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Die ewige Kaiserin

MitmachgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Mix
Engel & Dämonen Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Geister & Gespenster Zauberer & Hexen
25.04.2015
16.10.2021
24
86.810
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Dieses Kapitel
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25.04.2015 3.506
 
Hauptcharaktere:

1. Asatsuyu no Yukiko (朝露喜子) - 17 Jahre, Tochter des jüngeren Bruders des Fürsten der Provinz Asami
2. Riho (りほ) - 20 Jahre, Yukikos Kammerfräulein und Vertraute
3. Katsuya (活也) - 17 Jahre, ein Bediensteter der Asatsuyu

Nebencharaktere:
1. Asatsuyu no Sakuya (朝露咲夜) - 42 Jahre, Yukikos Mutter
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Glossar:

-san: Herr/Frau (Neutrale Standardanrede für Erwachsene, die man nicht (sonderlich gut) kennt)
-chan: Verniedlichung, die zumeist für gute (weibliche) Freunde, jüngere Frauen oder kleine Kinder benutzt wird
-kun: Anrede für männliche Jugendliche
-sama: respektvolle, sehr höfliche Anrede für gesellschaftlich höher gestellte oder verehrte Personen, aber auch Gottheiten  verwendet wird
-hime: Prinzessin
-sensei: Anrede für Lehrer, Mentoren, Vorgesetzte. Wird auch für Ärzte benutzt
O- (als Präfix): Respektsbekundung
(O)nee-san: Ältere Schwester
(O)nee-sama/Aneue: Ältere Schwester (respektvoll)
(O)nii-san: Älterer Bruder
(O)nii-sama/Aniue: Älterer Bruder (respektvoll)
(O)kaa-chan: Mutter (vertraulich)
(O)kaa-san: Mutter
Hahaue: Mutter (respektvoll)
(O)tou-chan: Vater (vertraulich)
(O)tou-san: Vater
Chichiue: Vater (respektvoll)
(O)baa-chan: Oma
(O)baa-sama: Großmutter (respektvoll)
Ojou-sama: In diesem Kontext - Herrin

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Die ersten Strahlen der Sonne durchströmten das Zimmer, tauchten es in ein warmes, prächtiges Morgenrot. Der Duft der Blumen, die in den späten Tagen des Frühlings den Garten zierten, strömte durch das aufgeschobene Fenster in das Innere des Raumes ein, vermischt mit dem herben Geruch des Taus, der die Gräser und Büsche benetzte. Der Gesang der Vögel zerschnitt die Stille, die zu dieser Zeit noch im Anwesen herrschte, sehr bald jedoch durch das geräuschvolle Werkeln der Bediensteten ersetzt sein würde.
Yukiko, die am offenen Fenster kniete, das allmorgendliche Spektakel mitverfolgte, streckte sich genüsslich, rieb sich den Schlaf aus den Augen, ehe sie sich von der Szenerie abwandte, den Blick auf die mit filigranen Kirschblüten bemalte Tür ihres Gemachs richtete – welche kurz darauf auch schon aufgeschoben wurde.
„Einen guten Morgen, Yukiko-hime – und wie ich sehe, seid Ihr bereits wach, ausgezeichnet!“
Riho, die vor der aufgeschobenen Shoji-Tür kniete, bot eine respektvolle Verbeugung dar, ehe sie sich langsam aufrappelte, mit leisen Schritten eintrat.
Yukiko lächelte.
„Den wünsche ich dir ebenfalls, Riho! Und nun, wahrscheinlich ist es für mich inzwischen eine Art Gewohnheit geworden, den neuen Tag mit der Sonne zusammen zu beginnen…“
Sie erhob sich, gesellte sich zu ihrem Kammerfräulein hinzu, welches bereits damit beschäftigt war, die Morgentoilette ihrer jungen Herrin vorzubereiten; anmutig goss sie frisches, reines Wasser aus der nahegelegenen Quelle in die hübsche Porzellanschale, benetzte ein weißes, mit Blumen besticktes Stofftuch mit dem kühlen Nasse.
„Und dies ist eine sehr schöne Gewohnheit, wie ich sagen muss, Hime-sama, die einen guten Start in den neuen Tag verspricht.“
Riho bedeutete Yukiko mit einer knappen Verbeugung, auf dem aus Seide gefertigten Sitzkissen Platz zu nehmen, was die junge Adelige auch tat; auf dem niedrigen Tischchen fand sie neben dem Waschwasser auch schon alle Utensilien vor, die sie ihre Vorbereitungen benötigen würde – den edlen Spiegel, den ihre Tante ihr zum letzten Neujahrsfest geschenkt hatte, den schwarz lackierten, aus dem großen Nachbarreich Xīngguó importierten Kamm, allerlei Schminkzubehör und kostbaren Schmuck.
„Welchen Kimono möchtet Ihr heute denn tragen, Hime-sama? An einem solch herrlichen Tag würde meine Wahl ja auf das indigoblaue Gewand mit den Kamelien-Stickereien fallen, wenn Ihr mir die Anmerkung gestattet.“
Yukiko zuckte mit den Schultern – die Auswahl ihrer Garderobe überließ sie in der Regel ohnehin Riho, hatte ihr Kammerfräulein schließlich ein viel besseres Gespür für derartige Dinge. Und wenn sie ehrlich war, so war sie dieser auch sehr dankbar dafür, dass sie auch in diesen Belangen die Initiative ergriff, stets wohldurchdachte Vorschläge und Anregungen vorbrachte.
„Ich werde mich voll und ganz auf dein Urteil verlassen, Riho.“
Die junge Frau nickte lächelnd.
„Sehr schön – ich bin mir sicher, dass auch Eure hochverehrte Mutter mit Eurer Erscheinung sehr zufrieden sein wird, Hime-sama.“
Und dies war die Hauptsache, denn solange Sakuya glücklich war, dann konnte sich auch Yukiko auf einen ruhigen Tag einstellen.
„Was ist für heute eigentlich geplant, Riho?“, fragte Yukiko, nachdem sie sich das Gesicht gewaschen hatte; das kalte Wasser eignete sich jedenfalls perfekt dazu, die Müdigkeit auszutreiben!
„Oh, nichts Außergewöhnliches, sofern sich nichts geändert hat – Ikeda-dono wird mit Euch nochmals an Euren Kalligrapie- und Malereikünste feilen und am Nachmittag werdet Ihr Euch mit dem Koto- und Shamisen-Spiel befassen…“
Yukiko seufzte, versuchte noch nicht einmal, ihren Mangel an Begeisterung ob dieser Aussichten zu verbergen – aber was hatte sie auch anderes erwartet? Ihre Eltern wussten genau um ihre Schwächen und würden ihr so lange Lehrstunden aufbrummen, bis sie einigermaßen zufriedengestellt waren…
Was also bedeutete, dass sie Yukiko allem Anschein nach bis an ihr Lebensende begleiten würden.
„Und ansonsten? Gibt es irgendwelche nennenswerte Neuigkeiten?“, fragte die Adelige weiter, Riho den Kamm reichend; das Kammerfräulein machte sich sogleich daran, das lange, schwarze Haar zu glätten.
„Aktuell ist mir nichts bekannt, aber der Tag hat ja gerade erst begonnen, es kann sich also noch so einiges ändern! Allerdings vertrete ich die Ansicht, dass keine Nachrichten oftmals die besten sind.“
Yukiko zuckte die Schultern, betrachtete sich gedankenverloren im Spiegel; ihre hellbraunen Augen blickten ihr entgegen, das eher rundliche Gesicht wurde von einem geraden Pony und bis zum Kinn reichenden, seitlichen Strähnen gerahmt. Die Leute hatten ihr schon des Öfteren gesagt, dass sie eher nach ihrem Vater Yukiteru kam, nicht allzu viel von der eleganten, filigranen Gestalt ihrer Mutter hatte – auch wenn die Worte selbstverständlich weitaus diplomatischer, durch die Blume hindurch formuliert waren. Zwar war es nicht so, als würde sich Yukiko als außerordentlich unattraktiv erachten, doch im Großen und Ganzen war sie eher durchschnittlich, gewiss keine überragende Schönheit. Nun, Riho war jedoch sehr geübt darin, das beste aus ihr herauszuholen, sie nach mehr aussehen zu lassen, als sie eigentlich war!
„Eigentlich erwarte ich noch einen Brief von Otou-sama“, sagte Yukiko, den Blick recht starr auf ihr Spiegelbild gerichtet. „Er wollte sich bei uns melden, sobald er die Hauptstadt erreicht hat…“
Riho nickte langsam.
„Ja, ich erinnere mich. Aber seid unbesorgt, Hime-sama – die Reise nach Izanami ist lang und Ihr wisst, dass auch Postlieferung eine ziemliche Weile in Anspruch nehmen kann; wartet doch noch ein Weilchen ab, ehe Ihr Euch einen Kopf macht, ja?“
Nun, selbstverständlich hatte ihr Kammerfräulein recht, doch nach allem, was bisher geschehen war, konnte Yukiko gar nicht anders, als sich um ihre Familie zu ängstigen. Andererseits war ihr Vater ja in Begleitung seiner Leibwächter, also sollte alles in Ordnung sein, nicht wahr? Daher zwang sich die Jugendliche zu einem Lächeln.
„Du wirst wahrscheinlich recht haben, Riho – wie immer.“
Wie sehr sich Yukiko doch wünschte, ihrem Kammerfräulein, welches zugleich auch ihre engste Vertraute und liebste Freundin war, ein kleines bisschen ähnlicher zu sein! Riho war all das, was sie selbst nicht war – selbstbewusst und attraktiv, musisch begabt und von unvergleichlichem Scharfsinn, kurzum jene Tochter, die sich eine jene Mutter wünschte. Nun, letztendlich hatte es allerdings keinen Wert, sich nach Dingen zu sehnen, die ohnehin immer außerhalb ihrer Reichweite sein würden, weswegen ihr wohl oder übel nichts anderes blieb, als sich mit jenen Gaben zu begnügen, die die Götter ihr am Tag ihrer Geburt beschert hatten.
Yukiko ließ ihre Schultern kreisen, der Blick schweifte nochmals zum offen stehendem Fenster – je weiter die Sonne den Himmel empor stieg, desto mehr verflüchtigte sich das kostbare Morgenrot, wurde vom warmen, hellen Licht des Tages ersetzt. Genauso, wie sie es jedes Mal tat, so hoffte Yukiko auch heute, dass Hikaru dieselbe Morgensonne betrachtete, die auch sie selbst sah.

In Rihos Begleitung begab sich Yukiko nach Beendigung ihrer Morgentoilette zum Speisesaal, um dort das Frühstück zu sich zu nehmen. Sobald sie gegessen hatte, würde es für sie höchste Zeit sein, ihr Tagwerk in Angriff zu nehmen, sich all jenen mehr oder weniger geliebten Aktivitäten zu widmen, die ihre Eltern – nun, in erster Linie ihre Mutter Sakuya, die die Familie mit eiserner Hand regierte – für ihre Bildung für unerlässlich erachtete: Im Wesentlich das Studium der Kunst und Literatur, die jede Adelige, die etwas auf sich hielt, beherrschen sollte, doch auch Unterrichtslektionen, die von Politik und dem aktuellen Landesgeschehen handelten, Diplomatie und Verwaltung, Lehreinheiten, die dafür sorgen sollten, dass sie ihrem Vater einst eine würdige Erbin sein würde. Vor wenigen Jahren noch hatte ihr Tagesablauf wesentlich entspannter und freier ausgesehen, doch nun, da sie das älteste und einzige Kind des Asatsuyu no Yukiteru war, hatte sich ihr Leben beträchtlich geändert – und gewiss nicht zum Besseren. Nun, zumindest konnte sich Yukiko damit trösten, dass auf ihr niemals die Verantwortung lasten würde, die ihren Cousinen Kasumi und Sakura auferlegt war, waren diese immerhin die Töchter des Oberhaupts der Asatsuyu-Familie, der auch noch als Daimyo der Provinz Asami fungierte! Yukikos eigener Vater war lediglich der jüngere Bruder Nobuterus; die Position, die er als Verwalter der Mino-Region bekleidete, war zwar auch eine durchaus bedeutsame, mit den Bürden eines Oberhauptes dennoch kaum vergleichbar.
Im Esszimmer fand die Jugendliche auch schon ihre Mutter vor, die – wie immer – offenbar schon längst auf den Beinen war. Yukiko verbeugte sich respektvoll, ehe sie den Raum betrat.
„Einen guten Morgen, Okaa-sama – hattet Ihr eine geruhsame Nacht?“
„Den wünsche ich dir ebenfalls, Yukiko. Nun denn, setze dich.“
Das Mädchen tat, wie ihr geheißen wurde, wobei sie es sich nicht nehmen ließ, Sakuya nochmals eine tiefe Verbeugung darzubringen.
„Meine Nacht war ruhig und friedlich, so, wie sie es auch sein sollte“, gab ihre Mutter Yukiko schließlich zur Antwort. „Auch wenn es mich durchaus mit einem gewissen Unbehagen erfüllt, dass wir noch immer keine neue Kunde von deinem Vater erhalten haben – allerdings denke ich, dass es noch zu früh ist, sich seinetwegen zu sorgen.“
Yukiko schluckte, nahm den mit warmen, grünen Matcha befüllten Becher, der ihr von einer der Bediensteten gereicht wurde, geistesabwesend entgegen.
„Ich hoffe wirklich, dass alles in Ordnung ist…“, murmelte sie, das grasig-herb duftende Getränk nachdenklich schwenkend. „Die Straßen sind dieser Tage schließlich alles andere als sicher…“
„Wann waren sie das jemals?“, bekam sie eher kühl zur Antwort. „Wie gesagt, zerbreche dir noch nicht allzu sehr den Kopf deswegen, denn es gibt andere Angelegenheiten, die deine Aufmerksamkeit erfordern.“
Yukiko verkniff sich ein Seufzen.
„Okaa-sama, bitte verzeiht mir, ich… ich verfolge meine Studien wirklich mit all meinem Eifer und Herzblut…“
Doch für Sakuya war noch nicht einmal das beste gut genug. Liebend gerne verglich sie die Leistungen ihrer Tochter mit jenen, die die Kinder anderer Hochadeligen darbrachten, allen voran Sakura, die im selben Alter wie Yukiko selbst war.
Zu ihrer Überraschung war es jedoch nicht dieses Thema, auf das ihre Mutter hatte hinauswollen; nachdrücklich schüttelte Sakuya den Kopf.
„Es geht um eine andere Sache, eine, die gewiss nicht minder bedeutsam ist, mein Kind. Eigentlich wäre es mir lieber gewesen, wäre auch dein Vater hier, betrifft es schließlich uns alle, doch ich schätze, dass es noch eine ganze Weile lang dauern wird, ehe er uns wieder mit seiner Anwesenheit beehren wird.“
In Ordnung, nun war Yukiko wirklich neugierig – und auch ein wenig beunruhigt, denn meistens, wenn ihre Mutter etwas zu besprechen hatte, handelte es sich um etwas, das dem Mädchen Unbehagen bereitete.
Einige Momente lang musterte sie Sakuya stumm, abwartend, doch als diese keine Anstalten machte, etwas Licht ins Dunkle zu bringen, entschloss sich Yukiko dazu, den ersten Schritt zu wagen.
„Worum… worum geht es denn, Okaa-sama?“
Zu ihrer Enttäuschung schüttelte Sakuya jedoch den Kopf-
„Später, Yukiko, hier, am Frühstückstisch, könnten wir dieses wichtige Thema kaum auf angemessene Weise angehen. Heute Nachmittag, sobald du deinen heutigen Unterricht abgeschlossen hast, werden wir uns in Ruhe darüber unterhalten.“
Yukiko senkte den Blick, still nickend; Sakuya hatte gesprochen und danach hatte sie sich widerspruchslos zu richten.
Das Frühstück selbst nahm Yukiko größtenteils in Stille zu sich. Im Wesentlichen sprach sie nur dann, wenn ihre Mutter das Wort an sie richtete, so, wie es sich gehörte und ziemte. Allerdings schien Sakuya ihre ganz eigenen Gedanken und Angelegenheiten zu haben, die sie momentan beschäftigten, weswegen auch sie an diesem Morgen doch ungewöhnlich wortkarg und kurz angebunden war. Aber ohnehin war es nun Zeit für die ersten Unterrichtsblöcken, die von der früheren Geschichte des Kaiserreichs Izayoi handelten. Die Gründung des heutigen Izayois, welches im Wesentlich ein Verbund von 22 Fürstentümer darstellte, lag nun mehr als 1000 Jahre zurück, auch wenn die Ländereien selbst selbstverständlich schon weitaus länger bestanden. Izayoi no Akiko, erste Kaiserin und eine bis zum heutigen Tagen hochverehrte und beliebte Herrscherin, vereinigte die zerstrittenen Länder unter ihrem Wappen, legitimiert durch das göttliche Blut, welches durch ihre Adern floss und dem Segen der Kami, die mit Wohlgefallen auf diese Tochter des Himmels herabblickten.
Die Legenden, die um Akiko rankten, waren zahlreich und farbenprächtig, auch wenn es wohl außer Zweifel stand, dass viele von ihnen der Fantasie der späteren Generationen entsprungen waren. Gewiss hatte auch Akiko einen sehr großen Beitrag dazu geleistet, dass Frauen im Kaiserreich Izayoi wesentlich besser gestellt waren, als in den großen Nachbarreichen, dieselben Rechte besaßen und die höchsten Positionen bekleiden konnten. Nun, Yukiko, die die  starken Frauen der alten Legenden sehr bewunderte, war auch eine große Verehrerin dieser legendären Kaiserin, hatte den fantastischen Geschichten schon als kleines Mädchen mit Begeisterung gelauscht.
Bedauerlicherweise handelte die heutige Lektion nicht von den großen Taten Akikos, sondern viel eher von den Ereignissen, die zum Niedergang des Machtmonopols der Herrscherdynastie geführt hatten.  Seit den alten Tagen hatte sich in Izayoi selbst nämlich auch äußerst viel verändert – wurde das Kaiserreich in der ersten Ära noch vom Hofadel und der kaiserlichen Familie regiert, so war es nun der Shogun, der die wahre Herrschaft innehatte, während Akikos Nachkommenschaft in erster Linie eine symbolische und zeremonielle Rolle einnahm. Doch wenigstens herrschte momentan Frieden im Land, eine wahrlich beachtliche Verbesserung zu den blutigen Konflikten, die noch vor fünfzehn, zwanzig Jahren an der Tagesordnung gestanden waren.
„Nun, das war wieder äußerst lehrreich gewesen, nicht wahr, Yukiko-hime?“, fragte Riho, als sie mit ihrer jungen Herrin zusammen den Unterrichtsraum verließ, durch den blühenden Garten spazierte, der den Innenhof des weitläufigen Anwesens zierte.
Yukiko seufzte lediglich, winkte ab.
„…Nun, offen gestanden zählt der zweite Bürgerkrieg nicht unbedingt zu meinen Lieblingsthemen“, gab das Mädchen zurück, beiläufig an einer Haarsträhne zupfend. „Eine schrecklich brutale Zeit, wenn du mich frägst…“
Riho nickte nachdrücklich.
„Das stimmt allerdings! Auch wenn ich Eure Meinung in diesem Belangen nicht ganz teile, denn meiner Meinung nach sind die Ereignisse, die zu diesem Krieg führten, wahrlich ungemein spannend!“
Yukiko ließ die Schultern kreisen, seufzte nochmals.
„…Nun, vielleicht. Aber mal ganz im Ernst, Riho – wieso tust du dir das eigentlich an und nimmst jedes Mal an meinem Unterricht teil? Wäre ich an deiner Stelle, dann würde ich die Zeit lieber für andere Dinge nutzen! Daher würde ich es dir wirklich nicht übelnehmen, würdest du mich alleine lassen…“
Riho lächelte, schob ihrer jungen Herrin eine verirrte Haarsträhne hinters Ohr.
„Mag sein, Yukiko-hime, doch ich habe Eurer hochverehrten Mutter versprochen, immer an Eurer Seite zu bleiben, über Euch zu wachen. Und selbst wenn dem nicht so wäre – ich liebe es, neue Dinge zu lernen! Tatsächlich erachte ich es als eine unbeschreibliche Ehre, Eurem Unterricht beiwohnen zu dürfen.“
Soweit Yukiko wusste, stammte ihr Kammerfräulein so wie der Großteil der Bediensteten aus äußerst einfachen Verhältnissen, weswegen ihr Einwand wohl recht nachvollziehbar war.
„Naja, wenn du meist…“, gab sie lediglich zurück, schaute dann wieder auf, den Blick durch den Garten schweifen lassend.
Heute war wahrlich ein herrlicher Tag – das Wetter war schön warm, der Himmel blau und unbewölkt. Die Blumen verströmten ihren süßlichen, köstlichen Duft, das kleine Bächlein, welches den Garten durchschnitt, plätscherte friedlich vor sich, mündete in einem größerem Teich im Zentrum der Grünanlage, in der sich auch einige Enten tummelten. Zu dieser Zeit des Tages war der Großteil der Angestellten mit den Vorbereitungen für das Mittagessen beschäftigt, mit der Pflege des Haushaltes, mit Botengänge. Ja, ein jeder hatte seine Aufgaben zu erledigen und wenn es etwas gab, das Sakuya absolut nicht duldete, dann waren es Pflichtvergessenheit und Faulheit. In der Nähe des Teiches, unweit eines kleinen Pavillons, erblickte Yukiko jedoch jemanden, der momentan gewiss nicht das tat, was er eigentlich tun sollte; mit gerunzelter Stirn legte sie den Kopf schief, warf Riho einen raschen Blick zu.
„Was tut Katsuya denn dort hinten? Sollte er zu dieser Zeit nicht eigentlich in der Küche aushelfen?“, fragte sie ihr Kammerfräulein.
Dieses lächelte auch weiterhin, auch wenn Yukiko glaubte, eine gewisse Süffisanz in der Miene ihrer Freundin entdecken zu können.
„Du meine Güte, Ihr habt vollkommen Recht, Yukiko-hime! Na, sollte Ojou-sama davon Wind bekommen, dann hat der Gute aber gewiss nichts zu lachen!“
Yukiko verzog das Gesicht.
„Lass gut sein, Riho, er hat doch wirklich schon genügend Probleme… Na komm, schauen wir doch lieber mal, was er dort hinten eigentlich treibt!“
Gesagt, getan. Das Mädchen strebte auf den jungen Bediensteten zu, der im Gras kniete und offenkundig nach irgendetwas Ausschau hielt, ging, als sie ihn erreicht hatte, in die Hocke, ihren Gegenüber neugierig musternd.
Katsuya war in etwa in ihrem Alter, siebzehn oder achtzehn, auch wenn sich in diesem Punkt niemand vollkommen sicher sein konnte. Sein schwarzes Haar war ordentlich geschnitten, seine Haut hell, wenn, jedoch nicht von der noblen Blässe, die Yukiko und ihre Mutter zueigen hatten. Im Großen und Ganzen war Katsuya zwar nett anzuschauen, bot jedoch keinen außergewöhnlichen oder allzu eindrucksvollen Anblick, hatte nichts, das ihn von der Masse abhob – nichts, bis auf seine wahrlich bemerkenswerten Augen. Diese waren von einem hellen, geradezu stechenden Blau, eine Farbe, die man in diesem Land nur äußerst selten sah.
Schon allein für diese Besonderheit sah sich Katsuya viel zu oft mit Gerede und Getratsche, üblen Gerüchten und teilweise gar boshaften Beschuldigungen konfrontiert, wobei das sonderliche Verhalten, welches er hin und wieder an den Tag legte, sein Übriges tat.
„…Katsuya-kun, was wird das denn? Hast du etwas verloren?“, fragte Yukiko freundlich, nachdem dieser die Anwesenheit der Adeligen nicht zur Kenntnis genommen hatte.
Kaum dass sie diese Worte ausgesprochen hatte, zuckte der Jugendliche zusammen, nervös blinzelnd, ehe er aufschaute, den Blick unruhig zwischen Yukiko und Riho wandern ließ.
„H-Hime-sama, i-ich… e-es ist nicht so, wie es aussieht, ich faulenze nicht“, verteidigte er sich sogleich, die Augen rasch wieder auf den Boden richtend.
„Aber Katsuya-kun, das behauptet hier doch auch niemand!“, hielt die Adelstochter sogleich beschwichtigend dagegen. „Es ist lediglich ungewöhnlich, dich zu dieser Zeit im Garten zu sehen – wir haben uns lediglich gefragt, was du tust.“
„Oh weh, hast du etwa schon wieder irgendetwas Wichtiges verloren? Was für ein Unglück, dabei ist dir doch erst letztens eine der wertvollen Kämme unserer Herrin abhanden gekommen!“, ergriff Riho spöttisch das Wort, ehe Katsuya Yukiko eine Antwort hätte geben können. „Früher oder später wirst du diesen Haushalt wahrlich noch in den Ruin treiben…“
Yukiko blinzelte, runzelte die Stirn.
„Welche Kämme? Davon habe ich nichts mitbekommen…“
„Wenn es doch allein die Kämme gewesen wären, Yukiko-hime! Oh nein, wann immer etwas verloren geht, dann kann man darauf wetten, dass es auf Katsuyas Kappe geht!“
Der junge Bedienstete seufzte.
„Das… das ist doch nicht so, wie es aussieht… W-Wie dem auch sei, verloren habe ich heute nichts. Es ist nur so, dass…“
Er verstummte abrupt, ließ seinen Blick geradezu furchtsam zum Pavillon wandern. Yukiko folgte ihm, neugierig, was es wohl sein mochte, das den Dienstboten so offenkundig beunruhigte – doch sie konnte nichts entdecken.
Riho erging es scheinbar ähnlich, verdrehte diese die Augen.
„So, wie es aussieht, leidet der arme Katsuya offenkundig wieder einmal unter Wahnvorstellungen! Na, was ist es denn dieses Mal? Wieder einmal Geister ? Bei den Göttern, wie oft haben wir deinetwegen nun eigentlich schon die Priester und Exorzisten ins Haus gerufen, nur, damit sich als vollkommene Zeitverschwendung herausgestellt hat?“
„Ich habe doch gar nichts gesagt…“, murmelte er; er rappelte sich auf, sich die Grashalme und Blätter aus dem Hakama klopfend, doch den Pavillon ließ er, wie Yukiko feststellte, keinen Moment lang aus den Augen.
„Ich… habe lediglich geglaubt, etwas gehört zu haben, das… das ist alles“, setzte er dann mit leiser Stimme zu einer Erklärung an, die jedoch lediglich ein abfälliges Schnauben seitens Riho hervorrief.
„Ja ja, sehr schön. Nun, Katsuya, wie wäre es denn, würdest du dich nun lieber wieder deiner eigentlichen Arbeit widmen, anstatt dass du irgendwelchen mysteriösen Geräuschen hinterherjagst?“
Er biss sich auf die Unterlippe, nickte dann hastig.
„J-Ja, selbstverständlich… Bitte verzeiht mir, Hime-sama, Riho-san…“
Katsuya verbeugte sich hastig, ein wenig ungeschickt, wollte sich schon von den beiden Frauen abwenden, als Yukiko dann das Wort ergriff.
„Warte, Katsuya-kun. Was… was genau hast du denn überhaupt gehört? Ich… möchte es gerne wissen.“
Er zögerte, ließ den Blick nochmals zum Schauplatz schweifen, offenkundig um eine Antwort ringend. Zu Yukikos Enttäuschung schüttelte er dann jedoch langsam, nachdrücklich den Kopf, den Blicken seiner jungen Herrin ausweichend.
„Ich… bin mir nicht vollkommen sicher, aber… Wahrscheinlich war es in der Tat nichts von Belangen. Ich möchte nochmals um Verzeihung bitten, Hime-sama.“
Und mit diesen Worten und einer letzten, hastigen Verbeugung wandte er sich von Yukiko und Riho ab, in die Tiefen des Gartens verschwindend. Die Adelstochter hingegen machte es sich nun durchaus so ihre Gedanken, denn wenn sie im Laufe der letzten Jahre eines gelernt hatte, dann, dass auf Katsuyas Intuition durchaus Verlass war.
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