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von Nairalin
GeschichteDrama, Fantasy / P16
28.04.2015
28.04.2015
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Huhu,

Ein neuer Text und diesmal etwas ganz und gar anderes von mir. Durch Ilarié – der die Geschichte gewidmet ist - bin ich dazugekommen eine Art „Werbetext“ zu schreiben, der doch alle Autoren – ja, ihr seid angesprochen! – ansprechen soll, die sich vom Silmarillion-Fandom eingeschüchtert fühlen und deshalb nichts posten bzw. glauben, dass sie nicht gut genug sind. Das seid ihr eindeutig nicht! Ihr seid toll, ihr seid kreativ und bringt Leben und neue Ideen ins Fandom. Macht euch bitte nicht so einen Kopf, ob ihr gut genug seid, das seid ihr auf jeden Fall! Weil es kommt nicht auf unendliches Wissen an, sondern auf gute Charaktere, eine spannende Handlung. Dafür muss man nicht so viel wissen.

Und um das mal ganz anschaulich zu demonstrieren, lade ich euch ein, durch mein Wunderland zu kommen. :D Die Personen sind bekannt ;) Deshalb langweile ich euch auch nicht lange mit dem Vorwort, sondern schubs euch mitten ins Geschehen!

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Schon lange irrte ich hier herum und versuchte einen Ausweg zu finden Ich wusste nur mehr, dass ich einem weißen Kaninchen gefolgt und in den Bau gestürzt war. Mich hatte das Aussehen des Kaninchens so fasziniert, dass ich es mir genauer ansehen wollte. Es hatte eine Weste angehabt und immer wieder auf eine Taschenuhr gestarrt. Als wäre es einer komplett anderen Ära entsprungen, aber nicht der heutigen.

So hatte ich dann durch eine Tür müssen, die ich nur mit einem Schrumpftrank durchqueren konnte, und war den seltsamsten Kreaturen begegnet. Alles war so riesig und es machte mir eine Heidenangst, dass ich nicht wusste, wo ich war und wer mir wohl gesonnen sein würde. Vor allem die hässlichen, dunklen Wesen wirkten befremdlich und wenig vertrauenserweckend. Ich war ihnen rigoros ausgewichen und hatte mich versteckt. Jetzt wandelte ich in einem Wald mit bunten Blüten, die zu leuchten schienen. Ich fühlte mich ganz fürchterlich an Avatar erinnert, wo der Wald dort auch fluorisierend gewesen war.

So leise wie ich konnte, ging ich voran und alles schien mir erschreckend laut, jedes Geräusch kam mir vor, als würde es durch das Gebiet hallen. Als ich versehentlich auf einen kleinen Zweig trat, krachte es so laut, dass ich mich hinter der nächsten Blume versteckte und abwartete. Mein Herz schlug mir bis zum Hals hoch. Doch nichts geschah und ich traute mich aus meinem Versteck hervor. Vorsichtiger und aufmerksamer als zuvor wagte ich mich weiter.

Plötzlich erklang ein Lachen, melodiös und tief. Es hatte etwas Warmes an sich, der Klang war so sonor, dass mir angenehm unangenehme Schauer über den Rücken liefen. Ein Grinsen erschien auf einmal und ich starrte es mit sicherlich riesigen Augen an.

Wie konnte es ein Grinsen allein geben? Wo war der Körper?

Unsicher trat ich zurück und beobachtete, wie das Wesen Gestalt annahm. Schwarz-grünes Fell war zuerst zu sehen, durchwirkt mit grünlichblauen Streifen neben den smaragdgrünen. Die Ohren waren schwarz und streifenlos. Ich atmete keuchend aus, weil ich offenbar die Luft angehalten hatte.

Meine Finger verkrallten sich in dem viel zu großen Stoff, den ich trug. Ein Stofffetzen aus meinem T-shirt, welches nicht mit mir geschrumpft, sondern groß geblieben war. Ich hatte mir etwas herausschneiden müssen, damit ich nicht nackt umherlief. Wie gut, dass mir zuvor das Messer vom Tisch mit den Muffins gefallen war, die mich erst gewaltig wachsen hatten lassen. Es war irrsinnig anstrengend gewesen erst einmal etwas Stoff herauszuschneiden, da ich irgendwie die Klinge aufrecht halten und gleichzeitig aber auch den Stoff über die Schneide ziehen musste.

Das half nicht, mein Selbstbewusstsein zu stärken, weil ich mich lächerlich in dem Fetzen fand. Doch das Wesen war nun ganz zusehen und ich hielt den Atem an.

Träge kam er – und es war eindeutig ein Mann - auf mich zu und der gestreifte Schwanz ging hin und her, während er ein süffisantes Lächeln trug und sich die verwuschelten Haare aus dem Gesicht strich. Der selbstsichere, wenn auch ruhige Gesichtsausdruck sprach Bände, während die smaragdgrünen Augen beinahe schon hypnotisch wirkten.

Das Fell war nur am Schwanz und den Ohren zu sehen, die aus den welligen, rabenschwarzen Haaren herausragten. Ich war etwas eingeschüchtert und wich zurück. Er war riesig und ich hatte noch nie einen so großen Menschen – er war zumindest bis auf die felinen Attribute humanoid – gesehen. Ich war jetzt nicht gerade winzig, aber groß war ich nun auch nicht. Nur er war sicher weit über zwei Meter. Er war schlank, hatte aber breite, kräftige Schultern. Er schien auch muskulös zu sein, wenn ich seine Oberarme betrachtete, die sich unter dem dunklen Hemdstoff abzeichneten.

Sein Lächeln wurde zu einem Grinsen und ich fühlte mich mit einem Male wie ein Beutetier, welches er erkoren hatte.

„Hallo, meine Schönheit!“

Röte kroch über meine Wangen und ich wich zurück. Damit war ich sicher nicht gemeint oder wenn doch, war es Spott. So wie ich momentan aussah, war ich keine Schönheit, sondern Welten entfernt.  Doch irritiert stellte ich fest, dass sich sein Mund nicht bewegt hatte.

„Wer sind Sie?“, fragte ich schließlich und ging mit jedem Schritt den er auf mich zumachte, einen zurück.

„Oh, meine Schönheit, ich bin Cheshire. Doch wie ist Euer Name, wenn ich so forsch sein darf zu fragen?“ Sein Mund bewegte sich immer noch nicht, sondern die Stimme kam von oben. Verwirrt sah ich hoch und entdeckte eine weitere Gestalt. Ein langer, heller Schwanz hing herab und dieser Mann wirkte noch feliner als der andere. Er war im Gegensatz zu seinem dunklen Pendant in den Farben Weiß und Silber gehalten, das Fell in eben jenen Farben gestreift und ein silbriges Hemd betonte seine athletische Gestalt. Lässig saß er auf einen Ast und lächelte verführerisch, die eigenartigen Augen blitzten amüsiert.

„Also Sie… Ihr seid Cheshire?“, fragte ich zögerlich zu ihm hoch und erhielt ein erheitertes Lachen.

Geschmeidig ließ er sich herabgleiten und landete elegant am Boden. Schnell hatte er sich aus der Hocke erhoben und lehnte sich an den Baumstamm. Doch dann griff er in seine Kleidung und warf dem Dunklen etwas zu.

„Gib es ihr doch, es ist eine Schande, dass eine solch bezaubernde Maid, so winzig ist“, sagte er nur und schaute mich wieder an. Er war sogar noch größer als der Dunkle.

„Wir sind beide Cheshire, Herinya“, meinte er plötzlich und grinste breit. „Ihr müsst wissen, wir sind Brüder.“

„Und Ihr heißt beide gleich?“

Eine Berührung am Arm schreckte mich auf und ich wollte schreien. Grüne Augen musterten mich und mir wurde ein Fläschchen hingehalten. Sein Grinsen wandelte sich zu einem sanften Lächeln, welches ein warmes Gefühl in mir hinterließ, das ich nicht erklären konnte.

„Fürchtet Euch nicht, Herinya“, kam es leise von dem dunklen Cheshire. Ein Schauer nach dem anderen rann mir den Rücken hinunter und die Haare auf meinen Armen stellten sich auf. Seine Stimme war noch tiefer als die seines Bruders, noch wärmer und - auch wenn das eigentlich idiotisch war, weil unmöglich – geheimnisvoll. Ich fragte mich, ob er gut singen können würde, weil seine Stimme bezaubernd war.

Vorsichtig entkorkte ich das Flakon und schnupperte daran. Schließlich sollte man nicht alles trinken, was einem gereicht wurde.

„Es wird Euch Eure wirkliche Gestalt zurückgeben“, erklärte er ruhig und meine Nervosität schwand mit jedem Wort. Nachdenklich starrte ich das Fläschchen an, bevor ich es an die Lippen setzte und austrank. Bis mir mit Schrecken eines bewusst wurde: Der Stofffetzen würde nicht größer werden und ich wäre gänzlich nackt. Schmerz durchzuckte meine Glieder, als sich alles streckte und dehnte. Mir wurde schwindelig und ich spürte, wie mir die Schwärze aufstieg. Doch bevor ich fiel, legten sich Arme und Stoff um mich. Überrascht starrte ich hoch. Mein Atem ging schwer und immer noch schienen Sterne in meinem Sichtfeld zu tanzen.

Wieder waren da grüne Augen, so klar und intensiv, dass ich nichts anderes ansehen konnte. Ich versuchte mich wieder auf eigenen Beinen zu halten, doch ohne seine Arme wäre ich wohl wirklich gestürzt. Jetzt bemerkte ich den schwarzen Umhang, der sich um meinen Körper schlang und alles bedeckte.

„Danke“, wisperte ich scheu und wurde mit einem Nicken vorsichtig losgelassen. Als ich leicht schwankte, griff ich automatisch nach seinem Arm und schloss kurz die Augen.

„Ich sagte ja, dass Ihr eine Schönheit seid“, lachte der helle Cheshire und ich blickte irritiert zu ihm. Ein katzenhaftes Grinsen war auf seinem Gesicht. Er war wirklich schön, ein ovales Gesicht mit markanten Gesichtszügen, einer geraden Nase und hellen Augen, die von einem dunklen Ring umgeben waren. Ich hatte selten so durchdringende, stechende Augen gesehen. Er war schmäler von den Schultern als der Dunkle, aber nicht weniger muskulös.

„Aber da Ihr vorher gefragt habt, mein Bruder, an dem Ihr Euch gerade festhaltet, heißt auch Curufinwë, während meine Wenigkeit Turcafinwë genannt wird.“

Ein gemurmeltes „Tyelcormo!“ kam von meiner Stütze. Fasziniert starrte ich auf den hellen Cheshire oder Tyelcormo – der Name war mir irgendwie sympathischer – und dann zu Curufinwë, der weniger angetan wirkte.

„Wisst Ihr … wisst Ihr, wo dieses hier ist? Ich habe mich verlaufen und will eigentlich nur Heim“, fragte ich dann endlich, was mir so am Herzen lag. Ein Grinsen bildete sich auf Curufinwës Lippen und ich konnte spitze Fangzähne erkennen – wie die einer Katze.

„Das wissen wir“, sagte er rau und wieder rann mir ein Schauer über den Rücken. „Unser König ...“

„Dein König!“, wurde er spitz unterbrochen.

„Mein König sandte uns aus, damit wir jemanden wie Euch, Herinya, finden.“

„Euer König?“, fragte ich verwirrt. Ich war mir sehr sicher, dass es kein König war, den ich kannte.

„Der weiße König, Herinya. Der wahre Herr über diese Länder und nicht der Usurpator, der rote König.“ Ein verächtliches Schnauben war zu hören.

„Wer ist der rote König?“

Ich war nun endgültig der Ansicht den Verstand zu verlieren. Das klang schon fast wie die Rosenkriege in England. War der rote König etwa sowas wie König Edward von York und der weiße König Henry VI.? Ich hoffte nur, dass der weiße König nicht ebenfalls wahnsinnig wie dieser war.

„Der Neffe des weißen Königs und Usurpator des Thrones, Herinya.“

Zorn war deutlich aus der Stimme des Dunklen zu hören und er klang gepresst.

„Artaresto ist ein Narr“, kam es verächtlich von Tyelcormo, der sich nun vom Baum löste und zu uns herüberkam. Seine Bewegungen waren wirklich überaus geschmeidig und er wirkte natürlicher als Katze als sein Bruder neben mir. „Aber Ihr solltet ihn meiden, er würde Euch sofort den Kopf abschlagen.“

Geschockt wich ich zurück und prallte gegen Curufinwë, der seine Arme um mich legte und beruhigend brummte. Es klang wirklich schon wie ein Schnurren.  

„Unser Neffe ist bekannt für seinen Herz-Buben Mormegil, der jeden aus dem Weg räumt, der dem Herzkönig gefährlich werden könnte. Ihr schreibt, nicht wahr?“

Die Frage kam so aus dem Kontext gerissen, dass ich erst blinzelte und versuchte, den Sinn zu erfassen.

„Ja“, gab ich zögerlich zu.

„Und Ihr liebt einen gewissen Autor, dessen Name mit Tollkühnheit zu tun hat.“

Ich nickte perplex und er grinste verschlagen, dass es mir Angst machte.

„Dann seid Ihr es, die uns helfen kann!“, wurde mir ins Ohr geflüstert. Warmer Atem strich über mein Ohr und ich erschauerte. Ich war so fürchterlich empfindlich beim Ohr und am Hals, dass es wirklich manchmal schrecklich war.

„Aber wie?“, fragte ich reflexartig und bereute es sofort. Ich war nur hobbymäßig am Schreiben und sicher keine Revolutionärin und Kämpferin. Vor allem wenn hier alle so groß waren, dann war ich aufgeschmissen. Selbst jetzt reichte ich Curufinwë kaum bis zur Brust.

„Ihr könnt die Geschichten schreiben, die alles hier beeinflussen. Ihr kennt den wahren Verlauf, nur der rote König und sein Handlanger versuchen alles, damit ihre Geschichte festgeschrieben steht.“

Das Grinsen auf Tyelcormos Gesicht machte mir Angst.

„Vor allem bin ich mir durchaus bewusst, dass es bei Euch Personen gibt, die zu uns schreiben.“

Canine Fangzähne waren zu sehen und ich schluckte leicht. Ich las eigentlich nur und veröffentlichte nichts von dem, was ich tatsächlich schrieb. Unsicher drehte ich mich zu Curufinwë um, der nun auch ein sehr amüsiertes Lächeln trug und dessen Augen verräterisch blitzten.

„Ihr könnt Euch sicher sein, Herinya, dass Euer Mut Euch großen Lohn einbringen wird. Die Leserschaft ist sehr kritisch, aber auf konstruktive Art und Weise. Ihr geht sozusagen eine Lehre dort ein und lernt, wie man richtig schreibt und worauf es ankommt. Ihr bekommt gerade bei dem Schreibbereich des Silmarillions, um die Geschichte unseres Volkes kurz zu nennen, das beste Handwerkzeug in die Hand gelegt.“

„Ihr dürft Euch das vorstellen, als würdet Ihr eine Lehre bei dem verrückten Hutmacher beginnen. Feanáro wird Euch das Beste lehren und Euch jeden Unsinn gleich austreiben!“, wurde mir erklärt und ich wollte langsam nur mehr Heim. Natürlich sagten mir langsam die Namen etwas und ich bekam gerade grauenhafte Vorstellungen, was mich hier erwarten würde.

„Nur solltet Ihr Euch nicht mit dem Jabberwocky Moringotto anlegen oder dem Bandersnatch Sauron.“

„Das käme Euch weniger zugute“, murmelte der dunkle Cheshire und grinste nun süffisant.

Er reichte mir die Hand und ich nahm sie vorsichtig. Wie eine Lady wurde ich geführt und je weiter wir kamen, desto lauter wurde die Musik. Als ich mich umsah, war Cheshire Tyelcormo verschwunden und nur mehr mein dunkler, feliner Begleiter führte mich weiter. Gezänk war zu hören und schließlich erreichten wir eine Lichtung, wo ein langer Tisch stand. Viele Gestalten waren dort und zwei waren dominant erkennbar: Ein Mann mit Hut und einer mit Hasenohren. Je weiter ich mich umsah, desto mehr sah ich. Eine Gestalt mit Mausohren war dort und ein weiterer Mann mit einem dezenten, französischen Hut. Ein Stickrahmen lag in seiner Hand und er funkelte wütend die Gesellschaft an.

„Der Herr dort ist ein Gehilfe der verrückten Hutmachers und dessen Sohn“, wurde mir leise erklärt. „Er kreiert die Stoffe und schneidert Kleidung.“

„Aber der Hutmacher-“ „Macht nur Hüte und besondere Maschinen.“

„Und der Hase?“, fragte ich unsicher. Dieser war größer als der Hutmacher und die beiden stritten miteinander. Dunkles Fell bedeckte die Ohren, welches teilweise schwarz wirkte und der Mann hatte helle, blaue Augen. Als ich mir den Hutmacher genauer ansah, sah er diesem überraschend ähnlich, nur die Augenfarbe war wirklich dominant als Unterschied.

„Der Märzhase, ein fürchterlicher Gegner, wenn Ihr ihn verärgert.“

„Wen bringst du da, Cheshire?“, kam die Frage und ich wurde misstrauisch, beinahe vernichtend angeschaut. Ich schrumpfte unter dem Blick und stellte nur nebenbei fest, dass der Hutmacher die gleiche Augenfarbe wie Tyelcormo hatte.

„Eine echte Autorin, Atar“, gab er zurück und ich fragte mich ganz verwirrt, was Atar heißen sollte. War das ein Titel?

Skeptisch wurde ich von oben bis unten gemustert.

„Warst du schon wieder bei Manwë?“, kam die Frage vom Hutmacher und ich starrte ihn an. Was hatte der Gott der Lüfte damit zu tun?

Ein empörtes Schnauben war von meinem Begleiter zu vernehmen.

„Tyelcormo und ich haben nur ein Flakon mit einem Wachstumstrank geholt, nachdem uns der weiße Hase von ihr berichtet hat“, kam es beleidigt und ich versuchte, noch mitzukommen.

„Hat das Círdan wirklich gesagt?“, ein zweifelnder Blick wurde mir zugeworfen. Ein Nicken war die Folge. „Und du hast keine Dämpfe bei Manwë eingeatmet?“

„Ihr wisst schon, dass Ihr ganz schön beleidigend seid?“, fragte ich schließlich, weil ich nicht mehr mitansehen konnte, wie er Cheshire niedermachte. „Ich hab keine Ahnung, was Ihr in mir seht oder sehen wollt oder was auch immer, aber lasst es ganz einfach. Ich will nur Heim und das schnellstmöglich!“

Ein Lachen kam vom Märzhasen, der mich breit angrinste und dem Hutmacher auf die Schulter klopfte.

„Sie hat Mumm, das musst du ihr lassen“, meinte der Hase und wirkte höchst amüsiert. „Sie könnte tatsächlich eine ‚echte‘ Autorin sein.“

„Sie soll den Jabberwocky besiegen“, kam es nüchtern und wenig begeistert. „Sie wird nicht einmal wissen, wie man ein Schwert hält, geschweige denn nutzt.“

„Ich kann eine Tastatur nutzen“, murmelte ich und sah ihn nun ernsthaft beleidigt an. Er tat gerade so, als würde ich es bei der Schneide halten.

„Und wie … ich soll den Jabberwocky besiegen?!“

Der verwunderte und leicht belächelnde Blick, den ich bekam, brachte mich gerade gehörig auf die Palme.

„Kommt erst einmal ins Haus, ein Umhang kleidet ein Mädchen nicht.“

Sprachlos starrte ich ihn an. Behandelte er mich gerade tatsächlich wie ein kleines Mädchen?

Hatte der LSD oder so genommen? Oder diese Dämpfe von Manwë?

Doch ich folgte ihm und wurde von dem Mann mit dem französischem Hut begrüßt. Grimmig wurde ich sofort gepackt und mit einem Kleid in ein Zimmer gedrängt, einzig der Kommentar „Zieht das an!“ war mir eine Hilfe. Was ich bekommen hatte, war ein Kleid. Ein weißes Kleid und ich fühlte mich etwas dumm, weil es mich zu sehr an ein Hochzeitskleid erinnerte. Doch ich zog es samt mitgegebener Unterwäsche an und ging wieder hinaus. Ein kritischer Blick, bevor ein zufriedenes Lächeln erschien. Erst jetzt wurde ich zur Tafel geführt und durfte neben dem Märzhasen sitzen und der Haselmaus, die schlief. Das goldblonde Haar war mit einem Haarband zusammengefasst und sehr sanfte Züge hatte die Haselmaus. Selbst die Ohren wiesen einen feinen Goldton auf und ich seufzte leise. Bis ich bemerkte, wie ein schalkhaftes Lachen vom Märzhasen erklang und ich zu ihm schaute. Eine Uhr hielt er in der Hand und grinste breit. Butter war auf ihr und ich verstand nicht, warum er sie nicht abwischte. Doch noch schlimmer war der düstere Blick des Hutmachers, der schon danach griff.

Zu spät, die Uhr landete in der Teetasse mit frischgebrühtem Tee. Mit großen Augen beobachtete ich den Hutmacher, der ganz rot im Gesicht wurde. Ich sah schon wie er den Märzhasen erwürgte ihm Zorn.

Aber so weit kam es nicht.

„Aufhören! Beide!“

Ein Gähnen erklang und neben mir streckte sich die Haselmaus. Feine Barthaare bewegten sich, ehe er mich freundlich und verträumt anlächelte.

„Arafinwë mein Name und das dort sind meine Brüder Nolofinwë und Feanáro“, stellte er sich vor und deutete auf den Märzhasen und den Hutmacher. „Nimm es ihnen nicht übel, aber einst musste Feanáro für den Herzkönig singen und  das recht schlecht auch noch. Er verlangte, dass man dem Hutmacher den Kopf abschlug. Seitdem versucht Nolvo die Uhr, die vor Schreck zu jener Stund‘ stehen blieb, mit Butter zu schmieren, damit die Zahnräder wieder ordentlich funktionieren.“

„Aber das ergibt keinen Sinn!“, erwiderte ich verdattert.

„Oh, das soll es auch nicht. Macht es denn Sinn, dass der Herzkönig mein Enkelsohn ist?“, fragte die Haselmaus und ich erbleichte. Wenn die Haselmaus der Großvater des Herzkönigs war … mir wurde anders.

„Und wo ist der Vater?“, fragte ich mit einem Schaudern.

Ein verträumter Blick gemischt mit – was ich hoffte – tiefer Wehmut wurde mir geschenkt.

„Mein Sohn wurde öffentlich geköpft.“

Grauen erfüllte mich. Ein sanftes Lächeln jagte mir Angst ein und jede Menge Schauer über den ganzen Körper. Man lächelte nicht so, wenn man darüber sprach, dass der eigene Sohn ermordet worden war.

„Er ist nicht mehr ganz richtig im Kopf, seit Artaresto seinen Onkel vertrieben hat und seinen eigenen Vater hinrichten ließ.“

Ein trauriger Blick und eine finstere Miene wurden mir geschenkt und der Märzhase zog mich näher zu sich.

„Arvo, hier nimm!“, sagte der Märzhase und gab der Maus eine Tasse mit Tee. Kaum dass diese einen Schluck genommen hatte, schlief sie ein. Beunruhigt starrte ich auf das sanftmütige Gesicht der Haselmaus und wusste nicht so recht, was ich sagen sollte.

„Ihr solltet zum weißen König“, meinte der Hutmacher und erntete ein Schnauben von seinem Assistenten. „Er wird Euch helfen wieder zurückzukommen.“

„Außerdem werdet Ihr, wenn Ihr uns helft, viele Freunde finden. Kontakte, die lange halten werden, das kann ich Euch versprechen.“

Sein Blick war ernst und er deutete mir an, ihm zu folgen.

„Und wenn Ihr zum Silmarillion schreibt, werdet Ihr außerdem einem elitären Kreis angehören, denn nirgends ist die Anzahl guter Geschichten im Vergleich zu den schlechten so hoch. Ihr werdet wahre Helden kennen lernen und nicht nur lächerliche, unrealistische Abklatsche dessen. Ihr werdet Ideen erhalten, die dem roten König wenig schmecken werden und sie werden sich mehren“, erzählte er und gab mir eine Tasche und den Umhang von Cheshire. Erst jetzt bemerkte ich die feinen Katzenhaaren, die ich vorher übersehen hatte.

„Das ist eine Gesellschaft, die offen ist und neue Talente sucht. Jemanden wie Euch!“

Wieso glaubte er auf einmal an mich?

„Weil jemand wie Ihr das nicht zulassen würde!“

Seine Hand deutete zur Haselmaus und mir wurde wieder anders. Nein, das durfte ich nicht zulassen.

„Genau deshalb seid Ihr perfekt“, kam es trocken von Feanáro. „Ihr habt ein zu weiches Herz, um meinen kleinen Bruder leiden zu lassen.“

„Wir alle wollen Frieden! Deshalb wollen wir Euch, damit Ihr uns schreibt!“

„Aber…“

„Glaubt mir, wenn ich sage, dass Ihr unsere letzte Hoffnung vor dem Wahnsinn seid“, meinte er sehr ruhig und ich fühlte mich elend. Wie konnte ich ausgerechnet diesen Charakteren gerecht werden?

„Doch nun kommt. Cheshire wartet bereits!“

„Welcher von beiden?“, wagte ich zu fragen und drückte den schwarzen Umhang enger an mich.

„Curufinwë“, kam amüsiert. Also der Ruhige und nicht der Möchtegernverführer. Mit neuer Motivation sah ich mich um, ob ich das Grinsen entdecken konnte.

„Grüßt Artanga von mir!“, wurde mir hinterher gerufen und ich drehte mich um. Die Haselmaus lächelte, bevor sie wieder zur Seite kippte und weiter schlief. Mein Blick glitt zum Hutmacher, der aschfahl war und mich am Arm packte. Ich wurde nur weitergezogen und ignoriert, auch wenn mir tausend Fragen auf der Zunge brannten.

„Wer ist Artanga?“, fragte ich schließlich und sah auch schon, wie in der Luft ein breites Grinsen erschien und Cheshire vor uns stand. Doch selbst diesem verging die gute Laune, als er den Namen vernahm.

„Artanga ist Arafinwës Sohn, der zweite um genau zu sein“, wurde mir tonlos mitgeteilt. Irgendwie verstand ich Bahnhof. Doch Cheshire war es, der mir endlich die Information gab, die ich brauchte. „Er war der Vater des roten Königs.“

„Oh…“

Cheshire sah mich nun mitleidig an und reichte mir die Hand.

„Kommt!“

Ich ergriff sie und folgte ihm. Auch wenn ich zurücksehen musste, wo der Hutmacher schon gequält zu seiner Tafel starrte. Bis plötzlich tosender Wind entstand. Mit einem Mal kam eine wolfartige Kreatur auf den Tisch sprang. Mit großen Augen starrte ich das Wesen an, welches schnüffelnd den Kopf bewegte, ehe sein Kopf ruckartig zu uns herumfuhr und ich von kalten, goldenen Augen angestarrte wurde.  Mit einem Krachen zerbrach das Holz und die Kreatur sprang in unsere Richtung. Ich war wie erstarrt. Cheshire zog mich mit, doch bevor sie uns erreichen konnte, war plötzlich die Haselmaus auf seinem Rücken. Das goldene Haar leuchtete grell im Licht der Sonne und ich versteckte mein Gesicht an Cheshires breiter Brust, als ein Auge durch den Degen der Maus herausgezogen wurde und an der Spitze hing.

Ein grauenhaftes Jaulen erklang und ich wurde nur mehr gepackt und über Cheshires Schulter geworfen. Erst als es dunkler wurde und wir tief im Wald waren, hielt er und ließ mich herab.

„Geradeaus, Herinya“, sagte er leise und ich war allein. Nur ein Grinsen in den Bäumen war zu erkennen. , welches aber immer blasser wurde.

„Cheshire!“, rief ich entsetzt und sah ihm nach. Angst machte sich in mir breit. „Cheshire, bleib bitte!“ Doch er erhörte mich nicht und das Grinsen verschwand nun endgültig.

„Warum schreibt Ihr nicht?“, kam unerwartet die Frage von links und ich drehte mich um.

„Weil ich sicherlich nicht das nötige Wissen habe“, antwortete ich perplex und ging nun doch in die Richtung, die mir Cheshire gezeigt hatte.

„Woher wollt Ihr das wissen?“

Genervt starrte ich hoch, nur um ein schwaches Lächeln zu sehen, aber nicht Cheshire selbst.

„Ich bin mir absolut sicher!“

Wütend ging ich weiter. Warum tat er das?

„Aber wächst nicht jeder mit der Übung?“

„Natürlich“, fauchte ich schon fast. Erst jetzt bemerkte ich den Baum, der eine Türe hatte. Neugierig trat ich darauf zu.

Ich erschrak heftigst, als auf einmal zwei Arme beiderseits von mir auf den Baumstamm aufkamen und ich eingekesselt war. Mit großen Augen drehte ich mich um und starrte in die vertrauten, grünen Augen von Cheshire, der begeistert grinste. Ich fühlte mich mit einem Male wie eine Maus, die in der Falle saß.

„Passt auf Euren Kopf auf, wenn Ihr dort seid!“, murmelte er leicht und ich spürte seinen Atem an meinem Ohr, ebenso wie ganz leicht seine Lippen. Angenehm unangenehme Schauer liefen mir über den Körper, als ich spürte, wie sie über meine Wange strichen und ich schließlich auch auf meinem Mund den warmen Hauch wahrnahm. Zittrig atmete ich ein und wusste nicht so recht, wie ich denn nun reagieren sollte.

Doch bevor ich etwas machen konnte, spürte ich nur für einen Moment seine Lippen auf meinen. Ich blinzelte verwirrt und er war einen Schritt von mir entfernt mit einem Lächeln, welches ich nicht deuten konnte. Wahrscheinlich hatte ich es mir eingebildet, weil wieso sollte er sowas tun? Vor allem bei mir?

Er verschwand und einzig das Grinsen blieb schwach erkennbar. Ich schloss die Augen und atmete durch, bevor ich mich umdrehte und die Tür im Baum öffnete. Ich ging durch eine große Halle wo wieder eine Türe war.

Als ich heraustrat, wurde ich von einer gewaltigen Wiese umfangen und ich hörte Gesang. Neugierig folgte ich den Stimmen und starrte schließlich auf eine Gruppe Stiefmütterchen, die vor sich hinträllerten.

„Wisst Ihr, wo ich hier bin?“, fragte ich ein weißes und wurde angelächelt, während sie sich zu mir hindrehte.

„Da entlang, da entlang“, sang sie und deutete mit einem Blatt in die Richtung. Konsterniert starrte ich sie an, doch folgte ihrem Richtungsverweis. Ich wusste nicht, wie oft ich stolperte und noch weniger, wie unsicher ich mich fühlte. Allein die Vorstellung, dass mir eine Blume den Weg gewiesen hatte…

Aber dann sah ich einen riesigen Fliegenpilz und war sprachlos. Laut Cheshire sollte ich eigentlich normal groß sein, doch dieser Pilz überragte mich um Längen und ich kam mir vor, als würde ich vor einem Haus stehen und nicht einem Pflanzengewächs. Mit offenem Mund starrte ich hoch und entdeckte etwas Blaues. Neugierig ging ich näher und starrte auf die wohl seltsamste Raupe, die ich je gesehen hatte. Doch dann drehte sie sich und ich erkannte helles, silbriges Haar und die wohl blausten Augen, die ich je gesehen hatte. Ein sanftmütiges Gesicht war ihr zu Eigen und – da blinzelte ich erstmal ungläubig – sie hielt in einer Hand das Mundstück von einer Wasserpfeife.

„Was führt ein so unsicheres Geschöpf wie Euch hierher?“

Sie drehte sich ganz zu mir und blies amüsiert den Rauch aus. Ich wollte schon antworten, doch sie kam mir zuvor.

„Solltet Ihr nicht Kontakte knüpfen?“

Der Blick in ihren Augen war leicht verschleiert und skeptisch verschränkte ich die Arme.

„Ich suche einen Heimweg“, erwiderte ich ruhig, doch das Lächeln war immer noch auf ihren Zügen.

„Das trifft sich denn mein Ziel ist auch der Weg!“, meinte sie und ich wollte mir am liebsten die Hand gegen die Stirn schlagen.

„Ich meinte, ich will heim!“

„Zuhause ist dort, wo die sind, die man liebt und für die man Verantwortung hat!“

Sie lachte, auch wenn ich langsam den Verdacht bekam, dass es keine ‚sie‘ war.

„Wie ist Euer Name?“, fragte ich daher und die Raupe sog genüsslich am Mundstück.

„Manwë, antwortete sie. „Der Herr dieses Bereiches.“

Ich hatte es geahnt. Seufzend strich ich mir die Haare hinters Ohr.

„Wisst Ihr wie ich heim komme?“

Ein erheiterter Blick wurde mir zugeworfen.

„Folgt Eurem Herzen und es wird Euch den rechten Weg zeigen.“

Rauch quoll aus seinem Mund und er lehnte sich zurück. Es war ein wirklich schräger Moment. Wie oft diskutierte man mit einer Raupe?

„Doch nehmt etwas von dem Pilz hier!“

Er deutete auf den roten Fliegenpilz und ich fragte mich, ob er nicht den Verstand verloren hatte. Fliegenpilze waren giftig und ich hatte nun wirklich keine Lust eine Vergiftung zu erleiden.

„Nun nehmt schon! Ihr werdet Eure normale Größe erhalten.“

Verwirrt starrte ich erst ihn, dann den Pilz an.

„Das ist nicht witzig!“

„Oh, das ist es tatsächlich nicht, nur so werdet Ihr zertreten werden, sobald die Soldaten des Königs mal wieder hier durchgehen.“

Sprachlos wandte ich mich dem Pilz zu und brach dann doch ein Stück ab. Immer noch nicht überzeugt hielt ich es in der Hand und fragte mich, ob die Raupe mich verarschen wollte. Weil so kam es mir eindeutig vor.

„Nun esst endlich, aber nicht zu viel! Sonst werdet Ihr zu groß!“

Genervt schaute ich hoch, biss aber dann doch ab. Sofort begann sich meine Welt zu drehen und alles schoss rasend schnell in die Höhe. Verwundert sah ich an mir herab.

„Ich habe doch gesagt, nicht zu viel!“

Die Raupe wirkte verärgert.

„Der Pilz dort, ein kleines Stück und Ihr schrumpft!“

Ich folgte seinen Worten und brach ein für mich winziges Stück ab, bevor ich einen Krümel abbiss und schluckte. Sofort trat die Wirkung ein und ich blickte zu Manwë. Sein Blick wirkte zufrieden und er nickte nur.

„Und nun folgt Eurem Herzen!“

Mit einem Puff war er in einer blauen Wolke eingehüllt und verschwunden. Ich war durcheinander und stand vorsichtig auf. Mein weißes Kleid hatte mittlerweile eine graue Schicht am Hintern, wie ich feststellte, als ich den Kopf drehte und ich klopfte es aus.

Danach seufzte ich tief und ging in irgendeine Richtung. Ich fragte mich, welcher König gemeint war und ob ich diesen Soldaten begegnen wollte. Weil dem roten König zu begegnen, keiner meiner Wünsche war. Doch wissen würde ich es erst, wenn ich ihnen begegnete.

Somit folgte ich einfach meinem ‚Herzen‘ und kam schließlich zu einem Feld, wo anscheinend Criquet gespielt wurde, was mich sehr verwunderte. Aber viel mehr versetzten mich die Schläger in Erstaunen – es waren Flamingos und wenig glücklich aussehende noch dazu. Und mit großen Augen erkannte ich, dass die Bälle Igel waren. Bis plötzlich ein roter Rosenbusch getroffen wurde und der Spieler zu Stein erstarrte. Panisch blickte er sich um und ein dunkelhaariger Mann kam auf ihn zu. Er führte ein schwarzes Schwert mit sich.

„Ihr habt meine Rosen zerstört“, kam es leise und emotionslos von hinter diesen beiden. Tatsächlich fielen rote Blütenblätter zu Boden und der Busch wirkte etwas zerfleddert. Der Spieler war mittlerweile aschfahl geworden und wich zurück. Nicht dass es ihm nutzte. Ein Knoten bildete sich in meiner Brust und ich ging etwas näher. Vielleicht konnte man ja darüber reden.

„Ihr wisst genau, was ich davon halte!“

Ein silberhaariger Mann trat vor und starrte den Spieler kalt an. Seine Augen waren graublau und edle Gesichtszüge nannte er sein Eigen. Er war schlank und hochgewachsen und wirklich attraktiv. Er erinnerte mich fatal an Lucius Malfoy, nur noch edler und auch – ich würde sagen – schöner.

Er wandte sich an den Dunkelhaarigen.

„Ab mit dem Kopf!“

Damit nickte er zu dem Spieler und nicht nur er erbleichte.

„Halt!“, schrie ich entsetzt und alle sahen zu mir. Kalte Augen durchbohrten mich. Der Dunkelhaarige ging auf mich zu und hielt das Schwert fest im Griff.

„Mormegil, lass sie“, sagte der Mann nur leise und kam auf mich zu.

„Wieso sollte ich aufhören?“

Amüsement schwang in der Stimme mit und je näher er kam, desto vertrauter wirkte er. Eine Hand packte mich am Kinn und verängstigt wimmerte ich auf, da der Griff auch alles außer sanft war.

„Man kann nicht einfach Leute umbringen. Vor allem nicht wegen sowas!“, brachte ich hervor und blickte ihm in die Augen. Erst jetzt fiel mir der Stirnreif auf und ich bekam nun auch ein ganz und gar ungutes Gefühl. Seine Kleidung war in Schwarz, Rot und Weiß gehalten, wobei Rot den Fokus auf sich zog, auch wenn es nicht die dominierende Farbe war. Gerade durch den dezenten Einsatz, schien sie noch mehr zu strahlen.

„Wer glaubt Ihr, dass ich bin?“, fragte er leicht erheitert und legte nun auch einen Arm um meine Taille. Er war kleiner als Cheshire, um einiges sogar, aber immer noch um mindestens einen Kopf größer als ich. Seine Hand drehte meinen Kopf so, dass ich gezwungen war, nur ihn anzusehen. Ich wollte nicht, dass er mich berührte, aber ich wusste intuitiv, dass wenn ich mich wehrte, er meinen Tod befehlen würde.

„Aran nîn?“, kam die Frage und ein Schnauben erklang.

„Sieh gut zu, Mädchen“, sagte er und packte mich. Mit einer Schnelligkeit hatte er sich – und gleichzeitig mich – umgedreht und ich sah nun nicht mehr zu ihm, sondern auf diesen Mormegil und den armen Spieler, der einfach nicht weglief. Ich verstand nicht, warum dem so war.

„Ab mit seinem Kopf, Mormegil!“

Horror ergriff mich und ich versuchte wegzusehen. Aber er hatte immer noch mein Kinn umfasst und zwang mich, hinzusehen. Verzweifelt schloss ich die Augen.

„Sieh hin, oder mehr werden sterben!“

Ich begann, zu zittern und öffnete wieder meine Lider. Grauen erfüllte mich, als das Schwert mit einem Hieb den Hals durchtrennte und der Kopf sowie auch der Körper durch den Schwung zu Boden gingen. Eine Blutfontäne traf einen Busch mit weißen Rosen, welche sich durch das Blut rot färbten.

Ein Schluchzen entkam mir und meine Sicht verschwamm gnädigerweise.

„Schau an, es geht doch“, murmelte er in mein Ohr und ich wurde gegen seinen Körper gepresst. Mormegil wirkte wenig angetan, auch wenn er nichts sagte. Ich bebte nur mehr und ich schloss verzweifelt die Augen.

„Man greift nicht ein, wenn der König etwas befiehlt“, meinte er amüsiert und ich wurde gegen meinen Willen umgedreht. Seine Augen funkelten und ich wurde mir überdeutlich bewusst in welcher Gefahr ich gerade schwebte.

„Aber Ihr erinnert mich an jemanden“, meinte er und betrachtete mich eingehen. „Ich kann nur nicht sagen an wen.“

„Lass sie bitte, Orodreth“, bat jemand und ich konnte eine hellhaarige Frau erkennen, die ihn flehentlich ansah. Ich schluckte leicht und bekam bestätigt, wer das denn vor mir war. „Sie ist nur ein Mädchen.“

„Ein Mädchen…“, murmelte er nachdenklich und sein Blick lag auf mir.

„Du bist eine Autorin!“, stellte er plötzlich fest. Meine Augen weiteten sich entsetzt und ich schluckte. „Ah, deshalb kamst du mir so bekannt vor.“ Er klang mir ein wenig zu vergnügt – und zwar wirklich viel zu sehr.

Er ließ mich los und ich stolperte zurück.

„Ich hoffe doch sehr, die Sorte Autor, die die Wahrheit verbreitet?“, schnurrte er und nahm eine Strähne meines Haares in die Hand.

„Was seht Ihr als die Wahrheit an?“, piepste ich und war erschrocken, wie hoch meine Stimme klang. Seine Augen funkelten und ich wich zurück. Ein Ziepen erinnerte mich, dass er immer noch meine Haare in der Hand hielt.

„Oh, ich denke, ich habe Nutzen für Euch“, hauchte er und ich konnte Begeisterung hören. Ein irres Glitzern begann in seinen Augen zu lodern und ich schluckte. „Sagt mir, sind Eure Geschichten gut? Qualitativ hochwertig?“

Ein Klumpen bildete sich in meinem Magen und ich schluckte. „Ich weiß es nicht“, gab ich von mir, weil ich es nicht wirklich beurteilen konnte. Er kam wieder näher und überschritt die Grenzen meines persönlichen Raumes.

„Oh, das werden wir ja sehen. Und wenn ich Euch als Probe die Historie mit Eurem eigenen Blut schreiben lassen muss.“ Es war so sanft und beinahe liebevoll gesprochen worden, dass ich den Sinn erst nicht begriff. Jedoch wurde mir schnell eiskalt und ich starrte ihn verängstigt an. „Keine Sorge, meine bezaubernde, kleine Autorin, wir werden noch viel Freude miteinander haben!“

Bilder strömten auf mich ein und ich malte mir bereits die schlimmsten Vorstellungen aus. Das war alles nur ein Albtraum!

Doch ich wurde nicht wach und das ängstigte mich noch mehr. Ich wurde mit ihm mit gezogen und auch wenn ich mich schwach wehrte, so war es sinnlos. Er war um einiges stärker und ich hatte nicht einmal die Chance, mich zu befreien.

Das Schloss, in welches ich gebracht wurde, war alles nur nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Ich hatte an ein düsteres Horrorschloss gedacht, wo man sofort erkannte, welche Art von Besitzer hier anzutreffen war. Es war unglaublich hell und die Gestaltung war luftig und offen. Weißer Marmor, wie ich vermutete, bedeckte den Boden und auch die Säulen schienen daraus gemacht zu sein.

Der rote König zerrte mich weiter und ging mit mir in ein Zimmer.

„Ihr werdet tun, was ich Euch sage“, stellte er ruhig fest und ließ mich los. Sofort verschränkte ich die Arme und schaute ihn wütend an. „Solltet Ihr das nicht tun …“ Effektvoll ließ er eine Pause. „Werde ich Euch bestrafen. Glaubt nicht, dass ich meinen Herz-Buben benötige, um mir das zu holen, was ich will.“

Sein Blick war kühl und seine Haltung überaus arrogant. Ich begann, mehr und mehr den Moment herbeizusehen, in dem er ging und mich alleine ließ. Ich würde sicher nicht hier verweilen.

„Ich meinte es durchaus ernst, dass ich Euch alles mit Eurem Blut schreiben lasse“, sagte er leise. „Ihr wisst nicht, was Leid ist, ehe Ihr es nicht durch meine Hand kosten durftet.“ Eiskalte Schauer liefen mir über den Rücken und ich zuckte zurück. Das war krank!

Er lächelte nur.

„Folgt meinem Wort und Euch wird nichts geschehen. Solltet Ihr widersprechen, werde ich Euch persönlich foltern. Warum glaubt Ihr, werde ich sonst der rote König genannt?“

Amüsement und eine gewisse Süffisance standen in seinem Gesicht und ich schluckte. Wo war ich nur hineingeraten? Dabei war ich nur einem verdammten Kaninchen gefolgt. Er ging und alles wurde still. Kaum dass er weg war, begann ich damit, einen Ausweg zu suchen. Ich war im ersten Stockwerk, wie es mich ansah, nachdem ich aus dem Fenster schaute. Es war nicht so extrem hoch, aber ich wollte auch nicht unbedingt ein Risiko eingehen.  Deshalb versuchte ich es mit der Tür, die aber zugesperrt war.

Wann zur Hölle hatte er die Tür verschlossen?!

Ein großer Schreibtisch stand an einer Wand, wie ich schnell feststellte, aber es waren keine Gegenstände darauf, die mir helfen würden. Nicht einmal eine Schere gab es. Doch dann entdeckte ich das Bett und die Decke darauf. Ein Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit und ich hatte bereits einen Plan. Ich würde nicht auf Orodreth warten, bis ich durch ein dummes Wort hingerichtet wurde. Dieser Mann jagte mir eine Heidenangst ein. Ich packte die dünne Überwurfdecke und sah mich dann genau um, ob ich es irgendwie beim Fenster befestigen konnte. Ich musste hier schnellstmöglich weg. Schließlich fand ich eine Stelle und knotete mühevoll alles fest. Ich hatte wirklich Besseres zu tun, als darauf zu warten, was dieser Wahnsinnige mit mir machen würde. Mit Schwung schmiss ich die zusammengewickelte Überdecke aus dem Fenster und schaute, wie viel mir noch fehlte. Doch es müsste eigentlich reichen. Nur wenig hing über dem Erdboden und das sollte ich noch hinbekommen ohne mir das Genick zu brechen.

Ich zog nochmal fest an meinem provisorischen Seil und sah zu, dass es auch wirklich festsaß. Ich konnte es mir nicht leisten, dass es sich löste, während ich noch daran hing und mir dann nicht mehr helfen konnte. Ein gebrochener Fuß war das Letzte, was ich gebrauchen konnte. Allein die Gefahr erwischt zu werden, war viel zu groß und ich wollte nicht wissen, was mit mir geschehen würde, sollte man mich so finden.

Ich ergriff meinen Fluchtweg und setzte mich aufs Fensterbrett, ehe ich mich mühevoll auf den Bauch drehte und die Füße an die Wand stemmte. Erst jetzt begann ich, langsam die Mauer hinabzugehen und versuchte, so wenig ruckartige Bewegungen zu machen, wie ich konnte. Ich musste nichts provozieren. Kurz vorm Ende sprang ich und landete auf meinen Knien. Mein weißes Kleid bekam gerade wundervolle Grasflecke, die ich so wahrscheinlich nie wieder herausbekommen würde.

Meine Knie taten etwas weh, aber es war nichts Tragisches und ich stand auf. Je schneller ich wegkam, desto besser war es für mich. Auf meinem Weg durch den Garten bemerkte ich auch Karten, die weiße Rosenbüsche mit roter Farbe bepinselten, was gar seltsam anmutete. Doch ich ging weiter und schaffte es zu einer Zypressenhecke, die mir bekannt vorkam.

Jedoch bekam ich Panik, als ich wütende Schreie vom Schloss hörte. Hektisch schaute ich mich nach einem Loch um, welches ich nach einer gefühlten Ewigkeit fand. Schnell kroch ich hindurch und vernahm schon die gebellten Befehle, die nur ein Ziel hatten – mich zu fassen!

Kaum auf den Beinen rannte ich auch schon los und achtete nicht mehr auf meinen Weg. Ich wollte einfach nur weg und diesem Wahnsinn entkommen. Immer noch vernahm ich Befehle und konnte sie nun auch Orodreth zuordnen, der wohl wirklich stocksauer war. Äste zerrten an meinen Haaren und irgendwann kam ich zu einem Abhang, wo ich stolperte und hinabkugelte. Schreiend kam ich unten zum Sitzen. Doch noch ehe ich aufstehen konnte, lag eine Klinge an meinem Hals und ich wimmerte leise.

„Wer seid Ihr und was wollt Ihr?“, verlangte mein Gegenüber zu wissen und als ich aufschaute, traf mich halb der Schlag. Blondes Haar war zusammengefasst, aber das Gesicht … es war dem vom roten König so ähnlich, dass ich verängstigt zurückwich.

„Ich bin niemand“, schoss es aus meinem Mund, ehe ich weiter überlegen konnte. Ich konnte und wollte ihm auch nicht die Wahrheit sagen. Einmal gefangen genommen zu werden reichte. Vor allem da er Orodreth zu ähnlich sah und deshalb alles andere als vertrauenserweckend auf mich wirkte.

„Natürlich“, kam es trocken und ironisch von ihm und er packte mich am Arm. Ich schrie leise auf, da er genau die Stelle erwischt hatte, die schon der rote König malträtiert hatte. Überrascht ließ er los und schaute mich ernst an. „Ihr kommt aus dem Osten…“, murmelte er und wirkte auf einmal nahezu müde und traurig. „Ihr kommt aus dem Reich des roten Königs und tragt eine Robe in den Farben des weißen. Ihr seid vor ihm geflohen, habe ich Recht?“

Ein ernster Blick und ich nickte.

„Kommt!“, war alles, was er sagte und hielt mir eine Hand hin. Zaghaft nahm ich sie und bemerkte erst jetzt die weiße Rose auf dem Umhang. Er führte mich zu einem Pferd, welches ungeduldig zu schnauben schien. Mit einer ungewöhnlichen Schnelligkeit wurde ich hochgehoben, ehe er sich hinter mir aufs Pferd schwang und losritt. Ich war viel zu irritiert, um zu meckern.

Hinter uns erklang Gebell und Arme legten sich fest um mich, eher er das Tier zum Galopp anspornte und sich mit mir vorlehnte, um weniger Luftwiderstand zu bieten und eventuellen herabhängenden Ästen auszuweichen. Es wurde leiser hinter uns und wir erreichten irgendwann das Ende des Waldes und ritten über eine Wiese, die mit herrlichen Sommerblumen leuchtete.

„Ich bin der weiße Ritter und Vasall meines Königs“, sagte er irgendwann und seine grauen Augen glitzerten im Licht der Sonne. „Sagt, was hat Euch in die Arme des roten Königs getrieben?“

Tja, was war das gewesen? Ah, genau das Criquet-Spiel, was ich ihm auch sagte. Ein schweres Seufzen war zu hören.

„Ihr solltet nächstes Mal Euch fernhalten und nicht eingreifen. Auch wenn ich weiß, dass es schwer ist.“

„Ihr sprecht aus Erfahrung?“, fragte ich leise und merkte, wie er sich versteifte. Mittlerweile trabte das Pferd nur mehr und ich wurde fester gegen ihn gedrückt.

„Es gab zwei Ritter im Dienste des weißen Königs“, begann er und seine Stimme klang leicht gebrochen. „Vasallen waren wir, die Gebiete im Namen seiner Majestät verwalteten. Dichte Nadelwälder nannten wir unser kleines Reich, welches karg, aber doch wundervoll war.“

Er stieg ab und sah mich erwartungsvoll an. Erst verstand ich nicht, doch er deutete an, dass ich absteigen sollte. Vorsichtig schwang ich in meinem weißen, grasfleckigen Kleid ein Bein nach links und ließ mich herabgleiten. Starke Arme fingen mich auf und ich spürte die kühle, silberne Rüstung, die im Licht weiß zu leuchten schien. Auch auf dem Brustpanzer war eine weiße Rose zu erkennen und ich fühlte mich fürchterlich an das Haus York erinnert. Sehr treffend, wenn ich bedachte, dass der rote König eine rote Rose im Wappen hatte. Es fiel mir erst jetzt wieder ein, aber es hatte über dem Eingang gelegen, in Stein gemeißelt mit rotem Marmor verziert.

„Mein Bruder war der zweite Ritter und lebte mit seiner Gemahlin und seinem einzigen Kind, seinem Sohn, dort“, sagte er und ließ mich los. Er ergriff die Zügel des Rosses und wir gingen weiter. Ein weißes Schloss tauchte vor uns auf, weiße Türme ragten hoch in den Himmel und ein Blütenmeer erstreckte sich vor uns, weil die Liegenschaft in einer Senke lag. Die Blüten der Bäume trugen dieselbe Farbe, wie das Schloss und ich hielt den Atem an. Es war bezaubernd und wunderschön.

„Der König kam oft zu Besuch“, meinte er irgendwann, während wir den Hang hinabgingen. Er war fast ebenso riesig wie die Cheshires, vielleicht nur wenig kleiner wie Curufinwë.

„Wieso das?“, fragte ich verwundert, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass ein König sich großartig und so innig für seine Vasallen interessierte.

„Weil König Findaráto unser älterer Bruder ist, Herinya“, erwiderte er nüchtern und sah sie an. Sprachlos öffnete ich den Mund, nur um ihn wieder zu schließen.

„Wieso war Euer Bruder der zweite Ritter?“, fragte ich nach einer Weile, auch wenn es eher laut denken war.

„Weil er hingerichtet wurde…“

Geschockt blieb ich stehen und verstand die Welt nicht mehr. Wieso hatte der weiße König seinen eigenen Bruder hinrichten lassen? Und was war mit der Ehefrau und dem Sohn passiert? Mit einem Male wollte ich nicht mehr zum weißen König, der offensichtlich genauso schlimm war, wie sein rotes Pendant.

Ein irritierter Blick traf mich und ich schüttelte nur den Kopf. Ich wollte nicht von einem Tyrannen zum nächsten kommen. Auch wenn Cheshire so angetan von ihm war, oder vielleicht gerade deshalb?

„Was ist mit seiner Familie?“, fragte ich und merkte, dass ich leicht hysterisch klang.

„Angarátos Sohn, ermordete seine Eltern und schaffte es auch fast mich und Findaráto umzubringen. Ihr seid ihm gerade erst entkommen.“

Ich erstarrte.

„Der weiße König ist also kein Tyrann?“, fragte ich ganz kleinlaut und wollte nun im Erdboden versinken. Ungläubig wurde ich angesehen, bevor seine Mundwinkel zu zucken begannen. Schließlich lachte er los und grinste breit.

„Eru, wie kommt Ihr darauf?“

Ich war sicher feuerrot…

„Ihr habt gesagt, er wäre hingerichtet worden … sowas befiehlt normalerweise ein König“, piepste ich und wusste nicht, wo ich hinsehen sollte. Verstehen war in seinem Gesicht zu sehen. Er lachte immer noch.

„Oh, ich will Cheshires Gesicht sehen, wenn er von Eurer Vermutung erfährt!“

Ich erbleichte bei dem Gedanken und versuchte nicht, an das Gesicht von Curvo zu denken, der dem weißen König ergeben zu sein schien. Ich wollte es nicht wissen.

„Bitte nicht!“, wimmerte ich leise und er lachte noch heller auf.

„Mein ältester Bruder ist ein weiser Mann, zwar oftmals eine Plage, wenn er etwas will, aber liebenswert und freundlich. Aber ich warne Euch, er bringt einen zu gerne dazu, das zu tun, was er will. Und wenn es nur ein strahlendes Lächeln ist, welches Euch nicht mehr loslässt!“

Er schien, eindeutig aus Erfahrung zu sprechen. Er nahm mich beim Arm und zog mich mit sich. Seufzend folgte ich, auch wenn ich immer noch verwirrt war.

„Es tut mir leid“, murmelte ich irgendwann, als wir die Bäume erreichten und der Duft der Blüten den Sinnen schmeichelte. Seine Hand ließ mich los und ich spürte ein Gewicht auf meinen Schultern. Ein warmes Lächeln war dabei auf seinem Gesicht.

„Das muss es nicht“, meinte er leichthin und ließ mich dann doch los.

„Doch, weil ich solch düstere Erinnerungen hervorgerufen habe, was ich gar nicht wollte!“

Er schüttelte nur den Kopf, eher er sie weiterführte und sie an einer Brücke vorbeikamen, wo ein amüsierter Mann mit schwarzen Haaren saß. Irritiert bemerkte ich den ‚Hut‘, welcher eine Eierschale bildete und er grinste verschmitzt. Er trug einen Zopf und bewegte die Unterschenkel hin und her.

„Wo wollt ihr hin, Cousin?“, wurde mein Begleiter gefragt.

„Zum König, Humpty Dumpty, und ich würde aufpassen – nicht dass du fällst!“, erwiderte der weiße Ritter nur ruhig. Ein Schnauben erklang und Humpty Dumpty stand auf. Erst jetzt erkannte ich die goldenen Bänder in seinem Haar.

„Aicanáro, du denkst zu viel nach!“

Ein melancholisches Lächeln erschien auf des Ritters Gesicht und ich schluckte. Ich war mir recht sicher, dass er nur verhindern wollte, dass er noch jemanden verlor. Allein der Gedanke an mein Fettnäpfchen vorher, trieb mir wieder die Röte ins Gesicht.

„Vielleicht, Findecáno, vielleicht.“

Damit wurde mein Arm gepackt und ich wurde hinter ihm hergezogen. Seufzend fügte ich mich und war recht erstaunt, als er mich dann ansah.

„Er ist Euch sehr wichtig“, murmelte ich halb fragend und er nickte. Ein schmales Lächeln war  zu erkennen, auch wenn nur schwach.

„Er ist mein älterer Cousin und der Sohn des Märzhasen“, meinte er leise und mir drängte sich unwillkürlich das Bild vom Osterhasen mit einem Ei auf Beinen auf. „Natürlich weiß ich, dass er sicher ist, aber die Sorge bleibt. Er ist oft viel zu leichtsinnig. Da kann mein ältester Cousin, die rechte Hand des weißen Königs, noch so oft zusichern, dass er sofort kommt, wenn Humpty Dumpty fällt.“

Nachdenklich gingen wir den Hain aus – was ich annahm – Kirschbäumen entlang und ich genoss den Anblick der weißen Blüten, die teilweise zartrosa gefärbt waren.

„Ich werde vom roten König gejagt und ich fürchte, er wird keinen Frieden geben, bis er mich hat.“

Die Worte fielen mir unendlich schwer. Doch ich wollte niemanden in Gefahr bringen.

„Warum jagt er Euch?“

Aicanáros Blick war ernst und sehr besorgt. Ich fühlte mich unwohl, auch wenn es nicht an ihm lag, sondern viel mehr an mir.

„Weil ich eine Autorin bin…“

Er blieb stehen und starrte mich ungläubig an.

„Ihr seid eine Autorin?“, fragte er und ich konnte mit einem Mal Hoffnung in seinen Augen sehen. Ich fürchtete nur, dass man zu viel Vertrauen in mich setzte. Weil ich nicht gut war und was sollte ich schon wirklich tun. Ich hatte nicht genügend Wissen, um wirklich das umzusetzen, was ich bräuchte, um allem gerecht zu werden.

„Ihr solltet mehr an Euch glauben, Herinya! Wissen allein macht keinen guten, stringenten Text, sondern viel mehr die Darstellung der Charaktere mit der Handlung zusammen.“

Wieso wollten mich eigentlich alle überzeugen, dass ich nicht viel brauchte, um gut zu schreiben?!

Bis mir eines auffiel – er hatte auf etwas geantwortet, was ich gedacht habe! Wie zur Hölle konnte er wissen, was ich dachte?

Ich wollte schon zur Frage ansetzen, doch er hob nur eine Augenbraue.

„Ihr habt laut gedacht. Und ich bin nicht Findaráto, der diese Gabe besitzt.“

Sprachlos starrte ich ihn an, aber er zuckte nur mit den Schultern und ging weiter. Ich folgte sofort und wir kamen endlich zum Schloss. Mit großen Augen bestaunte ich das Gebäude und die Kunstfertigkeit der Architekten, ehe ich direkt über Stufen und durch einen langen Flur in einen Saal geführt wurde. Alles schien schier zu leuchten und ich drehte mich einmal um die eigene Achse, um alles wahrzunehmen. Bis ich ein leises, vertraut klingendes Lachen vernahm und mich der Geräuschquelle zuwandte.

Ein Grinsen hing in der Luft und ich konnte nicht verhindern, dass ein breites, erleichtertes Lächeln sich auf meine Lippen legte und ich am liebsten zu ihm hingerannt wäre. Immer mehr und mehr nahm Cheshire Gestalt an und stand mit verschränkten Armen an die Säule gelehnt da. Das dunkle Haar glänzte seidig im Licht und die Ohren zuckten leicht bei jedem Laut.

„Cheshire!“, rief ich nur und ging auf ihn zu. Es tat so gut, jemanden zu treffen, den man kannte, auch wenn nur so kurz. Es war, als würde ich einen Fels in der Brandung haben. Er öffnete nur wissend seine Arme und ich machte noch einen Schritt auf ihn zu, ehe ich ihn vorsichtig umarmte und mein Gesicht an seiner Brust vergrub. Ein Schnurren erklang und er strich mir über den Kopf, ehe er beruhigend etwas murmelte.

„Du kennst sie, Cheshire?“, fragte jemand und er bejahte dies.

„Der rote König verfolgt sie“, vernahm ich nun den Ritter und der Griff um mich wurde stärker.

„Dann müssen wir sie schützen. Sie ist eine Autorin und zu wichtig, um ihm in die Hände zu fallen!“

Curvos Brust vibrierte bei diesen Worten und ich löste mich. Röte stieg mir in die Wangen, ehe ich mich wieder fing.

„Dessen bin ich mir bewusst. Wo ist eigentlich Turco?“, kam die leicht gereizte Frage und ich schaute zwischen Aicanáro und Curufinwë hin und her. Es schien mir, als ob die zwei sich nicht ganz grün waren. Bis mein Blick auf die dritte Person fiel und ich ihn einfach nur anschaute. Ich war wie zu Stein erstarrt und konnte nicht wegsehen. Silberne Augen durchbohrten mich und ein freundliches Lächeln lag auf den Lippen des Mannes vor mir. Eine silbrige Krone lag auf dem goldblonden Haar. Das also war der weiße König und er hatte eine Ausstrahlung, die mir Respekt einflößte.

Wenn ich ihn mit dem roten König verglich, der ihm sehr ähnlich sah, war der weiße eindeutig mehr das, was man unter einem Herrscher verstand. Er musste nichts sagen oder tun, aber er war präsent.

„Er ist zum roten König und stört ein wenig das Criquet-Spiel, welches ja neue Regeln bekommen hat“, antwortete Cheshire und grinste boshaft. „Vor allem soll eine Verhandlung gegen die Schlafmaus geführt werden, die das Lieblingsspielzeug des Herz-Buben verletzt hat… sie hat das Auge des Bandersnatch ausgestochen…“

Ich konnte sehen, wie der König, aber auch der Ritter erbleichten und ein Zittern beim Ritter bemerkbar war.

„Turco will den Platz der Haselmaus einnehmen und somit die Hinrichtung verhindern“, meinte Curvo daraufhin und sah nun zu mir. „Wir müssen sie zurückbringen, damit sie die Geschichte umschreibt. Egal zu welchem Preis!“

Ich schluckte verängstigt und versuchte, es mir nicht anmerken zu lassen. Doch ich war scheinbar ein offenes Buch.

„Ihr müsst auf die Feinheiten achten, sonst geschieht so etwas, wie hier!“

Der König hob die Hand und sah mich ruhig an.

„Lasst sie sich erstmal ausruhen. Sie sieht erschöpft aus und Schlaf hilft uns allen“, meinte er ruhig und ich konnte Schmerz in seinen Augen erkennen. Ich nickte nur dankbar und wurde auch schon weggeführt. Mein Kopf schwirrte und ich wusste nicht so recht, was ich tun sollte.

Als ich in mein Zimmer gebracht wurde – welches eher ein Appartement war – fiel ich schon halb komatös aufs Bett. Erst jetzt machten sich die Anstrengung, der Schmerz und die Erschöpfung bemerkbar. Ich schlief ein.

Schreiend erwachte ich wieder und befand mich in der merkwürdigsten Position – halb kniend mit den Armen über meinem Kopf - wieder.

„Ah auch schon wach, meine schlafende Schönheit?“

Todesangst erfüllte mich bei der ruhigen Stimme und eine Hand berührte meine Wange. Das war ein absoluter Albtraum. Ich musste noch träumen, weil es war unmöglich, dass Orodreth mich so schnell wieder in die Finger bekommen hatte. Ich war doch noch im Palast des weißen Königs eingeschlafen.

„Habt Ihr gut geschlafen?“, wurde ich gefragt und ich zitterte. Der Hohn war beinahe greifbar und ich wollte nur mehr weg. Wie war er ins Schloss gekommen? Wie hatte er mich unbemerkt entführen können und war mein Verschwinden bereits bemerkt worden? Aber noch viel wichtiger war, wie lang hatte ich geschlafen? Und wieso war ich nicht aufgewacht?

Plötzlich wurde mir ein Fetzen unter die Nase gehalten und ich konnte ein kaltes Glitzern sehen. Es roch wundervoll und ich spürte mit einem Male, wie ich müder wurde. Damit hatte ich meine Antwort, aber dafür war ich auch in heller Panik, weil ich hatte dieses Mal wirklich darauf geachtet, nicht laut zu denken. Was nur eines bedeuten konnte…

Verängstigt wich ich zurück, doch da war nichts als Mauer in meinem Rücken und ich fühlte mich so hilflos wie nie. Die Ketten schnitten mir ins Fleisch und ich wusste nicht, wie ich mich aus der Situation befreien sollte und konnte.

„Ich sollte Euch eigentlich töten, dafür, dass Ihr wagtet zu fliehen“, meinte er und hockte sich vor mich hin. Seine Augen glitzerten amüsiert. „Vielleicht sollte ich Euch wirklich ein Sklavenhalsband anlegen, damit Ihr Euren Platz versteht.“ Mir wurde kalt und ich zitterte noch mehr.

„Mormegil!“, rief er und stand auf. Er drehte sich zur Tür, wie ich nun entdeckte und genau in dem Moment kam eine dunkle Gestalt herein. Ein rotes Herz war auf seiner Schulter eingestickt und der Herz-Bube verbeugte sich. Ein kühles Lächeln umspielte die Lippen und aus einem mir unbestimmten Grund, wusste ich, dass ich ihn mehr fürchten musste als den König, der schon zur bislang beängstigendsten Figur geworden war, die ich mir vorstellen konnte.

„Aran nîn“, murmelte er und ich presste mich gegen die kalte Steinmauer. Er hielt Orodreth ein Lederband hin, welches sicherlich mehr als drei Zentimeter breit war. Geschwind wurde es genommen und Orodreth kam wieder zu mir.

„Bitte nicht“, wisperte ich verzweifelt und konnte aber sehen, dass er sich an meiner Angst weidete. Ich schüttelte nur immer wieder den Kopf und Tränen stiegen mir in die Augen, ehe er mich berührte und zärtlich über meinen Hals strich. Ich schluchzte gegen meinen Willen und schloss die Augen.

„Sieh mich an!“

Finger strichen über meine Augenlider und ich wusste, er würde mir wehtun, wenn ich nicht gehorchte. Also sah ich ihn an und Tränen rannen mir über die Wangen, die er sanft wegwischte. Doch dann legte er mir blitzschnell das Halsband um und zog zu. Es schnürte mir die Luft ab und ich hatte Probleme zu schlucken.

„Wenn du dich benimmst und meine Regeln einhältst, werde ich das Band lockern“, versprach er mit einem Grinsen und beugte sich vor. Mir stockte der Atem, als er mir die Tränen wegküsste und dann aufstand. Dieser Widerspruch in seinem Verhalten machte mich halb wahnsinnig. Die Tür fiel zu und es wurde dunkel. Schluchzend lehnte ich an der Wand und vergaß die Zeit, die hier in meiner Zelle sowieso keine Bedeutung hatte.

„Schhh…“, erklang auf einmal und ich schaute mich erschrocken um. Ein Grinsen hing in der Luft und ich wollte heulen vor Erleichterung und Freude. So aber kam nur ein trockenes Würgen hervor, weil einerseits mein Halsband mir die Möglichkeit nahm, etwas zu tun, andererseits versuchte ich selbst, jedes Geräusch zu unterdrücken.

„Gutes Mädchen“, hörte ich die Stimme und langsam wurde die helle Gestalt von Cheshire deutlich sichtbar. Seine Finger berührten das Halsband und ich konnte sehen, wie sich sein heller Schwanz aufstellte, sträubte und er wie eine Klobürste aussah. Wut blitzte in seinen Augen.

„Wir holen Euch hier raus“, wisperte er leise und sah sich immer wieder um, als würde er erwarten, dass jemand jeden Moment kommen könnte. Seine hellen Augen durchbohrten mich. „Sobald Ihr wieder dort seid, wo Ihr hingehört, müsst Ihr Geschichten schreiben, um das zu verhindern.“

Ich nickte nur verzweifelt, da ich das wirklich nicht mehr zulassen konnte. Ich erfuhr gerade am eigenen Leib, was ein böser Orodreth anrichten konnte. Er war verrückt und mir kam vor, als wäre Mormegil derjenige, der überhaupt alles verursachte und den König so hatte werden lassen.

Ich zwang mich an all die verrückten Ideen zu denken, die ich hatte, die in den unterschiedlichsten Fandoms beheimatet waren. Doch dieses Mal würde ich meinen Fokus auf ‚Das Silmarillion‘ legen. Ich konnte sie nicht im Stich lassen, nicht nach all dem, was ich gesehen hatte.

Doch dann erklangen tatsächlich Schritte und Tyelcormo fluchte leise, bevor er verschwand und das Grinsen mit ihm. Mit vor Panik geweiteten Augen schaute ich zur Tür, die sich schwungvoll öffnete. Der König stand dort in einer bezaubernden Robe, die seinen Körper hervorragend betonte. Einzig das Rot passte ihm nicht, aber das würde ich sicher nicht laut sagen.

Er kam zu mir und öffnete meine Fesseln, bevor er eine feine Silberkette an meinem Halsband befestigte und mich hinter sich herzog. Laute Stimmen waren zu hören, als wir einen Saal erreichten und ich auf einen Sessel gedrückt wurde. Eine Hand in meinen Haaren vergraben, setzte er sich neben mich und starrte von der erhöhten Position auf die Personen unter ihm herab. Mit Grauen erkannte ich den Hutmacher, den Märzhasen und die Haselmaus, wobei letztere in Ketten gelegt war und zu uns hochsah. Die silbergrauen Augen wirkten verträumt und verschleiert.

Ich wollte weinen und schreien, doch ich bekam kein Wort hervor. Der Hutmacher wirkte aufgebracht und stand zwischen dem Herz-Buben und der Haselmaus. Ein Lächeln legte sich auf die Lippen dieser und ein Ausdruck tiefster Liebe machte sich in ihrem Gesicht breit, als sie zu Orodreth aufsah. Ich merkte, wie der Griff um meinen Kopf fester wurde und ich wimmerte leise.

Ich erkannte Wut in Orodreths Gesicht, welches mehr einer Grimasse glich. Doch mir war bewusst, dass die Haselmaus es kaum schaffen würde, lebend herauszukommen. Ein Glockenschlag erklang und alles wurde still.

„Haselmaus, Ihr seid angeklagt, gegen den König und dessen Untergebene vorgegangen zu sein!“

Mormegil stand dort mit einer Pergamentrolle und las ab, was dort geschrieben stand. Mein Herz schlug schneller.

„Weiters habt Ihr Euch des Widerstandes gegen die königliche Gewalt strafbar gemacht!“

Etwas in Mormegils Augen blitzte und ich begann zu verstehen. Es ging um den Bandersnatch und dessen Auge.

„Darauf steht der Tod durch Enthauptung!“

Der Hutmacher fuhr auf, doch ich war schneller, auch wenn das Halsband mir jegliche Luft nahm.

„Einspruch!“, kreischte ich und wurde brutal zurückgerissen. Orodreth funkelte mich vernichtend an und ich war mir sicher, dass er mich schlagen würde, wenn ich nicht sofort einlenkte. Aber das konnte ich nicht zulassen. Er würde mich nicht umbringen, ich war als Autor zu wichtig.

„Es gab keinen Widerstand gegen die königliche Gewalt, sondern es handelte sich hierbei um Notwehr!“, rief ich, so laut ich nur konnte. „Die Haselmaus wurde fast getötet, weil das Untier alles zerstören wollte!“

Gemurmel wurde laut und ich wurde mit Wucht auf den Boden befördert. Orodreths Augen waren nur mehr Schlitze und ich wusste, dass ich damit mir viel Ärger eingebrockt hatte. Ein Brüllen war zu hören und wir alle erstarrten. Ich zog mich am Pult hoch, weil selbst der rote König überrascht wirkte und ich somit die Möglichkeit hatte. Der Bandersnatch stand mitten im Raum und geiferte. Er wirkte vollkommen tollwütig, bevor er plötzlich Richtung Pult sprang. Ich schrie entsetzt und Orodreth packte mich nur und zog mich weg, ehe Holzsplitter auf uns herniederregneten.

Schreie wurden laut, während ich ein rotes Auge erblickte, als ich über Orodreths Schulter sah, der über mir lag. Die Lefzen waren hochgezogen und er kam näher. Der König rollte sich von mir und hatte einen Dolch in der Hand.

„Seht Ihr?! Notwehr war es, weil dieses Monster alles zwischen die Zähne bekommen wollte, was nur irgendwie in seinen Rachen passt!“, hustete ich und wurde finster angesehen. Der Bandersnatch wollte schon zuschnappen, als plötzlich die Haselmaus zwischen uns stand und vorschnellte. Ein Jaulen erklang und die Bestie wich zurück. Doch dann rannte sie an dieser vorbei und direkt auf Orodreth zu, der mit geweiteten Augen zu ihr starrte. Kiefer krachten und ich konnte mich nicht mehr bewegen. Blankes Entsetzen stand in mein Gesicht geschrieben, als ein Teil von der Schulter aus dem Körper gerissen wurde und die Gestalt zu Boden ging.

„Niemand rührt meinen einzigen Enkelsohn an!“, keuchte die Gestalt und Tränen rannen über ihr Gesicht. Es war das erste Mal, dass ich die Haselmaus so wach sah. Kein Schleier lag über ihren Augen.

Als der Bandersnatch erneut zuschnappte, verdeckte ich mein Gesicht mit den Händen, um nichts zu sehen. Schmerzensschreie wurden laut und ein wildes Jaulen erklang, welches sich entfernte.

„Arafinwë!“

So viel Leid und Qual in der Stimme und ich schluchzte auf. Ich zwang mich hinzusehen, um ihm eine letzte Ehre zu geben. Er lag auf Orodreth, der vollkommen verstört wirkte. Ein riesiger Teil des Nackens fehlte und selbst mit viel Hoffnung war klar, dass er tot war. Und mir war klar, dass er sich umgedreht hatte, um Orodreth ein letztes Mal anzusehen. Arme legten sich um mich und eine Klinge durchschnitt mein Halsband.

Zum ersten Mal erblickte ich einen so zutiefst verletzten und verlorenen Ausdruck im Gesicht des Königs, dass ich ihn am liebsten in den Arm genommen hätte. Sein Antlitz wurde zu einer Grimasse und er umklammerte den toten Leib, den der Hutmacher von ihm ziehen wollte. In aller Augen war der Schmerz überpräsent und ich schluchzte immer noch, während ich zusah, wie Orodreth einfach nur seinen Großvater festhielt und sein Gesicht in den langen, blonden Haaren vergrub.

„Ich werde schreiben“, wisperte ich nur gebrochen. All das Leid war mir zu viel, wenn auf einmal Feinde keine mehr waren. Der Hutmacher hielt den König im Arm und der Märzhase hatte den Leichnam mit Tränen in den Augen weggezogen. Eine Hand strich mir beruhigend über den Kopf. „Ich werde alles ändern. Ich lasse euch nicht so leiden.“

Schluchzer schüttelten mich und ich war halb blind durch all die Tränen.

„Ich werde mit anderen aus dem Fandom in Kontakt treten.“

Ich würde eng an den Unbekannten gedrückt und gewiegt, während er leise summte. Und irgendwann schloss ich nur die Augen und ließ mich fallen.

Blinzelnd öffnete ich sie wieder und wunderte mich darüber, dass es so ruhig war. Kein Schluchzen, kein Geschrei war zu hören. Über mir – bemerkte ich erst jetzt – war ein blauer Himmel und eine leichte Brise ging. Blätter rauschten im Wind, einschläfernd, wie der Geruch in meiner Nase, der mich an Orodreths Tuch erinnerte.

Als ich meinen Kopf drehte, entdeckte Lavendel nur wenig entfernt.

„Du bist eingeschlafen“, kam der amüsierte Kommentar meiner Freundin. Müde rieb ich mir über die Augen.

„Ich hatte einen ganz und gar seltsamen Traum“, murmelte ich und begann ihr alles zu erzählen und auch von meinem Plan, auch wenn es nur eine Narretei war.

„Das mit dem Chloroform klingt mir aber wirklich sehr traumhaft. Weil das würde gar nicht gehen, dass du den Geruch wiedererkennst, wenn der Stoff extrahiert wurde.“

Sie wusste natürlich, was ging und was nicht, schließlich gehörte das zu ihrem Studium. Aber ich fragte mich, ob es wirklich nicht ging, das das Zeug nach Lavendel gerochen hatte. Der Traum war so realistisch gewesen, dass es schlimmer nicht ging. Es schüttelte mich wieder, als ich an Arafinwës Leichnam dachte.

„Und in Kombination mit einem ätherischen Öl?“, fragte ich immer noch leicht verschlafen und musterte sie. Sie strich sich die Haare zurück und seufzte. Doch der nachdenkliche Blick wurde ernst. „Das wäre tatsächlich möglich“, murmelte sie leise und sah gedankenverloren hoch ins Blaue.

„Aber es war trotzdem nur ein Traum!“, beharrte sie darauf und begann alles zu analysieren. Bis sie irgendwann mit den Rosenkriegen anfing und den Wappen der beiden Könige. Es war etwas schwer ihr zu folgen, da mein Kopf immer noch wie in Watte gepackt zu sein schien. Seufzend ließ ich sie gewähren, immer noch viel zu benommen vom ‚eben‘ erst Erlebten. Ich genoss die warmen Sonnenstrahlen und dachte nach.

Doch auf einmal flatterte ein blauer Schmetterling über mir und winkte mir zu. Perplex starrte ich das kleine Wesen an, doch mit noch größerem Schreck erkannte ich silberweißes Haar und – ich traute meinen Augen nicht – eine Wasserpfeife in der Hand. Das war ja wohl ein schlechter Scherz!

Sprachlos und verdattert folgte ich ihm mit dem Blick, ehe er auf einmal in einer blauen Wolke verschwand und ich nicht mehr wusste, was Realität und was Fantasie war. Aber der Plan … den würde ich umsetzen und mehr schreiben.
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