Out of sight (Fortsetzung Out of Control)

von sugar78x
GeschichteDrama, Krimi / P16
"Howlin' Mad" Murdock Amy Allen Bosco "B.A." Baracus Colonel Decker John "Hannibal" Smith Templeton "Face" Peck
07.05.2015
02.01.2019
30
57.154
4
Alle Kapitel
52 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
07.05.2015 2.371
 
Anmerkung für Neuleser:
Um zu verstehen, was es mit Danil auf sich hat - und noch viel wichtiger, wer Danil überhaupt ist, solltet ihr den ersten Teil lesen ;-)  "Out of control"
-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
1. Zimmer frei

Verdammt nochmal, warum konnte er nicht einfach schlafen, wie andere Menschen auch?
Danil seufzte, lehnte sich über die metallische Brüstung des kleinen Balkons und schaute auf die Strasse.  Es war nur noch wenig Verkehr, nur gelegentlich drang ein Hupen zu ihm nach oben. Auf der anderen STraßenseite hörte er ein paar Jugendliche  lachen, die in der milden Herbstnacht auf dem Weg zur Innenstadt waren. Müde ließ er sich wieder zurück in seinen Rattanstuhl fallen, ließ den Blick über die beleuchteten Häuser und Straßen  von Lewiston wandern und versuchte sich zu entspannen, seinen wirren Gedanken etwas Einhalt zu gebieten.

Seine hastige Flucht aus Pullman hatte recht frühzeitig hier geendet. Das Städtchen war überraschend groß, verfügte über genügend Jobs und auch Unterkünfte.  Die zwei Flüsse, die den Ort umgaben -  Snakeriver und Clearwater-River, verschafften der Stadt sogar einen kleinen Hafen. Gegenüber des Snakerivers war die Stadt Clarkston. Sie wirkte nahezu wie ein Kopie ihrer Nachbarstadt, nur mit dem entscheidenden Unterschied, daß sich Industrie eher in Lewiston ansiedelte und dort mehr Arbeitsstellen entstehen ließ. Er würde sich wirklich gern länger hier  aufhalten wollen, doch  das rastlose Gefühl in seiner  Brust drängte ihn weiter. Weiter fort von hier, von Pullman. Von dem Ort wo alles angefangen hatte und vor wenigen Monaten alles endete. Alles, an das er sich erinnern konnte, seitdem er in Alexejew’s Haus in Pullman aufgewacht war.

Die Augen hafteten auf dem Etikett der Cognac-Flasche, folgten Gedankenverloren dem aufgedruckten Ornament. Die Westküste war sein Ziel, vielleicht L. A. oder San Francisco - Riesige Städte, Sonne, Strand und Meer. Und das wichtigste: viele Menschen, keine Einsamkeit. Bis dahin war es allerdings noch ein  ziemlich weiter Weg - erst recht wenn man kein eigenes Auto besaß oder irgendein Einkommen.

Er grinste schwach, während seine Finger über den eigenen Arm strichen und an der goldenen Armbanduhr halt machten. Letzte Woche hatte er sie beim Kartenspiel in Moe’s Club gewonnen. Ein paar Drinks, etwas Geplauder, er verstrickte sich in eine Geschichte und schon saß er mit vier fadenscheinigen, unrasierten Gestalten in einem verrauchten Hinterraum, gleich hinter der Bar. Die ersten Runden liefen schlecht, er hatte Mühe den Regeln zu folgen. Drei Schnäpse und zwei Bier später hatte er den Dreh’ raus, drehte den Spieß zu seinem Vorteil um - vermutlich auch die Auslegung einiger Regeln -  und gewann neben der Armbanduhr noch etwas Kleingeld. Genug für das Essen der nachfolgenden Tage, doch für das  Zugticket an die Küste reichte es nicht.

Halb drei, mitten in der Nacht. Einer neuer Seufzer. Noch vier Stunden bis es unten in der Hotellobby Frühstück geben würde.  Die Finger trommelten einige Takte auf der Armlehne. Nicht, daß er Hunger hätte. Im Gegenteil. Er hatte ein fantastisches Abendessen in ebenso fantastischer Begleitung gehabt.... Aber nun  waren es  noch vier einsame und lange Stunden, bis er seinem eigenen Horror entfliehen konnte.
“Grauhaariger Mann, weiße Kleidung” notierte er in dem winzigen Notizbüchlein auf seinem Schoss. Er schloß die Augen, versuchte sich an seinen Traum zu erinnern. An den Mann mit dem weißen Kittel, der sich immer wieder über ihn beugte und auf seltsame Weise das Blut in seinen Adern gefrieren ließ.

“ Männerstimmen” schrieb er dazu. Sie waren immer im  Hintergrund, sagten Dinge, die er nicht verstand. Sein Blick wanderte erneut über die Häuserdächer.  Verdammt, was war da doch? Der Stift begann einen Buchstaben nachzumalen. Was ließ ihn jede Nacht schweißgebadet aufwachen, ließ ihn Schmerzen in seinem ganzen Körper spüren? Er nahm einen Schluck Cognac und blätterte durch sein Notizbuch. Es stand nahezu auf jeder Seite das Gleiche. Nichts davon ergab einen Sinn.

Er hätte in Pullman mit diesem John sprechen sollen! Als sie auf der Flucht vor Alexejew’s Leuten waren, hatte John seltsame über ihn Dinge behauptet.  Und schlimmer noch, offenbar waren sich John und Alexejew schon einmal begegnet.  Warum nur konnte er sich dann an nichts erinnern? Und wenn Alexejew etwas über seine Vergangenheit wußte, warum hatte er ihm nie etwas davon erzählt?

Alexejew.
Die Gedanken kreisten ständig um ihn. Es war als ob…
“Hey.”
Er zuckte zusammen, als er die zarte Frauenstimme  hinter sich hörte, eine Sekunde später  spürte er ihre Hände auf seiner bloßen Brust. Sie beugte sich über seine Schulter,  küßte ihn zärtlich auf die Wange und er spürte ihre braunen, glänzenden Haare auf seiner Haut. Sie roch verführerisch gut, er mochte den süßlichen Duft.
“Hey.” SEin Blick haftete noch immer auf den Hausdächern.
“Was machst du hier?” flüsterte sie leise in sein Ohr.
Statt zu antworten nahm er einen erneuten Schluck Cognac.
“Was notierst du da?”
“....Ideen für einen Geschäftstermin...” log er.
“Kann ich sie sehen?” Sie griff nach dem kleinen, abgenutzten Büchlein
“Nein.” Erschreckt richtete er sich auf und schob das Buch zur Seite
“Entschuldige. Ich wollte dir nicht zu Nahe treten. Kommst du jetzt wieder ins Bett?”
Er zögerte kurz, ließ die Finger über das Cognacglas wandern. Ins Bett wollte er eigentlich nicht mehr. Nicht für heute Nacht.
“Kathy…”
“Ja?” säuselte sie und begann seine Schultern zu küssen.
“Ich…”
Sie küßte ihn leidenschaftlicher, ließ ihre Hände an seinem Oberkörper langsam nach unten gleiten, spielte schließlich verführerisch mit ihren Fingern am Bund seiner Pyjamahose. Er schloß die Augen. Hoffte, daß sich sein Herzschlagen endlich beruhigte, doch stattdessen fühlte er sich immer unbehaglicher.
“Kathy, bitte…”
“hmmm, ich schlage vor, wir machen da weiter, wo wir eben aufgehört haben…?” Ihre Berührungen wurden intensiver.
“Es ist besser wenn du jetzt gehst….”
“Was?” abrupt hielt sie inne und starrte ihn an.
Mist, er sollte besser nachdenken, bevor er den Mund aufmachte!
“...ins Bett, Honey,  ins Bett. Ich brauche noch ein paar Minuten allein, dann komme ich nach.” Er spürte, wie sie erleichtert ausatmete, ihm einen verliebten Blick zuwarf und sich dann wieder Richtung Schlafzimmer bewegte.

Das war knapp. Die Tochter des Hotelbesitzers mitten in der Nacht vor die Tür zu setzen, wäre nicht unbedingt ein sinnvolles Vorhaben gewesen. Im Hinblick auf die zwei noch ausstehenden Monatsmieten, das ganze unbezahlte Essen und die Nächte an der Bar, sogar ein recht Dummes.  Er seufzte. Hoffte, daß sie schnell wieder einschlief.
Als sie aus seinem Blickfeld verschwunden war, goß er sich neuen Cognac ein, zog das Büchlein hervor und blätterte wieder in den Seiten.

“Grauhaariger Mann”  
Allein das zu lesen fühlte sich unbehaglich an. Wer war dieser Typ? Woher kannte er ihn? Ob das dieser Mario war, wovon Alexejew gesprochen hatte? John hatte den Namen auch erwähnt...
Und wer zur Hölle war John überhaupt? Er drehte seine Hand und betrachtete die winzigen vernarbten Einstiche auf der Innenseite.  Die kleine Anstecknadel  hatte sie hinterlassen, als Wladimir, Alexejew’s bulliger Handlanger, ihn zusammengeschlagen hatte.


John Smith. Es gab unendlich viele Menschen mit diesem einfallslosen Namen. Ein Blick ins Telefonbuch beendete seine naive Idee umgehend, nach John zu suchen. Vermutlich war das gar nicht sein richtiger Name. Ob er nur kam, um Alexejew zu provozieren? Ein alter Geschäftspartner? Nach kurzem Zögern schrieb er John’s Namen in das Buch.
“Army” hatte er gesagt, und irgendwas mit Spezialeinheit.  Auch das schrieb er darunter.
Ein neuer Schluck aus dem Glas.  Der Blick wanderte wieder in die Ferne.
Er mußte hier weg. Die Miete konnte er ohnehin nicht bezahlen und Kathy wurde ihm ein bißchen zu anhänglich.

Zu gern würde er mit Viktor sprechen wollen. Von seinen acht Monaten bei den Bogdanovs war Danil nahezu ständig Viktor’s Begleiter gewesen. Egal wo, egal wann. Höchst selten ließ er ihn alleine, sorgte dafür, daß Viktor heil und ohne größeren Ärger nach Hause kam. Ganz so, wie es Alexejew gewünscht hatte. Und Alexejew’s Sohn zog Ärger an wie ein Magnet: er nahm sich jede erdenkliche Freiheit, nicht selten im alkoholisierten Zustand. Danil hatte seine Aufgabe nicht immer gemocht, aber er fühlte sich mit der Gewissheit gut, Alexejew’s Vertrauen genießen zu dürfen. Er hatte alles getan, um ihn nicht zu enttäuschen. Schließlich war es Alexejew gewesen, der ihm das Leben gerettet und ihm so etwas wie eine Familie gegeben hatte. Nicht unbedingt eine Bilderbuchfamilie. Aber es war eine Familie.
Er seufzte innerlich. Ein mieses Gefühl füllte ihn aus.  Er hatte den einzigen Mensch verraten, der zu ihm stand. Jetzt hatte er gar nichts mehr.  - Oh, nein. DAs war nicht ganz korrekt. Natürlich hatte er jetzt die fantastische Freiheit, die John ihm angepriesen hatte. Und was konnte er sich dafür kaufen? Stattdessen war er allein, mit sich und seinen quälenden Gedanken, die sich langsam aber sicher zu einer wirklich lästigen Angelegenheit entwickelten…

“Konzentrier’ dich!”
Mit beiden Händen rieb er über seine Stirn. Was hatte ihm John noch erzählt? Die letzte Mission sei irgendwie schief gelaufen, und er sei in die Hände der Gegner gefallen, das Wort Menschenhändler hatte er verwendet. Er fühlte sich unbehaglicher, spürte, wie sein Herzschlag wieder beschleunigte, als er die Worte notierte.
Er drehte den Stift einige Male zögerlich in seiner Hand, dann schrieb er “Mario?” darunter.  Er spürte das Herz bis in seinen Hals hinein. Was zur Hölle war passiert?
ES kam wie ein Blitzschlag, der stechende Schmerz in seiner Brust, der ihm fast den Atem nach.
“Verdammt!”
Er sah noch aus den Augenwinkeln das Cognacglas auf den Boden fallen, als er von seinem Stuhl aufsprang und sich an die schmerzende Brust fasste. Er musste hier weg.  Sofort. Keine Sekunde konnte er länger hier bleiben.  
“Honey, ich hab ein Geräusch gehört, ist alles ok?”
“...Ja.” Mit etwas Anstrengung schaffte er das Ächzen in seiner Stimme zu unterdrücken. “Mir ist nur das Glas runtergefallen, ich -  ich  komme…”

Seine Hände hielten ihn noch für einen kurzen Moment an dem metallischen Balkongeländer fest, während er  wartete, daß aus dem Schlafzimmer keine Geräusche mehr zu hören waren. Dann eilte er los, Hose, Schuhe, T-shirt -. Keine 10 Minuten später stand er mit seiner kleinen Tasche unten auf der Strasse und überlegte, welche Richtung er einschlagen sollte.

“DANIL! WAS SOLL DER SCHEISS?” Kathy erschien auf dem Balkon und schrie nach unten.
“Honey, es tut mir leid….”
“VERARSCH’ MICH NICHT!!!!”
“Kathy, ich melde mich!” Er warf ihr einen Luftkuss zu und sprang geistesgegenwärtig zur Seite. Gerade noch rechtzeitig, bevor neben ihm die Cognacflasche laut klirrend auf dem Boden aufschlug.
“Mein Vater kriegt noch Geld von dir, du mieser Betrüger!”
“Ja ähm ...  ich …”
Er drehte sich einmal um die eigene Achse, blickte wieder nach oben zu der aufgebrachten Brünetten. Ein Grinsen lief über sein Gesicht:
“Mein Freund zahlt, John Smith!”
Dann rannte er los.


***


“Oh hallo, so ein hübsches Gesicht, und das so früh morgens in unserem kleinen Laden! Mein Name ist Betty, was kann ich dir bringen, Schätzchen?” Sie lächelte ihn verschmitzt an.
Danil schaute etwas verunsichert nach oben, blickte der smarten Kellnerin direkt ins Gesicht. Sie war vielleicht Anfang fünzig, dezent geschminkt und hatte eine gute Figur, die langen, leicht angegrauten Haare zu einem sportlichen Zopf. Sie paßte gar nicht in den kleinen Diner, wirkte eher wie die Inhaberin, statt Bedienung. Mit einem freundlichen Lächeln positionierte sie sich vor ihm, ihren Notizblock in den Händen.
“Ich kann dir die Rühreier empfehlen, macht der Chef ganz frisch. Mit Bacon und Toast?”
Danil zögerte, in seinen Taschen waren keine zwei Dollar mehr.
“Kaffee gibt’s gratis dazu. Und so wie du aussiehst,  brauchst du ihn ziemlich schwarz, Schätzchen!”
Bevor er wirklich ja sagen konnte, war sie schon wieder den Gang entlang.

Mit beiden Händen strich er seine zerzausten Haare nach hinten. Er war müde und er sah mit Sicherheit schrecklich aus. Die ganze Nacht hatte er nicht geschlafen, war stattdessen mit der Hoffnung eine Idee für eine Bleibe zu finden durch die halbe Stadt gewandert . Zu guter Letzt war er für eine knappe Stunde auf einer Parkbank eingenickt. Zum Glück war es Nachts im Moment nicht so kalt, aber erholsam war es nicht gewesen. Er könnte es noch mal bei Pamela versuchen, aber die war so furchtbar anhänglich gewesen. Christie, die war nett gewesen. Wenn da nicht die Sache mit ihrer Freundin gewesen wäre. Die hatte sich ihm ja einfach so aufgedrängt, obwohl er es gar nicht wollte. Also auch keine wirklich gute Idee. Er seufzte innerlich. Zusammenfassend konnte man sagen: Er hatte keinen blassen Schimmer wo er hin sollte.

“Hier ist dein Kaffee. Die Eier kommen gleich...” unterbrach sie seine Gedanken. Für einen Moment blieb sie stehen und musterte ihn. “Was ist los? Ich seh doch, daß du Sorgen  hast? Und warum hast du die ganze Nacht nicht geschlafen?”
Irritiert schaute er sie an, zog die Augenbrauen nach oben. Was?
“Ich seh’ hier jeden Tag Hunderte von Menschen, mir machst du nix vor. Hat sie dich raus geschmissen?”
Nach einem kurzen Zögern nickte er mit schüchternen Blick, gab ihr damit die Möglichkeit die Geschichte allein auszuschmücken.
“Nicht zu fassen! Hey - ich hoffe, du hast nichts angestellt…? Aber nein, so einer wie du hat keinen Grund morgens so auszusehen, du hättest mit Sicherheit einen Schlafplatz gefunden, wenn sie dir egal wäre. Das ist sie nicht, stimmt’s?” Sie seufzte, als er erneut nickte und ohne große Mühe noch etwas trauriger schaute.

“Ich wollte ich sie…..heiraten…” presste er aus sich heraus “Ich habe alles hinter mir gelassen und aufgegeben: meinen Job, die Wohnung, Familie und Freunde verlassen…  Und dann, nach zwei wundervollen Jahren, …” er schluckte übertrieben “...dann steht da gestern Abend dieser Typ vor der Tür. Und als ich nachfrage, wer das ist, sagt sie, daß sie …. “ Er machte eine auffällig lange Pause und schaute konzentriert aus dem Fenster. Dann atmete er tief ein: “.....Es wird schon werden….Irgendwie ….finde ich schon eine Bleibe….”  Die Worte kamen nahezu von allein aus seinem Mund, wie ferngesteuert. Er klammerte sich an seinem Kaffee fest, schielte nach oben, unsicher ob  sie ihm diese alberne Geschichte abkaufen würde. Vielleicht hatte er doch etwas dick aufgetragen…
“Also - Ich habe ein Gästezimmer - das vermiete ich manchmal an Studenten. Es ist frei zur Zeit.”
“Was?”
“Ja, wirklich. Du kannst bei mir wohnen, bis du etwas eigenes gefunden hast. Und die Eier, Schätzchen, die gehen heute auf mich!” Mit einem Zwinkern verließ sie seinen Tisch um die anderen Gäste zu bedienen.
Das war ja schon fast zu leicht. Ungläubig schaute er ihr nach. Als sie außer Sichtweite war, konnte er das kleine  Lächeln auf seinen Lippen nicht mehr unterdrücken.

***
Review schreiben