Die letzten Sandkörner.

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12 Slash
Reim Lunettes Xerxes Break
18.04.2015
18.04.2015
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Hier bin ich wieder. Nach vier Monaten der Stille bekommt ihr hier wieder eine typische, kleine Geschichte. Zusammen mit der Ankündigung, dass ich in den nächsten zwei Monaten meinen Abschluss beenden werde und dann wieder mehr von mir kommen sollte. (Sobald ich meinen geschändeten Geist wieder vom Boden gekratzt habe, meine ich.)

Anyways! Viel Spaß beim Lesen. Das hier entstand innerhalb von zwei Stunden an einem Samstagmorgen und ich habe ehrlich gesagt keine große Meinung davon. Ich hoffe es reicht als eine Entschädigung für die lange Auszeit!

Liebe Grüße,
Eli.





*





Reim wusste, dass er sich vermutlich nicht so sehr in das hier hineinsteigern sollte, wie er es tat. Aber Augenblicke wie diese häuften sich immer wieder und er weiß nicht mehr, was er tun soll. Wie er reagieren soll. Denn jedes Mal, wenn das hier wieder passiert, ist er unfähig, klar zu denken, klar zu handeln, das zu tun, was das beste für alle wäre.


Es ist mitten in der Nacht, und Reim liegt mit dem Rücken zu Break, da er nicht will, dass er ihn hört. Er weint nicht, aber er kämpft verzweifelt mit den Tränen, mit den trockenen Schluchzern, mit seinem stark zitternden Körper. Und es tut weh. Der Schmerz hat ihn wieder einmal überwältigt, er war nicht fähig ihn irgendwie in sich hineinzugraben und jetzt liegt er hier, mit der Handfläche auf die bebenden Lippen gepresst, seine sanften Augen feucht schimmernd. Reim ist hilflos und dieses Gefühl ist er eindeutig nicht gewohnt. Normalerweise ist die Kontrolle über eine Situation behalten, das, was er am besten kann, es ist ein wichtiger Punkt bei der vielen Arbeit, den er beherrschen muss, um alles zu vollster Zufriedenheit von allen zu erledigen. Aber hier und jetzt, auf dem Bett, dass für ihn alleine viel zu groß wäre, aber durch den schmächtigen Körper neben ihm genau richtig wirkt. Eigentlich will er nichts mehr, als die Arme um Xerxes zu schlingen, ihn eng an sich zu drücken, die Nase in den weißen Strähnen vergraben und sichergehen, dass die Zeit noch nicht abgelaufen ist. Dass da noch ein paar letzte Körner auf dem oberen Glas der Sanduhr verweilen. Dass es noch nicht Zeit zum Abschiednehmen ist. Aber dann würde ihm die Kontrolle wie Wasser durch die Finger gleiten, dann könnte er sich sicher nicht einmal ansatzweise zurückhalten und das will er nicht.

Nein. Das will er nicht. Er will nicht, dass Xerxes merkt, was nachts in diesem Bett ab und an passiert. Er will ihn nicht wecken. Er will ihn nicht stören. Er will nur, dass sein Freund sich wenigstens jetzt, im Schlaf etwas erholen kann. Schließlich ist er gerade erst wieder eingeschlafen. Schließlich braucht er seine Ruhe, seine Kraft.

Reim weiß nicht, wie genau es dieses Mal angefangen hat. Er weiß nur, dass Break ohnmächtig geworden war, während er ihnen aus der Küche etwas Kuchen geholt hatte. Reim war gegangen, obwohl er ein ungutes Gefühl bei der Sache hatte und außerdem war es mitten in der Nacht – aber Xerxes wollte seinen Kuchen, also bekam er seinen Kuchen. Und als er sein Zimmer wieder betrat, fand er Xerxes ohnmächtig auf dem Boden vor, mit verschmiertem Blut an den Mundwinkeln. In diesem Augenblick, als er mit dem Tablett in der Tür stand und seinen Freund dort am Boden liegen sah, in diesem Moment hatte er die Kontrolle noch und er klammerte sich verzweifelt an sie. Und diese Verzweiflung ist der einzige Grund, wieso er ruhig bleiben konnte. Er hob Xerxes sanft hoch, hievte ihn in das große Bett, in dem sein kleiner Körper nur noch schwächer wirkte und wischte ihm sanft das Blut von den Lippen, ohne ihn zu wecken. Dann deckte er ihn zu, stellte den Teller mit dem Kuchen neben Emily auf den Nachttisch und legte sich ebenfalls hin. Und jetzt liegt er hier. Die Kontrolle hat ihn längst verlassen, die Angst, die Sorge und die Wut füllen seinen übermüdeten Körper und er weiß nicht, was er tun soll. Wie er sich selbst beruhigen soll. Denn da gibt es nichts. Es gibt nichts, was ihn beruhigen oder freuen könnte, es gibt nichts, was ihn dazu bringen könnte, keine Angst mehr zu haben. Denn sein Freund stirbt. Und dieser Fakt rückt unaufhaltsam näher.

Es war nicht das erste Mal, dass er ihn so vorfand. Es ist auch nicht das erste Anzeichen für das Verfallen von Breaks Körper, nein. Reim kann sich noch gut an die Nächte erinnern, in denen sie ganze Nächte wach blieben, weil Xerxes unbedingt mit ihm reden wollte, trinken wollte, Kuchen essen wollte und sich mit aller Kraft dagegen wehrte, vor Reim einzuschlafen. Das wäre schließlich ein Zeichen von Schwäche gewesen. Es gab die Nächte, in denen sie sich ins Kaminzimmer verzogen, bis Reim zu betrunken war um sein Weinglas noch richtig zu halten. Es gab die Nächte, in denen er Break plötzlich in der Küche fand, Kuchen essend, und bevor er auch nur daran denken konnte, mit ihm zu schimpfen, saß er schon selbst auf dem Stuhl neben Xerxes und ließ sich füttern. Es gab die Nächte, in denen Xerxes nicht bei ihm schlief, aber irgendwann in der Nacht plötzlich durch seinen Kleiderschrank geschlichen kam und unter seine Decke glitt, um sich an ihn zu schmiegen.


Und jetzt?


Jetzt gibt es diese Nächte nicht mehr. Jetzt schläft Xerxes schon ein, bevor Reim auch nur müde genug sein könnte, um ebenfalls zu schlafen. Jetzt verbringt Xerxes immer weniger Zeit damit, im Kaminzimmer zu sitzen und Reim mit Wein vollzupumpen. Jetzt schläft er jede Nacht von Anfang an in Reims Zimmer, nur um ihn irgendwann in die Küche zu schicken, um Kuchen zu holen, da er zu müde dazu ist. Und heute – heute schien es, als sei alles wie immer. Fast wie immer. Break blieb lange auf, sie redeten eine Weile, tranken eine Weile und Reim hatte schon neue Hoffnung geschöpft. Vielleicht war es ja nur ein kurzzeitiges Tief. Vielleicht brauchte sein Freund einfach etwas Ruhe, um neue Kraft zu schöpfen. Um so wie immer weitermachen zu können. Um wieder so wie immer leben zu können.

Und dann fand er ihn. Auf dem Boden in seinem Zimmer. Keuchend. Mit seinem eigenen Blut verschmiert. Und Reim wurde klar, dass er nie die Kontrolle über das hier hatte. Er konnte Xerxes nie kontrollieren, das war ihm klar – aber, dass seine Gefühle für Xerxes sich ebenfalls nicht bändigen lassen, das war unklar. Denn er würde lügen, wenn er sagen würde, dass er nie gehofft hätte, dass Xerxes Mad Hatter freigibt. Er würde lügen, wenn er sagen würde, dass er sein Leben nicht mit diesem Mann verbringen will. Er würde lügen, wenn er sagen würde, dass er mit ganzem Herzen will, dass Xerxes das tut, was er für richtig will. Nein. Er will ihn nicht verlieren. Er will ihn nicht loslassen müssen. Er will kein Leben ohne die Überraschungsbesuche um Mitternacht leben müssen, ohne die stetigen Bonbonpapiere in seiner Jackentasche, die er selbst dort sicherlich nicht hineingetan hat. Er will nicht ohne die Gewissheit leben, dass Xerxes jederzeit durch einen der Kleiderschänke hereinkommen könnte, er will nicht ohne die Nächte zusammen in diesem Bett leben. Reim weiß, dass er Xerxes nicht aufhalten darf. Dass er seinem Freund seine Freiheit lassen muss, dass er nicht entscheiden darf, was er damit anfängt. Aber er will es. Er will ihm sagen können, dass er ihn nicht vermissen müssen will. Er will ihn nicht gehen lassen.

Er schluchzt leise und schüttelt dann energisch den Kopf. Er muss aufhören, sich darüber so viele Gedanken zu machen – er sollte sich darauf fokussieren, Xerxes glücklich zu machen. Und wenn er ihn so sieht, wird er das nicht sein. Und obwohl Reim das denkt, obwohl er nichts sehnlicher will, als damit aufzuhören, es geht nicht. Er zittert und schluchzt und presst die Augenlider fest zusammen, bis es zu spät ist, um wieder umzukehren.

Reim spürt, wie sich der Körper neben ihm bewegt. Er kann hören, wie Break leise vor sich hin grummelt, nur um dann kurz zu stocken und sich zu ihm umzudrehen. Reim versteift sich nur noch mehr, als er das spürt, als er merkt, dass er nicht aufhören kann und Xerxes sehr wohl wach ist – und dann spürt er eine Hand ein seiner Schulter, spürt den müden, blinden Blick auf sich und hört die verschlafene Stimme.


„… Reim?“


Und dann ist es vorbei. Ohne einen letzten Gedanken zu verschwenden dreht er sich langsam um, seine Arme schlingen sich um den so zerbrechlich wirkenden Körper und er erstickt den nächsten Schluchzer in Xerxes‘ Nackenbeuge. Seine Augen sind immer noch fest zusammengepresst, aber die Tränen finden ihren Weg hindurch und streifen die kalte Haut seines Freundes, der die Umarmung erst nach den ersten Momenten der Verwirrung erwidert. Reim weiß nicht genau, was er sagt, oder was er genau tut, aber er weiß, dass Xerxes noch da ist. Dass er noch nicht weg ist, dass er noch etwas Zeit hat. Dass noch ein paar Sandkörner übrig sind, einzig und allein für ihn. Und als Xerxes ein leises ‚Sag mir, was los ist‘ murmelt, atmet er zittrig tief ein und aus.





Er weiß, dass es eine lange Nacht werden wird.
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