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Different moments ~

KurzgeschichteAllgemein / P18 Slash
14.04.2015
29.05.2019
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Ihr Gesang war schon immer das gewesen, was ihn am Leben gehalten hatte.
Immer, wenn Lacie gesungen hatte, dann war Oswalds Herz ein kleines Stückchen aufgegangen, hatte sich geöffnet für die Welt, die ihm sonst so verhasst war.
Oh, und wie er die Welt hasste.
Wie er jeden hasste, der seiner Schwester oder ihm weh tat, wie er jeden hasste, der sie schlug.
Er hasste die ganze Welt.
Die Sonne und den Mond, den Himmel und die Wolken, den Schnee und den Regen.
Nichts davon war auch nur annähernd schön, wenn man auf der Straße lebte.
Absolut gar nichts.
Wenn es regnete, mussten sie sich unterstellen, weil Lacie sonst fror weil er sie sonst verlieren würde, sie hatten schon immer gehungert.
Oswald konnte sich nicht daran erinnern, jemals satt gewesen zu sein.
Und es war ja nicht genug, dass ihre Eltern sie nicht leiden konnten.
Nein, die ganze Gesellschaft hatte Angst vor ihnen, wollte sie töten, nur weil Lacie rote Augen hatte.
Blutrot.
Sie waren nicht nur rot, sondern blutrot.
Aber Oswald mochte sie, er mochte die Augen seiner Schwester, weil sie genau so unheilvoll waren wie der Rest ihres Daseins.
Alles an Lacie war unheilvoll – ihre roten Augen, ihre pechschwarzen Haare, ihre schneeweiße Haut.
Aber dann, dann war da ihr Gesang.
Und dieser konnte alle Wolken und jeden Regen durchbrechen, die sich in Oswalds Kopf fest setzen.
Ihre Stimme war hell und klar, selbst, wenn sie nur summte, schien sie wie ein Engelsgesang.
Nicht dass Oswald an Engel, geschweige denn an Gott glaubte.
Aber falls es Engel gab, dann war Lacie ein Engel.
Ein gefallener Engel, aber trotz allem noch ein Engel.
Und dann war das Licht gekommen, während sie gesungen hatte, nachts, weil keiner von beiden schlafen konnte.
Das Licht war hell gewesen, hatte Oswald geblendet, bis es direkt vor ihm und dann in im war.
Er wusste, dass er diesem Licht eigentlich nicht folgen sollte, weil Lacie da war und weil es ungewiss war, wohin es ihn führen könnte, weil es genau so gut auch eine Hunger-Halluzination hätte sein können.
Aber er konnte nichts gegen den Drang tun, der ihn zog, es war wie ein Strudel, der ihn in eine bunte Welt ziehen würde.
Aber dieser Strudel würde ihn nur in eine blutrote Welt führen.
In die Welt, die Lacie schon immer gesehen hatte.

Ihr Gesang war das, was ihn überhaupt erst zum Leben erweckte.
Immer, wenn Lacie gesungen hatte, hatte Jack angefangen, sich ein wenig mehr für das Leben zu interessieren, seine Gefühle ein wenig mehr zuzulassen.
Oh, und wie wenig er sich um die Welt kümmerte.
Sie hatte ihn noch nie interessiert. Warum auch? All diese Probleme waren nur selbst gemacht. All diese Probleme mit der Politik, mit den Armen, mit der Industrialisierung.
Alles vom Menschen selbst gemacht.
Obwohl ihm die Welt so egal war, fand er es lustig, von außen zuzusehen wie sich all diese verzweifelten Menschen selbst zerstörten, sich gegenseitig umbrachten.
Aber dann war Lacie gekommen und hatte in zerstört.
Es war nicht so, dass er ihre blutroten Augen hasste; nein, natürlich nicht.
Er mochte Blut, er mochte Blut, weil es immer das einzige gewesen war, was ihn hatte Schmerzen spüren lassen.
Hatte er sonst doch keine Gefühle, so musste Blut eben der einzige Ausweg sein.
Aber obwohl er ihre Augen geliebt hatte, hatte er sie gleichzeitig auch gehasst.
Sie hatten sich in seine Augen, in sein Gehirn eingebrannt und würden nie wieder dort hinausgehen. Das Bild, wie sie schienen, als es Blut geregnet hatte, als sie in diesem Regen getanzt hatte, dieses Bild würde für immer dort bleiben.
Scheiße, als ob er es je vergessen könnte.
Ganz tief in ihm, da wusste er, dass er sie liebte, dass er mit ihr zusammen sein wollte, dass er sie in seinen Armen halten wollte.
Aber erlauben – das konnte er es sich nicht. Er war beschmutzt. Er war dreckig und widerlich und sollte nicht diese Schönheit besudeln, die sie besaß, selbst, wenn sie in dem Blut ihrer Opfer tanzte.
Selbst dann war sie noch wunderschön.
Jack hatte nie gedacht, dass er einmal sagen würde, dass er die Welt schön fand.
Aber trotz all ihrer Hässlichkeit, war sie wunderschön.
Das war ihm aufgefallen, als sie sich zusammen den Sternenhimmel angesehen haben, die goldenen Lichter bewundert hatten, die laut ihr genau so aussahen wie die goldenen Lichter des Abyss.
Es war lustig.
Es war lustig, dass es in einem Grab goldene Lichter geben sollte.

Ihr Gesang war das, was sie davon zurückhielt, komplett durchzudrehen.
Sie war dem Tod geweiht. Sie hatte das bereits erfahren, als sie gerade mal ein kleines Kind war.
Und davor, bevor sie erfahren hatte, dass sie hinabgestoßen wird, da war sie bereits auch missbraucht und geschlagen worden, nur wegen ihrer roten Augen.
Nur, weil sie nicht so war wie alle anderen.
Nur, weil irgendwer irgendwann entschieden hatte, dass rote Augen Unglück bedeuteten.
Und obwohl sie diese Welt unglaublich hässlich fand, da war sie gleichzeitig doch unglaublich wunderschön.
Überall in den Straßen waren Obdachlose, Prostituierte, der Rand der Gesellschaft, die Menschen, die man als 'Abschaum' bezeichnen würde, würde man nicht Lacie Baskerville heißen.
Aber waren es nicht diese Menschen, die genügsam waren, die sich über jeden Krümel Brot, den sie fanden, freuten, waren es nicht diese Menschen, die einem zeigten, wie schön das Leben sein konnte, selbst, wenn alles aussichtslos schien?
Oswald hatte sie deswegen des öfteren 'verrückt' or 'verdreht' genannt, hatte aber dabei gelächelt, als würde er das nie ernst, oder zumindest nicht negativ meinen.
Natürlich nicht.
Lacie wusste, dass er sie über alles liebte und sie wusste, dass er lieber selbst sterben würde, wenn er könnte, anstatt sie später mit seinen eigenen Händen umzubringen.
Es war nicht so, dass sie gar keine Angst vor dem Tod hatte.
Aber sie konnte auch nicht von sich behaupten, dass sie sich wirklich fürchtete.
Schließlich würde jeder irgendwann ein mal sterben.
Da war sie nun mal keine Ausnahme.
Klar, es war unglücklich, dass ihr 'ein mal' so früh war, aber sie hatte es nie wirklich gekümmert, denn sie hatte ja ihren Bruder, Oswald, und den komplett 'verrückten' und 'verdrehten' Mann Jack.
Sie hatte genug aus ihrem Leben gemacht.
Sie hatte die Tatsache, dass sie schon bald sterben würde, schon eine lange Zeit akzeptiert.
Es war sowieso nicht so, dass es sie sonderlich interessierte, was mit ihr passierte.
Sobald die Leute um sie herum glücklich waren, dann wäre sie auch glücklich.
Sie wusste, dass das eine Lüge war.
Niemand konnte mit seinem Tod wirklich glücklich sein.

Nicht Oswald,
Nicht Jack,
Nicht sie.
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