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Pet Rock

von somali77
GeschichteAllgemein / P18
Revy Rock
05.04.2015
12.02.2020
50
36.112
12
Alle Kapitel
21 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
26.09.2017 1.162
 
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Noch während ich nicht mal drin bin, im Geschäftsraum der Lagoon Company, höre ich schon ihr Gezicke.

Verdammt nochmal.
Dutch ist nicht gut zu sprechen, auf so ein anderes Alphamännchen mitten in seinem Revier, und mit Chang ist das ganz genau so. Die beiden umkreisen einander- zum Glück nur verbal, aber unüberhörbar- wie wilde Hunde.

Ich schätze, das großte Reizthema zwischen den Beiden hat neuerdings irgendwas mit Balaleika zu tun, aber das sind Dinge über die ich eigentlich gar nichts wissen will. Gerade betont Chang, dass die Triaden zu Balaleika ein „überaus gutes Verhältnis“ haben, und ich weiß, das Verhältnis hat hauptsächlich damit zu tun, dass sie in der Black Lagoon- Spelunke spielen darf, ohne je was für Eintritt oder Getränke zu zahlen, aber der Unterton und Dutchs Dünnhäutigkeit bei dem Thema sorgen dafür, dass der Spruch vermutlich trotzdem gezündet hätte, wäre nicht rechtzeitig Ablenkung aufgetaucht.

Interessanterweise bin ausgerechnet ich plötzlich der neutrale Puffer, der die Stimmung entspannt, und das bin ich gar nicht gewöhnt.

„Hallo zusammen“, winke ich halb verpennt in die allgemeine Runde, „Hab ich hier was verpasst?“

„Two- Hands!“, Chang strahlt wie ein Honigkuchenpferd.

Als hätte er nur drauf gewartet, dass ich auf dem Plan stehe, präsentiert er einen ominösen Koffer und erzählt die Geschichte von dem kleinen Bulgaren, der ein richtiger, echter Gangster sein wollte, bis Chang´s Leute seinen bemitleidenswerten Arsch geschnappt haben.

Ins Hirn geht mir dabei die Stelle, an der er- mit Blick in meine Richtung- genüsslich von seinen Foltermethoden prahlt, die immer verdächtig Hoden- zentriert sind. Ich höre nur was von „Eier wie Nüsse zerquetschen“, sehe seine Handbewegung dazu, kann fast das verspielt- böse Funkeln in seinen Augen erahnen, obwohl er natürlich die Sonnenbrille trägt, um genau das zu vermeiden... und das Lachen kommt automatisch. Es blubbert aus mir heraus.

Das Biest in ihm ruft-... und das in mir antwortet.


Mir gefällt sein Gefallen an CBT und allem was dazu gehört. Er ist ein Profi. Leute verlieren unter seinen kundigen Händen regelmäßig die Kontrolle über sämtliche Körperfunktionen. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie ein Mann einem anderen Mann solche Dinge antun kann, aber Chang ist, was das angeht, ein spezieller Fall. Er lächelt, während er davon erzählt.

Er lächelt immer.

Als wäre das alles der größte Spaß... ich kann nicht anders als ihn zu bewundern.


Tief drinnen versuche ich, meine paranoiden Instinkte zum Schweigen zu bringen.

Er würde Rock doch nichts tun, oder? Er will nicht mit SEINEN Cojones spielen, richtig? Der Mann ist off limits...

Alles weitere was Chang noch erzählt- Bombe, Verschwörung, wichtige Papiere und so weiter- ergibt sicher irgendwo Sinn, klingt aber, als sei ihm unterm Strich einfach langweilig gewesen und als hätte er sich etwas Spannendes ausgedacht, um die Leute der Stadt und sich selbst ein bisschen bei Laune zu halten...  

„Er wollte seine Eier behalten, also haben wir das hier von ihm gekriegt- Papiere!“
„Mh?“, Dutch reckt den Kopf und klingt angeekelt, weil er weiß, dass Chang ihm gleich ein Angebot machen wird, das er nicht ablehnen kann.

„Anschlagspläne. Die haben nicht nur uns angegriffen, der andere Teil kam den ganzen Tag heute schon auf CMN.“

Rock japst. „Die amerikanische Botschaft?!“
„… das riecht nach Ärger.“, knurrt Dutch. Alles, was auch nur ansatzweise mit Politik zu tun hat, insbesondere mit amerikanischer Politik, ist ihm zutiefst zuwider. Kann man ihm wohl nicht übel nehmen.

„Dieser kleine, bulgarische Eier-Junge hat offensichtlich für die gearbeitet...“, Chang ist im Plauder- Modus, „Du weißt doch, die Welt ist voller Leute, die Uncle Sam hassen! Ich hab also Kontakt mit der Gruppe aufgenommen, und wollte ihnen ein schönes Geschäft vorschlagen, aber davon wollten die nichts wissen! Ich solle mich verpissen, bevor die meinen Arsch rösten. Also sagte ich, na gut, jemand anders wird mir sicher was Schönes dafür geben wollen. Daraufhin haben sie mein Hauptquartier bis zum Jordan gesprengt! Schon traurig... sie haben tatsächlich wie versprochen versucht, meinen Arsch zu rösten... diese Fanatiker verstehen überhaupt keinen Spaß!“

Er lacht als einziger über seinen Witz. Deshalb hört er auch schnell wieder damit auf.

„Also, Dutch! Ich möchte, dass du diesen Koffer hier zustellst. Insgesamt gibt es fünf davon. Es gibt auch fünf Ziele. Und alle verlassen gleichzeitig Roanapur. Aber nur in einem sind die Papiere.“

Das klingt wie in einer kranken Gameshow. Jedes Mal, wenn Master Chang etwas vorschlägt, ist das so. Ich weiß nie, wann er was ernst meint, und wann er nur zu seinem Privatvergnügen mit Leuten spielt...

Benny sieht auch zweifelnd aus, und Rock wirkt irgendwie ernsthaft erschüttert. Ich frage mich, warum eigentlich...?

„Ihr habt zwei Tage Zeit. Dann werden meine CIA- Kontakte den Stützpunkt verlassen.“
Dutch versucht reflexartig mehr Zeit rauszuhandeln.
Aber Chang handelt bei sowas nie. Geduldig erklärt er, warum verhandeln bei ihm keine Option ist. Gleichzeitig hört man von draußen Reifengequietsche.

Ich blende Changs Laberflash aus, und sehe nach, wer uns da besuchen kommt...
Und siehe da, es ist eine Horde von Typen mit Panzerfäusten, direkt vor unserem Stützpunkt, die direkt uns ins Visier nehmen:

„Scheiße, runter!“


Die Explosion reißt ein Loch in die Wand und legt die halbe Einrichtung in Schutt und Asche. Meine Ohren klingeln, als ich versuche zu checken, ob an mir noch alles dran ist. Ob an den anderen noch halbwegs alles dran ist-
Chang wühlt sich unter einer Ladung Schutt hervor und bedauert lediglich seine zermatschte Kippe.

„Du bist wohl grade nicht so beliebt!“, raunzt Dutch ihn an.
„Wollt ihr etwa schon aufgeben?“, hält Chang maulend dagegen, „Dann könnt ihr das hier aber selber zahlen!... Kommt schon, ich sorge dafür, dass ihr sicher zu eurem Boot kommt. Gib mir die Knarren!“

Er verwandelt sich.
Seine Worte machen das ganze nicht weniger fragwürdig. Aber, scheiß drauf. Wir sind nur eine verdammtes Lieferfirma.


Und meine Instinkte setzen ein.
Chang ist ein Master. Deshalb nennt man ihn so.

Er hat nicht nur das Hirn und die Fähigkeiten, sondern auch die ganze, verdammte Ausstrahlung. Man kann gar nicht anders, als zu tun was er will. Und hat man je irgendwas gesehen, das mehr Master- artig wäre, als dieser verfluchte, helle Seidenschal über seinem Anzug? Sowas von lässig... Er fragt nach unserem Notausgang- und ich springe sofort darauf an. Shit... mir doch egal, ob er spielt. Master Chang drückt alle meine Knöpfe, wie der coole Onkel aus Hongkong, den ich nie wirklich hatte.

Es tut so gut, wieder mit ihm zu schießen... man fühlt sich absolut unverwundbar. Der Hammer!
Meine Nerven geraten erst dann aus dem Gleichgewicht, als eine Handgranate auf uns zufliegt. Chang stoppt sie, hebt sie auf ohne die Miene zu verziehen und wirft sie ganz einfach zurück.

Ich bin sprachlos.


„Immer schön die Ruhe bewahren, hörst du?“, sagt er mit seinem ewigen, steinernen Lächeln, und in dem Moment kommt er mir wirklich vor wie der Buddha der Unterwelt- ein Halbgott, für den normale, menschliche Grenzen nicht gelten. Jemand, den man niemals erreichen kann:

„Das ist das Wichtigste. Immer schön ruhig bleiben...
Sonst verlierst du!“


Ruhig bleiben ist meine Schwäche.
Das hab ich noch nie gekonnt.

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