behind blue eyes.

KurzgeschichteDrama, Freundschaft / P16
Gary Ib Mary
27.04.2015
27.04.2015
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Hi. Hier Eli. Da mich dieses Spiel in den letzten Tagen ziemlich mitgerissen hat, dachte ich mir, wieso eigentlich nicht ein bisschen was dazu schreiben? ... Und das ist das Ergebnis. Ich konnte es nicht lassen, wieder einmal pures Drama daraus zu machen. #sorrynotsorry #bepreparedforsomefeelsguys

I hope you enjoy.
- Elinor.




*





No one knows what it's like to be the bad man,
to be the sad man behind blue eyes.
No one knows what it's like to be hated,
to be fated, to telling only lies.
But my dreams, they aren't as empty, as my conscience seems to be.
I have hours, only lonely.
My love is vengeance that's never free.
No one knows what it's like, to feel these feelings like I do.
And I blame you.
No one bites back as hard on their anger,
none of my pain and woe can show through.






*





Garry hatte die Farbe Blau schon immer gemocht.

Der Himmel war blau. Der Ozean war blau. Seine Augen waren blau. Man konnte sich darin verlieren, darin vergessen, eintauchen und nicht mehr zurückkommen, wenn man es denn so wollte. Blau hatte für ihn immer Sicherheit und Schutz bedeutet, es war immer wie eine Schale gewesen, mit der er alle möglichen negativen Dinge in seinem Leben ausschalten konnte. Und es half ihm dabei, so zu werden, wie er jetzt ist.

Als er noch klein war, hatte sein Vater die Dachschräge in seinem Zimmer blau angemalt. Kurzzeitig hatte er auch versucht, seine schwarzen Haare blau zu färben, was in einem welligen, violetten Haarbüschel endete, mit ein paar vereinzelten schwarzen Strähnen auf den Scheitel. Auch wenn es im Endeffekt nicht die Farbe geworden ist, die er haben wollte und er eine gehörige Standpauke von seinen Eltern bekommen hat … er bereut es nicht. Wer hat denn schließlich sonst noch so eine ausgefallene Frisur?

An dem Morgen, an dem er die Galerie besuchen wollte, zog er seinen dunkelblauen Mantel an. Auch dafür erntete er zwar viele irritierte und abschätzende Blicke, aber es interessierte ihn nie wirklich, was andere von ihm dachten. Die ersten Dinge zuerst – es ist immer noch am wichtigsten, dass er sich selbst wohlfühlt. Und das tut er.

Auf dem Hinweg benutzte Garry nicht den Bus oder sein Auto, er ging zu Fuß, einfach, um so besser in den Tag zu kommen. Die Sonne hat geschienen und er genoß noch die ersten warmen Strahlen auf seiner blassen Haut, bevor er in das große Gebäude trat.

Guertena war ein sehr ausgefallener Künstler und vielleicht war genau das der Grund, wieso Garry die Galerie so begeisterte. Hinter jedem Gemälde, hinter jeder Skulptur verbarg sich eine andere Geschichte, eine tiefere Bedeutung, als dass sein bescheidener Geist ihn jemals richtig erfassen könnte. Allein das Bild ‚Abgrund der Tiefe‘ hatte es ihm angetan – das dunkle Blau wirkte fesselnd und einnehmend, als ob es jeden, der es betrachtete, mit in Guertenas Welt und Sinne zog.

Und so war es auch. Als plötzlich alle Besucher und das ganze Personal verschwunden waren, war Garry zuerst etwas verwirrt. Er hatte doch tatsächlich vor sich hin geträumt, während er hier vor diesem Gemälde stand und für einen kurzen Moment dachte er, sein Verstand spielte ihm einen Streich. Aber dem war nicht so. Ihm blieb nicht viel Zeit, er konnte nur kurz im Gebäude herumlaufen und nach der Ursache für dieses überraschende Verschwinden der Anderen suchen – als er wieder zurück in den Raum kam, an dem es angefangen hat, wurde er mitgerissen. Es war, als ob ihn eine Strömung nach unten ziehen würde, als ob Wellen nach ihm greifen würden und ihn erst losließen, als es bereits zu spät war.


Als er sich in der verdrehten Welt von Guertenas Gedanken wiederfand … das war der erste Moment, in dem Garry die Farbe Blau anzweifelte.


Die blaue Rose, die er stahl, nahm er aus reinem Instinkt. Es schien richtig, auch wenn es streng genommen Diebstahl war. Wenn er gewusst hätte, was das für Auswirkungen auf sein ganzes Leben gehabt hätte … er kann jetzt nicht mit Bestimmtheit sagen, ob er sie dann nicht genommen hätte. Ob er sich umgedreht hätte und weitergegangen wäre. Er kann es nicht sagen und er will es auch nicht. Jetzt bringt es so oder so nichts mehr.

Garry muss zugeben, als er das Gemälde der blauen Lady entdeckt hatte, war er erst entzückt gewesen. Dieses Bild hatte er nicht in der Ausstellung gesehen und er fragte sich, ob es ein verschollenes Werk ist. Er kam zu nah. Er fasste es sogar an. Aber wer hätte schon damit gerechnet, dass die Frau in dem Bild ihm entgegenspringt und ihm seine Rose stahl, so wie er es selbst getan hatte?

Der Moment, in dem sie die erste Blüte von der Rose riss und sie zwischen ihre Lippen schob, die in ein breites Grinsen gezogen waren, und er spürte, wie seine Brust sich schmerzhaft zusammenzog – in diesem Moment war er einfach nur wütend. Die Sicherheit, die er in dieser Farbe zu wissen glaubte … das alles war nicht echt gewesen. Was für eine Ironie. Er würde sterben, einfach nur, weil er sich viel zu sehr darauf verlassen hatte, nichts Böses zu erfahren.


Und dann war da Ib. Ib, das Mädchen in den adretten, eleganten Klamotten, mit den tiefroten Augen und einer besorgten Miene, als sie ihm seine Rose entgegenstreckte. Wieder heil. Wieder ganz. Er wurde gerettet. Nur widerwillig nahm er sie an, der Schmerz verschwunden, ersetzt durch das kleine Mädchen vor ihm. Ein Lichtblick in seiner kleinen persönlichen Verzweiflung. Er schaffte es sogar, zu lächeln, als sie ihn über seinen Mantel ausfragte. Den dunkelblauen Mantel. Er schaffte es, sich zusammenzureißen, nach vorne zu blicken und sein naives Denken zurückzulassen. Wenigstens für eine Weile.

Letztendlich war der Raum mit den Puppen an der Reihe. Die blauen Puppen mit den bunten Kleidern, den roten Augen und den schwarzen Haaren. Anders als in Ibs Augen fand er darin keine Sanftheit. Einzig und allein Wahnsinn und Hass. Obwohl diese Puppen gar nicht leben konnten. Obwohl dieses Monster gar nicht hätte aus dem Rahmen klettern können. Und doch passierte es. Er erinnert sich noch genau – wie er panisch jede einzelne Puppe auseinandergenommen hat, der Atem und das Lachen des Monsters im Nacken, nur um im letzten Moment den Raum zu verlassen. Er konnte noch im Augenwinkel sehen, wie aus den roten, aufgeklebten Augen Blut herausfloss, dann knallte er die Tür hinter sich zu.

In diesem Moment war ihm Ib wichtiger, als er selbst. Anfangs bemerkte er diesen Fakt gar nicht, aber er war vollkommen darauf fixiert gewesen, zu ihr zu kommen und sie vor Mary zu retten. Obwohl er gerade eine traumatische Erfahrung mit Puppen hinter sich gebracht hatte … er wusste, dass sich das kleine Mädchen in Gefahr befindet und er wollte so schnell wie möglich zu ihr.


Im Endeffekt überrascht es ihn nicht, dass er Mary seine Rose gegeben hat, damit Ib entkommen kann. Natürlich war ihm klar gewesen, was das für Konsequenzen hat. Natürlich hatte er gewusst, was es bedeutet, seine blaue Rose in die Hände des lebendig gewordenen Gemäldes Guertenas zu geben. Und doch hatte er Ib besänftigt, als sie protestieren wollte. Es war nicht schwer gewesen, sie dazu zu überreden, Garry diesen Tausch machen zu lassen. Sie vertraute ihm, voll und ganz und sie glaubte an seine Worte.

Er war froh gewesen, dass er die Enttäuschung in ihren roten Augen nie sehen können wird. Dass er nicht mehr mitbekommen wird, wie sie sich über seine Leiche beugt und versucht ihn aufzuwecken. Dass sie vielleicht sogar die einzelnen Rosenblätter einsammeln wird, um ihm zu helfen. Um ihn aufzuwecken. Um mit ihm zusammen wieder zu entkommen.


Er hatte sich getäuscht.


Denn jetzt … zehn Jahre später, kann er sie sehen. Die Reue. Die Traurigkeit. Die Wut. Er sieht eine junge Frau, die vor ihm steht, die das Bild, zu dem er geworden ist still anstarrt. Er kennt diesen stetigen Blick. Er kennt die Statur, er kennt die Kleidung, er kennt die Augen. Vor allem die Augen. Die tiefroten, sanften Augen, die ihm so viel mehr Sicherheit gaben, als das Blau seiner eigenen. Die Augen, die sich jetzt mit Tränen füllen, als sie ihre Stirn gegen den dünnen Rahmen lehnt und leise schluchzt. Als ob sie ihm so näher sein könnte. Als ob sie ein weiteres Mal durch das Bild in die Welt zurückkehren, in der er damals bleiben musste. Für Ib.

Er hört ihre gebrochene Stimme. Wie sie seinen Namen ruft, immer und immer wieder. Eigentlich hatte er gehofft, dass sie sich nicht erinnern wird, nicht in ihrem ganzen Leben. Dass sie den Horror und den Schmerz vergessen kann. Aber dem ist nicht so. Und er hätte sie so gerne in den Arm genommen, er hätte ihr so gerne gesagt, dass alles wieder gut wird. Er würde gerne die Zeit zurückdrehen und eine andere Lösung finden, Mary aufhalten, bevor sie überhaupt erst Ibs Rose nehmen kann. Zum ersten Mal fühlt er so etwas wie einen Rachedurst, der die Akzeptanz leicht beiseiteschieben kann. Er hätte leben können. Mit Ib zusammen. Er könnte jetzt hier neben ihr stehen. Er könnte nicht in dieser elenden Welt gefangen sein.

Aber sein Lächeln verrutscht nicht. Seine Augen blicken nach wie vor an ihr vorbei, obwohl sie es eigentlich nicht tun. Und die blauen Rosen umrahmen seine Züge, wie sie es immer taten, seitdem Ib ohne ihn gegangen ist.


Wie sie es immer tun werden.
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