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Pet Rock

von somali77
GeschichteAllgemein / P18
Revy Rock
05.04.2015
12.02.2020
50
36.112
12
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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09.12.2016 1.959
 
~


„Mann, Mann“, ächzt er, und stellt eine von zwei Schüsseln Laksa vor mir auf den Tisch:
„Da steht man ja ewig an!“

Richtig, das ist ja auch nicht umsonst aktuell der beste Stand in der Stadt.
„Ich hab keinen Hunger“, knurre ich. Zum zweiten Mal, nachdem er mich gleich nach unserer Ankunft schon geflissentlich ignoriert hat.

„Versuch es wenigstens“, gurrt er im Kindergärtner- Modus: „Du wirst dich gleich besser fühlen!“

Meine Augen sind schmal und das bleiben sie auch.
Tu nicht so, als wüsstest du alles besser, Bitch, summt ein innerer, dunkler Teil von mir. Tu nicht so, als hättest du auch nur den Hauch einer Ahnung wie ich mich fühlen könnte. Meine Finger jucken. Die Cutless liegen mir ebenso schwer im Magen wie in ihrem Holster. Ich spüre Gewalt brodeln und jede winzige Spur von Oberwasser bei ihm reibt an meinen Nerven wie Schleifpapier. Jede Nuance von Dominanz. Er scheint förmlich darauf zu schweben. Eine Wolke von Selbstsicherheit wabert um ihn herum. Die Sache bei Jolanda und Eda hat ihm ganz schön Auftrieb gegeben, und er ist immer noch voll in Dom- Headspace, anscheinend...

Das ist die Sache, bei der wir nicht mehr zueinander passen.

Dominantes Gehabe bei Hetero- Jungs wirkt auf mich wie der Gestank von Scheiße. Einfach nur verdammt ekelerregend...

Ich versuche, weil er eben Rock ist und wir kurz sogar sowas wie eine gemeinsame Geschichte hatten, mein inneres Tier wieder schlafen gehen zu lassen und einfach nur zu verschwinden. Deshalb will ich, dass er mir die Schlüssel gibt.  

„Gib mir die Autoschlüssel.“
Ja, gib sie mir, Bitch, wenn du Wert darauf legst heute Abend in einem Stück heimzukommen...
Er zieht eine Grimasse.

„Und wie komme ich dann nach Hause?“, protestiert er.

„Du kannst laufen.“, grolle ich, und das ist nur halb die Wahrheit. Natürlich geht es hier nicht um die Autoschlüssel. Nicht wirklich. Er könnte auch mit dem Taxi fahren. Es geht um was völlig anderes...

„Ich hab aber keine Lust“, bestimmt er, „Lauf doch du“, und mit unhörbarem Gong ist der Machtkampf- Ring eröffnet.

Es war eine Frage der Zeit. Irgendwie.

So im Rückblick komme ich mir ziemlich dumm vor.


Niemand hält meine Gesellschaft aus, nicht einmal ich selbst. Natürlich nicht. Auch kein Haustier- Stein, und Rock ist- so viel wissen wir inzwischen- mehr als das.

Nur leider funktioniert das nicht so bei mir.

„Weißt du...“, knurre ich gefährlich ruhig, und meine Stimme bekommt diese tödlich eisige Nuance, die bedeutet, dass meine Selbstbeherrschung bedrohlich dünn wird, und das alles hier nicht mehr Spaß und Spiel ist: „Du solltest nach Japan zurück.“ Solange du noch kannst, Bitch. Solange dir niemand den Schädel wegpustet. Ich zum Beispiel, wenn du so weiter machst.
„Du... gehörst einfach nicht hierher.“

Er hebt eine Augenbraue.
„Du hast mich dazu gebracht, hier zu bleiben!“, sagt er.
„Das war ein Fehler“

„Wirklich? Ich finde, ich schlage mich gar nicht schlecht.“, selbstzufrieden knackt er die Einwegstäbchen auseinander, anscheinend völlig blind für die Gefahr in der er sich bewegt, „Oder was war das gerade in der Kirche?“

Ich ziehe es vor, darauf nicht zu antworten. Was in der Kirche war widerspricht aller Natur und wir sollten nicht mehr darüber reden.

„Ist doch so“,  erlaubt er sich dann im Brustton der Überzeugung zu behaupten, „Du- kannst- eben nicht immer nur alles mit Gewalt lösen, die Alte vorhin hatte Recht.“


Es fühlt sich an, als würde er todesverachtend Faser für Faser von meinem Geduldsfaden zupfen. Ich brauche alles an gutem Willen was ich aufbringen kann, einfach nur reglos da zu sitzen, während ich spüre, wie es um mich herum rasant dunkel wird, obwohl es gleißender Mittag ist, und in meinem Kopf weißes Feuer hochsteigt. Ich bin wie gelähmt, und ich weiß, es können nur noch Momente sein, bevor ich die Kontrolle verliere. Müsste er das nicht inzwischen wissen-... müsste er es nicht besser wissen?
„Du bewegst dich auf echt dünnem Eis.“, warne ich. Ein letzter Versuch.

„Weißt du“, er schüttelt den Kopf, „Seit der Sache im U-Boot stehst du irgendwie neben dir... was ist denn eigentlich los?“
„Scheiß drauf. Ich sagte, wir reden nicht mehr darüber.“

„Revy.“, er klingt, als ob er sich auch nur noch mühsam beherrscht, und dann legt er fein säuberlich seine Stäbchen auf den Rand seiner Schüssel:
„Es reicht“

Die Stille danach wird laut.
„Ich werde nicht mehr vor dir klein bei geben.“, sagt er, und er sagt es ganz ruhig.

Ich blinzle fassungslos.
„Verarschst du mich?“

Er steht auf und schlägt auf den Tisch.
„Zum letzten Mal!“, ruft er, und mir kommt eine Frustration entgegen, die mich irgendwie unvorbereitet trifft: „Ich hab nichts Falsches getan! Es gibt keinen Grund, warum ich ständig wegen deiner schlechten Laune hier weiter nur vor dir kriechen und mich mies fühlen müsste! Ich hab es satt, ständig nur noch den Boxsack zu geben, weil DU anscheinend mit irgendwas hier nicht klar kommst!“

Seine Wucht stößt mich in blinde Dunkelheit. Das weiße Feuer zwischen meinen Ohren macht mich taub. In meinem Kopf hallt ein einziger Gedanke wieder: Wenn er mich unterlegen sieht, muss er sterben- und das passiert genau jetzt.

„Schade...“, höre ich mich noch sagen, und meine Stimme klingt weit entfernt, während mein Körper sich von selbst bewegt, mein Arm die Cutless hebt, mein Finger sich um den Abzug krümmt, „... du bist gerade auf eine Miene getreten...“

Ich sehe ihn vor mir stehen, aber ich spüre keine Verbindung mehr.
Er ist nicht mehr Rock, nur noch irgendein Kerl... ein Wichser, der es verdient, dass seine Hirnmasse sich im Umkreis verteilt. Ich töte ihn. Ich kann das.
Ich kann in seine riesengroßen, dunklen Augen sehen... und ihn auslöschen.

„Was soll auf deinem Grabstein stehen?“


Er zuckt nicht einmal, als der Lauf der Waffe fast seine Nase berührt. Stattdessen sieht er mir direkt in die Augen und in seinem Blick ist kein Funken Furcht. Humorlos schnaubt er Anspannung durch seine Nase.
„Wie wär´s mit: „Gewalttätigen Irren ist einfach nicht mehr zu helfen?““
Mein Mundwinkel zuckt, aber ich spüre nichts mehr im Innern.

„Na dann“, höre ich mich sagen, und alles weitere läuft ab wie ein Film:
„Mach´s gut... Rock- Arsch.“


Der Knall des Schusses reißt mich zurück in die Realität.
Fassungslos sehe ich, wie er immer noch vor mir steht und mir immer noch fest in die Augen sieht. Der Anblick trifft mich wie ein Stich in den Bauch.
Oh Gott, er blutet-

Oh Gott, er lebt!


Was zur Hölle... hat... dieser Teufelskerl mir ganz ernsthaft mit bloßer Hand im letzten Moment den Lauf abgelenkt, und-... shit, er will meine Waffe-...! Meine Finger sind wie aus Wachs, er windet mir die Cutless aus der Hand, und alles was danach kommt, verschwimmt im Adrenalinrausch der Erinnerung. Ein paar Momente sind klar in meinem Gedächtnis.

„Rock!“, bellt er mir entgegen, sein Gesicht Zentimeter vor meinem, als ich ihn wieder irgendwie nenne- Schlappschwanz oder Arschloch oder was auch immer- „Ich heiße ROCK!“, und ich spüre, dass er das ganz beschissen ernst meint:

„Meinen alten Bossen war mein Leben egal, weil es ihnen nur um ihr beschissenes Geld ging!“, schreit er, „Ich dachte, du bist vielleicht anders! Aber anscheinend bist du genau gleich, und bei der Vorstellung wird mir einfach kotzübel!“

Er sagt noch eine Menge andere Sachen. Ich merke mir nur die Hälfte. Mein Hirn realisiert auch nicht mehr. Es ist immer noch voll im Ausnahmezustand- wir schreien uns an, aber vielleicht ist das das erste Mal, dass wir wirklich reden. Darüber, was er erwartet. Darüber, was ich ihm nicht geben kann.

Über das zwischen uns.

Ich war nicht da, um seine Fantasie von der großen, wilden Welt zu erfüllen, sondern nur, um in diesem Drecksloch mit allen Mitteln zu überleben, während er zufällig dazwischen gestolpert kam, und so langsam begreifen wir beide, dass der jeweils Andere nicht so wirklich das ist, was wir dachten.

Er höhnt irgendwas über sinnlose Gewalt und immer gleich die Pistolen ziehen, wenn Worte nicht mehr helfen, und damit hat er Recht. Na und?

„Das ist das einzige was ich kann!“, brülle ich.

So ist das, Arschloch.


Ich habe nunmal keinen College- Abschluss, keine behütete Kindheit, keine reichen Eltern. Ich kann keine verdammten Treibstoff- Verbrauchs- Berechnungen machen, so wie du, oder andere Sprachen sprechen... ich bin nicht so, Rock.

Nicht so besonders schlau, nicht so gebildet, kein Bisschen diplomatisch, und das ist mir auch schmerzhaft klar.

Alles was ich kann ist fluchen und schießen. Das ist nicht viel, deshalb ist es auch so lebensnotwendig für mich, darin so verflucht gut zu sein.


Du hättest das alles nicht nötig... du könntest viel mehr sein.

Du könntest alles sein was du willst.


Du bist sogar schon jetzt alles, was ich nie mehr sein kann, und wenn wir mal ehrlich sind, ist es eh seltsam, dass du dich so lange und so komplett auf das Spiel eingelassen hast, so zu tun, als wäre ich der Privilegierte hier von uns beiden...

Der Lack ist ab, wir prügeln uns mitten auf dem Foodcourt, und so furchtbar das ist, irgendwie tut es auch gut. Irgendwie ist es befreiend.

Wie ein Gewitter nach lauter ätzenden, schwülen Tagen. Ein echter Monsun. Unter unserer Haut sind wir Tiere, und wie Tiere gehen wir aneinander hoch.
Tische und Stäbchen fliegen, ich renne gegen ihn und pralle ab wie an einem Felsen.
Er stoppt mich, ohne zurückzuschlagen.

Das ist überhaupt am Ende das, was vom Eindruck übrig bleibt.

Er hält sogar still, als ich ihm einen Schwinger direkt auf sein Jochbein zentriere, obwohl ich spüren kann, wie es unter meinen Fingern knackt. Er schlägt nicht zurück.

Nicht ein einziges Mal.  


Stattdessen starrt er mich nur an, und er starrt mich in Grund und Boden, mit diesen verfluchten, dunklen Augen von ihm. Augen, so schwarz wie das verfluchte Meer bei Nacht. Augen, so tief wie der Mariannengraben.

„Ich habe geglaubt, du wärst anders“, sagt dieser Blick, „Besser“, und „Du könntest es immer noch sein.“


Das ist es, was mich irgendwann in die Knie gehen lässt.

Natürlich gehe ich nicht tatsächlich in die Knie. Nicht sichtbar. Aber auf einmal ist eben die Luft raus. Ich weiche ihm aus, muss mich wegdrehen, und in dem Moment strecken wir beide die Waffen.

Weil wir nicht wissen, wie man sich nach so einem Ausbruch versöhnt, geht der Kampf nahtlos über in unser vertrautes, kindisches Angebitche. Da ist kein Biss mehr dahinter.

Als die Polizei kommt, wegen Schüssen auf offener Straße und so einem Mist, werden wir beide zum ersten Mal wegen „Beziehungsstreit“ verhaftet. Und irgendwie ist das schon wieder so schräg, dass man darüber lachen könnte, wenn man wollte. Aber in der Bullenkutsche auf dem Rücksitz  tun wir das nicht. Wir schweigen. Wir sind beide völlig erschöpft.

Rock schmilzt mühelos zurück in angepasste Unterordnung, lässt sich von einem der Bullen Feuer geben, und lehnt sich dafür mit gestrecktem Kopf zwischen den Sitzen nach vorn. Er zieht an der Kippe, lässt sich ächzend zurückfallen. Ein kleines Bisschen beneide ich ihn dafür, dass er mit der Nummer auch irgendwie immer kriegt was er will, und eindeutig eleganter und sauberer... mit eindeutig weniger Kampfeinsatz.


„Rock, gib mir Feuer“, seufze ich.

Ich will keinen der Bullen darum bitten. Nicht, wenn er dabei ist. Aus Gründen, die ihn nichts angehen. Rock kapiert gar nichts.

„Ich hab keins?“, blubbert er.

Ich winke ihn näher.


Als er versteht, beugt er sich zu mir herunter. Senkt seinen Kopf, den er gerade eben noch so entschieden hoch gehalten hat, für mich. Er hätte tausend Gründe das nicht mehr zu tun.

Aber er tut es.

Zwischen uns leuchtet die Glut auf, und in dem roten Punkt verschmilzt ein Teil von uns Beiden für einen kurzen Moment. Wir ziehen giftigen Rauch aus der Lunge des Anderen.  

Fast schließen wir unsere Augen.
Nur fast.

Aber wir beide wissen, auch wenn wir es nie so zugeben würden:
Das hier ist unser Versöhnungskuss.


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