Wie ein Blitz

GeschichteRomanze / P16 Slash
Arnold OC (Own Character)
17.04.2015
17.04.2015
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Hast Du nicht auch schon einmal darüber nachgedacht, wie merkwürdig die Liebe ist? Von allen Dingen, die ich mir vorstellen kann, erscheint mir die Liebe am seltsamsten. Nicht, dass Du mich falsch verstehst: Die Liebe ist ein wunderbares, intensives Gefühl und auch ich kann mir nichts schöneres vorstellen, als verliebt zu sein. Aber das eigenartige an der Liebe ist, dass sie Dich wie aus dem Nichts trifft – ohne dass Du Dich darauf einstellen oder vorbereiten kannst. Im einen Moment fühlst Du Dich noch ganz normal und – schwupps – im nächsten Augenblick hast Du Dich über beide Ohren verliebt. Dabei ist es egal, ob Du denjenigen, in den Du Dich verliebt hast, gerade erst kennengelernt hast oder schon seit Ewigkeiten mit ihm befreundet bist. Bei der Liebe spielt das keine Rolle. Ich weiß, Du denkst jetzt bestimmt, wovon ich da überhaupt spreche, stimmt's? Naja, wenn Du noch nie verliebt warst und dieses Gefühl selbst noch nicht erlebt hast, dann kann ich verstehen, dass Du das nicht nachvollziehen kannst. Aber Du kannst mir glauben, ich weiß, wovon ich rede, denn mir ist es einmal so ergangen.
Aber eines nach dem anderen: Mein Name ist Arnold und ich gehe in die neunte Klasse der MS Junior High in Minnesota. Das „MS“ ist, wie man sich bestimmt schon denken kann, eine Abkürzung für Minnesota. Was auch sonst. Eigentlich bin ich wie alle Neuntklässler: Ich habe eine schlanke, sportliche Statur, wallendes blondes Haar und blaue Augen. Ein normaler Durchschnittstyp eben. Jedoch gibt es zwei entscheidende Dinge, die mich von den anderen Jungs aus meiner Klasse unterscheiden. Zum einen ist mein Kopf recht ungewöhnlich geformt, weshalb ich von meinen Klassenkameraden seit jeher mit „Footballschädel“ angesprochen werde. Aber das stört mich mittlerweile gar nicht mehr, denn mit der Zeit gewöhnt man sich an so ziemlich alles. Auch an albern klingende Spitznamen. Der zweite, wesentlich ausschlaggebendere Faktor, der mich von den Jungs aus meiner Klasse abhebt, ist meine sexuelle Orientierung.
Mit anderen Worten: Ich bin homosexuell. Das habe ich eigentlich mehr oder minder durch einen Zufall herausgefunden. Alles fing damit an, dass unsere Klasse einen Neuzugang erhalten hat. Sein Name war Mitch und er war gerade mit seiner Tante von Vermont nach Minnesota umgezogen. Schon an dem Tag, als ich ihn zum ersten Mal sah, habe ich eine seltsame, innige Verbindung zu ihm gespürt. So als würde ich ihn schon mein Leben lang kennen, verstehst Du? Wir haben uns relativ schnell angefreundet und von da an fast jeden Tag etwas zusammen unternommen. Egal ob Kino, Disco oder Stadtcafé – uns ist immer etwas eingefallen, um uns die Zeit nach den Schularbeiten bis zum nächsten Schultag zu vertreiben. Mitch und ich haben relativ schnell festgestellt, dass wir die gleichen Interessen haben. Wir lesen beide leidenschaftlich gerne, am liebsten Mystery-Thriller, sind beide bekennende Whitney Houston-Fans und können uns bei Lustspielen oder Kabarettprogrammen von Vincent Malloy und Joseph Crystal halb totlachen. Außerdem mögen wir beide gerne Sport – aber nur, wenn er von anderen ausgeübt wird und wir dabei zusehen können.
Schließlich habe ich Mitch einmal eingeladen, bei mir zu übernachten. Sicher, der pure Luxus war es nicht, denn ich habe ein relativ kleines Zimmer auf dem Speicher einer Familienpension, die von meinem Großvater betrieben wird. Darin gibt es ein einziges Bett – mein Bett – einen kleinen Schreibtisch, ein Bücherregal und einen Tisch, den sich mein CD-Player und mein Fernseher teilen müssen. Die einzige weitere Schlafmöglichkeit bietet ein rotes Klappsofa, das noch nicht mal über eine Kopfstütze verfügt. Ich habe lange mit mir gerungen, bis ich mich schließlich getraut habe, Mitch zu fragen, ob er bei mir übernachten möchte. Zu meiner großen Überraschung hat er sofort zugestimmt und wir haben uns für den darauffolgenden Freitagabend bei mir zu Hause verabredet. In dieser Nacht habe ich mich so gut amüsiert wie noch nie in meinem Leben. Mitch und ich haben uns gegenseitig aus unserem Leben erzählt und festgestellt, dass uns noch etwas verbindet: Unsere Schicksale. Meine Eltern sind bei einer Safari in Afrika verschollen musst Du wissen. Seitdem lebe ich bei meinem Großvater und meiner Großmutter in deren Familienpension. Mitchs Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen und er lebt seitdem bei seiner Tante. Als er mir diese Geschichte erzählt hat, war ich tief berührt und konnte nur zu gut verstehen, wie er sich gefühlt haben muss. Danach haben wir uns noch über dies und das unterhalten – was es eben zu erzählen gab. Und natürlich haben wir Whitney-Houston-Platten in Dauerschleife gehört. Wir haben glaube ich zwei Stunden über den Song „I Will Always Love You“ gequasselt und warum wir Whitney so toll finden. Danach haben wir uns ebendiese Scheibe aufgelegt und voll und ganz dem Klang des Liedes gelauscht. Irgendwie überkam mich da schon so ein eigenartiges Gefühl im Bauch. Irgendwann, während die Platte lief, hat Mitch mir dann freundschaftlich seinen Arm um die Schultern gelegt. Und ich glaube, in diesem Augenblick ist es passiert. Denn da habe ich erst bemerkt, wie hübsch er eigentlich ist. Sein schwarzes, glattes Haar, das ihm in die Stirn fiel und seine leuchtenden, grünen Augen. Mich überkam urplötzlich das Bedürfnis, ihm einen Kuss zu geben. Aber natürlich habe ich mich zusammengenommen und diesen Drang bekämpft. Ich habe den restlichen Abend lang so gut es ging versucht, mir nichts anmerken zu lassen. Leicht war es nicht, aber ich habe es schlussendlich doch geschafft, standhaft zu bleiben.
Am nächsten Tag habe ich dann sofort meinen besten Freund Gerald angerufen und ihm die Situation geschildert. Er hat dann meine Vermutung bestätigt und mir gesagt, dass ich mich mit absoluter Sicherheit in Mitch verliebt habe. Für einen kurzen Moment bin ich im siebten Himmel geflogen, denn das war das erste Mal, dass ich mich überhaupt verliebt hatte. Aber meine Euphorie hat sich relativ schnell in Panik und Unsicherheit verwandelt, denn damals wusste ich nicht, was ich tun sollte. Gerald meinte nur, ich solle Mitch sofort die Wahrheit sagen. Natürlich war das auch das, was ich wollte, aber ich war mir nicht sicher, wie Mitch darauf reagieren würde, geschweige denn, ob er danach noch mit mir befreundet sein wollte. Ich habe endlos lange mit mir gehadert, bis ich mich schließlich dazu aufraffen konnte, mit Mitch zu sprechen.
Ich weiß noch genau, wie ich mich mit ihm ihm im Stadtpark verabredet habe, um ihm zu sagen, was ich fühle. Mein Herz hat dabei so laut geklopft, dass ich gedacht habe, ich würde gleich platzen. Schließlich habe ich den entscheidenden Satz über die Lippen gebracht: „Ich liebe dich“. Als ich es ausgesprochen hatte, bin ich rot angelaufen und habe meinen Blick schnell von Mitch abgewandt. Einige Sekunden lang, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, hat Mitch keinen einzigen Ton gesagt. Aber dann hat er mir die Hand auf die Schulter gelegt, so wie an dem Abend, als er bei mir übernachtet hat und mir einen Kuss auf die Wange gedrückt. Zuerst war ich wie benebelt und konnte gar nicht fassen, dass das gerade passierte. Doch als Mitch dann gesagt hat, dass er dasselbe für mich empfindet, wäre ich vor Freude beinahe explodiert. Seit diesem Tag sind wir – und das darf ich mit Stolz behaupten, ohne übertreiben zu wollen – das glücklichste Paar an der MS Junior High. Aber am besten erzähle ich Dir die Geschichte von Anfang an.
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