simple and easy

von fucked up
KurzgeschichteRomanze, Freundschaft / P12 Slash
Mahiru Shirota Sleepy Ash / Kuro
09.05.2015
09.05.2015
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title: simple and easy
inspiration: stained
warning!: slash, aber auch nur angedeutet, aber es ist ganz sicher da.
summary: Wenn ein einfach denkender Mahiru Shirota plötzlich eine ganz andere Sichtweise bekommt, gerade weil er viel zu viel nachenkt.
a/n: salve, amici! (ja, latein. lüncht mich.) ich habe diese geschichte geschrieben, kaum dass ich servamp richtig angefangen habe. und jetzt, da ich alle bisherigen bände durch habe, bin ich mir nicht mehr sicher, ob mein dortiges otp noch immer kuro/mahiru ist, oder mahiru/misono, oder tetsu/misono oder, ach, gott weiss. es ist schwer. wahrscheinlich wird man von mir in diesem fandom noch einiges zu lesen bekommen. wie mir halt der sinn steht.

°-°-°-°-°


Mahiru Shirota war wohl und unübertrieben zu sagen der Inbegriff von Normalität, der perfekte Vertreter des normalen Alltags, ein beispielhafter Vorgänger für einen normalen Teenager, ohne besondere Talente, Fähigkeiten, Können, Wissen. Er war ein einfach gestrickter, einfach denkender, einfach handelnder Mensch, ein durchschnittlicher Schüler mit durchschnittlichen Noten, der sich seinen Aufgaben durchaus bewusst war und solche auch gewissenhaft und verantwortungsbewusst ausführte, der seine Fähigkeiten gut einschätzen konnte. Er wusste ganz genau, was er konnte, was ihm misslang und was er am besten erst gar nicht ausprobieren sollte, da ihm die Konsequenzen sehr wohl bekannt waren. Und diese würden, so wusste er bereits im Vornehinein durch Erfahrung, nicht sehr schön aussehen. Und da ihm die komplette Palette an seinem Können immer wieder vor Augen trat, lief er Risiko, etwas überaus Dummes zu tun, liess er es meistens gänzlich bleiben, wandte sich lieber den Tätigkeiten zu, die er händigen konnte, ohne dass es sich zu verkomplizieren drohte.

Sowohl vom Aussehen als auch von seinen Talenten hergeleitet, war er vollkommener Durchschnitt. Er war gewöhnlich, normal, nicht herausstechend, nicht grossartig talentiert, total langweilig und alles andere als aufregend, spannend und interessant.
Er stach weder mit unwiderstehlichem Charme noch mit herausragender Intelligenz noch besonderem Können aus der durchscheinenden Menge heraus, wollte dies auch gar nicht, wollte lieber mit eben dieser Menge an normalen Leuten verschmelzen, kein Aufsehen und grosse Aufmerksamkeit auf sich lenken. Er blieb viel lieber der durchschnittliche Normalo, der er schon immer gewesen war, es gefiel ihm besser, er fühlte sich so um einiges wohler in seiner Haut.

Er war nicht wortgewandt, konnte niemandem die Worte im Munde verdrehen, war nicht schlagfertig – weder mit Worten noch mit seiner eigenen Körperkraft, schliesslich war er ein Fünfzehnjähriger, der Besseres mit seinem Körper im Sinne hatte, als diesen mit Proteinen vollzupumpen und alle fünf Minuten ins Fitnessstudio zu rennen – und man hätte ihm niemals den Spitznamen ‚Silberzunge‘ auferlegen können. Auch wenn er in den unterrichtlichen Fächern der Sprachkünste nicht schlecht war, viel mehr sehr durchschnittliche Noten schrieb, war er noch nie gut darin gewesen, seine Gefühle, Gedanken und inneren Bildern in hübschen und konkreten Worten der Welt um ihn herum vorzutragen, hatte es eigentlich auch gar nicht vor.

Er war keine Sportskanone, betrieb keine sportlichen Aktivitäten als Hobby, verübte keinen Sport, der ausserhalb der Schule und des Unterrichts stattfand und wenn er sich nicht dazu gezwungen fühlte. Bestand aber ein unweigerliches Müssen, würde er selbstredend die Zügel in die Hand nehmen und sich sportlich betätigen. Würde es zwangsläufig darauf hinauslaufen, dass er Sport machen müsste, würde er keine andere Möglichkeit sehen und es tun. So war es einfacher, unkomplizierter, so tat er es auch in der Schule und in jedweden Bereichen seines Lebens. Ja, es hatte sich beinah schon als festsitzende, unwiderrufliche Konstante in seinem Leben eingenistet.
Er tat nicht mehr, als das, was er zu machen hatte und was man von ihm verlangte. Nicht mehr und auch nicht weniger. Wieso sollte er die zusätzliche Arbeit auch auf sich nehmen. So war er doch eindeutig einfacher.

Er war kein Mathematikgenie, beherrschte Physik und Chemie gerade ausreichend, um zufriedenstellende Noten zu schreiben. Seine Sprachkenntnisse beschränkten sich auf seine Muttersprache – Japanisch, wohlgemerkt – und Englisch, und das auch nur, weil Englisch ein obligatorisches Unterrichtsfach war, das er zu erlernen hatte, es nicht verweigern könnte, würde er es wollen. Auch da war er nicht herausragend, herausstechend, bewundernswert.
Ebenso in japanischer und der allgemeinen Weltgeschichte ragte er nicht bemerkenswert heraus, auch wenn man es ihm deutlich anmerken konnte, dass er sich für dieses Fach weitaus mehr interessierte als Sport, alle musischen und wissenschaftlichen Fächer zusammengezählt. Dementsprechend hob sich sein Notenschnitt in diesem Fach ein Stück. Nicht wirklich bemerkenswert, aber ein kleines Stück, auf das er insgeheim doch recht stolz war.

Und genau wie sein schulisches Leben, hatte er auch in den restlichen Aspekten seines Lebens nie eine Schwierigkeit, eine Herausforderung bewältigen müssen, da er solche Umstände so gut wie möglich zu vermeiden wusste, umging, alles in seiner Macht stehende daran setzte, sein Leben wie gehabt fortführen zu können.
Er hatte nicht mit einer Zwangsneurose zu kämpfen, besass keine Allergien, keine psychisch angelegten Störungen, war nicht hypochondrisch geneigt, hatte keine schlechten Angewohnheiten, keine Macken, die man ihm nicht verzeihen könnte.

Seine nervigste, und doch gleichermassen beste Angewohnheit war wohl, da konnte man jeden seiner Bekannten befragen, seine Zuneigung zur Einfachheit.

Er liebte einfache, unkomplizierte Dinge, verabscheute hingegen schwer zu bewältigende, verzwickte Sachverhalte, die man kaum zu lösen vermochte. Er mochte es einfach, bevorzugte logische Schlussfolgerungen, die zu einem präzisen Problemlöseverhalten führen konnte. Er hasste, nein, verabscheuungswürdigte alles, was er nicht innert wenigen Augenblicken durchschauen, lösen, oder an jemand anderem abschieben konnte, was ihm Probleme bereitete, sein Leben erschwerte, seine Gedankengänge und seine volle Konzentration beanspruchte, seine Zeit verschwendete und ihn vor Wichtigerem abhielt. Und er hatte bei Weitem viel Wichtiges zu tun, hatte einen gesamten Haushalt zu schmeissen, da blieb einem nicht wirklich Zeit, sich über die kleinen Dinge des Alltags Gedanken zu machen und sich die letzten Nerven ausreissen zu lassen. Daher umging er, so gut es ihm eben gelang, solche Sachverhältnisse, hielt sich von solchen fern. Nur leider vollkommen ignorieren konnte er sie doch noch nicht. Eventuell war er ehrenhafter, als er immer von sich selbst behauptete.

Oh, eine Macke gab es da dann doch zu erwähnen, die man an ihm vielleicht übersehen, verzeihen und sie für niedlich befinden konnte, aber ignorieren war nicht. Nicht, wenn man bedachte, wie ausgeprägt diese Macke, beinah schon Zwangsverhalten – wie war das vorhin mit den Zwangsneurosen? – bei ihm schon war.

Er war ungeduldig. Sehr, sehr ungeduldig und besass einen Nervenfaden, der in etwa die Stärke und Haltfestigkeit eines durchgekochten Spaghetti besass. Also kaum vorhanden.

Vielleicht war er noch jung, zählte erst verdammte fünfzehn Jährchen, dennoch war es eine Untertreibung, zu behaupten, er wäre ungeduldig und schnell an seinem Nervenlimit angekommen. Eine derbe Untertreibung. Die Untertreibung von dem momentanen Jahr und all den Jahren zuvor. Er war wirklich erst seit fünfzehn Jahren auf dieser doch recht kleinen Welt, zählte zu einem noch kleineren System und fügte sich diesem auch. Dennoch war er viel öfter, als dass er zugeben würde, unter Stress gesetzt, ertrug viel Druck und trug ungewöhnlich viel auf seinen schmalen Schultern – und wieder ein Verstoss gegen seine eigenen Prinzipien. Was war das mit dem Durchschnitt? Somit war es doch nachvollziehbar, dass er keine Zeit und Nerven für das Unwichtige des üblichen Alltags aufzubringen vermochte, wenn noch zig Sachen auf ihn warteten, sowohl Zuhause als auch in der Schule, die er noch zu erledigen hatte. Jeden Tag, jede Stunde und Minute davon. Schlussendlich hatte er keine Eltern mehr, die sich um alles kümmerten, so dass er sich nur um seine Schulaufgaben sorgen musste.

Eventuell hatte er doch ein komplizierteres Leben, als dass er es ertragen könnte. Vielleicht verdrängte er diesen Gedanken genau wegen dieser Tatsache, die sich immer wieder in ihm breit machen wollte und von der er leider Gottes wusste, dass ein Funken Wahrheit in ihr versteckt war.

Doch abgesehen von der unbestrittenen Wahrheit, dass er um einiges mehr zu händigen hatte, als gewöhnliche Teenager in seinem Alter und Umfeld, dass er entgegen der Norm theoretisch gesehen alleine ein Appartement bewohnte, sein Vormund beinah niemals in der Stadt war, immer auf Geschäftsreise, er den Haushalt alleine zu schmeissen hatte, so führte er doch ein normales, einfaches Leben, das einfach und unkompliziert zu leben war.
Er kochte für sich, machte die Wäsche, säuberte die Wohnung wöchentlich und gründlich, kaufte selbstständig ein, kümmerte sich um seine Hausaufgaben, lernte für Tests. Er bekam Briefe und Postkarten von seinem Onkel, antwortete ihm sofort. Er schrieb seinen Freunden SMS, telefonierte mit ihnen, traf ich mit ihnen und besprach dies und das mit ihnen. Er hatte zwar keine Freundin, aber dies hatte keiner seiner Freunde, also musste er sich darum noch keine Sorgen machen.
So gesehen war sein Leben einfach. Unkompliziert, ohne Schwierigkeiten, ohne Herausforderungen. An die Selbstständigkeit hatte er sich längst gewöhnt, er bestand kein Problem mehr darin, alles alleine bewältigen zu müssen, er fühlte sich seit Langem nicht mehr so alleine, weinte nicht mehr wie ein kleines Kind bei Nacht, gerade weil er alleine war und kam auch ansonsten sehr gut zurecht.

Sein Leben lief, ging, rollte, wie man es eben nennen wollte, ausserordentlich zufriedenstellend, ganz nach seinen Gunsten. Es war unkompliziert und einfach. So wie er es gewohnt war, wie er es mochte. Ganz nach seiner Zufriedenheit halt.

Doch eines hatte sich verändert. Eine gravierende Tatsache, wie er sich immer wieder schmerzlich bewusst wurde – nun, eigentlich wurde er eher schmerzlich daran erinnert, indem er immer wieder körperliche Schmerzen zuteilwurde – hatte sich verändert. Zu seinem Missfallen.

Aber wie hätte er auch vermuten können, dass die süsse, kleine, vor Verzweiflung jammernde schwarze Katze, die er inmitten der Fussgängerzone, ohne Schutz vor den niedertrampelnden Schritten der Menschen dieser Stadt, und die er ohne Bedenken mit sich genommen hatte, um später nicht bereuen zu müssen, nichts getan hatte, gar keine Katze war. Jedenfalls nicht in diesem Sinne. Nicht im biologischen, anatomischen Sinne gesehen. Nein.
Die Katze, die er schlicht Kuro genannt hatte – weil es auch am besten zu einer schwarzen Katze gepasst hatte –, war keine Katze. Sie, nun, eigentlich ja er, war aber auch kein Mensch, kein katzenähnliches Wesen, auch wenn er dies wirklich bevorzugt hätte und womit er auch um einiges besser hätte umgehen können, verstehen können und was ihm höchstwahrscheinlich auch keine derartigen Probleme und Schwierigkeiten bereitet hätte.

Kuro, besser bekannt als Sleepy Ash, war ein Vampir. Ein richtig echter Vampir, live und in Farbe, der sich gut und gerne in ein unschuldig wirkendes Kätzchen verwandelte, wenn ihm alles zu dumm wurde. Was recht oft vorkam.
Kuro war ein waschfester Vampir – würde er die Katze wohl in die Waschmaschine stecken können? Wäre um einiges einfacher –, einer der so genannten Servamps, die sieben Urvampire, die sich immer wieder neue Herren – Eves – suchten, einen Pakt, Vertrag, Bindung, was auch immer eingingen, sich diesen unterstellten und jeglichen Befehlen folgte, konnten sie sich nur an ihrem Blut laben. Ihnen entstammten auch die gesamten restlichen Vampire, die ihr unsterbliches Leben auf der Erde absassen.
Und als wäre dies nicht genug, war Kuro – Sleepy Ash – auch noch der Vampir der Trägheit, der älteste Bruder, hatte viel mehr Feinde, als dass es ihm lieb sein konnte und wurde stetig dank seiner unscheinbaren Kraft und ach so unendlichen Stärke verfolgt, angegriffen, entführt, angewerbt, umschmeichelt.

Und da Mahiru Shirota eher unfreiwillig und zunächst unwissentlich in eine Vertrag mit dem faulen Vampir, Katze, was auch immer, gestolpert ist, wurde er folgerichtig auch immer in alles mit hineingezogen. Und dies passte ihm natürlich so gar nicht.

Kuro war faul, unnütz, wortkarg, auf träge Weise feige, musste trotz seiner immer sehr bedächtig monotonen Wortwahl immer widersprechen, sich kleine und belanglose Wortgefechte mit ihm liefern, die ins Nichts führte, aus denen auch niemals ein Gewinner emporstieg, da sich der Blauhaarige – wieso hatte Mahiru ihn eigentlich nicht Ao genannt? Ach ja, weil er am Anfang ja nicht gewusst hatte, dass sein süsses neues Haustier ein verdammter blauhaariger Vampir war! – angewohnt hatte, sich immer dann in seine viel süssere Gestalt zu verwandeln, wenn es ihm zu nervenaufreibend wurde. Wenn Mahiru das doch nur auch beherrschen würde. Als Katze musste es sich toll leben.

Kuro machte nichts als Dreck, Abfall, liess seinen Müll herumliegen, krümelte alles voll, lungerte nur auf der Couch herum, maulte zu jeder Gelegenheit – nicht, dass er selbst wirklich besser darin war, seine motzenden Kommentare für sich zu behalten, aber es ging ihm hier ums Prinzip – und beschwerte sich. Gleichermassen war der Vampir aber auch verschwiegen, verschlossen, gab niemals die gewünschten Antworten, sprach niemals über sich, seine Vergangenheit, seine Familie. Was Mahiru verstehen konnte, er sprach auch nicht sonderlich gerne über seiner Selbst, doch bei ihm war das etwas anderes. Immerhin war Kuro ein Vampir, Mahiru sein Herr, da hatte der Blauhaarige gefälligst zu antworten, wenn er ihn etwas fragte. Nur leider schien das der faule Sack anders zu sehen und stellte sofort auf Block, wenn sich das Gespräch in seine Richtung entwickelte.

Leider waren diese Kleinigkeiten nicht seine nervigsten Angewohnheiten, Verhaltensweisen. Es waren wahrlich Nichtigkeiten, wenn man seine Demotivation, sein Desinteresse, seine gespielte Feigheit, seine Angewohnheit, sich von der leichten Katze direkt auf seiner Schultern in seine menschliche Form zu verwandeln, beachtete. Seine Art, wie er beinah ängstlich und doch so unbekümmert und gleichgültig an Kämpfe und anderweitig eigentlich ernstzunehmende Situationen heranging, war schrecklich zu ertragen. Dass er immer gleich kampflos aufgeben oder abhauen wollte, ging ihm gewaltig gegen den Strich.

Und entgegen seinen Trainingseinheiten, bei denen Kuro nur selten mitwirkte, und seinen Bemühungen, seinen Servamp etwas zu dressieren und zurecht zu stutzen, erreichte er nichts. Aber wie konnte man einen Vampir in Form eines jungen Mannes, der wohl schon tausende Jahre auf Erden gewandelt war, noch erziehen. Vielleicht waren auch dessen vorherige Besitzer zu nachlässig mit ihm gewesen, hatten ihm sein Verhalten und sein Benehmen durchgehen lassen, solange er für sie gekämpft und gesiegt hatte.

Doch Mahiru sah Kuro nicht nur als Waffe, als eine Chance zum Sieg, als eine Verteidigungsstrategie, einen Beschützer und Leibwächter zugleich. Kuro war für ihn zu einem Freund geworden, ein Vertrauter, dem er alles hätte sagen können, wenn er gewollt hätte. Er sah den Blauhaarigen nicht als dienender Vampir, welcher dieser eigentlich hauptsächlich darstellte, sondern als betraute Bezugsperson, die sich immer in seiner Nähe aufhielt – er liess mal ausser Acht, dass dies eher zwangsläufig der Fall war, da sie sich nicht wirklich voneinander entfernen konnten, ohne das etwas passierte, von dem er nicht wirklich herausfinden wollte, was es war – und ihn sogar mit seinem Körper beschützte, wenn er die Notwendigkeit dazu sah.

Kuro war längst nicht mehr nur die streunende Katze, die er vor einiger Zeit aufgelesen hatte, nicht mehr der für ihn kämpfende Vampir, nicht sein persönlicher Bodyguard. Er war zu einem Freund geworden. Einem recht guten Freund, wohlgemerkt. Immerhin lebten die beiden zusammen – auch wenn dies schon wieder eher zwangsläufig gefordert wurde – und hatten keine andere Möglichkeit, als sich irgendwie zu verstehen und die Konfrontationen und Streitigkeiten so klein und kurz wie nötig zu halten.

Natürlich würde Mahiru seinem persönlichen Vampir und Kätzchen niemals gegenüber treten und laut aussprechen, dass er ihn mochte, auf eine verzwickte Art und Weise, die er selbst nicht recht verstehen konnte, vielleicht auch gar nicht wollte. Dazu hatte er zu wenig Erfahrungsmaterial und Referenzen. Doch er wusste ganz sicher, dass es nicht vorteilhaft für ihn wäre, Kuro zu sagen, wäre es auch in einem noch so gleichgültigen Ton, dass er ihn mögen würde und zu schätzen wusste.
Er hatte keine Ahnung, wie Kuro reagieren würde, würde er ihm diese Gedankengänge tatsächlich einmal präsentieren. Und genau das machte ihn unsicher. Ihm war bewusst, dass es nichts Negatives an sich hatte, wenn man sich sagte, dass man sich mochte, überhaupt nicht, so hatte er seinen Freunden doch auch des Öfteren schon mitgeteilt, wie sehr er sie an seiner Seite schätzte und wie eine Familie liebte. Und diese hatten zugestimmt, es erwidert und danach Scherze darüber gemacht, wie schwul das doch klingen würde. Und er hatte einfach mitgelacht, weil er es wirklich als lustig und amüsant befand.

Vielleicht lag da das Problem. Er sah Kuro als Freund, ganz klar, doch er mochte und schätzte ihn nicht so, wie er Sakuya – noch immer, obwohl er wusste, dass sein langjähriger Freund nicht wirklich so langjährig war – und Ryusei mochte und schätzte, zum Beispiel. Er sah Kuro nicht als Familienmitglied, zählte ihn nicht als eine Art Bruder, wie er es bei den anderen tat. Kuro tauchte nicht in seinen Gedanken auf, wenn er an Familie, brüderliche Verhältnisse dachte.
Und er wusste auch, woran das lag.

Er wollte Kuro nicht nicht als Familienmitglied ansehen, er konnte es schlichtweg einfach nicht.

Wenn er an Kuro dachte, ihn sah, seine Stimme hörte, die Unordnung hinter ihm aufräumen musste, weil es sonst niemand tun konnte und würde, immer wenn er ihn in der Nacht zudeckte, wenn er mal wieder die Decke energisch von sich gestrampelt hatte, wenn er ihn seine Ramen schlürfen hörte, wenn sie einander in Videospielen zerhackten, oder gemeinsam kämpften – ob nun im echten Leben oder nur virtuell –, wenn sie diskutierten, was es zum Abendessen geben würde, wenn er ihn als Katze auf dem Bauch liegen hatte und streichelte, wenn er mit sich herum trug, wenn er Kuro zum Trainieren bewegen wollte, kam ihm keinesfalls das Wort Familie in den Sinn. Freundschaft, klar, aber keine brüderliche Verbundenheit.

In ihm kam in den vielen kleinen, grossen, unbedeutenden, lastenschweren, ernsten und lockeren Situationen, ob sie nun zum Alltag oder zur bitteren Realität gehörten, das Gefühl auf, jemanden gefunden zu haben, mit dem sich auch wortlos verstand, auf den er zählen konnte, den er beschützen wollte, mehr, als alles und jeden anderen in seinem direkten Umfeld. In ihm brodelten die verschiedensten Gefühle, wenn er sich in Kuros Nähe befand, an ihn dachte, seine Stimme hörte. Stolz, dass er Kuro einigermassen zu bändigen wusste, Bewunderung gegenüber des Vampirs, Angst, dass er Kuro jemals verlieren konnte, Freude, nicht mehr alleine zu sein, Trauer, Hass, Glück, Wut. Eine Explosion von Endorphinen und dann wieder nicht. Er fühlte sich glücklich, freudig, geborgen, dann doch wieder unsicher, ängstlich, wütend.

Er hätte es nicht umschreiben können, hätte man es von ihm verlangt. Er war noch nie wortgewandt gewesen. Misono war dadurch um einiges fortgeschrittener als er selbst es wohl jemals sein würde.

Er wusste nicht, weshalb, warum, wieso, wann und wo es angefangen hatte, Kuro nicht nur als blossen Freund zu sehen, als welchen er ihn schon zu Anfang gesehen hatte.
Wann hatte es denn angefangen, dass er Kuro nicht nur in seiner Wohnung, sondern auch in seinem Leben und seiner praktisch simplen Gefühlswelt mit Akzeptanz entgegengetreten war? Wann hatten sich die blosse Akzeptanz und das anfängliche Misstrauen in wahre Freude und Zuneigung gewandelt? Wann hatte er angefangen, Kuro heimlich und mit schnellen und verstohlenen Blicken zu mustern, beobachten, durchlöchern, während dieser träge auf dem Sofa lag und Chips in sich hineinstopfte? Wann genau hatte es angefangen, dass er so viele Gedanken an den Blauhaarigen verschwendete?

Er wusste es nicht.

Er konnte es nicht verstehen, was sich geändert hatte, konnte seine wahrlichen Hormonwellen nicht erklären, konnte sich auf keinste Weise rechtfertigen, hätte er es versucht. Er wusste wirklich nicht, wann er begonnen hatte, Kuro mit anderen Augen anzublicken. Es war keine Bewunderung, kein Stolz, kein freundschaftliches Gefühl der Zuneigung, kein familiäres Vertrauen, wenn er an den blauhaarigen Vampir dachte, sich in dessen Nähe befand, was in letzter Zeit ja häufiger vorkam. Es war keine Eifersucht, keinesfalls, kein Hass, keine Wut. Manchmal war er wütend auf sich selbst, aber er war selten wütend auf andere, gelegentlich verärgert, aber niemals ernsthaft wütend.
Er war in Kuros Gegenwart oftmals aufgekratzt, fühlte sich nervös, kribbelig, aufgeregt und hielt manchmal die Luft ohne erdenklichen Grund an, wenn Kuro und er sich aus Versehen mal berührten, sich zu nahe kamen.

Mahiru Shirota war nicht der Typ Mann – rechtlich gesehen ja noch Junge –, der sich vor seinen eigenen Gefühlen versteckte, sie verdrängte und nicht beachtete. Er frass nicht alles in sich hinein, litt stumm vor sich hin. Er sagte offen seine Meinung heraus, liess auch seine momentane Gefühlslage je nach Situation verlauten. Wenn er nicht ganz ehrlich sagte, wie es ihm ging, was er empfand und wie er sich fühlte, wie sollte ihn dann jemand verstehen, nachvollziehen können? Er jedenfalls verstand oft nicht, weshalb andere Wut auf ihn hegten, weshalb das eine Mädchen in seiner Parallelklasse ihm seit einiger Zeit nur noch den Rücken zuwandte und ständig errötete, wenn er ihr begegnete, weswegen deren Klassenkameradinnen stetig über ihn tuschelten, wenn sie meinten, er würde sie nicht hören.
Daher befand er es als einfacher, zu sagen, was er dachte, fühlte, damit auch ja keine Missverständnisse aufkommen konnten. Denn solche wieder zu bereinigen war sehr anstrengend und nervenaufreibend. Und auf solche Situationen konnte er gut und gerne verzichten.

Und genau wegen seinem einfachen Lebensmotto, alles einfach und simpel zu gestalten, konnte er sein eigenes Verhalten und Brechen seiner eigenen Prinzipien nicht verstehen. Er konnte nicht wirklich nachvollziehen, wieso es ihm derartig schwer fiel, mit Kuro ehrlich und offen zu sprechen, umzugehen, weswegen er seit kurzer Zeit nicht mehr im Stande war, Kuro in die Augen zu sehen, ohne ihn automatisch anzustarren.

Er verstand sich selbst seit geringer Zeit nicht mehr, hatte sich, seine Stimme und seine Körperfunktionen nicht mehr unter Kontrolle und dies bereitete ihm nicht nur Sorge, sondern auch Ärger. Es war wirklich nervend, inmitten einer Konversation mit Kuro plötzlich zu erröten, in Schweiss auszubrechen, seine Stimme stottern zu lassen, ohne das dazu Anlass gegeben wurde. Seine Hände zitterten oftmals, waren kalt und gleichzeitig wieder verdammt heiss. Sein Herz spielte verrückt, pumpte Adrenalin durch seine Adern, er schauderte. Und das alles, ohne seine Einwilligung, ganz plötzlich und unerwartet. Genauso verschwanden all diese Gefühlsregungen dann aber auch wieder. Und er hatte keine Ahnung, was mit ihm los war.
Wäre er eine Frau mittleren Alters hätte er es auf die Menopause schieben können. Doch da er weder das eine noch das andere war, hatte er beinah keine Ausweichmöglichkeit.

Vielleicht würde er Misono mal um Rat bitten. Vielleicht wusste der Schwarzhaarige ja, was genau mit ihm nicht stimmte. Vielleicht hatte er sich auch nur eine festsitzende Grippe eingefangen, die er einfach nicht mehr loswurde. Das würde jedenfalls einiges erklären und ihn beruhigen.



Während er die Schultasche mitten auf dem Flur zu Boden fallen liess, nicht gerade sanft, kickte er seine Schuhe von den Füssen, trat in seine Wohnung, rief nach alter Manier in die leeren Räumlichkeiten, dass er wieder zu Hause sei, obwohl ihm durchaus bewusst war, dass ihm niemand antworten würde. Er hatte es schon immer gewusst, dennoch hatte er wohl jedes Mal einen kleinen Funken Hoffnung in sich getragen, dass ihm jemand Antwort geben würde.

Kuro war derweil von seiner Schulter gen Boden gesprungen, hatte sich noch im freien Fall in seine menschliche Form gewandelt und stand nun, sich ausgiebig streckend und ungeniert gähnend, vor ihm, die Schuhe streifte er sich ebenfalls von den Füssen und liess sie unordentlich zwischen Mahirus vor dem Eingang stehen und machte sich, die Arme noch immer in der Luft, auf den Weg in die Küche. Von dort schien er sich nur seine Notration an Süsskram zu schnappen und wanderte weiter den mittlerweile bekannten Weg ins Wohnzimmer, in dem er sich, so schien es nach dem dumpfen Geräusch jedenfalls, auf das dort stehende Sofa fallen liess.

Mahiru seufzte, strich sich einige seiner braunen Strähnen hinters Ohr, er musste sie sich wirklich wieder einmal schneiden lassen, kaum auszudenken, wie es war, so lange Haare wie Kuro zu haben. Auch wenn diese furchtbar gut an ihm aussahen, das musste Mahiru sich zugestehen.
Kopfschüttelnd und über sich selbst spottend begab er sich ebenfalls ins Wohnzimmer, verpürte komischerweise nicht den Drang, zuerst die Wäsche vom Balkon herein zu holen und ordentlich – so wie immer – zu verstauen. Stattdessen setzte er sich ganz selbstverständlich neben Kuro, der sich beinah vollständig auf der Couch ausgestreckt hatte, die Chipstüte in der Hand und unüberhörbar schmatzend.

Mahiru nahm die Fernbedienung zu Hand, klickte die verschiedenen Programme durch, stoppte dann bei einer amerikanischen Sitcom, die er immer dann schaute, wenn er wirklich nichts Besseres zu tun hatte. Kuro schien nichts dagegen einzuwenden zu haben, schien nicht einmal interessiert in den Fernseher zu sein, aus dem gerade furchtbar falsches Lachen einiger Zuschauer erklang.
Der Blauhaarige verzog das Gesicht, steckte sich die letzten Chipskrümel in den Mund, liess die leere Tüte völlig unbeteiligt auf den Boden fallen, sah ihr beim Hinabsegeln zu, pustete sich eine tief hängende Strähne aus dem Gesicht.

Und dann, wie aus dem Nichts, vollkommen unerwartet und überraschend – für Mahiru jedenfalls – liess der Blauhaarige sich von der Sofalehne mit dem Kopf auf Mahirus Schoss hinabgleiten, lag nun quer über dem doch recht klein gehaltenen Sofa und drückte seine rechte Gesichtshälfte in Mahirus Schoss. Einfach so. Als wäre es selbstverständlich, seinen Kopf in den Schoss eines anderen Kerles zu legen, um anscheinend ein kleines Nickerchen zu halten. Vielleicht war es nichts Besonderes, nichts Erwähnenswertes, nichts Peinliches. Vielleicht war Kuro auch einfach viel zu müde, um sich anders einzurichten, hatte sich aus reinem Instinkt und Intuition auf seinen Schoss herabgelassen. An sich wäre das nicht weiter schlimm, nicht komisch, nicht falsch zu interpretieren. Es war genau das Gleiche, wie die vielen Male, als sich Kuro schon in seiner Katzenform auf seinen Schoss, Bauch und Rücken gelegt hatte. Nichts weiter.

Nur leider schien das Mahirus Körper ganz anders zu sehen.

Er errötete. Er konnte es ganz deutlich spüren. Die Hitze, die in seinen Wangen aufstieg, sich über seinen gesamten Kopf ausbreitete, sich überall hin verteilte und beständig blieb. Sein Herz hämmerte, als hätte er gerade einen dreissig Kilometer langen Sprint hinter sich, schickte das Blut mit den Hormonen – er ignorierte mal die Tatsache, dass eigentlich die Lymphen für den Transport für die Hormone zuständig waren, aber mit einem leergefegten Kopf liess sich nun mal schwer denken – in die kleinsten Ecken seines Körpers. Er schwitzte und es lief ihm abwechslungsweise kalt und heiss den Rücken hinunter, seine Hände zitterten stark, er schauderte und seine Atmung ging stockend und stossweise.

Gott, was lief nur falsch mit ihm?

Kuro schien von seinem offensichtlichen Kontrollverlust keine Notiz zu nehmen, drehte sich nur einmal, so dass er nun mit dem Gesicht zu seinem Bauch und somit zur Sofalehne lag, die Beine angezogen, die Arme darum geschlungen. Er sah unglaublich niedlich aus, wie er da so lag, die Kapuze war ihm vom Kopf gerutscht, offenbarte seine verwuschelten, cyanblauen Haare, die in alle erdenklichen Richtungen abstanden, in sein Gesicht fiel, die geschlossenen Augen und die entspannten Gesichtszüge beinah gänzlich verdeckten. Aber auch nur fast. Somit konnte er noch immer jedes kleinste Detail von Kuro ausmachen, beobachten, mustern.
Der Anblick des halbschlafenden Vampirs war so bannend, so neu, so verfluch niedlich, dass Mahiru den Kopf beinah energisch herumreissen musste, um seine Augen vor der Erkundungstour zu stoppen. Er wusste, dass Kuro selbst im Schlaf bemerkte, wenn man ihn anstarrte. Und das Letzte, was er wollte, was, erklären zu müssen, weshalb er ihn beobachtete, beinah schon bespannte, wenn er eigentlich schlafen wollte. Kuro konnte wirklich ernst werden, wenn es um seinen Schlaf ging.
Er erzitterte bei dem Gedanken an das letzte Mal, als er Kuro wecken wollte. Nie mehr wieder.

Ablenkung. Er brauchte jetzt Ablenkung, damit er nicht der Versuchung nachgehen konnte, durch die blauen Haare zu streichen, den Nacken seines Servamps zu kraulen, wie er es immer tat, wenn Kuro seine Katzenform angenommen hatte, und diesen dadurch womöglich zu wecken. Wenn er denn überhaupt schlief. Es schien jedenfalls so.

Daher drehte Mahiru seinen Kopf wieder in Richtung des Fernsehers, der jedoch nicht wirklich interessant genug war, um seinen Blick auf sich zu halten. Doch er wollte Kuro nicht anstarren. Wirklich nicht. Er wollte nicht, dass der andere bemerkte, was sich momentan in ihm so abspielte. Obwohl er es eigentlich schon wissen sollte, wenn er sein Blut trank. So ganz hatte er es noch immer nicht verstanden, wie es jetzt genau funktionierte, dass Kuro sein Innerstes beinah besser kannte als er selbst. Aber es würde sicherlich kein gutes Ende nehmen, würde Kuro seine Verwirrtheit, seine Unsicherheit und seine sicher auch vorhandene Angst spüren. Er wusste, was letztes Mal passiert war, als er sich der Angst und Unsicherheit hingegeben hatte. Nämlich ein Nahtoderlebnis. Und das war kein schönes Erlebnis gewesen.

Also richtete er seinen Blick aus dem Fenster, draussen war es bereits dämmrig, der Himmel in einem dunklen Violett, gepaart mit einigen Rosa- und Orangetönen, die das Gesamtbild mit wenigen Wolken und der kugelrunden feuerroten Sonne am Horizont schön abrundeten. Ein paar Vögel, die noch zu sehen waren, flogen gen Himmel, verschwanden aus seinem Sichtfeld, liessen sich von dem Wind tragen. Die Stadt erhob sich von einem grauen, fast schwarzen Ton vom vergleichsweise hellen Himmel ab, die brennenden Lichter in den Gebäuden liessen eben diese durchscheinend erscheinen. Auf den Strassen herrschte regen Verkehr, es waren wohl alle damit beschäftigt, so schnell wie nur irgend möglich, nach Hause zu kommen. Menschen waren nicht mehr viele auf den Gehwegen unterwegs, vielleicht einige, die noch die Last-Minute-Einkäufe erledigt hatten, schlichen zu ihrem Heim.

Doch auch da dieser kurzzeitig interessante Ausblick ihn nicht davon abhalten konnte, einige verstohlene Blicke zu dem Vampir auf seiner Couch zu werfen, wandte er den Blick wieder in die Wohnung, liess ihn über den Fussboden schweifen. Ein Schmunzeln schlich sich auf seine Lippen.

Sein Wohnzimmer glich einem Schlachtfeld. Nur dass auf einem Schlachtfeld ab und an wieder aufgeräumt wurde. Was man hier nicht behaupten konnte. Es sah jedenfalls nicht danach aus.
Überall lagen diverse Verpackungen, leere Schüsseln und Gläser, Teller und Besteck, leere Petflaschen, Chipstüten, Kleidungsstücke, die er Kuro immer zum Schlafen oder anderweitiges Abwechslung geliehen hatte – die beiden trugen in etwa dieselbe Kleidergrösse –, Kissen und Decken waren herumgeschleudert worden – ja, er und Kuro hatten sich am Vorabend eine heftige Kissenschlacht geliefert, die jetzt erst ihre volle Zerstörung Preis gegeben hatte – und zwei Controller seiner Konsole lagen herum.

Auf dem Teppichboden bildeten sich ganz deutlich die verschiedenen Flecken ab, die Kuro verursacht hatte, indem er viel zu unvorsichtig mit seinen Sachen umging und immer wieder Cola umstiess. Krümel und einzelne Kekse lagen auf dem niedrigen Wohnzimmertischchen und dem Fussboden, ebenso das Futterschälchen, das ursprünglich für Kuro gedacht gewesen wäre, aber nie entsorgt wurde.
Nicht zu vergessen die wild durcheinander liegenden Kabel der vielen Geräte, die er am Stromnetzwerk angeschlossen hatte, versperrten jedem den Weg zum Sofa, über die er schon des Öfteren gestolpert war.

Ja, er, Mahiru Shirota, liess es zu, dass sein Wohnzimmer so zugemüllt wurde, obwohl er Chaos verabscheute, nichts als penible Ordnung und Sauberkeit duldete. In der Norm jedenfalls. Jetzt war eine andere Situation. Jetzt hatte er nichts mit der Unordnung zu tun, hatte sie nicht verursacht, sie aber auch nicht entsorgt. Es überraschte selbst ihn ein Stück, dass er nicht jetzt und hier aufsprang, Staubsauger und Müllbeutel holte und das Schlachtfeld stürmte. Dass er, Ordnungsliebender, nicht sofort alles daran legte, sofort Ordnung in sein Heim zu schaffen, da diese sich offenbar nicht gut mit seinem Zuhause verstand.

Sein Blick wanderte nach unten zu Kuro, dessen Kopf noch immer auf seinem Schoss gebetet war, die Hände hatte er an die Brust gepresst, er atmete regelmässig. Mahiru legte sanft lächelnd seine Hand auf Kuros Kopf, strich ihm sacht einige Strähnen aus dem Gesicht, liess seine Finger durch die weichen Strähnen fahren.

Er wusste genau, wieso er nichts gegen die Unordnung einzuwenden hatte. Weshalb er sie nicht mit sofortiger Wirkung beseitigte. Weshalb er nicht in diesem Augenblick aufsprang und sie entsorgte.

Solange Kuro sich wohlfühlte, würde er über die Unordnung, über seine Prinzipien und Prioritäten, die ihm nun gar nicht mehr wichtig erschienen, hinwegsehen. Er mochte es noch immer simpel und einfach, ordentlich, sauber und unkompliziert.

Doch als der die Hand über Kuros Wange fahren liess, dabei unwillkürlich schmunzeln musste, als der Blauhaarige mürrisch grummelte, als er die Hand wieder fortnahm, sie deshalb schnell und genauso vorsichtig wieder dorthin legte, blitzte ihm der Gedanke durch den Kopf, dass es vielleicht gar nicht so schlimm war, einmal ein wenig Chaos, Unordnung und Kompliziertes in seinem Leben zu haben.
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