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Pet Rock

von somali77
GeschichteAllgemein / P18
Revy Rock
05.04.2015
12.02.2020
50
36.112
12
Alle Kapitel
21 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
02.05.2017 732
 
~

Stille.
Der Kleine pennt. Um uns her nur verbrauchte Luft und Motorbrummen, mit der leichten Variation im Geräusch, wenn Benny Gas gibt oder abbremst.
Die Umgehungsstraße rauf in die Stadt zieht sich ewig, obwohl eigentlich kaum Verkehr herrscht. Rock schaut demonstrativ nicht zu mir rüber.

Wir kommen an Nachtclubs vorbei.
Der Rotlichtbezirk von Roanapur. Zwischen Rock und mir herrscht frostige Eiszeit.
Wir sind so weit weg voneinander, wie das auf dem Rücksitz nur möglich ist.
Da links erkennt man die Glitzerfront von Roans bescheuertem Nachtclub. Heute läuft seine SM- Show. Ein paar entsprechend gekleidete Damen stehen neben dem Eingang zur Raucherpause.

„Hier ist es so... schmutzig“
Der Kleine ist aufgewacht und rümpft die Nase über harte Fakten und falsche Titten draußen auf dem Asphalt. Rock springt natürlich gleich darauf an. Er -muss- irgendwas dazu sagen. Ich frage mich, ob er in seinem früheren Leben öfters mit solchen Hosenscheißern zu tun hatte.

„Sorry“, meint er, „Das ist eigentlich nichts für deine Augen...“
Und, nach einer kleinen Pause: „Du bist ganz schön zuversichtlich, kann das sein?“

„Klar!“, der Junge strotzt geradezu vor Selbstsicherheit,
„Roberta wird kommen und mich retten, das weiß ich zu hundert Prozent!“

„Ahh...“, Rock schlägt seinen verträumten Tonfall an, ich stelle mir vor, wie dabei seine Augen glänzen, „Du hast solches Glück. Hier bist du, bei ganz fremden Leuten, und hast keine Angst, weil du fest daran glaubst, dass euer Hausmädchen aus Südamerika kommt und dich rettet. Keine Ahnung ob das auch stimmt. Aber... du musst ein tolles Zuhause haben. So bedingungslos vertrauen zu können... beneidenswert.“


Er schweigt kurz, und fügt dann leiser hinzu:
„Ich frag´ mich oft, was meine Familie wohl von mir hält.“

„Weißt du das denn nicht?“, will der Kleine wissen.

„Nein, ehrlich gesagt... weiß ich das wirklich nicht.“


Das Gesülze wird mir zu blöd.
Irgendwie hab ich auch das Gefühl, dass Rock nicht mehr nur mit dem Kind redet.

„Sowas“, murre ich deshalb, und mische mich ein: „Rock... Vermisst du etwa deine Mama?“
„Ach Quatsch...“, winkt er sofort ab, „Wenn das so wäre, hätte ich doch längst den Flieger nach Hause gebucht...“

Ich beiße mir auf die Unterlippe, während ich stur wieder aus dem Fenster starre. Irgendwas will er mit diesem Gesprächsthema doch wohl auch mir sagen. Aber ich bin wirklich schlecht in so subtilem Scheiß.

„Rock“, stöhne ich deshalb, „Deine Geschichte ist Mist. Darin geht es nur um ein Balg, das nach Mama heult. Wo ist der tiefere Sinn?“

Als wir einen flüchtigen Blick teilen, lächelt er plötzlich. Entwaffnend.
Und ich kapiere gar nichts. Bitte, quäl doch mein Hirn nicht mit deiner Gebildeten- Technik von andeutungsvoller Kommunikation...

„Es geht einfach um Ideale“, beschwichtigt er, „Darum, was man sich eben wünscht und schön findet...“


Ich schnaube, und weiche seinem Gesichtsausdruck aus.
Mann, Rock. In mir ist nur verbrannte Erde, kapierst du´s nicht?
Keine Ideale und so ein sentimentaler Shit. Ich wünsche mir nichts, und finde nur Dinge „schön“, die so konkret sind wie ein paar Scheine, mit denen ich mir hübsches Zeug kaufen kann. Würde, zum Beispiel. Respekt. Waffen...


Aber der Mann lässt nicht locker:

„Wenn mich hier mal jemand entführen würde“, überlegt er laut, als wäre das die Idee für sein neues Buch, keine bittere, blutverkrustete Scheißwahrscheinlichkeit: „Was würdest -du- machen, Revy? Schwingst du dann deine Cutless und kommst mich retten, wie so ein echter Superheld?“

Die Wut kocht schon wieder hoch in mir. Dieses Mal spüre ich, dass sie nur noch ein dünnes Flies ist, unter dem schwächere Gefühle durchschimmern, wenn man nicht aufpasst...
Fuck.

Rock, was du tust, ist gefährlich...
Jedes Mal, wenn wir uns nah kommen, bleibt ein bisschen von deiner Weichheit an mir hängen. Und wenn ich in diesem Drecksloch zu weich werde, kann ich niemanden mehr beschützen: nicht mich, nicht dich, und schon gar nicht beschissene „Ideale“...

„Wenn man so hohl in der Birne ist und sich wie eine Prinzessin in Nöten entführen lässt, gibt es hier kein Pardon.“, knurre ich, „Dann kappt man alle Verbindungen, entschuldigt sich für die Umstände und krepiert gefälligst mit Anstand!“

„Siehst du?“, seine Stimme zu dem Nervzwerg ist ruhig, ein bisschen amüsiert, weder überrascht noch böse, „Das sind meine Freunde... toll, oder? Aber trotzdem...“

Nach dem grimmigen Schweigen vorhin zwischen uns, und dem missgelaunten, verbalen Gerangel, trifft mich der letzte Satz mit seinem ehrlichen, sanften Tonfall wie ein Schuss durch den Rücken ins Herz:


„Sie sind es wert, dass man bei ihnen bleibt.“

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