Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Alea iacta est

Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
Asterix Falbala Julius Cäsar Obelix
12.04.2015
10.06.2015
4
9.090
7
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
27.04.2015 1.906
 
Inzwischen lebte ich seit drei Wochen im Dorf und, was soll ich sagen, hier war mir zum ersten Mal deutlich geworden, wie schmerzhaft diese Leere doch sein konnte, die all die Jahre lang meine Seele ausgefüllt hatte. Jeden Tag fiel mir erneut auf, wie sehr sich das Leben hier von Athen unterschied.
Wenn die Leute mich auf der Straße ansprachen taten sie das hier ohne Hintergedanken, während man sich in der Hauptstadt sicher sein konnte, pro gesprochenem Satz mindestens einmal auf die finanzielle Not seines Gegenübers aufmerksam gemacht zu werden. Sowohl in Rom als auch in Athen war es Gang und Gäbe, sich selbst bei reichen Bekannten zum Abendessen einzuladen, unter den wesentlich ärmeren Römern kam es jedoch sehr viel häufiger vor.
Ich hatte nicht lange gebraucht um zu begreifen, wie berechnend diese so genannte 'feine Gesellschaft' doch war und hatte mich daran gewöhnt.
Umso mehr Mühe kostete es mich, hier nicht jeden Moment einen bettelnden Nebensatz zu vermuten.

Mittlerweile war der Winter endgültig über Gallien hereingebrochen. Der Himmel wechselte seine triste graue Färbung nur, wenn das nächtliche Schwarz diese überdeckte. Der Schnee fiel in derartigen Massen, dass die Männer des Dorfes inzwischen begannen, breite Holzbalken senkrecht in ihren Häusern aufzustellen, um das überlastete Dach abzustützen. Auch mein Onkel tat dies, während ich und Falballa, mit der ich mich quasi täglich entweder bei ihr oder bei meinem Onkel traf, am Tisch saßen und eine Runde Tabula spielten.
Konzentriert sah allerdings anders aus. Während Falballa immer wieder aufpassen musste, dass mein Onkel ihr nicht den Balken, mit dem er gerade herumhantierte versehentlich auf den Kopf schlug langweilte ich mich. Ich hatte dieses ursprünglich römische Spiel in meinem Leben schon so viele Male gespielt und -auch, wenn es ein Glücksspiel war- wurde es irgendwann ziemlich langweilig.
"Obelix, verdammt nochmal, jetzt hilf mir mal!", hörte ich Asterix mit vor Anstrengung rauer Stimme rufen, gerade als ich lustlos einen der gegnerischen Steine aus dem Feld warf.
Im nächsten Moment stob eine gigantische Masse an Schnee in den kleinen Raum, als die Tür aufgerissen wurde und sich die breite Gestalt von Obelix hindurchzwängte.
Ihn hatte ich bereits am Tag meiner Ankunft kennengelernt, da er mit meinem Onkel in einer Art von Wohngemeinschaft lebte. Er war mir sehr sympatisch, ich mochte seine Ehrlichkeit und seine kleinen menschlichen Schwächen, die er im Gegensatz zu vielen anderen meiner Bekannten ganz offen zugab.
"Was schreist du hier denn so rum, Asterix?", fragte er verwundert, als er die Tür hinter sich zuschlug.
Asterix, der sich immernoch mit dem riesigen Balken herumschlug- ein Bild, was beim Größenunterschied von ihm und dem Balken- antwortete nur wütend: "Na was meinst du wohl? Würdest du mir vielleicht mal mit diesem Teil helfen oder würdest du es vorziehen, wenn unser Haus bald zusammenbricht?"
Obelix reagierte auf den Unmut seines Freundes nur mit einem nachsichtigen Lächeln, nahm ihm den Balken aus der Hand und stellte ihn mit einer fast furchteinflößenden Leichtigkeit so auf, dass sich das Dach, das sich bereits ein Stück herabgesenkt hatte, beinahe augenblicklich wieder in seine normale, gerade Form zurückbegab.
"Warum benutzt du auch keinen Zaubertrank?", fragte er etwas verständnislos, dies gab meinem Onkel jedoch gleich wieder die Gelegenheit, aus der Haut zu fahren.
"Vielleicht, weil der Druide im Winter seine Zutaten für Notfälle zusammenhält?!", maulte er. Ich kannte ihn schon immer als impulsiven Menschen, im Winter war seine Gereiztheit jedoch oft unerträglich.
Wie von seiner Laune angesteckt warf ich meine drei Würfel auf den Tisch. "Ich hab keine Lust mehr.", erklärte ich an Falballa gerichtet, die mich etwas befremdet ansah und als ich dann noch meinte: "Komm, lass uns rausgehen!" schien ihr Gesichtsausdruck mich regelrecht anzuschreien: 'Hast du sie noch alle beisammen?!'
Ich kannte diese Reaktion schon und verzichtete darauf, ihr meinen Wunsch zu erklären, oft wusste ich ja selbst nicht, was in mir vorging.
"Was willst du denn jetzt da draußen?", fragte sie etwas vorsichtiger, als ich es eigentlich erwartet hatte. "Ich habe offengestanden nicht wirklich Lust, mir die Finger und Zehen abfrieren zu lassen."
Ich ließ mich von ihrer ablehnenden Haltung nur wenig beeindrucken und versuchte weiter, ihr die Sache schmackhaft zu machen, als sich plötzlich mein Onkel einmischte: "Kiana, ich finde auch, dass es entschieden zu gefährlich für euch wäre, jetzt noch nach draußen zu gehen. In ein oder zwei Stunden wird es dämmern und außerdem haben unsere Jäger bei der letzten Wildschweinjagd ein Wolfsrudel mit Jungen gesehen und du weißt, dass diese Viecher ihren Nachwuchs bis auf's Blut verteidigen!"
Ich blickte ihm herausfordernd in die Augen: "Ach Onkel, ich wollte nur nachsehen gehen, ob der Schober noch steht, in dem wir früher gespielt haben."
"Ja, tut er.", war seine knappe und alles andere als zufriedenstellende Antwort hierauf. "Dort stehen im Moment unsere Ochsen, die Kühe, die paar Pferde und ein Esel. Reicht dir das?"
"Onkel!", rief ich gespielt schmollend aus. "Bitte, ich pass' auch auf mich auf und ich werde vor Einbruch der Dunkelheit zurück sein, versprochen!"
Skeptisch zog er eine Augenbraue hoch, lächelte dann jedoch leicht und grummelte: "Na gut, aber wenn es dunkel wird bist du zurück und keine Minute später, abgemacht?"
Glücklich über den Ausgang meines stummen Disputs mit Asterix sprang ich auf, hauchte ihm einen kurzen Kuss auf die Wange und verschwand dann in dem Raum hinter ihm, dem Zimmer das er und Obelix mir zur Verfügung gestellt hatten. Dort riss ich hektisch den dicken, bodenlangen Wollumhang, der auf der Innenseite zusätzlich mit Hasenfell ausgekleidet war von einem Kleiderständer neben der Tür und kehrte in den Wohnraum des Hauses zurück. Etwas umständlich schlang ich mir das lange Stück Stoff um den Körper und verschloss es mit der kleinen nach gallischer Art gefertigten Goldfibel, knapp unter meinem Schlüsselbein.
"Und du willst wirklich nicht mit?", fragte ich Falballa dabei. Ich hätte sie zwar gerne dorthin mitgenommen, schon allein, weil wir damals so viel Zeit zu dritt dort verbracht hatten, aber konnte ich auch verstehen, dass sie im Winter keine Lust auf eine solche Expedition hatte. Ich würde sie einfach noch einmal mitnehmen, sobald der Schnee geschmolzen war, bisher war mein Aufenthalt hier ja zeitlich unbegrenzt.
"Bloß nicht! Mich friert's ja schon, wenn ich nur aus dem Fenster sehe.", rief sie mit einer etwas übertriebenen Schüttelbewegung.    
"Gut, dann bleib hier. Ich kann dir ja später erzählen, ob ich dem Wolfsrudel begegnet bin.", meinte ich beim Verlassen des Hauses noch im Spaß. Ich wusste, dass sie diese Art von Humor hasste, und vielleicht war genau das der Grund, weshalb ich diese Bemerkung noch fallen ließ.

Der Weg, den ich zur Scheune entlang ging kannte ich noch aus meiner Kindheit größtenteils auswendig, auch wenn er im verschneiten Zustand etwas mystisches hatte, das mit Beginn des Sommers verschwand und erst im nächsten Jahr wieder auftrat.
Die dunkle Farbe der Bäume, die den Pfad säumten hob sich von dem sauberen Weiß des Schnees ab, was mich ein wenig an den Schauplatz eine Szene aus meinem Lieblingsbuch erinnerte.
Der Umhang, den ich um meine Schultern trug hinterließ hinter mir leichte Schleifspuren.
Ich bog vom Weg ab, ging ein Stück querfeldein, bis zu einer kleinen Lichtung. Hier in der Nähe musste sich die Scheune befinden. Ich wusste noch, dass sie an keinen erkennbaren Weg angeschlossen wurde, aus dem einfachen Grund, dass man hoffte, niemand würde sie finden, wenn kein direkter Weg hinführen würde. Ich blickte mich kurz um. Ja, das war die Lichtung, nach der ich gesucht hatte. Langsam ging ich die ringförmig angeordneten Bäume ab. An einem von ihnen hatte mein Vater früher ein kleines verstecktes Zeichen eingeritzt um zu vermeiden, dass wir uns auf der Suche nach unserem Geheimversteck im Wald verlaufen würden.
An einem besonders großen, knorrigen Baum fand ich es schließlich. Die Triskele, das Zeichen der namenlosen dreizähligen Göttin des ewigen Lebenszyklus. Als er es damals mit einem kleinen Messer eingeritzt hatte erzählte mein Vater uns, dass egal, wie sich unser Leben auch immer entwickeln würde, sie würde immer bei uns sein, egal ob in ihrer Funktion als Göttin der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ob in ihrer Verkörperung von Geburt, Leben und Tod oder Wasser, Himmel und Land. Mir traten kalte Tränen in die Augen. Ich hatte der Göttin abgeschworen. Jahrelang hatte ich den Göttern Griechenlands und Roms angehangen. Mein Vater akzeptierte es damals, doch ich erinnere mich noch an die Trauer in seinem Blick. Er, selbst Gallier mit Herz und Seele liebte sein Land. Nur meine Mutter hatte das einfache Leben, das wir als kleine Bauernfamilie geführt haben gehasst.
Ich folgte der Richtung, in die das lose Ende der obersten Spirale zeigte, versuchte meine trüben Gedanken abzustreifen, schaffte es doch nicht. Immer mehr Tränen liefen über meine Wangen, so sehr ich mich auch bemühte, meine Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen.

Während ich mit von Tränen getrübtem Blick weiter durch den Wald lief, immer meinem Instink und meinen Erinnerungen hinterher hörte ich plötzlich ein leises Geräusch, irgendwo in der Nähe. Ein Wimmern, oder so. Hektisch sah ich mich um. Ich spürte diesen typischen Impuls in meinen Beinen, die sich darauf vorbereiteten, um ihr Leben rennen zu müssen.
'Bitte lass' das nicht das Wolfsrudel sein! Bei allen Göttern, bitte nicht', schrie ich in Gedanken panisch auf. Da war dieses Geräusch wieder! Es wurde immer lauter! Meine Atmung beschleunigte sich vor Angst. Gehetzt sah ich mich nach einer geeigneten Fluchtmöglichkeit um. Wenn dies wirklich die Wölfe waren, dann musste ich irgendein Versteck finden um den zu dieser Jahreszeit besonders aggressiven Tiere zu entgehen.
Ohne nachzudenken zog ich mich an einem stabilen Ast hoch, der beinahe genau neben mir in einem fast perfekten rechten Winkel vom Stamm einer breiten Eiche abstand. Mit einiger Mühe schaffte ich es, mich rittlings auf den Ast zu setzen. Meine vor Angst zitternden Hände verkrallten sich im hartgefrorenen Holz des Baums.
Erneut ertönte das Wimmern. Einen Moment lang verblieb ich wie erstarrt in meiner Position, dann sah ich mich vorsichtig um. Wölfe oder andere wilde Tiere waren nirgens zu sehen. Das war ein erstes gutes Zeichen, reagierten diese Tiere doch wie im Akkord, wenn ihre Jungtiere nach ihnen riefen. Langsam drehte ich den Kopf nach links, dann nach rechts, wobei ich darauf achtete, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Nirgens blitzte das gräuliche Fell der Wölfe aus den Schneemassen auf, was meinen Puls dazu brachte, sich langsam wieder zu beruhigen.
Dafür sah ich etwas anderes. Fast im toten Winkel hinter dem Baum, auf dessen Ast ich saß war der Schnee aufgewühlt worden. Als ich genauer hinsah traf mich der Schlag um ein Haar mit solcher Wucht, dass es mich schlussendlich doch noch vom Ast gefegt hätte. Wie ferngesteuert sprang ich aus meiner sicheren Höhe und landete unsanft auf dem eiskalten, verschneiten Boden unter mir. Hier im Wald lag gerade so wenig Schnee auf dem Boden, dass weder Gras noch Erde sichtbar waren. Nur eine hauchdürre Schicht des kleinen Kristalle hatte sich darüber gelegt, der Rest war vor dem Aufkommen auf der Erde in den Bäumen hängengeblieben.

Ich umrundete den Baum und als ich dahinter stehen blieb musste ich mich mit aller Kraft zusammenreißen, nicht laut aufzuschreien. Das, was hier im Schnee lag war weder ein Wolf, noch ein anderes wildes Tier. Ich blickte in die verzweifelten tiefschwarzen Augen eines Menschen...
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast