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Gezeichnet - Teil 1

GeschichteFantasy, Sci-Fi / P16
06.04.2015
03.10.2017
7
16.786
1
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
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03.10.2017 4.186
 
Die Geschichte habe ich ursprünglich hier auf deviantArt veröffentlicht: Gezeichnet Kapitel 1 Dort bin ich auch viel aktiver, als hier. Also wer hier ausgelesen hat, sollte mal auf deviantArt gucken, dort gibt es viel mehr Kapitel, als hier.
Mittlerweile gibt es hier auch mehr Teile von Gezeichnet:
Hier ist: Gezeichnet – Teil 2. Dieser Abschnitt enthält allerdings gleich mehrere Horror-Kapitel, welche explizite Gewaltdarstellungen beinhalten. Wer so was nicht lesen mag, kann diesen Teil auch überspringen, und stattdessen hier weiterlesen: Gezeichnet – Teil 3
Hier ist Gezeichnet – Teil 4, was vorerst das letzte meiner Horror-Kapitel darstellt.
Die Handlung des Romans lässt sich auch verstehen, wenn man diese Horror-Kapitel nicht gelesen hat. Schließlich wird auf die hier geschilderten Ereignisse später noch mehrmals Bezug genommen, sodass man sich alles Wichtige zusammenreimen kann, ohne die Kapitel direkt lesen zu müssen.
Und hier ist Gezeichnet – Teil 5, der vorerst letzte und bisher längste Teil des Romans.

Kapitel 1

Johann Dreyer hielt einen halbvollen Becher mit Soykaf in der Hand, und ging in dem kleinen, staubigen Raum auf und ab. Er betrachtete die sechs Runner, die ihn alle erwartungsvoll und aufmerksam anblickten. Die Strahlen der warmen Sonne fielen durch eine zerbrochene Fensterscheibe hinein, und malten helle Muster in den Staub, der in der Luft hing. Er musterte die Gruppe aufmerksam. Es waren alles Metas. Im Stillen lobte er sich für seine Künste, seine Teams auszusuchen.

Bald schon wird nicht viel mehr von euch übrig bleiben, als der Staub hier in der Luft. Abschaum! dachte er zufrieden. Der Reihe nach ging er in Gedanken durch, wen er angeheuert hatte:

Als erstes fiel ihm Miranda ins Auge, eine Orkin, Gillette. Lässig lehnte sie an einem Pfosten im Raum, kaute Kaugummi. Sie hatte sich schon öfter ein paar Fehler geleistet, und war eine Zeit lang in Gefängnissen ein oft gesehener Gast gewesen. Doch dies war schon ein paar wenige Jahre her, ihr Ruf hatte sich wieder gebessert. Sie schien ihm als einzige nicht so viel Aufmerksamkeit zu schenken, wie der Rest. Sie las Mails in der AR und versuchte, eine Verabredung für heute Abend zu finden.

Ihr rotes Haar trug sie hochgesteckt, nur ein paar Strähnen hingen wild heraus, und gaben ihrem Aussehen etwas Verwegenes. Eine lange, hässliche Narbe lief von oben nach unten über ihre linke Wange, doch sie entstellte ihr Gesicht nicht, sondern ließ es auf seltsame Weise noch etwas charismatischer wirken. Sie trug ein olivgrünes T-Shirt, das ihre muskulösen Arme betonte, eine Hose in Tarnfarben und schwere, schwarze Stiefel rundeten ihren Look ab.

Verwegen und gefährlich … ja, ja … Aber das wird dir nicht viel nützen, Hauer. Bald wirst du zur Hölle fahren, wo du hingehörst. Wo du schon längst hättest sein müssen, nach all den dummen Fehlern, die du dir geleistet hast. Wie hast du es nur geschafft, bloß immer mit Kittchen davonzukommen? Das frage ich mich ehrlich. Aber bald ist es egal, denn du wirst dich demnächst erledigt haben.

In Gedanken riss sich Johann von ihrem Anblick los, und warf einen kurzen Blick aus dem Fenster. Für einen Moment betrachtete er die spitzgiebeligen Dächer der kleinen Häuser, die alten Autos unten am Straßenrand, und die umgestoßenen Mülltonnen im Hinterhof. Dann erst wandte er sich dem nächsten Kandidaten zu. Sein Blick fiel auf Swirl, einen besonders kleinen Zwerg mit weißen Haaren, der nicht nur ihn, sondern auch den Raum aufmerksam musterte. Er saß auf einem alten Stuhl, der ein Stück zu groß für ihn war, was ihn lächerlich erscheinen ließ.

Lächerlich, in der Tat. Du bist wirklich lächerlich! dachte Johann genüsslich. Denn der Rigger war, soweit er es beurteilen konnte, ziemlich unfähig. Ein paar kleine Drohnen hatte er immer dabei. Jetzt schwirrte eine durchs Treppenhaus hinter ihnen, und eine weitere dicht unter dem Dach über ihnen. Aber was nützen dir deine mechanischen Augen, wenn du einfach zu dumm bist um zu kapieren, wie du richtig in der Situation reagieren musst?! Bewaffnete Drohnen solltest du dir zulegen, nicht nur fliegende Spione. Die alleine können dich auch nicht retten, du Drekhead! meinte er, und musterte den Zwerg genauer.

Eine blaue Hose und ein blaues T-Shirt, beides verschmiert mit schwarzen Flecken. Wahrscheinlich Öl, vermutete er, und dann sah er ihm direkt in die Augen. Stahlgraue Augen funkelten wie helle Steine in dem faltigen Gesicht.

Warum siehst du so alt aus? Und wie alt bist du eigentlich? fragte er sich wieder. Abermals wurmte es ihn, dass er diese Information nirgends hatte finden können. Doch dann sagte er sich: Es ist auch nicht so wichtig. Ich weiß genug, mehr als genug, um dich kalt zu machen.

Mit diesem Gedanken schloss er die Betrachtung des Zwerges ab, nahm einen kräftigen Schluck Soykaf, und wandte sich dem nächsten seiner Opfer zu. Wieder ein Ork, Stainless. Messerklaue und bekannt für seine Methode, das Hirn erst viel zu spät einzuschalten. Im Stillen grinste Johann in sich hinein, während er den Runner von oben bis unten musterte. Im Gegensatz zu den anderen stand er relativ angespannt hinter ihnen. Wie ein Raubtier, ständig auf dem Sprung. Miau! Aber Neugier bringt nicht nur kleine Katzen um, sondern auch große Tiger! Diese Gedanken schossen ihm durch den Kopf.

Ja, er hatte seine Leute schon gut ausgewählt. Wer würde schon einen Ork vermissen, aus dessen kahlem Schädel ein Dutzend Metalldornen ragten, sodass er einem mechanischen Igel glich, und der nicht mal genug Grips hatte, seine echte SIN zu löschen, obwohl er schon einige Jahre in den Schatten war.

Ja richtig, seine echte SIN existierte noch, und er hatte sie gefunden. Dazu kannte er auch noch die Geschichte, wie Stainless nur knapp die Cortexbombe wieder losgeworden war, kurz bevor sie explodierte, versteht sich, denn sonst säße er nicht hier. Wärst du doch damals explodiert …, dachte Johann, doch dann besann er sich, und fügte seinen Gedanken hinzu: Nein, dann hätte ich ja einen anderen Trottel ausfindig machen müssen. Gut, dass du heute hier bist. Und bald schon wirst du mit den anderen in den Orcus fahren. Vielleicht wird dein Abgang nicht ganz so fleckenlos sein, wie dein Name verspricht!

Ebenfalls zufrieden mit dieser Wahl, ließ Johann seinen Blick weiter über die Runner wandern. Als nächstes blieb er an Akitsu, einer Elfe, hängen, welche entspannt auf einem Stuhl saß, und ihn aufmerksam anblickte. Mit ihrer linken Hand spielte sie in ihren kurzen, dunkelgrünen Haaren, die ihr bis knapp über die hässlichen, spitzen Ohren reichten. Ihre rechte lag auf ihrem Schoß, die Handfläche zeigte nach oben.

Hackerin … Technomancerin …, oder doch nur Hackerin, die ihren Ruf aufpolieren will? fragte er sich unwillkürlich, als sein Blick auf den runden, glänzenden Stahl in der Innenseite ihres rechten Unterarms fiel. Eine Datenbuchse, vielleicht 5 cm von ihrem Handgelenk den Arm aufwärts. Im Gegensatz zu den anderen hatte Johann keine Informationen darüber, wo sie her kam. Auch widersprachen sich die Quellen in einem entscheidenden Punkt: Hackerin oder wirklich Technomancerin? Er ärgerte sich, dass er es nicht hatte herausfinden können, bald nie mehr würde herausfinden müssen. Denn ihr, und nur ihr, würde er eine Reise spendieren, die sie ohne sein Zutun nicht würde antreten werden. Eine Reise in die SOX, weil sie eine Elfe war, und nicht einfach nur metamenschlicher Abschaum, wie die anderen hier.

Akitsu blickte ihn gelassen aus ihren schwarzen, asiatischen Augen an und ahnte nicht, was in seinem Kopf vorging. Abermals versuchte er ihr Kommlink zu finden. Sie muss doch irgendwie online sein. Warum nur kann sie sich so gut verstecken? Keine Spur, nicht mal ein Hauch ihrer Anwesenheit. Absolut nichts! Vielleicht doch Technomancerin? überlegte er.

Doch dann fiel ihm wieder die Datenbuchse auf. Ob sie eine Otaku gewesen war? Nein, bestimmt nicht, der Metalldetektor hatte ihm eindeutig gezeigt, dass sie ein kleines Implantat im Schädel trug. Es musste ein Kommlink sein, alles andere würde keinen Sinn machen. Und mit einer Cortexbombe hätte sie sicherlich anderes zu tun, als hier gelassen vor seiner Nase zu sitzen. Also doch nur eine Hackerin, die sich einen Mythos schaffen will, die darauf aus ist, dass man sie fälschlicherweise für eine Technomancerin hält! beendete Johann seine Grübeleien.

Ein letzter Gedanke huschte ihm durch den Kopf: Oh, wie war das mit Blohm & Voss? Ach ja, richtig. Du hast einen Run gegen sie gemacht, welcher schief gelaufen ist. Deine Chummer hatten alle Pech und wurden erschossen. Aber du konntest entwischen. Mit mehr Glück, als Verstand, da bin ich mir ganz sicher! Seitdem hast du eine kriminelle SIN, der einzige Hinweis auf deine Vergangenheit. Nicht sehr viel … ich wüsste gerne mehr. Wie hast du dich wohl gefühlt, als deine damaligen Chummer gestorben sind? Bist du je darüber hinweg gekommen? Waren deine Haare da auch so schön seegrün, wie jetzt? Es gibt Gerüchte, denen zufolge deine Haare ihre Farbe ändern, je nach deiner Stimmung. Zu dumm, dass ich nicht mehr darüber weiß, und es nicht zu deuten vermag. Dunkelgrün … hm … wahrscheinlich bist du jetzt ganz entspannt, gelassen. So sitzt du zumindest da. Aber es gibt noch so viele andere Farben, und ich kann gerade mal eine erahnen.

Bald wirst du übrigens ein zweites Mal erleben, was bei Blohm & Voss passiert ist. Es geschieht dir nur recht, verdammter Löwenzahnfresser! Das Jahr des Kometen hat dich zu mehr als nur metamenschlichem Abschaum gemacht, es hat aus dir eine verdammte Mutante gemacht! Und vielleicht gehörst du auch noch zu diesen Technomonstern! Dann trifft es mit dir wahrlich die Richtige!

Nur schwer konnte Johann seinen Blick von der Elfe losreißen. Sie war ein wichtiger Bestandteil seines Plans, wichtiger fast, als all die anderen zusammen. Als er es endlich geschafft hatte, seine Blicke von ihr abzuwenden, stellte er seinen Becher ab. Er musste sich für einen Augenblick suchend im Raum umschauen, bevor ihm der zweite Zwerg auffiel. Er schien sich irgendwie hinter Miranda zu verstecken. Bei genauerem Hinsehen erkannte er, dass er sich jedoch nicht zu verbergen suchte, sondern auf dem Hocker saß, welcher ein Stückchen schräg hinter der Orkin stand; doch seine Größe lies es so aussehen, als benutze er die stämmige Gilette als Sichtschutz.

Tundron, ja was konnte der eigentlich? Johann musste einen kurzen Moment überlegen, warum er den jungen Zwerg mit den vollen, blonden Locken angeheuert hatte. Dann fiel es ihm wieder ein: Waffenbastler, manchmal auch erfolgreich mit Sprengstoffen. Und Chiphead! Das war wichtig, das durfte er nicht vergessen. Jedenfalls niemand wirklich Besonderes. Er war ein neues Gesicht hier in den Schatten von Hamburg, noch nicht viel war über ihn bekannt. Wo er hergekommen war, lag im Dunkeln, und es gab diesbezüglich weniger Hinweise, als über die Elfe. Doch das störte ihn keineswegs. Viel traute er Tundron sowieso nicht zu; dies war der Hauptgrund, warum er ihn angeworben hatte.

Denn auch dieser kleine Abschaum wird ein für alle Mal dorthin gehen, wo er hingehört. Nämlich ins Jenseits, und das ganz ohne hübschen BTL-Chip. So viel Spaß kann ich ihm doch nicht gönnen. Nein, er soll den selben Weg gehen, wie alle anderen auch. Denen schenke ich schließlich auch nichts! dachte er.

Der Schieber setzte sich auf den leise knarrenden, schwarzen Plastikstuhl, und wandte sich nun dem letzten Teammitglied zu. Ein weiterer Ork saß auf einem schäbigen Stuhl neben der Elfe. Er trug selbst bei dem relativ warmen Wetter einen langen Umhang mit Kapuze. Seine Augen starrten aus dem Dunkel darunter hervor, und musterten ihn argwöhnisch.

Dein Argwohn wird dir nichts nützen, Yuko. Auch wenn du als Attentäter vielleicht etwas vorsichtiger bist, als deine neunen Chummer, kriege ich dich schon. Ich kriege euch alle mit Sicherheit. Einfach weil es ein Naturgesetz ist. Weil ihr alle Abschaum seid, und ich euch kriegen muss. Weil mein Plan einfach funktionieren muss. Es ist sowieso alles schön wasserdicht, bombensicher. Darauf könnt ihr Gift nehmen. Alle gleich hier und jetzt!

Ein Lächeln huschte für den Bruchteil einer Sekunde über seine Mundwinkel, als er sich vorstellte, wie alle Runner aus einem Becher mit Gift trinken würden, den er ihnen darreichte. Doch etwas störte ihn massiv an der Vorstellung. Es war viel zu einfach, viel zu schnell. Er konnte dieses Viehzeugs doch nicht einfach schnell und schmerzlos sterben lassen.

Nein, leiden sollten sie, für ihre jämmerliche Existenz bestraft werden. Am Ende sollten sie für ihren Tod betteln, ihn als Gnade gegenüber ihren armseligen Leben empfangen. Und genau das sah sein Plan vor, den er ihnen jetzt unterbreiten wollte, da er sie alle begutachtet hatte, und mit seiner Auswahl mehr als zufrieden war.

Keine Magier oder Adepten dabei, nur ein Haufen unfähiger Messerklauen und ein paar Technikfreaks, wie Hacker oder Rigger. Aber allesamt keine großen Leuchten. Er holte tief Luft, bevor er ihren wartenden Gesichtern seinen Auftrag unterbreitete.

„Der Job …“, Johann begann, und blickte aufmerksam in die Runde.

Alle Runner blickten aufmerksam zurück. Ihre Gesichter schienen ihn stumm zum Weitersprechen aufzufordern.

„Bei dem Job handelt es sich um einen Einbruch“, fuhr er fort. „Das Ziel ist die Kirche des siebten Siegels. Sie planen demnächst irgendwelche größeren Aktionen, die unbedingt verhindert werden müssen. Ich brauche diesbezüglich Dokumente, die irgendwo in diesen Büros zu finden sind …“

Mit diesen Worten erschien die detaillierte Karte eines größeren Gebäudes in der AR vor ihm, und rote Punkte markierten eine Anzahl Räume im 2. Stock.

„Und wie stellen Sie Sich das vor? Wir marschieren einfach da hinein, und durchwühlen sämtliche Schubladen, Schränke, Schreibtische etc. bis wir die paar winzigen Datenchips gefunden haben, die Sie suchen?“, fiel ihm Swirl genervt ins Wort.

„Halt die Klappe, Zwerg! Und lass Mr. Johnson ausreden!“, Stainless meinte, mit einem Machtwort für Ordnung sorgen zu müssen, und sah dabei den Rigger böse an.

Obwohl er seine neuen Chummer erst seit wenigen Minuten kannte, glaubte der Ork, bereits als ihr Anführer auftreten zu müssen.

Alle schauten sich eine Sekunde gespannt an, dann fuhr Johann ruhig fort: „Ja, genau so stelle ich es mir vor. Ihr geht da rein, und durchwühlt diese Büros gründlich nach den Datenchips, denn dafür bezahle ich euch …“

„Datenchips, warum immer verdammte Datenchips? Können die Leute die Informationen nicht einfach in der Matrix auf irgendeinem Knoten rumliegen lassen? Von mir aus von IC bewacht und gut verschlüsselt. Aber das würde uns diesen ganzen lästigen Einbruch ersparen. Wir müssten nicht hingehen und anfangen, Büros zu durchsuchen. Hm …“, fing nun die Elfe an zu maulen.

Doch bevor Stainless sich wieder zu Wort melden konnte, antwortete Johann ihr bereits: „Tja, sieht so aus, als ist die Mehrzahl der Leute nicht so dumm, wie du es gerne hättest. Seien wir doch mal ehrlich: Jedes Kind weiß heutzutage, dass man wichtige Daten nicht einfach online speichert, damit Leute wie du, sie nicht zu leichtfertig in die Finger kriegen, nicht wahr? Du musst also schon hingehen“. Er grinste sie dabei an, riss sich aber zusammen, nicht zu sehr zu grinsen.

Wie blöd ist die eigentlich? Glaubt die wirklich, was sie da erzählt? fragte er sich, und beobachtete sie genau. Veränderte sich nicht die Farbe ihrer Haare? Da, ein kleines bisschen, wurde etwas heller, etwas gelbstichiger? Doch er war sich nicht sicher, wirklich eine Veränderung beobachtet zu haben. Vielleicht war auch nur das Sonnenlicht für einen kurzen Moment anders auf ihr Haar gefallen. Bei genauerem Hinsehen schienen ihm ihre Haare genauso dunkelgrün, wie vorher.

„Ja, ja … ich weiß ja … trotzdem unpraktisch …“, murmelte Akitsu genervt, sah ihn aber unverändert an.

„Zeitplan? Und noch viel wichtiger: Bezahlung?“, meldete sich nun Yuko zu Wort, der bisher geschwiegen hatte.

„Der Zeitplan ist eng“, fuhr Johann mit dem Auftrag fort. „Aus verlässlichen Insiderquellen weiß ich, dass das Gebäude morgen Abend fast gänzlich verlassen sein wird, da alle Mitglieder der Kirche auf eine Party gehen. Dann müsst ihr zuschlagen, damit ihr genug Zeit habt, die Büros zu durchsuchen. Ich will die Chips übermorgen sehen. Sagen wir, 10 Uhr vormittags. Genau hier. Soweit alles klar?“

Die Runner nickten.

„So ka“, murmelte die Elfe.

Alle warteten gespannt auf den Teil, der noch ausstand, die Bezahlung.

„Ihr bekommt jeder 5.000 €, wenn ihr übermorgen mit den Chips hier steht. Und hier habt ihr schon mal 2.000 € als Anzahlung, ihr werdet sicherlich Ausgaben für die Vorbereitungen haben.“

Mit diesen Worten schob Johann einen zertifizierten Credstick langsam in die Mitte des alten Schreibtisches, hinter dem er vor kurzem wieder begonnen hatte auf und ab zu gehen. Er bemerkte, wie Miranda ihm einen wütenden Blick zuwarf, sich aber auf die Zunge biss, und nichts sagte. Er konnte ahnen, was in der Gillette vorging. Sie war sicher unzufrieden, und wollte mehr Geld.

     Yuko erhob sich langsam, und nahm den Credstick. „So ka. Wir machen den Job“, antwortete er für die anderen.

Johann freute sich im Stillen: Ihr werdet nie wieder zurückkehren. Keiner von euch. Für lächerliche 2.000 € bin ich euch los. Ich hätte nie gedacht, dass es wirklich so einfach sein würde. Ich hatte schon erwartet, ihr würdet eine höhere Anzahlung fordern. Aber anscheinend seid ihr es ja gewohnt, Dreck zu fressen, wenn ihr euch mit so wenig zufrieden gebt! Schön, schön! Ein boshaftes Grinsen huschte über sein Gesicht, und wieder war er froh, dass es Nanitencreme gab, denn so blieb sein Gesicht während des ganzen Gespräches eine nichtssagende, höflich lächelnde Maske für die Runner.

„Die Pläne für das Gebäude“, sagte die Elfe plötzlich, und riss ihn damit aus seinen Triumphgedanken. Sie streckte ihm auffordern ihre linke Hand entgegen.

„Einen Moment …“, erwiderte er ruhig, und rief eine Karte von Hamburg auf, die bald anstelle des Gebäudes in der AR vor ihnen schwebte. Ein roter Punkt markierte auch hier den Standort des Hauses.

„Hier befindet sich das Zielobjekt.“

Akitsu stand auf, und ging ein paar Schritte auf ihn zu, um besser sehen zu können. Die anderen folgten ihrem Beispiel, und bald standen alle Runner versammelt um den virtuellen Stadtplan. Johann vergrößerte den Ausschnitt des Gebäudes und zeigte auf den Zaun:

„Soweit meine Informationen stimmen, ist das Grundstück nicht sehr gut abgesichert. Lediglich ein Zaun, wie ihr hier sehen könnt. Es sollte euch also nicht sonderlich schwer fallen, aufs Gelände zu gelangen. Doch wie ihr dann weitermacht, müsst ihr selber sehen. Hier ist ein kleines Gebäude, von wo aus man in das System der Wartungsschächte kommt. Sind wohl Gas- und Stromzähler etc. drin. Müsst ihr mal schauen“, sagte er mit gespielter Hilfsbereitschaft, und zeigte auf ein kleines Gebäude, welches dicht am Zaun stand, der das Grundstück verdächtig wenig zu schützen schien.

„Die Kirche des siebten Siegels, was genau sind das überhaupt für Leute?“, fragte diese lästige Elfe schon wieder.

„Es ist eine kleine Sekte. Aber wenn ich dir jetzt alles erzählen würde, was ich über sie weiß, sprengt das eindeutig den Rahmen. Du kannst schauen, ob du in der Matrix Informationen über sie findest. Es sollte sicher nicht allzu schwierig sein“, antwortete Johann und schaffte es, seine Stimme vollkommen freundlich und ruhig klingen zu lassen.

Plötzlich schoss ihm eine dunkle Ahnung durch den Kopf: Was, wenn sie rausfinden, was es wirklich für Leute sind? Würden sie dann einfach mit den 2.000 € abhauen? Würden sie plötzlich kneifen, und den Run nicht machen wollen?

Doch er glaubte nicht daran. Für sie muss es doch schön einfach aussehen. Morgen Abend ist für sie das Gebäude praktisch verlassen. Wer würde da schon einem Einbruch widerstehen können? Nein, sie sind sicher dumm genug, den Run zu machen; und dann kriege ich sie allesamt, kann sie alle entsorgen, so, wie es sich für Abschaum gehört!

Wieder wurde er aus seinen Gedanken gerissen, diesmal war es Yuko.

„Nein, du willst nicht wissen, wer die Kirche des siebten Siegels ist, glaube mir“, beantwortete er die Frage der Elfe, die ihn daraufhin verständnislos anblickte.

Wieso nicht? schienen ihre Augen zu fragen, doch stattdessen fragte sie: „Du hast sie schon mal getroffen?“

„Das geht dich nichts an!“, antwortete der Ork eiskalt.

„Na gut, dann nicht …“, erwiderte sie, und konzentrierte sich wieder auf den Plan.

„Bestehen eurerseits noch irgendwelche Fragen?“, fragte Johann die Runner, doch als diese verneinten und leicht die Köpfe schüttelten, war er froh, keine weiteren, dummen Fragen hören zu müssen.

Mit einem Wink seiner Hand ließ er das Bild des Stadtplans erlöschen, und reichte Akitsu einen Chip. „Hier sind die Pläne und ein paar weitere Informationen. Dann mal viel Erfolg und bis Übermorgen.“

„Arigatou“, antwortete die Hackerin, und steckte den kleinen Datenträger in ihre Hosentasche.


~


„Du gehst heute Abend nicht mit Mirko essen! Wir müssen uns besprechen“, sagte die Elfe ruhig zu Miranda.

Diese drehte sich augenblicklich zu ihr um, starrte sie böse an, und meinte: „Du bist einer der vielen, verdammt guten Gründe, warum ich Hacker hasse!“

Im selben Augenblick wechselten Akitsus Haare die Farbe. Waren sie bisher dunkelgrün gewesen, so strahlten sie plötzlich in leuchtendem Orange.

„Nein, ich bin einer der vielen, verdammt guten Gründe, warum du in der Matrix besser aufpassen solltest“, erwiderte sie und zwang sich sichtlich, ruhig zu bleiben.

Wenn Blicke töten könnten, wäre eine von beiden sicherlich auf der Stelle tot umgefallen. Doch Johann war sich nicht sicher, welche von beiden es gewesen wäre. Belustigt beobachtete er das Schauspiel, das sich ihm nun bot. Die Luft im Raum schien vor Elektrizität zu knistern, die beiden Frauen starrten sich an, und keiner blieb von der so aufgebauten Spannung unberührt.

So ein Mist! Muss sie das gerade jetzt tun? Wenn der Auftrag schon gelaufen wäre, würde ich sie dafür alle machen! dachte Miranda wütend. Was bildet sie sich ein einfach, meine Mails zu lesen?! Unverschämtheit! Am liebsten hätte sie sich auf die schlanke, zierliche Elfe gestürzt, die nur wenig kleiner war als sie mit ihren knapp zwei Metern Körpergröße, und sie verprügelt, doch sie wusste, dass sie eine Hackerin gut gebrauchen konnten. Also starrte sie nur drohend in die schwarzen, asiatischen Augen.

Hoffentlich überlegt sie sich, was sie tut, und bleibt schön da stehen, hoffte Akitsu.
Sie wusste, dass sie mit einem Gedanken die Cyberaugen der Gillette deaktivieren konnte, sollte sich diese tatsächlich auf sie stürzen, doch sie wollte es nicht tun müssen. Dies war ihre einzige Chance der Orkin zu entkommen, denn im Nahkampf war sie ihr hoffnungslos unterlegen.

Jetzt ist es mein Glück, dass sie auch zu diesen Idioten gehört, die sämtliche Cyberware über die Matrix kontrollieren! wusste sie, und wartete.

Sie ist ein Feigling. Akitsu soll doch ein ausgesprochener Feigling sein! Warum starrt sie Miranda an? Warum rennt sie nicht schreiend weg oder macht sonst etwas, dass besser zu ihr passt? Sie muss sich doch die Hosen vollscheißen! Sie hat keine Chance gegen den Ork-Abschaum, und das muss sie wissen, so blöd kann selbst sie nicht sein, dachte Johann, und beobachtete die Situation weiterhin gespannt.

Es sei denn, sie weiß etwas, das Miranda nicht weiß. Und wenn ich es mir recht überlege, dann weiß sogar ich, dass sie sämtliche Cyberware über ihr `Link steuert. Wenn Akitsu ihre Mails gelesen hat, dann kann sie ihr in der Richtung auch einen saftigen Streich spielen, sollte Miranda wirklich so blöd sein, und einen ihrer Chummer verprügeln, bevor der Auftrag überhaupt angefangen hat. Das wird der einzige Grund sein, warum sie noch nicht schreiend weggelaufen ist. Aber sonst würde sie es sicher tun. Zufrieden mit sich betrachtete er das Rätsel als gelöst.

„Hey Chummer, hört auf euch anzuzicken. Das können wir jetzt nicht gebrauchen. Wir müssen einen Einbruch planen.“ Mit diesen Worten trat Yuko zwischen die beiden Frauen, und streckte jeder auffordernd eine Hand entgegen. Während die Elfe regungslos verharrte, trat Miranda einen Schritt auf ihn zu und meinte:

„Ja stimmt. Du hast Recht. Lass uns was Essen gehen. Es ist fast Mittag, und ich habe einen riesen Hunger!“

„Hai“, antwortete nun auch die Elfe, und entspannte sich wieder. Ihre Haarfarbe änderte sich erneut, und wurde wieder grün. Doch diesmal war es ein helles, gelbes Grün, nicht so dunkel, wie vor dem Streit.

Immer diese Drekheads, die keine Ahnung haben, und sämtliche elektrische Geräte, sowie alle Implantate mit ihrem Kommlink verbinden. Und Miranda gehört ganz offensichtlich auch zu denen, sie machte sich im Geiste eine entsprechende Notiz. Dabei umspielte ein höhnisches Grinsen für den Bruchteil einer Sekunde ihre Mundwinkel, und verschwand wieder, bevor es jemand bemerken konnte.

Offensichtlich hatten sich die Runner bald geeinigt, dass sie in der Tat essen gehen wollten, denn sie wandten sich nach einem kurzen Abschiedsgruß zur Tür. Bald stiegen sie die alte, ächzende Treppe hinunter. Nur Stainless warf einen Blick zurück auf den Durchschnittsmenschen in dunkelblauem Nadelstreifenanzug mit den makellosen, blonden Haaren und den blauen Augen, der sich jetzt wieder hinter den alten Tisch setzte.

Johann hörte, wie sich die Runner unterhielten.

„Wo gehen wir hin?“

„Ich habe Hunger auf ein richtiges Steak …“

„Ins Grillhänchen?“

Gesprächsfetzen drangen zu ihm in den nun wieder so angenehm leeren Raum. Die Hackerin und die Gillette schienen sich wieder versöhnt zu haben, denn er hörte die Orkin sagen:

„Wenn du mich so einfach in der AR sehen kannst, dann will ich dich aber auch sehen können“, und die Elfe antwortete:

„Hai. Das können wir machen. Es macht sowieso Sinn, dass wir alle unsere Nummern austauschen.“

„Ins Grillhänchen? Davon werde ich nicht satt. Vielleicht stattdessen in den Goldenen Ochsen?“

Immer noch wurde übers Essen debattiert. Als die Stimmen ganz im Treppenhaus verstummten, machte sich Johann daran, ein paar Daten zusammenzustellen, und jeweils eine Nachricht an Herrn Wickel von HanSec und Herrn Benter von MET2000 zu schreiben, seine Kontaktpersonen, deren Mithilfe er brauchte, um seinen Plan gelingen zu lassen.
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