Borderlands 2: Geliebter Todfeind

von Dracu98
KurzgeschichteSci-Fi / P16
18.04.2015
18.04.2015
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Geliebter Todfeind


Ein zugespitztes Projektil zerschnitt die heiße, stickige Luft und hinterließ nur ein leises zischen auf ihrem Weg zum Ziel. Zu ihm. Zu Zer0, dem Kammerjäger. Dieser wich dem Schuss mit Leichtigkeit aus und feuerte seinerseits drei schnelle Schüsse aus einem Jakobs-Revolver auf den Loader, der ihn ins Visier genommen hatte. Der erste durchtrennte den Großteil der dicken Drähte, welche den Waffenarm des Roboters notdürftig am Körper hielt. Der Arm fiel mit einem scheppernden Geräusch zu Boden. Dasselbe geschah mit dem Granatenarm. Bevor der Loader die neue Kampfsituation erfassen konnte, traf der dritte Schuss ihn genau in das mechanische Auge. Mit einem metallischen Wimmern brach der Loader zusammen, und nur noch einige blaue Blitze, welche aus seinen Armstümpfen austraten, zeugten davon, dass er je funktioniert hatte. Doch Zer0 hatte keine Zeit, sich über diesen kleinen Sieg zu freuen. Er wandte sich zur Seite und blickte dutzenden Waffenmündungen ins Auge. Die meisten von ihnen gehörten zu verschiedenen Arten von Loadern, wie er grade einen erledigt hatte. Doch zwei Geschosse, an die Arme des einzigen menschlichen Wesens unter seinen Feinden montiert, gehörten zu dem Mann, dem seine ganze Aufmerksamkeit galt, was zweifelsohne auf Gegenseitigkeit beruhte: Jack. Oder 'Handsome Jack', wie er sich selbst in seinem Narzissmus nannte. Er war der einzige, für den er sich in dieser Kammer wirklich interessierte. In der Kammer. Der Kammer des Kriegers.

Zer0 ließ rasch einen Holo-Körper seinen Platz einnehmen und machte einen Satz nach hinten, nur Sekundenbruchteile bevor ein wahrer Kugelhagel die Luft dort zerschnitt, wo er eben noch gestanden hatte. Sein Herz schlug beinahe doppelt so schnell wie gewöhnlich, während ein Adrenalinstoß nach dem anderen seinen Körper durchzuckte und mit neuer Kraft und besseren Reflexen versorgte. Ein gewöhnlicher Mensch, ein gewöhnlicher Soldat wäre unter diesem Druck zusammengebrochen. Weder sein Körper noch seine Psyche hätten diese Situation überstanden. Zer0 hingegen genoss es. Er musste schon seit Beginn des Kampfes ein gackerndes Lachen unterdrücken, dass sich in seiner Kehle angebahnt hatte. Oh, wie sehr er diesen Planeten liebte. Wie sehr er den Kampf doch liebte. Kugeln, die um ihn herum einschlugen. Blut, dass in Fontänen aus den Leibern der getroffenen Spritzte. Reißende Organe, brechende Knochen, schreiende Gegner, der allgegenwärtige, unausweichliche Tod, der selbst nach ihm seine Klauen ausstreckte.

„Das ist nur sein Hologramm, ihr dämlichen Scheißloader!“ riss die Stimme seines Erzfeindes ihn aus seinen Gedanken.

„Wofür habe ich euch eigentlich konzipiert, wenn ihr nicht einmal das erkennt?“

Zer0 lächelte leicht. Jack war der erste seiner Feinde, der lange genug am Leben geblieben war, um seine Tarnung zu durchschauen. Oder besser gesagt war er der erste, den Zer0 lange genug am Leben gelassen hatte. Er hatte bereits die Gelegenheit gehabt, Jack zu töten. Vor wenigen Tagen, unter den Bunker, wo sie Angel abschalten mussten. Wie hatte er die Schlacht gegen den BNK3R genossen, wie belebt hatte er sich gefühlt, als immer neue Horden von Loadern angriffen, als Jack all seine Mittel aufbrachte, nur um ihn loszuwerden. Um ihn zu töten. Und wie oft hatte er es beinahe geschafft.

Zer0s Hologramm löste sich auf, doch die Loader und Jack selbst brauchten nur wenige Momente, um ihn zu finden und erneut das Feuer auf ihn zu eröffnen. Zer0 sprang hinter einem Felsen in Deckung und schoss seinerseits ein Korrosionsgeschoss seines Vladof-Scharfschützengewehrs nach dem anderen in die Masse aus Metall hinein. Jeder Schuss brachte einen weiteren Loader zu Fall, doch auf Jack achtete er nicht. Er hatte diesem Mann seine geliebte Tochter genommen, seine Armeen ausgelöscht, seine Stadt gesprengt. Er hatte alles getan, um jeden Kammerjäger auf Pandora auszulöschen, und Zer0 hatte alles getan, um seinen Hass auf sich zu ziehen. Er hatte sich sich einen der mächtigsten und gefährlichen Männer dieser Galaxis zum Feind gemacht. Und warum? Er musste zugeben, dass es keinen tieferen Sinn hatte. Er hatte es für den Nervenkitzel getan. Für die Kämpfe, die Jack ihm bieten konnte. Die Banditenclans von Pandora, ganz gleich wie zahlreich und mächtig sie waren, stellten keine Herausforderung dar. Sie zu töten war nicht anders, als ein Rudel Skags auszurotten. Sie waren nur ein Haufen tollwütiger, wahnsinniger Tiere. Jack war der einzige Mann auf Pandora, der, von den übrigen Kammerjägern vielleicht einmal abgesehen, noch bei klarem Verstand war. Der einzige, der mit Verstand kämpfte. Der einzige, der für Zer0s Tod tatsächlich seine Seele verkaufen würde. Und nur deshalb war er es würdig, sein Erzfeind zu sein. Weil er Zer0 unterhalten konnte. Weil er niemals aufgeben würde, bis er Tod zu seinen Füßen lag. Er erinnerte sich zurück an den Tag, an dem Roland starb. Jack hatte ihm eine einzige Kugel durch die Brust gejagt und sofort Lilith gebändigt, und das in so kurzen, präzisen Bewegungen, dass es beinahe wunderschön anzusehen war. Zer0 hätte Jack dort ebenfalls mit einem Schuss töten können, obwohl dieser die Sirene als Geisel genommen hatte. Doch er hatte es nicht getan. Nicht etwa, weil ihm Lilith' Leben am Herzen lag. Diese Frau kümmerte ihn nicht. Er hatte Jack leben lassen, weil er mehr wollte. Mehr Schlachten. Mehr Blut. Mehr Tod. Und nur Jack hatte ihm dies bieten können.

Doch heute würden die Schlachten enden. Heute würde Jack sterben, und mit ihm würde auch der Spaß vergehen. Hyperion würde von Pandora ablassen, und die Banditen wären wieder die größte 'Bedrohung' auf diesem gottverlassenen Felsen. Doch es musste enden. Hier. Heute. Er spürte es einfach. Dies war der letzte Kampf, den er und sein geliebter Erzfeind ausfechten würden. Zer0 seufzte schwermütig und löste eine Granate von seinem Gürtel. Er hatte auch sie mit einem Korrosions-Mod versehen. Sein gesamtes Arsenal war darauf konzipiert worden, Jacks mechanische Armeen auszulöschen.

„Ey, Kindsmörder! Kommst du heute noch hinter diesem Felsen hervor, oder willst du dort an Altersschwäche verrecken?“ hörte Zer0 Jacks Stimme schwach unter dem andauernden Donner der unzähligen Waffen, die nach wie vor seine Deckung in Beschlag nahmen.

'Nein, mein geliebter Erzfeind', dachte Zer0 im stillen.

'Ich habe vor, es zu beenden.'

Mit diesem Gedanken sprang er auf, ließ seinen Holokörper zur Ablenkung in eine andere Richtung rennen und schleuderte seinerseits die Granate in die Mitte er Loadermasse. Zer0 musste leise lachen, als die Hyperion-Granate auf dem Boden aufkam und ihre charakteristische Wirkung entfaltete. Eine Hyperion-Granate, um Hyperion-Loader und sogar den Chef der gesamten Firma zu vernichten. Welch Ironie. Genau wie sein Lachen blieb auch der Aufprall der Granate unbemerkt, bis es schließlich zu spät war. Das Kraftfeld baute sich auf, erfasste sämtliche Körper in der Umgebung und zog sie zu sich heran. Zer0 spürte selbst die Anziehungskraft, doch aus der Entfernung war es ein leichtes, ihr zu widerstehen. Nicht so für Jack und seine Loader. In einer grünen Wolke reiner Säure flog die Granate in die Luft und riss dutzende mechanische Körperteile auseinander. Sämtliche Loader gingen zu Boden, ihre Gehäuse durch die aggressive Säure zerfressen und zerstört. Jacks Schild hatte ihn vor der Explosion geschützt, doch nun war dieser Schutz verbraucht. Zer0 sprang hinter dem Felsen hervor. Mit zwei schnellen Schritten war er bei Jack, und bevor dieser reagieren konnte, bevor er sich auch nur von dem Schock erholen konnte, den die Explosion hinterlassen hatte, rammte er ihm sein Schwert in den Bauch. Jack brauchte einige Sekunden, um die Situation zu erfassen, und starrte Zer0 ungläubig und zugleich hasserfüllt an. Er konnte sein Gesicht nicht sehen, doch wenn er es gekonnt hätte, hätte er das Bedauern und die Traurigkeit in Zer0s Augen gesehen, dass er dabei empfand, seinen Erzfeind, seinen einzigen wahrlich würdigen Gegner, zu töten. Jack öffnete mehrmals den Mund, brachte jedoch nichts heraus. Dann aber, mit einer Kraft, die Zer0 und vermutlich auch Jack selbst überraschte, zog er seinen Körper von der Klinge und stolperte auf die Mitte der Kammer zu. Zer0 war beeindruckt von der Stärke dieses Mannes. Selbst jetzt, ohne Waffen, ohne eine Armee im Rücken, weigerte er sich aufzugeben, legte alles daran, ihn, seinen Todfeind loszuwerden.

„Oh nein, du Scheiß Banditenwichser, dass hier ist noch nicht vorbei. Hörst du mich? Wir sind noch lange nicht fertig!“

Schön wäre es, dachte Zer0. Schön wäre es, wenn sie diese Kämpfe bis in alle Ewigkeiten führen konnten. Wenn sie sich nur bis in alle Ewigkeit, bis zum Ende aller Tage, gegenseitig die Schädel wegpusten könnten. Doch bevor Zer0 seine Gedanken weiterführen konnte, unterbrach ihn eine weibliche Stimme über ihm:

„Der Schlüssel! Der Kammerschlüssel ist voll aufgeladen!“

Er stieß einen überraschten Laut aus. Er hatte ganz vergessen, dass Lilith überhaupt anwesend war. Und wieder, bevor er einen klaren Gedanken fassen konnte, packte Jack den geladenen Schlüssel und rammte ihn in ein kleines Loch in der Mitte der Kammer. Sofort begann die ganze Kammer zu beben, die Luft wurde noch heißer, während die rot glühende Lava unter ihnen anstieg und Blasen warf. Und noch ehe er darüber nachdenken konnte, was als nächstes Geschehen würde, brach ein schlichtweg gewaltiges Wesen aus der Lava hervor. Zer0 sog ehrfürchtig die brennende Luft ein. Die Kreatur wirkte wie eine Naturgewalt selbst, geformt aus Steinen und Lava, gehärtet im Wahnsinn Pandoras. Riesig, einschüchternd, und doch elegant, schnell und beweglich. Es stieß einen Schrei aus, der die Luft selbst erzittern ließ, und die Galaxis selbst schien in Furcht zu verstummen angesichts dieser uralten, allmächtigen Kreatur.


„Krieger!“ brüllte Jack dem Wesen entgegen, und der Schrei verstummte.

Er richtete den Blick auf Zer0, und einmal mehr sah er die Mordlust, den Hass und den Wahnsinn, der dahinter lag und sich allein gegen ihn richtete. Und einmal mehr fühlte er die Euphorie, als Jack dem Krieger ein weiteres Wort zurief:

„Töte.“


Wie zur Bestätigung stieß der Krieger ein weiteres brüllen aus, bevor er sich zu seiner ganzen Größe aufrichtete und sich für den Kampf gegen Zer0 vorbereitete. Dieser fühlte keine Furcht. Er fühlte keine Angst, obwohl im das vermutlich mächtigste Wesen Pandoras gegenüberstand. Er fühlte nichts als die Vorfreude auf die letzte, große Schlacht, die sein geliebter Erzfeind ihm schenkte. In diesem Moment war er Jack zutiefst dankbar. Er dankte ihm innerlich für all die Kämpfe, die er ihm geboten hatte, und für all die Versuchte, ihn zu töten. Dieser Krieger war in Zer0s Augen gewissermaßen ein Abschiedsgeschenk, ein letzter Knall, bevor der Vorhang fiel

                                   „Mein lieber Erzfeind/Für all unsere Kämpfe/Bin ich dir dankbar.“

Dies waren die einzigen Worte, die er je zu Handsome Jack gesagt hatte. Die einzigen Worte, die sein größter Feind und die ihm wichtigste Person je von ihm hören würde. Und er glaubte, dass er nichts passenderes hätte sagen können, als er dem Krieger entgegentrat und sich seinem letzten und mächtigsten Feind entgegenwarf.
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