Okonomiyaki

von Tijana
GeschichteRomanze / P12
Ryouga Hibiki Ukyo Kuonji
02.05.2015
21.01.2017
5
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Okonomiyaki


Prolog




Regen in Nermia






Es regnete in Nermia.
Seit ewiger Zeit regnete es.
Trostlosigkeit hatte Einzug gehalten und sich mit der Dunkelheit fest verbündet.
All das was diesen Ort einst so viel Wärme gegeben hatte, war verschwunden. Alles, was die Herzen derer hätte erwärmen können, war weg. Alles, was denen die bis zuletzt unerschütterlich an bessere Zeiten geglaubt hatten, hatte sich in wohl gefallen aufgelöst.
Das, was geblieben war, war der Regen.
Kälte setzte sich in den Knochen fest und breitete sich von dort aus in schier unglaublicher Geschwindigkeit im restlichen Körper aus.
Erfasste Blutsystem und Organe. Schloss sich eisern um das Herz.

Auch das Herz des jungen Mannes, der gerade ziellos und sehr bedrückt durch die düsteren Straßen irrte, hatte die Finsternis seit jenem Tag in seiner Gewalt. Unbeugsam weigerte sich dieser Schatten, zu gehen.
Wie so viele Male blieb er stehen und sah sich träge um, so als suche er etwas. Allerdings musste er wieder ein Mal feststellen, das in dieser verfluchten Stadt immer noch alles gleich aussah.
Nichts hatte sich verändert.
Gar nichts.
Seitdem er vor fünf Jahren das letzte Mal hier gewesen war.
Alle Straßen sahen immer noch so nervenaufreibend gleich aus. Überall dieselben hohen Zäune oder Mauern. Alles Käfige, die die Menschen, die sich dahinter zu verstecken pflegten, selbst gebaut hatten. Nur um sich vor der großen, weiten Welt, vor der Freiheit zu verbegen.
Engstirnig!
Verdammt! All diese Stadtmenschen kannten keinen weiteren Weg, als der vom Wohnzimmer zur Toilette.
Er schnaubte abwertend.
Wenn er etwas gelernt hatte, in all den Jahren, in denen er nun nicht mehr hier gewesen war, das nichts so groß war, wie der eigene Geist. Und das es nichts Schöneres gab, als das Risiko und das nächste Abenteuer, in das man sich blindlings hineinstürzen konnte. Nur um daran zu wachsen.

Der junge Mann war schon immer so gewesen.
Die Freiheit begleitete ihn nun schon so lange, das er sich ein Leben ohne sie gar nicht vorstellen konnte.
Ohne ihre Grenzenlosigkeit.
Ohne ihre Offenheit.
Oder ihre liebevolle Art...
Ryoga Hibiki taumelte mit aufgespanntem Regenschirm zur Seite und musste sich erst ein Mal an einer der Mauern stützen, die er gerade eben noch verteufelt hatte.

Verflucht.
Da hatte er endlich in seiner Orientierungslosigkeit endlich etwas Positives gefunden und dann führte sie ihn am Scheitelpunkt seiner Verzweiflung, seines Leidens genau in die Stadt, die ihn in die Flucht getrieben hatte.
Er stütze sich an der kalten Mauer ab und hatte Mühe nicht nach unten auf die nasse Straße zu sinken.
Der junge Krieger nahm einen tiefen Atemzug und roch den Regen, der unaufhörlich auf die Straßen niederprasselte und die Kälte in seinem Herzen immer größer werden ließ.

Warum war es Nermia geworden?
In den letzten fünf Jahren hatte sein Orientierungssinn so gut schlecht funktioniert, dass er wahrscheinlich noch nicht ein Mal in die Nähe dieser Hölle gekommen war.
Aber nach fünf Jahren hatte dieser es sich dieser Sinn anders überlegt und ihn geradewegs wieder in den Ort gebracht, wo er nie wieder hatte sein wollen.
Seine Faust ballte sich und er spannte sich an.
Schließlich war es gar nicht einfach gegen das Bild anzukämpfen, das sich gerade gewaltsam in seinen Kopf drängte und sich von gar nichts abhalten ließ.

Herrlicher Sonnenschein sah er vor seinem inneren Auge. Eine Wärme und ein Glück in einem Paar brauner Augen, das von einem hauchzarten Schleier überdeckt war. Augen, die so bezaubernd waren, so voller Güte und Liebe. Doch sie sahen den falschen Mann an. Sie strahlten in diesem Maße für den Falschen. Denn er hätte mit der Frau, die er dort sah, am Altar stehen sollen.
Er hätte ihr die Welt zu Füßen gelegt!

Ryoga musste einen weiteren tiefen Atemzug nehmen, um sich wenigstens ein wenig beruhigen zu können.
Verdammt - und wie er das hätte.
Akane Tendo hätte es an nichts gefehlt.

Aber er hätte sie nicht glücklich machen können.

Der junge Krieger holte mit seiner Faust aus und schlug sie gegen die Wand. Kraftlos prallte sie ab und im Endeffekt tat dieser Schlag aus Verzweiflung ihm sicher mehr weh, als der Wand.
Es war ein Zugeständnis, das er seinem erbitterten Erz - Rivalen machen musste. Keiner seiner Nebenbuhler konnte das, was er konnte. Keiner konnte Akane Ten...
Er berichtigte sich selber. Auch mit dem Gedanken im Kopf, dass es ihm vielleicht irgendwann besser gehen würde, wenn er gewisse Tatsachen endlich so akzeptierte, wie sie eben waren!

Keiner konnte Akane Saotome so glücklich machen, wie ihr Ehemann.

Trotzdem.
Sie war nach wie vor die erste Liebe seines Lebens.
Und sie würde es bleiben.

So wie es sich anfühlte.
Er hatte sie verloren.
Für immer.

Mit leeren, viel mehr noch tieftraurigen Augen sah er etwas nach oben und brauchte lange, bis er sich von der mauer mit unglaublich viel Kraft weg drücken konnte. Nur um weiter dem Weg entlang zu gehen.
Wo auch immer dieser ihn hinbringen würde.

Schlurfende Schritte trugen den einst so mutigen Kämpfer nach vorne. Langsam und behäbig, doch er kam langsam weiter.
Bis ihn eine neue Welle aus Trauer überkam und er wieder stehen bleiben musste.  

Mitten im Regen und unter seinem Regenschirm.
Er brauchte einen weiteren Moment.
Diesen Augenblick, um genug Kraft sammeln zu können und irgendwie einen Weg aus diesem Höllennest Nermia raus zu finden.
Er sah erst nach links und erkannte wieder nur Mauer.
Dann sah er nach rechts und erkannte einen kleines, wohl schon lange und auch ziemlich hastig verlassenes Restaurant.

Ryoga starrte es erst nur an. Bis sich die Erinnerung in sein Bewusstsein hochgekämpft hatte. Er erkannte, dass dies der Katzenladen war, in dem diese durchgedrehte Amazone mit ihrer skrupellosen Großmutter gehaust hatten.

Die Dekoration war gar nicht erst abmontiert. Immer noch prangte das große Schild ‚Katzenladen‘ über der Türschwelle. Die Tür stand einen großzügigen Spalt offen und es wirkte so, als ob es letztendlich egal gewesen wäre, wer oder was sich so dort alles Zutritt verschaffte.
Also hatten diese Verrückten es genauso gemacht wie er.
Als weder Ranma noch Akane sich vom Heiraten hatten abhalten lassen ...

Flucht als letzter Ausweg.
Er zog wieder scharf Luft ein und brauchte nun schon einen weiteren unzähligen Moment um sich wieder sammeln zu können.
Damit er weiter gehen konnte.  

Pah!
Da beschimpfte er die Städter als selbst einschränkend und war dabei selber noch nicht ein Mal in der Lage, die inneren Zwänge und dieses verdammte Selbstmitleid zu überwinden.
Was war er doch für ein Mann ...
... er war eine Maus.
Nichts anderes.

Schwerfällig schlurfte der gebrochene Krieger weiter.
Er kämpfte mit sich, als er so mitleiderregend durch die unzähligen Straßen Nermias irrte. Versuchte diese böse, innere Stimme, die ihm schon die letzten Jahre eingeredet hatte, das er ein armes Schwein war und das die ganze, restliche Welt ungerecht war, zu ignorieren.
Aber sie ließ sich nicht ignorieren.
Nicht mehr.

Seitdem er diese verfluchte Stadt betreten hatte, war sie stark wie nie.
Außerdem drauf und dran, ihn nicht nur in die Knie zu zwingen, sondern drückte ihn auch mit dem Gesicht ganz tief in den Dreck.

Verflucht!
Es wäre für wirklich jeden beteiligten besser gewesen, wenn er es gewesen wäre, der Akane den Ring an den Finger gesteckt hätte.
Dann wäre Akane nicht mehr das ständige Ziel, von außerordentlich hinterlistigen, höchst Eifersüchtigen, anderen Verlobten gewesen.
Und Ranma hätte sich an Kodachis Seite in die High Society heiraten können.
Oder mit Shampoo zum Stamm der Amazonen gehen können.
Oder mit Ukyos...

... wieder blieb er stehen und betrachtete den Eingang eines weiteren kleinen Restaurants.
Es wirkte viel ordentlicher und Sauberer.
Und nicht so kalt wie der dunkle Katzenladen.
Der junge Mann blinzelt ein Mal und bemerkte auch erst auf den zweiten Blick, dass im inneren schwaches Licht leuchtete.

Diesmal dachte er nicht darüber nach.
Er stand dort, mit leeren Kopf und entschloss sich kurzerhand dafür, auf die Tür zu zu gehen und sie zu öffnen.  

Der Raum, den er betrat, war kalt.
Eigentlich hatte er wärme erwartet. Und das leise, knisternde Geräusch garender Okonomiyaki. Ryoga hatte den herrlichen Duft köstlicher Speisen bereits in der Nase gehabt, noch bevor er den Raum richtig betreten hatte.
Doch da war gar nichts.
Nichts.

Ukyos Laden war leer.
Eine Tatsache, die ihn überraschte.
Schließlich hatte er schon des Öfteren gehört, dass ihre Okonomiyaki die Besten weit und breit waren.
Aus diesem Grunde konnte er sich nicht vorstellen, dass die Kunden ausblieben, weil ihr Essen auf ein Mal nicht mehr schmeckte.
Es musste einen anderen Grund geben ...

Ryoga wurde sehr unfreundlich begrüßt.
Die junge Frau, die da so niedergeschlagen hinter den sauberen und kalten Kochplatten saß, machte sich noch nicht mal die Mühe aufzusehen. Bevor sie ihn mit großer Traurigkeit in der Stimme direkt wieder raus warf. „Geschlossen verdammt!“, schimpfte sie entnervt. „Könnt ihr alle nicht lesen?“ setzte sie dem nach. Ihr schien gerade - nein, eigentlich schon seit sehr langer Zeit, alles zu viel zu sein ...

Er verstand sie.
Natürlich wollte sie keinen sehen. Schließlich war sie die Jenige gewesen, die Ranma schon seit Kindesbeinen an kannte.
Den sie so sehr gemocht hatte.
Bis er auch ihr das Herz gebrochen hatte ...
Er sollte nicht stören ...
„Oh...“, sprach er und hörte sich selber Reden.
Es hörte sich komisch an, so als stehe er selbst neben sich. „Verzeihung, Ukyo...“ er trat einen Schritt zurück mit seinem Schirm in den Regen hinaus und griff nach der Tür um sie schließen zu können.
Recht hatte sie.
Was hatte ihn auch geritten ein zu treten?
Schließlich kannten sie sich nicht wirklich gut.
Es war besser, wenn er seiner Wege ging.
Irgendwann würde er sicher wieder alleine auf die Beine kommen ...

Ukyo hatte natürlich mit irgendwelchen Fremden gerechnet, die in der Hoffnung eintraten, dass sie nicht vielleicht doch ihren Laden geöffnet hatte.
Hatte sie nicht!
Sie wollte nicht.

Sie konnte nicht.

Doch am allerwenigsten hatte sie mit Ryoga Hibiki gerechnet.
Zu ihrer eigenen Überraschung sprach ihr Mund schneller, als ihre Gedanken hinter herkamen, als ihr Kopf seine Stimme erkannt hatte. „Ach Ryoga!“, sagte sie perplex, sah mindestens genauso überrascht auf. Warum konnte sie sich nicht erklären, aber sie wollte, dass er blieb. „Komm rein! Bleib doch!“ sagte sie. Es tat ihr leid, dass sie ihn so angefahren hatte.
Aber woher hatte sie wissen können, dass auf einmal er in ihrer Tür stand?

Er sollte bleiben.
Ryoga war ein sehr angenehmer Zeitgenosse.
Und auch wenn es gerade vielleicht etwas egoistisch war - sie hatte das Gefühl, das sie gerade seine Ruhe brauchte.

Doch er schien nicht zu wollen.
Enttäuschung machte sich in der jungen Frau breit. Obwohl sie wusste, dass sie kein Recht darauf hatte, enttäuscht zu sein.
Aber im Augenblick, als sie ihn erkannt hatte, war auch der gewesen, in dem ihr etwas ganz Wichtiges in den Kopf gekommen war. Ihr wurde klar, dass sie doch nicht so alleine mit ihrem Problem da stand, wie sie in den letzten fünf Jahren gedacht hatte.
All dieses Leid hatte ihr nicht gut getan, und wenn sie trotz ihres Kummers eins erkannt hatte, dann war es in letzter Zeit die Tatsache, dass sie nicht mehr so leiden wollte ...

Ryoga erhob seine Stimme und sah sie sicher mit dem gleichen Leid in den Augen an. „Nein wirklich Ukyo. Ich will dich nicht stören ...“ sagte er und drehte sich von ihr weg Richtung Regen.
Er verstand die junge Frau. Sie brauchte sicher Raum für sich, um zu verstehen, warum alles so gelaufen war, wie es nun mal war. Den hatte er schließlich auch in den letzten fünf Jahren gebraucht. Deswegen war es besser, wenn er ging.
Der Krieger setzte einen Fuß auf die nasse Straße und ihm fiel auf, dass das kühle Nass, das nun schon so lange vom Himmel fiel, wohl langsam weniger wurde.
Außerdem fiel ihm eine leise, verzweifelte Stimme in seinem Rücken auf.

Ukyos Stimme zitterte leicht. Und sie hatte auch etwas sehr Trauriges. „Bitte ...“, flüsterte sie bedrückt. „...Ryoga...“ setzte sie dem Ganze hinter her und es bewirkte doch tatsächlich, das Ryoga nicht anders konnte, als zumindest schon einmal stehen zu bleiben.

Er atmete tief ein und aus.
Eigentlich wollte er sie nicht stören. Irgendetwas tief in ihm riet ihm zu gehen.
Doch da war auch noch etwas anderes.
Etwas, was er so sicher als Mitleid identifizieren würde. Auch über den Umstand hinaus, dass er wohl selber in einem nicht besseren Zustand war. Als mitleiderregend.
Mit einem leisen Seufzen drehte er sich, sah sie kurz an und dann vielsagend zu dem Schild, auf dem in großen Buchstaben ‚Geschlossen‘ stand.
Dann sah er wieder zu Ukyo und hob seine Brauen.

Der innigste Wunsch, den die junge Frau gerade im Moment verspürte war, das er nicht gehen durfte. Und sie alleine in ihrem Leid zurück lassen ...
Aus diesem Grund suchte sie in ihrem Kopf möglichst schnell nach einem Argument, das hoffentlich ausreichend sein würde. „... ich habe auf die richtige Gesellschaft gewartet!“, sagte sie. Es war tatsächlich so. Irgendwas in ihr bestätigte das, was sie da gerade gesagt hatte. Und sicherte ihr auch zu, das es bestimmt auch nicht gelogen war.
Mit einem leichten Schimmer aus Hoffnung in den Augen sah sie den jungen Mann an, der in ihrer Tür stand und sie nachdenklich und mindestens genau so traurig ansah.

Tatsächlich zögerte Ryoga. Obwohl er nicht darüber nachdachte, ob es richtig war zu bleiben oder zu gehen.
Er dachte gar nichts in diesem Moment.
Bis es sicher auch eine innere Stimme war, die ihm zwar nichts riet, aber einen inneren Impuls gab, einen Schubser in die Richtung, in die er gehen sollte.
Also setzte er einen Fuß vor den anderen, bis er weit genug in Ukyos Laden stand, um die Tür hinter sich schließen zu können.
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