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Die ewige Kaiserin [Anmeldung offen]

MitmachgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Mix
Engel & Dämonen Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Geister & Gespenster Zauberer & Hexen
25.04.2015
22.07.2021
8
27.959
13
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22.07.2021 3.814
 
Hauptcharaktere:

1. Asatsuyu no Yukiko (朝露喜子) - 17 Jahre, Tochter des jüngeren Bruders des Fürsten der Provinz Asami
2. Riho (りほ) - 20 Jahre, Yukikos Kammerfräulein und Vertraute
3. Katsuya (活也) - 17 Jahre, ein Bediensteter der Asatsuyu
4. Nakai Kouji (中井浩司) – 23 Jahre, Kammerdiener der Amamiya no Tomoyo (darkmelody)
5. Akayuma Sumiki (赤弓麻澄姫) – 19 Jahre, Verlobte des Cousins Yukikos, Masakota (iyune)
6. Asatsuyu no Kaeyura (朝露かえゆら ) / Aset Nefretis  - 38 Jahre, Yukikos angeheiratete Tante und Prinzessin eines fernen Landes (Akayo Tsukito)

Nebencharaktere:
1. Asatsuyu no Sakuya (朝露咲夜) - 42 Jahre, Yukikos Mutter
2. Ayasaki Akito (綾崎明人) – 19 Jahre, Leibwächter der Asatsuyu-Familie
3. Amamiya no Tomoyo (雨宮共代) – 20 Jahre, Tochter des Fürsten der Provinz Hisagi
4. Asatsuyu no Masakota (朝露正公太) – 18 Jahre, Yukikos Vetter (iyune)
5. Asatsuyu no Mirai (朝露光莱) – 16 Jahre, Masakotas jüngere Schwester und Yukikos Cousine (iyune)
6. Asatsuyu no Nobukota (朝露信公太) – 35 Jahre, jüngster Bruder des Yukiteru, Yukikos Vater und Nefretis' Ehemann (Akayo Tsukito)

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Eines musste Nefretis, die in Izayoi den Namen 'Kaeyura' trug, dieser Hatsuki wirklich lassen: Selbstbewusstsein hatte das Mädchen wahrlich en masse! Tatsächlich war dies das erste Mal, dass sie hier, in Izayoi, auf eine Person traf, die in diesen gehobenen Kreisen ein derartiges schamloses und vorlautes Verhalten an den Tag legte. Nun, doch im selben Augenblick machte die gute Hatsuki keinen allzu scharfsinnigen Eindruck auf sie, was daher doch durchaus amüsant war – übertriebenes Selbstbewusstsein und ein beschränkter Verstand, was für eine herrliche Kombination! Mit dieser jungen Dame würde der gute Masakota gewiss noch so seine Freude haben, dies stand wohl außer Frage; doch auch Nefretis konnte sich vorstellen, dass sich das schamlose Benehmen und die unverhohlene Respektlosigkeit der kleinen Hatsuki für sie als durchaus vorteilhaft erweisen könnten, wenn sie es richtig anstellte.
„Du scheinst dich wirklich wichtig zu nehmen, kleine Waldschnepfe, so, wie du von deinem Zedernbaum herunterschreist“, richtete sie das Wort an die Verlobte ihres Neffen, diese mit einem spöttischen Lächelnd bedenkend; wenn sie dieses Mädchen so sah, dann musste sie wahrlich an einen dieser plumpen Vögel mit dem schlichten Gefieder denken, die auch in den wenigen Wäldern im Norden ihrer alten Heimat zu finden waren. „Die Wäldchen, über die deine Familie wacht, stellen offenkundig in der Tat eine äußerst vorteilhafte Partie dar.“
Hatsuki runzelte die Stirn, bedachte Nefretis mit einer Mischung aus Missbilligung und Irritation - Stumpfsinn war das Wort, das der Älteren als Erstes in den Sinn kam.
„Was gibst du denn da von dir? Als ob mich Masakota nur wegen dieser dämlichen Bäume heiraten würde! Und bezeichne mich gefälligst nichts als Schnepfe!“
Mirai kicherte.
„Aber Hatsuki-chan, gerade darum geht es bei dieser Eheschließung doch – darum, die Bande zwischen unseren Familien zu festigen und eine Vereinbarung zu treffen, die für alle Beteiligten lukrativ ist! Oder siehst du das etwa anders, Aniue?“
Mit diesen Worten wandten sie sich ihrem älteren Bruder zu, der durchaus ein wenig verloren wirkte. Auf gewisse Weise respektierte Nefretis Mirai wirklich – stets gab sie sich liebenswert und sanftmütig, doch das Mädchen hatte es faustdick hinter den Ohren, würde sich in ihren Kreisen eines Tages zweifelsohne einen großen Namen machen, schon allein dadurch, dass sie die Kunst der Intrigen und der Fädenzieherei bis dahin perfektioniert haben würde. Nefretis für ihren Teil hatte früh gelernt, dass sie sich vor Mirai besser in Acht nehmen sollte, ihr gegenüber keinerlei Blöße zeigen durfte, was den Umgang mit ihrer Nichte auch stets äußerst anstrengend machte. Yukiko hingegen hatte da ein ganz anderes Naturell, hegte keinerlei Interesse an den Spielereien der Adelsgesellschaft; vor jemanden wie ihr, die keinerlei Ambitionen hegte, hatte auch Nefretis nichts zu befürchten.
Masakota räusperte sich, ließ seinen Blick zwischen Hatsuki, Mirai und dem jungen Herrn, der den beiden ersteren zuvor Gesellschaft geleistet hatte, nervös wandern.
„Ich erwarte meine Hochzeit mit Hatsuki-san bereits mit großer Freude“, gab er schließlich zur Antwort; eine diplomatische, wenn auch äußerst langweilige Erwiderung. „Dadurch, dass ihr, meine Familie, uns euren Segen gewährt, wäre unser Glück vollkommen.“
Sakuya verengte die Augen, musterte Hatsuki kritisch, geradezu argwöhnisch.
„Nun, dies ist wohl etwas, womit ich, die ich lediglich angeheiratet bin, dir wohl nicht dienen kann – dies obliegt meinem Gatten“, gab sie ausweichend zur Antwort. „Jedoch möchte ich deiner geschätzten Verlobten ans Herz legen, ihre Wortwahl in Zukunft etwas besser zu überdenken – nicht, dass sie mit ihrem arglosen Verhalten den Zorn der falschen Personen auf sich zieht.“
Nobukota nickte nachdrücklich.
„In diesem Punkt stimme ich Sakuya-san uneingeschränkt zu – bisher lässt ihr Benehmen durchaus sehr zu wünschen übrig. Dies kann gewiss nicht im Interesse deiner Eltern liegen, Masakota-kun.“
Der junge Mann seufzte, gab einen Anblick ab, der geradezu nach Überforderung schrie.
„Ich… entschuldige mich für Hatsuki-sans Verhalten – doch bitte wisst, dass diese Situation und die Bedeutung, die dieses Treffen für unsere gemeinsame Zukunft hat, auch sie sehr unruhig und aufgeregt stimmt; momentan ist meine Verlobte schlichtweg nicht Herrin ihrer Sinne.“
Nefretis hob die Augenbrauen, verfolgte diese Entwicklungen amüsiert – Masakota log, das war eindeutig. Denn die kleine Hatsuki war weder unruhig noch nervös , das konnte doch wirklich jeder sehen!
„Lege deinem Liebchen für die Zukunft eine Anstandsdame ans Herz, mein Junge“, merkte sie an, einen strengen, tadelnden Tonfall anschlagend. „Nicht, dass unser Waldvögelchen sich noch übernimmt.“
Hatsuki schnaubte, machte eine wegwerfende Geste, die in den Augen der versammelten Adeligen wohl schon beinahe vulgär wirkte.
„Ach, was wollt ihr denn jetzt alle von mir? Euch kann man doch auch wirklich gar nichts Recht machen! Ich bin doch-…“
„Hatsuki-san, es genügt jetzt“, fiel Masakota seiner Verlobten streng ins Wort.
Mirai hob sich den Fächer wieder vor den Mund, lächelte unbekümmert.
„Du meine Güte, Hatsuki-chan, hat die Aniue vor eurer Abreise etwa nicht nahegelegt, noch eine Kleinigkeit zu dir zu nehmen? Ich meine, wir alle wissen doch, wie unleidig du auf leerem Magen werden kannst!“
Dann wandte sie sich dem jungen Mann, dessen Namen Nefretis nicht kannte, zu, nickte diesem ermutigend zu.
„Akito-san, wieso nimmst du nicht die arme Hatsuki-chan und organisiert ihr eine Kleinigkeit zum Essen? Nicht, dass sie während der Eröffnung der Soirée noch unangenehm auffällt.“
Der Junge, Akito, wirkte ob dieser Bitte alles andere als erfreut – gewiss hatte auch er schon zuvor die persönliche Bekanntschaft der liebreizenden Akayuma no Hatsuki gemacht – fügte sich Mirai jedoch mit einer Verbeugung.
„Gewiss, junge Herrin…“  
Hatsuki schnaubte verächtlich, hatte abgesehen davon jedoch keine Einwände; wahrscheinlich war sie tatsächlich hungrig.
Nobukota schüttelte verständnislos, missbilligend den Kopf, während er Hatsuki und Akito hinterherschaute; kaum waren die beiden außer Sicht- und Hörweite, wandte er sich seinem Neffen zu.
„Masakota-kun, seid ihr euch wirklich sicher, dass ihr euch dieses… liederliche Mädchen antun möchtet? Nicht, dass ich die Entscheidung deiner Eltern in Zweifel ziehen oder hinterfragen möchte, doch mit ihr werdet ihr unserer Familie gewiss keinen Gefallen tun!“
Masakota senkte den Kopf, wirkte noch hilfloser und verlorener als zuvor.
„Ich kann in ihrem Namen nur um Entschuldigung bitten, Tante Sakuya, Onkel Nobukota, Tante Kaeyura, Yukiko-san – ich bin zutiefst beschämt ob ihres Verhaltens. Doch bitte wisst, dass sie nicht aus bösem Willen handelt; Hatsuki-san, sie… hat sich vor nicht gar zu langer Zeit eine gravierende Verletzung zugezogen, die ihr bis heute sehr stark zu schaffen macht…“
Nefretis senkte den Blick, strich sich abwesend über den rechten Arm; eine Verletzung, sagte er. Nun, es stimmte, derartige Erlebnisse konnten einen Menschen tatsächlich verändern, doch wenn die Frau ehrlich war, so hatte sie eher nicht den Eindruck, dass Hatsukis Benehmen auf eine schreckliche Erfahrung zurückzuführen war! Doch auch wenn sie das respektlose, unverschämte Verhalten dieses Mädchens wahrlich nicht zu schätzen wusste – auch wenn sie es in wohl bemessener Dosis als durchaus amüsant empfand – so war sie dieser Eheschließung nicht abgeneigt. Hatsuki war unberechenbar, jemand, der allein durch ihr pöbelhaftes Auftreten rasch die Aufmerksamkeit aller auf sich ziehen konnte.
Und dies könnte ihr, wenn sie es richtig anstellte, zum Vorteil gereichen.
Sakuya schüttelte den Kopf.
„Dem mag so sein, doch dies wirft für mich dann wirklich die Frage auf, ob die Wälder der Akayuma es tatsächlich wert sind, uns mit einer derartig geschädigten Person zu belasten! Das Wohl und das Ansehen unseres Klans sollte stets an erster Stelle stehen, vergiss das nicht.“
Selbstverständlich würde Sakuya versuchen, ihren Willen durchzusetzen – so war sie schon immer gewesen. Wenn Nefretis eines rasch gelernt hatte, dann, dass die Herren der Asatsuyu-Familie leicht zu täuschen waren; auch wenn Nobukota stets darauf bedacht war, seine Gattin auf Abstand zu halten, ihr gegenüber keine Gefühle zuzulassen, doch sie wusste nur zu gut, dass auch er sie inzwischen zu schätzen gelernt hatte; und auch die älteren Brüder ihres Gattens hatten sie doch recht warmherzig in der Familie willkommen geheißen. Nein, diejenigen, vor denen sich Nefretis in Acht zu nehmen hatten, waren ihre Schwägerinnen, die Schwestern, Cousinen und Nichten ihres Mannes, denn diese ließen sich nicht so einfach über den Finger wickeln, die kleine Yukiko und ihre etwas weltfremde Cousine Kasumi ausgenommen.
Etwas durchzusetzen, das Sakuya missfiel, würde Nefretis auf lange Sicht daher von Nutzen sein, wenn auch bloß, um ihre Schwägerin beschäftigt zu halten.
„…Doch haben die Götter uns nicht Mitgefühl und Nachsicht gelehrt?“, fragte die ausländische Prinzessin, andächtig ihre Teeschale schwenkend. „Die große, gottgewordene Heilige, die ihr Padmé nennt, die Götter eurer Vorfahren, Kanosora , Junryou , Mizunaga – wie werden sie wohl auf uns herabblicken, würden wir ein armes, gebeuteltes Mädchen von uns stoßen, ein Mädchen, das ohne eigenem Verschulden zu Schaden gekommen ist? Sogar das gemeine Volk lebt und handelt nach diesen Werten – was für ein Licht würde es also auf uns werfen, würden wir unseren persönlichen Vorteil über die Lehren der Göttlichen stellen?“
Ein Argument, dem keiner der Anwesenden widersprechen konnte. Einige Momente lang herrschte betretenes Schweigen im Raum, wollte offenkundig niemand den ersten Schritt tun. Zur Überraschung aller sollte es ausgerechnet Yukiko sein, die letztlich das Wort ergriff.
„Ich… sehe es genauso wie Tante Kaeyura“, merkte sie zaghaft an. „Wir wissen ja nicht genau, das Hatsuki-san widerfahren ist und… wahrscheinlich braucht sie lediglich ein wenig Zeit, um sich zu erholen. Okaa-sama, gerade wir sollten dafür Verständnis haben…“
Ah, selbstverständlich würde sie auch dies wieder auf das Verschwinden ihres älteren Bruders beziehen! Damit hatte Nefretis schon zumindest halbwegs gerechnet – und hatte das Gefühl, einen kleinen Triumph errungen zu haben. Sakuya schwieg noch einige Momente länger, seufzte dann, winkte sachte ab.
„…Nun gut. Masakota-kun, wie du weiterhin mit deiner Verlobten verfahren möchtest, bleibt dir überlassen – wir, die hier versammelt sind, werden dir keine Steine in den Weg legen, auch wenn ich selbstverständlich nicht für euren Onkel Nobuteru sprechen kann.“
Ja, als Oberhaupt des Klans war immerhin er derjenige, der die endgültige Entscheidung treffen würde – doch wenn die beiden bereits den Punkt erreicht hatten, an dem sie ihre Verlobung öffentlich machen wollten, sollte auch er eigentlich kein Problem darstellen. Masakota für seinen Teil wirkte äußerst erleichtert, brachte sich ein kleines Lächeln zustande.
„Ich danke euch für eure Worte – und verspreche, dass ich euch nicht enttäuschen werde.“
Sakuya nickte beiläufig, erhob sich schließlich von ihrem Platz.
„Nun denn, damit sollte dieses Thema nun zur Genüge besprochen worden sein? In dem Fall sollten wir zur Eröffnung unserer Soirée übergehen – die meisten Gäste sollten sich inzwischen eingefunden haben und es wäre ein Unding, sie warten zu lassen.“
Die Hausherrin richtete ihre Aufmerksamkeit auf Nefretis.
„Kaeyura-dono, würdest du uns die Ehre erweisen, bei der Gestaltung dieser Feier mitzuwirken? Gewiss haben wir dies bereits besprochen, doch falls du es dir inzwischen anders überlegt haben sollte…“
Nefretis legte den Kopf sachte in die Schräge, faltete die Hände vor dem Körper.
„Und es bleibt dabei – es wäre mir eine sehr große Ehre, mit meinen Talenten zur eurer Unterhaltung beitragen zu dürfen!“

Wenn sie tanzte, dann war Nefretis wahrlich in ihrem Element. Gekleidet in die traditionelle Tracht ihrer Heimat, dem fernen, weit im Süden gelegenen Königreich Amneris, dem Land des Papyrus und der duftenden Rosengärten, bot sie die Weisen dar, die in ihrem Volk von Generation zu Generation weitergegeben, im Laufe der Jahrhunderte feingeschlissen und perfektioniert worden waren. Ihr Kleid war aus feinen, lichten Stoffen gefertigt, edelste Seide aus dem Süden, von kräftigem, strahlendem Magenta, harmonisch komplementiert von sanftem Himmelblau und lieblichem Flieder. Oberteil und Rock waren reichlich verziert, mit farbenfrohen, prächtigen Edelsteinen und schimmernden Pailletten bestickt, die bei jeder Bewegung, die sie tat, einen bemerkenswerten, funkelnden Anblick darboten. Auch ihr Hals wurde von kostbaren, aufwendig dekorierten Ketten geziert, Kunstwerke, die sie in dieser Form bisher weder in Izayoi noch in seinen Nachbarländern hatte finden können. Ihr Gewand war sehr luftig, Hals, Schultern und Bauch lagen frei, gewährte ihr eine Bewegungsfreiheit, die sie mit einem dieser sperrigen Kimonos, die in Izayois die Landestracht darstellten, niemals erlangen würde. Nicht selten hatte sie sich ob dieses wenig bedeckten Kleidungsstils hämische und abfällige Kommentare eingehandelt – alles durch die Blume, selbstverständlich – doch Nefretis scherte sich nicht darum, kleidete sich zumindest im Haus ihres Gattens so, wie es ihr beliebte.
Die Prinzessin liebte diese Tänze, dieses Erbe ihrer Heimat, in welchen sie schon seit frühster Kindheit an unterwiesen worden war. Sie waren ihre größte Leidenschaft, das, worin sie wirklich gut war, mit dem sie Eindruck zu schinden wusste. Und es funktionierte – die Augen der Gäste Sakuyas waren allesamt auf sie gerichtet, verfolgten gebannt ihren fließenden, geradezu ätherischen Bewegungen, der Eleganz und Anmut, die die Tänzerin an den Tag legten. Nun, ihre Schwägerin hatte sehr wohl gewusst, warum sie Nefretis darum gebeten hatte, ihre kleine Soirée mit einer Vorführung zu eröffnen, bot sie schließlich einen Anblick dar, der wahrlich kaum zu überbieten war!
Auch Nobukota, der neben Sakuya und der kleinen Yukiko stand, wirkte sehr zufrieden, nickte seiner Frau zu; tatsächlich glaubte sie sogar, ein kleines Lächeln auf seinen Lippen erkennen zu können, etwas, womit er normalerweise sehr geizte. Als die Musik stoppte – es hatte Nefretis wirklich viel Zeit und Mühe gekostet, die Musiker ihres Gattens die traditionellen Melodien Amneris nahe zu bringen – kam auch die Prinzessin zum Stehen. Geschickt warf sie sich das lange, nachtschwarze Haar über die Schultern, blickte selbstbewusst in die Runde, ehe sie sich dann respektvoll vor ihrem Publikum verbeugte. Sakuyas Ehrenngast – Nefretis hatte sich den Namen des Mädchens nicht gemerkt, doch sie glaubte, dass er mit einem T begann – machte große Augen, wirkte zutiefst beeindruckt.
„Wahrlich wusste ich nicht, dass derartige Tänze existieren – die Vielfalt, die unsere Länder zu bieten haben, ist durchaus bemerkenswert“, sagte sie sanft. „Ich bedanke mich aufrichtig für diese herrliche Darbietung, Asatsuyu no Kaeyura-dono.“
Nefretis erwiderte das Lächeln schweigend, zwinkerte dem Mädchen zu, ehe sie aus dem Rampenlicht trat, sich zu ihrem Gatten gesellte.
„Du bist gut in Form, Kaeyura-san“, war alles, was dieser dazu zu sagen hatte, in diesem neutralen, geradezu geschäftsmäßigen Tonfall, den er ihr gegenüber immer anschlug.
„Gewiss, mein liebster Nobuko, ich achte schließlich darauf, nicht außer Übung zu kommen“, gab sie leichtherzig zurück. „Nun denn, diejenigen, die nach mir kommen, beneide ich wahrlich nicht – für sie wird es gewiss sehr schwierig werden, nach meiner Aufführung Eindruck zu schinden.“
Nobukota grummelte.
„Selbstherrlich wie eh und je, hm? Nun denn, genug davon – genießen wir den Abend und das, was sich unsere liebe Schwägerin für uns überlegt hat.“
Dies mochten die Vorstellungen ihres Gatten sein, doch Nefretis hatte andere Pläne für den weiteren Abend – gewiss nichts Unmoralisches oder gar Verbotenes, dennoch etwas, das sie lieber allein, in Ungestörtheit tun wollte.
Denn Nefretis schätzte das Anwesen ihres Schwagers Yukiteru sehr – nicht etwa, weil es außergewöhnlich groß oder prunkvoll war, auch wenn es gewiss einen nicht zu verachteten Anblick abgab, und auch nicht ob der feinen Einrichtungsgegenstände und Kunstschätze, die in ihm zu finden waren und erster Linie Anschaffungen Sakuyas, einer Liebhaberin aller schönen Dinge, waren; nein, das Haus ihres Gatten Nobukota genügte ihren eigenen Ansprüchen voll und ganz, auch wenn die vergleichsweise eher schlicht gehaltenen Bauten Izayois kein Vergleich zum Protz und Prunk waren, die sie aus ihrer Heimat Amneris kannte. Das, dem der Großteil ihres Interesses galt, war tatsächlich das äußerst gut ausgestattete Archiv der Familie Yukiterus, eine Bibliothek, in dem sich eine Unzahl verschiedenster, aus dem ganzen Land und darüber hinaus stammende Bücher zu finden war.
Wann immer sie und ihr Gatte also zu Gast in Kousaki waren, ließ es sich Nefretis nicht nehmen, sich diese gut bestückte Sammlung vorzunehmen, auch wenn sich dies aufgrund ihres noch eher mangelhaften Verständnisses der izayoianischen Schrift leider nicht immer einfach gestaltete, doch die Frau war beharrlich und ehrgeizig genug, sich davon nicht beirren zu lassen.
Und so wartete die Prinzessin nach ihrer Tanzdarbietung, die – so, wie es immer der Fall war – von den anderen Gästen mit Wohlgefallen angenommen worden war und für durchaus begeisterte Reaktionen gesorgt hatte, einen passenden Augenblick ab, um sich für einige Momente von der Festgemeinde zu entfernen. Da die nächste künstlerische Einlage der Eröffnung bereits begonnen hatte – ein auf der Koto vorgetragenes Stück zu Ehren des jungen Gastes Sakuyas – sollte ihr Fehlen auch nicht weiter auffallen. Und so hatte sie sich unter dem Vorwand, rasch den Waschraum aufsuchen zu müssen, von ihrem Gatten entschuldigt, den großen Innenhof des Anwesens hinter sich gelassen; spätestens zur Eröffnung des Büffets wollte Nefretis zurück sein, weswegen sie gewiss nicht alle Zeit der Welt hatte. Glücklicherweise hatte sie das Archiv inzwischen schon oft genug aufgesucht, um es recht problemlos finden zu können, auch wenn es sich in einem der eher abgelegeneren Teilen des Anwesens befand – ein durchaus beträchtlicher Laufweg, also!
Nefretis stammte aus einer Kultur, in der das Papier und die Kunst der Schöpfung desselbigen einen hohen Stellenwert genoss – tatsächlich waren Bücher und Schreibmaterial aus amnerischer Herstellung nicht nur in seinem Kulturkreis, sondern auch darüber hinaus bekannt und begehrt. In Izayoi und seinen direkten Nachbarländern hingegen war es erst vor Kurzem entdeckt worden und fristete bisher auch eher ein Nischendasein, nicht zuletzt auch aufgrund einiger Versäumnisse von Seiten Amneris, den Verpflichtungen des erst vor wenigen Jahren geschlossenen Handelsabkommens nachzukommen.
Dieses Handelsabkommen war auch mit einer der hauptsächlichen Gründe, denen die Eheschließung zwischen Nefretis und Nobukota zugrunde lagen. Wie dem auch sei, für die amnerische Prinzessin waren die Bücher, wie sie in Izayoi Verwendung fanden, noch immer ein durchaus ungewohnter Anblick – statt aus dem kostbaren Papyrusschilf, der in ihrer Heimat in rauen Mengen zu finden war, wurde Papier in Izayoi aus Bambus hergestellt. Es fühlte sich anders an, roch anders – war für Nefretis eine schmerzhafte Erinnerung daran, dass sie in der Fremde war, in einer für sie vollkommen unbekannten Welt. Eines Tages würde sie wieder nach Amneris zurückkehren, doch bis dahin hatte sie hier, in diesem fernen Land, noch einiges zu erledigen.
Und so betrat sie das wunderbar ausgestattete Lesezimmer ihres Schwagers, die in den aus rotem Holz geschnitzten Regalen aufbewahrten Schriftstücke begutachtend. Nefretis wusste selbst noch nicht so wirklich, wonach sie überhaupt suchte, doch sie war sich sicher, dass sie hier etwas finden würde, das ihr weiterhelfen könnte – auch wenn es ein mühsames, anstrengendes Unterfangen werden würde.
Nachdenklich trat sie auf eines der Regale zu, zog ein Buch aus diesem hervor, starrte die Schriftzeichen, die ihr entgegensprangen, an. Einige von ihnen vermochte sie inzwischen zwar durchaus zu erkennen, doch nun, in diesem Moment, konnte sie aus den Worten, die sie dort sah, keinerlei Sinn erschließen.
Was äußerst frustrierend war. Mit einem schwermütigen Seufzen ließ sie sich zu Boden sinken, das Buch, welches sie noch immer mit den Händen umklammert hielt, mit leerem Blick musternd, geradezu aufspießend. Ja, in ihrer Vorstellung war immer alles so einfach, doch dann, wenn sie letztlich mit der Realität konfrontiert wurde, musste sie stets einsehen, dass es alles nicht so einfach war – wirklich, schon allein, um sich den Sinn dieses einen Buches zu erschließen, würde sie gewiss Stunden brauchen, Zeit, die sie gerade wirklich nicht hatte! Doch was war die Alternative? Sich Hilfe zu suchen, dadurch Blöße zu zeigen, sich dem Spott auszusetzen, dass sie, eine Prinzessin, nach all den Jahren des Lesens noch immer nicht mächtig war? Ganz gewiss nicht. Nicht vor Mirai und Nobukota, ganz gewiss nicht vor Sakuya. Wie also sollte sie nun weiterhin vorgehen? Sie konnte es sich nicht leisten, sich hier die Stunden um die Ohren zu hauen, zumindest nicht jetzt und nicht heute…
„Kann ich… Euch helfen, die Dame?“
Die Stimme eines Jungen, zögerlich, geradezu verschüchtert, zerriss die Stille des Archivs. Nefretis richtete sich rasch wieder auf, würdevoll, selbstbewusst, schaute sich um, das Buch gegen die Brust gedrückt. Ihr Blick fiel auf die Person, die soeben das Wort an sie gerichtet hatte; er kniete an einem der Tische, mit denen die Bibliothek ausgestattet war, vor sich ein geöffnetes Buch liegend. Er erwiderte ihren Blick verunsichert, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, senkte er den Kopf rasch. Dennoch entging Nefretis nicht, dass dieser Junge blaue Augen hatte – eine äußerst hübsche Farbe, die in Izayoi, wo die meisten Menschen dunkle Haare und ebensolche Augen hatte, bisher noch nie gesehen hatte.
Sie entschied sich dazu, für den Moment zu steigen, beschränkte sich vorerst darauf, den Jungen stumm zu mustern, auf seine nächsten Worte wartend. Er räusperte sich, wagte es nicht, aufzuschauen.
„Sucht Ihr… ein bestimmtes Buch?“
„Bist du der Pfleger dieses Archivs?“, fragte Nefretis schließlich, die eigentliche Frage des Jungen ignorierend.
Er zuckte zusammen, wirkte nun gar ein wenig schuldbewusst, so, als ob er bei etwas Verbotenem ertappt worden wäre. Dann, zaghaft, schüttelte er den Kopf.
„N-Nein, Herrin, ich… kümmere mich eigentlich um den Haushalt, meistens auch den Garten…“
Ein Bediensteter, also. Nun, in Izayoi war es nicht anders als in Amneris, in jener Hinsicht, dass das einfache Volk des Lesens und Schreibens in der Regel nicht mächtig war. Wie also wollte dieses Kerlchen ihr von Hilfe sein? Andererseits wird er diese Bücher gewiss nicht nur zu Dekoration vor sich liegen haben…
„Du bist also der Gärtner. Und wieso bist du dann in der Bibliothek?“
Er biss sich auf die Unterlippe, schaute zu Seite.
„Ich… ich schätze die Ruhe und…“
Der Junge hielt nochmals inne, seufzte dann schwermütig.
„…Bitte sagt der Herrin Asatsuyu nichts davon“, murmelte er, die Stimme nun geradezu flehentlich. „Sie… sie schätzt es nicht sonderlich, wenn ich hier bin…“
Ah, so war das also.
„Wie heißt du, kleine Blaumeise?“, verlangte Nefretis zu wissen, den Bediensteten nicht aus den Augen lassend.
Dieser blinzelte, ob dieser plötzlichen Frage offenkundig etwas überrascht. Dann räusperte er sich nochmals, blinzelte.
„Mein Name ist Katsuya, Herrin…“
„Und du kannst das alles hier also lesen?“
Nefretis machte eine ausschweifende Handbewegung, auf die vielen, vielen Bücher deutend. Der Bedienstete, Katsuya, schien kurzzeitig über seine Antwort nachzudenken, entschied sich dann dazu, langsam zu nicken.
„V-Vielleicht nicht alles und gewiss nicht so gut wie O-Hime-sama, aber… aber das meisten durchaus…“
Ah, perfekt . Die gehobenen Herrschaften mochte Nefretis kaum im Hilfe bitten können, doch wenn der kleine Gärtner tatsächlich des Lesens mächtig war, dann könnte er ihr sehr wohl zur Hand gehen! Wahrscheinlich war es wahrlich nicht gerade rühmlich, ein Kind des einfachen Volkes zur Unterstützung hinzuzunehmen, doch er würde es nicht wagen, sie vor anderen bloßzustellen.
Nefretis nickte, Katsuya ein kleines, siegessicheres Lächeln schenkend.
„Nun, wenn dem tatsächlich so ist, dann ja, du kannst mir helfen, mein kleines Vögelchen.“
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