöhnliche Laute aus dem Schlafzimmer kamen.
Die charismatische, mutige, taffe Sanctuary-Leiterin und das gebildete, geschickte, eigenwillige Genie liebten sich.
Ihre Beziehung war für Außenstehende schwer zu erklären.
Doch diejenigen, die die beiden Oxford-Absolventen und ihre lange, mehrere Epochen andauernde, teils schockierende Geschichte schon länger kannten, wussten über das starke, chaotische, auf einer tiefen Freundschaft, Vertrauen und gegenseitigem Respekt gestützte Band der Zwei Bescheid.
Sie hatten (zu)viele Gemeinsamkeiten, waren beide dominante, starke Individuen und teilten dasselbe verfluchte Schicksal.
Zudem gab es da, vor mehr als fast einem Jahr, ein Ereignis, besser gesagt, eine Begegnung, welche das Leben der Ursprungsblut-Träger mit einem Schlag veränderte und es anfangs ziemlich auf den Kopf gestellt hatte...
Auch ihre auf Gegenseitigkeit beruhenden, damals noch unterdrückten, verborgenen, immernoch vorhandenen Gefühle, welche sie füreinander empfanden, blühten nun wieder von neuem auf und ermutigten sie schließlich dazu, es nochmals miteinander zu versuchen.

Ja, das süße, vierjährige Mädchen, welches durch eine Reihe von Ereignissen, ihre Familie, ihr Zu-Hause, ihre Mutter, beinahe ihr eigenes Leben verloren und sich unfreiwillig und unwissend, mit einem machtvollen Abnormen-Exemplar, welches sich in ihrem Körper einnistete, eingelassen hatte, war nun einer der  Mittelpunkte der Erwachsenen geworden.  
Tesla und Magnus, hatten sich nach einem schwierigen hin und her dazu entschlossen, das Waisenkind gemeinsam groß zu ziehen.
Aufgrund der Tatsache, dass die unter einer Art speziellen Amnesie leidende, junge Lady den Serben, als auch die Kryptozoologin vergötterte und ihr Gedächtnis von dem Lichtbringer, welcher sich selbstlos für seinen Wirt geopfert hatte, verändert wurde, beschlossen die Zwei, sich dem Kleinkind, so gut es ging, als Eltern anzunehmen und ihr ein Heim zu geben.
Es war nicht ganz so leicht für das vielbeschäftigte, zentrale Netzwerks-Oberhaupt, welche ihre eigene Tochter erst vor kurzem auf tragische Weise verloren hatte, nocheinmal in die Mutterrolle zu schlüpfen.
Auch ihre tagtägliche, gefährliche und abwechslungsreiche Arbeit, bei der sie auch mal eine ganze Weile ihr Domizil, ihr Zu-Hause und ihre "Familie" verlassen musste oder das ein oder andere Mal bis spät in die Nacht am Schreibtisch saß,  machte es schwieriger, Zeit mit dem eigentlich recht unkomplizierten, zuckersüßen, manchmal wortkargen und äußerst schlauen Wonneproppen zu verbringen.
Nichts desto trotz, liebte sie Ari und bemühte sich sehr um sie, ebenso wie der Adamssohn, welcher geradezu in seiner neuen Vaterrolle aufging.

Unauffällig und seine Angebetete nicht aus ihrem bis dato seelenruhigen Schlummer weckend, lag er da.
Vorsichtig strich er ihr eine der langen, nussbraunen Haarsträhnen hinters Ohr, zog berauscht ihren nach Patchouli und Vanille duftenden Geruch ein und streichelte ihr sanft über den flachen, in ein knielanges, schwarz-rotes Seidennachthemd verpackten Bauch.
Die Bilderbuchschönheit regte sich zuerst nicht, doch nach zwei Minuten bemerkte der Gelehrte, dass ihre Atemzüge auf einmal schneller gingen.
Sie begann plötzlich zu stöhnen, drehte sich unruhig hin und her und strampelte sogar die Decke weg.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich.
"Ashley", formten ihre Lippen den Namen der Verstorbenen.
Betroffenheit, Trauer und Angst, lagen in ihrer Stimme, welche von einem anschwellenden Flüstern, in ein leises Schluchzen überging.
"Ari, ... nein! ... Nein! ... Bitte! ... Nicht!"

Der weibliche Körper verkrampfte sich und zitterte stark, als Helen mit tränennassem Gesicht erwachte und augenblicklich im Bett hoch schreckte.
Vereinzelte Schweißperlen standen ihr auf der Stirn, als sie keuchend und mit hämmernder Pumpe Luft holte.
Noch ehe Nikola die Chance dazu hatte, sie tröstlich in seine Arme zu schließen (durch den Alptraum hatte sie sich ein Stück von ihm entfernt und sich dabei aus seinem Griff befreit) oder auch nur das Wort zu ergreifen, seufzte die Betroffene, begab sich ans Bettende und erhob sich.
Entschlossen, aufgewühlt und den Schock noch immer in ihren Gliedern spürend, schritt die Kreaturen-Hüterin durch ihr vom Mondlicht mäßig erhelltes Schlafzimmer.
Am anderen Ende des Raumes angekommen, öffnete sie fast geräuschlos die Tür und trat mit nackten Füßen, sowie einem dünnen, kohleschwarzen Jäckchen um die Schultern, welches sie sich von dem Stuhl genommen und umgelegt hatte, ihr Quartier.

Abwesend und wie in Trance, mit zugeschnürter Kehle und bleischwerem Herzen, wanderte sie durch den Korridor.
Erst, als sie vor einer gewissen Tür Halt gemacht, zögernd das weitestgehend leere Zimmer betreten und eines der Kuscheltiere, aus dem einzigen Karton, welcher darin stand, herausgefischt hatte, löste sich ein Stück weit ihre Blockade.
Doch die seelenzerfetzende Trauer und das Gefühl von Hilflosigkeit, welches nahe an Ohnmacht grenzte, sowie die damit verbundenen, schmerzlichen Erinnerungen, hielten noch immer an bzw. überfluteten die Mutter, während sie den alten, weichen, einäugigen, braunen Teddybären fest an ihre Brust presste.
Transparente, im silbernen Licht des Mondscheins wie Diamanten glitzernde Tropfen, liefen der 159-Jährigen jetzt hemmungslos über die hervorgehobene Wangenpartie.
"Ashley, ... es tut mir so leid!" presste sie gepeinigt und bitterlich weinend hervor.
Es dauerte mehrere Minuten, bis sie sich einigermaßen wieder gefasst hatte, bevor sie letztlich kehrt machte und aus dem Kinderzimmer ihrer leiblichen, toten Tochter verschwand.
Der Gleichaltrige hatte sich geräuschlos, vom Schatten getarnt und mit einigem Abstand, unbemerkt an ihre Fersen geheftet.
Er beobachtete mitfühlend und von großer Sorge angetrieben, jede ihrer Bewegungen.


Ein schweres Seufzen verließ ihre Kehle, als Helen schließlich vor einer weiteren, einen Spalt breit geöffneten Tür stoppte, sich mit dem Handrücken halbherzig die Tränen aus dem Gesicht wischte und danach den in einem Rosaton gestrichenen Raum betrat.
Eine über dem kleinen Bett angebrachte Lichterkette und ein Farben wechselndes Nachtlicht, verliehen dem Zimmer eine angenehm warme Atmosphäre und bildeten einen willkommenen Kontrast zu der ansonsten erdrückenden Schwärze.
Ein kindgerechter, in der anderen Ecke stehender Tisch, Stühle, ein Puppenhaus und mehrere, auf Regalen verteilte Bücher und Stofftiere, stachen der Britin signifikant ins Auge.
Sie näherte sich leise dem schlafenden Spross, welche zusammengerollt unter der Bettdecke, in den weichen Kissen lag und die Augen geschlossen hatte.
Die Ältere setzte sich vorsichtig neben ihre Adoptivtochter mit dem porzellanweißen Teint und den rabenschwarzen Haaren.
Der zuckersüße Anblick des schlummernden Kleinkindes, erwärmte förmlich das Herz der Abnormen-Helferin.
Abwesend und aus einem Reflex heraus, streichelte sie der Jüngeren über die rosigen Wangen.
Die eben noch harten und ernsten Züge, wirkten nun freundlich und weich.
Jegliche Anspannung und die grauenhaften Bilder ihres Alptraums, schienen jetzt von ihr abzufallen.
Plötzlich bewegte sich Ari.
Sie schlug ihre faszinierenden Sehorgane auf und schenkte der über 150-Jahre alten Dame ein liebevolles Lächeln.
"Hallo, Süße! Tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken. Schlaf weiter, Herzchen!" sprach Magnus schnell und mit einer engelsgleichen, ruhigen Stimme.
Das Mädchen mit dem pink-violetten, mit Feen bedruckten Schlafanzug, blinzelte verschlafen, rieb sich über die Augen und gähnte müde.
Dann musterte sie ihren Gast eindringlich.
Der Teddybär, den die zentrale Netzwerks-Chefin noch immer in der linken Hand hielt, erregte sofort die Aufmerksamkeit der Heranwachsenden, bevor sie sich schließlich aufsetzte und wie selbstverständlich auf den Schoß ihres "Elternteils" krabbelte.
Voller Liebe und Zuneigung, schlang sie ihre kleinen Ärmchen um deren Leib und kuschelte sich fest an ihre Brust.
Eine willkommene Wärme, kindliche Gliedmaßen, die ihren Körper umschlangen und weiche, schwarze Locken, welche ihre Haut kitzelten, waren das einzige, was die emotional aufgewühlte Lady wahrnahm.
Ein winziges Herz klopfte nah an dem ihren.
"Mami, kannst du nicht schlafen? Hast du schlecht geträumt?" hakte die Schönheit mit dem süßen, makellos-schönen Puppengesicht und der hellen Haut interessiert nach.
Ihr Tonfall war klar, rein und hell. Sie klang jedoch besorgt, als ihr bei näherer Betrachtung Tränen in den Smaragdaugen auffielen.
Die Biologin fuhr ihrem braven, goldigen und schlauen Mündel sanft über den Rücken, zog sie noch dichter zu sich und gab ihr einen lange andauernden Kuss auf den Scheitel.
Entzückt und geborgen, schmiegte sich der Schützling an sie.
Danach legte sie ihr schwer gewordenes Haupt wortlos auf der Schulter der Engländerin ab, genoss die vertrauten Streicheleinheiten und seufzte zufrieden.
"Jetzt ist alles okay, mein Engel... Ich hab dich lieb!" flüsterte die Braunhaarige, welche gerührt bemerkte, dass sie ebenfalls von dem ehemalige Wirtskörper in ihren Armen gestreichelt wurde.
"Auch lieb!" murmelte Ari nah an ihrem Hals.

Nachdem die beiden eine Weile eng umschlungen dasaßen und Helen der Vierjährigen eine der ebenholzschwarzen Haarsträhnen hinters Ohr gestrichen hatte, sahen die Zwei gleichzeitig zueinander auf.
"Mama, was ist das für ein Teddy? Ist das deiner?" wollte die einstige Inselbewohnerin mit großen Augen von ihr wissen.
Ein wehmütiges, trauriges Lächeln, umspielte die Mundwinkel der Teetrinkerin.
Vorsichtig und zunächst mit sich ringend, überreichte sie ihrer Ziehtochter letztlich das einäugige, leicht mitgenommene, haselnussbraune Stofftier.
Behutsam und als wäre es der kostbarste Schatz der Welt, wanderte der Blick der Adoptierten ehrfürchtig über das Kuscheltier.
"Nein, er ist nicht meiner. Aber er bedeutet mir sehr viel... Ich habe ihn einst jemandem geschenkt, der jetzt leider im Himmel ist." erklärte ihr die Gelehrte ehrlich und kämpfte gegen erneute Tränen an.
Andächtig strich der Spross über das immernoch weiche, teilweise ausgerupfte Fell des Bären.
Obwohl das Objekt gewaschen wurde, verströmte es den bekannten Geruch von Magnus und eine schwache, zusätzliche, wohlriechende Duftnote, die das Kleinkind nicht zuordnen konnte, aber auf Anhieb als angenehm empfand.
"Kann ich ihn haben?"
Überrascht fixierte die eine die andere.
"Was? Möchtest du das wirklich, Schätzchen? Du hast doch bestimmt dutzende Teddys und welche, die..."
Abrupt unterbrach sie die junge Evastochter.
"Aber ich hab keiner, der nach dir riecht und so aussieht! ... Ich mag den hier! Der ist was besonderes!"
Ein stolzes, sentimentales Schmunzeln, legte sich auf das Gesicht der Mutter.
Zärtlich strichen kühle Fingerspitzen über einen porzellanfarbenen Teint.
"Na gut. Wenn du unbedingt willst, gehört er von jetzt an dir. Pass mir gut auf ihn auf, ja?"
Überwältigt und mit einem quietschenden Laut, fiel die Schwarzhaarige ihrem Gegenüber dankbar um den Hals.
"Mach ich! Danke! ... Mum?"
"Ja?"
"Wie heißt er?"
Eine zeitlang überlegte die Führungspersönlichkeit.
Sie schluckte schwer, bevor sie letztlich antwortete.
"Ashley... Sie heißt Ashley!"
Ein Strahlen legte sich auf das ahnungslose, kindliche Antlitz, welche das Stofftier begeistert anstarrte und es neben sich, auf eines der Kissen setzte.
"Schöner Name! Dann ist das also eine Sie, ja?"
Ein stilles Nicken folgte.
"Mami?"
"Was gibt's, Süße?"
Trauer wiegte noch immer schwer auf dem Gemüt der Ursprungsblut-Trägerin.
Sie konnte sich kaum die Tränen verkneifen, welche abermals drohten, wild aus ihr heraus zu brechen.
"Sei nicht traurig! Ich bin mir sicher, dass Ashley mit meiner echten Mommy im Himmel spielt. Ihnen geht's dort gut. Das weiß ich! Du musst nicht weinen."

Tröstliche, liebevolle Küsse, wurden ihr von dem ehemaligen Abnormenwirt aufgedrückt, ehe sie sich abermals fest an sie schmiegte.
Transparente Wassertropfen flossen der Forscherin nun haltlos und ein Schluchzen unterdrückend, über die Wangen.
Noch nie war sie so froh, dass Ari zu ihrer Familie zählte, wie in diesem Moment.
Auch wenn das Mädchen noch klein war, einiges nicht so ganz begriff bzw. sich an das, was passiert war, nicht mehr vollständig zu erinnern schien und manches verwechselte, ... mangelte es ihr keineswegs an Neugierde, aufrichtigem Interesse, Vertrauen, Bescheidenheit und Einfühlungsvermögen.
Sie war für ihr Alter schon erstaunlich reif, ungewöhnlich klug und hatte die beiden Unsterblichen, welche die Rolle ihrer Eltern einnahmen, unlängst ins Herz geschlossen.
Es gefiel ihr, hier mit den beiden im Sanctuary zu leben.
Einige Zeit später, lag die Kreaturen-Hüterin mit der hübschen Evastochter, welche sich unter der Decke anhänglich an sie gekuschelt hatte da.
Hingerissen beobachtete sie, wie die Augenlider der halb auf ihr Liegenden, immer schwerer wurden und letzten Endes glücklich und erschöpft zu fielen.
Ihr Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig an ihrem.
"So ist's prima! Schlaf gut und träum was Schönes... Danke, meine Kleine!" säuselte das weibliche Genie im Flüsterton, während sie sie mütterlich im Arm hielt, hin und her wiegte und ihr zufrieden übers kohleschwarze Haar streichelte.
Erst als sie sich versichert hatte, dass ihr Mündel fest schlief, deckte das Oberhaupt den kleinen Leib behutsam zu, hauchte ihr einen abschließenden Kuss auf die Stirn und entfernte sich dann vorsichtig aus dem Bett und dem Kinderzimmer.
Mit einem letzten Blick auf Ashleys Andenken, verließ sie den Raum.

An Schlaf konnte die Ärztin jedoch noch immer nicht denken, deshalb beschloss sie, noch ein Weilchen auf das Dach des Nordturms zu gehen.
Dort oben gelang es ihr seit jeher, erfolgreich abzuschalten und sich zu sammeln.
Ausserdem war sie dort für sich, es störte niemanden und man hatte einen atemberaubenden Ausblick über die angrenzende, hell beleuchtete Stadt.
Ein starker Windstoß, wehte ihr entgegen, als sie die letzten Stufen der hinaufführenden Wendeltreppe bezwungen und das Innere des riesigen, mehrstöckigen Gebäudes hinter sich gelassen hatte.
Seichter, kalter, immer stärker werdender Nieselregen setzte ein, als sie sich mit ihren nackten Füßen dem Vorsprung näherte, sich mit einer Hand an dem Gemäuer festhielt und mit Tränen in den Sehorganen, fast erlösend, nach unten, zum Lichtermeer  starrte.
Die anmutige, taffe, intelligente Vorsitzende des Sanctuary-Netzwerks, atmete tief ein und aus und schloss für einen Augenblick erhaben ihre Lider.
Vereinzelte Szenen ihres Alptraums, die Gedanken und Gefühle bzgl. Ashley, sowie das eben stattgefundene, herzerwärmende Erlebnis mit Ari, beschäftigten sie jetzt erneut.
Einzig das kontinuierliche Fallen der Regentropfen und das einprägende Geräusch, wenn sie auf dem Untergrund aufplatschten, unterbrach die eiserne Stille.
Da, plötzlich berührte eine weiche, warme Hand, von hinten ihre Schulter.
Als nächstes trat jemand an sie heran, legte ihr ein Sakko um (ihr dünnes Jäckchen, das Nachthemd, ihre braune Wallemähne und ihr fröstelnder Körper, den sie erst jetzt wahrnahm, waren bereits binnen kürzester Zeit nass geworden) und zog sie ein Stück zurück, in starke Arme, die sie sofort umschlossen.
"Ljubavi, lass uns reingehen, okay? Du wirst dich sonst noch erkälten! ... Bitte!" rief eine Herrenstimme besorgt durch die Nacht.
Schlagartig drehte sich Helen zu ihrem nun mit Hemd und übergeworfener, langer Hose ausgestatteten Freund um.
Er bohrte seine saphirblauen Augen, welche mit silber-grauen Sprenkeln verziert waren, sogleich in die ihren und grinste auf gewohnt charmante, freche Art.
Dann hob er, kaum dass sie zögernd zu ihm hoch sah (dabei stieß sie unwillkürlich kleine, nebelartige Atemwölkchen aus), ihr spitzes Kinn an und fuhr zärtlich über die braun gebrannte, nun vor Kälte gerötete, feuchte Wangenpartie.
Magnus liebte es, von dem Serben berührt zu werden und da sie ihn jetzt mehr denn je brauchte, war diese kleine, eigentlich recht simple Geste, ein wahres Geschenk.
Der Vampir sah ihr an, dass sie kurz vor einem Zusammenbruch und einem damit verbundenen, weiteren Heulkrampf stand.
Ihr weiblicher, wohl geformter Leib, zitterte heftig.
"N... Nikola!" brachte das Mitglied der Fünf mit beschleunigtem Herzschlag und brechendem Ton, mühsam hervor.

Noch ehe ihre wie Pudding weichen Kniee nachgeben oder ein weiteres, ungehaltenes, larmoyantes Schluchzen aus ihrer Kehle kam, überwand Tesla die winzige, noch vorhandene Distanz.
Die Oxford-Absolventin drückte sich kraftlos an ihn, schlang ihre Arme um seinen Hals und ließ sich widerstandslos von ihm hoch nehmen.
Sie genoss seinen nach Zimt, Nelken und einer frischen Meeresbriese duftenden Geruch, sowie seine weiche, elfenbeinfarbene Haut.
Ausgelaugt, lehnte sie sich gegen ihn, als er sie spielend leicht und fürsorglich, in seinen Armen hielt und sie schützend in das geliehene, trockene Kleidungsstück wickelte.
Weinend vergrub sie ihr Antlitz an seinem Schlüsselbein, während sie sich mit der freien Hand fest in sein schwarzes Nackenhaar und sein schneeweißes Oberteil hinein krallte.
"Schhht. Ich bin hier, Liebste! Ich hab dich, bleib einfach so, okay?" murmelte er ihr sanftmütig ins Ohr, bevor er sich mit unmenschlicher Geschwindigkeit in Bewegung setzte und sie zurück, in ihr Schlafgemach brachte.
Dort angekommen, nahm er mit ihr auf dem exorbitanten Himmelbett Platz und hüllte ihren Körper in die weiche, wohlig warme Daunenbettdecke.
Seine ehemalige Kommilitonin wollte sich erklären, doch sie bekam kein Wort heraus.
Stattdessen lief ihr ein kleiner Sturzbach übers Gesicht.  
Tröstlich hielt er sie weiterhin fest, strich ihr über den Rücken und küsste sie beruhigend auf den Scheitel.
"Ist schon gut, Helen. Du musst nichts sagen. Ich weiß, dass du einen schlimmen Alptraum hattest. Ich bin dir gefolgt und habe alles gesehen und mit angehört. Lass es raus, dann wird es dir besser gehen! ... Komm her, mein Herz!"
Eng aneinander geschmiegt, trost- und haltsuchend, saß die Frau da und ließ ihren Gefühlen freien Lauf.
Mehrere Minuten vergingen.
"Danke... Nikola. Es tut mir leid, ich..."
Der Sanguine Vampir versiegelte romantisch seine Lippen mit den ihren.
Ein leidenschaftlicher Kuss entbrannte, der sie alles um sich herum vergessen ließ.
"Volim te!" teilte er ihr außer Atem und mit einem kessen, aufmunternden Zwinkern, in Serbisch mit.
Danach lehnte er seine Stirn verbunden an die der Xenobiologin und küsste ihre Nasenspitze.
"Ich liebe dich auch!" antwortete sie ihm ergriffen und stahl sich einen weiteren, langen Kuss von dem Erfinder.

Die Zeit strich dahin, wie in einem umgedrehten Stundenglas.
"Du solltest dich hinlegen und versuchen, zu schlafen!" appellierte er an die resolute, charismatische, gebildete Schönheit, welche weiter auf seinem Schoß sitzen blieb, sich festhielt und ihn dankbar anfunkelte.
"Ja, vielleicht sollte ich das tun... aber irgendwie ist mir gerade nicht nach schlafen zumute! Mir geht einfach zu viel im Kopf rum. Außerdem muss ich ohnehin in vier Stunden aufstehen. Ich wüsste da eine bessere Alternative, bei der wir die Zeit effektiv nutzen und ich den Kopf freikriegen würde..."
Sie entledigte sich der Decke und des Jäckchens, warf verführerisch ihr Haar zurück, schlang ihre Beine um seine Hüften und grinste ihn breit an, als ihre Finger wie von selbst begannen, die Knöpfe seines Hemdes zu öffnen.
Blau-graue Augen funkelten aufgeregt und fixierten die ansehnliche Gestalt der abenteuerlustigen, weltbewanderten Lady.
Der Blasshäutige zog scharf die Luft ein, ehe er zunächst überrumpelt begriff, was sie von ihm wollte.
"Darling, ich glaube, dass das keine so gute Idee ist! So verlockend wie das klingt, aber du brauchst deinen Schlaf! Morgen ist ein wichtiger Tag und..."
Seine Herzensdame brachte ihn augenblicklich zum Verstummen und um den Verstand, als sie die  Haut einer ganz bestimmten Stelle seines Schlüsselbeins, mit ihren Lippen benetzte.
Helen begann schamlos, ihn vom Hals abwärts zu küssen und streifte das Hemd endgültig ab.
Gekonnt, brachte sie sein Blut zum kochen und sorgte, dank der jahrhundertelangen Erfahrung dafür, dass er sich gut fühlte.
Der Mann spürte deutlich, wie etwas in ihm hungrig erwachte.
Er konnte kaum noch klar denken, als er registrierte, wie die Teratologin ihre Position veränderte und sich wie eine Katze, schmusebedürftig an ihm rieb.

"Scheiße Helen! Du machst mich wahnsinnig! D... Das ist nicht fair! Hör auf damit, leg dich hin und schlaf!" stieß er angestrengt und gentlemenlike hervor.
Sein Herz hämmerte wild in der Brust.
Lauter kleine Impulse, ähnlich wie elektrische Schläge, verteilten sich in seinem Innern und sammelten sich an einem ganz bestimmten Punkt.
Ihre weiche, makellose, noch immer größtenteils von dem Nachthemd bedeckte Haut, berührte ihn sündig.
Sie gab nicht auf.
"Gut. Das ist der Sinn der Sache, mein Lieber! Mach dir keine Sorgen! Es ist okay. Wie gesagt, ich will jetzt nicht schlafen! ... Du darfst sehr gerne miteinsteigen, wenn du willst!" wisperte sie ihm mit einem verruchten Ton ins Ohr, kicherte und verschloss ihre Lippen verlangend mit den seinen.
Nikola stöhnte.
Lust überkam ihn, welche er jedoch mit großer Willenskraft zurückdrängte, da er ihre Augenringe sah.
Er wusste, dass sie ihren Schlaf brauchte.
Plötzlich kam ihm die rettende Idee.
Ein leidenschaftlicher Kuss entflammte zwischen den Zweien.
Ein von den zarten Lippen ihres Liebhabers gedämpfter, wohliger Laut, welcher schnell an Lautstärke zunahm, kam von Seiten der Einrichtungs-Leiterin.
Seine Hände berührten in sanften, jedoch bestimmten Bewegungen, massierend ihre Schultern und lösten dort hartnäckige Verspannungen.
Gleichzeitig jagten sich gierig ihre Zungen, während sie sich völlig auf den mehr als nur gutaussehenden und redegewandten Adamssohn konzentrierte.
Seine ausgefahrenen Fangzähne knabberten vorsichtig an ihrer Unterlippe und wanderten dann neckend über ihren Hals.
Der gewohnte, marineblaue Farbton seiner Iris, erstrahlte jetzt in einem dunklen, verheißungsvollen, animalischen Schwarz.
"Herzchen? ... Helen? ... Hey, mein süßer, wunderhübscher Augapfel?" versuchte der Herr, welcher plötzlich mit dem Massieren stoppte, hinter ihr saß und das zu ihm geneigte Kinn streichelte, ihre abgelenkte Aufmerksamkeit zu bekommen.
Ein protestierendes Stöhnen entlockte sich ihrer Kehle, als Magnus die mit bernsteinfarbenen Sprenkeln versehenen Seelenfenster abrupt aufschlug und fast flehend zu ihm hoch sah.
"Nicht aufhören! Das tut unheimlich gut!" seufzte sie beinah tiefenentspannt.
Ein impertinentes Lächeln zierte das Gesicht des Masseurs, welcher sich sicher war, dass sie bald einschlafen würde, wenn er bloß den richtigen Punkt fand.
Er sah ihr an, dass sie trotz ihrer Worte müde und vollkommen fertig war.

Besänftigend hauchte er ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn und strich ihr mehrere der in die Augen gefallenen, wild verstrubbelten Haarsträhnen aus dem ästhetischen Antlitz, in dem er sich jedes Mal aufs Neue verlor.
Anschließend beugte er sich schnell zu ihr runter und legte seine Lippen nah an ihr Ohr.
Schlagartig bekam die Unsterbliche eine Gänsehaut.
"Meine Liebe, keine Sorge! Ich habe nicht vor, jetzt schon aufzuhören. Nur bitte, du musst leiser sein, sonst weckst du noch die Kinder... und zwar alle!"
Helen errötete.
Sie sah peinlich verlegen ein, dass er recht hatte.
Im Stillen verfluchte sie die unabänderliche Tatsache, dass sie hier im Sanctuary nicht alleine waren und der Raum bedauerlicherweise nicht schallisoliert war.
Das würde sie unbedingt, so schnell wie möglich ändern müssen.
Sie unterdrückte ein Gähnen.
"Okay, ich..."
Auf einmal unterbrach sie das Technik-Genie mitten im Satz.
Er ließ von ihr ab, spitzte seine Ohren und legte ihr zum Schweigen verdonnert, geschwind den Zeigefinger auf die Lippen.
Dank seiner vampirischen, verbesserten Sinne, vernahm er ein ihm nur allzugut bekannt vorkommendes Geräusch.
Zudem wehte ihm trotz der zahlreichen, anderen Gerüche und des geschlossenen Raumes, ein  Duft, welcher er unter zig tausenden sofort wieder erkannt hätte, in die Nase.
Sein eisblauer Blick, fixierte die zugezogene Tür.

"Nikola, was ist los? Was...?"
Wie ein abgerichteter Spürhund, richtete er sich auf und erzählte ihr mit ernstem Ausdruck, was er soeben mit Hilfe seiner Fähigkeiten herausbekommen hatte.
"Ari! Sie ist draußen im Flur und scheinbar auf dem Weg zu uns. Anscheinend hat sie Angst! Ihr Herz schlägt so schnell und laut, dass ich es bis hierher hören kann. Zudem atmet sie schwer! Da... ist... Blut! ... Scheiße! Irgendwas stimmt nicht!"
Sofort hechtete er vom Bett und riss, in Alarmbereitschaft versetzt, die Schlafzimmerpforte auf.
Die Sanctuary-Chefin war mit einem Schlag hellwach, setzte sich - ihr Seidennachthemd richtend - auf und starrte mit zutiefst besorgter, aufgeregter Miene, in die Richtung, in der ihr Gefährte stand.
Die Augen der beiden über 150-Jahre Alten weiteten sich geschockt, als das Kleinkind vollkommen aufgelöst, zitternd und mit Schweißperlen auf der Stirn, im Türrahmen stand.
Hilfesuchend, sowie mit ausgestreckten Händen, Nasenbluten, einem leichenblassen Puppengesicht und von dicken, stetig fließenden Krokodilstränen gezeichnet, schwankte die Vierjährige auf sie zu.
Das Herz des Adoptivvaters setzte für einen Moment panisch aus.
Er näherte sich ihr blitzartig, ließ sich sofort auf die Knie fallen, zog sie zu sich und hob sie behutsam vom Boden hoch.
Schwach, sowie von Schmerzen gepeinigt, ließ es die Kleine geschehen und lehnte sich schluchzend gegen den Älteren, welcher sich mit ihr zu der Doktorin aufs Bett gesellte.
Ihr viel zu warmer, kindlicher Leib, drückte sich erschöpft gegen seine Brust, während sich das rabenschwarze Lockenköpfchen entkräftet auf seiner Schulter ablegte.
"Ari? Engelchen, was ist mit dir? Was hast du? Sag was!"
Mit zunehmender Besorgnis und Beunruhigung, spürte er ihren viel zu schnellen Herzschlag und den heißen Atem an seinem Hals.
Der Schützling war zu beschäftigt damit, zu weinen, ausserdem rang sie angestrengt nach Luft, als das sie hätte adäquat antworten können.
Sie verstand selbst nicht so richtig, was vor sich ging.
Das zunächst noch kleine, purpurrote Rinnsal, floss ihr immer stärker aus der Nase, vermischte sich mit dem Schweiß und den Tränen und tropfte dann unheilvoll auf die weiße Haut des Serben, sowie ihren eigenen Schlafanzug.
"Verdammt! Schnell, gib mir ein Taschentuch!" wandte sich der Sanguine Vampir an seine perplex und fassungslos neben ihm ruhende Freundin.
Augenblicklich griff sie zu der Box, welche auf ihrem Nachttisch stand und reichte ihm ein paar der Papiertaschentücher.
Vorsichtig und sanft, wischte er seinem Mündel das Blut weg und hielt es ihr, die Blutung stoppen wollend, unter die Nase.
Mit der anderen Hand, streichelte er ihr beruhigend über den Rücken und musterte sie mitleidig.
"Versuch einfach ein und aus zu atmen, okay? Alles wird gut, Liebling! Du brauchst keine Angst zu haben. Papa ist hier!" säuselte ihr der Physiker tröstlich zu und gab ihr einen liebevollen Kuss auf die Wange.
Allmählich wurde das Zittern weniger und ihre Atemzüge gleichmäßiger.
Seine Stimme, die Nähe und Berührungen, schienen ihr tatsächlich zu helfen.
"Helen, sie ist ganz warm! Ich glaube, sie hat Fieber. Warum zum Teufel, kommt da so viel Blut raus? Das muss doch irgendwann mal aufhören! Soll ich ihren Kopf in den Nacken legen?" meldete sich der Gelehrte hektisch zu Wort.
Endlich aus ihrer Trance gerissen, reagierte die Ärztin.
"Sorg dafür, dass sie aufrecht sitzt! Du musst ihren Kopf leicht nach vorn beugen, damit alles abfließen kann. Auf gar keinen Fall zurücklehnen lassen! Das kann dazu führen, dass ihr das Blut den Rachen hinunter läuft und sie es, da sie eh schon Atemprobleme hat, aspiriert oder erbrechen muss. Warte, ich hol ein Cool-Pack! Das können wir ihr in den Nacken legen. Durch die Kälte verengen sich die Gefäße, was dazu führt, dass sich die Blutung verlangsamt oder vielleicht sogar zum Stillstand kommt. Normalerweise müsste das Nasenbluten irgendwann von selbst aufhören. Du kannst, allerdings nur wenn ihre Atemzüge so gleichmäßig bleiben, mit zwei Fingern den oberen Teil der Nasenflügel zusammendrücken. Achte dabei darauf, dass sie durch den Mund atmet und genügend Luft bekommt! ... Rede ihr weiter gut zu und lenk sie ab! Ich hol ein paar Sachen und bin gleich wieder zurück! Denkst du, du schaffst das?" ertönte es fachmännisch von der Gleichaltrigen.
Smaragdgrüne Sehorgane bohrten sich in blau-graue.
"Okay. Ja, wird schon schief gehen... Geh! Und beeil dich bitte!" rückmeldete er ihr zurück und nickte entschlossen.

Keine Minute später, verließ die Dame mit dem fundierten, medizinischen Fachwissen, eilig den Raum und begab sich  geradewegs auf die eine Etage tiefer liegende Krankenstation.
In der Zwischenzeit, setzte der Schwarzhaarige die erste Hilfe Maßnahmen so gut er konnte um und kümmerte sich rührend um die bald fünf Jahre alt werdende Heranwachsende.
"Mein Kopf tut weh!" brachte das gepeinigte Kind, welches sich aufrecht an ihn lehnte und dem noch immer die rote Flüssigkeit aus der Nase rann, mühsam und in so einem zerbrechlichen, leisen Tonfall hervor, dass es ihm förmlich das Herz brach.
Tapfer hielt sie das blutgetränkte Taschentuchknäuel fest.
"Mir... ist... so... warm! Bitte Daddy, mach, dass es aufhört!" heulte sie verzweifelt und stöhnte gequält.
Zwei weiche Hände, strichen ihr väterlich übers Haar und nahmen ihre freie, kleine Hand, sanft in die seinen.
"Mami kommt gleich wieder! Dann gibt sie dir was, damit die Schmerzen und die Wärme weggehen. Sprich nicht so viel und ruh dich lieber aus, Süße! Bald wird es dir wieder besser gehen, versprochen!"
Kastanienbraune Sehorgane schauten kurz tränengetrübt zu ihm hoch.
"Versprochen?"
Nikola schenkte dem Mädchen ein mildes Lächeln, strich ihr eine der ebenholzschwarzen Locken, welche an ihren Schläfen klebte, hinters Ohr und nickte bestätigend.
"Ja."
Sie nahm ihn beim Wort und senkte dann brav, wie er es ihr aufgetragen hatte, ein Stück den Kopf.

"Das machst du super, Ari! Du bist so tapfer, Prinzessin! ... Hey, wie wär's, wenn ich dir eine Geschichte erzähle? Magst du eine hören?" gab Tesla sein bestes, um sie auf andere Gedanken zu bringen.
Nervös beobachtete er, wie sie erneut wimmerte und sich zutiefst ausgelaugt, gegen ihn sinken ließ.
"Sing lieber! ... Bitte Dad! ... Bring die böse Stimme zum Schweigen!"
Verwirrt und ihren letzten Satz nicht einordnen könnend, beäugte er skeptisch das sich höchstwahrscheinlich in einer Art  Fieberwahn befindende Kind.
Ihre Lider wurden allmählich immer schwerer.
"Schätzchen, bleib wach! Ich sing dir gleich was vor, okay? Aber erklär mir bitte, was genau du damit meinst? Hast du schlecht geträumt?" fragte sie der Musikliebhaber hellhörig.
Er hoffte inständig, dass die Medizinerin bald wieder hinzukommen und ihm helfen würde.
Ihr Zustand machte ihm Angst.
Eine kurze Pause entstand, in der der Winzling tief Luft holte und schließlich offenbarte:
"Ich weiß nicht! ... Ich bin mit Mami eingeschlafen. Da war plötzlich diese Frau... Sie redet zu mir. Auch jetzt noch! Ich kann sie nicht sehen, aber sie sagt mir ganz schlimme Dinge und will, dass ich auf sie höre! ... Ich hab mich gegen sie gewehrt, ihr gesagt, dass sie lügt und mich in Ruhe lassen soll..."
Ein trauriges, aufgebrachtes Schluchzen drang aus ihrer Kehle.
Die Jüngere konnte sich jetzt nicht mehr zusammen reißen und begann haltlos zu weinen.
Sie fing wieder an, heftig zu zittern und brauchte mehrere Minuten, um sich zu sammeln und weiter sprechen zu können.
"Papa! ... S... Sie... b... bestraft... m... mich! ... Meine Nase, die Hitze und mein Kopf, ... das ist alles sie! ... Hilf mir und mach, dass sie damit aufhört! Ich will, dass sie weg geht und nicht mehr redet, bitte!"
Nikola kam sich wie im falschen Film vor.
Eine schreckliches, ungutes Gefühl erfasste ihn.
"Sag mir, wie die Frau heißt, was sie von dir will und was genau sie dir erzählt hat!" forderte er seine Tochter auf.
"Sie möchte nicht, dass ich mit dir oder Mama darüber rede, aber ich tu's trotzdem! ... Ihren Namen hat sie mir nicht gesagt. Sie hat gemeint, dass du nicht mein echter Vater bist und dass was nicht mit mir stimmt. Die Stimme hat lauter gemeine Sachen gesagt und wollte, dass ich euch weh tue! Die Frau hat mir gedroht, dass sie mich umbringt, wenn ich nicht mache was sie will!"
Urplötzlich begann der Sprössling in seinen Armen zu krampfen.
Ein ohrenbetäubender, markerschütternder Schrei, verließ ihren Mund.
"Ari! Scheiße! Nein! Bleib bei mir!"
Hilflos musste er mitansahen, wie die junge Evastochter zwei Minuten lang Höllenqualen durchlitt und anschließend ohnmächtig zusammenbrach.
Bevor sie bewusstlos wurde, gelang es ihr, drei letzte Sätze zu formen:
"Da ist noch eine zweite Stimme, die zu mir gesprochen hat! Sie ist gut und ganz anders, als die böse Frau! Sie hat versucht, mir zu helfen und konnte die andere für eine Weile vertreiben."

Geschockt bemerkte der Vampir, wie ihre Iris nun zwischen insgesamt drei Farben wechselte:
Der gewohnt eigene, kastanienbraune, ein leuchtender, amethystfarbener und ein gefährlicher, unheilverkündender, rubinroter Ton, kämpften jetzt um die Vorherrschaft.
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