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these, our bodies, possessed by light

GeschichteAllgemein / P16 / Gen
23.04.2015
23.04.2015
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Dies ist die Übersetzung der gleichnamigen, wundervollen englischen Geschichte, verfasst von der hinreißenden eternal_elenea, die so lieb war, mir die Erlaubnis hierfür zu erteilen.

Hier der Link zum Original: http://archiveofourown.org/works/347501

Viel Spaß beim Lesen!

Eure Ella





these, our bodies, possessed by light

by eternal_elenea

übersetzt aus dem Englischen

von Ella Storm





Als sie ein kleines Mädchen ist, erzählt man Lucrezia, sie sei die Tochter der Sonne. Gott hat dich gesegnet, mein liebes Kind, sagt ihr Vater, und sie versteht ihn noch nicht, fühlt nur, wie er mit seinen warmen, weichen Händen über ihr goldenes Haar streichelt. Als sie ein kleines Mädchen ist, glaubt Lucrezia, dass die Hände ihres Vaters die Hände eines Heiligen sind, eines Priesters; und sie läuft weg von ihm, lachend, und sieht zu wie das Sonnenlicht sich in den Fenstern spiegelt.

*

Sie lernt, später, als sie mehr von der Welt gesehen hat, als sie mehr über Licht und Schatten erfahren hat, dass niemandes Hände sauber sind, am allerwenigsten die ihres Vaters; dass er nur besser darin ist, seine Sünden zu verbergen. Das ist nicht Lucrezias erste Lektion, aber vielleicht ihre wichtigste.

*

Ihre erste Lektion ist, dass Cesare der Sohn des Mondes ist, so wie sie die Tochter der Sonne ist; und wo sie endet, beginnt er. Sie sind nicht immer zusammen, aber er flüstert ihr ins Ohr, liebste Schwester, als er zwölf ist und sie sieben, und danach ist er nie mehr sehr weit weg. Lucrezia und Cesare sind zwei Hälften eines zerbrochenen Ganzen, und als sie erwachsen sind, sitzen sie auf Thronen, die niemand anders sehen kann; gemeinsam verzaubern sie die ganze römische Bevölkerung – Cesare mit seinen Klingen und Lucrezia mit ihren Worten. Es gibt mehr als einen Weg, einen Krieg zu gewinnen, denkt sie, während ihre Finger über die Kanten ihrer goldgebundenen Bibel schweifen, aber nicht mehr als zwei.

*

In Rom scheint immer die Sonne, sogar im Winter, sogar, wenn es kalt ist. Das Sonnenlicht strahlt weiß, golden, eisblau durch die Fensterscheiben, und sie sieht zu, wie es sich um die Türme schlingt, um die Blumen, um ihre Handgelenke. Sie ist ein Kind der Sonne, und sie betrachtet die Sonne den ganzen Tag, sitzt mit untergeschlagenen Beinen am Fenster und beobachtet sie, bis die Dunkelheit sie verschlingt. In Rom, auch das lernt Lucrezia, gibt es nur Licht und Dunkelheit, nur Gott und den Teufel, nur Lucrezia und Cesare.

*

Lucrezias erstes Opfer, ihr erster Mord, ist unbeholfener als sie ihn geplant hatte. Sie hat noch keinen hohlen Ring gefunden, und so ist alles, was sie hat, ihre Finger, beschmiert mit grün und rot und dem Geruch nach verbranntem Honig. Ihre Finger zerreiben die Blätter, geben sie in den Wein, und reichen später das Glas an ihren Liebhaber weiter. Niemand, denkt Lucrezia, sollte das von ihr wissen; niemand sollte diese Macht über sie haben. Ihre Hände zittern, als sie den Wein umrührt, als sie das Glas hinüberreicht, als sie sich hinabbeugt, um seine Augenlider zu schließen und sie letztlich doch offen lässt. Ihre Hände zittern, als sie denkt, ich habe das getan, und sie zittern immer noch, als die Diener kommen, um seinen toten Körper wegzuschaffen. Ihre Hände zittern, aber nach der dritten Leiche tun sie es nicht mehr.

*

Ikarus, das erzählt sie ihren Kindern, wurde eines Tages von der Sonne verbrannt. Er war nur ein Mann, sagt sie ihnen, ein dummer, ignoranter Mann, der keine Ahnung hatte, am allerwenigsten von der Sonne. Licht ist tödlich, flüstert sie ihnen zu, nachdem sie eingeschlafen sind, nachdem sie sie in ihre Betten gelegt und ihnen die Decken bis zum Kinn gezogen und ihnen sanft über die Wangen gestreichelt hat. Licht ist tödlich, und die, die es wagen, ihm zu trotzen, werden bezahlen. Du bist eine Borgia, sagt sie sich, und sie werden bezahlen.

*

Ihr erster Ehemann hat grausame Hände. Nicht weiche, wie ihr Vater; nicht schwielige, wie Cesare. Sie sind rau und gebräunt und plebejisch. Zwar hat Lucrezia gelernt, dass niemandes Hände sauber sind, aber seine sind schmutzig. Sie rümpft die Nase, wendet sich ab, und beschließt schon dieses allererste Mal, dass sie ihm niemals Respekt entgegenbringen wird. Sie gebärt keines seiner Kinder, und dafür ist sie dankbar; denn sie weiß nicht, ob sie den Anblick eines solchen Kindes ertragen könnte, besudelt von Nicht-Borgia-Blut.

*

Wenn die Heiden mit einem Recht hatten, dann war es damit, denkt Lucrezia, als sie sich über Land endlich Rom nähert. Die Ehe ist nicht so heilig, denkt sie, und läuft durch den Hof, durch die Tore, reitet gen Rom, wo sie wieder eine wahre Borgia sein wird. Sie reitet, bis sie sich bei den Franzosen wiederfindet, und sagt „Ich bin Lucrezia Borgia, Tochter des Papstes in Rom“, und nicht „Ich bin Lucrezia Sforza, Herrin von Pesaro.“ Sie flüstert Worte kunstvoll geschmiedeter Weisheit in das Ohr des Königs, als kenne sie seine tiefsten Geheimnisse; lacht wie eine unverheiratete Frau; sieht zu, wie ganz Rom wieder ihrem Vater anheim fällt. Sie denkt, dass die Ehe vielleicht nicht so heilig sein mag. Doch Familie ist es.

*

Lucrezia ist ein Kind der Sonne, und doch ist Dunkelheit in ihr. Möglicherweise, denkt Lucrezia, sind sie gar nicht so verschieden, Licht und Dunkelheit; genauso wie Gott und der Teufel nicht so verschieden sind. Lucrezia betet und lernt, sie strahlt und zerstößt Belladonna in einem Mörser. Gift ist das Werkzeug der Frauen, sagen sie, aber das hat nur seinen Grund darin, dass die Männer es nicht verstehen, sie nicht verstehen. Gift ist das Werkzeug der Frauen; und doch ist es so viel glatter, sauberer, eleganter als all die Leichen, die auf den Schlachtfeldern liegen und das Gras dort rot färben. Krieg ist der Sport der Männer, sagen sie, und doch, und doch, und doch. Und doch pflastern auch Lucrezias Leichen die Straßen von Rom.

*

Wenn er dich anfasst, werde ich ihn ausweiden, faucht Cesare, und Lucrezia ist sich sicher, dass er es tun würde, aber das muss er nicht, nicht mehr. Lucrezia ist nicht die, die sie war, nicht mehr. Cesare gehört ihr, und sie ihm, aber er kann nicht hinter das Licht blicken, kann nicht durch das Trugbild von seiner lieben, unschuldigen kleinen Schwester hindurchsehen. Cesare gehört ihr, und sie ihm, und er wird es bald lernen, denkt sie, als sie ihn küsst und kein besitzergreifendes Mal an seinem Hals hinterlässt, noch nicht, weil es nicht wehtut, zu warten; er wird es lernen, denkt sie, und wenn er sie endlich als die sieht, die sie ist, kann niemand sie beide mehr aufhalten.

*

Lucrezia blutet rot, rot wie die Gewänder der Kardinäle, wie die Rosen in ihrem Garten, rot wie der Wein, den ihr Herr Sforza trinkt, bevor er zu ihr ins Bett kommt. Lucrezia blutet, wenn er sie nimmt, und sie schreit; schreit, wenn er Beleidigungen gegen sie ausspeit, wenn er blauschwarze Flecken in ihren Rücken drückt, wenn er sagt Gott sei Dank bist du keine mehr von denen. Sie schreit, und selbst dort ist sie eine Borgia, selbst dort ist sie die Tochter der Sonne, in der Düsternis angekettet, denn das ist nichts, was sich jemals ändern wird.

*

Auch Lucrezias Lachen ändert sich nicht, obwohl sie selbst es tut, und das ist der Grund dafür, dass niemand, niemand, sie als die sieht, die sie wirklich ist. Ihr Lachen ist das einer Prinzessin, einer Jungfer, die niemals das Schlachtfeld gesehen hat, ihr Lachen ist wie Sonnenlicht, und darin liegt die Täuschung. Sonnenlicht, das lernt Lucrezia, ist sowohl ihr Schild, als auch ihre Waffe. Es ist ihr tödlichstes Werkzeug. Sie lacht, und sie lächelt, und sie strahlt, und niemand wird sie jemals anzweifeln, denn sie ist die Tochter der Sonne. Sie ist die Tochter der Sonne, und darüber vergessen alle, dass sie auch eine Borgia ist.

*

Nur – auch das ist eine Lüge, aber sie gleitet ihr von den Lippen, denn Cesare zählt nicht als einer von ihnen. Cesare gehört ihr, genauso, wie sie ihm gehört, und so erzählt sie ihm die wahren Geschichten. Sie beißt einen blauen Fleck in sein Schlüsselbein, sitzt rittlings auf seinem Schoß, und er betrachtet sie mit dunklen Augen, während sie ihm genau zeigt, wer sie ist. Sie ist Lucrezia Borgia, sie ist verbunden mit dem Licht, und er ist verbunden mit ihr.

Er flüstert ihr ins Ohr, als er kommt, liebste Schwester, und sie haben sich überhaupt nicht verändert, sie beide; er flüstert ihr ins Ohr, Versprechen, und sie lächelt, sagt ihm, dass er nichts versprechen, nichts schwören muss. Sie sagt ihm, ihre Worte wie geschmolzenes Silber und Rosenwasser, ich weiß es längst.

*

Als das Licht der Wintersonne schließlich in die Nacht verblasst, erzählt Giulia Farnese Lucrezia Geschichten von Töchtern, von Damen, von Königinnen. Sie erzählt Lucrezia von Frauen mit Geschick und Klugheit, von Frauen, die Männer beherrscht haben, und nicht nur an der Seite des Schachbretts standen, um zu beobachten, wie sie hin- und hergeschoben werden. Giulia lehrt Lucrezia, ihre Welt zu formen, durch Schatten zu tanzen, und zu kämpfen, ohne es sich anmerken zu lassen. Das sind die Wege der Frauen, sagt Giulia, als sie Lucrezias Haar zu Zöpfen flicht; das sind die Dinge, die du lernen musst.

*

Lucrezias Hände sind alt, und doch glatt. Lucrezias Hände sind alt, und doch kann man ihnen nicht ansehen, was sie getan hat, welche Rache sie geübt hat, wie viele Leben unter ihren Handflächen ausgehaucht wurden. Sie ist eine Borgia, und sie ist eine Tochter der Sonne, und sie ist die, deren Lachen unverändert bleibt. Sie ist das Sonnenlicht und der Schatten, trägt beides immer bei sich; trägt auch Cesares Seele immer bei sich. Durch ihr Haar ziehen sich weiße Strähnen, und sie hat lang jede Reue hinter sich gelassen. Ihre Augen sind grün, und noch immer blickt sie hinauf in den Himmel und lässt das Sonnenlicht sich um ihre Handgelenke schlingen. Sie ist Lucrezia Borgia, und sie wird nie vergessen sein.
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