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Tränen eines Engels

Kurzbeschreibung
OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Access Time Chiaki Nagoya Fynn Fish Marron Kusakabe
09.04.2015
09.04.2015
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Ein herzliches "Hallöchen!" an alle Leser dieses OS'.
In diesem Vorwort möchte ich noch ein paar Sätze über den nachfolgenden Inhalt dieses Kapitels verlieren. Die Idee hierzu schwirrt mir schon seit geraumer Zeit im Kopf und auch die Arbeit daran hatte ich schon einmal aufgenommen. Irgendwie kam es aber kurz vorm Schluss zum Stillstand, wahrscheinlich, weil ich mich selbst ein wenig vor dem Ende gefürchtet habe. Der Anlass, warum ich gerade jetzt dieses Projekt hochlade, ist der Geburtstag meiner lieben Freundin Maria. Ich weiß, kein allzu nettes Präsent, wenn man sich mal den Inhalt genauer ansieht. Löst wohl bei der Mehrheit eher Heulkrämpfe als Freudensprünge aus. Trotzdem soll diese Geschichte symbolisch dafür stehen, dass man die Hoffnung nie aufgeben darf, bis ein neuer frischer Wind ins Leben kommt und den Wandel bringt.
In diesem Sinne: Alles Gute für dich, Maria!
Und allen anderen viel Spaß beim Lesen! :3


_____________________

„Das reicht jetzt. Du musst ins Krankenhaus.“
Kopfschüttelnd erhob sich Chiaki aus dem gemeinsamen Bett und kramte in seiner Jackentasche nach dem Handy.
Aus dem Augenwinkel schaute er besorgten Blickes zu seiner Freundin, die sich verkrampft in ihrem Oberteil festkrallte und erschwert nach Luft rang.
„Nein, Chiaki. D-Das… geht bestimmt gleich wieder vorbei. Ich will nicht schon wieder ins Krankenhaus.“
Ihren leisen Protest überhörte er einfach gekonnt. Natürlich wäre ihm alles andere auch lieber gewesen, doch es war ihm zu riskant, ein so hohes Risiko einzugehen. Deshalb wählte er gegen ihren Willen die Nummer seines Vaters.
Erst nachdem es einige Male klingelte, meldete sich die verschlafene Stimme von Kaiki am anderen Ende.
„Hast du mal auf die Uhr geguckt? Es ist mitten in der Nacht. Was willst du?“
Dies war einer der Gründe, warum Chiaki den Kontakt mit seinem Vater lieber vermied. Egal worum es ging, es artete meistens in einen Streit aus, wenn die beiden aufeinander trafen.
„Hör auf zu meckern, das ist ein Notfall. Marron muss ins Krankenhaus, triffst du die nötigen Vorbereitungen?“
Sofort war der entnervte Tonfall des Älteren verschwunden, der mit einem Mal hellwach zu sein schien.
„Macht euch fertig. Ich komm euch in zehn Minuten abholen und gebe Kagura die Anweisungen durch.“
„Danke, bis gleich.“
Nachdem er aufgelegt hatte, trat er wieder an das Bett der Kranken heran, setzte sich neben sie und strich ihr ein paar Haarsträhnen von der Stirn.
„Es tut mir leid, Marron. Aber du musst mich auch verstehen. Ich kann doch nicht seelenruhig daneben sitzen und dabei zusehen, wie sehr du dich quälst.“
Sie schüttelte nur leicht den Kopf und zwang sich ein schmales Lächeln auf die Lippen.
„Ich verstehe schon. Und ich bin dir sehr dankbar für deine Hilfe. Ohne dich würden sie mich wahrscheinlich gar nicht mehr dort weglassen.“
Wie sie in dieser Situation noch scherzen konnte, war ihm ein kleines Rätsel. Er konnte sich aber denken, dass dies ein verzweifelter Versuch war, ihn ein bisschen von ihrem Zustand abzulenken. Hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie ihm solche Sorgen bereitete? Dabei war sie diejenige, die am wenigsten dafür konnte.  
„Keine Sorge. Es wird alles gut. Wenn sich die Ärzte um dich kümmern, geht es dir bestimmt schnell wieder besser“, tröstete er sie mit einem aufmunternden Ausdruck, bevor er wieder aufstand und sich umzog.
An ihrer Seite tat er so, als hätte er die Situation vollkommen im Griff. Hätte er Angst oder Schwäche gezeigt, würde er Marron damit verunsichern. Denn ihre körperliche Verfassung war mehr als besorgniserregend und auch die Ursache dafür schien nicht gerade harmlos zu sein.

Wenig später war Kaiki eingetroffen und half seinem Sohn dabei, die junge Frau in seinen Wagen zu tragen, mit dem er sie umgehend zu seinem Hospital fuhr. Es war nicht ihr erster Besuch dort. Schon etliche Male war sie dort für mehrere Tage und Wochen als Patientin, auch wenn sie sich besseres vorstellen konnte, als gelangweilt in einem Bett herumzuliegen und die Decke anzustarren.
Als der Kampf gegen die Dämonen ausgestanden war und Marron endlich zu ihrem normalen Leben zurückkehren konnte, verlief zuerst alles normal. Sie und Chiaki wurden ein Paar und zogen zusammen in ihr Apartment. Darüber hinaus hatte sie regelmäßig Kontakt zu ihren Eltern, die sie hin und wieder auch besuchen kamen. Access und Fynn lebten weiterhin bei ihnen und freundeten sich auch allmählich an. Sogar Miyako sprang über ihren Schatten und traf sich immer häufiger mit Yamato, für den sie scheinbar nach und nach Gefühle entwickelte. Alles schien sich zum Guten gewandt zu haben. Dieses Glück war ihnen jedoch nicht lange vergönnt.
Kurz darauf wurde Marron nach einem Zusammenbruch eingeliefert und bekam eine schwerwiegende Diagnose.
Denn sie war unheilbar erkrankt. Es handelte sich um ein Leiden, über das noch nicht viel bekannt war und dessen Behandlungsforschung noch in den Kinderschuhen steckte. Nur dass es bislang keine Heilmethode gab, war den Medizinern bewusst.  Über Jahre hinweg hatte es in ihr geschlummert und war nun ausgebrochen.
Nicht nur für sie selbst, sondern für all ihre Freunde und Bekannten war dies ein riesiger Schock. Die Ärzte versprachen ihr, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um ihre Symptome zu behandeln und ihre Schmerzen zu lindern, doch gegen das Unvermeidliche konnten auch sie nichts ausrichten.
Der Tod erwartete sie und griff mit seinen blutverschmierten Krallen nach ihr, die sich unaufhaltsam zu nähern schienen.
Das Ganze war nun schon sechs Monate her und ihr Zustand hatte sich nach und nach verschlechtert, bis die Attacken fast schon alltäglich wurden.
Chiaki hatte sich immer dafür eingesetzt, dass sie so lange wie möglich in ihrem Zuhause leben dürfte, bevor sie vielleicht nicht mehr entlassen werden könnte aus der Klinik. Doch auch er war nun an einem Punkt, an dem er das nicht länger unterstützen wollte.

Ungeduldig wippte er mit dem Fuß auf und ab, wartete auf die erlösende Nachricht, dass es seiner Geliebten wieder besser ging und er sie in die Arme schließen konnte. Minute um Minute verging und er bekam das Gefühl, als würde er schon seit Stunden auf der unbequemen Bank sitzen und auf die entgegengesetzte Wand starren, während die Ärzte Marron so gut es ging versorgten.
Endlich öffnete sich die Tür und Kaiki kam auf seinen Sohn zu, der sofort aufsprang und ihm entgegenlief.
„Was ist los, Vater? Ist alles in Ordnung?“
„Hör zu, Chiaki. Vorerst ist Marron wieder über den Berg, alles gut. Aber ich kann nicht dafür garantieren, dass das auf langer Hinsicht auch so bleibt. Den Daten nach zu urteilen, wird es mit zunehmender Zeit schlimmer. Ich würde dir dringend davon abraten, sie wieder mit nach Hause zu nehmen. Sie sollte rund um die Uhr in ärztlicher Betreuung bleiben. Wegen der Häufigkeit und Schwere der Anfälle könnte es sein, dass sie einen Krankentransport beim nächsten Mal nicht überlebt.“
„Kann ich zu ihr?“
Als hätte er die Worte des Arztes nicht zur Kenntnis genommen, ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen. Kaiki verstand sofort. Sein Sohn wollte das gar nicht hören. Die Situation kam ihm bekannter vor als ihm lieb war. Schon in frühester Kindheit musste Chiaki dabei zusehen, wie eine Frau, die er liebte, starb und er an ihrem Sterbebett ihre Hand hielt. Das musste alles verdammt schwer für ihn sein, egal wie stark er sich auch gab.
Gerade jetzt, wo er endlich die Liebe verstanden hatte, wurde ihm dieses überwältigende Gefühl durch so einen dummen Zufall wieder genommen.
„Sie schläft. Aber du kannst ruhig zu ihr. Sorg aber bitte dafür, dass sie sich nicht aufregt oder in Stress gerät, okay?“
Der jüngere nickte flüchtig, bevor er ihn stehen ließ und Marrons Zimmer betrat.

Vorsichtig und leisen Schrittes näherte er sich der Braunhaarigen, die friedlich schlafend in dem Bett lag, sich ihr Brustkorb gleichmäßig hob und wieder senkte. Erleichterung machte sich in ihm breit, denn sie wirkte schon wieder viel ruhiger als zuvor.
Sein Blick fiel jedoch allzu bald auf den Engel, der dort zerknirscht auf der Decke hockte und die Schlafende beobachtete.
„Wo ist Access?“, fragte er und setzte sich auf einen Stuhl, der neben dem Bett stand.
„Ich weiß nicht, wohin er gegangen ist. Aber ich glaube, er wollte etwas von Zuhause holen. Mehr hat er mir nicht gesagt.“
Fynn war verunsichert. Man hörte ihrer zitternden Stimme an, dass sie kurz davor war zu weinen. Die Krankheit ihrer besten Freundin nahm sie sehr mit. Es bereitete ihm ein schlechtes Gewissen, wenn er in die vor Tränen glitzernden Augen des Engels blickte und suchte in Gedanken nach passenden Worten, mit denen er sie hätte trösten können. Aber ging das überhaupt? Egal was er ausgesprochen hätte, aus seiner Sicht gab es keine angemessene Formulierung, mit der er irgendetwas hätte schönreden können.
„Das ist meine Schuld“, brach sie schließlich die aufgekommene Stille und schluckte tapfer ihre Trauer herunter.
„Wie kommst du denn darauf?“
„Gott ist sicher erzürnt, weil ich ihn enttäuscht und den Namen der Engel bis aufs Niederste beschmutzt habe. Zur Strafe legte er Marron diese Krankheit auf, da bin ich mir sicher!“
Eine Weile schwieg er, ließ sich das Gesprochene noch einmal durch den Kopf gehen, bevor er etwas zurückhaltend darauf antwortete.
„Glaubst du, dass Gott wirklich aus reinem Egoismus heraus jemanden zum Tode verurteilt, nur um dir eine Lektion zu erteilen? Wenn er wirklich so niederträchtig ist, will ich lieber nicht an ihn glauben. Menschen sterben nun mal, das ist ganz natürlich.“
Jetzt hatte er sich doch beim Schönreden ertappt. Selbstverständlich. Jeder musste einmal sterben, doch das war noch lange keine Rechtfertigung dafür, dass die Retterin dieser Welt mit einem Schlag aus dem Leben gerissen wurde, nachdem sie so viel durchgestanden hatte und endlich glücklich war. Es war einfach nur unfair. Warum gerade jetzt?
„Außerdem dachte ich immer, dass Marron von Gott beschützt wird. Wieso sollte er sie dann umbringen wollen?“, fügte er hinzu, worauf ihn nur der verzweifelte Blick der kleinen traf.
„Ich… suche doch nur nach einer möglichen Erklärung. Weil ich viel falsch gemacht habe, lag der Gedanke nun einmal nahe.“
„Mach dir keine Vorwürfe, Fynn. Das macht ihren Zustand auch nicht besser. Wir sollten versuchen, nach vorn zu sehen. Ich denke, es liegt in Marrons Interesse, wenn wir das Beste aus der verbleibenden Zeit machen.“

Die Minuten vergingen und Chiaki hatte den Raum irgendwann wieder verlassen. Das Karussell in seinem Kopf drehte sich einfach unaufhörlich, so dass er es einfach nicht mehr ertrug, untätig da zu sitzen und Däumchen zu drehen. Nachdenklich schritt er durch die langen Flure des Krankenhauses und schaute sich die Bilder an, die scheinbar etwas Farbe in dieses trostlose Gebäude bringen sollten. Ein netter Versuch, jedoch war es etwas schier Unmögliches, Frohsinn an einen Ort zu bringen, der sonst vom Hauch des Todes und der Angst erfüllt war. Auch wenn seine Erinnerungen bereits verblasst waren, störte er sich stark an der Atmosphäre, die in dem Klinikum herrschte. Seine Mutter war hier gestorben und seither hegte er einen Groll gegen Kaiki, der in diesem Moment nicht bei ihr war. Wieder sah er sich dieser nahezu ekelhaften Hilflosigkeit ausgesetzt und konnte nur dabei zusehen, wie jemand Geliebtes von scheinbar übermenschlichen Kräften dahingerafft wurde.
Seine Faust traf direkt die steinerne Wand, worauf alle Anwesenden ihm fragende und zum Teil beanstandende Blicke zuwarfen.
Warum war das so? Hatte Marron nicht schon genug Leid ertragen müssen in ihrem jungen Leben? Hatte sie es nicht verdient, ihr Glück zu genießen? Einmal zu oft hatte er in ihre tränenerfüllten Augen geblickt und spürte gleichzeitig den stechenden Schmerz in seiner Brust.
Fynn war wieder bei ihr, ihre Eltern hatten den Kontakt zu ihr aufgenommen und sie konnte sich tatsächlich letzten Endes für ihre Liebe zu ihm entscheiden.
Wieso also gerade jetzt?!

„Chiaki?“
Er drehte sich um und entdeckte sogleich Miyako, die seine emotionale Entgleisung wohl mitbekommen hatte und ihn besorgt musterte.
„Entschuldige, ich hatte mich nicht unter Kontrolle“, erklärte er schnell, bevor er sich ein Lächeln auf die Lippen schummelte und seine Freundin in die Arme schloss.
„Ist schon in Ordnung. Ich habe gehört, dass Marron wieder eingeliefert wurde und bin so schnell es geht hergekommen. Wie geht es ihr?“
„Der Anfall war ziemlich schlimm dieses Mal, aber die Ärzte haben sie bestens versorgt. Sie schläft gerade.“
„Verstehe. Und… wie hast du das verkraftet, Chiaki?“
Diese Frage hätte er am liebsten überhört. War es denn überhaupt von Belang, wie es ihm ging? Schließlich war er gesund. Andererseits sollte er sich allerdings über jede Zuwendung freuen, die er bekam. Die Laster, die er zu tragen hatte, drohten bald zusammenzubrechen und ihn unter sich zu begraben. Dennoch beharrte er stur auf seinem Standpunkt. Er wollte in diesen schweren Zeiten standhaft bleiben, denn immerhin war er der Mann. Derjenige, der seinen Freunden eine Stütze sein und sie auffangen sollte. Außerdem hätte er auf dieses dahin geheuchelte Mitleid und Interesse gut verzichten können. Es war eher wie eine zusätzliche Last, sich auch noch den nervigen „Wir-sind-für-dich-da“-Gesprächen zu widmen und sich mit einem aufgezwungenen Lächeln zu bedanken. Darum hatte er immerhin niemanden gebeten. Genau wie mit dem Ableben seiner Mutter, wollte er auch mit Marrons Tod allein fertig werden. Ganz davon abgesehen, dass er bei seiner Freundin sein und ab und an auch mal seinen zerstreuten Gedanken nachgehen wollte, hielt er es für angebracht, nicht auch noch alle anderen in diesen tiefen Strudel von Wut, Verzweiflung und Machtlosigkeit zu ziehen. Das hätte nur zu noch mehr Kummer geführt und damit wollte schließlich keiner leben.
„Es ist alles in Ordnung“, antwortete er knapp, doch ihr Blick verriet, dass sie diese Aussage stark anzweifelte. Auch wenn er es glaubwürdiger rübergebracht hätte, wäre es schwer gewesen, ihm die Nummer abzukaufen. Wer würde in so einer Situation nicht kurz vorm Nervenzusammenbruch stehen?
Im Gegensatz zu ihm wirkte Miyako allerdings auch nicht ganz taufrisch. Unter ihrem Mantel schien die Polizeiuniform durch, was dafür sprach, dass sie gerade erst von der Arbeit kam. Die leichten Augenringe und geschwollenen Lider ergaben dann das Gesamtbild. Auch sie hatte Angst um ihre Freundin.
„Chiaki. Ich war mal in dich verliebt, erinnerst du dich? So einfach kannst du mir nichts vorlügen. Dennoch schließe ich durch diese abweisende Antwort darauf, dass ich die falsche Person bin, mit der du darüber reden willst und das respektiere ich auch. Aber ich mache mir Sorgen. Du und Marron, ihr seid meine allerbesten Freunde und das schon seit sehr langer Zeit. Anstatt daran zu zerbrechen, solltest du dir vielleicht auch Hilfe suchen. Ich meine es nur gut. Denn ich will nicht mit ansehen, wie noch jemand in diesen Abgrund stürzt und nie wieder kommt.“
Es war lieb gemeint, dass sie sich so viele Gedanken machte, aber es kratzte ihn so verdammt an, dass er in eine Lage gekommen war, in der solche Worte ihm gegenüber angebracht waren. Bevor er jedoch etwas erwidern konnte, drückte die Auszubildende ihm einen Strauß Blumen in die Hand.
„Bitte gib die hier Marron. Es sind nicht die Schönsten, aber ich hoffe sehr, dass sie ihr trotzdem gefallen werden“, kicherte sie leise, auch wenn ihr innerlich ganz anders zumute war.
„Wäre es nicht besser, wenn du ihr die selbst gibst?“
Sie vermied strikt den Kontakt mit seinen Augen. Diese Antwort kam einfach nicht über sie.
„Ich bitte dich…“
Zuerst wollte er wieder ablehnen, aber als er ihre zitternde Hand und die Tränen bemerkte, die ihre Wangen hinabrannen, hielt er es für besser, den Mund zu halten.
„I-Ich schaffe das einfach nicht. Seit wir klein sind, war Marron immer für mich da und hat mich beschützt. Wir sind schon immer die besten Freundinnen gewesen und die Gewissheit, dass sie eine polizeilich gesuchte Diebin ist, tat dem keinen Abbruch. Ich liebe Marron… aber zeitlebens konnte ich nie etwas tun, um mich zu revanchieren. Es gab nichts, was mich mit ihr auf eine Stufe gestellt hätte und so habe ich immer versucht, ihr nachzueifern. Wie soll ich ihr jetzt gegenübertreten und ihr kaltlächelnd ins Gesicht sagen, dass ich nichts für sie tun kann?!“
Sie war ungewollt etwas lauter geworden, drehte sich um und vergrub ihr Gesicht in den Händen. So war es. Ihr ging es genauso schlecht.
Erschrocken schaute die junge Erwachsene auf, als er sie von hinten in die Arme schloss und ihre Hand nahm.
„Weißt du, was ich beachtlich finde, Miyako? Jeden Tag sterben etliche Menschen. Manche durch Unfälle, andere durch Krankheiten. Ein Großteil davon hat weder Verwandte oder Freunde und ist allein, wenn es zu Ende geht. Aber nur die Wenigsten von ihnen hinterlassen eine große Lücke. Und Marron ist gewiss eine Frau, die sehr vielen Leuten Glück und Freude gebracht hat und ich finde, dass es genau darauf ankommt. Auch wenn sie stirbt, ist sie im Geiste immer bei uns. Denn ihr Tod wird ihr niemals ihre Fröhlichkeit und Güte nehmen, nicht wahr? Genauso wenig wie er eurer Freundschaft einen Abbruch tun wird.“
Es steckte so viel Wahres in dem, was in diesen Minuten gesprochen wurde. Egal wo sie war, Marron machte immer alle glücklich, auch wenn das bei ihr selbst nie so gut klappte. Dadurch wurde sie zu etwas ganz Besonderem.
„Ich werde sie niemals vergessen… Und ich werde hart an mir arbeiten und die beste Polizistin von allen werden, damit ich Marron im Geiste… endlich beschützen kann.“

Lächelnd betrat Chiaki das Patientenzimmer und wurde von der strahlenden Marron begrüßt, die zusammen mit den Engeln auf ihrem Bett saß und ihren Freund scheinbar schon sehnsüchtig erwartet hatte.
„Chiaki! Sieh mal, was Access uns mitgebracht hat!“
Mit etwas Mühe stemmte der schwarze Engel ein Päckchen in die Höhe, das der Neuankömmling interessiert betrachtete.
„Was ist das?“
„Das sind selbstgemachte Zuckerstückchen. Sie sehen aus wie kleine Sterne und Herzen und schmecken echt super, probier auch mal!“
Wie gewollt schnappte er sich eines der bunten Streusel und nahm es in den Mund, woraufhin sich ein süßlicher Geschmack in diesem ausbreitete.
„Du hast recht, die sind echt lecker. Wo hast du die her, Access?“
Von dem Pfundskerl kam nur ein leises Pfeifen.
„Eindeutig von der armen alten Nachbarin geklaut.“
Seufzend setzte er sich neben Marron aufs Bett und reichte ihr den Strauß Blumen.
„Von Miyako. Sie wollte ihn dir persönlich geben, aber sie musste gleich wieder zur Arbeit, deswegen hat sie es nicht geschafft.“
„Sind die schön. Schade, dass sie es nicht hergeschafft hat. Aber das macht mich gleichzeitig auch verdammt stolz. Miyako hat ihren Traum verwirklicht und ist Polizistin geworden, bewundernswert.“
Sofort fiel ihm der leicht melancholische Ausdruck auf ihrem Gesicht auf. Eigentlich hatte er schon damit gerechnet, als er sich die Ausrede ausgedacht hatte. Schließlich war es nicht verwunderlich, dass es sie traf, wenn Miyako ihr Ziel erreicht hat und Polizistin geworden ist. Sie hingegen hatte keine Zukunft, in der sie auf ihre Vorsätze hätte hinarbeiten können. Das musste wie ein Schlag ins Gesicht sein, kaum nachvollziehbar für den jungen Studenten.
„Was ist dein Traum?“, brach er nach einiger Zeit die Stille, die aufgekommen war und stellte die Blumen für sie in eine Vase.
„Ist das denn überhaupt von Belang? Ich habe doch sowieso nicht mehr die Gelegenheit, etwas aus meinen Träumen und Wünschen zu machen. Wenn sie mich nicht mehr entlassen, bin ich ans Bett gefesselt und-…“
„So viel will ich gar nicht wissen. Bewerte deine Situation nicht zu schnell. Es gibt immer einen Weg, jemandem seinen Herzenswunsch zu erfüllen. Und ich denke, dass es schon nicht so unmöglich sein wird, oder?“
Ihr Blick wanderte zu den grünen Augen von Fynn, die sie fragend anschaute, in ihren Armen eines der Zuckersternchen hielt.
„Wenn ich ehrlich bin, gäbe es da schon etwas, was ich mir wünsche.“
Sacht streichelte sie dem Engel über den Kopf, berührte mit ihren Fingerspitzen ihre Haare, die schneeweißen Flügel und ihr kleines, zierliches Gesicht.

„Ich habe mir schon immer eine intakte Familie gewünscht. Nachdem ich jahrelang alleine war, gab es nichts, was ich mehr begehrt hätte. Eine Familie, der ich bedingungslos vertrauen kann und die immer an meiner Seite ist. Meine Eltern leben noch immer im Ausland. Auch wenn ich jetzt Kontakt zu ihnen habe, bin ich dennoch oft einsam. Obwohl du, Miyako und all die anderen immer für mich da seid, wäre es schon ein tolles Gefühl.“
Niemand der Anwesenden traute sich, etwas zu erwidern. Marrons Wunsch, der wirklich aus tiefstem Herzen zu kommen schien, war gleichzeitig so traurig wie auch schön.
Sie dachte selbst über ihre Worte nach, konnte sich aber nur noch dafür belächeln, kicherte leise.
„Das war kindisch, entschuldigt bitte.“
„Nein! Das war es ganz und gar nicht!“, meldete sich nun auch Fynn zu Wort, die vor Bestürzung eigentlich gar nicht wusste, was sie sagen sollte.
„Es ist egal, wie andere darüber urteilen, oder wie abwegig du es selbst findest. Ein solcher Wunsch hat seinen Ursprung und dieser ist eine von Liebe und Wärme erfüllte Seele. Solche Dinge musst du immer in deinem Herzen bewahren.“
Die kleine wusste selbst nicht, woher sie diesen Atem dafür nahm, doch es war ihr ein ganz klares Bedürfnis, ihre Freundin von der Wichtigkeit dieses Traumes zu überzeugen.
Vielleicht lag es daran, dass sich Fynn noch immer die Schuld an dieser Situation gab. Oder auch die Sorge und ihre Freundschaft zu Marron, die sie so weit ausholen ließ.
„Fynn…“
„Ich stimme ihr da voll und ganz zu. Glaub mir, Marron. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, damit du glücklich bist. Lass dich nicht von dieser Krankenhausatmosphäre entmutigen.“
Allmählich schien sich Marron darauf einzulassen, was ihre Mitbewohner ihr näher zu bringen versuchten. Sie nickte ihm zu und erwiderte die darauf folgende Umarmung.
„Danke. Was würde ich bloß ohne euch tun…“
Kurz überlegte sie, bevor sie sich erneut zu Chiaki umdrehte.
„Wärst du dann so lieb und holst mir ein Frühstück aus der Cafeteria?“
„Aber natürlich, mein Schatz. Als könnte ich dir je was abschlagen.“  
Ohne weitere Umschweife verließ er das Zimmer und machte sich auf den Weg in die Kantine. In Gedanken war er jedoch weniger bei der Essensauswahl, sondern eher bei dem, was sie ihm soeben anvertraut hatte.

„Mir ist extrem langweilig. Gibt es hier denn nichts, was Spaß macht?“
Access kratzte sich am Kopf. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war seine Laune alles andere als gut.
„Du hast auch nur Schwachsinn im Kopf. Wir sind hier nicht auf dem Rummel, du Blödmann!“, schimpfte seine liebste und schlug nach dem Wuschelkopf, der sich gerade noch so retten konnte.
„Hach, du bist so temperamentvoll, meine geliebte Fynn! ❤“
„Wenn euch langweilig ist, können wir ja mal den Fernseher anschalten“, schlug Marron vor und drückte auf den roten Knopf der Fernbedienung, worauf die Flimmerkiste ansprang und die Bilder der Tagesnachrichten zeigte.

Und nun ein Sonderbericht. Der gesuchte Verbrecher, Hino Shinji, seines Zeichens Raubtäter, wird schon seit Monaten polizeilich gesucht. Er wird beschuldigt, eine junge Frau Mitte 20 in ihrem Apartment überwältigt und danach getötet zu haben. Nun kann Momokuri endlich aufatmen. Die angehende Polizeiinspektorin Todaiji Miyako konnte den Entflohenen erfolgreich stellen und ins Gefängnis bringen. Dort ist er nun in polizeilichem Gewahrsam und wird verhört. Bislang ist uns bekannt, dass er bereits vier weitere Morde gestanden hat.
Wir sind gespannt, mit welchen Heldentaten uns die energiegeladene Gesetzeshüterin von morgen noch beeindrucken wird.
Nun zum Sport.


„Wow, Miyako hat’s echt drauf! Seitdem sie ihre Ausbildung angefangen hat, ist sie schon viel besser geworden. Sind wir mal froh, dass du nicht mehr auf Diebeszüge gehen musst, Marron. Sonst hätten wir heutzutage bestimmt unsere liebe Not, gegen sie anzukommen, nicht wahr?“
Sie stoppte ihren Redeschwall, als sie zu ihrer Partnerin aufschaute.
„W-Was ist denn los, Marron?“
„Ich bin stolz auf Miyako. Sie hat sich wirklich ganz schön gemacht. Dass sie zu einer guten Polizistin wird, habe ich ihr gegönnt und ich hab fest an sie geglaubt. Aber… ich vermisse die Zeiten, in denen wir wie Katz und Maus hintereinander hergejagt sind. Es war wie ein Spiel, verstehst du? Wir hatten Spaß, auch wenn wir auf der gegnerischen Seite standen. Mir kam es beinahe so vor, als hätte sie die ganze Zeit gewusst, wer sich hinter der Diebin Jeanne versteckt. Schließlich wollte sie sie nur meinetwegen fangen. So hat sie es mir damals erzählt.“
Ihr Blick fiel auf die Vase mit den Blumen, die Chiaki ihr gebracht hatte. In vielen bunten Farben erstrahlten die Blüten und ihr Duft verteilte sich langsam im Raum.
„Miyako ist meine beste Freundin… Es tut weh, dass sie mir die Blumen nicht persönlich gebracht hat. Natürlich… sie ist sehr beschäftigt und muss viel arbeiten. Aber hat sie nicht mal die paar Minuten, um mich zu sehen? Vielleicht… wollte sie das auch gar nicht.“
„Sag doch so was nicht. Ich wette, sie wird schon ihren Grund gehabt haben. Mach dir nichts draus. Sie wird bestimmt bald noch einmal vorbeikommen, da bin ich mir sicher!“
Fynns Aufmunterungsversuche hörten erst auf, als sich die junge Frau nervös umzuschauen begann.
„Stimmt was nicht, Marron? Du siehst nicht gut aus…“
„I-Ich weiß nicht… Mir ist etwas komisch…“
Ihre zitternde Hand krallte sich in die Bettdecke. Sie versuchte sich fortwährend abzulenken, schaute hinauf zu dem Fernsehbildschirm, doch sie konnte kein klares Bild erkennen. Bunte Farben hüpften über den Monitor und ein verzerrter Ton drang an ihre Ohren. Das machte ihr Angst. Sie wusste nicht, was plötzlich mit ihr los war. Handelte es sich dabei etwa schon wieder um einen Anfall? Wo befand sich die Klingel, mit der sie um Hilfe rufen konnte? Doch eine Suche danach wäre absolut sinnlos gewesen, es dauerte auch nicht mehr lange, bis ihr schwarz vor Augen wurde und sie in einen tiefen Schlaf sank. Einzig und allein ein schrilles Piepen vernahm sie noch. Es hörte sich an wie eines der Geräte, an das sie mittels einiger Kabel angeschlossen war. Reagieren konnte sie nicht. Ihre Knochen wollten sich nicht bewegen. Fast als wäre sie komplett eingefroren.

„Entschuldige, dass du warten musstest, Marron. Ich-…“
Seine Augen weiteten sich vor Schreck, als er nichtsahnend ihr Zimmer betrat und nur sah, wie ihr Oberkörper reglos die Bettkante hinunter hing und der Herzmonitor eine durchgehend rote Linie, in Kombination mit diesem grausamen Piepen von sich gab, das in seinem Kopf dröhnte. Lauter als alles andere.
Im Affekt ließ er das Tablett fallen, drehte sich um und rannte durch die Flure zu einem der Informationsschalter.
„Hilfe!! Ich brauche hier Hilfe! Ist denn hier keiner?! Verdammt, helft mir doch!!“
Auf seine Rufe hin, kamen ein paar Schwestern zu ihm, die sich kurz nach der Lage erkundigten und danach sofort in das Zimmer des Notfalls liefen.
„Piepst sofort den Doktor an! Das schaffen wir nicht allein!“
„Wir brauchen das Beatmungsgerät und den Reanimationswagen, schnell!“
„Haltet sie so lange stabil wie es geht, der Doktor ist gleich hier!“
Panisch verfolgte Chiaki das Szenario durch die Glasscheibe. Man hatte ihm verboten, den Raum zu betreten, da er die Ärzte und Schwestern nur bei ihrer Arbeit behindern würde. Dennoch hätte er sich nichts sehnlicher gewünscht, als ihnen eine Hilfe sein zu können. Er studierte zwar Medizin, aber ausrichten konnte er trotzdem nichts.
Keine drei Minuten später kamen zwei Männer dazu, die mit weißen Kitteln bekleidet waren und einen großen Rollwagen vor sich her schoben. Auf diesem waren allerlei kleine Dosen, Medikamentenschachteln, Spritzen und auch ein Defibrillator. Dem Schüler wurde bald schon vom Hinsehen schlecht.
„Laden auf Hundert!“, rief der Doktor, nachdem eine Schwester ihm etwas Gel auf das Gerät gegeben hatte.
„Vorhänge schließen!“
Noch bevor er etwas sagen konnte, wurde ihm einfach der Blick versperrt. Nur dumpf hörte er das Geräusch der Elektroschocks und die Stimmen der Leute, die um das Leben seiner Freundin kämpften. Es kam ihm alles so unwirklich vor. Sofort schossen die Erinnerungen an seine Mutter zurück in seinen Kopf, was ihn zurückweichen ließ.
Mit zitternden Knien ließ er sich auf eine Bank sinken und starrte stur auf den weißen Fußboden, betend, dass Marron es schaffen würde.
Die beiden Engel hatten sich neben ihm niedergelassen. Keiner sagte ein Wort, zu tief saß der Schock.

„Nagoya Chiaki?“, meldete sich nach einer schier endlos langen Zeit eine Stimme.
Er schaute auf, als er seinen Namen hörte und sah den Arzt vor sich, der vorhin bei der Reanimation geholfen hatte. Immer noch stand dem Jungen das blanke Entsetzen direkt ins Gesicht geschrieben und mit einem Mal kehrte wieder dieses flaue Gefühl in seine Magengegend zurück, denn der Mann vor ihm sah alles andere als glücklich aus.
„J-Ja, das bin ich. Was ist mit ihr?“
Eigentlich wagte er es kaum, diese Frage zu stellen, so brennend es ihn auch interessierte. Zu groß war die Angst, dass eine schlechte Nachricht folgen würde.
Nachdem sich sein Gegenüber kurz räusperte, fuhr dieser mit seinem Anliegen fort.
„Fürs erste ist Fräulein Kusakabe stabil. Meine Kollegen und ich konnten sie reanimieren, aber es war knapp. Hätten Sie sie ein wenig später gefunden, hätten wir wahrscheinlich nichts mehr tun können.“
Ihm fiel ein regelrechter Stein vom Herzen. Er wollte sich gar nicht ausmalen, was er sich für Vorwürfe gemacht hätte, wäre Marron durch seine Nachlässigkeit gestorben.
„In Ordnung. Und wie geht es jetzt weiter?“
„Hören Sie. Ihr Zustand hat sich innerhalb kürzester Zeit drastisch verschlechtert. Damit haben wir nicht gerechnet. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Fräulein Kusakabe das Krankenhaus wohl nicht mehr verlassen wird. Sie sollten sich auf ihr baldiges Ableben vorbereiten.“
Klatsch. Wie ein Schlag ins Gesicht trafen ihn die Worte des Mediziners und ließen ihn zurück auf die Bank fallen, von der er sich gerade erst erhoben hatte.
Natürlich wusste er, dass es irgendwann so kommen würde, doch dass es nun so schnell auf ihn zuraste, wollte er einfach nicht wahrhaben.
„Chiaki…“
Fynns schmales Gesicht war mit Tränen bedeckt. Die Erkenntnis, dass es bald soweit sein würde und sie sich von Marron verabschieden mussten, wog schwer. Auch Access war mehr als besorgt, schaute verunsichert zwischen den beiden umher, doch mehr als deren Namen brachte er in auch nicht heraus.
Und auch Chiaki selbst musste sich verdammt auf die Lippe beißen, damit bei ihm nicht auch sofort alle Dämme brachen. So gern er es auch getan hätte und seinen Geist dadurch ein wenig befreit hätte, wollte er diese Gefühle unter keinen Umständen nach außen dringen lassen. Stattdessen schüttelte er nur leicht den Kopf und wandte sich wieder seinem Gesprächspartner zu.
„Entschuldigen Sie. Ich habe bereits mit so etwas gerechnet. Wie verfahren wir jetzt weiter?“
„Nun, ich habe einen Antrag gestellt, das Fräulein auf die Intensivstation zu verlegen. Dort können wir ihr die bestmögliche Hilfe zukommen lassen, bis…“, er beendete seinen Satz nicht, sondern nahm seine Brille ab und wischte sich mit der Hand über seine Augenlider.
„Es ist so… Wir konnten ihre Eltern leider nicht erreichen, da sie sich derzeit im Ausland aufhalten. Der Antrag müsste von einem ihrer Verwandten unterschrieben werden. Sie selbst kann es nicht, da sie noch nicht aufgewacht ist.“
„Ich bin ihr Verlobter. Die Hochzeit mussten wir leider aufgrund ihrer Erkrankung verschieben. Könnte ich das nicht machen?“
Erstaunt blickten die himmlischen Wesen zu ihm auf. Von einer Verlobung wusste keiner etwas.
„Wenn das so ist… Das dürfte schon in Ordnung sein. Dann unterschreiben Sie bitte hier, damit wir sie verlegen können.“
Sofort nahm der Blauhaarige einen Stift zur Hand und setzte seinen Namen unter das Formular, das man ihm vorlegte.
Es dauerte auch nicht lange, bis sie dann schließlich mit ihrem Bett auf der Intensivstation stand.

Derweil waren einige Tage vergangen. Marron schlief sehr viel und hatte noch nichts von ihrem kleinen Umzug mitbekommen. Seither war es auch um Chiakis Zustand nicht allzu gut bestellt gewesen. Kaum aß er, schlafen tat er auch recht selten, da er stets über seine schlafende Prinzessin wachte.
Auch jetzt saß er schweigend neben ihr, schaute sie an.
„Bevor ich gegangen bin, war doch alles noch gut. Sie hat gelacht und war fröhlich. Was um alles in der Welt ist bloß los?“, murmelte er leise vor sich hin und betrachtete ihr blasses Gesicht, das ein wenig unter der Atemmaske verschwand.
Dieses Bild war so grausam. Das sonst so sportliche und aufgeweckte Mädchen völlig schutzlos und starr im Krankenhausbett. Überall sah man kleine Schläuche, die aus ihrem Arm ragten und mit denen man sie mit dieser Chemie vollpumpte. Der Monitor, der immer wieder piepte und einige Unregelmäßigkeiten anzeigte…
Wie der reinste Horror, dem er nicht entgehen konnte. So gern wäre er gerade an einem anderen Ort gewesen. Irgendwo, wo er sich nicht diesen erdrückenden Dingen ausgesetzt sah. Aber niemals hätte er es riskiert, ihr noch einmal von der Seite zu weichen.
Zuvor versuchte er noch ihre Eltern zu erreichen, doch auch ihm war dies nicht gelungen. So bat er seinen Vater darum, ob er sich nicht der Kontaktaufnahme annehmen könne.

„Chia…ki?“
Erst jetzt kehrte er aus seiner Gedankenwelt zurück und bemerkte Marrons Erwachen. Verunsichert ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen und schien nicht sonderlich begeistert von dem Tapetenwechsel zu sein.
„Die… Intensivstation?“
„Ja. Es war ein Notfall. Dein Zustand hat sich verschlechtert.“
Sie nickte leicht. Scheinbar hatte sie nicht die rechte Kraft für längere Diskussionen. Dass es ihr schlechter ging, wusste sie ja auch schon. Die Erinnerung an das, was davor geschehen war, lag allerdings wie ein blasser Schatten in ihrem Innersten. Es war einfach alles dunkel geworden.
Für Chiaki war klar, dass er sie früher oder später darüber aufklären musste, dass es langsam Zeit wurde, sich auf das Schlimmste vorzubereiten. Aber wie sollte er damit anfangen? Wie sollte er der Frau, die er liebte, ins Gesicht sagen, dass es vorbei war? Der Kloß in seinem Hals wurde immer größer und alles in ihm verkrampfte sich. So ein Mist. In was für einer blöden Situation er doch steckte.
„Ich will… dass Miyako und die anderen kommen. Ich will sie noch mal sehen.“
„Das geht leider nicht. Auf die Intensivstation dürfen leider nur Familienangehörige und Ärzte“, erklärte er und fühlte sich gleich schlecht für die Antwort.
„Und… wie bist du dann hier reingekommen?“
„Für so was braucht man eben ein bisschen Fingerspitzengefühl, weißt du? Ich habe… der Wahrheit ein wenig vorgegriffen, sagen wir so.“
Fragend schaute sie zu ihm, schien nicht so recht zu verstehen, worauf er damit hinauswollte.
Verdammt, Chiaki. Was zur Hölle tust du nur? Eigentlich wolltest du ihr doch gerade sagen, dass sie nicht mehr lange zu leben hat… Ich kriegs einfach nicht raus. Ich bin so ein Idiot…
„Weißt du, Marron… Es gibt nämlich etwas, was ich dich fragen möchte.
Der Zeitpunkt ist so verdammt unpassend, aber… ich will nicht riskieren, dass es zu spät ist und ich nicht mehr die Gelegenheit dazu habe.“
Er stand auf, kniete sich neben ihr Bett und hielt ihr eine kleine Schachtel hin, die sie neugierig beäugte. Insgeheim wusste sie genau, worum es sich dabei handelte, doch sie traute sich nicht, auch nur einen Gedanken daran zu verlieren.
„Marron. Als wir uns kennengelernt haben, war ich ein anderer Mensch. Durch den Tod meiner Mutter und das Verhalten meines Vaters entwickelte ich mich zu einem Mann, der nur mit den Herzen anderer spielte… Es gab nichts, was für mich auch nur die geringste Bedeutung hatte. Ich verfolgte damals nur das Ziel, das Access’ Aufgabe mit sich brachte. Wir wollten dich beschützen, auch wenn ich dich nicht kannte.
Die ganze Zeit dachte ich, es wäre einfacher, wenn ich auch dich um den Finger wickeln könnte, aber dann… merkte ich, dass du eine völlig andere bist, als ich dachte. Du warst genauso wie ich. Alleingelassen und schutzlos… auf der Suche nach der Liebe, an der wir uns festhalten konnten, wenn wir wieder vor dem Abgrund standen. Das war es, was mich so an dir fasziniert hat. Und nachdem wir so viel erlebten, verstand ich endlich, dass es so viel mehr gibt, als nur die Zuneigung aller für sich gewinnen zu wollen. Du warst diejenige, die mir das beigebracht hat. Nur durch dich habe ich wieder ein Gefühl gespürt, das ich bereits vor langer Zeit verloren habe.
Jetzt, wo wir in solch einer Situation stecken, möchte ich auch dieses Gefühl in dir wecken und dich so glücklich machen, wie du es bei mir geschafft hast.“
Vorsichtig öffnete er die kleine Schatulle, aus der zwei strahlende Ringe hervorblitzten.
„Willst du meine Frau werden, Marron?“

Ihr Gesichtsausdruck beinhaltete eine Mischung aus Schreck, Verwunderung, aber auch eine Rührung. Damit hatte sie am allerwenigsten gerechnet.
Irritiert schaute sie zwischen ihm und den Ringen hin und her, suchte innerlich nach den richtigen Worten, die sie darauf wechseln konnte, doch so recht fiel ihr nichts ein.
„C-Chiaki… Das kommt… überraschend. Wieso… W-Wieso das jetzt?“ Doch die Gewissheit kam schneller als erwartet. Kopfschüttelnd lehnte sie sich auf ihr Kissen zurück, als sie endlich verstand.
„So wie es aussieht, komme ich wohl nicht mehr raus aus dem Krankenhaus. Dann können wir… aber gar nicht heiraten…“
„Verurteil die Idee nicht so schnell. Es ist klar, dass es keine große Feier geben wird oder all die anderen Sachen, die üblicherweise zu einer Hochzeit dazugehören… Aber ich habe schon mit meinem Vater geredet. Er macht eine Ausnahme für uns und würde einen Pfarrer hier reinlassen.“
Immer noch wirkte sie eine Spur verunsichert.
„Komm schon, gib dir einen Ruck. Ich habe versprochen, dass ich dich glücklich machen werde und dafür würde ich alles tun. Oder seh ich aus, als würde ich lügen?“
Ein leichtes Grinsen huschte über ihre Lippen. Er war so lieb zu ihr, machte sich solch eine Mühe, obwohl es alles andere als gut für sie aussah und sie wusste, dass sie ihm sehr wehtun würde.
„Gut, du hast gewonnen. Ich sage ja.“
„Das wollte ich hören“, schmunzelte er, setzte sich neben sie und legte ihr mit vorsichtigen Bewegungen einen der Ringe an, bevor er den anderen selbst über seinen Finger zog.
„Dann werde ich später mit Vater reden und schnell einen Termin ausmachen, damit du es dir ja nicht anders überlegst!“
„Als würde ich mich das trauen.“
Beide mussten leicht lachen. Trotz der erdrückenden Stimmung in dieser „Zelle“ gab es noch Augenblicke, in denen Marron lächeln konnte. Gerade das war es, was ihm Hoffnung gab, ihn nicht völlig den Verstand verlieren ließ. Gerade in den letzten Tagen wollte er die Fassung halten und seiner Freundin eine Hilfe sein. Das, was sie im Augenblick am meisten brauchte.
Dennoch gab es Dinge, die auch er nicht verhindern konnte. So auch in der darauf folgenden Nacht.

Um ihr etwas Ruhe zu gönnen, wurde er aus Marrons Zimmer herausgebeten. Müde wie er war, ließ er sich auf einer der Bänke nieder und schlummerte selig, kehrte seinen Problemen und Sorgen wenigstens für diesen einen Moment den Rücken.  
Schon seit einer halben Stunde saß Kaiki seinem Ebenbild gegenüber und musterte diesen nachdenklich. Auf dem kleinen Beistelltisch neben ihm lag ein Stapel Papiere, mit Tabellen, Werten und für Laien unverständliche Sätze und Erklärungen.
Alle paar Minuten meldete sich sein Pieper. Als Oberarzt und Krankenausleitung war dies auch nicht weiter verwunderlich.
„Notfall im OP-Saal“, „Kawashima-sensei wünscht eine Konsultation in Untersuchungszimmer 5“, „Herzalarm auf Station 2“.
Lauter Nachrichten, bei denen er normalerweise sofort aufspringen und der Sache nachgehen würde. Heute war das aber anders.
„Willst du dich nicht um die Notfälle kümmern? Es macht keinen guten Eindruck, wenn der Chef und Oberarzt seinen Pager ignoriert.“
Seufzend schüttelte der Ältere den Kopf und stöhnte leise, nachdem er seinen erst überraschten Blick abgelegte.
„Du hättest mir ruhig sagen können, dass du wach bist. Dann wäre ich schon längst wieder im Dienst.“
„Ach so, siehst mir also lieber stundenlang beim Schlafen zu. Das ist natürlich viel effektiver.“
Doch sein Sarkasmus hielt nicht allzu lange. Es hatte wahrscheinlich seinen Grund, weshalb Kaiki dort auf sein Erwachen wartete. Und dass er ihn nicht weckte, sprach dafür, dass es schlechte Nachrichten gab. Für Chiakis Geschmack wäre eine gute stattdessen eine willkommene Abwechslung gewesen.
Beunruhigt schaute er zu seinem Vater, nachdem er sich aufgerichtet hatte.
„Was ist mit ihr?“
Dieser Frage wäre der Arzt am liebsten aus dem Weg gegangen, das merkte man ihm nur allzu deutlich an. Ein mehr als gequälter Ausdruck legte sich auf sein Gesicht, sodass seine Stirn eine beachtliche Zahl an Sorgenfalten schmückte.
Statt zu antworten, griff der Doktor nach seiner Lesebrille und schnappte sich seine zurechtgelegten Zettel, die er hastig überflog.
Lächerlich“, dachte der Jugendliche. Als hätte er nicht schon längst sämtliche Daten und Fakten im Kopf. Schließlich hat er den Papierkram stundenlang rauf und runter gelesen. Ein simpler Trick, um das Gespräch in die Länge zu ziehen, weil er nicht mit den Neuigkeiten rausrücken wollte.
„Jetzt komm mir bloß nicht mit irgendwelchem Fachchinesisch. Du bist mein Vater, also sag mir jetzt was Sache ist. Und zwar in aller Deutlichkeit. Ich bin keiner von deinen gewöhnlichen Patientenangehörigen und brauche keine Infos, mit denen ich sowieso nichts anfangen kann. Also komm zum Punkt.“
Klare Worte, die er eigentlich nicht hören wollte. Chiaki merkte selbst, dass er ein wenig zu patzig im Ton geworden war, doch es zog den gewünschten Effekt nach sich. Ohne weitere Widersprüche legte Nagoya-sensei die Zettel wieder beiseite und suchte nach den passenden Worten, auch wenn es ihm mehr als schwer fiel.
„Wir haben einige Tests durchgeführt, nachdem sie auf die Intensiv verlegt wurde. Die Ergebnisse sind vorhin aus dem Labor gekommen.“
„Und?“
Er schüttelte den Kopf.
„Es sieht nicht gut aus. Marrons Werte sind sehr schlecht. Für den Moment mag ihr Zustand nicht allzu kritisch sein, aber ein nächster Anfall könnte es dann gewesen sein… Sinken ihre Werte weiter in dem Tempo, wird sie schwächer werden und ihre körpereigene Abwehr wird versagen. Deswegen steht bei meinem Team jetzt die Alternative im Raum, dass wir sie vielleicht in ein Koma versetzen.“
„Ein Koma?“, wiederholte er, obwohl er es sich gar nicht vorstellen wollte.
„Ja. Sollte dieser Fall wirklich eintreffen, wird es wahrscheinlich sehr schmerzhaft für sie werden. Wir könnten sie zwar mit Schmerzmitteln betäuben, aber ich denke, dass ist nicht in eurem Sinne. Das hat sie nicht verdient. Wenn es dann soweit ist und ihr Abwehrsystem versagt, versetzen wir sie in das Koma, damit sie die kritischen Stunden nicht miterlebt. Sie wird… friedlich einschlafen.“
Chiaki schluckte. Friedlich einschlafen und nie wieder aufwachen, so hieß es doch immer, nicht wahr? Bei dem Gedanken wurde ihm so verdammt schlecht wie schon lange nicht mehr.
„U-Und… Wenn ihr sie in das Koma versetzt, … wird sie dann trotzdem noch Schmerzen haben?“
Sein Vater schüttelte den Kopf. „Während eines Komas ist das Schmerzempfinden sozusagen ausgeschaltet. Sie wird nichts davon mitbekommen.
Wir können uns nicht ganz in Komapatienten hineinversetzen, allerdings gibt es einige Studien darüber, dass die Stimmen vertrauter Personen, Musik oder irgendetwas, was bei ihnen bestimmte Erinnerungen hervorruft, sogar noch im Koma wahrgenommen werden.“
Schon eine ganze Weile hatte er nicht mehr zugehört. Allein schon die Vorstellung ließ ihn erzittern, wenn er vor seinen Augen die schlafende Marron vor sich sah. Es war an sich keine schlimme Vorstellung, im Gegenteil. Beinahe wie Schneewittchen wirkte sie, wenn sie sich unter die Decke mummelte und sich in der Traumwelt befand.
Wenn da doch nur nicht diese verdammte Gewissheit wäre, dass sie nicht mehr aufwachen wird. Gerade dieser Gedanke machte es so schwer für ihn, auch wenn er das Koma für eine gute Idee hielt.
„Können wir unseren Plan denn immer noch durchziehen?“, befreite er sich selbst aus dem Chaos in seinem Kopf und lenkte mit Gewalt das Thema um.
„Solange ihre Werte noch nicht zu schlecht sind, können wir es tun. Ich bestelle den Mann für 10 Uhr her, wenn es dir recht ist. Dann müsstest du sie nur darauf vorbereiten.“
„Wann sollen wir ihr von dem künstlichen Koma erzählen?“
Eigentlich dachte Kaiki, alles Bedrückende wäre gesagt worden, doch diese Frage war wieder eine von der Sorte, die er lieber nicht gestellt bekäme.
„So schnell es geht. Es ist ihre Entscheidung. Wenn sie keine Zustimmung gibt, können wir die Therapie nicht einleiten. Versuch es ihr schonend beizubringen“, waren seine letzten Worte, bevor er sich erhob und mit dem ganzen Papierkram unterm Arm verschwand.

„Geht es oder wird dir schwindelig?“
Behutsam half Chiaki der Brünetten in eine aufrechte Position und stützte sie ein wenig ab. Mittlerweile kam sie auch wieder ohne die künstliche Beamtung zurecht, was man ihr auch deutlich anmerkte. Im Gegensatz zu vorhin wirkte sie schon munterer. Seit dem Gespräch mit seinem Vater waren erst wenige Stunden vergangen. Obwohl ihm eine Mütze voll Schlaf noch ganz gut getan hätte, fand er leider nicht mehr die nötige Ruhe, um für kurze Zeit in seiner Traumwelt zu verschwinden.
Stattdessen zog er es vor, sich gemeinsam mit seiner Verlobten auf das freudige Ereignis vorzubereiten.
„Das ist schon schade. Ich hatte mir immer eine Hochzeit komplett in weiß vorgestellt. In einer großen Kirche, einem schneeweißen, überteuerten Kleid und in großer Runde.“
„Damit kann ich leider nicht dienen, so leid es mir tut. Vielleicht tröstet es dich aber, dass hier im Zimmer trotzdem alles weiß ist.“
Mit vorsichtigen Bewegungen ließ er die Bürste durch ihr Haar fahren, das er so ein wenig entzauste. Nach wochenlanger Bettlägerigkeit sah man nun mal nicht wie ein Topmodel aus, selbst die modebewusste Marron nicht.
„Ich weiß. Daraus mache ich dir ja auch keinen Vorwurf, im Gegenteil. Ich bin begeistert, wie du das alles organisiert bekommen hast. Fast schon wie ein kleines Wunder, dass ich das noch erleben darf.“
Mit einem leichten Lächeln drückte sie ihn ein Stück von sich weg.
„Lass gut sein. Die Haarknoten übernehme ich. So viel Geschick traue ich dir dann doch nicht zu, mein Lieber. Hol du mir lieber einen Spiegel, damit ich nicht komplett aussehe wie ein Clown.“
„Zu Befehl.“
Er stand direkt auf und ging rüber zu der Reisetasche, die er daheim für sie gepackt hatte, öffnete den Reisverschluss und begann, auf der Suche nach dem gesuchten Objekt, darin zu kramen. Verwundert hielt er in seiner Bewegung inne, als ihm ein Umschlag auffiel, den er seines Wissens nach nicht eingesteckt hatte.
Auf dem Papier stand in Großbuchstaben sein Name und es handelte sich eindeutig um Marrons Schrift. So passte er einen Moment ab, in dem sie wegsah und ließ das Schriftstück heimlich in seiner Jacke verschwinden, nachdem er endlich den kleinen Handspiegel gefunden hatte und diesen an sich nahm.
„Du siehst wunderbar aus, das kannst du mir ruhig glauben.“
Ihre skeptische Mimik untermalte noch, dass sie sehr an seinen Worten zweifelte, bevor sie ihr Gesicht in der Spiegelung betrachtete.
Kein schöner Anblick, wie sie fand. Ihre glasigen Augen, die durch die dunklen Ringe auch noch betont wurden, starrten betrübt ihr Gegenüber an, dessen Hand sacht über die blassgelbliche Haut fuhr. Auch ihre Haare wirkten nicht mehr so flauschig und sanft wie früher, sondern hingen nur schlaff herab.
Kopfschüttelnd legte sie den Gegendstand aus der Hand, wollte ihrem erschreckenden Ebenbild aus dem Weg gehen, dem sie nicht noch länger in die Augen sehen konnte.
Zu groß war die Angst, dass es noch schlimmer werden würde.
„Sag mal, könntest du mir vielleicht kurz zur Hand gehen?“
Fragend drehte sie sich zu ihrem Freund um, musste aber sogleich laut loslachen, als sie seine verzweifelten Versuche bestaunte, sich die Krawatte ordentlich umzubinden.
„Was treibst du denn da? Du machst es nur schlimmer, wenn du weiter daran herumzerrst. Lass mich das machen.“
Mit geschickten Bewegungen löste sie den Knoten, den er sich ausversehen verpasst hatte und band ihm das Kleidungsstück korrekt um, wie es eigentlich gedacht war.
„Damit siehst du deinem Vater wirklich ähnlich“, kicherte sie nach der fertigen Behandlung und lehnte sich zurück.
„Ob ich das will, ist eine ganz andere Frage. Aber ich muss ja schließlich ordentlich aussehen, damit ich meiner Frau keine Schande mache.“
Eine unnatürliche Röte legte sich auf ihre sonst farblosen Wangen, als sie diese Worte von ihm hörte. Obwohl sie schon lange ein Paar waren, fühlte sie sich schon ein wenig seltsam, wenn er sie seine Frau nannte.
Die traute Zweisamkeit wurde unterbrochen, als es an der Tür klopfte und ein schwarz gekleideter Mann eintrat.
„Entschuldigen Sie die Störung, ich wurde von der Krankenhausleitung hergeschickt. Ich bin Pfarrer Kasugami. Bin ich hier richtig?“
„Goldrichtig“, stimmte Chiaki zu und bat ihn herein.

Nur wenig später saßen die Verlobten ihrem Gast gegenüber, der seine Brille zurechtrückte und einen Blick in das geöffnete Buch in seinen Händen warf. Marron, deren Gesicht unter einem Schleifer verborgen lag, bekam es langsam mit der Nervosität zu tun. Obwohl sie sich das alles ganz anders vorgestellt hatte und sie nur in kleinem Kreise waren, packte sie ein Gefühl, was ihr Herz rasen ließ. Stumm lauschten sie den Worten des Pfarrers, der mit seiner Ansprache anfing und einige Stellen aus seinem Buch zitierte.
Auch Chiaki bekam es ein wenig mit der Angst zu tun, obwohl dies eher ihrer Gesundheit galt. Insgeheim fürchtete er sich davor, dass es doch ein wenig zu viel Trubel für sie war und sich ihr Zustand vielleicht wieder verschlechterte. Erst nach einer Weile wurde er wieder aufmerksamer und bekam mit, dass der Mann mit seinen Worten fast schon beim Ende angelangt war.
„Wir haben uns heute unter besonderen Umständen hier versammelt, um euch beide in den heiligen Bund der Ehe treten zu lassen. Dieses besondere Band wird auf ewig erhalten bleiben und begleitet euch auf eurem Weg, bis hin zum Tod.
Die Liebe, die ihr füreinander empfindet, erträgt alles, glaubt alles, hofft alles und hält allem stand. Sie wird niemals einen Abbruch finden und euch beistehen, solange ihr existiert.

So frage ich dich, Kusakabe Marron, willst du den hier anwesenden Nagoya Chiaki zu deinem rechtmäßig angetrauten Ehemann nehmen, ihm in Gesundheit und Krankheit beistehen, ihm treu sein und ihn lieben und ehren, bis dass der Tod euch scheidet?“
Kurz zögerte sie. Diese Trauung erfüllte ihren Wunsch einer liebenden Familie… Dennoch fühlte es sich so an, als würde sie jemandem dadurch sehr wehtun. Gerade durch diese enge Bindung.
Nein. Es war richtig und gut so. Auch wenn es mit Sicherheit Tränen geben würde, wollte sie diesen Schritt gehen. So egoistisch und fies das auch von ihr war. So war es doch ihr letzter Wunsch.
„Ja, ich will.“

Der Herr nickte erfreut, ehe er sich dem Bräutigam zuwandte.
„Dann frage ich nun auch dich, Nagoya Chiaki, willst du die hier anwesende Kusakabe Marron zu deiner rechtmäßig angetrauten Ehefrau nehmen, ihr in Gesundheit und Krankheit beistehen, ihr treu sein und sie lieben und ehren, bis dass der Tod euch scheidet?“
„Ja, natürlich.“ Selbstverständlicher und entschlossener hätte seine Stimme wohl nicht klingen können.
„Wenn das so ist, möchte ich euch jetzt bitten, die Ringe auszutauschen.“
Dieser Aufforderung kamen die beiden sofort nach. In diesem Fall handelte es sich um die Verlobungsringe, die Chiaki dem Pfarrer zuvor anvertraut hatte. So peinlich ihm das auch war, reichte sein jetziges Gehalt einfach nicht für richtige Eheringe. Das strahlende Lächeln seiner Braut allein schon sagte ihm doch, dass er alles richtig machte.
„Nun fehlt nur noch der wichtigste Teil, dann wären wir auch schon fertig. Sie dürfen Ihre Braut jetzt küssen“, verkündete er und klappte sein Buch zu, beobachtete das Paar zufrieden. Marrons vor Aufregung glänzenden Augen, als ihr frisch angetrauter Mann den Schleier hochhob und ihr Gesicht darunter zum Vorschein kam. Seine sanften Bewegungen, als er sie zu sich zog und seine Lippen vorsichtig auf ihre legte.
Deswegen liebte er seinen Job genauso wie es die Paare untereinander taten, die er zusammenbrachte.
Da seine gewährte Zeit auf der Intensivstation aber nur von kurzer Dauer war, musste er sich bald wieder verabschieden und die beiden in ihrer Zweisamkeit zurücklassen.

Friedlich lagen sie nebeneinander im Bett, in ihrer Mitte Fynn und Access. Kinder würden sie zwar nie haben können, doch das war auch gar nicht nötig. Für die Todkranke reichte das hier völlig aus. Das… war die Familie, nach der sie sich all die Jahre so sehr sehnte.
„Es tut mir leid“, murmelte der angehende Arzt nach einer gefühlten Ewigkeit und lenkte ihre Aufmerksamkeit sogleich auf sich. „Ich möchte dir nur ungern die Laune verderben, aber ich muss dir etwas sagen.“
Insgeheim ahnte sie bereits, dass es keine allzu guten Nachrichten gab. Es hätte sie nicht gewundert, würde er ihr verkünden, dass sie noch am selben Tag ihr Leben ließe.
„Ich habe mit meinem Vater geredet und er sagte, die Testergebnisse seien eindeutig. Die Lage wird rapide schlechter und er möchte dir ein Angebot unterbreiten.“
„Was für ein Angebot?“
Ein lautes Stöhnen war nicht mehr zurück zu halten. Mit dem Gedanken konnte er sich einfach nicht anfreunden, auch wenn es alles etwas einfacher machte.
„Er sagte, ein künstliches Koma würde dich vor den Schmerzen bewahren. Du würdest schlafen und… nichts davon mitbekommen, wenn es soweit ist.“
Sie schluckte. „Ein Koma… Ich weiß nicht recht.“
„Überleg es dir bitte. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Damit würdest du dir… eine Menge Qualen ersparen.“
„C-Chiaki?“

Furcht ging ihr durch Mark und Bein, als sie die Tränen erblickte, die sich langsam ihren Weg über seine Wangen bahnten. Das erste Mal seit der Diagnose sah sie eine solche Regung bei ihm. Nun war ihr bewusst, dass sie einen Punkt erreicht hatten, an dem selbst er nicht mehr stark sein konnte. So sehr er auch dagegen anzukämpfen versuchte. Diese Emotionen brachen seinen Willen.
„Entschuldige, ich will dir keine Angst machen. Eigentlich wollte ich damit warten… bis alles vorbei ist. So wie’s aussieht, bin ich doch nicht so abgehärtet, wie ich dachte.“ Dieser Anblick tat so unbeschreiblich weh. Wie er da neben ihr saß, den Arm über sein Gesicht gelehnt, so dass er einen Großteil seines Ausbruches vor ihr versteckte.
„Am liebsten würde ich jetzt auch weinen, aber es geht gerade einfach nicht, weißt du? Ich denke… so schlimm das alles auch sein mag, habe ich mich mittlerweile damit abgefunden. Ändern oder mich dagegen wehren, kann ich auch nicht. Es ist zwar furchtbar schade, dass unsere gemeinsame Zeit nur so kurz war, aber ich habe sie in vollen Zügen genossen. Und das werde ich bis zur letzten Sekunde tun. Nicht nur um es mir möglichst bequem zu machen… sondern auch um dir den Anblick und die Sorge zu ersparen,  werde ich den Vorschlag annehmen und mich in das Koma versetzen lassen. Das scheint mir wohl die beste Lösung zu sein.
Nur… erlaube mir eine Frage.“
Sie wartete einen Augenblick, bis er sein nasses Gesicht wieder trocknete und sich zu ihr wandte. „Wirst du bei mir sein, bis es vorbei ist?“
Als läge das nicht klar auf der Hand. Er nickte nur stumm und schloss seine Frau ganz fest in die Arme.
„Das verspreche ich dir. Du wirst nicht alleine sterben.“
Auch die beiden Engel kuschelten sich an ihre Schultern. Nein… alleine würde sie mit Sicherheit nicht sterben.

Drei Tage später war dann der erwartete Fall eingetreten und die Werte von Marron hatten sich drastisch gesenkt. Heute würde man ihr das Medikament spritzen, das sie friedlich einschlafen ließ. Schon den ganzen Morgen über lief bei Chiaki das Telefon heiß, als er versuchte, Miyako und die anderen zu erreichen. Auf dieser Station waren zwar nur Familienangehörige zugelassen, aber in dieser Lage… da es ohnehin keine Hoffnung mehr gab, dürfte sie sich trotz der Vorschriften von ihren Freunden verabschieden.

„Hör auf zu weinen, Fynn. Es ist alles gut.“
Ihre besänftigenden Worte halfen rein gar nichts. Die Tropfen kullerten und das ohne Unterlass. Selbst Access konnte sie nicht trösten, wie denn auch? Wer seine einzige Familie verlor, versank natürlich in einer nicht enden wollenden Trauer.
„Ich werde bei Gott für dich beten. Damit er dich mit offenen Armen empfängt und dich bei sich aufnimmt. Das verspreche ich dir ganz fest“, schluchzte sie und lehnte sich an die Wange Marrons.
„Dafür danke ich dir. Pass bitte gut für mich auf Chiaki und Access auf, ja? Die beiden kann man nicht allein lassen.“
„Großes Ehrenwort, das schwöre ich.“
„U-Und ich schwöre, dass ich gut auf Fynn achten werde!“, mischte sich angesprochener Engel nun auch ein.
„Das will ich doch schwer hoffen.“
Ein leises Klopfen unterbrach die Unterhaltung der drei, woraufhin sich die Tür öffnete und sie ihren Mann eintreten sah.
„Entschuldige, dass es so lange gedauert hat. Da waren noch einige organisatorische Dinge, die geklärt werden mussten. Ich habe dir Besuch mitgebracht“, klärte er sie auf und ging einen Schritt zur Seite. Fassungslos setzte sie sich auf und starrte ihre Besucher an, die sie zweifellos als ihre Eltern identifizieren konnte.
„I-Ihr seid hier?“
Sofort fiel ihre Mutter ihr um den Hals. Man merkte ihr ihren vorangegangenen Gefühlsausbruch deutlich an.
„Als Nagoya-sensei angerufen und uns von deinem Zustand erzählt hat, sind wir sofort zurückgekommen.“
„Es tut uns leid, dass wir nicht früher da sein konnten.“
Die Brünette schüttelte nur den Kopf und erwiderte die innige Umarmung ihrer Eltern.
„Ich bin glücklich, dass ich euch noch einmal sehen dürfte.“

Stunde um Stunde ging vorbei, bis der frühe Abend erreicht war. Anspannung lag in der Luft und alle warteten mit Furcht auf den Doktor, der die erlösende Spritze mitbringen würde.
Mittlerweile war auch noch Yamato dazugekommen, der sich noch etwas mit der Kranken unterhielt und sie doch das eine oder andere Mal zum Lachen brachte, auch wenn ihr eigentlich nicht danach war. So groß die Freude über ihre Gäste auch war, fehlte noch jemand sehr wichtiges, der sich bis jetzt noch nicht hatte blicken lassen.
Erwartungsvoll glitt ihr Blick zur Tür, durch die aber nur Chiaki trat. Er machte ein scheußliches Gesicht.  
„Vater kommt in ein paar Minuten. Er hat sich etwas verspätet, weil es Ärger in einer anderen Abteilung gab.“
„Aber… Miyako ist noch nicht hier…“
Ausgerechnet ihre beste Freundin ließ sich an diesem entscheidenden Tag nicht blicken. Das fühlte sich an wie ein Faustschlag ins Gesicht.
Dieser Abschied würde der Polizistin mindestens genauso schwer fallen wie ihr selbst. Schon seit Kindertagen waren sie immer zusammen und haben an dieser Bindung festgehalten.
Immerzu spielte Marron die Starke und ließ sich ihren Kummer nicht anmerken… nur heute. Heute brauchte sie diese Hand, die die ihre festhielt.
Dass diese herbeigesehnte Person eigentlich schon vor der Tür stand, ahnte sie dabei noch nicht.

„Willst du nicht doch reingehen, Miyako-chan?“
Erschrocken wich die Frau zur Seite und machte Platz für Kaiki.
„I-Ich weiß nicht…“
„Das ist die falsche Antwort. Und das weißt du auch. Marron braucht dich jetzt. Bitte lass sie nicht im Stich.“
„Ich kann das einfach nicht. Wie soll ich da reingehen und ihr in die Augen sehen, ohne zu weinen? Wenn mir das schon solche Angst einjagt, wie muss sie sich dann erst fühlen? Erwartet sie von mir nicht eine starke Schulter, an die sie sich anlehnen kann? Das kann ich ihr nicht bieten…“
Einen Moment lang dachte er über ihre Worte nach, bevor er ihr den Kopf tätschelte.
„Weißt du, Miyako-chan, statt einer starken Schulter hast du etwas viel Besseres. Du kannst sie in den Arm nehmen… und dann gemeinsam mit ihr weinen. Glaub mir, das wird sie mehr trösten als alles andere. Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich dir das jetzt in aller Deutlichkeit sage: Früher oder später würdest du es bitter bereuen, dich nicht von ihr verabschiedet zu haben. Also bereue lieber dein Kommen als dein Nichtkommen, verstanden?“
„Sensei…“ Dies schien Eindruck bei ihr hinterlassen zu haben. Mutig schluckte sie den aufkommenden Kummer herunter und quälte sich ein trauriges Lächeln auf die Lippen. „Ich danke Ihnen.“

Das nächste Mal als die Tür sich öffnete, erhellte sich Marrons Mimik schlagartig.
„Miyako! Du bist wirklich gekommen…“
„Ja, natürlich. Entschuldige die Verspätung. Es… ging leider nicht früher…“
Hinter ihr betrat ebenso Nagoya das Zimmer, was bei allen Anwesenden für Unmut sorgte.
Unbeirrt ließ sich die Dunkelhaarige neben ihrer Freundin auf dem Bett nieder und nahm ihre Hand.
„Tja… Ich weiß nicht, was man in so einer Situation sagt.“
„Ich schon“, antwortete Marron und strahlte sie an, „Ich bin verdammt stolz auf dich.“ „W-Wieso das denn?“
Verwundert legte sie den Kopf schief, konnte sie sich doch nicht so ganz erklären, was das frisch verheiratete Fräulein damit meinen könnte.
„Im Fernsehen kam ein Bericht darüber, wie du diesen Verbrecher hinter Gitter gebracht hast. Das war echt spitze, ich habe mich riesig darüber gefreut.“
„Ach, das… Das war-…“
„Gute Polizeiarbeit? Oder wie auch immer du das sonst nennst.“
Ein Kichern konnten sie sich beide nicht verkneifen.
„Scheint, als hättest du es verstanden. Dich hätte ich früher oder später auch noch eingebuchtet“, spaßte Miyako selbstsicher.
„Das will ich sehen.“
Der Doktor warf einen flüchtigen Blick auf die Uhr: „Ich unterbreche zwar nur ungern, aber es wird allmählich Zeit…“
„Schade. Eigentlich hätte ich gern noch weiter mit dir geplaudert.“
Wie immer wirkte Marron gefasst und stark. Da war sie aber auch die Einzige. Denn auch ihre Kameradin konnte ihren Frust nicht länger verbergen.
„Es tut mir leid, dass ich nichts tun konnte. Ich wollte dich immer nur beschützen, aber letztendlich… sitze ich hier und muss mich von dir verabschieden. Das ist wirklich nicht fair.“
„Fair ist das Leben so gut wie nie. Versprich mir nur, dass du nicht aufgibst und weiter daran arbeitest, deinen Traum zu verwirklichen. Mich konntest du vielleicht nicht retten, dafür aber die Leben aller anderen, die Gott in deine Hand gelegt hat. Pass gut darauf auf.“
„Marron…“
Wimmernd fielen sich die beiden in die Arme. So sehr sie sich auch bemühte, konnte Miyako nun doch nicht mehr das zurückhalten, was ihr so schwer auf der Seele lastete.

Wenige Minuten danach… hatte Kaiki seine Spritze am Infusionsschlauch geleert. Nun lag das Mädchen da, müde und erschöpft in ihrem Bett. Umringt von Freunden und Familie.
„Um ehrlich zu sein…“, begann sie irgendwann zu sprechen, „Hatte ich seit der Diagnose große Angst vor diesem Tag. Ich dachte, es würde mir schrecklich schwer fallen und ich würde einsam und allein in einem Krankenhausbett sterben.“ Ihre zitternde Hand griff nach der von Chiaki, die sie ganz fest hielt. „Jetzt, wo ich hier bin, fühle ich mich aber sehr gut. Es ist schon ein ganz eigenartiges Gefühl, aber ich habe keine Angst mehr. Ich bin… wirklich glücklich, dass ihr alle bei mir seid. Tut mir den Gefallen und bleibt alle wie ihr seid. So, wie ich euch kennen und lieben gelernt habe. Wenn die Zeit vergeht, bringt der himmlische Wind erneut das Glück zu euch. Also haltet daran fest… und vergesst mich nicht.“
Ihre Stimme wurde immer leiser, schwächer… bis sie schließlich komplett verstummte, sich ihre entkräfteten Augenlider langsam schlossen und sie einschlief.
Es dauerte, bis sich der Raum allmählich wieder leerte und nur Chiaki darin zurückblieb, der weiterhin tapfer ihre Hand hielt.
„Du solltest dir auch eine Pause gönnen. Das Schlimmste ist jetzt überstanden“, sagte sein Vater und legte ihm gut gemeint eine Hand auf die Schulter. Doch er drehte sich nicht einmal zu ihm um.
„Nein. Da gibt es etwas, das ich Marron versprochen habe. Und das muss ich unbedingt einhalten.“
„Verstehe. Ruf mich, solltest du etwas brauchen.“
Jetzt… war er allein.

Tage verstrichen, in denen er nicht wagte, von ihrer Seite zu weichen, sie loszulassen. Immer wieder ging ihm das durch den Kopf, was sie ihn damals fragte.

> Wirst du bei mir sein, bis es vorbei ist? <

So kam es dann, dass irgendwann ihr Herz aufhörte zu schlagen und Gott seine Dienerin wieder zu sich holte. Ihr treuer Weggefährte aber war bis zur letzten Sekunde bei mir.

Aus Tagen wurden Wochen. Aus Wochen Monate und aus diesen Monaten schließlich Jahre.
Marrons Tod lag nun schon eben vier Jahre zurück und das Leben der anderen war trotzdem weitergegangen.
Mürrisch betrachtete der frisch gebackene Arzt das Schild, das zum Eingang auf seine Praxis verwies. Wirklich damit anfreunden, konnte er sich aber nicht.
„Meinst du nicht, dass eine lachende Spritze die Patienten eher verschreckt als beruhigt?“, murmelte er nachdenklich. Seine jahrelange Freundin und Nachbarin konnte ihm da nicht so ganz zustimmen.
„Also wenn du mich fragst, ist das ziemlich niedlich. Da hätte ich gleich viel weniger Angst, wenn ich zu dir gehen würde.“
„Hoffen wir mal, dass das nicht wieder so schnell vorkommt. Bei deinen Verfolgungsjagden geht es wohl ziemlich heiß her, so oft wie du dir deinen Knöchel verstauchst.“
Seiner Stimme allein schon hörte man an, dass er ihre Arbeitsweise ziemlich beanstandete.
„Ist eben ein hartes Geschäft. Aber jetzt bist du ja zum Glück hier, um mich wieder zusammen zu flicken. Dann können sich die Gauner alle warm anziehen, wenn Officer Todaiji ihnen auf den Fersen ist!“, jubelte sie selbstsicher und rückte ihren Mantel zurecht.
„Ja… am Ende muss ich die dann auch… wie sagtest du? Zusammenflicken.“
„Ach, Chiaki, komm ruhig heute Abend zum Essen vorbei. Yamato sagte, wir wollen den Einzug in deine eigene Praxis feiern.“
„Das hört sich doch gut an. Ich bin nach Feierabend da. Und wehe, er lässt wieder alles anbrennen.“
„Keine Sorge, keine Sorge. Ich bin nicht nur der Arm des Gesetzes sondern auch eine wunderbare Köchin, du wirst schon sehen. Aber ich muss jetzt wieder los, der Dienst wartet. Bis heute Abend!“, verabschiedete Miyako sich und rannte so schnell sie konnte los zu ihrem Auto. Mit ihrem übereifrigen Kollegen war nämlich nicht zu spaßen. Der duldete keine Verspätungen, auch wenn er vom Dienstgrad her unter ihr stand.
Nagoya-sensei hingegen, also mit anderen Worten Chiaki, hatte die Ruhe weg, sich noch weiter über das Schild aufzuregen. Sein Arbeitsalltag würde erst ab nächster Woche richtig losgehen, wenn alle Formalitäten geklärt waren.
Nach seinem Studium hatte er herausragende Zeugnisse und konnte seinem Vater schon in so manchen Dingen assistieren. Man konnte wirklich behaupten, dass der ehemalige Möchtegern-Playboy ordentlich etwas aus sich gemacht hatte.
Dennoch gab es da etwas, das er nie so richtig verwunden hat. Dieses Werk... seine Praxis. Das alles hatte er seiner lieben verstorbenen Frau zu verdanken. Bevor sie diese Welt verließ, sagte sie ihm, er solle den Umschlag aus ihrer Tasche nach ihrem Ableben öffnen. Der Inhalt darin würde allein ihm gehören. Wie sich herausstellte, war es eine ganze Menge Geld und ein Abschiedsbrief. Die zusammengekommene Summe hatte sie als ein letztes Geschenk gespart und wollte ihm damit helfen, seine Karriere in Schwung zu bringen. Genau das hatte es auch getan... ihm seinen Weg in die Selbstständigkeit eröffnet.
„Ein Essen heute Abend? Dabei wollte ich noch zum Friedhof gehen… Eine Schande. Miyakos Kochkünste darf ich mir allerdings nicht entgehen lassen.“
Er schaute hinauf zum Himmel, der von einigen Wolken bedeckt war.
„Ich wünschte, du könntest das sehen, Marron. Es ist viel passiert, seit du nicht mehr da bist.“
Ein Windstoß sauste ihm durch das blaue Haar und ließ ihn kurz zittern, war es doch noch etwas maikühl an diesem Morgen.
„Ist was nicht in Ordnung? Du siehst… traurig aus.“
Sich nach der Stimme umdrehend, dachte er, er würde träumen. Direkt vor ihm schwebte ein kleiner Engel, der von der Statur her Fynn sehr ähnlich sah und blickte ihn aus großen Augen an.

Ich war immer der Ansicht, es gäbe so etwas wie das Schicksal nicht. Es sei ein von Menschen erfundenes Band, was zwei Personen unwiderrufliche miteinander verknüpft. Spätestens seit Marrons Tod war mein Glaube daran völlig ausgelöscht. Bis zu dem Tag… an dem sie plötzlich in Gestalt eines Engels wieder vor mir stand.
Vielleicht war es nicht direkt eine Art Schicksal sondern vielmehr die Hand Gottes, die uns wieder zusammengeführt hat. Aber egal wieso es passiert ist. Ich werde auf ewig dafür dankbar sein.
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