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Über Hexen

von Alaiya
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P6 / Gen
Doremi Harukaze
15.04.2015
15.04.2015
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Ein trister Nebel hatte sich über die Stadt gelegt. Dabei hatte es am Morgen erst geregnet.
Es wurde langsam kühl und auch die Blätter die rot und braun an den Bäumen hingen oder bereits hinabgefallen waren zeigten deutlich, dass es Herbst wurde.
Trotzdem fand die alte Frau ihre Enkelin ohne Jacke auf der Veranda des im altjapanischem Stil gebauten Hauses.
Die siebenjährige mit dem rotblonden Haar hatte sich zusammengekauert. Die Beine hatte sie an den Körper heran gezogen, die Arme fest darum gelegt und das Gesicht gegen die Knie gepresst.
„Fami-chan“, meinte die alte Frau sanft, „Willst du nicht reinkommen?“
Das Mädchen schüttelte nur leicht den Kopf, ohne aufzusehen.
„Ich mach dir auch Pudding, wenn du willst“, versuchte die Frau das Kind weiter zu locken.
Erneutes Kopfschütteln, dann ein Laut, der sich eindeutig als Schluchzen identifizieren ließ.
Mit einem Seufzen kniete sich die Frau neben das kleine Mädchen und tätschelte ihren Rücken. „Ist ja gut“, flüsterte sie. „Ist ja gut.“
Es dauerte etwas, ehe das Mädchen reagierte. Dann, auf einmal, fing sie an lautstark zu weinen und schmiegte sich an den dunklen Kimono ihrer Großmutter, welche die Arme um sie legte und ihren Rücken streichelte.
„Baa-chan“, jammerte das Kind. „Baa-chan...“
„Ist ja gut“, wiederholte die alte Frau.
Sie hatte gewusst, dass Fami kommen würde, nachdem ihre Schwiegertochter sie angerufen hatte und ihr von Mikki, der Katze des Mädchens, erzählt hatte.
„Ich will Mikki wiederhaben“, schluchzte Fami in den Schoß ihrer Großmutter. „Ich will sie wiederhaben.“
„Das ist nicht möglich“, antwortete diese sanft. Sie konnte die Gefühle ihrer Enkelin verstehen, auch wenn sie nie ein Haustier gehabt hatte.
„Aber wieso nicht?“ Es sprach reiner Trotz aus der Stimme des Kindes, dass eigentlich selbst die Antwort kannte.
Deswegen antwortete die alte Frau auch nicht, sondern strich weiter über den Rücken und durch das Haar des Mädchens, bis dieses etwas weniger schluchzte und sich langsam beruhigte.
Nach einer Weile streichelte die alte Frau, deren graues Haar locker zurückgebunden war, dem Mädchen erneut über den Kopf. „Lass uns reingehen“, meinte sie erneut. „Ich mache dir einen Pudding.“
Noch immer verweint sah die siebenjährige auf, nickte dann aber und richtete sich langsam und steif auf, woraufhin ihre Großmutter sie anlächelte.
Schweigend folgte das Kind ihr ins Wohnzimmer, wo es sich schlapp an den niedrigen Tisch setzte und den Kopf auf ihre Arme legte, während die alte Dame die Schiebetür zur Veranda schloss und das Licht anschaltete.
Besorgt sah sie zu Fami, ging dann jedoch in die Küche, um wie versprochen den Pudding zu kochen.
Während sie damit beschäftigt war fielen die Augen ihrer Enkelin, die Ziellos über die klassische Einrichtung des Wohnzimmers schweiften auf das Bücherregal.
Fami zögerte, stand dann jedoch auf und ging langsam zum Regal hinüber, um ein altes, abgegriffenes Buch dort heraus zu ziehen. Sie kannte das Buch, denn ihre Großmutter hatte es ihr früher oft vorgelesen.
Mit dem Buch in der Hand ging sie zum Tisch zurück. Sie schlug das Buch auf, ehe sie sich wieder genau so wie vorher an den Tisch setzte, wobei sie den Kopf nur wenig mehr aufrichtete, um auf die Seiten des teilweise illustrierten Buches sehen zu können.
Noch immer liefen einzelne Tränen über ihre Wangen.
„Hier, siehst du, Fami-chan“, meinte ihre Großmutter, als sie mit Pudding auf einem Teller hineinkam. „Du solltest ihn aber abküh...“ Sie hielt inne, als sie das Buch sah und lächelte. „Was hast du denn da?“
„Du hast mir doch früher einmal aus dem Buch vorgelesen“, flüsterte das Mädchen, dessen Stimme noch immer brüchig war.
„Ja, habe ich“, erwiderte die Großmutter, während sie das Tablett auf den Tisch stellte.
Wortlos schob Fami ihr das Buch zu und zog dann den Pudding zu sich hin.
Gedankenverloren fuhr die alte Frau über den Einband des Buches und lächelte. Über Hexen, war dort gerade noch zu lesen, da die Schrift schon lange ausgeblasst war. Sie öffnete das Buch, dessen alte Seiten an einigen Stellen sogar eingerissen waren.
Da bemerkte sie den Blick ihrer Enkelin und schenkte auch dieser ein weiteres Lächeln. Sie räusperte sich, ehe sie anfing zu lesen. „Wie man eine Hexe erkennt“, begann sie.
„Hexen haben rote Augen. Alle Hexen tragen Handschuhe. Alle Hexen hassen Kinder...“ Sie brach ab und seufzte. „Das stimmt so auch nicht...“
„Hmm?“ Fami legte den Kopf schief.
„Viele Hexen mögen Kinder“, erwiderte ihre Großmutter. „Nicht unbedingt Menschenkinder, aber es gibt doch auch Hexenkinder...“
„Hexenkinder?“, unterbrach das Mädchen, dessen Stimme sich etwas festigte.
„Ja, natürlich.“ Das Lächeln auf dem Gesicht der alten Frau wurde breiter. „Es muss ja auch immer wieder neue Hexen geben, nicht?“
Fami dachte nach. „Stimmt“, gab sie dann zu.
Ihre Großmutter seufzte und für einen Moment war ein wenig Traurigkeit in ihren Augen zu erkennen. „Weißt du, Hexenkinder werden aus Blumen geboren.“
Das Kind sah sie ungläubig an. „Aus Blumen?“
„Ja, aus Blumen“, bestätigte die Alte.
„Haben sie dann keine Eltern?“, fragte Fami.
„Sie haben Mütter“, lautete die Antwort. „Sie bekommen eine Hexe zugeteilt, die sie großzieht.“
Ungläubig sah das Kind sie an.
„Aber das würde doch jemand merken“, meinte es schließlich, doch seine Großmutter schüttelte sanft den Kopf.
„Nein“, erwiderte sie. „Hexen leben nicht in dieser Welt. Sie haben ihre eigene Welt und nur wenige von ihnen begeben sich unter Menschen.“ Sie strich über den Einband des Buches. „Es gibt nämlich nur wenige Tore zwischen den beiden Welten. Und man kann sie nur in Nächten benutzen, in denen der Mond lächelt.“
„Ich hab den Mond aber nie lächeln sehen.“ Mit einem Seufzen wandte sich das Kind nun ihrem Pudding zu und stocherte mit ihrem Löffeln darin herum.
Für eine kurze Weile, sah ihre Großmutter ihr dabei zu und bemerkte, dass das Mädchen, das durch ihre Geschichte zuvor abgelenkt gewesen war, nun wieder bedrückt wurde. Eine einzelne Träne rollte nun wieder über die runde Wange des Kindes, das den Pudding nur ansah, anstatt ihn zu essen.
„Was ist, Fami-chan?“, fragte sie daher.
Das Kind seufzte. „Es ist doch nur eine Geschichte“, flüsterte es. „Wenn es Hexen wirklich gäbe... Wenn ich eine Hexe wäre, dann könnte ich Mikki zurückholen!“
„Nein, das könntest du nicht“, antwortete die alte Frau bestimmt.
„Aber wieso nicht?“ Erneut war Trotz in der Stimme Famis zu hören, als diese ihre Großmutter ansah.
„Es ist verboten.“ Die faltige Hand fuhr in einer beruhigenden Geste wieder über den Kopf des Mädchens. „Es ist verboten Wunden mit Magie zu heilen oder gar Tote wiederzubeleben. Wenn man es versucht, wird man krank oder vielleicht stirbt man sogar selbst...“
Wieder füllten sich die hellen Augen mit Tränen. „Aber wieso?“, wiederholte sich die Frage.
Die alte Dame sah das Mädchen mit weisem Blick an. „Fami-chan“, meinte sie. „Weißt du noch, wie du geweint hast, als du den Anhänger verloren hast, den Vater dir geschenkt hat?“
Fami nickte.
„Warum hast du geweint?“
Das Kind überlegte etwas. „Weil er mein Schatz war. Und er war mir wertvoll.“
„Richtig“, erwiderte ihre Großmutter. „Und was machst du seither mit deinen Schätzen?“
„Ich passe besonders auf sie auf?“ Die Antwort war mehr wie eine Frage formuliert, doch die Reaktion der alten Frau war ein lobendes Nicken.
„Aber was wäre, würdest du jeden Schatz, egal ob du ihn verlierst oder kaputt machst wieder herzaubern könntest?“
Fami überlegte für eine Weile schweigend. „Ich würde weniger drauf achten...“
„Eben“, antwortete ihre Großmutter. „Wenn wir etwas jeder Zeit wiederbeschaffen können, auch wenn es kaputt geht oder wir es verlieren, dann verliert es für uns an Wert, wird ersetzbar. Und stell dir vor, wie es wäre, wenn die Menschen, die wir lieben auf einmal ersetzbar würden...“ Sie sah zu dem Schrein ihres verstorbenen Mannes, der in einer Ecke des Zimmers aufgestellt war.
Bedrückt sah das Kind auf seine Hände. „Aber Mikki...“
„Auch wenn du eine Hexe wärst, würde Mikki sicher nicht wollen, dass du krank wirst oder gar dein eigenes Leben opferst, um sie wieder zu holen...“
Nun nickte Fami.
Sie schwieg und nahm schließlich einen Löffel des Puddings in den Mund. „Danke, Doremi-baa-chan“, flüsterte sie dann, ehe sie still den Pudding weiterlöffelte, wobei sie sichtbar noch immer mit den Tränen kämpfte.
Doremi lächelte. „Du bist ein gutes Kind, Fami-chan.“
Draußen begann es wieder zu regnen, während das Kind die Süßspeise aß. Sie konnten hören, wie er auf das Dach prasselte, während der Wind die Bäume, die das Haus umgaben, schüttelte.
„Sag mal, Baa-chan“, begann Fami schließlich leise, als sie den Pudding aufgegessen hatte. „Woher weißt du so viel über Hexen?“
Doremi lachte kurz. „Weißt du, deine Großmutter mag vielleicht nicht so aussehen, aber früher als sie nur wenig älter war als du, da war deine Großmutter selbst eine Hexe.“
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