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Die ewige Kaiserin [Anmeldung offen]

MitmachgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Mix
Engel & Dämonen Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Geister & Gespenster Zauberer & Hexen
25.04.2015
18.09.2021
19
68.458
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Dieses Kapitel
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14.09.2021 3.626
 
Hauptcharaktere:
1. Asatsuyu no Yukiko (朝露喜子) - 17 Jahre, Tochter des jüngeren Bruders des Fürsten der Provinz Asami
2. Riho (りほ) - 20 Jahre, Yukikos Kammerfräulein und Vertraute
3. Katsuya (活也) - 17 Jahre, ein Bediensteter der Asatsuyu
4. Ayasaki Akito (綾崎明人) – 19 Jahre, Leibwächter der Asatsuyu-Familie
5. Nakai Kouji (中井浩司) – 23 Jahre, Kammerdiener der Amamiya no Tomoyo (darkmelody)
6. Akayuma Sumiki (赤弓麻澄姫)/ Akayuma Hatsuki (赤弓麻初姫) – 19 Jahre, Verlobte des Cousins Yukikos, Masakota (iyune)
7. Asatsuyu no Kaeyura (朝露かえゆら ) / Aset Nefretis  - 38 Jahre, Yukikos angeheiratete Tante und Prinzessin eines fernen Landes (Akayo Tsukito)
8. Myakenjirou (ミャケンジロウ) – 25 Jahre, Wanderpredigerin (iyune)
9. Kobayashi Hanako/ Xiăolín Huāqín (小林花琴) – scheinbar 21, Oberhaupt des Fuchsklans zu Anlín, Priesterin der Fuchsgöttin (Saarechan)
10. Seizei (せいぜい) – 24 Jahre, Priester im Dienste der Asatsuyu (Akayo Tsukito)
11. Xingshen Lián (幸甚蓮) – 25 Jahre, Schneiderin zu Kouzaki (Saarechan)
12. Tokugawa Suetame (得川巣江為) – 26 Jahre, umherreisender Kaufmann aus Kisaragi (Bwbw)

Nebencharaktere:
1. Asatsuyu no Sakuya (朝露咲夜) - 42 Jahre, Yukikos Mutter
2. Amamiya no Tomoyo (雨宮共代) – 20 Jahre, Tochter des Fürsten der Provinz Hisagi
3. Asatsuyu no Masakota (朝露正公太) – 18 Jahre, Yukikos Vetter und Sumikis Verlobter (iyune)
4. Asatsuyu no Mirai (朝露光莱) – 16 Jahre, Masakotas jüngere Schwester und Yukikos Cousine (iyune)
5. Asatsuyu no Nobukota (朝露信公太) – 35 Jahre, jüngster Bruder des Yukiteru, Yukikos Vater und Nefretis' Ehemann (Akayo Tsukito)
6. Kobayashi Yuka/ Xiăolín Jiāxiāng (小林佳香)- scheinbar 19, Hanakos jüngere Schwester und Oberhaupt des Fuchsstammes (Saarechan)
7. Iwatani no Heihachi (岩谷平八) - 44 Jahre, Berater der Asatsuyu-Familie  

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Früh hatte es Lián an das Ufer des Flusses Hiramitsu verschlagen, der an der Stadt Kouzaki vorbeirauschte, ihr in vielerlei Hinsicht als Lebensader diente. Große Felsen prägten das Landschaftsbild, hochgewachsene, blühende Sträucher, dichtes, dunkelgrünes Gras und altehrwürdige Bäume säumten die massiven Wassermassen, auf dessen Leib schon bereits so kurz nach Sonnenaufgang die kleinen Fischerboote trieben, die Enten nach ihrem Frühstück gründelten, die zierlichen Singvögel von den Wipfeln der Bäume aus ihre Lieder trällerten.
Lián hatte es sich auf einem der von der Sonne angewärmten Steine bequem gemacht, betrachtete die gleißend helle Lichtkugel dabei, wie sie am Horizont in die Himmel stieg, die letzte Dunkelheit der vergangenen Nacht vertrieb, einen neuen Tag über Izayoi hineinbrechen ließ. Ein recht simples Schauspiel, das ihr dennoch immer wieder aufs Neue sehr große Freude bereitete. Andächtig glättete sie sich das lange, schwarze Haar mit dem filigranen Elfenbeinkamm, den sie einst von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte, summte dabei ein Lied vor sich hin. Andächtig schloss sie die Augen, lauschte dem sanften Rauschen des Flusses, dieser simplen, wenn auch wundervollen Melodie, spürte, wie der angenehm kühle Wind ihre blasse Haut streichelte.
Auf gewisse Weise fühlte sich Lián noch ein wenig so, als würde sie träumen. An manchen Tagen fiel es ihr schwer, zu begreifen, dass sie sich tatsächlich so fern ihrer Heimat, in einem fremden Land, besiedelt von einem ihr ebenso fremden Volk, befand. In diesen Moment war sie sich nie sicher, ob das, was sie empfand, tatsächlich so etwas wie Heimweh war – oder ob es lediglich ihre Erinnerungen waren, die sich ganz besonders prominent bemerkbar machten.
Tatsache war jedoch, dass sie einen Schritt gewagt hatte, der vor ihr noch kein anderer Bewohner ihrer Heimat, der Stadt Xingshen, vollzogen hatte, sie eine Freiheit genoss, von der diese anderen wohl noch nicht einmal zu träumen wagten – und auch, dass sie diese Reise aus einem ganz bestimmten Grund angetreten hatte.
Lián ließ den Kamm sinken, griff nach den mit kleinen Blumenornamenten dekorierten Haarnadeln, die neben ihr auf dem Stein lagen, steckte geschickt das hüftlange, seidig-schwarze Haar hoch, zu einer Frisur, die trotz ihrer relativen Schlichtheit elegant und raffiniert wirkte. Gerne würde sie noch länger bleiben, die reine, frische Morgenluft genießen, doch es war an der Zeit, dass sie ihr Tagwerk in Angriff nahm. Lián erhob sich von ihrem Platz, griff nach dem Beutel, in dem sich all das Material befand, welches sie für ihre heutigen Kreationen benötigte: Feine Perlen, duftende, frisch gepflückte Blumen und, das wichtigste von allem, die kostbare Seide, die es ihr gestattete, sich von den anderen Schneidern des Stadt abzuheben.
„Ent… Entschuldigung? Du bist… Ren-san, richtig?“
Lián, die nicht mit Gesellschaft gerechnet hatte, fasste sich ein wenig erschrocken an die Brust, wandte sich dann zu der ihr unbekannten Stimme um, neugierig, wer sie da wohl angesprochen haben mochte. Ren, dies war der Name, den ihr die ihre Nachbarn und Kunden gegeben hatten, da sich diese reichlich schwer damit taten, Lián korrekt auszusprechen.
Ihr Blick fiel auf einen jungen Herrn, den sie auf etwa Mitte zwanzig, also in etwa ihr eigenes Alter, schätzte. Auf gewisse Weise war er von durchaus auffälliger Erscheinung – so war er recht hochgewachsen, größer als die meisten Männer, deren Bekanntschaft Lián bisher gemacht hatte. Sein schwarzes Haar war etwas länger, reichte ihm wohl bis zur Schulter, auch wenn er es momentan zu einem Zöpfchen zurückgebunden hatte, seine Auge waren nicht so dunkel, wie es bei den Menschen dieses Landes normalerweise der Fall war, sondern waren von einem hellblauen Ton, wie zwei hübsche, kleine Aquamarine.
Sie erinnerten Lián an die Augen des Dienstjunge der Fürstenfamilie, den die Schneiderin manchmal im Tempel sah – ob die beiden wohl Brüder sein mochten? Schlecht sah er jedenfalls nicht aus, das musste sie ihm lassen… Ah, aber sie sollte nicht starren, wirklich nicht!
Lián lächelte höflich, nickte andächtig.
„Die bin ich in der Tat! Und mit wem habe ich das Vergnügen?“
Der Fremde erwiderte das Lächeln ebenso freundlich.
„Verzeiht – mein Name ist Tokugawa Suetame, ein fahrender Händler aus Kisaragi Es ist mir eine Freude, deine Bekanntschaft zu machen, Ren-san! In einem der kleinen Dörfer der Umgebung habe ich gehört, dass in Kouzaki eine Schneiderin leben soll, die ganz außergewöhnliche Stoffe verwendet...“
Lián musste sich ein wenig anstrengen, um seinen Worten folgen zu können, sprach dieser Mann schließlich recht schnell und auch wenn ihre Kokugo -Kenntnisse inzwischen äußerst solide waren, waren sie bei Weitem nicht perfekt. Doch so einigermaßen begriff sie, was dieser Mann, Suetame, von ihr wollte.
Sie klatschte sich in die Hände, nickte enthusiastisch.
„Ja, das stimmt, alles Material, das ich für meine Kreationen verwende, ist von allerbester Qualität! Hast du Interesse daran, mein guter Mann? Sehr gerne kann ich auch dir ein herrliches Gewand schneidern, auch wenn wir alles weitere lieber zuerst in meinem Atelier besprechen sollten.“
Die Aussicht, einen neuen Kunden zu gewinnen, ließ ihr Herz stets erblühen! Und wenn es sich dabei um einen Händler handelte, dann war es wohl sogar noch umso besser, reisten diese in der Regel schließlich auch an weiter entfernte Orte – ideal also, um Liáns Kreationen um ganzen Land zur Schau zu stellen!
Zu ihrer Enttäuschung hob Suetame rasch die Hände, machte eine abwehrende Geste.
„Dies ist wahrlich liebenswürdig, Ren-san, doch tatsächlich ist es so, dass ich einen Kunden in Amagi habe, der großes Interesse an deiner besonderen Seide hegt! Sehr gerne würde ich daher mit dir entsprechende Arrangements treffen…“
Die junge Frau verzog das Gesicht, verschränkte die Arme. So war das also? Gewiss könnte sie ihre Stoffe für gutes Geld verkaufen, doch nein, das war nicht gut! Ihre Mode war es, mit der sie sich einen Namen machen wollte und nicht allein das Material, aus dem sie gefertigt ist – zumal diese Seide allein Liáns Erkennungsmerkmal sein soll.
„Hm, ich weiß ja nicht…“, gab sie sich dennoch unschlüssig. „Denkst du wirklich, dass wir derartige Gespräche hier, am Flussufer, führen sollten? Ich würde vorschlagen, dass wir uns zu meiner Werkstatt begeben, um dort alles nochmals in Ruhe zu besprechen – und liebend gerne werde ich dir dann auch die Kunstwerke präsentieren, die ich aus diesen Stoffen gefertigt habe!“
Suetame schien kurzzeitig über ihre Worte nachzudenken, nickte dann jedoch.
„Gewiss, Ren-san, das wäre mir eine große Freude.“  
Ihre Seide allein würde sie Suetame zwar gewiss nicht vergiss, doch wenn Lián es geschickt anstellte, so könnte sie ihn vielleicht doch dazu bringen, sich für das ein oder andere Kleidungsstück zu begeistern!

Liáns Laden befand sich im Randbezirk Kouzakis, in einer ruhigen, eher ländlich wirkenden Nachbarschaft. Damals, als sie in diese Stadt gekommen war, hatte sie das Glück gehabt, recht rasch ein leerstehendes Häuschen zu ergattern, welches ihren Zwecken dienlich war – auch wenn Lián es durchaus vorgezogen hätte, etwas weiter im Zentrum zu leben, nahe der herrlichen Anwesen der gehobenen Herrschaften, den alten Prunkbauten und lebhaften Märkten. Diese Nachbarschaft, in die es sie letztendlich verschlagen hatte, war ihrem ebenso ruhigen und recht ereignislosen Heimatort hingegen gar nicht so unähnlich – war einerseits auch durchaus schön war, konnte sie auf diese Weise schließlich sogar in der Fremde etwas Vertrautes, Heimisches entdecken, doch auf der anderen Seite…
Sie liebte ihre Heimat, doch ebenso begierig war sie darauf, neue Erfahrungen zu machen.
Suetame, der von Lián in die Küche, die zugleich auch als Wohnbereich diente, geführt worden war, hatte es sich an den Tisch gesetzt, schaute sich sichtlich interessiert im Raum um, betrachtete die mit herrlichen Stickereien versehenen Wandgemälde, die seine Gastgeberin aus Stoffresten und übrig gebliebenem Garn angefertigt hatte.
Es war leicht zu erkennen, dass das Meer, Gewässer im Allgemeinen Liáns liebstes Motiv war. Ein Kunstwerk, auf das sie ganz besonders stolz war, bildete die tosenden Wellen des tiefblauen Jademeers ab. Hinten, am blutroten Horizont, verschwand die Sonne bereits in den Fluten, machte dem schwarzen Nachthimmel und dem strahlend weißen Abendmond Platz. Sehr lange hatte sie an diesem Werk gearbeitet und all die Mühen haben sich am Ende wahrlich ausbezahlt, wagte sie zu behaupten!
„Verschlägt es dich denn des Öfteren nach Kouzaki, Tokugawa-san?“, fragte Lián, sich mit Tee und Süßigkeiten zu ihrem Gast gesellend.
Dieser schüttelte den Kopf.
„Man kann sagen, dass ich quer durchs Land reise – ich gehe dorthin, wo es Waren gibt, an denen meine Kunden Interesse hegen! Wann ich zuletzt hier gewesen bin, kann ich allerdings nicht sagen… Jedoch aber, dass ich mich nicht daran erinnern könnte, deinen kleinen Laden zuvor schon gesehen zu haben.“
„Oh, so lange bin ich auch noch nicht hier“, erwiderte Lián, sich ein mit süßer Sesampaste gefülltes Reisküchlein, welches sie am Vortag in ihrem Lieblingsteehaus erworben hatte, schnappend. „Auf alle Fälle noch keine drei Jahre…“
„Und trotzdem hat sich die Qualität deiner Arbeit schon herumgesprochen, wahrlich bemerkenswert.“
Suetame genehmigte sich ebenfalls ein Konfekt, welches er in einer äußerst beeindruckenden Geschwindigkeit vertilgte.
„Man tut, was man kann, nicht wahr? Wie dem auch sei, Tokugawa-san – hättest du nicht auch Interesse an einem neuen Gewand? Ich möchte dir ja nicht zu nahe treten, aber es scheint, als hätte deine Kleidung auch schon bessere Zeiten gesehen!“
Der junge Mann räusperte sich, winkte leicht verlegen ab.
„…Das Los eines weit reisenden Händlers, würde ich sagen. Doch in der Tat würde es mich interessieren, zu sehen, welche schönen Werke mit dieser herrlichen Seide erschaffen werden können – und selbstverständlich hoffe ich nach wie vor darauf, dass wir beide ins Geschäft kommen können!“
Lián lächelte unverbindlich, erhob sich von ihrem Platz, mit den Händen über den roten, mit goldenen Mustern bestickten Hanfu fahren lassend, in den sie gekleidet war.
„Nun, eines dieser Werke trage ich bereits am Körper! Aber selbstverständlich ist dies nur eines von sehr vielen Stücken, die ich im Laufe der Zeit gefertigt habe – in meinem Verkaufsraum habe ich noch wie-…“
Ein helles Klingeln ließ Lián verstummen – dieses stammte von dem Glöckchen, welches sie an der Eingangstür ihres Ladens angebracht hatte. Ein recht sicheres Zeichen, dass sie noch weiteren Besuch erhalten hatte! Sie lächelte Suetame entschuldigend zu.
„Bitte verzeih, doch so, wie es scheint, könnte ich Kundschaft erhalten habe…“
Der junge Händler winkte ab.
„Lass dich von mir nicht stören – die zahlende Kundschaft geht selbstverständlich stets vor!“
Lián verbeugte sich knapp, verließ dann ihre Privaträume, sich raschen Schrittes in ihre Werkstatt begebend. Hier schneiderte sie ihre Kleidung, nahm ihre Kunden in Empfang, präsentierte ihre bereits fertigen Werke ihren neugierigen Besuchern. Dementsprechend vollgestellt und beengend war der Verkaufsbereich auch, doch nicht auf eine Weise, die man als ungemütlich oder unordentlich empfinden könnte – tatsächlich schafften die Ausstellungsstücke, die farbenfrohen Stoffe und die Büchschen und Schatullen mit den prächtigen Dekorationselementen, Edelsteinchen und Perlen, eine recht behagliche Atmosphäre.
„Herzlich willkommen in meinem Geschäft, verehrte Kundschaft!“, begrüßte Lián die Neuankömmlinge überschwänglich, diese zugleich auch neugierig musternd.
Einen von ihnen erkannte sie sogar auf Anhieb – es handelte sich um den Jungen aus dem Tempel, den Hausangestellten der Asatsuyu, auch wenn sie gestehen musste, dass sie seinen Namen nicht wusste. Es war ja auch nicht so, als hätten die beiden bisher viele Worte miteinander gewechselt, von einer höflichen Begrüßung und Verabschiedung einmal abgesehen.
Die beiden Damen, die er begleitete, waren ihr hingegen unbekannt, stammten höchstwahrscheinlich jedoch aus seinem Haushalt, waren sie zumindest besser gekleidet aus der durchschnittliche Städter. Lián ertappte sich jedoch dabei, wie sie die junge Frau, die die Vorhut bildete, einige Momente lang äußerst unverhohlen anstarrte – doch sie konnte nicht anders, war sie schließlich wahrlich wunderschön. Langes, nachtschwarzes Haar, welches ihr in sanften Wellen über den Rücken fiel, eine makellose Haut, blass, wie es dem hiesigen Ideal entsprach, ein ebenmäßiges, aristokratisch geschnittenes Gesicht und wache, dunkle Augen.
Lián verbeugte sich sogleich respektvoll vor der Dame.
„Es ist mir eine sehr große Ehre, Mitglieder des Asatsuyu-Haushaltes in meinem bescheidenen Laden willkommen zu heißen! Verzeiht mir bitte meine Direktheit, doch seid Ihr die Tochter des Fürsten, Asatsuyu no Yukiko-sama?“
Kaum hatte die Schneiderin diese Frage ausgesprochen, schaute der Hausangestellte mit den blauen Augen etwas peinlich berührt zur Seite, während das die andere Dame wortlos den Kopf senkte. Die wunderschöne junge Frau, die Lián für die Fürstentochter hielt, lächelte jedoch lediglich, schüttelte dann aber, zum grenzenlosen Entsetzen der ersteren, den Kopf.
„Ich danke dir für diese liebe Begrüßung. Allerdings muss ich dieses kleine Missverständnis ausräumen – ich bin Riho, Kammerfräulein der jungen Herrin. Yukiko-hime beehrt dich heute jedoch ebenfalls mit ihrer Anwesenheit.“
Mit diesen Worten trat sie zur Seite, bedeutete dem etwas jüngeren Mädchen mit einem aufmunternden Lächeln, näher zu treten. Nun, es war nicht so, als wäre die echte Yukiko eine unansehnliche Dame, gab jedoch im Großen und Ganzen ein eher unscheinbares Bild ab. Wie die meisten Adelstöchter hatte auch sie langes Haar, und auch wenn ihres gut gepflegt war, so fehlten ihm Rihos Glanz und Fülle. Yukiko war nicht plump, doch auch keine grazile Elfe, ihr Gesicht war eher etwas rundlich, ihre Augen, ihre gesamte Haltung strahlten Unsicherheit aus, so, als haderte sie sehr mit sich selbst.
Ja, Yukiko mochte nicht die umwerfende Schönheit ihres Kammerfräuleins aufweisen, doch in Liáns Augen war dieses Mädchen dennoch perfekt – perfekt dazu geeignet, all das Potential, welches noch unangetastet in ihr schlummerte, zu erwecken, sie aufblühen zu lassen wie ein Kirschbaum in den Frühlingstagen!
Einige Momente lang hatte sich Lián tatsächlich in ihren Tagträumereien verloren, ausgeknobelt, was sie so alles aus Yukiko herausholen könnte – doch dann kehrte der peinliche Fauxpas, den sie sich geleistet hatte, mit voller Wucht in ihr Bewusstsein zurück. Die Schneiderin lief rot an, schenkte beschämend den Kopf.
„Bitte verzeiht mir meine Unverschämtheit, Hime-sama – ich muss gestehen, dass ich Euch schlichtweg nicht gesehen habe! Ich hoffe sehr, dass Ihr mir diesen Fehler nachsehen könnt…“
„Es ist in Ordnung, wirklich“, erwiderte Yukiko. „Du bist ohnehin nicht die Erste, der so etwas passiert…“
Nein, natürlich nicht. Lián räusperte sich, nun wieder etwas fröhlicher wirkend.
„Nun denn, Hime-sama, wie kann ich Euch denn zu Diensten sein?“
„Demnächst wird sie der Einladung einer befreundeten Familie folgen und das Anwesen der Fürstenfamilie von Hisagi aufsuchen“, antwortete Riho anstelle ihrer Herrin. „Zu diesem Anlass benötigt Hime-sama selbstverständlich ein angemessenes Gewand – eines, mit dem sie Eindruck schinden kann, wohlgemerkt.“
Das Kammerfräulein warf sich beiläufig das Haar über die Schulter, ließ den Blick durch die Werkstatt schweifen, aufmerksam jedes einzelne Detail einsaugend. Lián konzentrierte sich unterdessen wieder auf Yukiko, die verschüchtert hinter Riho stand, offenbar nichts so recht mit sich anzufangen wusste – und auf ihren dritten Begleiter, der sie mit einer gewissen Anteilnahme im Blick behielt. Ihr entging auch nicht, wie Suetame, der inzwischen zu seiner potentiellen Geschäftspartnerin hinzugestoßen war, die Szene interessiert verfolgte, sich gewiss seinen Teil dazu dachte.
Nun, unscheinbar und schüchtern oder nicht, Yukiko war noch immer eine Fürstentochter, eine Angehörige des Hochadels, und als solche hatte man sie auch zu achten.
„Uns ist bereits das ein oder andere zu Ohren gekommen, bezüglich deiner Nähkunst, Ren-san“, sprach Riho schließlich weiter, freundlich, aber dennoch irgendwie auch ein wenig reserviert. „Sehr gerne würden wir deine Dienste daher in Anspruch nehmen, vorausgesetzt, du kannst unseren Ansprüchen gerecht werden.“
War dies eine Herausforderung? Wenn ja, dann eine, die Lián nur zu gerne annahm! Die junge Näherin verkniff sich ein Grinsen, zwang sich dazu, ihre Aufregung ob dieses Auftrags zu verbergen, würdevoll und professionell zu wirken.
„Dies wäre mir eine sehr große Ehre“, entgegnete sie daher, respektvoll den Kopf neigend. „Seid Euch gewiss, dass ich Euch keinesfalls enttäuschen werden – für die Tochter der Asatsuyu ist gerade einmal das Beste gut genug!“
Riho schenkte ihr ein Lächeln, wandte sich dann ihrer Herrin zu, die sich sichtlich deplatziert fühlte. Geradezu liebevoll legte sie ihr die Hände auf die Schultern, nickte ihr ermutigend zu.
„Seid unbesorgt, Yukiko-hime – wenn Ren-san ihrem Ruf gerecht wird, dann wird Amamiya-dono aus dem Staunen nicht herauskommen, sobald er Euch sieht. Ich für meinen Teil bin mir jedenfalls jetzt schon sicher, dass Ihr das schönste Mädchen in diesem Anwesen sein werdet!“
Unruhig fiedelte Yukiko mit ihren Fingern, nickte dann schließlich zögerlich.
„Ja, bestimmt, Riho… Aber was ist mit dir und Katsuya-kun? Möchtet ihr euch nicht ebenfalls nach neuer Kleidung umschauen?“
Ah, der Junge hieß also Katsuya – richtig, Lián glaubte, seinen Namen sogar mal aufgeschnappt zu haben, als er sich mit dem Priester unterhalten hatte, doch merken konnte sie sich ihn nicht.
Riho schmunzelte.
„Aber Yukiko-hime, wir sind doch bloß einfache Bedienstete! Es wäre Verschwendung, würden wir allzu viel Aufwand in unsere Erscheinung stecken – zumal Katsuya ohnehin immer gleich langweilig aussehen wird, ganz egal, in welche Gewänder er sich wirft. Zumal er uns ohnehin allein aus jenem Grund heute in die Stadt begleitet hat, da wird jemanden benötigen, der unsere Einkäufe trägt.“
Dabei warf sie dem Jungen einen süffisanten Blick zu. Dieser seufzte, verkniff sich ansonsten eine Antwort. Lián für ihren Teil konnte Riho in diesem Punkt nicht zustimmen – momentan mochte Katsuya zwar noch schrecklich jung aussehen, sich hinter seiner schlichten Dienstjungen-Erscheinung verstecken, doch in einigen Jahren würde er gewiss zu einem stattlichen, hübschen Mann werden!
Jedenfalls war es irgendwie beinahe schon niedlich, wie Yukiko mit ihren Angestellten umging – Lián für ihren Teil hatte da bisher ein ganz anderes Bild vom Hochadel gehabt. Zugegeben, dies war das erste Mal, dass sie direkten Kontakt zu der Asatsuyu-Familie hatte, doch die Herrin des Hauses, Sakuya, hatte sie zumindest schon einmal in der Stadt gesehen, beim letzten Frühlingsfest. Eine äußerst streng und erhaben wirkende Dame, respekteinflößend, wahrlich niemand, dem man vor dem Kopf stoßen wollte.
Wenn sie die zurückhaltende, schlichte Yukiko so sah, konnte sich Lián nur schwerlich vorstellen, dass sie wirklich die Tochter der selbstbewussten, geradezu strahlenden Asatsuyu no Sakuya war.
Manch einer
Manch einer mochte dies dem Mädchen vielleicht als Nachteil oder Schwäche auslegen, doch Lián sah in ihr einen rohen Edelstein, der, mit der richtigen Pflege und der passenden Technik, ganz wundervolle Formen annehmen könnte.
Auch Suetame, der sich bis zu diesem Punkt außen vor gehalten hatte, wirkte recht zufrieden.
„Wie vielversprechend! Ren-san, ich kann es kaum erwarten zu sehen, welch prächtiges Gewand du für die O-Hime-sama erschaffen wirst.“
Liáns Kundschaft schien seine Anwesenheit erst jetzt zur Kenntnis zu nehmen – kaum verwunderlich, hatte die Schneiderin selbst beinahe schon vergessen, dass der Händler auch noch vor Ort war.
„Noch ein weiterer Interessent, hm? Du scheinst wahrlich gefragt zu sein, Ren-san“, merkte Riho freundlich an. „Tatsächlich haben auch wir in erster Linie durch eine Bekannte der Herrin von dir erfahren – bei der gestrigen Soirée hat sie in höchsten Tönen von dir geschwärmt!“
Ah, die Mundpropaganda hatte also ganze Arbeit geleistet, sehr schön. Umso wichtiger, dass Lián all ihr Herzblut und Können in diesen Auftrag investierte – denn sollten die Asatsuyu Gefallen an ihrer Handwerkskunst finden, so würde Xingshen Lián, die Näherin von Kouzaki, bald in aller Munde sein! Für die Fürstenfamilie zu arbeiten war ohnehin ein Wunsch, den sie nun schon seit ihrer Ankunft in der Provinz Asami hegte – inmitten der gehobenen Gesellschaft wollte sie sein, die feinen Damen und Herren in den von ihr gefertigten Roben gekleidet sehen; ah, was für eine herrliche Vorstellung!
Mit einem herzlichen Lächeln winkte sie Yukiko zu sich heran, bat sie, näher zu treten, würde sie schließlich die Maße des Mädchens nehmen müssen – und sich mit ihr selbstverständlich auch nochmals in Ruhe über ihre konkrete Vorstellungen unterhalten. Diese zögerte jedoch, warf Riho einen hilfesuchenden Blick zu; das Kammerfräulein nickte, bedeutete ihrer jungen Herrin, Lián zu folgen. Einen Moment lang schaute sie auch zu Katsuya, der, wenn auch etwas nach hinten versetzt, bei Riho stand – und Suetame regelrecht anzustarren schien, dabei ein Gesicht machte, als würde ein leibhaftiger Geist vor ihm stehen.
Was auch Yukiko offenkundig nicht entgangen war, bedachte sie ihren Bediensteten mit einer Mischung aus Verwunderung und Sorge.
„Katsuya-kun? Stimmt etwas nicht?“, fragte sie schließlich nach.
Der Junge blinzelte, zweimal, dreimal, schien sich erst jetzt bewusst zu werden, was er da eigentlich tat. Etwas energischer als notwendig schüttelte er den Kopf, senkte den Blick.
„V-Verzeiht, Hime-sama, ich war gerade in Gedanken…“
Riho hob die Augenbrauen, mimte Überraschung.
„Wahrlich, wie unerwartet, dass du deinen Kopf tatsächlich zum Denken benutzt! Doch so erfreulich dies auch sein mag, so darfst du darüber hinaus deine Manieren nicht vergessen – und zu starren ist in der Tat mehr als nur ein wenig unhöflich.“
Katsuya nuschelte nochmals eine Entschuldigung, auch wenn Suetame nicht so wirkte, als hätte er Anstoß am Verhalten des Jüngeren genommen. Nun, sollten diese drei irgendwelche Differenzen miteinander haben, so oblag es allein ihnen, diese auszusortieren – Lián jedenfalls hatte nun einiges mit Yukiko vor!
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