Love is a manipulation game

GeschichteRomanze, Thriller / P18
Monkey D. Ruffy Puma D. Ace / Gol D. Ace Trafalgar Law
16.04.2015
15.05.2019
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Dieses Kapitel
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Ohayó, meine lieben Leser :)
So, das Kapitel hat mal wieder Ewigkeiten gedauert - und die Geschichte pausiert.
Langsam geht alles wieder etwas rund; also sollten die Kapitel in Zukunft - hoffe ich - nicht mehr so lange dauern. Und, wie fast immer, ist das Kapitel wieder einmal Ultra lange geworden. Aber sonst muss ich es teilen, und dann dauert alles noch länger … Und so habt ihr für die - in letzter Zeit recht langen - Pausen viel zu lesen :D
Vielen Dank für die Reviews und die Empfehlungen :)
So, und jetzt viel Spaß beim Lesen :)

Was vom Tage übrig blieb

Mein Magen knurrte so laut, dass das Geräusch bis in den Schlaf zu mir durchdrang.
Murrend schmiegte ich mich tiefer in die Kissen, kuschelte mich in die Decke und streckte leicht die Zehen. Ich war nicht bereit, jetzt schon aufzuwachen. Ich fühlte mich, als wäre ich in einem anderen Universum. Irgendwie da, aber immer noch in einem ruhigen, sicheren Traum. Auf samtigen Laken und umgeben von warmen Decken in einem weichen Bett, das mich zum Schlafen zwang.
Mit einem leisen Gähnen drehte ich mich auf die Seite und hob die Lider.
Law lag nicht neben mir.
Ich blinzelte.
Rote Rubine starrten direkt in meine Richtung, direkt in meine Augen und noch viel weiter. Der Kopf leicht geneigt, mit einem zugenähten Lächeln, das kalt und freudlos schien.
Ich schreckte so abrupt zurück, dass ich bis über den Rand wich und mit voller Wucht auf dem Boden und in der Realität landete. Mein Hintern knallte auf hartes Holz, während ich so in den Decken eingewickelt war, dass ich den Sturz nicht mal mit den Händen abwehren konnte. Doch kaum, dass ich mich befreit hatte, stützte ich sie auf das Bett und zog mich hoch.
Laws Bettseite war leer.
„Wie zum...“
Purer Schock saß in meinen Knochen, als ich über das Bett sprang und die Polster von der Matratze zerrte. Ich kontrollierte seinen Nachttisch, durchsuchte jede Schublade und sah unter das Bett. Von der Puppe keine Spur. Hatte sie nicht eben noch auf dem Bett gesessen, direkt vor mir?
Ich war mich nicht mehr sicher. Puppen konnten nicht einfach so verschwinden, das war unmöglich. Vielleicht war ich einfach noch schlaftrunken gewesen. Oder ich hatte gar noch geträumt. Vielleicht waren der ganze Zirkus und die Puppen einfach zu viel gewesen, um es sofort zu vergessen. Aber vielleicht verlor ich auch den Verstand, keine Ahnung.
Zur Sicherheit sah ich auch noch in Laws Kasten nach, auf und unter dem Sofa, und sogar in seinem Schreibtisch. Nichts. Eine Schublade war verschlossen, aber da konnte die Puppe auch nichts dran ändern. Selbst im Regal gab es keine Spur. Sie war tatsächlich nicht hier. Wahrscheinlich existierte sie überhaupt nicht.
Plötzlich kam es mir unwirklich vor. Aber in der letzten Nacht war viel passiert, das irgendwie ... nicht real sein konnte. Jetzt, da ich wieder wie sonst in Laws Kajüte stand, mit seinen Sachen am Körper und dem Verlangen nach Gin, konnte ich nicht glauben, dass die Puppen und das Zelt wirklich echt gewesen waren. Dass Riku das tatsächlich alles gemacht hatte, erschien so irreal. Aber es war ... wahr.
Kaum, dass ich mir dessen bewusst wurde, durchzuckte ein stumpfer Schmerz meine Seite und ich schwankte leicht. Mein Körper hatte die Wunden wohl noch nicht bewältigt. Mein Hals brannte, mir war schwindelig und in mir saß immer noch eine tiefe Müdigkeit, die auch durch die letzten Stunden nicht vergangen war.
Mit schnellen Schritten ging ich ins Bad und spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht, um mich zu beruhigen. Es klappte nicht, und als ich aufsah, wich ich augenblicklich zurück.
Mein Gesicht war voller Schrammen und Kratzer. Meine Wange war wund und geschwollen, das rechte Auge so dick, dass ich mich fragte, wie ich überhaupt noch richtig damit sehen konnte. Von der Schläfe abwärts bis zum Kinn zog sich ein tiefblaues Hämatom. Zu allem Überfluss klebten meine Haare vom Schutt, und meine Haut war von oben bis unten vollgeschmiert mit Erde und Blut.
Ich sah aus wie die Frau aus einem Horrorstreifen. Blasse Haut, schwarzes Haar ... überall Blut. Rote Augen, dieselben Augen wie die der Puppen, die Laws Bande töten wollten.
Law ...
Unter meiner Haut breitete sich ein unangenehmes Kribbeln aus, als ich daran dachte, dass ich ihm die Wahrheit gesagt hatte. Oder wenigstens, dass ich so viel gesagt hatte, dass nur noch die Wahrheit in Frage kam. Ich bereute es nicht, aber ...
Das war doch alles lächerlich. Vergangenheit war Vergangenheit und spielte keine Rolle mehr. Was brachte es schon, wenn ich ihm das jetzt alles erzählte? Bedauern? Mitleid? Pah. Darauf konnte ich gut verzichten.
Schnaubend nahm ich mir ein kleines Handtuch, hielt es unter den Wasserstrahl und tupfte mein Gesicht ab. Langsam wusch ich die Erinnerungen an Riku und die Tunnel von meiner Haut. Stück für Stück, Fleck für Fleck. Doch je länger ich mich anstarrte, desto angespannter wurde ich. Erst fuhr ich leicht über die Wunden, dann immer fester über die heilen Stellen.
Rote Augen starrten mit entgegen, Augen, die alles mitangesehen hatten. Augen, die plötzlich leer und kalt schienen. Eine längliche Narbe in der Unterlippe, nicht wahrzunehmen und schon längst verheilt, brannte auf.
Mein Umfeld flackerte, wurde dunkel und unscharf. Mein Spiegelbild verschwamm und formte sich zu etwas, das ich nicht mehr sehen wollte. Ein Mädchen. Dunkles Haar und rote glasige Augen. Ihr Gesicht war geschunden, der Hals voller Flecken, die sie nie wieder vergessen würde. Aus ihrer Lippe strömte verschmutztes Blut, rann über ihr Kinn und tropfte auf kalten, trostlosen Stein. Ihr Körper war voller Dreck, den er dort hinterlassen hatte. Er hatte ihn auf ihre Haut gebracht und sie damit infiziert, hatte dafür gesorgt, dass sie ihn nie wieder loswerden würde.
Verzweiflung wallte in mir auf und presste mir die Brust zu. Das widerliche Gefühl auf meiner Haut wurde immer stärker, nistete sich langsam in meinem Körper ein. Je mehr ich schrubbte, desto schlimmer wurde es.
Erde und Blut waren schon längst entfernt, doch ich schrubbte mit verkrampften Fingern weiter, bis sich die Haut rötete und brannte. Es war wie ein Drang tief in meinem Inneren, eine Wut, die urplötzlich in mir aufwallte und alles überschattete. Ich wollte alles loswerden, die Haut, die Gefühle, die Berührungen.
Alles musste weg.
Wie in Trance starrte ich in den Spiegel, als das Handtuch meinen Hals hinab glitt, eine rote Spur auf der Haut hinterließ. Ich fuhr über dieselben Stellen, immer und immer wieder. Immer fester ... Immer schneller.
Der Dreck verschwand einfach nicht. Er war schon lange nicht mehr einfach auf meiner Haut; er hatte sich viel tiefer gefressen, so tief, dass ihn keine Dusche der Welt mehr wegspülen konnte. Und ich hasste das. Ich hasste das ständige Gefühl auf meiner Haut, das Wissen, dass er da war. Ich hasste meine Haut dafür. Ich hasste meinen Körper für das, was er war. Für das, was man mit ihm gemacht hatte.
Ich wollte bloß noch sauber werden und so lange im kochenden Wasser baden, bis alles verschwunden war. Ich wollte, dass der Dreck von meinem Körper brach, freigab, was dort eigentlich sein sollte, zurückgab, was dort früher gewesen war.
Die Tür hinter mir ging so plötzlich auf, dass ich zusammenzuckte. Laws Spiegelbild tauchte vor mir auf, und unsere Blicke stießen zusammen. Meine Hand, die das Tuch umklammerte, stoppte abrupt an meinem Ausschnitt, doch die roten Spuren auf meiner Haut sprachen für sich.
Vorsichtig drehte ich mich um.
„Entschuldige, ich wusste nicht, dass du hier bist.“ Er trat einen Schritt zurück, runzelte dann aber die Stirn und blieb stehen. „Warum bist du so rot?“ Er streckte die Hand nach mir aus, doch ich zuckte derart heftig zurück, dass ich gegen das Waschbecken stieß. Seine Brauen schossen nach oben. „Was ist los?“
„Nichts“, sagte ich einen Tick zu hastig. Meine Stimme war rau und brüchig, jedes Wort schien über meine Kehle zu kratzen. Meine Hand umklammerte immer noch den Stoff und ich rührte mich nicht, so als hätte ich Angst, ich könnte mich verraten. Langsam ließ ich meinen Blick über ihn wandern. Er hatte wie immer die blaue Hose mit den schwarzen Flecken an, doch heute trug er ein schwarzes Hemd statt dem Pullover. Ich konnte den Verband sehen, der über seinem Schlüsselbein lag. Ich räusperte mich sacht und drehte mich wieder um.
„Ann“, drang Laws Stimme zu mir durch, als ich das Handtuch in den Wäschekorb warf und nach meiner Zahnbürste griff. „Sag schon!“
Ich sah durch den Spiegel zu ihm, während ich meine Zähne putzte. Er lehnte ruhig an der Wand neben der Tür und musterte mich, als wartete er auf Antworten. Das war es doch, oder? Er wartete auf Antworten. Hatte er dies nicht selbst gesagt? Er hatte noch viele Fragen; und ich war mir sicher, dass ich sie nicht hören wollte.
Ein paar Minuten war es still, dann spülte ich mir den Mund aus und ließ das Wasser über die Zahnbürste rinnen. „Du hast gesagt, du hast noch einige Fragen ...“, sagte ich und blickte zurück in den Spiegel. Das Mädchen von damals war verschwunden, der leere Blick in meinen Augen blieb. „Ich beantworte sie dir.“
Law hob die Brauen, erlangte aber schon bald seinen gefassten Ausdruck zurück. „Dann warte in der Kajüte auf mich.“
Ich nickte und er schloss die Tür hinter mir, als ich rausging. Für einen Moment sah ich mich unsicher im Raum um und mir fiel auf, dass wir bereits unter Wasser waren. Wir hatten die Insel ja ziemlich schnell verlassen ... Oder hatte ich so lange geschlafen?
Seufzend fuhr ich mir über die Arme und sah zu Laws Bett. Die weißen Laken waren voller Erde und Dreck. Kein Wunder. Ich hätte gestern einfach duschen gehen sollen. Kurz überlegte ich, ob die Bettwäsche wechseln sollte, aber da ich großteils immer noch voller Erde war, hätte es wohl nicht viel Sinn. Morgen wäre sie wieder genau so dreckig.
„Was soll’s“, murmelte ich leise, als ich mich auf die Matratze setzte und unter Laws Bett griff. Meine Hand fand die Flasche sofort, und als ich sie hervorzog, vergeudete ich keine Zeit. Ich schraubte den Deckel ab, setzte sie an meine Lippe und trank einen großen Schluck vom Gin. Der Alkohol brannte in meiner Kehle, aber das war egal. Ein andere Teil in mir beruhigte sich, und nur darauf kam es an.
Im Bad hörte ich Wasserrauschen, dann eine Spülung und wieder Rauschen. Die ganze Zeit über setzte ich die Flasche nicht ab, sondern trank weiter, bis die Klinke nach unten ging. In einer schnellen Bewegung versteckte ich die Flasche wieder unter dem Bett, dann rutschte ich zurück und lehnte mich an die Wand.
Mein Herz schlug so schnell in meiner Brust, dass ich glaubte, es wollte geradewegs durch meine Rippen brechen. Ich konnte nicht glauben, was ich da im Begriff war zu tun. Das war doch Wahnsinn – wieso wollte ich, dass er die Wahrheit kannte? Mein Inneres fühlte sich an, als wäre es in einem Mixer gelandet. Ein Teil von mir wollte unter gar keinen Umständen, dass Law erkannte, was er in sein Bett gelassen hatte. Ein anderer Teil, so klein er auch sein mochte, wollte, dass er mich verstand. Niemand wusste, wie anstrengend es war, wenn man immer alles verstecken musste.
Die Tür öffnete sich und Law kam mit einem einfachen T-Shirt und einer langen Hose raus. Er setzte sich aber nicht in den Sessel oder auf das Bett, sondern ging zielstrebig zur Tür. „Ich muss deine Wunde untersuchen, also komm. Währenddessen kannst du mir meine Fragen beantworten.“

Ann folgte ihm stumm ins Behandlungszimmer und setzte sich auf eine Liege. Ihre Hand zuckte und ihr Blick lag mit so einer Mühe auf dem Boden, dass Law der Verdacht kam, dass sie ihn gerade wirklich nicht ansehen konnte.
Er war ohnehin überrascht, dass sie von sich selbst aus reden wollte. Sie hatte so lange alles verheimlicht, dass er nicht erwartet hatte, sie würde freiwillig damit herausrücken. Er hatte endlose Diskussionen und Verschlossenheit ihrerseits erwartet, aber er würde den Umschwung nicht hinterfragen.
Schließlich konnte jedes falsche Wort das Gespräch beenden. Folglich war Vorsicht geboten.
Er wollte gerade den Mund öffnen, als sie abrupt die Hand hob. Für ein paar Sekunden war sie still, dann senkte sie den Arm wieder und räusperte sich. „Sorry ... Äh, frag nur.“
Law hob eine Augenbraue, ging aber nicht darauf ein. Ihre Stimme war rau, aber das war nach dem Rauch des Feuers nicht verwunderlich. „T-Shirt aus und hinlegen“, wies er sie an, während er sich die weißen Handschuhe überzog und sich auf den Drehstuhl setzte.
Ihre Antwort kam prompt: „Nein.“ Sie hob den Kopf; und der Ausdruck in ihren Augen erinnerte ihn an den Blick, den sie jedes Mal bekam, wenn sie über die Bänder sprachen. „Ich ... Äh ... Ich ziehe das Shirt aus, aber hinlegen ... Das läuft nicht, während wir ... Ja, das läuft eben nicht.“
„Dann bleib eben sitzen.“
Vermutlich fühlte sie sich zu ausgeliefert, wenn sie halbnackt vor ihm auf dem Rücken lag, während sie von damals erzählte. Im Prinzip war es auch egal, also deutete er ihr mit einem Nicken, dass sie sich entkleiden sollte. Als sie gehorchte, rollte er mit dem Stuhl vor sie und zog sacht das Pflaster von der Wunde.
Obwohl sie noch geschwächt war, nutzte sie bereits wieder ihre Teufelskräfte und verdeckte die Narben. Nun verstand er aber noch weniger, warum sie die vor ihm verbarg. Er kannte sie bereits, was spielte es also für eine Rolle, ob er sie noch einmal zu Gesicht bekam?
Er hatte es früher zwar auch nicht nachvollziehen können, aber er hatte ihre Entscheidung respektiert. Jetzt vertraute sie ihm allerdings, daher schien ihr Verhalten sinnlos in seinen Augen. Oder interessierte sie seine Meinung doch mehr, als sie zugeben wollte? Aber für diese Frage war nicht die richtige Zeit .
„Erzähl mir erst einmal von deinem ersten Treffen mit Riku“, brach er die Stille und tastete die Wundränder ab. Trotz des enormen Drecks, der sich in dem Schnitt gesammelt hatte, schien er nicht wund oder gar entzündet zu sein. „Dann sehen wir weiter.“
„Okay“, murmelte Ann. Law drehte sich nur einen kurzen Moment zum Wandschrank, um nach einer Salbe zu greifen, doch als er sie wieder ansah, hatte sie bereits die Arme vor ihren Bauch gehoben. „Dafür musst du wissen, dass ... Es war ein paar Monate, nachdem Sabo getötet wurde. Ich ... Keine Ahnung, ich konnte eben nicht schlafen, also bin ich durch den Wald gelaufen. Ein paar Männer waren dort und haben illegale Waren in die Hauptstadt geschmuggelt. Sie hielten mich für ein Kind aus der Hauptstadt, das sich außerhalb der Mauern verirrt hatte und wollten Lösegeld mit mir kassieren.“
Law lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich dachte, du wärst bei Bergbanditen ausgewachsen.“
„Bin ich.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust, löste sie wieder und vergrub die Hände im Schoß. Das schien ihr aber nicht zu passen, denn sie zog eine wieder hervor und legte sie auf ihren Arm. „Deshalb suchte dort niemand nach mir. Als auch nach einer Woche keine Meldungen kamen, ... Sie waren der Meinung, es sei zu gefährlich, mich einfach freizulassen – obwohl ich ja nur zum Abfall vom Gray Terminal gehörte – und haben mich mitgenommen. Und so landete ich irgendwann bei ihnen."
Law hob eine Augenbraue. Er bezweifelte zwar nicht, dass Abfall die Bezeichnung der Männer war, aber sie wiederholte es, als wäre auch nichts falsch daran. Und dann auch noch diese Wortwahl ... Es klang, als würde sie es verharmlosen wollen. Sie hatten sie mitgenommen. Nein, sie hatten sie schlichtweg entführt. In gewissen Situationen hatte sie die Angewohnheit, Sachen herunterzuspielen. Er neigte jedoch nicht dazu.
„Sie haben dich entführt“, korrigierte er sie knapp.
Ann setzte zu einem Nicken an, biss dann aber die Zähne zusammen. „Ist doch egal, wie man es nennt. Sie haben mich gezwungen, meine Brüder zu verlassen. Sie haben nie erfahren, was passiert ist, aber nach allem, was damals geschehen war, kamen sie nur zu einem Schluss.“
„Und der wäre?“
Für einen Moment schwieg sie, dann hob sie die Hand an ihren Hals und fuhr mit dem Daumen über ihre Kehle. „Mein Tod.“
Laws Brauen schossen nach oben, bis sie beinahe unter seiner Mütze verschwanden. An was für einen Ort war sie bitte aufgewachsen, dass der logischste Schluss für ein verschwundenes Mädchen der Tod war? Wäre in seiner Heimat ein Kind verschwunden, hätte man Suchtrupps losgeschickt und an Entführung gedacht. Jedoch wäre der Tod keine Sache gewesen, die das Verschwinden ungelöst erklärte.
„Wie auch immer ...“, fuhr Ann fort und stieß leise die Luft aus. „Irgendwann landete ich bei ihnen, und dort traf ich Riku. Er war ein paar Jahre älter als ich und ziemlich bockig, also wurden wir beide bald auf den Hof geschickt. Er war ... sozusagen eine Bestrafung. Man musste Steine schleppen und ... arbeiten eben.“ Ihre Hand, die eben noch auf ihrem Arm gelegen hatte, bewegte sich langsam. Erst strich sie nur über ihre Haut, dann zog sie die Finger an und kratzte leicht darüber. „Die eigentliche Strafe war aber die Wache dort. Sie sollten uns kontrollieren, aber im Grunde haben sie nur getrunken und mit leeren Flaschen nach uns geworfen ...“
„Ann“, unterbrach Law die Erzählung und richtete sich auf. Sie kratzte immer fester über ihre Haut, bis schon deutliche Striemen zu sehen waren. Und jetzt wurde ihm auch klar, warum sie so Rot war. Sie hatte sich schon wieder über die Haut geschrubbt.
Innerlich seufzte er. Das musste aufhören. Er tolerierte es nicht, wenn sie sich selbst verletzte – dazu gehörten das Schrubben und nun auch dieses Kratzen.
Sie reagierte nicht. „Irgendwann bin ich dann ...“
„Ann!“ Als Law abrupt ihre Hand packte, schoss ihr Blick hoch. Sie schien nicht einmal bemerkt zu haben, dass er sich bewegt hatte, doch nun runzelte sie die Stirn und sah zögernd nach unten. Sie blinzelte, als sie die Striemen sah.
Sie konnte sagen, was sie wollte, doch er beruhigte sie tatsächlich. Sie entspannte langsam die Hände und legte sie auf ihren Schoß, entzog sich jedoch nicht aus seinem Griff.
Law lehnte sich wieder etwas zurück, ließ seine Hand aber bei ihr. Er hielt zwar nicht viel davon, aber es schien sie davon abzuhalten, sich zu verletzen. Warum musste sie aber auch all diese Probleme haben? Bei ihr schien es nur zwei Lösungen zu geben, damit sie mit ihrer Vergangenheit zurechtkam. Autoaggression oder Alkohol. Auf langer Sicht war beides keine Option.
Aber jetzt konnte auch er sie beruhigen.
Für einen Moment war er beinahe zufrieden, dann runzelte er jedoch die Stirn.
Warum genoss er das? Im Prinzip war es ihre Sache, ob sie die Vergangenheit in Alkohol ertränken wollte. Diese Selbstverletzung tolerierte er zwar bei niemanden, aber streng genommen war es ihr Körper, den sie zerstörte. Ihm konnte das egal sein, solange sie ihre Aufgaben erledigte. Doch im Grunde, das konnte er selbst nicht bestreiten, tat er viel bei ihr, was er nicht wirklich musste.
Im Grunde störte es ihn bloß, weil es hier um sie ging.
Ann räusperte sich. „Wie auch immer. Es kam, wie es kommen musste ...“

Die Sonne brannte unbarmherzig auf Ann herab und machte jede Bewegung zur Qual. Gestöhne drang von allen Seiten in ihre Ohren, mischte sich mit ihrem eigenen Keuchen.
Überall um sie herum waren Menschen wie sie, in dreckigen Lumpen und von Wunden übersät. Manche schleppten Steine, andere schlugen mit Hämmern auf robuste Felsen ein. Es gab sie in jedem Alter, so jung wie Ann selbst, und so alt, dass sie sich fragte, wie diese die Arbeit überhaupt noch machen konnten. Aber der Punkt war doch der; für sie interessierte sich niemand.
Den Wachen, die spottend im Schatten saßen, war es egal, ob sie unter dem Gewicht zusammenbrachen. Es war ihnen egal, ob sie starben oder litten. In Wahrheit hatten sie mit diesen doch den meisten Spaß. Und jedes Mal, wenn jemand zusammenbrach, wünschte Ann, sie könnte etwas tun. Sie wünschte, sie hätte die Kraft, um gegen die Wachen anzukommen.
Doch noch war sie wehrlos. Mit einem dicken Ring um ihr Fußgelenk, die ihn durch eine Kette aus purem Eisen mit einer Bleikugel verband, hievte sie einen Sack Steine auf ihren Rücken. Es war ihre vierte, vielleicht fünfte Runde, und ihre Hände waren bereits taub von dem Gewicht. Ihre Haut brannte von der Sonne und ihr Haar klebte verschwitzt an ihrer Stirn.
Mit jedem Meter drohte der schwache Körper zu versagen, sackte tiefer und tiefer. Jeder Schritt wurde schwieriger, sie wurde träger und langsamer. Ihre Beine zitterten, doch sie biss die Zähne zusammen und lief weiter. Sie wollte nicht bestraft werden, nicht schon wieder.
Im Geiste klammerte sie sich an ihre Brüder und an den Gedanken daran, dass sie sie wiedersehen wollte. Sie durfte nicht versagen, denn sonst würde sie verlieren. Wenn sie all das überstand und zurück zu ihrer Familie kehrte, dann wären all der Schmerz und das Leid vergessen. Es wäre egal, dass man sie hier gefangen hielt und zu all diesen Sachen gezwungen hatte. Ihre Brüder würden sie wieder in Ordnung bringen, da war sie sich sicher.
Irgendwann würde sie zurückschlagen.
Aber nicht heute.
Nicht jetzt.
Aber irgendwann.
So sicher und mutig sie in ihrem Inneren auch war, ihr Körper spielte nicht mit. Sie spürte, wie ihr nächster Schritt einer zu viel war. Kaum, dass ihr Fuß den Boden berührte, brach sie unter dem Gewicht der Steine zusammen. Ihr Knie knickte ein und sie kippte nach vorne, wurde von der Masse überwältigt und landete mit dem Gesicht voraus auf dem Boden.
Um sie herum werkten alle weiter, als wäre nichts geschehen. Niemand achtete auf das kleine Mädchen, das von Steinen überschüttet am Boden lag. Sie vergrub die Finger in der Erde, um sich hervorzuziehen, doch der Sack lag schwer auf ihrem Rücken und hielt sie fest. Er war sogar so schwer, dass er ihre Lungen eindrückte und ihr die Luft nahm.
Abrupt verschwand das Gewicht auf ihr – und sie wusste, dass ihr niemand zur Hilfe geeilt war. Eine Hand packte sie am Schopf und riss sie mit so einer Hast nach oben, dass sie aufschrie.
„Problem?“ Quengelnd und schreiend und mit Tränen in die Augen hing sie in der Luft, so dicht an dem Gesicht eines Wachmannes, dass sie seinen Atem riechen konnte. Alkohol und Zigaretten – ihr wurde übel. „Hast du geglaubt, du kannst einfach so Pause machen?“
Tag für Tag wurde sie von den Wachen niedergedrückt, geschlagen und beschimpft. Dabei waren sie selbst nur betrunkene Idioten, die ihrem sinnlosen Leben Bedeutung schaffen wollten. Sie wollten sich wichtig vorkommen, besonders.
Dabei waren sie genauso weit unten wie Ann.
„Lass mich los!“ Wütend zog sie ihr Knie hoch und schlug es der Wache gegen das Kinn. Der Griff verschwand und sie fiel zu Boden. Der Wachmann stolperte einige Schritte zurück und hielt sich den Kiefer, da wurde sie bereits von hinten gepackt.
„Du Miststück hast mir den Kiefer gebrochen!“, knurrte die Wache vor ihr, während sie erneut in der Luft hing – diesmal aber wurde sie von einem anderen am Genick gepackt. Er drückte so fest zu, dass sie Angst hatte, er würde es ihr brechen.
Davon ließ sie sich aber nichts anmerken und zappelte heftig herum. „Loslassen habe ich gesagt!“
Ihr Wunsch wurde erfüllt, nur nicht auf die Art, die sie erwartet hatte. Der Mann holte mit ihr im Griff aus und schlug sie mit so einer Wucht zu Boden, dass sie ihre Knochen knacken hören konnte. Ihr Kopf schlug auf harten Grund, in ihren Ohren klingelte es. Einer der Wachmänner sagte etwas, aber sie verstand die Worte nicht mehr. Das Klingeln übertönte alles.
Wahrscheinlich war es eine Drohung oder eine letzte Warnung, denn sie ließen Ann in der prallen Sonne zurück und gingen in den Schatten. Sie blieb am Boden sitzen, die Hand auf ihren Kopf gepresst, der pochte und dröhnte. Tränen der Wut brannten in ihren Augen, aber sie hielt sie krampfhaft zurück.
Sie würde nicht weinen – nicht vor diesen Idioten.
„Oi, bist du okay?“ Ein Junge mit braunen Augen tauchte vor ihr auf. Er war vielleicht ein paar Jahre älter, dennoch hatte er bereits graue Haare. Sie hatte ihn schon des Öfteren am Hof gesehen. Er schaffte immer zehn oder elf Runden, bevor er zusammenbrach. „Das hat übel ausgehen. Komm, lass mich dir helfen.“
Ann rappelte sich auf, nahm seine Hand aber nicht an. „Ich brauche keine Hilfe.“ Das wäre doch gelacht – sie hatte gegen Bären und Tiger gekämpft, wie also sollte eine dumme Wache Macht über sie haben? „Ich komm klar.“
„Da bin ich mir sicher.“ Der Junge hievte einen Sack Steine über seinen Rücken und zwinkerte ihr zu. „Zu zweit geht es aber leichter. Wie heißt du?“
Es war komisch. Nur wenige hier redeten oder lächelten gar. Die meisten waren nur noch lebende Geister, die unscheinbar durch die Gegend schwirrten. Dieser Junge schien nicht wirklich Angst zu haben.
Sie runzelte leicht die Stirn. „Mein Name ist Ann.“
„Ann, huh?“ Der Junge neigte den Kopf und lächelte. „Schöner Name. Ich bin Riku.“
Sie wollte gerade antworten, da schoss eine Bierflasche nur wenige Millimeter neben ihren Kopf vorbei und zerschellte Sekunden später am Boden. „Nicht einschlafen!“
Wie sehr sie diese Wachen hasste ...
„Sieht so aus, als wäre die Pause vorbei. Na ja, wie auch immer. Ich beschütze dich, Ann.“ Riku richtete sich lächelnd auf und wandte sich von ihr ab. „Ich nehme hier jeden unter meine Fittiche, also keine Sorge. Wir schaffen das.“

Der Hauch einer Gefühlsregung huschte über Laws Gesicht. Er war jedoch so schnell wieder verschwunden, dass ich mir nicht sicher war, ob ich ihn mir nicht nur eingebildet hatte. „Das war das erste und eigentlich auch letzte Gespräch, das Riku und ich geführt haben. Manchmal haben wir beim Essen noch das eine oder andere Wort gewechselt, aber im Grunde ist er kein besonders relevanter Teil meiner Vergangenheit.“
Die Erinnerung an mein junges Ich, an das kleine Mädchen, das sich den Erwachsenen entgegenstellte und trotzte, auch wenn ihr Leben davon abhing, ließ mich stutzen. Ich hatte doch stets gekämpft, oder nicht? Vielleicht nicht immer, aber ich war immer wieder aufgestanden und hatte weitergemacht. Wie sollte ich auch nicht? Ich hatte ja nie die Zeit gehabt, das Gefühl von Hilflosigkeit in mir aufkommen zu lassen. Mein Leben bestand aus Kämpfen und Weitermachen, Trotzen und Überleben. Selbst nach einem Kampf war ich immer für den nächsten bereit gewesen.
Aber jetzt?
Was hatte sich geändert?
Laws Miene war stoisch wie immer, dennoch lagen seine Finger sacht auf meinem Handgelenk. Es war eine Berührung, die es so noch nie zwischen uns gegeben hatte. Und obwohl ich erwartete, dass ein unwohles Gefühl über meine Haut laufen würde, rebellierte mein Körper nicht. Im Gegenteil. Das erste Mal, seit die Träume angefangen hatten, war er wieder ruhig. Fast so als gäbe es jetzt keinen Grund, aufmerksam zu bleiben. Als wäre er ... in Sicherheit.
Law räusperte sich leicht. „Ann?“
Ich hob abrupt den Kopf. „Ja?“
„Hörst du mir zu?“
„Natürlich.“ Ich runzelte die Stirn. „Was hast du gesagt?“
Eigentlich hätte ich schwören können, dass er die Augen verdrehen würde. Schließlich war es ja nicht das erste Mal, dass ich seine Stimme komplett ausgeblendet hatte. Doch zu meiner Verwunderung blieb sein Blick ruhig, als er seine Frage wiederholte. „Wie alt warst du damals?“
„Wann?“
Nun hob er eine Augenbraue. „Haben wir das Thema schon geändert?“
„Oh.“ Natürlich, kein Wunder, dass für Law dieses Gespräch noch nicht beendet war. Wer konnte es ihm verübeln? Aber, um ehrlich zu sein, spielte es für mich eigentlich keine Rolle. Ich musste als Kind Steine schleppen. Na und? Jedes Kind hatte Probleme. Vielleicht klang es hart. Und vielleicht gab es auch diesen Teil in mir, der drohte aufzugeben, wann immer ich daran dachte. Es war einfach, oder? Verdrängen war leicht. Sich der Realität stellen leider nicht. „Nein, entschuldige.“ Ich räusperte mich leicht. „Ich war elf Jahre alt.“
Laws Augenbrauen wanderten noch höher und als er die nächste Frage stellte, war seine Stimme beinahe zögerlich. „Und wie lange warst du dort?“
Ui, die Frage tat trotz Verdrängung noch weh. „Drei oder Vier.“
„Drei oder Vier – was?“
„Vielleicht auch Fünf.“
„Ann.“ Law knurrte meinen Namen. „Fünf was?“
„Jahre.“ Für einen Moment wurde der Griff um mein Handgelenk fester, dann lockerte er sich wieder. „Aber ich weiß es nicht genau. Irgendwann war das Zeitgefühl weg.“ Ich wusste nur noch, wann ich endlich entkommen war. Da Law die Frage aber nicht spezifisch genug formuliert hatte, musste diese Antwort genügen. Schließlich war es nicht einmal gelogen. Die Wahrheit war, es gab Sachen, über die konnte ich nicht sprechen. Steine schleppen? Okay. Doch ... Jeder hatte seine Geheimnisse, oder nicht? Law doch genauso.
„Und was war danach?“
Ich zögerte. Danach?
Danach ...
Mein Blick sank zu Boden, kaum dass Law das Wort ausgesprochen hatte. Eine innere Gänsehaut überzog meinen Körper, fraß sich unter die Haut und ich wünschte, ich könnte sie ablegen. Nur für einen Moment ... Nur für eine Sekunde. Nur einen Augenblick, um mich daran zu erinnern, wie es früher war. Ich wünschte, ich könnte in den Spiegel sehen und zufrieden sein. Ich wünschte, ich müsste mir über Pickel und Mitesser Sorgen machen – nicht aber über den Dreck, der auf mir lag. Ich wünschte, ich fände mich zu dick oder zu dünn, zu klein oder zu groß – ich wünschte, mich anzusehen, wäre keine Schande.
„Danach ...“ Ich zögerte leicht und starrte auf Laws Hand, die um meiner lag. Was wäre, wenn er es wüsste? Was wäre, wenn er erkennt, was er berührt? Je länger ich meine Hand betrachtete, desto deutlicher wurde er. Ich sah den Dreck, der langsam unter meiner Haut zum Vorschein kam. Den Dreck, der sich immer weiter in Richtung Law schlich.
Etwas, das sich wie Panik anfühlte, presste mir die Brust zu.
Abrupt entzog ich mich seinem Griff, schaffte es aber nicht, ihn anzusehen.
Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass er langsam zurückrollte, mir Raum gab und nicht drängte. Sein Blick lag auf mir, nicht aufdringlich oder fordernd, aber verstehend.
Ich schluckte und sah auf meine Füße, die von der Liege hingen. „Das Leben ging immer so weiter, doch je älter man wurde, desto schlimmer wurden die Schläge ... Irgendwann bin ich geflüchtet.“
„Nach fünf Jahren?“
„So ungefähr, ja.“ Ich fuhr langsam über meine Oberschenkel und sah mich im Raum um. „Aber ... Kommen wir zurück zum Thema. Riku war ... Ich habe dir ja bereits gesagt, dass er ein sehr kleiner Teil war.“
Law nickte sacht. „Du dachtest, er wäre tot.“
„Ja.“
„Wie kamst du darauf?“
Ich fuhr mir mit der Zunge über die plötzlich trockenen Lippen. Es war das erste Mal, dass ich all diese Worte in Verbindung mit mir aussprach. Ich hatte nie vorgehabt, jemanden davon zu erzählen. Warum auch? Ich hatte schließlich auch nie gedacht, dass ich ... auf Law treffen würde.
Ich holte tief Luft. „Es war ungefähr drei oder vier Jahre, nachdem ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. Ich war auf dem Weg in meine ...“ Ich zögerte und senkte den Blick. Worte riefen Erinnerung wach, Erinnerungen Bilder und Bilder den Schmerz. Ich sah durch den Raum, heftete meinen Blick an alles Mögliche, bloß um diesen Ort nicht noch einmal sehen zu müssen. „Ich wurde durch die Flure geführt und kam an einer Tür vorbei, hinter der ... Der Raum war ... Dort wurde man ... bestraft.“ Übelkeit stieg in mir auf und ich zog die Beine auf die Liege und an meinen Körper. Es war mir egal, dass meine Seite schmerzte. Die Erinnerung schmerzte viel mehr. Ich hatte den Raum noch so gut im Gedächtnis. Die Liege mit den Schnallen daran und die Wachmänner, die um einen herumstanden und Wetten abschlossen. Wetten darüber, wer wohl die meisten Peitschenhiebe aushielt. „Weißt du, ich dachte immer, dass der Körper als erstes stirbt, aber dieser Raum ... Ich glaube, er hat mehr Leute gebrochen als getötet. In dieser Nacht war Riku dort und wurde ... Du weißt schon. Die Tür wurde sofort geschlossen, aber die Schreie drangen die ganze Nacht durch die Flure. Danach sah ich ihn nie wieder.“
Law biss die Zähne so fest zusammen, dass ich es knacksen hören konnte. Er war nicht überrascht oder gar geschockt. Warum auch? Ich war mir sicher, für Law waren solche Orte nichts Neues. Dennoch traf mich der Blick in seinen Augen unvorbereitet.
Er ... schien wütend.
„Solche Orte sollen nicht exekutieren, sondern gehorsame Sklaven schaffen.“ Seine Stimme war nur noch ein dunkles Knurren, genauso tödlich wie sein Blick. „Obwohl es Menschen gibt, deren Willen man nie brechen kann.“
Ich runzelte die Stirn. „Was?“
„So wie ich dich kenne, hättest du diese Menschen wohl eher verhöhnt als deren Befehle zu befolgen.“ Langsam wurde seine Stimme ruhiger, so wie ich sie von ihm gewohnt war. „Dafür bist du zu stur.“
„Ich ...“ Ich runzelte die Stirn ein bisschen mehr. Es war eine seltsame Mischung aus Beleidigung und Kompliment, obwohl ich mir bei zweiteres nicht einmal sicher war. Aber es gab vieles, bei dem ich mir nicht sicher war. Law hatte recht; ich hatte verhöhnt. Aber hieß das auch, dass man mich nicht brechen konnte? Oder war ich einfach schon zu sehr gebrochen? Ich wusste es nicht.
Ich räusperte mich leicht und entspannte langsam meine Beine. Das Gespräch war nicht gerade angenehm gewesen, aber Law schaffte es immer wieder, mich mit Sätzen, Worten oder sogar mit Schweigen so zu irritieren, dass alles andere in den Hintergrund rückte. Er half mir dabei, die Gefühle abzuschütteln, die aufkommen wollten.
Dennoch steckte die Erinnerung noch tief in meinen Knochen und jedes weitere Wort darüber konnte eines zu viel sein. Doch ehe ich etwas sagen konnte, kam Law mir zuvor. „Für heute reicht es, zumindest was den Teil mit Riku angeht.“ Ich erstarrte – bis er weitersprach. „Ich habe noch eine Frage zu den Tunneln.“
„Oh.“ Ich zuckte mit den Schultern, doch die Anspannung blieb. „Okay.“
Bevor er aber mit seiner Frage herausrückte, griff er nach der Salbe, und verteilte sie auf seinen Fingern. „Bevor du bei der Höhle aufgetaucht bist, hat dich dieser Clown ...“
„Casper.“ Sein Name kam einfach so über meine Lippen, denn der Mann an sich hatte nichts mit dem Clown zu tun. Er war ein Gefangener gewesen, genau wie wir alle. Ich hatte das Gefühl im Körper, die Erinnerung an diese Zeit. Und nun ... hatte ich umso mehr Mitleid mit ihm.
Laws Blick zuckte für eine Sekunde hoch zu meinem Gesicht, bevor er sich wieder den Nähten widmete. „Spielt das denn eine Rolle?“
Ich zuckte schwach mit den Schultern, senkte aber den Blick. „Für mich schon.“
„Hauptsache seinen Namen sprichst du aus.“ Er klebte eine Mullbinde über die Naht, stand auf und streifte sich die Handschuhe ab. Er schnaubte. „Du ...“
„Deinen Namen spreche ich auch aus“, gab ich prompt zurück. „Law.“
Gut, irgendwie hatte er recht. Ihn nannte ich wochenlang bloß Pirat und beim potenziellen Feind bestand ich auf den Namen. War das fair? Fragwürdig.
Law warf mir einen kurzen Blick zu. „Jetzt, ja. Du kannst aber nicht abstreiten, dass du dafür länger als eine Nacht gebraucht hast. Das spielt jetzt aber keine Rolle. Arme hoch!“ Er fuhr erst fort, als ich gehorchte und die Hände in die Luft streckte. „Was ist zwischen Casper und dir vorgefallen, nachdem er dich bewusstlos geschlagen hat?“
Laws Betonung lag auf dem letzten Satz, so als wollte er mich daran erinnern, dass Casper und ich keine Freunde waren. Na vielen Dank, das wusste ich selbst auch. Der fühlte sich ja nur in seinem Stolz angegriffen, aber es war eben was anderes. Oder? „Worauf genau willst du hinaus, Law?“, fragte ich, als er nach einem Verband griff und sich wieder vor mich setzte.
„Hast du ihn getötet?“
Oh. „Nein.“ Ich zögerte. „Habe ich nicht.“
Law warf einen kurzen Blick hoch. „Das heißt, er lebt?“ Seine Stimme war ruhig, aber es lag ein Druck darin, der mich irritierte. War das denn ein Fehler gewesen?
„Ziemlich sicher sogar. Ich denke, er ist abgehauen.“
„Er ist dir entkommen?“ Law runzelte die Stirn – aber nur für einen Moment, dann stockte seine Bewegung. „Du hast ihn entkommen lassen?“
„Vielleicht ...“
Er knurrte. „Ann ...“
„Ach, komm!“ Ich wollte die Arme senken, tat es aber nicht. Law bemerkte es und begann, den Verband anzulegen. „Du warst doch nicht dabei. Er ist nicht ... Er stellt keine Gefahr dar, Law. So wie es aussieht, war er selbst nur gezwungen, dort zu sein.“
„Ach, hat es dir das gesagt?“
„Genau, Law. Wir standen halt so da und haben Smalltalk gehalten, du kennst mich ja. Ich bin immer auf ein freundliches Gespräch mit Männern aus. Vor allem, wenn es Männer als Clowns verkleidet sind. Da kann ich einfach nicht anders.“ Ich warf ihm einen müden Blick zu. „Nein, natürlich hat er das nicht gesagt. Er hat mich aus den Tunneln rausgebracht, um mir die Flucht zu ermöglichen. Es war einfach meine Schlussfolgerung, dass er nicht wirklich böse ist.“
Law hob eine Augenbraue, dennoch war sein Blick nicht zu deuten. Er musterte mich, als gäbe es gerade was höchst Interessantes, das es zu analysieren galt. „Er hat - was?“
Ha! Damit hatte er wohl gar nicht gerechnet. „Er hat mich zum Ausgang gebracht.“ Ich betonte jedes einzelne Wort. „Und er hat mir verraten, wo die Höhle liegt, in der ihr wart und ...“
Ich wollte weiterreden – das hatte ich wirklich vor. Aber ... wie schon so oft in letzter Zeit war es nah. Mal ganz abgesehen davon, dass ich ohne Shirt vor ihm saß – seine Hände bandagierten immer noch meine Seite und seine schlanken Finger berührten sacht meine Haut. Eine leichte Gänsehaut zog sich darüber, als sein Atem meinen Körper streifte.
Aber der Versuch, der Nähe zu entgehen, scheiterte. Er war mir so nah, dass ich sogar die Wärme spüren konnte, die von ihm ausging.
Moment mal.
Wärme ...?
„Interessant ...“ Law befestigte den Verband mit zwei Klammern und wich etwas zurück. Sein Blick blieb ein Rätsel. „Sonst noch etwas?“
Ich runzelte die Stirn. „Was soll es denn noch geben?“
„Er hat dich zum Ausgang gebracht“, wiederholte Law mit einem Zucken im Mundwinkel. Ich runzelte die Stirn ein bisschen mehr. „Und im selben Atemzug hat er dir verraten, wo ich mich mit meiner Bande aufhielt?“
„Nein ...“ Ich zögerte und nahm meine Arme runter. Aha, darauf wollte er also hinaus. „Na ja, doch. So ungefähr.“
„Und du hast dich gegen die Flucht entschieden.“
Ich schnaubte. „Keine Ahnung, was das war. Vielleicht ein Absturz der Systeme in meinem Kopf? Oder der Blutverlust. Da trifft man die seltsamsten Entscheidungen.“
In Laws Augen blitzte etwas auf, als er sich umdrehte, um die Salben zu wegzuräumen. Dennoch – ich war mir sicher – hatte ich auf seinen Lippen ein zufriedenes Grinsen entdecken können. War es wirklich so verwunderlich, dass ich sie nicht hatte sterben lassen? Nein, das war es nicht. Und dass ich mich gegen mein Herz entschieden hatte?
Nein, eigentlich auch nicht.
Das Seltsame war, dass ich nicht darüber nachgedacht hatte. Keine Sekunde lang. Für mich war klar gewesen, dass alles andere keine Rolle spielte. Mein Herz, meine Flucht, mein Tod ... In diesem Moment schien alles vergessen.
Fest stand nur, dass ich Law - und natürlich seine Bande – nicht sterben lassen wollte.
„Ann?“
Ich blinzelte. „Ja.“
„Vielleicht solltest du etwas essen. Geh in die Kombüse und hol dir etwas, dann wird es dir besser gehen.“
Ich nickte, blinzelte und blieb sitzen. Was war das denn bitte? In diesem Moment schien Law anders, obwohl sich nichts geändert hatte. Aber er war nicht mehr der Mann, der mich entführt hatte. Er war nicht einmal mehr der Mann, der mich beschützte.
Er war der Mann, den ich schützen wollte.
Was für ein Mist.
Was für ein verdammter Mist.
Vielleicht hatte ich wirklich zu viel Blut verloren und war nicht mehr bei Sinnen. Vielleicht hatte ich ja wirklich den Verstand verloren.
„Ann?“
„Ja!“ Abrupt hoch ich den Kopf und rutschte von der Liege. „Du hast recht, ich sollte etwas essen.“

Die Lichter in der Kombüse waren bereits aus, doch die Laternen warfen von draußen schwaches Licht in den Raum, sodass ich noch genug sehen konnte. Gerade, als ich den Kühlschrank öffnen wollte, ertönte hinter mir eine bekannte Stimme und ich zuckte kaum merklich zusammen. „Na sieh mal einer an, wer von den Toten auferstanden ist.“
Automatisch drehte ich meinen Kopf nach hinten und blickte zu Suon, der grinsend in der Tür stand und mich musterte. Seinen Overall hatte er bloß bis zur Hüfte hochgezogen und die Ärmel umgebunden – offensichtlich war er nicht mehr im Dienst. ... Nun, wenn man es so nennen konnte. Das schwarze Shirt, das er trug, betonte seinen breiten Oberkörper. Diese Overalls versteckten echt viel ...
„Du hast aber auch schon besser ausgehen“, meinte er, als er mein Gesicht sah. „Bist du mit dem Kopf durch die Wand, oder was? Sieht echt übel aus.“
Tja, der Kerl wusste echt, was eine Frau hören wollte. Ich war mir meinem geschwollenen Gesicht aber durchaus bewusst – ebenso wie der Schürfwunde, die meine Wange zierte, und meinem blauen Auge. Doch trotz seiner Worte sah ich das Lächeln in seinem Gesicht, das besänftigt schien. Fast so, als hätte er sich Sorgen gemacht.
„Morgen, Suon.“ Ich lächelte, drehte mich aber sogleich wieder zum Kühlschrank. Das Gespräch mit Law hatte mich irgendwie ... verwirrt. Aber ich wusste nicht einmal, ob dies das richtige Wort war. Zuerst die Puppe, dann die Erzählung und schlussendlich noch der Abschied jeder Vernunft. Ich brauchte Schlaf. Ganz dringend sogar. Aber zuerst musste ich etwas finden, das meinen Hals beruhigte. „Hast du vielleicht ...“
„Was zum Trinken, das deinen Hals beruhigt?“ Suon ließ wachsam den Blick über mich wandern. „Klar, setz dich.“
„Und was zu essen?“
„Sowieso.“
Ich nickte dankbar und ließ mich auf den großen Esstisch nieder. Mit dem Kopf auf der Tischplatte schloss ich die Augen und schluckte gegen das Kratzen in meiner Kehle an. Ich war hungrig und müde, mein Hals brannte und die Gespräche waren auch nicht gerade einfach gewesen.
„Ich habe gehört, der Traummörder ist tot“, riss mich Suon aus meinem Dämmerzustand. Das Geräusch von klappernden Tassen drang in mein Ohr, doch ich ließ die Augen geschlossen. „Dann kann ich jetzt ja aufhören, mir Sorgen über deinen Menschenverstand zu machen.“
Nun öffnete ich langsam ein Auge und blinzelte. „Über meinen Menschenverstand?“
Suon nickte mehrmals und rührte mit dem Kochlöffel in einem Topf am Herd herum. „Ja“, bestätigte er mir ungerührt. „Wenn ich in deiner Lage gewesen wäre, hätte ich kein Auge mehr zugemacht, bis das mit den Träumen aufhört. Du hingegen ... Tja, gehst einfach schlafen. Mit Menschenverstand hat das nichts zu tun. Aber jetzt ist es vorbei und du, und vor allem Captain Law, könnt endlich wieder schlafen.“
Das waren viele Worte in unter drei Sekunden. Ich blinzelte, nicht in der Lage, seinen Vortrag aufzunehmen. „Vor allem Law?“, war alles, was ich herausbekam.
Mit einem frechen Grinsen auf den Lippen ging Suon zum Kühlschrank und holte ein Glas Honig heraus. „Sag mir nicht, dass dir das nicht aufgefallen ist. Seit deinem ersten Albtraum hat er ungefähr die doppelte Menge Kaffee getrunken und ... war eigentlich immer wach. Oder hat er jemals vor dir geschlafen? Oder bist du jemals vor ihm aufgewacht? Nein, hab ich recht? Ich glaube nicht, dass er am Stück mehr als eine Stunde geschlafen hat.“
Ich blinzelte wieder. Nein, das war mir tatsächlich nicht aufgefallen. Ich ... Tja, ich hatte mich eigentlich nur auf mich selbst konzentriert. Mein Schlafmangel, meine Albträume, meine Sache. Offensichtlich, ob ich wollte oder nicht, war es nicht mehr nur mein Problem. Und ich war nicht mehr die Einzige, die sich darum kümmerte.
Ich senkte den Blick auf die Tischplatte und zog die Unterlippe zwischen meine Zähne.
Suon sah dies und lachte leise. „Siehst du, Ann? Er ist ein guter Captain und ein guter Mensch. Oder was hast du gedacht? Dass er dein Training geändert hat, um dir eine reinhauen zu können? Von wegen. Es will nur keiner, dass du durch den Plan irgendwie verletzt wirst. Captain Law wird dich wirklich gehen lassen, aber er will eben sicher gehen, dass er dich auch in einem Stück von Bord lassen kann. Deshalb musst du eben mehr trainieren. Niemand hier hat Hintergedanken oder will dir etwas Böses.“
Ich schloss die Augen und seufzte. Suon ging mir manchmal wirklich auf den Keks. Vielleicht auch deshalb, weil er genau das ansprach, was ich mir erst jetzt eingestehen konnte. Law ... tat all diese Dinge wirklich für meinen Schutz. Ich bezweifelte zwar nicht, dass ich durchaus auch für den Plan trainieren musste, aber im Grunde ... Im Grunde war alles, was er mir bis jetzt beigebracht hatte, Selbstverteidigung gewesen.
Kein Angriff, keine Technik.
„Ich verstehe euch einfach nicht ...“, murmelte ich leise.
„Was verstehst du nicht?“ Suon versenkte einen Löffel im Glas und schaufelte Honig in eine Tasse.
„Warum ihr das alles tut“, sagte ich ehrlich. „Ihr seid wie ein Bumerang. Ich jage euch fort, doch ihr kommt immer wieder zurück. Ich wünsche euch zum Teufel und ihr beschützt mich. Ich versuche, ein Regal umzuwerfen, und was bekomme ich? Ein Sofa.“
Suon lachte, als er mit der Tasse in der Hand zu mir an den Tisch kam. „Du machst Fortschritte. Früher hättest du uns wahrscheinlich nicht als Bumerang, sondern als Fußpilz bezeichnet.“ Kichernd stellte er die Tasse vor mich. „Aber Law ist nun einmal so. Nur weil sich jemand so verhält, muss er das nicht auch. Er hat Prinzipien. Aber das ist Geschichte. Ich glaube, ab heute wird sich so einiges ändern.“
Ich richtete mich auf und nahm dankend die Tasse entgegen. Milch mit Honig – hatte ich das schon jemals getrunken? Nein, wohl eher nicht. „Ja ...“
„So, ich kümmere mich jetzt um dein Essen, und du gehst schon einmal an Deck, okay?“
Er zog mich an einem Arm hoch und Richtung Tür. Bevor ich fragen konnte, was ich bitte an Deck machen sollte, wurde die Tür zur Kombüse geschlossen und ich stand da wie bestellt und nicht abgeholt – mit meiner heißen Milch. Okay, das war schräg. Aber ich wollte etwas essen, und wenn ich dafür an Deck musste, auch in Ordnung.
Bevor ich allerdings dorthin ging, machte ich einen Schlenker zur Bar, in der sehnsüchtig mein Gin wartete. Ich schenkte mir ein großes Glas ein, dann tapste ich wieder durch die Gänge bis ich zu der Tür ankam, die an Deck führte.
Als ich meine Hand an die Klinke legte, hörte ich von draußen leise Stimmen. Deshalb sollte ich also an Deck – weil dort alle waren.
Als mir dieser Gedanke kam, verharrte ich. Etwas hatte sich verändert zwischen der Crew und mir. Etwas, bei dem ich nicht wusste, wie ich damit umzugehen hatte. Ich war gut im Streiten und Diskutieren, jemandem die Stirn bieten und beleidigen. Wenn man meine Brüder aus der Liste strich, hatte ich – so erbärmlich es auch klang – noch nie einen Freund gehabt. Law war der Erste, den man irgendwie vielleicht ... Aber eigentlich, nein. Konnte man Law und mich wirklich als Freunde bezeichnen? Wohl eher nicht. Die anderen, vielleicht waren sie meine Freunde.
Zwischen Law und mir war es aber anders und – ganz egal, wie man es bezeichnete – es war absolutes Neuland für mich.
Zögernd nahm ich einen großen Schluck vom Gin und öffnete umständlich die Tür. Sofort fielen sämtliche Blicke auf mich und es wurde still. Viel zu still. Da war einmal Peng, der zwischen Shachi und Takashi am Boden saß, jeder von ihnen hatte einen Krug mit Bier in der Hand. Law saß ihnen mit einer Sakeflasche gegenüber und lehnte an Bepo, der am Boden lag und schlief. Ren saß auf der Reling dicht daneben und nahm gerade einen Schluck von seinem Rum, als ich heraustrat. Keiner der Piraten trug den Overall geschlossen. Die Ärmel waren an den Hüften umgebunden, Shachi, Peng und Ren trugen T-Shirts, Takashi saß oben ohne da.
Ich spürte, wie ich unter ihren Blicken am liebsten zurück in die Kajüte gegangen wäre.
Stattdessen blieb ich stehen und blickte unschlüssig in die Runde. „Hey.“
Für einen Moment war es noch still, und für jeden schien das irgendwie ... neu zu sein. Keiner wusste so wirklich, was er jetzt machen sollte. Obwohl es bereits fast Nacht war, war es überraschend warm. Ein leichter Wind fegte über Deck, strich über meine Arme. Der Geruch von Salz und Meer stieg mir in die Nase und eine Last, der ich mir nicht bewusst gewesen war, fiel von meinen Schultern.
Es war Shachi, der die peinliche Stille brach. „Hey, Ann“, sagte er lächelnd und winkte mich zu ihnen. „Setz dich.“
Ich lächelte gelöst, als ich zu ihnen ging und mich neben Ren auf die Reling hockte. Das Wasser schlug leicht gegen das U-Boot, plätscherte ruhig und gleichmäßig. Ich stellte den Gin neben mich und nahm einen Schluck aus der Tasse. Die Wärme beruhigte meinen rauen Hals. „Seid ihr schon lange wach?“
Law nickte und sah zu mir hoch. „Seit einigen Stunden, ja.“
Tja, er und seine Bande hielten wohl nicht sonderlich viel von Schlaf. Ich hingegen hatte vor, nur so lange wach zu bleiben, wie ich fürs Essen brauchte. Dann würde ich – wenn nötig auf der Stelle – wieder einschlafen.
„Verstehe ...“, sagte ich zögernd und streckte mich leicht. Es war eigenartig, hier mit ihnen zu sitzen und normale Gespräche zu führen. Ungewohnt irgendwie. „Und ... was hab ich verpasst?“
Peng war sofort auf den Beinen und kam auf mich zu. „Das erzählen wir dir natürlich sehr gern“, sagte er gedehnt, während er seine Hände auf meine Schultern legte und mich von der Reling zog. „Aber erst, wenn du in Sicherheit bist.“
Ich hob eine Augenbraue. „War ich denn in Gefahr?“
„Oh ja. Das ist wie eine Matheaufgabe. Du + Alkohol + Reling = Shachi, der dir ins Meer nachspringt“, erklärte Peng und schmunzelte leicht, als er mich neben Law auf den Boden drückte. „Aber wenn du hier sitzt, hat jeder seinen Frieden.“
Ich blinzelte mehrmals, mich fragend, was das eben war. Als ich einen fragenden Blick zu Law warf, zuckte dieser bloß mit den Schultern und nickte neben sich. Schön und gut, dass er damit einverstanden war, aber ... Hatte Peng noch alle Tassen im Schrank?
Seufzend rutschte ich neben Law und lehnte mich an Bepo. „Das hat man also davon, wenn man euch nicht mehr droht. Ihr werdet frech.“
Takashi zwinkerte mir mit einem schelmischen Grinsen zu. „Wir waren schon immer frech, Ann.“
Law schnaubte amüsiert, sagte aber nichts dazu. In dem Moment kam Suon an Deck, in seinen Händen eine Schüssel, aus der ein herrlicher Duft aufstieg. Es roch nach Ingwer und Sojasoße und Zwiebeln - und ich wusste sofort, was es war. Als er mir die Schüssel reichte, riss ich sie ihm regelrecht aus der Hand und sog tief Luft ein.
Ramen.
„Da hat aber jemand hunger“, lachte der Lockenkopf, als er mir zwei Stäbchen reichte und sich neben Ren auf die Reling hockte. „Lass es dir schmecken.“
Ich lächelte unweigerlich und sank etwas nach hinten, als ich etwas von der Suppe probierte. Sie schmeckte herrlich, genauso gut wie damals. „Danke.“
Das letzte Mal, dass ich Ramen gegessen hatte, war noch auf Dawn mit Ace und Ruffy. Und obwohl das nun schon so lange her war, erinnerte ich mich noch an den Geschmack und an den Geruch und an alles, was damit zusammenhing.
„So, und jetzt, um zu deiner Frage zurückzukommen: Wir steuern eine Insel an, auf der es spuken soll und Bepo macht sich deshalb in die Hose, Takashi ist traurig, weil er wegen der Schusswunde ein paar Tage auf Sex verzichten muss und Suon ärgert sich in Grund und Boden, weil er deinen Auftritt verpasst hat.“ Peng überlegte kurz, dann nickte er grinsend. „Das wäre alles.“
Ich runzelte die Stirn und schluckte. „Es gibt eine Spukinsel?“
„Wenn du uns fragst, dann nicht“, antwortete Takashi und schnaubte leicht. „Solltest du dich allerdings an Bepo wenden, dann ja. Die Geister dort sollen ein ganzes Dorf ausgelöscht haben.“
„Wahrscheinlich ist das nur irgendein Gerücht, dass man in die Welt gesetzt hat, damit mehr Touristen kommen“, überlegte ich kauend und hielt mir eine Hand vor den Mund. „Oder es gibt doch Geister und die Insel wird echt spannend.“
Law stieß neben mir ein amüsiertes Schnauben aus. „Jetzt hast du eben gegen Puppen gekämpft und nun hoffst du schon wieder auf Geister?“
Ich zuckte mit den Achseln, linste aber mit einem kleinen Grinsen zu ihm hoch. „Jetzt kann mich nichts mehr erschrecken.“
Ich schnappte mir mit den Stäbchen die letzten Reste in der Schüssel und stopfte sie mir in den Mund. Im selben Moment nahm ich aus den Augenwinkeln etwas wahr. Es war nichts Gefährliches - es war Takashi, der Law und mich schmunzelnd beobachtete.
„Ist was?“
Er schüttelte den Kopf, aber der seltsame Ausdruck in seinen Augen blieb. „Nein, es ist absolut alles in Ordnung.“
„Ich glaube, die Hitze macht ihm zu schaffen.“ Suon wackelte leicht mit den Füßen und sah hoch in den Himmel. „Shiema ist eine Sommerinsel und wir kommen ihr immer näher.“ Eine Sommerinsel und Geister? Besser konnte es gar nicht mehr werden. „Woah, das ging aber flott, Ann“, sagte er dann, als er die leere Schüssel sah. „Willst du noch was?“
Meine Antwort kam prompt: „Immer doch!“
Eine halbe Stunde später saß ich immer noch neben Law und lehnte an Bepo, während die Piraten Geschichten erzählten. Sie sprachen von Inseln, die sie besucht, und Kämpfe, die sie geführt hatten. Shachi sprach von seiner Schwester, ich erfuhr, dass Bepo von einer Insel in der neuen Welt stammte und ein Mink war. Was auch immer das sein sollte. Takashi hatte einen Bruder und keine Mutter.
Ich hatte drei volle Schüsseln Ramen verputzt, was Law zufrieden zur Kenntnis nahm, und drei Gläser Gin.
Es war ein Abend, so seltsam, dass es in mir eigentlich ein unwohles Gefühl wachrufen sollte. Doch stattdessen ...
Stattdessen hatte ich mich schon lange nicht mehr so wohlgefühlt.
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