Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Pet Rock

von somali77
GeschichteAllgemein / P18
Revy Rock
05.04.2015
12.02.2020
50
36.112
12
Alle Kapitel
21 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
14.06.2017 1.079
 
~


Die nächsten paar Tage sind heiß und friedlich.

Eine überwältigende Hitzewelle hat sich in der Stadt breit gemacht.
Sie liegt still in den breiten, verschlungenen Straßen, quetscht ihren klebrigen Leib aus Schweiß und Schmeißfliegen in alle Winkel, ernährt sich vom Smog der Tuc-Tucs und Kleintransporter, von den tausend süßlich stinkenden Müllcontainern mit verrottetem Obst und Industriemüll von korrupten Lebensmittelkonzernen.

Die Eiterbeulen der Verbrechen schwären genüsslich darunter, wie Eier in einem Drachennest. Irgendwo in den verwinkelten Gassen und Hochhäusern mit bröckelnd buntem Putz liegen sie, fett und glänzend. Irgendwann wird es wieder krachen, man weiß es einfach. Aber für den Moment ist es gut so:

In spärlichen Brisen vom Hafen her rascheln Palmenblätter über unseren Köpfen. Das ewige Kreischen der Möven, Hyänen des Meeres, klingt weniger blutlüstern als sonst.

Aus gut isolierten Moped- Satteltaschen verkaufen speckige Händler dieses unglaubliche Kokoseis, mit einem Hauch von Salz und Erdnüssen obendrauf.

Und überall Happy Hours:
in den Food Courts, in der Mall, selbst im guten, alten Yellow Flag verkauft Bao mehr Drinks mit Früchten und Cocktailschirmchen als vermutlich den ganzen Rest des Jahres.

Die Devise lautet: pack dir die Stunde, so lange sie happy ist, denn früher oder später wird sie definitiv wieder zur nüchternsten, fiesesten Bitch aller Zeiten...


Wir gehen tatsächlich ins Kino.

Ein Teil der Plätze besteht dort aus ausrangierten Fliegersitzen: Relikte aus dem Vietnamkrieg. Ein Symbol des Aufbäumens, Ost gegen West, Asien gegen Amiland. Kommunismus gegen Kapitalismus. Roanapur ist in erster Linie opportunistisch, und trotzdem bleibt es irgendwie ein ironisches Statement. Eins von der Art, die seine Augen zum Glänzen bringt.

Er mag solche Seitenhiebe und Anspielungen, das törnt seine geheime Hipster- Identität irgendwie richtig an, und er wird sowas von einen Blogeintrag darüber schreiben, für alle seine anonymen Internet- Cineasten- Freunde.  

Der Rest der Sitzplätze sind alte Sofas, wir lümmeln uns dort als würden wir uns schon jahrelang kennen. Essen klebriges Popcorn, trinken Bubbletea mit Rum für die ewigen Teenager, die irgendwo unter unserer Alltagsrüstung überlebt haben: der mit dem Business- suit, und die mit den Kanonen. Alles Verkleidung.

Alles für die Welt, die für die Happy Hour noch draußen ansteht.

Drinnen im Vorführraum sind wir manchmal die einzigen Gäste. Wir schauen uns quer durch Jahrzehnte von Popkultur: Alien, Rocky Horror Picture Show, Hellriser, Mad Max, The Secretary.


Und in lauer Abendluft, nach elf auf dem Foodcourt, während Moskitospiralen brennen, diskutieren wir bei Laksa und Bier über Filme und ihre Helden:

„Es gab noch nie einen mit männlichem Sub“, meine ich, und fuchtle mit den Stäbchen durch die Luft. Ich bin ganz besäuselt von der ungewohnten Überdosis an Körperkontakt, von der Hitze und vor allem von ihm. Wenn er so lächelt wie er das grade tut, die Augen kurz abwärts auf seinen Fingern, wie er die Einwegstäbchen auseinander knackt, dann wird einem ganz merkwürdig zumute. Meine Beine fühlen sich zu lang an, um sie unter dem winzigen Plastiktisch zu verstauen, aber es ist kein freier Stuhl in Reichweite um sie drauf zu legen, also entfalte ich mich zur Seite und hoffe dass kein armer Irrer darüber stolpert.

„Was!“, widerspricht er, „Es gibt eine Menge!“
„Auf keinen Fall. Sie war seine Sekretärin, und nicht er ihr Sekretär.“

Er rollt die Augen.
„Wenn du das auch so wörtlich nimmst? Sei mal nicht so engstirnig und denk ein -bisschen- außerhalb vom Offensichtlichen!“

Ich stütze den Kopf in die Hand, der ist auf einmal echt schwer.

„Ich hab nicht mal einen Schulabschluss“, stöhne ich ernüchtert, „wenn du das von mir erwartest, dann platzt mein Gehirn!“

„Was ist mit Ichi The Killer?“

„Hab gehört, der war ´ne Pain Slut.“, gebe ich zurück, „Das ist was anderes als ein Sub.“
„Es ist eine spezielle Art von Sub?“

„Der ist einfach nur Schmerzgeil! Sind Masochisten automatisch gleich Subs?“
„Was ist mit James Bond?“

Ich starre ihn an und muss lachen.
Dann wird mir klar, dass er das nicht ironisch meint.

„DAS Macho- Abziehbild der Filmgeschichte?“
„Als Daniel Craig ihn gespielt hat? In Skyfall? Zu M?“


„... da ist sie einfach sein Boss.“
„Hmm. Ja. Ziemlich praktisch, huh?“, er konzentriert sich auf seine Nudeln, und schlürft genüsslich. Ich beobachte seinen gespitzten Mund, bis er ihn schließt, kaut, sich die Lippen leckt. Dann erst gleitet mein Blick zurück in seine Augen.

„In „The Secretary“ war er auch ihr Boss“, er zuckt die Schultern, „Same- same.“

„In „The Secretary“ machen sie eine Menge kinky Zeug zusammen, so dass jedem absolut klar sein muss, dass er nicht NUR ihr Boss ist.“, widerspreche ich.

„Jaah. Gut.“, er windet sich ein bisschen, „Womöglich können wir die These aufstellen, dass Filmemacher -bisher- viel zu schüchtern waren, männliche Lust an sowas so offen zu zeigen. Da muss man mehr zwischen den Zeilen lesen.“

„Sie sind davon ausgegangen, dass „männliche Lust an sowas“ ganz einfach nicht existiert. Das ist dieselbe Logik wie die, dass Prinzessinnen per Definition immer weiblich sind. Und Drachen männlich.“

Er lehnt sich gänzlich unbeeindruckt in seinem Plastikstuhl zurück und nimmt einen tiefen Schluck Bier:

„Du wärst ein guter Drache.“


Ich will spöttisch schnauben, aber just in dem Moment trifft mich ein Gedanke. Der wirkliche Drache in Roanapur... ist nämlich mein nicht-ganz-so-heimlicher Mentor und Meister:
Mister Chang.

Als Dutch mich geschickt hat, Rock auf unserem Auftrags- Roadtrip den Jägern der Stadt vorzuführen, war ich angepisst und hatte Schiss, dass irgendeiner davon jemals auf die Idee kommen könnte, Rock genau so verlockend zu finden wie ich.

Und... verdammt. Ohne was zu denken, habe ich ihn jetzt, dumm wie ich leider bin, entblättert und sexy höchstselbst im Lagoon Club vorgeführt. Vor fucking- Master- Chang der, wie wir alle wissen, seine Subs asiatisch und unschuldig mag... und dem ganz bestimmt nichts verborgen bleibt, was in seinem eigenen Club passiert.

Ugh...


Ich puste den Rauch meiner Zigarette nachdenklich durch die Nase aus, während ich ins Nichts starre, und bin mir unschlüssig, ob das wohl ein sagenhaft naiver Move war, oder ob ich glaube, dass Chang cool genug ist, und wir so sicher verbrüdert, dass er Rock als selbstverständlich off Limits sieht.
Eine Menge der Zeit, die ich mit ihm verbringe, wirkt Chang einfach verdammt cool. Er macht es einem leicht zu glauben, dass er ein Freund ist, der es im Grunde doch gut meint. Andererseits ist er in seinen weniger hübschen Momenten Triadenboss und absolut... Übelkeit auslösend... fies...


Als mein Blick sich endlich wieder fokussiert, trifft er auf Rocks ungeniert belustigte Miene.

„Ernsthaft“, meint er, „Wenn du noch hochprozentigeres Zeug trinkst und dabei rauchst, könntest du sogar Feuer speien!“


„... Alter...?!“


~
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast