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Seelennamensuche

von SilviaK
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy / P12 / Gen
16.04.2015
16.04.2015
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4.302
 
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Noch nie zuvor hatte in Ahorns Kopf eine solche Verwirrung geherrscht. Grünblatt, immer wieder Grünblatt in seinen Gedanken. Ihr Gesicht, ihre Augen, ihr Seelenname. Und immer wieder die gleichen Fragen, auf die Ahorn keine Antwort wußte: Warum erkannte er – ein halber Welpe noch – ausgerechnet eine Elfe, die so viele Sommer älter war? Warum schon jetzt, obwohl er noch nicht einmal seinen eigenen Seelennamen kannte?
Ahorn schmiegte sich eng an das Fell seiner Wolfsfreundin, die neben ihm saß und ihn sorgenvoll betrachtete. Am liebsten hätte er all diese Gedanken aus seinem Hirn verbannt, die sich dort ununterbrochen im Kreis drehten. Wäre er doch bloß nie mit Grünblatt und Federregen auf Kräutersuche gegangen, dann wäre das alles vielleicht überhaupt nicht passiert! Aber dann hätten die Hohen wahrscheinlich einen anderen Weg gefunden ...
”Was soll ich denn nur machen, Maus?” flüsterte Ahorn in das dichte Fell der Wölfin. ”Ich bin zu jung dafür! Ich will nicht! Jetzt noch nicht! Und vor allem überhaupt gar nicht, solange ich mit meinem eigenen Seelennamen nichts anfangen kann.”
Ratlos kaute Ahorn auf der Unterlippe und legte schutzsuchend die Arme um den Hals der Wölfin. Warum fiel ihm nichts ein? Ihm fiel doch sonst immer irgend etwas ein, wenn etwas nicht so lief, wie es sollte.
Er konnte nicht einfach zurück in den Hain, mit Grünblatt reden, so wie Schatten, der Heiler, es ihm geraten hatte. Allein die Vorstellung jagte Ahorn schon einen Schauer über den Rücken. Dann würde er ja wieder in ihre Augen sehen müssen, würde wieder den leisen Namen in seinem Kopf hören, der sie unwiderruflich an ihn gebunden hatte. Oder aus ihrem Mund den Namen, der wohl ihm gehörte.
”Owl ...” Leise wiederholte Ahorn die kleine Silbe noch einmal. Aber wieder blieb sie nur ein Wort, ein Laut ohne Bedeutung, brachte nichts in seinem Inneren zum Klingen außer die Erinnerung an Grünblatts Senden, dessen Gefühl ihn tief im Herzen getroffen hatte.
Mit einem wütenden Ruck löste sich Ahorn von Maus‘ Fell, sprang auf und schüttelte den Kopf, so heftig und lange, bis ihm fast schwindlig davon wurde. Das war einfach nicht fair! So hatte er sich das alles nicht vorgestellt! Frühestens im nächsten Frühjahr oder Sommer wäre er auf seine Seelennamensuche gegangen, hätte sich vielleicht einen neuen Stammesnamen erworben und danach erst, später, irgendwann ...
Und wenn er jetzt auf seine Seelennamensuche ging? Jetzt sofort?
Ahorn holte tief Luft bei diesem Gedanken, drehte sich herum und blickte ratsuchend in Maus‘ fragende Augen. ”Was meinst du, Maus?” flüsterte er und hockte sich zu ihr, Auge in Auge mit seiner Wolfsfreundin. ”Ins Lager will ich jetzt sowieso nicht. Wann soll ich es denn sonst tun, wenn nicht jetzt, wo ich es einfach tun muß?”
Aber mußte er nicht wenigstens jemandem sagen, was er da vorhatte? Eigentlich sollte wenigstens die Anführerin darüber Bescheid wissen. Aber Mondstein war irgendwo unterwegs, ungewiß, wann sie zurückkam. Und mit Wildhirsch oder Weitblick, die sie während ihrer Abwesenheit vertreten würden, wollte Ahorn über so eine Entscheidung nicht reden. Das würde nur Diskussionen und Erklärungen nach sich ziehen. Erklärungen, die Ahorn nicht geben wollte. Und – was noch schwerer wog: womöglich lief er bei der Rückkehr ins Lager noch einmal Grünblatt über den Weg. Das wollte er heute auf jeden Fall vermeiden.
Aber vielleicht dauerte so eine Seelennamensuche ja auch gar nicht so lange. Immerhin kannte Ahorn dank Grünblatt seinen Seelennamen schon. Er mußte ihn sich genaugenommen nur noch richtig zu eigen machen. Vielleicht war er ja bis zum Morgen längst wieder zurück. Das würde kaum auffallen. Ein paar harte Worte von Wildhirsch würde er sich vielleicht anhören müssen, weil er einfach so verschwunden war, aber das störte Ahorn im Moment wenig.
Der junge Elf rief sich ins Gedächtnis, was andere aus dem Stamm von ihrer Seelennamensuche erzählt hatten. Daß sie allein in die Wälder gegangen waren, ohne ihren Wolfsfreund, um dort in der Stille zu fasten und zu ihrem wahren Selbst zu finden. Und obwohl Ahorn schon oft auch allein umhergestreift war, fiel es ihm heute schwer, seine Freundin fortzuschicken. Aber es half nichts. Er mußte es schon richtig machen.
Ahorn kraulte Maus noch einmal zum Abschied zwischen den Ohren, dann deutete er mit dem Arm in Richtung Lager und rief: ”Lauf heim! Du mußt mich jetzt allein lassen!”
Die Wölfin neigte den Kopf zur Seite, es sah beinahe aus, als runzelte sie fragend die Stirn. Offenbar wollte sie ihn auch nur ungern verlassen. Und Ahorn fiel plötzlich ein, daß es vielleicht besser war, wenn Maus nicht zum Hain zurückkehrte. Dann würden die anderen immerhin annehmen, er wäre mit ihr unterwegs und nicht irgendwo allein. Ein Grund weniger, ihn zu suchen.
”Als gut, Maus, komm mit. Ein Stückchen zumindest noch.”
Der Elf und die Wölfin gingen tiefer ins Dickicht hinein. Der Junge hatte einen ganz bestimmten Ort im Sinn, den er für sein Vorhaben aufsuchen wollte. Einen Ahorn – natürlich, was auch sonst, dachte der Junge und mußte sogar lächeln dabei. Es war ein besonderer Baum. Der älteste Ahorn in dem Gebiet des Waldes, das der junge Elf bisher erkundet hatte. Und er kannte darin wahrlich jeden einzelnen Ahorn! Was nicht weiter verwunderlich war, denn die Liebe zu diesen Bäumen hatte schon in frühester Kindheit sogar seinen Namen geprägt.
Hoffentlich würde ihn heute niemand dort suchen.
Endlich wurde der Wald ein wenig lichter, und die beiden hielten vor einer kleinen Anhöhe, auf der ein uralter, schon etwas schiefer Ahorn stand. Ein Blitz hatte vor langer Zeit einen Teil seiner Krone herabgerissen, einige Äste waren schon seit Jahren kahl, aber er trieb jedes Frühjahr neu aus und im Herbst waren seine Blätter so leuchtend rot wie die keines anderen Ahorns im Wald.
Der junge Elf drehte sich zu Maus um. Schweren Herzens, aber in bestimmtem Ton befahl er ihr: **Laß mich allein, Maus! Bleib in der Nähe, aber laß mich hier allein! Komm nicht, bevor ich dich rufe!**
Diesmal gehorchte die Wölfin sofort. Ahorn sah ihrer zwischen den Bäumen immer kleiner werdenden Gestalt nach, die sich wie stets leicht hinkend fortbewegte, und kam sich für ein paar Momente wirklich einsam und verlassen vor. Dann stieg er die Anhöhe hinauf, setzte sich zwischen die moosbedeckten Wurzeln des Ahorns und lehnte sich gegen den alten Stamm.
Und jetzt? Jetzt saß er da und wartete, daß irgend etwas geschah.
Wie konnte er sich seinen Seelennamen, der noch keine wirkliche Bedeutung für ihn hatte, zu eigen machen? Vielleicht über seinen Klang? Ahorn hatte keine Ahnung, ob das wirklich der richtige Weg war, aber etwas anderes fiel ihm nicht ein. Er schloß die Augen und wartete, bis sein Atem ruhig und gleichmäßig ging. Dann begann er, immer wieder diesen kleinen Laut in seinen Gedanken zu wiederholen.
... Owl ... Owl ...
‚Das ist ja, als ob ich zu mir selber sende!‘ amüsierte Ahorn sich im Stillen, denn irgendwie kam ihm das etwas albern vor. Aber nach einer Weile war ihm das gleichgültig, schließlich saß ja keiner neben ihm und hörte zu. Allerdings wurde es ihm nach einiger Zeit fast schwummerig von den dauernden Wiederholungen – und zu helfen schien das auch nicht. Er mußte es anders versuchen.
... Owl ...?
Ahorn dachte es wie eine Frage.
... Owl – wer bist du? ...
... Bist du ich? ...
... Bin ich Owl? ...
Ein um das andere Mal immer wieder diese Fragen. Ahorn wartete, lauschte in sich hinein, ohne einen Blick für seine Umgebung. Allmählich verdrängte die Morgendämmerung das Dunkel, doch die Bäume ringsum spendeten genügend Schatten. Über dem Jungen begannen die Vögel zu singen und einmal wagte sich seine Wölfin heran, um aus der Ferne einen wachsamen Blick zu ihrem Elfenfreund zu werfen. Aber Ahorn sah sie nicht. Er merkte zwar, daß er langsam Hunger bekam und auch Durst, aber das ignorierte er. Er suchte. Suchte in sich nach ‚Owl‘ mit aller Geduld, die er aufbringen konnte. Aber er fand ihn nicht. Stumm und leer blieb es in seinem Inneren, keine Antwort auf seine Fragen.

Je mehr Zeit verging, desto schwerer fiel es dem Jungen. Die Sonne wanderte über die Wipfel und sank, aber noch immer war Ahorn keinen Schritt weitergekommen. Nicht einmal einen Fußbreit! Es war so sinnlos - dasitzen und warten, daß sich in seinem Kopf irgendwas tat!
Als die Abenddämmerung heraufzog, war selbst Ahorns beinahe unerschöpfliche Geduld am Ende. ‘Das bringt doch alles nichts!’ dachte er erbittert und wollte aufstehen, aber seine Beine waren vom langen Sitzen eingeschlafen und kribbelten bei der kleinsten Bewegung, als hätte er Ameisen darin. Aus der Unruhe und Anspannung, die er den ganzen Tag nicht wirklich ablegen konnte, wurde langsam Wut. Wut auf dieses unfaire Erkennen, auf seine Hals-über-Kopf-entschiedene Seelennamensuche, zu der er nicht einmal Rat gesucht hatte, und auf sich selbst, weil er anscheinend einfach nicht imstande war, sein eigenes Ich zu finden.
Endlich gehorchten ihm wenigstens seine Beine wieder. Ahorn stand auf und trottete mürrisch zu dem kleinen Flüßchen ganz in der Nähe. Fasten hieß ja schließlich nicht, daß er auch nichts trinken durfte, oder?! Ahorn hockte sich nieder, schöpfte Wasser mit der hohlen Hand und trank. Es tat ihm gut, beruhigte ihn sogar ein wenig, obwohl das Gesicht, das sich im Wasser spiegelte, ihm immer noch ziemlich mißgestimmt entgegensah.
Und plötzlich dachte er: ‘Und wenn ich es nicht schaffe?’
Ahorn richtete sich ruckartig auf. Es war ihm wie ein Schreck in die Glieder gefahren. Wenn es ihm nun wirklich nicht gelang, mit seinem Seelennamen eins zu werden? Was geschah dann mit ihm? Mit ihm und Grünblatt? Er konnte sich nicht erinnern, daß es bei den Mondreitern jemals so etwas gegeben hatte. Keine der Geschichten erzählte davon, auch nicht aus Weitblicks Stamm.
Ahorn schüttelte sich leicht, weil ihn dabei eine Gänsehaut überlief. Nein, so etwas konnte es einfach nicht geben! Jemanden, der nicht mit seinem Seelennamen eins wurde, obwohl er ihn kannte! ... Er mußte sich einfach mehr Zeit lassen. Schließlich hatten alle anderen vor ihm auch mehr als nur einen einzigen Tag dafür gebraucht.
Aber die Zweifel wollten nicht verschwinden. Bedrückt machte sich Ahorn auf den Rückweg zu seinem Baum. Er wußte nicht mehr, wie es jetzt weitergehen sollte mit seiner Suche. Was sollte er denn noch tun?
Die Lichtung lag schon im Dämmergrau. Plötzlich strich etwas wie ein großer Schatten über Ahorn hinweg. Er hörte Flügelschlagen und einen leisen, gedämpften Laut. Neugierig blieb der Junge stehen und erkannte eine Eule, die sich auf einem höheren Ast im Baum direkt gegenüber niedergelassen hatte, gemächlich die Flügel ordnete und aus gelben Augen zu ihm hinuntersah. Dann blinzelte sie langsam, drehte den Kopf und fing an, mit dem Schnabel durch ihr Federkleid zu streichen. Aber nicht, ohne dem Jungen immer wieder einen aufmerksamen Blick zuzuwerfen.
‘Dann bin ich wenigstens nicht mehr alleine hier’, dachte Ahorn und mußte beinahe lächeln dabei. Mit einem inneren Seufzer ließ er sich wieder auf seinen Platz fallen. Er zog die Knie an, legte die Arme darüber und stütze das Kinn darauf.
Owl ... wer bist du? ... wer bin ich?
Auge in Auge mit dem Nachtvogel hatte Ahorn plötzlich das Gefühl, sich die ganze Zeit die falschen Fragen gestellt zu haben. Wie sollte er herausfinden, wer ‘Owl’ war, wenn er manchmal selbst nicht genau wußte, wohin er in seinem eigenen Stamm gehörte? Und wie sollte er seinen Seelennamen finden, wenn er von einem Laut ausging, der ihm nichts bedeutete?
Er mußte einfach vergessen, daß Grünblatt ihn schon ausgesprochen hatte. Mußte versuchen, ihn ganz aus sich selbst heraus zu entdecken. Ahorn wußte zwar immer noch nicht, wie er das anstellen sollte, aber vielleicht half ihm seine „neue“ Frage dabei ein Stück weiter.
‘Wer bin ich?’ Viel wollte Ahorn dazu nicht einfallen. Schließlich war er gerade erst fünfzehn Sommer alt, und dann auch noch ohne irgendwelche herausragenden Talente. Er half mit, so weit er konnte, wenn irgendwo Hände zum Anpacken gebraucht wurden. Er paßte auf Beere auf und baute ihr Spielzeug, wie er es für sich selbst gern getan hatte.
Ahorn wußte nicht recht, wozu er eigentlich taugte - dafür aber nur zu genau, wozu nicht: weder zum Jäger noch zum Kämpfer, der sich mit Menschen anlegte. Mit Unbehagen erinnerte der Junge sich an die früheren Lehrstunden bei Wildhirsch, seinem Onkel, den er dabei jedesmal von Neuem enttäuschte, weil ihm einfach nichts gelang. Und wenn sich die Gelegenheit bot, war er manchmal sogar einfach „nicht auffindbar“ gewesen. Meistens saß er dann hier am Fuße des alten Ahorns oder bei seinem Lieblingsbaum am See, um seinen Gedanken nachzuhängen, die Natur zu beobachten und in den Tag hinein zu träumen. Aber Ahorn merkte schon seit einiger Zeit, daß ihm das alles nicht mehr reichte. Wenn er nur etwas fand, worin er dem Stamm wirklich nützlich sein könnte ...
Ihm schienen außer den Heilern die Jäger die Wichtigsten im Stamm zu sein. Und manchmal hatte Ahorn sich im Stillen geschämt, daß er nicht einmal dazugehören wollte - ganz abgesehen davon, daß er es sowieso nicht schaffte.
Aber vielleicht war er auch nur von Wildhirsch angesteckt, der war ja Jäger mit Leib und Seele. Marleen, Blütenlicht, Grünblatt - die waren ja auch keine Jäger und störten sich nicht daran. Aber sie hatten ja auch eine richtige Aufgabe.
Er dagegen ...
Beinahe wäre Ahorn ganz in seiner düsteren Stimmung versunken, wäre ihm nicht wieder eingefallen, was Schatten einmal zu ihm gesagt hatte, während dieses traumbeerenseeligen Gespräches. Ahorn sah ihn ganz deutlich vor sich, wie er da neben ihm am Bach saß, leicht die Hand ausstreckte und ein kleiner Spatz auf seinem Finger landete, und dann sagte:
"Jeder Elf ist ein Einzelstück ... und irgendwann wirst du etwas können, wofür dich die Jüngeren beneiden werden. Es muß nicht magisch sein ... und nicht Holz schnitzen. Vielleicht wirst du mal Hölzer bauen, mit denen man übers Meer reisen kann, oder du wirst ein wichtiger Baustein in deiner Familie ... oder du wirst irgendein besonderes Handwerk lernen."
„ein wichtiger Baustein in deiner Familie“
Schatten, der Traumbeerenprophet -  als ob er es geahnt hätte!
Ahorn mußte lachen, so daß die Eule im Baum gegenüber aufschrak, ihn vorwurfsvoll anschaute und einen dunklen Laut von sich gab. Es war einfach zu kurios! Wenigstens darin würde Ahorn jetzt wohl oder übel wichtig sein: neues Leben für den Stamm, denn das zog eine Erkenntnis nun einmal - zwangsläufig - nach sich.
Nein, über Erkenntnis wollte Ahorn jetzt aber nicht weiter nachdenken. Kein bißchen!
Und doch kam er nicht ganz davon los. Er fragte sich, was seine Eltern wohl dazu gesagt hätten. Seine Eltern ... an seine Mutter Tiura erinnerte Ahorn sich kaum, sie war zu früh gestorben. Er wußte aus dem Senden von anderen, wie sie aussah, aber ihm selbst blieb sie fremd. Und sein Vater - Waldschatten? Der war ihm kaum weniger fremd, so gefangen in seinem eigenen Schmerz und der Trauer um die tote Gefährtin, daß er den Sohn darüber fast zu vergessen schien.
Was hieß „fast“ ... Schließlich war er fortgegangen, als Ahorn nicht mehr als fünf Sommer zählte, hatte den Stamm verlassen. Auch wenn Ahorn die Trauer des Vaters verstand und daß er vielleicht eine Zeitlang die Einsamkeit brauchte, um damit fertigzuwerden - er verstand nicht, daß Waldschatten nicht wiederkam. Zehn lange Sommer und Winter, in denen Ahorn zuerst bei Mondstein und Silberfluß, später bei Marleen und Beere, die ja auch keine Eltern mehr hatte, in der Baumhöhle wohnte. Manchmal nicht wissend, wo er denn nun wirklich hingehörte, obwohl er sie mochte ... Ahorn hatte früh gelernt, nicht zu oft darüber nachzudenken. Am besten gar nicht. Obwohl das nicht immer so einfach war.
Ahorns Gedanken verliefen sich wie Wasser. In alle Richtungen gingen sie, nur nicht dahin, wo sie doch eigentlich hin sollten. Schon wieder tauchte eine Erinnerung auf, die ihn ablenkte: Schatten hatte in jenem Gespräch ja noch etwas anderes gesagt: ... ein besonderes Handwerk? Warum eigentlich nicht? Es wurmte Ahorn schon länger, daß seine Schnitzkünste eher dürftig waren. „Bastelschnitzen“ - mehr war es nicht. Vielleicht war es gar keine schlechte Idee, wenn er sich das einmal richtig beibringen ließ. Womöglich lag ihm das sogar. Und jemanden, der gut Schnitzen konnte, den brauchten sogar die Jäger. Er würde Weitblick fragen, gleich wenn er das hier hinter sich hatte.
Mit diesem Entschluß löste sich ein Teil seiner Verbissenheit plötzlich auf. Ahorn lächelte in die Dunkelheit hinein und zwinkerte der Eule zu, die ihm immer noch gegenüber saß und unverwandt anzuschauen schien. Ja, so würde er es machen.
Ahorn gähnte und lehnte sich gegen den Stamm. Allmählich drohten dem Jungen die Augen zuzufallen. Gerade noch rechtzeitig erinnerte er sich selbst daran, daß er nicht einschlafen durfte. Seufzend setzte er sich wieder auf, versuchte, die Gedanken in die richtige Richtung zurückzulenken. Aber sie entglitten ihm wieder, sprangen von einer Erinnerung zur nächsten und Ahorn ergab sich ihnen. Bilder, Gesichter, Wortfetzen und kleine Begebenheiten zogen an ihm vorbei, während die Monde wanderten und die gelben Augen des Nachtvogels ihn Stunde um Stunde zu begleiten schienen. Irgendwann waren sie fort. Ahorn vermißte sie beinahe. Dann kämpfte er weiter gegen den Schlaf und wartete auf das, was kam.
Oder auch nicht.
Als der nächste Morgen graute, war Ahorns Körper steif vom langen Sitzen und sein Kopf immer noch leer. Aber ans Aufgeben dachte der Junge nicht. Und wenn er tagelang hier sitzen müßte - er war entschlossen, sich nicht eher von diesem Baum wegzurühren, bis er gefunden hatte, was er suchte. Doch die Müdigkeit hatte sich in ihm breitgemacht, und wenn er hier noch lange saß, würde er nicht nur Muskelkater bekommen, sondern auch noch einschlafen.
Ahorn stand auf, lockerte seine Glieder, blickte am Stamm des Ahorns empor und begann kurzentschlossen, in seine Krone hinaufzusteigen. Das Gefühl der rauhen, alten Rinde unter seinen Fingern mochte er, und als der Junge sich weit oben in der Krone einen sicheren Sitzplatz gesucht hatte, fühlte er sich schon bald besser. Von seiner Astgabel aus konnte er über die Wipfel der meisten Bäume blicken. Wie eine Decke aus schwarzgrünen Farbtönen lag der Wald in der Dämmerung unter ihm. Der Wind, der hier oben ging, war leicht und kühl. Ahorn hielt ihm sein Gesicht entgegen und sah zu, wie der Schein der Sonne, die noch nicht sichtbar war, die Wolkenschleier am Horizont  rot und lila anmalte, bis die Dämmerfarben heller wurden, verblaßten und dem Tageslicht wichen.
Ahorn kniff die Augen zu bei der ungewohnten Helligkeit - normalerweise legte sein Stamm sich ja zu dieser Zeit zum Schlafen nieder - und kletterte tiefer in die Blätterschatten hinab. Wieder saß er in einer Astgabel, ließ die Beine baumeln und lehnte sich gegen den Baumstamm. Er merkte kaum, wie der Tag vorüberzog, obwohl er sich endlos dehnte in seinem Warten und Lauschen und dem hin und wieder aufkommenden Bemühen, nicht mit der Faust gegen den Stamm zu schlagen, wenn wieder die Ungeduld in Ahorn erwachte. Wie oft hatte er schon irgendwo allein mit seinen Gedanken und Träumereien dagesessen und dabei die Zeit vergessen. Nie war sie ihm dabei so lang erschienen. Aber er konnte hier nicht weg, ohne seinen Namen zu finden. Er wollte nicht und würde auch nicht! ... obwohl der Gedanke „was, wenn ich es nicht schaffe?“ immer noch in seinem Kopf saß. Oder niemals wirklich verschwunden war, sondern sich, je weiter die Sonne über den Himmel zog, immer öfter zurückmeldete.
Ahorn ignorierte sogar seinen Durst, weil er, erfüllt von einer ihm bisher unbekannten Sturheit, von seinem Platz zwischen den im Wind singenden Blättern nicht fortwollte. Aber irgendwann schien die Erschöpfung doch ihren Tribut zu fordern. Ohne daß Ahorn es so recht gewahr wurde, rutschte ihm der Kopf zur Seite und er glitt hinüber in einen ... Traum?
War es ein Traum? Rauschten nicht immer noch die Blätter des Ahorns in seinen Ohren? Fühlte er nicht immer noch den Wind? Aber gleichzeitig war es ihm, als könne er dafür seinen Körper nicht spüren. Als sei dieser genauso leicht wie ein zu Boden sinkendes Blatt.
Während Ahorn sich noch darüber wunderte, glomm etwas auf zwischen den Blättern und verschwand wieder. ‘Was ist das?’ dachte Ahorn - denn eine Stimme hatte er in diesem seltsamen Traum auch nicht mehr. Er starrte die Blätter um sich an, bis das Sonnenlicht in ihren Zwischenräumen anfing, ihn zu blenden und er die Augen schließen mußte. Als er sie wieder vorsichtig öffnete, blickte er in ein Gesicht, das er kannte, wenn auch nicht wirklich. Augen wie graublauer wolkiger Himmel. Eine Locke hellen Haars, die darüberfiel. Hellblondes Haar wie ein Schleier um sie herum. Ein seltsames, schwaches Glimmen um die ganze Gestalt, die neben ihm auf dem Ast saß. Ein liebevolles Lächeln, das Ahorn einfing wie nie etwas zuvor.
*Mutter...?*
Wenigstens Senden konnte er in diesem Traum. Denn jetzt war Ahorn sich sicher, daß er träumte. Seine Mutter war schließlich tot.
Die Elfe nickte leicht. In ihren Augen tanzten silberne Fünkchen. Sie schien genau zu wissen, mit welchen Gedanken und Zweifeln er sich die ganze Zeit über herumgeschlagen hatte. Und als wäre sie nur erschienen, um ihm darauf eine Antwort zu geben, erklang plötzlich ein sanftes Senden in Ahorns Kopf:
*Deine Stärke liegt nicht in deinen Armen oder im Gebrauch von Waffen, sondern hier.“
Tiura beugte sich vor und berührte mit dem Zeigefinger seine Stirn. Ahorn bedauerte es, daß er ihre Berührung nicht spüren konnte. Dann fuhr sie fort: *Ich habe auch oft an mir gezweifelt, als ich jung war. Genau wie du. Aber das brauchst du nicht. Diejenigen, die den Wölfen nahe sind, denken und leben oft allein im Jetzt und Hier. Aber es gibt immer einige, die neue, andere Dinge sehen und darüber hinausdenken. Darin liegt deine Gabe. Du bist wie ich. Den Sternen und Träumen näher als den Wölfen und der Jagd.“
Nie hätte Ahorn vermutet, daß jemand seine Zweifel teilte, daß jemand im Stamm einmal ähnlich empfunden hatte. Wie auch? Seine Mutter hatte es ihm ja nie erzählen können. Aber dennoch wandte er ein: *Aber es gibt doch so viele Dinge, die wichtiger sind für das Überleben in einem Stamm.*
*Ich glaube nicht, daß alle deiner - unserer - Stammesgefährten das so sehen.* widersprach Tiura mit einem wissenden Lächeln. *Ich weiß, was in dir steckt, Owl.*
Owl ... einen Moment lang setzte Ahorns Herzschlag aus. Und im gleichen Augenblick begann Tiuras Gestalt zu verblassen wie langsam verlöschendes Licht. Ihre wolkengrauen Augen, die Ahorns Blick festhielten, verschwanden als letztes. Aber das Wort war noch da, hallte in seinem Kopf und durch seinen ganzen Körper hindurch. Es war wie eine plötzlich aufgestoßene Tür. Ahorn hatte das Gefühl, als würde sein Innerstes bloßgelegt.
Den Sternen näher als den Wölfen.
Ich bin wie du.
Ich bin Owl!
Ahorn rief es mit seiner Stimme ohne Laut in diesen seltsamen Traum voll singender Blätter. Auf einmal war alles so klar, daß er sich fragte, warum er so lange gebraucht hatte, um es zu begreifen. Alles, was er jetzt war und später einmal sein würde, seine Ängste, Freude, Träume und Zweifel, Erinnerungen und Zukunft - all das, was ihn allein ausmachte, war Owl. Anders als die meisten Elfen im Stamm, aber genauso einzigartig wie jeder von ihnen. Und wenn seine Mutter recht hatte, dann würde er gerade darum seinen Platz unter den Mondreitern finden, dann gab es niemanden, der „nicht wichtig“ war.
Ein ums andere Mal wiederholte Ahorn seinen Seelennamen, spürte glücklich, wie dieser ihn ausfüllte und nicht mehr hohl und fremd klang. Er hatte das Gefühl, als könnte er jetzt alles schaffen und mit allem zurecht kommen, sogar mit dieser verflixten Erkenntnis ... irgendwie würde ihm auch das gelingen.
Plötzlich drängte sich etwas sehr Reales in Ahorns Traum. Flügelschläge, direkt vor seinem Gesicht. Und ein dunkler Laut, einem Echo seines Seelennamens gleich. Ahorn riß die Augen auf, sah Federn, die fast schon seine Wange streiften. In einem Schutzreflex hob er die Arme und kippte bei dieser ruckhaften Bewegung rücklings von seinem Ast. Doch der Sturz war nicht tief. Ahorn riß mehr Blätter von den Zweigen als er blaue Flecken davontragen würde. Der Junge rappelte sich hoch, froh, daß Moos und Gras den Aufprall gedämpft hatten.
„Du dummer Vogel! Mußt du mich so erschrecken?!“ schimpfte er.
Der Nachtvogel blinzelte gemächlich, schaute aus seinen gelben Augen schräg zu dem Jungen hinunter. Sein leises „Huh Huh?“ klang verdammt amüsiert.
„Hast du ein Glück! Wenn ich mit Tieren sprechen könnte wie Schatten, dann würde ich dir jetzt was erzählen!“ setzte Ahorn hinzu, und je länger er den äußerst unschuldig dreinblickenden Vogel beobachtete, desto breiter wurde sein Grinsen dabei. Erstaunlich, daß seine lauten Worte und sein „Sturzflug“ ihn nicht längst vertrieben hatten.
„Du magst mich wohl, was?“
Ahorn kicherte, als er sich vorstellte, mit einer anhänglichen Eule auf der Schulter ins Lager zurückzukehren. Dabei mußte er an Maus denken, die sicher irgendwo in der Nähe geduldig auf ihn gewartet und ihn im Auge behalten hatte. Der Junge hob den Kopf, um sie mit einem auffordernden Heulen zu sich zu rufen. Kaum verklungen, schon schob die Wölfin ihre Schnauze durch die Zweige eines Gebüsches und sprang freudig auf ihn zu.
Maus - die auch anders war als die anderen Wölfe mit ihrem Hinken, die nicht so gut jagen oder rennen konnte, aber für Ahorn einfach unersetzlich war.
„Ich hab’s geschafft, Maus!“ rief Ahorn, schlang die Arme um ihren Hals und ließ es lachend zu, daß die Wölfin ihm eifrig die Nase und quer durchs Gesicht leckte. Eine Weile tollten sie fröhlich über die Wiese, bis Maus plötzlich stehenblieb, den Kopf schieflegte und Ahorn fragend ansah. Dann blaffte sie kurz und bewegte den Kopf, als wollte sie ihn zum Mitkommen auffordern.
„Du hast wohl recht“, nickte Ahorn. „Auf nach Hause und die Schelte für unerlaubtes Verschwinden abholen!“
Nicht, daß Ahorn das wirklich beunruhigt hätte. Er fand eher, daß er stolz auf sich sein konnte. Er hatte getan, was er tun mußte. Er hatte es allein geschafft, ohne sich von jemandem vorher Rat holen zu müssen. Und er hatte seine Mutter gesehen ... Es gab so viel, was er sie noch hätte fragen und ihr sagen wollen. Aber es war vorbei, unwiderruflich. So kurz ihr seltsames Auftauchen in diesem „Traum“ auch gewesen war, es war nun tief in Ahorns Seele verankert.
Ahorn kraulte das Fell der Wölfin und gab ihr einen Stups. „Komm, Maus. Der Weg ist noch weit genug und ich hab langsam wirklich einen Wolfs-Hunger ...“
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