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Angst im Nacken

von Yavia
OneshotAllgemein / P12 / Gen
Commander Shepard Garrus "Archangel" Vakarian
06.04.2015
06.04.2015
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1.460
 
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Eine kurze Hommage an das Spiel Mass Effect 2.
Alle Charaktere gehören Bioware.

Quartier des Captains

Commander Shepard blickte auf ihre Hände. Da waren die gleichen Narben wie sie die am ganzen Körper hatte. Rote durchbrochene Linien. Durchbrochen wie ihre Lebenszeit.
Sie war zwei Jahre tot gewesen.
Shepard wischte sich vergeblich die zwei Haarsträhnen aus der Stirn, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten. Angetrunken blickte in das leere Glas vor sich und überlegte, ob noch ein Glas turianischer Wein ihr guttun würde.
Was alles passiert war in den zwei Jahren war schon mal eine Menge. Doch wenn sie ehrlich war, war es nicht die Zeit, die sie verloren hatte, oder die Dinge, die sich geändert hatten, sondern sie selbst war es. Wie ein dunkler Schatten kroch es ihr immer wieder hoch. Sie war tot gewesen. Warum beachtete das keiner, wenn er mit ihr sprach.
Sie griff zur Flasche auf dem Tisch und goss sich ein, hob das Glas um es zum Mund zu führen. Eine Reflektion im Glas ließ sie inne halten. Garrus kam von links heran und nahm ihr das Glas ab.
„Zuviel von dem Wein könnte eine allergische Reaktion auslösen.“
„Hast du mit Mordin gesprochen...?“, fragte sie, wurde sich bewusst, wie wenig ausformuliert sich das anhörte. Eher wie ein lallen.
„Musste ich doch. Ich wollte doch alles richtig machen.“
Sie sah ihn an. Die Narbe in seinem Gesicht war abgeheilt, nur eine Erinnerung an eine kurze Niederlage. Sie presste die Lippen zusammen um nicht zu weinen. Sie wünschte, sie wäre nur um ein paar Narben reicher und nicht um zwei Lebensjahre ärmer in denen sie tot gewesen war.
Garrus beugte sich herunter um ihr ins Gesicht sehen zu können, fasste dann ihr Kinn. „Was ist los?“
Sie schlüpfte aus dem Griff und drehte den Kopf weg.
Garrus setzte sich ihr gegenüber auf den gepolsterten Stuhl und sah sie an. „Shepard?!“, fragte er drohend.
Sie blickte ihn an und senkte den Kopf wieder. Warum sollte sie es ihm erzählen? Was auch genau? Sie hatte keine Erinnerung an ihren Tod, es war nur, wie ein Schatten hinter ihr, immer außerhalb des Sichtfelds. Joker wollte einen Spiegel haben, damit er sehen konnte, wer hinter ihm stand, sagte er mal, als sie dort eine Weile stand. Sie brauchte auch so einen. Sie wollte sehen, was hinter ihr stand, was das für Schatten waren.
Wollte sie wirklich?
„Vielleicht solltest du doch noch etwas trinken. Aber etwas für Menschen bekömmliches“, schlug Garrus vor, nachdem er sie so betrachtet hatte.
Sie nickte, wischte sich die anbahnenden Tränen verstohlen aus den Augen, als Garrus aufstand und die paar Stufen rauf zum Regal hinüberging. Er blieb vor den wenigen Modellschiffen stehen, die in der Glasvitrine standen.
„Wie beschäftigt dich das, solche Modelle zu bauen?“
„Die waren schon fertig.“
„Oh“, erkannte Garrus.
„Zwei von denen... ich glaube, ich hab da keins von selbst gebaut. Liara hat mir eins mitgebracht, als sie hier war... Oder ich hab die einfach von einer Mission mitgenommen.“
Er blickte zu ihr und sah die Rückseite ihres geneigten Kopfes. „Wie hast du die transportiert?“
„In meiner Rüstung ist eine Raum-Zeit Tasche. Da kann ich alles reinstopfen, was ich so finde. Paladrium, Pallandium, Palladara – ach, wie auch immer das heißt.“ Sie legte den Kopf auf den Tisch und Garrus kam zurück, setzte sich wieder auf den Stuhl.
„Du hast keinen Alkohol in deiner Kabine.“
„Ich bin ja auch der Captain. Der hat sowas nicht, das ist ein schlechtes Vorbild“, schnauzte sie ihn an.
„Ja, manchmal kannst du ganz schön unfreundlich sein.“
„Unfreundlich?“, sie hob den Kopf, sah ihn an.
„Ja, abtrünnig.“
„Ach so“, meinte sie, legte sich wieder hin. „Manchmal fällt mir aber auch nichts anderes dazu ein, wenn die alle so blöde Sachen machen...“
Garrus strich ihr über den Rücken. „Willst du nicht ins Bett gehen?“
„Nein“
„Warum nicht?“
„Weil, weil ich zwei Jahre geschlafen habe“, schoss es aus ihr heraus. „Ich war zwei Jahre tot.“
Garrus zog die Luft ein und richtete sich etwas auf, blickte sie an. Das schien ja ernst zu sein.
„Da sind Schatten hinter mir, soweit hinten, dass ich sie nie sehe. Garrus, ich habe Angst vor dem Schatten hinter mir.“
„Commander Shepard hat Angst vor etwas, was hinter ihr liegt?“
Sie schob beleidigt die Lippen vor und murmelte unverständlich. Garrus fragte nach.
„Dann bin ich halt ein Angsthase“, wiederholte sie, verschränkte die Arme vor der Brust und schmollte kurz. Schnell beugte sie sich wieder vor, die Hände auf die Tischplatte stützend und sah Garrus mit großen Augen an. „Oder? Ich bin kein Angsthase, oder? Nur weil ich Angst vor diesen Schatten habe?“
„Soll ich die Kollektoren fragen, ob du wie ein Angsthase auf sie gewirkt hast, nachdem du ihre Basis gesprengt hast? Wenn ich noch welche von ihnen finde, vorausgesetzt...“
Sie schmunzelte. „Das war eine Wahnsinns-Explosion, oder?“
„Ja, die war stattlich.“
Er legte seine Hand auf ihren Arm und drückte ihn sanft.
„Sag mal“, begann sie. „Wie bist du hier eigentlich rein gekommen?“
„Die Tür war auf.“
„Meine Tür ist auf?“, fragte sie erschrocken, drehte sich dahin und fiel fast vom Sofa.
„Es sind doch alle Türen auf.“
„Wie? Ihr könnt einfach so überall rein?“
„Ja“
„Wenn ich aufs Männerklo gehe, meckert EDI mich an.“
Garrus schmunzelte. „Warum gehst du denn aufs Männerklo?“
„Weil die Türen alle gleich aussehen. Gibt's da nicht so Aufkleber, die einem sagen, worauf man zuläuft?“
„Bekommst du denn keine Hinweise vom Omnitool?“
„Äh“, stöhnte sie abfällig. „Ehe ich das gelesen habe, bin ich schon drin.“
Sie sahen sich an.
„Hast du schon mal meinem Weltraumhamster gesehen?“, fragte sie.
Garrus beugte sich leicht zurück. Was war denn ein Weltraumhamster? Eine Krankheit? Shepard drehte sich umständlich um und zeigte zu dem anderen Regal hoch. „Da, er heißt Boo.“
„Boo?“, fragte er und bemerkte, dass er auf der Seite des Regals nur flüchtig nach Alkohol geguckt hatte. Wahrscheinlich, weil da alles leer war, bis auf den Glaskasten mit dem kleinen Holzhaus drin.
Ein Hamster war also ein Tier, stellte Garrus erleichtert fest und wandte sich wieder Shepard zu.
„Ich glaube, es ist Zeit für den Captain ins Bett zu gehen.“
„Ja“, begann sie, versuchte aufzustehen. „Nein, nein! Ich will nicht ins Bett. Ich will nichts verpassen.“
„Was denn verpassen? Die Normandy fliegt mit Nachtbesetzung und kaum einer ist wach.“
„Hey! Weißt du, wo ich noch was zu trinken herbekomme?“, platzte es erkennend aus ihr heraus.
Garrus schüttelte langsam den Kopf.
„Bei Kasumi!“ Kaum ausgesprochen stand sie auf und stolperte die Stufen hinauf in Richtung Tür. Garrus holte sie ein, legte seinen Arm über ihre Schultern und drehte sie zurück ins Zimmer. Sie ging zielstrebig weiter und stoppte von ihm geführt an den Stufen. Als sie sich wieder umdrehte, da das der falsche Weg war, hob Garrus sie in seine Arme und ging zum Bett.
„Hey!“, meckerte sie. „Ich bin Commander Shepard! Trag mich nicht einfach durch die Gegend!“
„Im Moment bist du betrunken und ich kann mich an das Klo auf der Citadel erinnern, wo du aufgewacht bist.“
„Hatten wir da Mordin dabei, damit er mich verarzten kann?“, fragte sie, blieb auf der Matratze liegen. Garrus zerrte die Decke unter ihr hervor und antwortete: „Mordin hattest du mit, als der Barkeeper auf Omega dich umbringen wollte. Ich hab gehört, ein Turianer hat den erschossen.“
„Stimmt, ich war dabei.“
„Was hast du zu dem Turianer gesagt, damit dir hilft?“
Sie richtete sich wieder auf und warf ihm vor: „Was soll das denn heißen? Das war eine vorbildliche Antwort.“
„Ach so. Dann war der Barkeeper wohl wirklich ein Schurke.“
„Ich weiß nicht, was er war. Er war erstaunt, dass ich noch lebte.“
Garrus drückte sie wieder auf die Matratze und versuchte erneut sie zuzudecken. Sie wühlte den Arm wieder frei, griff nach seiner Hand und richtete sich wieder auf.
„Garrus, kannst du den Schatten vertreiben, der hinter meinem Rücken lauert? - Der mir im Nacken sitzt?“
Er sah sie lange an und drückte ihre Hand dabei. „Ich bin nicht ganz sicher, wie ich das machen soll. Aber ich kann hierblieben, wenn das hilft.“
Enttäuscht ließ sie sich zurückfallen. „Ja, das hilft“, sagte sie und schloss die Augen. Ganz sicher war sie sich aber nicht. Der Schatten hinter ihrem Rücken kroch langsam bis an ihren Nacken. Aus den geschlossenen Augenwinkeln konnte sie es spüren. Sie drehte den Kopf beiseite um dem zu entkommen. Erfolglos, aber bequemer. Sie dämmerte in den Schlaf.
Als Garrus sie ansah, überlegte er, ob diese Dinge, die Menschen hatten, vielleicht das Problem sein konnten.
Ein komisches Geräusch drang an Shepards Ohr. Ein feines knistern. Es ziepte an ihrem Hinterkopf und sie schreckte in die Aufrechte. Garrus grinste sie breit an und hielt ihr etwas hin.
„Jetzt kann es dich nicht mehr verfolgen. Ich hab es abgeschnitten.“
Es war ihr Pferdeschwanz.
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