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Die ewige Kaiserin

MitmachgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Mix
Engel & Dämonen Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Geister & Gespenster Zauberer & Hexen
25.04.2015
27.11.2021
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103.610
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30.05.2021 3.400
 
Yukiko zögerte, als sie vor der Tür zum Teeraum stand. Ihr Unterricht war für heute nun beendet und sie hatte der Anordnung ihrer Mutter, das Gespräch mit eben dieser zu ersuchen, nachzukommen, aber die ungute Vorahnung, die sie schon seit dem Frühstück plagte, stellte für sie nun doch ein beträchtliches Hemmnis dar. Würde es nach ihr gehen, so würde sie Sakuya aus dem Weg gehen, doch diesen Luxus hatte sie wohl oder übel nicht.
Yukiko räusperte sich, strich ihr Haar glatt und kniete sich dann auf den mit dunklem Holz verkleideten Boden, die mit Reispapier bespannte und mit prächtigen Landschaftsmalereien versehene Tür aufschiebend. Sie verbeugte sich respektvoll vor ihrer Mutter, die bereits am Tischlein kniete, damit beschäftigt war, den Tee vorzubereiten. Sakuya kannte sich sehr gut mit den unterschiedlichen Sorten aus, auf gewisse Weise zählte die Kunst des Tees wohl zu ihren Leidenschaften.
„Da bist du ja, Yukiko – setze dich.“
Die Frau deutete auf das seidene Sitzkissen, welches ihr gegenüberlag, beobachtete ihre Tochter mit halber Aufmerksamkeit dabei, wie dieser ihrer Bitte nachkam, während sie die frischen, grasig-duftenden, dunkelgrünen Blätter in den aus Irdengut gefertigten Kyusu einfüllte, nochmals etwas Kohle in die Kochstelle legte, um das Teewasser zum Brodeln zu bringen.
„Wir haben schon seit Längerem keine Teezeremonie mehr abgehalten“, bemerkte Sakuya, nun wieder vollkommen in ihre Tätigkeit vertieft. „Demnächst möchte ich wieder eine ausrichten – ohnehin wird es höchste Zeit, hier wieder einmal Gäste zu empfangen! Die Zeit der Trauer sollte nun vorüber sein, das Leben und die Freude muss in diesen Mauern erneut Einzug halten.“
Yukiko biss sich auf die Unterlippe, ließ den Kopf sinken, sich jedoch jeglichen Kommentar verkneifend. Nun, sie konnte sich noch gut daran erinnern, dass ihre Eltern damals, vor einigen Jahren, oft und gerne kleinere und auch größere Feiern in diesem Anwesen veranstaltet haben. An jenen Tagen hatte sich die ganze Prominenz der Hino-Region auch darüber hinaus eingefunden. Rauschend und ausschweifend, so dekadent und illuster, dass sich die Feste der Asatsuyu no Sakuya hinter jenen, die von den anderen, gar noch einflussreicheren Familien des Hochadels veranstaltet wurden, nicht verstecken mussten. Yukiko für ihren Teil hatte es, wann immer diese Veranstaltungen angefallen waren, vorgezogen, sich – zumeist in Katsuyas Gesellschaft - an einem ruhigen Ort zu verkriechen, fern der Festivitäten. Inmitten der schönen Herrschaften und deren begabten, gar perfekten Kindern hatte sie sich schließlich ohnehin schon immer äußerst unwohl gefühlt. Ihrer Mutter hatte das, was sie als Yukikos eigenbrötlerische Art bezeichnete, schon immer missfallen, doch irgendwann hatte sogar sie es aufgegeben, etwas dagegen zu sagen, war dazu übergangen, ihre Tochter gewähren zu lassen – denn dies war ohnehin der einzige Punkt, bei dem sich Yukiko Sakuya jemals widersetzt hatte.
Die ältere Adelige räusperte sich, verteilte das nun kochende Wasser auf die beiden Teebecher, ließ es eine kurze Weile lang abkühlen, ehe sie es in die Kanne goss, die kostbaren Teeblätter damit bedeckte.
„…Aber heute ist weder der rechte Zeitpunkt noch der passende Anlass für so etwas, denn das, was ich mit dir zu besprechen habe, ist ein durchaus bedeutsames Thema.“
„Was… ist es, das Ihr mit Ihr besprechen möchtet, Okaa-sama?“, fragte Yukiko zögerlich, den mit dampfenden Tee befüllten Becher, den Sakuya ihr reichte, entgegennehmend.
„Etwas, das wir schon viel zu lange vor uns hergeschoben haben – zumindest sehe ich das so“, gab die Ältere zurück. „Und würde es nach deinem Vater gehen, so würde es wahrscheinlich niemals zur Sprache kommen, doch, mit Verlaub – er mag ein wahrlich guter Mann sein, doch sein Sinn für Politik und Gepflogenheiten war noch nie allzu ausgeprägt gewesen.“
Nun, es war kein Geheimnis, das Sakuya keine allzu großen Stücke auf die Fähigkeiten ihres Gatten hielt – dies war schließlich bei Weitem nicht das erste Mal, dass sie ihr Missfallen so offen zur Sprache brachte. Yukiko hingegen hielt lediglich ihren Tee fixiert, versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, auch wenn es ihr die abfällige Art ihrer Mutter ganz und gar nicht gefiel.
„Nun, es stimmt, die letzten drei Jahre sind für uns alle ungemein schwer gewesen und vollständig wird diese Wunde auch niemals verheilen. Dennoch darf der Schmerz uns nicht vom Wesentlichen ablenken“, sprach Sakuya unbeeindruckt weiter. „Da dein älterer Bruder nicht mehr unter weilt – möge Yuuhi seine Seele sicher in die Unterwelt geführt haben! – obliegt es nun an dir, die Pflichten des Erstgeborenen und Erben deines Vaters zu übernehmen.“
Yukiko schluckte, machte sich noch kleiner, als sie es ohnehin schon war, auf ihrem Sitzkissen kauernd. Ja, dies war ein Gespräch, vor dem sie sich in der Tat schon seit Längerem gefürchtet hatte, auch wenn es selbstverständlich von Anfang an außer Frage gestanden hatte, dass es früher oder später aufgegriffen werden würde – wobei es ihr wesentlich lieber gewesen wäre, wäre es in der Anwesenheit ihres Vaters geschehen.
Das Erbe ihres Vaters, Asatsuyu no Yukiterus… Sollte ihr Onkel, das Oberhaupt des Klans, nicht andere Pläne haben, so bedeutete dies, dass Yukiko eines Tages ebenfalls als Verwalterin der Hino-Region fungieren würde. Sie würde hier, in diesem Anwesen, residieren, über die Ländereien ihrer Familie wachen, vielleicht gar in der überregionalen Politik involviert sein. Sakuyas Ankündigung mochte gewiss alles andere als überraschend kommen, doch für Yukiko war der Gedanke, nun tatsächlich die Position ihres älteren Bruders einzunehmen, noch immer kaum vorstellbar.
Tatsächlich war er gar ein wenig beängstigend.
„Die Situation hat sich also beträchtlich geändert – und ich fürchte, dass die anderen Familien oder gar Angehörige unseres Klans sich dies früher oder später zu Nutzen machen und gegen uns verwenden werden.“
Sakuya nippte an ihrem Tee, ihre Tochter dabei nicht aus dem Blick lassend.
„Und was… was habt Ihr im Sinn, Okaa-sama? Was… können wir dagegen tun?“, fragte Yukiko zögerlich, vom Schweigen, welches sich nun eingestellt hatte, verunsichert.
„Es ist von großer Wichtigkeit, dass wir die Stellung unseres Familienzweigs verbessern, unseren politischen Einfluss mehren – und ein guter Weg, dies zu erreichen, ist eine möglichst vorteilhafte Eheschließung.“
Eine Eheschließung … Yukiko spürte, wie ihr Herz sogleich sank; sie krallte sich am weichen, fließenden Stoff des Sitzkissens fest, wagte es nicht, aufzublicken.
„Habt Ihr denn bereits schon jemanden im Sinn?“, fragte sie leise.
Sakuya lächelte.
„Du begreifst also, worauf ich hinausmöchte, sehr schön. Gewiss hätten wir dir gerne einen entsprechenden Freiraum an Entscheidungen eingeräumt, doch nun, da wir einen Partner finden müssen, der willens ist, mit dir zusammen den Familienamen weiterzutragen, sind unsere Möglichkeiten eher begrenzt – zumindest dann, wenn wir unsere eigene Macht mehren wollen.“
Ja, das war es, um das es stets ging, nicht wahr? Macht und Einfluss, die Konkurrenz ausstechen, ja keinen Augenblick der Schwäche durchscheinen lassen… Nichts tun, das die Ehre und das Ansehen der Familie auch nur in der geringsten Weise schädigen könnte.
„…Und ja, tatsächlich habe ich schon einige Kandidaten im Sinn – mit jenen, die in meinen Augen wahrlich vielversprechend sind, stehe ich auch im Briefkontakt“, führte Sakuya weiter aus. „Ich erwarte von dir, dass auch du dich von nun an mit diesen ausgewählten Herren in Verbindung setzen und dich mit ihnen austauschen wirst, Yukiko. Welcher von ihnen letztendlich dein Gatte sein wird, das wird sich noch herausstellen, doch es ist von großer Wichtigkeit, den ersten Schritt zu tun.“
Ihr Gatte … Yukiko wollte nicht heiraten, nein, das wollte sie wirklich nicht. Es war eine äußerst befremdliche Vorstellung, sich so eng an jemanden zu binden, den man unter Umständen noch nie zuvor persönlich getroffen hat. Auch wenn arrangierte Ehen eher die Regel als die Ausnahme darstellte – und dies traf auf jeden der Stände zu – so hatte sich die Jugendliche noch nie so wirklich mit diesem Gedanken anfreunden können. Doch wenn dies der Wille ihrer Eltern war, so hatte sich Yukiko dem zu beugen, so, wie sie es immer tat.
Sie verbeugte sich vor Sakuya, den Blicken ihrer Mutter noch immer ausweichend.
„Selbstverständlich, Okaa-sama…“
Die Ältere seufzte, ihr Gesichtsausdruck wurde weicher, sanfter.
„Yukiko, ich weiß, dass dies eine große Umstellung für dich werden wird und glaube mir – als ich damals in deiner Situation gewesen bin, erging es mir genauso. Aber dein Vater erwies sich als großartige Wahl und ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie diese Entscheidung für mich getroffen haben; ich bin mir sicher, dass du es genauso sehen wirst, denn auch ich habe diese Kandidaten mit großem Bedacht gewählt. Glaube mir, es ist das beste für uns alle.“
Yukiko wollte Sakuya glauben, das wollte sie wirklich – und hoffte darauf, dass ihre Mutter Recht behalten würde.

Den Rest des Abends verbrachte Yukiko allein, so, wie sie es in dieser Situation auch entschieden vorzog. Auch Riho, ihr treues Kammerfräulein, wahrte ihre Distanz, was die junge Adelige doch ein wenig überraschte – wahrscheinlich hatte Sakuya sie über das Geschehene in Bilde gesetzt. Nun, wenn dem tatsächlich so war, dann war Yukiko ihrer Mutter in diesem Falle wahrlich dankbar. Gewiss war es nicht so, als würde sie Riho nicht vertrauen, ihr das notwendige Fingerspitzengefühl fehlen, ganz im Gegenteil – auch wenn die junge Frau erst seit kaum mehr als zwei Jahren dem Haushalt Asatsuyu no Yukiterus angehörte, so hatte sie in dieser doch recht kurzen Zeit ihren Wert zur Genüge unter Beweis gestellt, war Yukiko eine ungemein liebe und wertvolle Freundin geworden. Allerdings gab es einfach Situationen, in denen jedes Wort eines zu viel war und genau dies war momentan der Fall.
Nachdem sie in Stille das Abendessen, welches ihr eine Bedienstete auf ihr Zimmer gebracht hatte, verspeist hat, entschloss sie sich dazu, doch noch ein wenig nach draußen zu gehen – ein bisschen frische Luft würde ihr gewiss dabei helfen, den Kopf freizubekommen. Jetzt, nach Einbruch der Dunkelheit, sollten sich die meisten Bewohner des Anwesens ohnehin in ihre Quartiere zurückgezogen haben…
Mit einem schwermütigen Seufzen trat Yukiko nach draußen, auf den überdachten Engawa , die Shouji behutsam hinter sich zuziehend. Sie inhalierte die frische, kühle Nachtluft, betrachtete den klaren, schwarzen Sternenhimmel, der sich über ihr erstreckte. Der Garten lag in idyllischer Stille vor ihr, ruhig und einsam, lediglich vom Plätschern des kleinen Bächleins und dem Zirpen des Insekten zerrissen. Was für eine wahrlich  angenehme Nacht sie heute doch vorfand! Zwar ging es dem Mädchen nun durchaus ein wenig besser, doch es genügte nicht, um den Trübsinn, der über ihr lag, vollkommen zu lichten.
In vergangenen drei Jahren war Yukikos Leben nicht sonderlich leicht gewesen – das unglückliche Schicksal ihres Bruders hatte eine wirklich tiefe Wunde geschlagen. Zwar hatte ihr ihre Freundschaft zu Riho Linderung verschafft, doch es hatte lange gedauert, um mit diesem Verlust einigermaßen zurechtzukommen. Und nun, da ihr Leben wieder in einigermaßen geregelten Bahnen verlief, sollte es sich aufs Neue von Grund auf ändern – wenn auch dieses Mal in Form dieser Heirat, die Sakuya im Sinn hatte.
Yukiko wollte das nicht, sie… wollte nicht, dass sich schon wieder alles änderte. Doch welche Wahl hatte sie schon? Letzten Endes hatte ihre Mutter ja nicht Unrecht – sie hatte die Interessen ihrer Familie zu bedenken, nein, in jeglicher Hinsicht an erste Stelle zu setzen. Und es stand auch vollkommen außer Frage, dass Sakuya ihren Willen bekam – denn auch wenn sie den Namen Asatsuyu allein durch diese Heirat erworben hatte, so war sie diejenige, die in diesem Haushalt das Regiment führte, die letztendliche Entscheidung traf. Yukiteru mochte zwar bei Weitem nicht so streng wie seine Gattin sein, teilweise gar gänzlich verschiedene Positionen vertreten, doch er hatte es noch nie geschafft, sich gegen sie durchzusetzen.
Und so würde sie auch in dieser Frage das letzte Wort haben.
Yukiko faltete die Hände vor ihrem Bauch, ließ den Kopf sinken. In Situationen wie diesen, wann immer etwas vorgefallen war, das sie bedrückte, war es ihr Bruder Hikaru gewesen, der ihr mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte. Stets hatte er ein offenes Ohr für ihre großen und kleinen Sorgen gehabt, es stets geschafft, die dunklen Wolken wieder zu vertreiben. Ah, was würde sie nicht alles dafür geben, jetzt mit ihm sprechen zu können! Nun, direkt war dies nicht mehr möglich, doch wenigstens gab es eine Möglichkeit, ihm zumindest ein kleines Stückchen näher zu sein…
Und so wanderte Yukiko durch den dunklen, nur von wenigen Steinlaternen erleuchteten Garten, durchquerte das Bambuswäldchen, welches ein kleines Bauwerk umgab, das tatsächlich älter als das Anwesen selbst war. Andächtig betrat sie den Schrein, dem die Familie nicht nur den Göttern, sondern auch ihren Vorfahren geweiht hat, atmete den schweren Duft des niedergebrannten Räucherwerks ein, der der Struktur inzwischen untrennbar anhaftete. Ihr Blick blieb auf dem Altar hängen, der der Padmé , einer Wandernonne geweiht war, die einst, vor weit mehr als 1000 Jahren, die Erleuchtung erlangte und eine unter dem Namen Renkyou bekannte Glaubensgemeinschaft gründete, die in der heutigen Zeit in vielen Ländern praktiziert wurde.
Zwar würde sich Yukiko gewiss nicht als übermäßig fromm bezeichnen, doch auch sie suchte gerne Halt und Zuflucht in ihrem Glauben. Der Kult der Padmé , die Götter, die in Izayoi von Anbeginn an verehrt wurden, sie alle waren Helfer in der Not, die Yukiko seit dem Verlust ihres Bruders ihren Beistand gewährt haben. Neben der Padmé war auch der Göttin Ame-no-teruakihime , vom Volk auch Akari genannt, eine Nische geweiht, galt diese schließlich als Schutzpatronin der Asatsuyu-Familie. Heute waren es jedoch nicht die Altäre der Götter, denen Yukikos hauptsächliche Aufmerksamkeit galt, sondern viel mehr dem Tamaya , dem Hausaltar, der den verstorbenen Angehörigen geweiht war.
Yukiko kniete sich vor den sorgsam gepflegten Schrein nieder, entzündete andächtig ein Räucherstäbchen, ehe sie den Vorfahren dann ein kleines Gebet opferte. Wo mochte ihr Bruder nun wohl sein? Wenn er denn tatsächlich tot war, so, wie Sakuya und Yukiteru es glaubten, so müsste seine Seele den Ort des letzten Gerichtes inzwischen erreicht haben - Shinrei , der Richter der Unterwelt, wird über sein weiteres Schicksal entscheiden, darüber, wann und in welcher Form er wiedergeboren wird, welche Existenz ihn in der Zwischenzeit im Reich der Göttin Yomi erwartet. Doch solange Yukiko seinen leblosen Körper nicht mit eigenen Augen gesehen hat, so weigerte sie sich, sein Ableben zu akzeptieren. Ja, anders als ihre Eltern war sie inzwischen der Überzeugung, dass Hikaru noch am Leben war, irgendwo darauf wartete, dass er gefunden und nach Hause zurückgebracht wurde! Etwas anderes konnte und wollte sie nicht akzeptieren…
Die Jugendliche atmete tief durch, genoss den schweren, reichhaltigen Duft des Räucherwerks. Sie seufzte, ließ den Kopf hängen.
„…Nii-san, was soll ich nur tun? Natürlich weiß ich, dass Okaa-sama letzten Endes nur unser Bestes im Sinn hat, aber…“
…Aber das machte die Sache nicht zwangsläufig besser, wie sie fand. Nun ja, eine Antwort konnte sie hier ohnehin nicht erwarten, doch es würde zumindest gut tun, sich diese Sorgen von der Seele zu reden.
„Hime-sama? Ist… mit Euch alles in Ordnung?“
Yukiko zuckte zusammen, wandte sich hastig um. Offenkundig war sie doch nicht so alleine, wie sie es gedacht hatte! Dort, im Türrahmen, erblickte sie Katsuya, der sie mit einer Mischung aus Neugier und Besorgnis musterte. Das Mädchen atmete aus, erhob sich dann langsam vom Boden.
„Katsuya, erschrecke mich doch nicht bitte so! Was tust du denn hier, zu dieser späten Stunde?“
Eine Frage, deren Antwort Yukiko rasch selber fand, kaum dass ihr Blick auf den kleinen Teller gefallen war, den der Bedienstete bei sich trug. Unwillkürlich musste sie kichern.
„Oh, du hast also schon wieder Süßigkeiten aus der Küche stibitzt, hm? Das wird Ikue aber gar nicht freuen, du weißt ja, dass sie es nicht mag, wenn man sich heimlich an den Vorräten vergreift! Zu deinem Glück ist mein Schweigen allerdings sehr leicht käuflich…“
Mit einem neckischen Grinsen streckte sie ihre Hand aus. Katsuya runzelte die Stirn, seufzte.
„…Und Ihr wisst, dass Eure Mutter uns verboten hat, Euch Süßigkeiten zuzustecken. Offen gestanden wäre es mir weitaus lieber, von Ikue-san gerügt zu werden, anstatt Ojou-samas Zorn auf mich zu ziehen…“
Yukiko schnaubte, verdrehte die Augen.
„Als ob ich Okaa-sama irgendetwas sagen würde! Und überhaupt, Katsuya, du kannst mir doch nicht erzählen, dass du ganz allein zwölf Mochi verdrücken wirst, das wäre sogar mir ein wenig zu viel! Und außerdem…“
Sie brach ab, ließ ihren Blick zum Altar wandern.
„…Außerdem denke ich, dass Nii-san sich auch über einen Mochi freuen würde, oder siehst du das anders?“
Katsuya blinzelte, ließ sich dann aber auch zu einem kleinen Lächeln hinreißen.
„Ihr habt ja Recht, Hime-sama – hier, bedient Euch.“
Er stellte den Teller auf dem Boden ab, nahm dann ebenfalls Platz, Yukiko dabei beobachtend, wie diese eines der mit roter Bohnenpaste gefüllten Reisküchlein wegnahm, es auf dem Tamaya platzierend. Sie verbeugte sich tief vor dem Altar, ehe sie sich letztendlich wieder Katsuya – oder viel eher seinem Teller – zuwandte, sich voller Freude ein Mochi wegnahm.
„Wahrlich köstlich, Ikue ist doch wirklich eine grandiose Köchin“, freute sich das Mädchen, die Zähne im süßen, klebrigen Teig versenkend.
Von dieser Bemerkung abgesehen verspeisten sie und Katsuya ihre Süßigkeiten schweigend, auch wenn sie die gesamte Zeit über den fragenden Blick des Bediensteten auf sich spüren konnte – den er, wann immer sie aufblickte, selbstverständlich sogleich wieder abwandte.
Anders als Riho kannte sie Katsuya schon seit sehr langer Zeit. Im Prinzip waren sie beide zusammen aufgewachsen – Yukiteru war es gewesen, der den Jungen damals, vor mehr als zehn Jahren, in den Haushalt seiner Familie aufgenommen hatte. Ein Waisenkind, dessen Eltern einer Bande von Banditen zum Opfer gefallen war, hatte er behauptet, doch sogar die kleine Yukiko hatte gewusst, dass dies bloß die halbe Wahrheit war – ein Blick in Katsuyas Augen hatte genügt, um zu dieser Erkenntnis zu kommen. Menschen wie er galten als Unglücksbringer, von den Göttern verflucht, selbst und obwohl sie sich nichts zu Schulden kommen ließen. Sakuya hatte Bedenken gehabt, hatte nicht gewollt, dass ein solches Kind auch nur einen Fuß in das Anwesen setzte – nun, dieser Streit war wohl der erste und einzige gewesen, bei dem Yukiteru als Sieger hervorgegangen war.
Sicher war jedenfalls, dass Katsuya Yukiko ein sehr wertvoller Freund war, damals wie heute.
„Hime-sama, was ist vorgefallen? Ich sehe doch, dass Euch etwas bedrückt“, ergriff er schließlich wieder das Wort, den Blick scheu auf die junge Adelige gerichtet.
Diese hielt inne, unsicher auf ihren angebissenen Mochi starrend. Sie wollte ihm keine Sorgen machen, ihn nicht mit ihren Problemen belasten, auch wenn er es früher oder später ohnehin herausfinden wird. So gesehen war ihr Verhalten wohl durchaus lächerlich, aber…
„Ach, Okaa-sama wieder einmal! Ich meine, du weißt ja, wie sie ist – sie hat… ihre ganz eigenen Plänen und am Ende wird sie diese auch durchziehen, ob es uns gefällt oder nicht.“
Sie schaute auf, dem Bediensteten ein resignierendes Lächeln schenkend. Katsuya wandte den Blick ab, ließ ihn zu Boden sinken.
„Eure Mutter meint es lediglich gut, Hime-sama…“
Mit dieser Antwort hat sie bereits gerechnet – niemals würde Katsuya auch nur den Hauch einer Kritik äußern!
„Ja, natürlich tut sie das – und wahrscheinlich hat sie auch Recht, das hat sie ja immer . Aber trotzdem…“
Unwillkürlich drehte sie sich zum Altar hin.
„Wenn Nii-san noch hier wäre, dann wäre jetzt gewiss alles anders“, wisperte sie. „Dann wäre Okaa-sama nicht so streng und überbesorgt, Otou-sama würde sich nicht in seine Arbeit flüchten, ich… wer nicht zwischen die Fronten geraten. Wir alle wären hier, fröhlich und unbesorgt, so wie damals.“
Sie schüttelte den Kopf, die Hände fest, verunsichert knetend.
„Warum ist es nur so weit gekommen? Was hat Nii-san nur getan, um all das zu verdienen?“
„Ich… ich habe keine Antwort darauf, Hime-sama“, entgegnete Katsuya ebenso leise.
Die Adelstochter lächelte freudlos – nein, wie könnte er auch? Niemand hatte das, niemand, bis auf diese Leute, die Hikaru dies angetan haben. Und diese würden den Zurückgebliebenen niemals Rede und Antwort stehen.
„…Doch ich weiß eines: Was auch immer geschieht, Hime-sama, ich werde Euch stets zur Seite stehen“, sprach er weiter, nun mit wesentlich sanfterer Stimme. „Was auch immer es gewesen sein mag, das Eure Mutter von Euch verlangt, seid Euch gewiss, dass ich alles tun werde, um Euch zu unterstützen, das Richtige zu tun. Seid also bitte unbesorgt, Hime-sama.“
Im Gegensatz zu dem ihrigen war sein Lächeln warm und aufrichtig, unterstrich und bekräftigte seine Worte. Es hatte etwas an sich, das Yukikos Herz milde stimmte, ihr die Sorgen zumindest für den Moment ein klein wenig nahmen.
Er mochte zwar nicht dazu in der Lage sein, sie vor dem Vorhaben ihrer Mutter zu bewahren, doch ja, zumindest würde die Angelegenheit durch ihn ein klein wenig einfacher, angenehmer werden. Vielleicht hatte sie ja auch überreagiert, blickte zu pessimistisch, zu düster in die Zukunft – mit ein klein wenig Offenheit und Aufgeschlossenheit würde sie sich Vieles gewiss um einiges einfacher machen.
Ja, daran würde sie denken.
„Vielen Dank, Katsuya.“
Yukiko erwiderte sein Lächeln – und dieses Mal kam es von Herzen.
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