Rache ist ein Gericht, das am besten scharf serviert wird

KurzgeschichteHumor / P12
25.04.2015
25.04.2015
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Es war einer dieser nervtötenden Nachmittage mit Abigail. Ich sollte mir mal wieder ihre 'magischen' Aufzeichnungen an gucken. Nur hatte sie diese Woche keinen einzigen magischen Zwischenfall verzeichnet.
„Dann kannst du ja jetzt wieder nach Hause gehen. Wenn du keine Aufzeichnungen hast, gibt es auch nichts, was wir besprechen könnten“, meinte ich zu Abigail. Sie machte ein listiges Gesicht und kramte etwas aus ihrer Tasche.
„Ich hab etwas anderes mitgebracht, was wir untersuchen müssen.“ Sie zog eine DVD heraus und hielt sie mir hin. Musste ich mir das wirklich antun?
'Die Tribute von Panem- Tödliche Spiele'.
„So etwas sehe ich mir nicht an“, sagte ich und wollte ihr die DVD zurück geben.
„Ich muss den Film hier sehen. Ich hab zu Hause keinen Fernseher in meinem Zimmer und Mum und Dad wollen es auch nicht sehen. Bitte, ich bin den ganzen Weg hierhin gekommen und du willst mich einfach so wegschicken?“, sie sah mich flehend mit bibbernder Unterlippe an und ich lenkte ein.
Jetzt kam zum ersten Mal meine Playstation zum Einsatz.
Ich konzentrierte mich gerade auf den Film, damit ich endlich verstand worum es überhaupt ging, da bemerkte ich, dass Abigail völlig abgelenkt mit einem Handy war. Ich wollte mir diesen Film nicht ansehen. Da fiel mir auf, dass sie auch noch mein Handy in der Hand hatte, es musste wohl aus meiner Hosentasche auf das Sofa gefallen sein.
„Hey, was machst du da? Das ist mein Handy, wenn du dich nicht auf den Film konzentrierst mache ich ihn aus“, meckerte ich sie an.
„Ich wollte dir nur meine Nummer einspeichern. Du weißt schon, wenn du mal nen' krassen Fall hast, kannst du mich als Gehilfe anrufen“, konterte sie.
Ich untersuchte mein Handy auf äußere Schäden, aber alles war in Ordnung und ich steckte es schnell wieder an einen sicheren Ort.
Nach dem Film schlenderten wir noch durch das Atrium, in dem Nightingale und Dr. Walid gerade eine Tasse Tee tranken und sich unterhielten.
Abigail war völlig begeistert vom Film und fragte mich ständig, ob ich auch dieses und jenes gesehen hatte.
„Dieser gigantische Feuerball!“, rief sie aus und Nightingale sah mich schlagartig an.
Ich hatte ihm versprechen müssen, dass ich nie in meinem Leben einen Lehrling aufnehmen würde. Anscheinend dachte er, dass ich Abigail ein paar Zauber beigebracht hatte.
„Wir haben einen Film gesehen“, meinte ich, bevor er mich darauf ansprechen würde.
Noch bevor Nightingale etwas erwähnen konnte, fuhr Abigail mit ihrer lebhaften Erzählung fort. Nightingale ertrug es mit stoischer Gelassenheit. Endlich hatte sie ihre Ausführungen beendet und Nightingale nickte wage.
„Das hört sich ziemlich blutrünstig an“, bemerkte er und warf mir einen abschätzigen Blick zu.
Ich hatte den Film doch überhaupt nicht ausgewählt, was dachte er nur schon wieder. Dann ertönte eine seltsame Musik. Ich war erst verwirrt und wusste gar nicht wo sie her kam, aber Abigail kringelte sich schon vor Lachen und ich bekam einen verdatterten Blick von Nightingale.
Abigail, der Terrorzwerg, hatte meinen Klingelton umgestellt.
Anstelle eines neutralen Klingelns, ertönte jetzt die Titelmelodie von 'Ghostbusters'.
Dr. Walid stimmte in Abigail's Lachen mit ein, nur Nightingale sah mich kritisch an.
Er kannte das Lied mit Sicherheit nicht, aber er verstand was gesungen wurde.

Ich sah auf mein Handy, es war meine Mum.
„Ja, was ist?“, begann ich das Gespräch.
„Du wolltest uns doch einladen?“, sagte sie und ich konnte mich nicht erinnern, dass ich jemals eine Einladung ausgesprochen hatte und schwieg erst mal.
„In deine neue Wohnung. Was soll das? Dürfen deine Eltern dich jetzt nicht mal besuchen kommen. Ich habe schon angefangen zu kochen, du kannst jetzt nicht mehr absagen. Wir kommen heute Abend zum Essen“, zeterte sie weiter.
„Mum, das geht nicht hier sind“, ich zögerte kurz, wie zum Henker sollte ich mich ausdrücken?
„Alte und seltsame Menschen“, sagte ich schließlich. Mum schnaubte am anderen Ende.
„Hexer sind immer alt und seltsam, wir kommen basta“, damit beendete sie das Gespräch.
Ich seufzte und stellte erst mal meinen Klingelton wieder um. Ich wollte nicht mitten in einer Ermittlung mit Seawoll oder Stephanopoulos sein und dieser Klingelton ging los. Ich wäre wieder für mehrere Monate das Gespött der gesamten Met.
Ich berichtete Nightingale, dass wir zum Abendessen Besuch bekommen würden.
Dr. Walid kicherte wieder und ich sah ihn verwirrt an.
„Sie wollten Ihre Mutter mit dem Argument abwimmeln, dass hier alte und seltsame Leute sind?“, stellte er zwischen zwei Lachern fest. Nightingale warf mir wieder einen skeptischen Blick zu.
„Es war einen Versuch wert“, antwortete ich, doch Dr. Walid hatte noch immer ein breites Grinsen im Gesicht.
„Sie hätten ihr sagen können, dass Sie in einer WG mit Senioren leben. Das gibt es heutzutage vielfach. Studenten helfen Senioren im Alltag“, erzählte er uns heiter.
Nightingale schaltete sich in das Gespräch ein.
„Abdul bitte, ich bin kein Pflegefall. Außerdem, wenn Peter mich pflegen müsste, würde ich entweder innerhalb weniger Tage dehydrieren oder er würde mich in die Luft sprengen.“
Abigail geierte wieder los und auch Dr. Walid lachte wieder.
„Das stimmt gar nicht. Ich musste früher oft Babysitter für meine Cousins und Cousinen spielen“, wehrte ich mich.
Nightingale sah mich listig an und fragte dann :„Und die leben noch alle?“ Wieder Gelächter, das konnte ich nicht auf mich sitzen lassen.
„Sie können gerne meine Eltern heute fragen, die werden Ihnen bestätigen, dass alle noch leben.
Ich sollte außerdem erwähnen, dass meine Mutter ihr Essen mitbringt, es ist eine Tradition bei uns, dass der Gast das Essen mitbringt, und ich warne Sie schon mal vor, sie besteht darauf, dass es aufgegessen wird“, teilte ich ihm mit.
Er zuckte mit den Schultern, „Sie wissen doch, dass ich das esse, was auf den Tisch kommt.“
Das sollte er mal heute Abend durchziehen.

Mum und Dad kamen etwas zu spät. Ich hatte vorher versucht Nightingale davon zu überzeugen, dass sich Molly während ihrer Anwesenheit nicht in der Nähe aufhalten sollte.
Er hatte mein Anliegen aber nicht verstanden. Ich glaube, dass er Molly überhaupt nicht mehr als 'seltsam' wahrnimmt, deswegen lugte sie neugierig in den Eingangsbereich.
Ich hatte gerade die Jacken der beiden angenommen, als mein Vater mir ins Ohr zischte.
„Peter, dahinten ist das Mädchen aus dem Film 'The Ring'.“ Er sah mich schockiert an und versuchte Schutz hinter mir zu finden.
„Das ist unsere Haushälterin, Molly“, erklärte ich ihnen.
Mum gab ein Schnauben von sich. Eine Haushälterin, so etwas kannte sie nur aus Filmen.
„Du kannst ihr am besten das Essen geben, sie wird es dann servieren“, meinte ich.
Doch Mum stand versteinert da. Ich seufzte, nahm ihr die Schüsseln ab und reichte sie Molly mit der Anweisung, dass dies heute unser Abendessen sei.
„So etwas hast du nicht verdient! Du musst lernen dich allein versorgen zu können“, polterte meine Mutter los.
Das sollte sie mal Nightingale verklickern, der lebte hier schon seit über 50 Jahren und ließ sich von Molly bedienen.
Ehrfürchtig blieben sie vor Newton stehen und begutachteten ihn.
„Ist das der Oberhexer?“, fragte Mum.
„Er war es vor vielen Jahren. Aber sag lieber nicht Hexer, das kommt nicht so gut an.“
Nightingale hatten sie schon flüchtig während der Frühlingscour kennen gelernt.
Er begrüßte sie lächelnd im Atrium.
Ist der eigentlich schwul?“, fragte Mum auf Krio, während wir auf ihn zu gingen. Ich warf ihr einen bösen Blick zu und schüttelte den Kopf.
Ich wusste es eigentlich nicht, aber hey, es gab ja noch das Gemälde der nackten Molly und wer hatte das nur gemalt? Ich musste mal eine Farbanalyse durchführen lassen, um herauszufinden wie alt die Farbe war, die zum Malen benutzt worden war. Dann könnte ich feststellen, ob Nightingale tatsächlich der Maler sein konnte und wenn er es sein sollte, kamen mir zwei Worte in den Kopf: Heilige Scheiße.
Nach der freundlichen Begrüßung begaben wir uns in das private Speisezimmer.
Vavara war heute ausgeladen worden, wie sollte ich meinen Eltern erklären, dass wir hier auch noch mit einer Gefangenen zusammen wohnten? Sie würde Molly's Essen in ihrem Zimmer zu sich nehmen.
Als Vorspeise gab es eine Erdnusssuppe mit Fufu. Nightingale kennt sich eigentlich sehr gut aus mit diversen Speisen, aber Fufu war ihm offensichtlich unbekannt.
Ich bemerkte wie er kurz innehielt und wartete bis meine Eltern anfingen zu essen, damit er herausfinden konnte wie man das hier richtig aß.
Molly stand daneben und sah uns missbilligend zu. Traditionell wurde mit den Händen gegessen und ich konnte sehen, dass Nightingale das nicht unbedingt gefiel.
Mit der rechten Hand knapst man ein wenig vom Fufu ab und formt dann eine mundgerechte Kugel, die vorher in die Suppe getaucht wird. Die Kugel schluckt man dann am besten herunter ohne sie zu kauen, da sie zu klebrig ist. Das wusste Nightingale natürlich nicht und ich konnte sehen, wie er angestrengt auf der Breikugel herumkaute. Bei seinem nächsten Versuch hatte er es dann schon bereits raus.
Als Hauptspeise gab es anschließend ein Ragout mit Rindfleisch, Yams und einer gehörigen Portion Chili. Mum hatte sich nicht mit Pfeffer und Schärfe zurück gehalten.
Dad hatte offensichtlich sein eigene 'Light-Version' erhalten, denn er konnte es unbekümmert essen. Nightingale nahm den ersten Bissen zu sich und ich sah, dass er nach zwei mal Kauen aufhörte.
Ich konnte erkennen, dass er ein Husten unterdrückte.
Es wäre natürlich überhaupt nicht Gentleman-Like das Essen auszuspucken, so etwas würde Nightingale niemals machen und auch das Aufstehen vom Tisch, während die anderen noch aßen, würde er nicht in Betracht beziehen.
Er hatte gerade mal einen Löffel gegessen und sein Teller war noch verdammt voll.
Tapfer zwängte er sich Löffel für Löffel rein, während sein Gesicht immer röter wurde und seine Augen zu tränen begannen.
„Schmeckt es?“, fragte meine Mutter in die Runde, mein Vater und ich nickten artig, dann sah meine Mum Nightingale an, der sog erst etwas Luft ein und antwortete dann mit unnatürlich heiserer Stimme: „Sehr lecker.“
„Peter hatte erwähnt, dass Sie gerne scharfes Essen mögen.“
Mum lächelte freundlich und trat mir dann, unter dem Tisch, feste gegen das Schienbein.
Sie sah mich kurz böse an und ich konnte mir mein Grinsen nicht verkneifen.
Vor dem Essen hatte ich sie tatsächlich noch einmal angerufen und informiert, dass mein Boss besonders scharfes Essen mochte und sie sich nicht zurückhalten sollte mit Chili und Pfeffer. Nightingale's Blick blitzte zu mir herüber, während er sein drittes Glas Wasser von Molly nachgeschenkt bekam.
Plötzlich musste ich mich an den Film von heute Nachmittag erinnern und lachte laut auf.
Ich erntete böse Blicke von allen Seiten, aber ich konnte nicht anders.
Wie war das gewesen? Katniss Everdeen- Das Mädchen, das in Flammen steht.
Ich konnte es jetzt umschreiben: Chief Inspector Thomas Nightingale- Der Nachtigall, der in Flammen steht.
Ich hatte mich wieder gefangen und Nightingale hatte es tatsächlich geschafft seinen Teller zu leeren. Ich musste zustimmen, er aß tatsächlich das, was auf den Tisch kam.
Allerdings waren seine Haare nass geschwitzt und seine Lippen sahen geschwollen aus.
Er entschuldigte sich, stand auf und eilte aus dem Raum.
„Peter! Bist du wahnsinnig? Der verträgt überhaupt kein scharfes Essen. Der bekommt gleich nen' Kollaps!“, herrschte meine Mutter mich an.
Ich sah sie schweigend an und zuckte mit den Schultern. Ich musste jetzt nicht nur ihren wütenden Blick aushalten, sondern auch Molly's giftigen Blick. Sie hatte die Augen bedrohlich verengt und ich sah, wie mein Vater schon in Deckung ging.
Nightingale kam wieder herein. Er war immer noch rot, hatte sich aber zumindest die Haare leicht getrocknet und wahrte wie immer die Fassung.
Der Nachtisch war dann wieder harmlos, denn es handelte sich um eine Mango-Joghurt Creme, ein Segen nach scharfem Essen.
Nightingale fand seine Stimme wieder und erkundigte sich bei meinem Vater nach seiner 'Karriere'. Sie schwafelten kurz über Jazz-Legenden aus vergangenen Zeiten.
Nach dem Essen bestand meine Mum noch darauf, dass ich ihr mein Zimmer zeigte. Sie war ehrlich schockiert über die Größe des Follys.
„Wie viele wohnen hier denn?“, fragte sie.
„Vier Personen“, antwortete ich wahrheitsgemäß und sie warf mir einen entsetzten Blick zu.
Genauso entsetzt war sie auch, als sie sah, dass mein Zimmer keinen Fernseher hatte und aufgeräumt war.
„Ich habe keine Zeit für Ablenkungen“, bemerkte ich hochmütig.
Meine Mutter sah mich finster an und gab mir dann einen Klaps auf den Hinterkopf.
„Lüg' deine Mutter nicht an! Hier ist irgendwo ein Fernseher.“
Dann verabschiedeten sich die beiden von uns und ich würde wieder für eine gewisse Zeit Ruhe haben.
Eigentlich wäre jetzt noch Zeit gewesen für meine Übung, aber ich fand Nightingale nicht im Trainingsraum vor.
Ich schielte in die Küche und da saß er mit einem Glas Milch.
Kein Jackett an, Ärmel hochgekrempelt und die Krawatte gelockert. Wenn er so sehr von seinen Standards abwich, musste es ihm wirklich beschissen gehen. Er sah mich finster an.
„Sie haben sich gar nicht nach meinen Babysitter-Erfolgen erkundigt“, stellte ich vergnügt fest.
„Das haben Sie sehr gut erkannt Peter. Es hat vielleicht daran gelegen, dass mir die Speiseröhre verätzt wurde und das habe ich anscheinend Ihnen zu verdanken“, bemerkte er.
Ich unterdrückte das fiese Grinsen, das sich auf mein Gesicht stehlen wollte und zuckte stattdessen unschuldig mit den Schultern.
„Meine Übung fällt heute also aus?“, hakte ich noch nach bevor ich ging.
„Ja heute schon. Morgen sehe ich Sie um 5 Uhr im Trainingsraum“, antwortete er und warf mir einen düsteren Blick zu.
Auch wenn ich morgen so früh aufstehen musste, diese Rache hatte sich gelohnt.
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