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Pet Rock

von somali77
GeschichteAllgemein / P18
Revy Rock
05.04.2015
12.02.2020
50
36.112
12
Alle Kapitel
21 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
01.06.2018 768
 
~


Wie brüchige Knochen in einem sonnenbleichen Kadaver liegen die Bretter des verlassenen Bootsstegs vor uns. Nach dem äußersten Ende des Kais hört man nicht mal mehr Möven schreien.

Hohl pochende Schritte führen uns über einen Friedhof ohne Grabsteine. Was hier einmal so etwas wie ein Fischerdorf gewesen sein muss, ist jetzt nur noch von Fliegen bewohnt.

Selbst der Wind hat inne gehalten.
Staub steigt auf von der Straße, lautlos gelbe Wolken bei jedem Schritt.

“Bleib dicht hinter mir”, ordne ich an,
“Wenn ich irgendwas sage, denkst du nicht nach, sondern tust es sofort, verstanden?”

“Schon klar.”, er hält den Koffer fest.
Seine Hände sind schwitzig.

“Und wenn irgendwas ist”, warne ich, “Wenn wir getrennt werden, läufst du weg und versteckst dich. Bleib so ruhig wie möglich und rühr dich nicht von der Stelle. Ich finde dich.”

Er gibt keine Antwort.
Aus den Augenwinkeln kann ich sehen, wie der Adamsapfel an seinem Hals einmal hüpft.


Kurz darauf, nur ein kleines Stück weiter beginnt es:
Das Geräusch eines Motors fräst sich ohne Vorwarnung in die Stille. Jemand braust auf uns zu.

Und wir sind mitten drin in dem Job.



Als er die Scheibe der Fahrertür herunterkurbelt, und ein Schwall von saurem Schweiß und sonnengeschmortem Plastik der Autositze herausschwappt, lese ich in dem dreckigen Grinsen alles, was ich über unseren neuen Freund wissen muss:

Das hier ist einer von der Spezies, die meint, das Schicksal hätte ihnen den Arsch geküsst, nur weil die runzeligen Hautlappen zwischen ihren Beinen ein paar Millimeter tiefer hängen.


Wundervoll... oh, wirklich wundervoll.

Solche sind meine Spezialität.

Mein Lächeln besteht aus gefletschten Zähnen, und obwohl er dumme Sprüche reißt und herumulkt, dass er die Parole nicht wüsste... eine typische Eigenschaft dieses Schlags: Witze zu reißen, von der Sorte, dass man sich fragt, wie zur Hölle so eine darwinistische Fehlleistung es jemals bis zu fortpflanzungsfähigem Alter geschafft hat-... trotz allem ist klar, bei all der Spannung in der Luft, dass wir uns taxieren.

Er spielt den Lässigen... aber er weiß, dass er im Fadenkreuz steht und mein Finger am Abzug zuckt.
Er weiß ebenfalls, dass ich allen Grund habe, einen Hinterhalt zu vermuten.

Sein dreckiges Lachen hallt lauter als nötig durch die leeren Straßen der Geisterstadt:

“Klar weiß ich die Parole! “Die Triaden sind mega- cool!””,
er äfft es übertrieben lächerlich nach und lacht sich halb kaputt über den dummen Satz.

“Echt mal”, höhnt er, “Chang meint wohl echt, er wäre der dickste Chinaböller der Stadt, aber sein Humor ist mal voll daneben, haha! Dachte echt nicht, dass der Typ so fertig ist!”

“Ganz genau”, pflichte ich ihm bei, und mein Grinsen ist ganz gebleckte Zähne und tropfender, giftiger Honig:

“Du kleine Mistmade.”


Sein Lachen verstummt.


“Ich habe eine Nachricht vom Boss für dich”, hinter mir weicht Rock bei dem Klang in meiner Stimme vorsorglich weiter zurück,

“Taisen- Fuku... das bin ich.”

Unter der Porno-Sonnenbrille fällt seine grinsende Maske.


“Ich bin der Gott”, flüstere ich, und der plötzliche, schiere Rausch von Macht und Thrill lässt jede Silbe wie die süßeste Köstlichkeit über meine Zunge rollen:

“Von Tod und Bestrafung. Und -das-”, die Entsicherungshebel klicken,
“Ist die zweite Parole, die Chang sich gegen Ratten wie dich ausgedacht hat.”


Peitschende Schüsse reißen Lärmfetzen aus der Stille.
Es passieren mehrere Dinge gleichzeitig: Ich falle zurück, um mich vor Gegenfeuer zu schützen- er tritt aufs Gas, wirft aber den Rückwärtsgang rein, und ich verfehle ihn.

Rock tut was er kann und rennt los- blöderweise nicht zur nächsten Deckung, sondern die Straße entlang, instinktiv weg von den Schüssen. Der Wagen holt ihn quietschend ein, kommt schlitternd zum Stehen, öffnet die Seitentür-... unter plötzlich einsetzendem Kugelhagel sehe ich, wie mein japanischer Haustierstein- ich wiederhole, mein -persönlicher-, höchsteigener Moraljapaner, der zufällig noch den Koffer im Arm hat, niedergeschlagen, ins Auto gezerrt und entführt wird.

Ich erwische nur noch den Typen, der seine dreckigen Finger nach ihm ausgestreckt-, und sich zu weit aus dem Auto gewagt hat, um ihn einzupacken. Er stirbt an Ort und Stelle. Dann fliegt mir zu viel Blei um die Ohren, und ich suche Deckung hinter einer Hauswand.

Es geht viel zu schnell um sich aufzuregen. Viel zu schnell, um emotional involviert zu sein. Ich fluche natürlich, aber dann ist da der Wagen mit den Leuten, die uns abholen sollten, geschätzt fünfundzwanzig Gegner vor mir auf der Straße, mehrere Jeeps und viel zu viel Ballerei.

Ich muss mich gleichzeitig darauf konzentrieren, nicht zu sterben, Freund und Feind zu unterscheiden, neue, zweifelhafte Bekanntschaften abzuchecken...

Und als ich mich kurz darauf in Shen- Hua´s Mietwagen, samt angemietetem Chauvitierchen auf dem Fahrersitz, wiederfinde, bin ich selbst überrascht, wie gefasst ich eigentlich bin.


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