Scorpion : IQ schützt nicht vor Unfällen

von Kate1910
GeschichteDrama, Freundschaft / P12
06.04.2015
06.04.2015
1
2026
6
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1.
„Morgen, zusammen!“ Gut gelaunt wie jeden Morgen kam Paige zusammen mit Ralph durch die Doppeltür der Garage spaziert. Alle anderen, bis auf Toby, waren schon da und grüßten mehr oder weniger enthusiastisch zurück. „Ihr seid früh dran, Paige!“, rief Sylvester zurück. Der lebende Taschenrechner  war mal wieder in einen seiner Algorithmen versunken und blickte nun verwundert auf. „Ihr seid fast eine halbe Stunde eher da als sonst.“ Paige lächelte nur stumm zurück. Grinsend wandte Sylvester sich an Ralph: „Ach, lass‘  mich raten: Walter hat  dir versprochen, zusammen an eurem Programm weiterzumachen, oder?“ Ralph nickte begeistert. „Wir wollen heute eine dreifach verschachtelte „while-Schleife“ programmieren!“ Die Vorfreude stand dem Neunjährigen ins Gesicht geschrieben. Paiges Gesicht hingegen war ein einziges Fragezeichen. „Eine Kontrollstruktur in Java. Damit kann man einem Programm befehlen, eine festgelegte Aufgabe nur dann zu erfüllen, wenn eine bestimmte Bedingung erfüllt ist.“ Paige nickte Sylvester dankbar zu. „Ich finde es immer noch gruselig, wie ihr so viel Wissen speichern könnt, ohne dass euch allesamt die Schädel explodieren.“ „Tja.“ Sylvester zuckte grinsend mit den Schultern. „Ist halt `ne Begabung.“ „Wie Bescheidenheit?“, konterte Paige. „Touché, Milady.“ „Alter Schleimer. Wo ist Walter eigentlich?“ „Er ist oben. Sitzt wahrscheinlich schon am Computer.“ Er hatte kaum seinen Satz vollendet, als Ralph bereits die Treppen hochsprintete. „Sei in einer Stunde wieder unten, ok? Du hast trotzdem noch Schule, mein Lieber!“, rief Paige ihrem Sohn hinterher. „Ob er das überhaupt noch gehört hat, Mama-Bär?“ „Wahrscheinlich nicht. Aber Walter wird schon dafür sorgen, dass er nicht die erste Stunde verbummelt.“

Als Paige sich etwas genauer in der Garage umsah, fiel ihr auf einmal etwas auf. „Wo sind eigentlich Toby und Happy?“ „Wo Toby ist, weiß ich nicht. Der war noch gar nicht da. Und was Happy angeht –“ „Ich bin hier!“ Die plötzlich ertönende Stimme in ihrem Rücken ließ Paige einen gefühlten halben Meter in die Luft springen. Sie drehte sich um und entdeckte die technische Spezialistin des Teams knapp neben dem Eingang, wie sie auf der Spitze einer fast drei Meter hohen Leiter mit einigen Werkzeugen herumwerkelte. Hätte sie die Tür beim Öffnen noch etwas weiter von sich gestoßen, wäre die Mechanikerin in gewaltige Schwierigkeiten geraten. „Mensch Happy! Mach‘ das nie wieder!“ „Wieso nicht? Ich fand’s ganz unterhaltsam!“, rief Happy lachend zurück. „Was machst du überhaupt da oben? Habt ihr etwa bei der Kettenreaktion letzten Mittwoch wieder ´ne Glühbirne gesprengt? Ich hab´ doch gesagt, das Kaliumphosphat ist zu viel des Guten!“ „Nein, ausnahmsweise ist alles heile geblieben. Und außerdem: das Kaliumphosphat hat die ganze Nummer doch erst richtig in Schwung gebracht!“ Das hatte es in der Tat. In Form einer riesigen Stichflamme, die die Decke über Happys Arbeitsbereich deutlich geschwärzt hatte. „Ich probier´ nur gerade eine neue Alarmanlage aus. Wenn es klappt, dann können wir uns bald alle mithilfe unserer Fingerabdrücke Zugang ins Gebäude verschaffen. Und wenn der Scanner einen nicht registrierten Abdruck  erkennt, dann müssten wir alle taub, blind und saublöd zugleich sein, um das nicht mehr mitzukriegen.“ „Ist ja cool. Dann macht es nichts mehr, wenn der Schlüssel im Schloss abbricht.“ „Hey!“, rief Happy beleidigt zurück. „Das ist erst ein Mal passiert. Das war auch noch Tobys Schuld, weil er mich geschubst hat.  Und ich hab´ den Schlüsselrest innerhalb von zwei Minuten aus dem Zylindersystem rausbekommen.“ „Wer braucht einen Schlüsseldienst, wenn er dich hat?“ Happy feixte. „Ich nehme das mal als Kompliment.“ Paige schüttelte den Kopf. Manchmal waren selbst ihre liebgewonnenen Intelligenzbestien noch so unreif wie kleine Kinder.

„Weißt du eigentlich, wo Toby steckt?“ Happy schüttelte den Kopf. „Kein Plan, wo der ist. Aber da heute wieder Dienstag ist, wird er in fünf Minuten hier aufschlagen.“ Innerhalb des Teams war es inzwischen zur Gewohnheit geworden, dass Agent Cape Gallo jeden Dienstag um sieben Uhr mit einer großen Schachtel Donuts für alle im Schlepptau das Team besuchte. Und bevor Toby sich das entgehen ließ, würde er wohl eher einen von Happys Schraubenschlüsseln klauen. Na ja … so lebensmüde war er dann doch nicht. Aber er liebte den Donut-Dienstag.

„Paige?“, rief Happy. „Kannst du mir mal kurz den Sechser-Kreuzschlitzschraubenzieher hochwerfen? Das ist der mit dem –“ Weiter kam sie nicht. In genau diesem Moment wurde die Tür zum Hauptquartier schwungvoll aufgerissen und Toby stürmte herein. „Guten Morgen allerseits!“, warf er fröhlich in den Raum. „Toby, pass´ auf!“ Doch Paiges Ruf kam zu spät. Hinter der Tür hörte man schepperndes Metall und einen verzweifelten Schrei von Happy. Als Toby, von dem Geräusch aufgeschreckt, die Tür wieder zuzog, wurde auch das entsprechende Bild sichtbar.
Die Leiter, auf der Happy stand, schwankte gefährlich, während Happy selbst sich oben an der kleinen Plattform festklammerte und versuchte, die Leiter wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Doch es war sinnlos. Mit einem hässlichen Kreischen von Metall, das über den Boden rutschte, schlitterte die Leiter endgültig zur Seite weg. Happy wollte noch abspringen, aber es brachte nichts mehr. Das Metallgestell kippte nach rechts, schlug krachend auf dem Boden auf und begrub Happy unter sich.

„Happy!“, schrien Toby, Paige und Sylvester wie aus einem Munde. Sofort rannten die drei zu der Unglücksstelle, packten die Leiter und drückten sie kräftig nach oben. „Halt´ durch, Happs! Wir haben es gleich geschafft!“ Toby lief schon der Angstschweiß den Nacken hinunter. War sie schwer verletzt? War sie ansprechbar? Atmete sie noch? All diese Gedanken machten Toby wahnsinnig. >>Wir sind zu langsam, verdammt nochmal! << „Wir müssen fester schieben!“, schrie Sylvester. Mit vereinten Kräften stemmten sie sich gegen das Metallgestell. Und es klappte: Schließlich fiel die Leiter mit einem lauten Scheppern nach hinten weg – und gab den Blick auf Happy wieder frei.
„Happy! Kannst du mich hören?“ Paige standen die Tränen in den Augen. „Hörst du mich, verdammt nochmal?“ Ein leises Stöhnen. Dann: „Klar und deutlich. Von so einem Sturz reißt einem schließlich nicht das Trommelfell.“ Alle keuchten auf, und ein kleiner Teil der Anspannung wich. Sie war bei Bewusstsein. Sie machte Witze. Sie war einigermaßen klar im Kopf. Doch als sie sich bewegte, schrie sie ungewollt auf. Sofort verfinsterte sich die Miene der Umstehenden wieder. „Sylvester, hol´ Walter. Toby, besorg´ mir das Erste-Hilfe-Set.“ Paige übernahm das Kommando und zog gleichzeitig die Jacke aus. Sie faltete sie hastig zusammen und wollte sie gerade unter Happys Kopf legen, als sie innehielt. Was hatte Toby ihr doch gleich beigebracht? Irgendwas mit Genick … Natürlich! Prüfen, ob die Halswirbel noch intakt waren. Sie legte je zwei Finger an eine Seite von Happys Nacken und drückte vorsichtig zu. „Spürst du das?“ Happy flüsterte „Ja.“ Paige drückte leicht ihre Handflächen. „Und hier?“ Die gleiche Antwort. Sie kniff ihrer Freundin leicht in die Waden. „Lass´ das.“
>> Ein Glück! << Sie war nicht gelähmt.

Toby und der Erste-Hilfe-Koffer trafen gleichzeitig mit Sylvester, Walter und Ralph ein, die hektisch die Treppe heruntertrampelten. „Was ist passiert?“, rief Walter sofort, als er die Mechanikerin am Boden liegen sah. Während Sylvester das Geschehene kurz zusammenfasste, kümmerten sich Ralph, Toby und Paige um Happy. Sie blutete fast gar nicht. Aus einer Platzwunde an ihrer Stirn strömte ein dünner Blutfluss, ihre Unterlippe war aufgeplatzt und ihre rechte Hand leuchtete rot. Aber ansonsten hatte sie Glück gehabt. Toby warf einen Blick auf Happys verletzte Hand, dann auf Ralph. „Du weißt, was du tun musst?“, fragte er. Ralph nickte nur und suchte direkt alles Nötige aus dem Koffer. Also machte sich Paige an die Kopfwunde, und Toby suchte ihren Körper nach weiteren Verletzungen ab. Als er eine Hand auf ihren unteren Brustkorb legte, zuckte sie zusammen. Als er das linke Knie berührte, konnte sie nur mit Mühe einen Schrei verhindern. Sie kniff die Augen zusammen und eine Träne quoll heraus. Sie wollte sie wegwischen, doch Paige drückte ihre unverletzte Hand auf den Boden zurück. „Das ist keine Schwäche, Happy. Ganz ruhig.“ Die Worte der Blonden schienen zu wirken. Die Hand sank schlaff in ihre Ausgangsposition zurück.

„Wie geht es dir, Happy?“, fragte Walter. „Ganz gut.“, murmelte Happy. „Etwas schwummerig, aber eigentlich ganz okay.“ „Wo hast du Schmerzen?“, fragte er weiter. „Kopf, Hand, Rippen und Bein.“, antwortete sie widerwillig. Inzwischen waren Ralph und Paige mit ihren jeweiligen Aufgaben fertig und sahen nun dabei zu, wie Toby das linke Hosenbein von Happys Jeans so weit wie möglich nach oben schob. Der Psychologe sog scharf die Luft ein, als das Gelenk zum Vorschein kam. Es war sichtlich angeschwollen und leuchtete schon jetzt in allen Farben des Regenbogens. „Ralph? Gib´ mir bitte mal eine elastische Binde und zwei Verbandsklammern.“ Ralph legte ihm die Gegenstände in die Hand, und Toby bastelte daraus eine Stütze für das Gelenk. Sobald er fertig war, sah er seiner Freundin das erste Mal seit dem Unfall wieder ins Gesicht. Sie wirkte etwas verkrampft, aber ihre Augen waren klar und sahen ihn unverwandt an. „Happy – es tut mir – so leid.“, begann er zu stammeln. Aber Happy unterbrach ihn sofort. „Halt´ den Mund, Doc. Du konntest es nicht wissen. Nimm´ das nächste Mal, wenn du eine Tür öffnest, einfach weniger Schwung, okay?“ Sie grinste schwach, und er lächelte erleichtert zurück. Das war seine Happy.

„Na komm´, wir verfrachten dich mal auf die Couch.“ Paige und Walter zogen Happy vorsichtig nach oben, legten sich je einen ihrer Arme um den Nacken und setzten sich langsam in Richtung Couch in Bewegung. Allerdings etwas zu schnell für Happy. Als sie mit dem linken Fuß auftrat, schoss ein dumpfer, pochender Schmerz ihr Bein hoch, und sie knickte ein. „Happy!“, riefen Walter und Paige gleichzeitig. „Halt´ den Ball flach, Happy. Kleine Schritte. Ich habe eine Idee: wir machen es wie die Hasen.“ Die verwirrten Blicke des gesamten Teams inklusive Ralph bewegten sie zu einer Erklärung. „Du hüpfst.“ Happy verdrehte die Augen. Aber da der Tipp ihrer Freundin leider Sinn ergab, folgte sie ihrem Rat und hüpfte, auf Walter und besagte Freundin gestützt, den Weg bis zur Couch, wo sie sich erleichtert in die weichen Polster sinken ließ. Toby setzte sich neben sie und musterte die Technikerin intensiv. „Ist wirklich alles in Ordnung? Du hast zwar „nur“ Prellungen und ein verstauchtes Kniegelenk, aber … “ „Es geht mir gut, Toby. Es ist schon in Ordnung.“ „Pass´ beim nächsten Mal gefälligst besser auf!“, herrschte Walter ihn an. „Walter!“, mahnte Happy. Beruhigend legte sie ihrem Freund eine Hand auf die Schulter. „Er weiß es. Okay?“ Walter nickte und streckte Toby die Hand entgegen. „Tut mir leid.“ Toby schlug ein. „Schon okay.“
Der Moment wurde erst von dem Geräusch einer sich öffnenden Tür unterbrochen. Alle sahen auf. Agent Cape Gallo kam mit einer großen, bunten Pappschachtel in den Raum. „Morgen, allerseits! Die Donuts sind -“ In der Mitte des  Satz fror er ein. Sein Blick ruhte auf dem versammelten Team, das sich um die Couch herum postiert hatte. Alle waren reichlich blass um die Nase, und Happy sah aus, als wäre sie der Kettenreaktion von letztem Mittwoch zum Opfer gefallen. Bevor der Homeland-Agent etwas sagen konnte, fiel Toby ihm ins Wort: „Ihnen auch einen schönen Morgen, Cape. It’s Donut-Time!“ Der Special Agent stand noch einen Moment etwas ratlos im Raum. Er war drauf und dran, zu fragen, was passiert war. Aber er besann sich eines Besseren. >> Ich glaube, ich will es gar nicht wissen. << Also stiefelte er zum Team hinüber und stellte die Schachtel auf den Tisch. Paige öffnete sie und begann, die Gebäckstücke zu verteilen. „Vanille für Sylvester, Nougat für Walter, Karamell für  Sie, Cape, Schokolade und Erdbeere für Happy …“ „Hey! Wieso bekommt Happy meinen Donut auch?“, beschwerte sich Toby. Happy grinste dreckig, was Toby allerdings nicht sah. Sie zuckte gespielt zusammen und hielt sich die Rippen. „Schon gut, schon gut! Sie kann ihn haben!“ Das ganze Team brach in schallendes Gelächter aus. Mit Ausnahme von Gallo und Toby. Gallo, weil er den Witz nicht verstand, und Toby … weil er das Ganze immer noch nicht zum Lachen fand.

Mit gönnerhafter Geste teilte Happy den Schokoladendonut in der Mitte und reichte Toby eine Hälfte. „Hier.“, lachte sie. „Aber nicht so viel Schwung, wenn ich bitten dürfte.“ Dann fielen auch sie und Toby wieder in das Lachen des Teams mit ein.
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