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Pet Rock

von somali77
GeschichteAllgemein / P18
Revy Rock
05.04.2015
12.02.2020
50
36.112
12
Alle Kapitel
21 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
05.01.2017 968
 
~

Spät am nächsten Morgen bleibt der viel zu grelle Tag ausgesperrt hinter den Lamellen der Fenster. Gelbes Licht fließt durch die Lücken.
Das ist das erste, was ich nach dem Aufwachen sehe.

Das zweite ist Rock, wie er nackt und bloß vor dem Ausguck zur Straße steht und raucht. Er hat sich nicht mal die Mühe gemacht, seine Unterhosen anzuziehen, dazu die Läden nur einen Spalt breit geöffnet und schnippt Asche mit dem Daumen am Filter hinunter.

Sein halbes Gesicht leuchtet in dramatischem blauviolett, dort wo ihn meine Faust erwischt hat.
Wie Balaleika ihre Narbe trägt er das gewaltige Veilchen mit einer geradezu königlichen Abgeklärtheit.

Ich stelle fest, dass mir solche Spuren in seinem Gesicht ganz und gar nicht gefallen. Auch nicht- oder schon gar nicht- wenn ich der Grund dafür war. Zumindest nicht, wenn es so ein erbärmlicher Grund gewesen ist.

Da ist ein Bluterguss unter seinem rechten Nippel, den ich mehr mag...

Am Hintern hat er noch Striemen von seinem Gürtel: man sieht sie nur noch ganz blass. Eine einzige, bläuliche Linie läuft links um den Schenkel nach vorn, das war der harte Lederrand. Zieht Blut, das Ding.
Aber da hat er nicht wirklich geblutet. Natürlich nicht.

Ich bringe ihn nirgends zum bluten. Nirgendwo, außer... bei der verkrusteten Spur vom Streifschuss an seiner Schläfe. Gott, ich wünschte, das würde verschwinden! Zumindest könnte er sich die Haare darüber kämmen, damit nicht jeder Blick sofort daran erinnert. Mir dreht sich jedes Mal noch der Magen um, wenn ich das wieder sehen muss.

Stöhnend wühle ich mich aus dem Bett, suche nach meinen Kippen, stelle fest dass keine mehr da sind und schlurfe zu ihm. Ohne dass wir auch nur ein Wort wechseln hält er mir eine von seinen entgegen. Er gibt mir auch Feuer, ich atme tief durch. Wir starren durch die Holzlamellen der Fensterläden auf den Sperrmüll neben der Straße. Vor dem Fenster steht dick und feuchtheiß die unerträgliche, nach Müll und Smog duftende Gluthitze Roanapurs.

An seinen breiten Handgelenken erinnert ein feiner, rosaroter Druckstreifen an letzte Nacht. Die Springerstiefel haben keine Spuren hinterlassen. Natürlich nicht... wäre ich mit genug Schwung auf ihn getreten um Spuren zu hinterlassen, hätte ich noch irgendwas an ihm kaputt gemacht... und, so ironisch das klingt-...

Das wäre inakzeptabel.


Mir ist vollkommen unklar, warum er immer noch da ist.
Ein Mysterium des Universums.

Gestern hat er sehr deutlich gemacht, dass er kein Masochist von der Sorte mehr ist, die alles einfach nur mit sich machen lassen, egal ob ihnen das passt oder nicht.
Er ist kein Schwächling. Und kein rückgratloses Weichei.

Er ist vermutlich viel weniger Weichei als die meisten der braungebrannten, muskelbepackten Typen, die hier rudelweise in den Straßen herumlungern. Außerdem ist er auch viel intelligenter, denke ich, mit einer Mischung aus Genervtheit, heimlichem Stolz und noch viel heimlicherer Bewunderung. Zur Hölle, wahrscheinlich kann er sogar Algebra und den ganzen Shit.


Ich bin nicht die gönnerhafte Lady, die seine Gelüste nach exotischem Sex und Abenteuer erfüllen kann... oder will. Oder würde. Mir geht nicht in den Kopf, warum er Roanapur nicht freiwillig den Rücken kehrt, bei irgendeiner reichen Madame in Hongkong oder Thailand als Haussklave anheuert, und dort bis an sein Lebensende unter fetten Palmen den Pool putzt. Da müssen Leute sein, die ihm mehr geben können als ich. Wahrscheinlich so ziemlich jeder.


Was hält ihn also noch hier?


Wir starren schweigend abwärts; dorthin, wohin die Asche fällt. Sperrmüll, zerrupfter Dschungel. Davor Verkehr und gescheiterte Existenzen.
Ich weiß, dass Dutch irgendwelche Schiffsteile austauschen muss und dabei erst auf die Lieferung wartet, deshalb ist mit Aufträgen vor nächster Woche wohl kaum zu rechnen.

„Und, was hast du vor, heute?“, frage ich bemüht gleichgültig.

Er zuckt die Schultern ohne mich anzusehen, beide Unterarme auf dem Fensterbrett abgelegt.

„Seh´ mir später ein paar Appartements an.", murmelt er, "Brauch was eigenes. Nicht nur ein Hotelzimmer. Und die ersten paar, die ich mir angesehen hab, waren inakzeptabel.“

Ich kneife die Augen zusammen.
„Heißt das, du suchst schon länger?“

„Eine Weile...“

„Mh... Was sind deine Bedingungen?“

Jetzt sieht er mich an, mit einem dieser Blicke die mich wünschen lassen, ich könnte auch nur einmal, ein kleines Bisschen, in seinen Kopf hinein schauen.

„Dass ich nicht in der ersten Nacht schon von Kakerlaken gefressen werde“, sagt er so trocken, dass ich grinsen muss.

„Heh...!“

„Nein, Ernsthaft. Und irgendwas- nicht- direkt gegenüber von einer Fleischerei, so dass man vielleicht nicht den ganzen Tag nur bestialischen Gestank in der Nase hat...“

„Das heißt, irgendwas beim Hafen kommt auch nicht in Frage.“, überlege ich, und kratze meine Bettfrisur.

„Vorausgesetzt es kommt genug Luft durch?“
„Mmmh...“, ich winke ab, „Unwahrscheinlich.“

„Ich brauche ja gar nichts Großes. So ähnlich wie bei dir! Okay, vielleicht ein- bisschen- größer. Ich will jedenfalls ein größeres Bett. Nicht mehr so schlafen wie im verdammten Studenten- Wohnheim! Und mit Balkon... oder zumindest einem Fenster, das man auch richtig aufmachen kann.“

Ich nippe gedankenverloren am Filter:
„... Klingt machbar.“

„Oder? Mal sehen, ich hab drei Angebote heute Mittag. Schätze, dass ich bis so um sieben fertig bin.“, er nimmt noch einen Zug und runzelt dann die Stirn.

„Wieso? Was machst du?“

Ich sehe ihn an. Zucke die Schultern.
„Mh... rumhängen... was essen... später in irgend´ne Bar gehen, schätze ich.“

„Ins Yellow Flag?“

„Nein, mann.“, stöhne ich, in Erinnerung an meine jüngsten Exzesse, „Nicht ins Yellow Flag.“
Mir kommt ein spontaner Gedanke.

„Hey Rock“, sage ich, „Willst du was Interessantes sehen?“

Er grinst schief, weil sein halbes Gesicht vermutlich auch zu sehr weh tut um es gleichmäßig zu verziehen.
„Du meinst, zur Abwechslung, weil alles Normale hier auch so langweilig ist?“

Ich spüre wie meine Mundwinkel sich heben. Nur ein kleines Bisschen.
Mein schmaler Blick bleibt direkt in seine Augen gerichtet. Ich zähle innerlich langsam bis drei. Dann wende ich den Blick wieder ab-...


Ja, er will.


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