Keine Tage, wie die anderen

GeschichteDrama, Tragödie / P16
30.04.2015
30.04.2015
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Wieder stehe ich auf und mir ist schlecht, wenn ich an die Schule denke. Aber dieses mal hat es einen anderen Grund. Langsam ziehe ich mich an. Dabei betrachte ich jeden meiner blauen Flecke. Jeden Schmerz, jede Demütigung und jeden Tropfen Blut den ich vergießen musste, werde ich heute und morgen vergelten. Ich packe meine Tasche, die heute schwerer ist, aber nur bis ich ankomme. Ich gehe besonders früh los. So kann ich allen Gefahren auf dem Schulweg aus dem Weg gehen. Unterwegs fische ich eine Zigarette aus der Innentasche meiner Jacke und zünde sie mir an.
Wie oft bin ich diesen Weg, oder auch Umwege gegangen, um nicht diesen Arschlöchern zu begegnen. Oft konnte ich ausweichen oder entkommen, aber wenn nicht, dann hagelte es Prügel und das nicht zu Knapp. Heute gehe ich dem aus dem Weg. Knapp hundert Meter vor der Schule habe ich meine Kippe aufgeraucht. Ich gehe zum Eingang und ziehe einen Stapel Blätter aus meiner Tasche und Lege sie so ab, dass sie auf jeden Fall gefunden werden. Das gleiche mache ich auch mit den Nebeneingängen. Ich freue mich schon auf das Chaos, dass ich hiermit anrichten werde. Ich werde die soziale Ordnung dieser Schule zusammenbrechen lassen. Ich genehmige mir noch ein kurzes Grinsen und verlasse dann ungesehen die Schule wieder. Über Umwege über einige Gärten husche ich auf den Weg zurück und verschaffe mir so eine kleine Verspätung. Alles läuft nach meinem Plan.
Pünktlich um 5 nach 8 komme ich in die Klasse und setze mich, nach einer halbherzigen Entschuldigung an Frau Meiser, an meinem Platz in der Hintersten Reihe am Fenster. Um mich herum höre ich Getuschel, eigentlich nichts Unübliches, aber an mindestens drei Tischen sehe ich Exemplare meines Flugblattes in den Heften liegen, wo man sie ungestört lesen kann. Es gibt drei verschiedene, alle Zusammengeheftet. Es hat mich die halbe Nacht gekostet tausend Dreierstapel zusammenzutackern aber der Lohn ist mir gewiss. Das Tuscheln meiner opfer ist aufgeregter, grimmiger, sie überlegen bestimmt, wer ihre Geheimnisse herausgefunden haben könnte und auch noch die Stirn besitzt, diese öffentlich zu machen. Bestimmt werden sie bald darauf kommen, dass ich der verantwortliche bin, oder einfach nur jemanden suchen, an dem sie ihre Frustration ablassen können. So oder so, ich werde bestimmt einer der Leidtragenden sein.
Als es zur ersten Pause klingelt, versuche ich, wie üblich, so schnell wie möglich, aus dem Klassenzimmer zu verschwinden. Wie üblich klappt es nicht. Sobald ich auf dem Schulhof bin, werde ich abgefangen und brutal gegen die Schulwand gestoßen. Hannes, Jan und Timo bilden einen Halbkreis um mich. In der Mitte steht Jan, groß, breit gebaut mit einem kurzen Stoppelhaarschnitt. Er ist gleichermaßen Muskeln und Gehirn dieser Gruppe. An seiner Linken steht Timo, noch einen halben Kopf größer, massig mit einem Stiernacken, der Seinesgleichen sucht. Aus seinem Kopf wuchern kurze dunkle Locken. Er ist, wie man sich denken kann, eher der Mann fürs Grobe, in dieser Gruppe. Hannes steht an Jans rechter Seite und ist der kleinste dieses Trios. Obwohl er nicht so aussieht, kann auch er zuschlagen. Seine Freunde haben ihn dazu gedrängt, nicht nur sein Hirn, sondern auch seinen Körper zu trainieren. Er besteht nur aus sehnigen Muskeln und aus seinem eher winzig anmutenden Schädel wachsen schwarze Haare, die er im HJ-Schnitt frisiert trägt.
„Glaubst du, wir kriegen nicht raus, das du dahinter steckst?“, herrscht mich Jan an und hält meine Blätter hoch.
„Was ist das?“, frage ich Verwirrung heuchelnd.
„Irgendjemand, und wir Vier, wissen das du es warst, hat heute Morgen, bevor irgendjemand sonst da war, hat die hier in der Schule ausgelegt. Das aber wirklich spannende an diesen Blättern ist, dass hier drin gewisse Sachen über uns stehen. Sachen die niemand wissen sollte und wenn er sie weiß, für sich behalten sollte, wenn er weiß was gut für ihn ist“, zischt er in mein Ohr.
„Was steht denn da drin?“, frage ich, immer noch den unwissenden spielend.
„Das weißt du doch ganz genau, also versuch uns nicht für dumm zu verkaufen“, knurrt Timo.
„Es ist ganz einfach, du kommst leichter davon, wenn du uns sagst, woher du das alles weißt, oder müssen wir das alles erst aus dir raus prügeln?“, höre ich Hannes schnarrende Stimme von der anderen Seite.
„Ich war’s nicht, seht es ein, ihr müsst euch nen anderen suchen, dem ihr das Leben schwer gemacht habt. Also so ziemlich die halbe Schule“, gebe ich zurück und mache ein Gesicht, als wäre mir nach dem Verklingen, des letzten Wortes bewusst geworden, das ich einen Fehler gemacht habe. Ich scheine sie getäuscht zu haben, denn statt weiteren Aufforderungen ihnen zu sagen, woher ich diese Sachen weiß, bekomme ich von Jan seine Faust in den Magen. Er zieht sie zurück bevor mein Oberkörper nach vorne klappt und Timo mit sein Knie denen die Stirn rammt. Dieses Knie, wie es, fast in Zeitlupe, so kommt es mir vor, ist das letzte, was ich sehe, bevor ich im Krankenzimmer der Schule wieder zu mir komme. Ich befühle meine Stirn sie ist verbunden, ein Notarzt steht neben mir und und fragt wie ich mich fühle. Ich setze mich langsam auf und sage, dass es mir gut geht. Er nickt und fragt, ob ich ins Krankenhaus will. Ich schüttele den Kopf und antworte: „Nein, ich muss mich nur hinlegen, das kann ich auch zu Hause.“
Er nickt und zeigt auf meine Tasche und Jacke, die auf einem Stuhl an der Wand liegen. Ich ziehe mir meine Jacke an und hänge mit meine Kampftasche um. Er geht ins Sekretariat um Bescheid zu sagen, dass ich nach Hause gehe. Ich grinse innerlich, muss den angeschlagenen ganz nicht heucheln. Aber ich darf mich nicht ausruhen. Zu Hause wartet noch genug Arbeit auf mich.
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