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Pet Rock

von somali77
GeschichteAllgemein / P18
Revy Rock
05.04.2015
12.02.2020
50
36.112
12
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Dieses Kapitel
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06.03.2018 526
 
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Als es anfängt, dunkel zu werden, ist der Wind oben auf dem Deck des Schiffes rau.
So als hätte er sich den Umgangsformen angepasst.

Das Mosaik aus schwarzblauem Wasser, weit draußen am Horizont, zeigt irgendwann erwartungsgemäß, dass wir nicht mehr allein sind.

Und wie jedes Mal ist auch dieser Moment ein Tor der Transformation: Die Zeit des Wartens geht.

Was folgt ist Feuer.

Wenn der Gegner so weit entfernt ist, kommt der Rausch nicht so stark. Ich weiß nicht mal, ob mein Puls wirklich hoch geht. Ich höre einfach nur auf, Fleisch und Blut zu sein, und verschmelze mit dem an mich geschmiegten Stahl.

Rock muss mich dreimal rufen, hinterher, bevor ich überhaupt bemerke, dass irgendwer mit mir spricht. Dutch will wohl so eine Art Trick ausprobieren und uns am nächsten Hafen absetzen...  

Wie auch immer. Er ist der Boss.

Ich schicke Rock los, um sich vorher noch schnell auf dem Klo einen runter zu holen. Wenn ich bei diesem Stunt auf ihn aufpassen muss, können wir es uns nicht leisten, dass er auch nur ein bisschen unkonzentriert dabei ist.

Als wir allein auf dem Reserveboot durch totenstille Nacht fahren und links und rechts vom Bug nur die Gischt schäumt, frage ich ihn.

“... Was war das vorhin denn für ein Stunt?”

“Was, das von Dutch?”
“Nein, mann. Davor. Das im Laderaum. Du hast die Nerven, mich ausgerechnet jetzt nicht ganz ernst zu nehmen?”

Rock macht ein Gesicht, als wäre das völlig absurd. Der Vollmond schneidet harte Konturen in sein Gesicht, schwarz und weiß. Seine Augen sind wie das Meer unter uns.

“Warum... sagst du sowas?”

Ich stecke meine vorletzte Kippe an und nehme einen tiefen Zug.
“Mein Sinn für Bullshit ist ziemlich ausgeprägt.”

“Ich wollte nur-...”, fängt er an, und überlegt es sich anders. Den Rest schluckt er hinunter und setzt neu an.

“Sollten wir uns denn wirklich Sorgen machen?”
Er sieht zu mir auf. “Wegen Chang?”

Diese Art, Blickkontakt zu halten, ist so ein Städter- Ding, das nicht wirklich die Regeln versteht, nach denen langer Blickkontakt immer als Drohung gemeint ist.
Nun ja.

Immerhin ist er mit mir hier im Rettungsboot, auf dem Weg zu einem verdammten Job, der zehn Meter gegen den Wind stinkt. Wenn der verdammte Drache von Roanapur es drauf anlegen würde, die holde Jungfer zu rauben... Ich winke kopfschüttelnd ab.

Ist doch jetzt auch egal.


“Was ist das eigentlich für ein Duftzeug, was du dir neuerdings draufklatschst?”
“Magst du das nicht?”, er guckt zweifelnd und schnuppert an seinem Hemd, “Ich dachte...”

“Du riechst wie ein Stricher.”
“... zu viel, meinst du?”

“Wasser und Seife sind absolut ausreichend für dich.”

Jetzt halte ich Blickkontakt.
Er schnaubt beleidigt.

“Das ist doch-... meinst du nicht, dass das etwas zu weit geht? Ich wollte nur etwas neues ausprob-...”
“Trag es nochmal bei ´nem Job, und ich schmeiße dich persönlich ins Wasser. Und lasse dich so lange schwimmen, bis es weg ist. Verstanden?”

Daraufhin sagt er nichts mehr. Er sieht zur Seite.
Allerdings wirkt er auch getroffen und schmollt.

Sein Blick ruht über dem schwarzen Wasser und wir schweigen, den ganzen restlichen Weg bis zum Ziel und die ganze restliche Zeit bis zum Sonnenaufgang.


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