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Leise rieselt der Schnee

KurzgeschichteFreundschaft, Sci-Fi / P12 / Gen
04.04.2015
04.04.2015
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Leise rieselt der Schnee
Das Einkaufszentrum war mit Lichterketten in verschiedenen Formen und Farben dekoriert. Sterne, Bäume, Rentiere und andere Weihnachtsmotive leuchteten gelb, rot, grün, blau, weiß und orange. Einige Lichterketten blinkten auch in verschiedenen Farben. Jingle Bells spielte im Hintergrund. Die Töne fielen fröhlich aus den Lautsprechern, welche in Ecken unterhalb der Decke versteckt waren. An anderen Tagen ertönte hier mehr Werbung, und informierte die Leute über die neuesten, billigsten oder besten Waren in den Läden.
Ein elfisches Mädchen in einem langen, dunklen Mantel ging an den geschmückten Geschäften vorbei. Sie bestaunte die farbenfrohe Beleuchtung, lauschte den gespielten Weihnachtsliedern, und sie atmete den Duft von Bratäpfeln, Nüssen, Schokolade und Lebkuchen ein, obwohl er nur virtuell existierte. Wie immer in einem Einkaufszentrum, war die erweiterte Realität mit unzähligen Fenstern übersät, und alle paar Meter öffneten sich neue. Sie rieten ihr, wo sie neue Schuhe kaufen oder gute Pizza essen sollte, welche Musik gerade in war und sie daher unbedingt anhören musste, und welches das neueste Make-Up war. Heute war die ganze Werbung weihnachtlich gehalten. Die Rahmen der Fenster glitzerten in dunkelgrün und rot. Kleine Schneeflocken rieselten sanft herab, und die AR duftete nach Tannenbäumen und Süßigkeiten.
Akitsu wischte all die bunten Fenster weg, schob einige an den Rand ihres Gesichtsfeldes, und schloss andere ganz, während sie weiter durch das Einkaufszentrum spazierte. Ziellos wanderte sie durch die Gänge, bewunderte den weihnachtlichen Schmuck, und beobachtete die vielen Leute, welche so kurzfristig die letzten Geschenke kauften.  
Ungefähr vor einem halben Jahr bin ich von Zuhause weggelaufen, auf der Suche nach einem besseren Leben in den Schatten. Bisher habe ich Dax gefunden, in seiner Kneipe Elisabeths Destille. Aber, abgesehen von ihm, bin ich ganz alleine. Okay, May und Io sind schon ganz nett. Allerdings arbeite ich mit den beiden nur als Kellnerin. Ich habe keine wahren Freunde, mit denen ich zusammen abhängen und Zeit verbringen kann. Oh, wie sehr ich mir wünsche, gerade jetzt mit Freunden unterwegs zu sein. Sie seufzte leise.
Ihre kurzen Haare färbten sich dunkelblau mit blassen, weißen Strähnen. Ihr zuvor leuchtendes Orange und Gelb waren fast gänzlich verschwunden. So wanderte sie weiter umher, und beobachtete, wie die Massen fröhlicher Leute langsam verschwanden. Irgendwann fühlte sie sich fast einsam in dem großen Einkaufszentrum, da ihr nur noch ab und an jemand über den Weg lief.
Jeder sitzt jetzt gemütlich und warm zu Hause, und isst das Weihnachtsessen mit seinen Freunden und Familie. Und danach versammeln sie sich am Weihnachtsbaum, und beschenken sich gegenseitig. Nur ich bin hier. Ich wandere ganz alleine durchs Einkaufszentrum. Oh, ich wünsche mir nur einen Freund, oder zumindest ein Date! Dann könnten wir uns gemeinsam an der hübschen Dekoration freuen, heißen Punsch trinken, und wir würden uns schließlich kleine Geschenke geben, wie jeder andere auch.
Niedergeschlagen betrachtete sie ihr Spiegelbild im Fenster eines Ladens. Traurige, schwarze Mandelaugen starrten zurück, und sie bemerkte, wie das Blau ihrer Haare noch dunkler wurde.
Hm, ich kann genauso gut arbeiten, auch wenn Dax sagte, dass ich Heiligabend frei haben darf. Was soll ich bloß mit dem Tag machen? Es macht absolut keinen Spaß, alleine zu sein, entschied sie. Hai, okay, ich könnte mich auch irgendwo online rumtreiben, und ein paar Kommlinks hacken. Oder wieder cheaten während ich Dunkelzahn’s Quest spiele. Das war letztes Mal lustig, weil ich gewonnen habe. Aber iye, nicht an Heiligabend. Sie verscheuchte ein paar AR-Fenster, die ihr Sichtfeld verdeckten, und ging zum Ausgang.
Draußen schlug ihr der kalte Wind ins Gesicht, und ließ sie vor Kälte zittern. Sie wickelte den Schal enger, und lief zur Bushaltestelle. Hier war die AR nicht ganz so überfüllt, und sie entschied sich dazu, einen Manga zu lesen, während sie wartete. So blätterte sie eine transparente Seite nach der anderen um, bis der Bus kam, welcher sie zu Elisabeths Destille brachte. Abgesehen von ein paar Orks und Trollen, welche sich ganz hinten aufgeregt unterhielten, war der Bus leer. Sie bezahlte das Ticket, und nahm einen Sitz nahe an der Tür. Die ganze Fahrt über versuchte sie krampfhaft, sich auf den Manga zu konzentrieren, welcher vor ihren Augen schwebte, und nicht allzu viel von der fröhlichen Unterhaltung mitzuhören. Sie erinnerte sie nur schmerzlich an ihre momentane Einsamkeit und Sehnsucht nach Gesellschaft.
Erleichtert, die freudigen Stimmen nicht mehr länger mit anhören zu müsse, verließ das Mädchen den Bus, und trat auf die Straße hinaus. Der kalte Wind blies von der Nordsee her und stank nach totem Fisch vermischt mit den Abgasen des Sprawls Hamburg. Ihre Haut begann im kargen Licht schwach grünlich zu schimmern, welches von den wenigen, noch funktionierenden Straßenlaternen kam. Die meisten waren allerdings kaputt. Graffiti schmückte die steinernen Wände und die vernagelten Türen und Fenster der Häuser. Nur wenige Verkehrsschilder waren in der AR zu sehen. Keiner interessierte sich in diesem Teil Hamburg-Mittenmangs für virtuelle Gerüche und Geräusche.
Sie atmete die verschmutzte Luft tief ein, und fühlte sie kalt durch ihre Kehle strömen und ihre Lunge füllen. Diese Gegend passt viel besser zu meiner Stimmung, als die unbeschwerte Fröhlichkeit im Einkaufszentrum, dachte sie niedergeschlagen. Mit geducktem Kopf fummelte sie ihre Handschuhe aus der Tasche, und lief die letzten Meter zur Kneipe.
Hey, was ist das? Ein rotes Auto, welches vor der Kneipe parkte, erregte ihre Aufmerksamkeit. Akitsu ging näher heran, um es sich besser anschauen zu können. Hm, es ist nicht mehr neu, aber immer noch in gutem Zustand. Viel zu sauber, und ganz ohne Schäden für dieses Stadtviertel. Ich kenne niemanden, der hier einen Volkswagen Lingus fährt. Normalerweise ist es die Familienkutsche der Sararimänner. Aber was macht das Auto hier vor Elisabeths Destille? Sie grübelte verwirrt darüber nach, bevor sie die Gaststätte betrat.
Als sie die Tür öffnete, schlug ihr warme Luft entgegen. Nur wenige Leute saßen drinnen im Schankraum. Sie sah  ein paar Menschen und Orks. Sie alle sahen so niedergeschlagen und einsam aus, wie sie sich fühlte, wie sie so über irgendeinem Getränk oder einer einfachen Mahlzeit dahockten und Trübsal bliesen.
„Hey Akitsu, was machst du denn hier? Dax hat dir doch heute frei gegeben, wenn ich mich richtig erinnere“, Io, die orkische Barmaid, begrüßte sie freundlich.
„Hai, du hast Recht. Aber mal ganz ehrlich: Ich weiß nicht so recht, was ich mit mir anfangen soll. Im Einkaufszentrum umherwandern und die schöne Weihnachtsdekoration bestaunen ist wirklich langweilig, wenn man ganz alleine ist. Ich wünschte, ich hätte etwas Gesellschaft. Also habe ich mir gedacht, dass ich genauso gut arbeiten kann“, antwortete sie, und die dunkelblaue Färbung ihrer Haare wurde etwas heller.
„Oh, es tut mir leid zu hören, dass du dich heute, an Heiligabend, einsam fühlst. Niemand sollte heute unglücklich sein, allerdings bist du nicht die Einzige. Schau dir die Leute hier an“, erwiderte sie. Mit einer Handbewegung umfasste sie den Schankraum, und die wenigen Gäste dort.
„Falls du mir hier helfen willst, geht das natürlich völlig in Ordnung”, sagte sie aufmunternd zu dem Mädchen.
„Was ist mit dir, Io? Warum arbeitest du hier an Heiligabend? Dich scheint es nicht zu stören, oder?“, fragte die Elfe.
„Du hast Recht. Mir macht es nichts aus, an Heiligabend zu arbeiten. Meine Familie feiert Weihnachten immer am 25. Wir haben diese Tradition von meinem britischen Großvater übernommen. Also gibt es morgen Vormittag die Geschenke, und den Weihnachtstruthahn morgen Abend. Außerdem brauchen wir das Geld, wie du weißt.“
„Hai”, nickte sie. Io konnte immer Geld gebrauchen, um die Schule für ihren kleinen Sohn zu bezahlen. Sie arbeitete sehr viel, sodass er eine Ausbildung genießen konnte. Denn sie machte sich Gedanken um seine Zukunft. Ich hoffe, aus ihm wird was im Leben, und er endet nicht als ein weiteres, hungriges Straßenkind, wie so viele hier draußen, hoffte Akitsu.
Sie sagte zur Barkeeperin: „Ich gehe nur gerade nach oben, ziehe meinen Mantel aus, und bringe ein paar Sachen in mein Zimmer. Dann bin ich sofort da, um dir zu helfen“.
„So ka”, sagte die Orkin bestätigend.
Akitsu ging nach oben in das kleine Zimmer, welches sie ihr Zuhause nannte, seitdem sie von ihren Eltern weggelaufen war. Sie zog ihren Mantel aus, und setzte sich auf das alte, quietschende Bett. Abermals seufzte sie. Sie wollte nicht ganz alleine sein. Seit so vielen Jahren verspürte sie eine tiefe Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe und Zuwendung, aber ihre Eltern hatten ihr Bedürfnis nie befriedigt. Ihr Elend wuchs, während sie so dasaß und sich an die Familie erinnerte, die nur Ablehnung für sie übrig hatte. Einen Moment später, riss sie sich krampfhaft zusammen, blinzelte die Tränen weg, welche langsam angefangen hatten ihre Wangen herab zu laufen, und erhob sich.
“Jetzt habe ich ein neues Leben als Shadowrunnerin. Hier in den Schatten ist das Leben nicht immer einfach, aber ich werde schon zurecht kommen. Auf jeden Fall ist es viel besser, als mit meiner Familie“, sagte sie streng zu sich selber. Also streckte sie ihren Rücken durch, und ging die Treppe hinab, um sich zu Io zu gesellen.
Das Mädchen nahm ihren Platz hinter dem Tresen ein, von wo aus sie den Schankrum überblicken konnte. In einer Ecke sah sie den Weihnachtsbaum, und dachte leicht verärgert: Hm, alles ist aus Plastik, und die grüne Farbe ist viel zu knallig. Die echten Tannenbäume im Park sind viel dunkler und nicht so kitschig. Warum hat Dax denn nicht versucht einen besseren, künstlichen Baum für seine Kneipe zu finden? Naja, wenigstens ist der Schmuck hübsch. Ich mag die warmen, gelblichen Lämpchen der Lichterkette. Die roten und silbernen Christbaumkugeln sind auch sehr schön. Die sind wenigstens nicht zu kitschig.
Traditionelle, deutsche Weihnachtslieder ertönten leise im Hintergrund. Das Menü leuchtete rötlich mit einem Hauch Grün in der AR. Wohlwissend, dass sie für diese neuen, grafischen Elemente verantwortlich war, nickte sie in Anerkennung ihrer geleisteten Arbeit.
„Akitsu, was machst du hier hinter der Bar?”, eine bekannte, männliche Stimme fragte sie sanft.
„Was?”, sie drehte sich mit einem verwirrten Ausdruck im Gesicht um. „Dax? Warum? Warum bist du hier?”, fragte sie verblüfft.
„Oh, nichts Besonderes. Ich muss arbeiten”, antwortete ihr elfischer Schieber etwas zu schnell.
So, wie er sie anblickte, war sie sich sicher, dass er nicht ganz die Wahrheit sagte, und dass es noch einen anderen Grund für seine Anwesenheit gab. Allerdings wollte sie nicht nachfragen. Hm, wenn er nicht gerne mit seiner Familie und seinen Freunden zusammen ist, aus welchem Grund auch immer, ist es wirklich schade. Also belästige ich ihn am besten nicht mit dem Thema, entschied sie.
„Du hast meine Frage nicht beantwortet. Was machst du hier, Akitsu?“ Seine Stimme riss sie aus ihren Gedanken.
„Hai, hm, ich arbeite, denke ich”, antwortete sie, und blickte ihn mit großen, traurigen Augen an.
„Aber ich habe dir doch heute extra frei gegeben. Willst du Heiligabend nicht lieber frei haben?“
„Ich habe es versucht”, antwortete sie, „aber herumzustreunen, die schöne Weihnachtsdekoration zu bewundern, und dabei ganz einsam sein, ist einfach nur deprimierend. Also dachte ich mir, kann ich doch besser arbeiten gehen. Wenigstens fühle ich mich nicht alleine, wenn ich hier bin“, sagte sie trübsinnig, und blickte zu Boden.
„Es tut mir leid, das zu hören”. Er umarmte sie fest, und streichelte sanft über ihr Haar. „Es ist traurig, dass du keine Freunde hast, mit denen du Weihnachten feiern kannst. Aber wenn du dich hier etwas besser fühlst, freue ich mich natürlich, das du hier bist.“
Dax schenkte ihr ein warmes, aber auch niedergeschlagenes Lächeln, welches sie erwiderte. Sie sehnte sich danach, ihn ein weiteres Mal umarmen zu können, den Trost und Schutz seiner starken Arme zu fühlen, und sie wünschte sich, Weihnachten nur mit ihm alleine feiern zu können.
„Einen French Martini, bitte!” Ein AR-Fenster ploppte plötzlich vor Akitsu auf. Ein kurzer Blick verriet ihr, dass eine Frau die Bestellung aufgegeben hatte. Sie saß an dem Tisch, der dem Plastikweihnachtsbaum am nächsten stand.
Sie hörte auf, ihren Tagträumen nachzuhängen und sich trübe Gedanken zu machen, und bemerkte:
„Ich glaube, ich habe soeben eine Bestellung erhalten. Ich mache besser mit der Arbeit weiter.“
„So ka”, nickte der Barkeeper.
Das Mädchen nahm einen Cocktailspitz aus dem Geschirrschrank, und füllte ihn mit dem bestellten Getränk. Dann ging sie zum Gast hinüber.
Die betagte, menschliche Frau trug ein bordeauxrotes Abendkleid, und ihre Schultern waren mit einer schwarzen Stola aus teurem Stoff geschmückt. Die Kellnerin schätzte sie auf 50 oder 60 Jahre, denn viele graue Strähnen durchzogen ihr rotbraunes Haar. Trotz ihres Alters leuchteten ihre Augen noch jung. Ihr Name war Estelle Mormar, wie ihre SIN verriet. Mehr Informationen wurden nicht angezeigt, wie das Mädchen enttäuscht feststellte.  
„Hier ist Ihr French Martini”. Die Elfe stellte das Getränk auf den Tisch.
Bevor sie sich umdrehen und weggehen konnte, streckte die Frau mit einem Mal ihre Hand aus, und ergriff ihren Arm.
„Du bist jung und so hübsch. Und du bist eine Elfe. Du alterst nicht so, wie ich“, sagte sie traurig. Ihre Gesichtszüge verrieten Kummer und Einsamkeit. Ihre lebhaften Augen wurden müde. „Oh, ich wünsche mir, ich wäre auch eine Elfe, wie du. Dann hätte mich das Theater sicherlich nicht rausgeschmissen, als ich 40 wurde. Ich würde noch immer auf der Bühne stehen, und das Publikum mit meiner Schauspielkunst erfreuen“. Ein Seufzer stieg aus ihrer Brust auf, und sie ließ Akitsus Arm los.
„Oh, es tut mir sehr leid, das zu hören”, antwortete das Mädchen. Sie konnte es sich jedoch nicht verkneifen, zu fragen: „Ist dies der Grund, warum Sie mit diesem wundervollen Abendkleid in der Kneipe hier sitzen?“
„Teilweise. Ich meine, es ist Heiligabend, weshalb ich etwas Festliches anziehen wollte. Hm, ich wollte nicht ganz alleine zu Hause sitzen, also habe ich mich entschlossen, stattdessen hier her zu kommen. Diese Bar passt viel besser zu meiner Niedergeschlagenheit, denke ich“. Betrübt spielte sie mit dem Glas in ihrer Hand, trank einen Schluck, seufzte, und warf wieder einen Blick auf die junge Kellnerin.
„Sie haben keine Familie, mit der Sie Weihnachten feiern können? Das ist sehr traurig“, antwortete die Elfe, während sie weiterhin das teure Kleid bestaunte.
Eines Tages würde ich gerne ein ähnliches Kleid tragen, vielleicht in einer anderen Farbe, überlegte sie, während sich ihre Haare zart lila färbten.
Mit lautem Krachen flog auf unerwartet die Tür auf, und ein wütend dreinblickender Ork in einer alten Armeejacke betrat die Kneipe. Plötzlich drehten sich alle Köpfe, und alle Gäste starrten ihn an.
„Drek!”, schrie er ärgerlich, und sah so aus, als wollte er gleich eine Schlägerei anfangen.
Mit einem Mal stand die ehemalige Schauspielerin auf, und trat näher bis in die Mitte des Schankraumes, wo der Ork stand und die wenigen Gäste anstarrte. Dort begann sie zu rezitieren:

„Wenn —

Wenn du den Kopf bewahrst, da rings die Massen
längst kopflos sind und geben Dir die Schuld,
dir treu sein kannst, wenn alle dich verlassen,
und siehst ihr Zweifeln dennoch mit Geduld;
kannst warten du und langes Warten tragen,
lässt dich mit Lügnern nie auf Lügen ein,
kannst du dem Hasser deinen Hass versagen
und doch dem Unrecht unversöhnlich sein:“


Die Worte tropften von ihren Lippen, und verzauberten jeden in der kleinen Bar. Als hätten sie ein wundersames Eigenleben, krochen sie in jeden Kopf, erfüllten jedes Gemüt, und ließen jeden Gast für den kurzen Moment seine niederschmetternde Trauer vergessen. Mit feurig leuchtenden Augen, erfüllt von Leidenschaft, fuhr die Frau fort, das Gedicht „Wenn —“ von Rudyard Kipling aufzusagen.

Wenn du kannst träumen, doch kein Träumer werden,
nachdenken und gleichwohl kein Grübler sein;
wenn dich Triumph und Sturz nicht mehr gefährden,
weil beide du als Schwindler kennst, als Schein;
kannst du die Wahrheit sehn, die du gesprochen,
verdreht zum Köder für den Pöbelhauf,
siehst du als Greis dein Lebenswerk zerbrochen
und baust mit letzter Kraft es wieder auf :


Wenn du auf EINES Loses Wurf kannst wagen
die Summe dessen, was du je gewannst,
es ganz verlieren und nicht darum klagen,
nur wortlos ganz von vorn beginnen kannst;
wenn du, ob Herz und Sehne längst erkaltet,
sie doch zu deinem Dienst zu zwingen weißt
und durchhältst, auch wenn nichts mehr in dir waltet
als nur dein Wille, der "durchhalten!" heißt.


Kannst du zum Volke ohne Plumpheit sprechen,
und im Verkehr mit Großen bleibst du schlicht;
lässt du dich nicht von Freund noch Feind bestechen,
schätzt du den Menschen, überschätzt ihn nicht;
füllst jede unerbittliche Minute
mit sechzig sinnvollen Sekunden an:
Dein ist die Erde dann mit allem Gute,
und was noch mehr, mein Sohn: Du bist ein Mann.“


Das Publikum war gänzlich gefangen. Jeder hörte gespannt zu. Wie hungrige Kinder hingen sie an ihren Lippen, und warteten auf die nächsten Worte sie zu nähren, so, wie Vögel ihre Küken mit hochgewürgtem, vorverdautem Essen zu füttern pflegen.
Als sie schließlich zum Ende kam, hatte sich die Stimmung eines jeden gehoben, und die allgegenwärtige Niedergeschlagenheit schien fast gänzlich verflogen. Der Ork blickte nicht mehr wütend drein. Seine Augen leuchteten vor Begeisterung, und er war der erste, der zu applaudieren begann. Einen Moment später stimmten alle in den Applaus mit ein.
Als der Beifall abgeklungen war, setze er sich hin, und sagte:
„Vielen Dank für die kleine Vorführung. Jetzt fühle ich mich schon viel besser. Um ehrlich zu sein, ich hatte vor, mich zu betrinken. Danach hätte ich sicherlich mit irgendjemandem eine Schlägerei über eine beliebige Nichtigkeit angefangen.“
„Es freut mich zu hören, dass mein kleines Gedicht Ihre Wut und Ihre Trauer vertrieben hat. Vielen Dank, dass Sie mir dies mitgeteilt haben“, antwortete die Frau, und setzte sich neben ihn. „Aber warum wollten Sie sich denn betrinken, wenn ich fragen darf? Es ist schließlich Heiligabend!“
„So ka“, antwortete er, seufzte, und gab seine Bestellung auf: „Ein großes Glas Hurlg, Mädchen!“ Er winkte Akitsu zu.
„So ka. Einen Moment”, antwortete sie, und lief schnell zur Theke.
Daraufhin brachte sie ihm das starke, dunkelbraune Bier mit dem leicht nussigen Geruch. Sie nahm sich einen Stuhl am Tisch, denn sie war neugierig auf die Geschichte, welche der Ork nun erzählen würde.
Bevor er anfing zu erzählen, trank er einen großen Schluck Bier, rülpste zufrieden, und murmelte: „Das ist gutes Zeug!”
Weitere Augenpaare richteten sich auf ihn. Alle warteten nur darauf, seine Geschichte zu hören. So begann er schließlich zu berichten: „Die letzten Monate habe ich den größten Teil meiner Sozialhilfe gespart, und heute habe ich mir einen echt guten BTL-Chip davon gekauft. So dachte ich zumindest. Aber als ich den Chip einwarf, um die virtuellen Freuden zu genießen, bemerkte ich sehr schnell, dass er nicht funktionierte. Er war praktisch ausgebrannt. Daraufhin wurde ich wütend und schwermütig, denn schließlich war der Chip mein Weihnachtsgeschenk für mich selber.“
„Sie haben sich selber einen BTL-Chip als Weihnachtsgeschenk gekauft? Warum?“, fragte die Schauspielerin mit weit aufgerissenen Augen. Verwirrung gefärbt mit leichter Abscheu klang in ihrer Stimme mit.
Niedergeschlagen trank der Ork einen weiteren Schluck des Bieres, bevor er ihre Frage beantwortete: „Ich bin nun mal süchtig nach dem Scheiß! Und einige dieser Chips sind auch echt verdammt gut, glauben Sie mir. Ich hatte im echten Leben nie besseren Sex mit hübscheren Frauen, als mit einigen dieser Chips.“
„Was, das ist also alles, was Sie an Weihnachten machen, chippen?”, fragte Akitsu ungläubig. Die Farben ihres Haares liefen in Türkies mit einem leichten rosa Schimmer über. Sie empfand nur Abscheu für den Mann, welcher von seiner Sucht erzählte. Geschieht ihm recht, dass er an Heiligabend deprimiert und ganz alleine herum sitzt, wenn er ein verdammtes Chiphead ist! dachte sie ärgerlich ohne jede Spur von Mitleid für den Ork.
Entgegen ihrer Erwartung war seine Erzählung jedoch noch nicht zu Ende. Also fuhr er fort: „Als meine Frau mich vor ungefähr eineinhalb Jahren verlassen hat, begann ich zu trinken, um darüber hinweg zu kommen. Allerdings hat mir der Alkohol nicht geholfen, sondern er machte alles nur noch schlimmer. Bald schon war ein gutes Besäufnis nicht mehr genug Ablenkung von meinen Problemen. Die Erinnerungen kamen zurück, und mit ihnen der Schmerz des Verlassen-werdens. Also suchte ich nach anderen, stärkeren Drogen, um mich davon abzulenken. Letztendlich endete es mit BTL-Chips, die manchmal wirklich gut sein können.“
„Es tut mir leid, das zu hören. Dennoch habe ich so letztendlich deine Geschichte erfahren, Gunnar“, bemerkte Dax, welcher nun hinter der kleinen Gruppe stand, die sich um den Ork gebildet hatte.
„Ja, warum hat Sie ihre Frau überhaupt verlassen?”, fragte das Elfenmädchen, welche mittlerweile etwas Mitleid mit dem Man hatte.
„Ich weiß es nicht genau. Sie hat gesagt, dass ich kein guter Vater für meinen Sohn sei. Wahrscheinlich, weil ich schon damals ab und an zu viel getrunken habe. Vielleicht hat sie auch einen neuen gefunden. Ich weiß es einfach nicht. Sie hat mir nicht erlaubt, meinen Sohn zu sehen. Das war das schlimmste für mich.” Niedergeschmettert trank er sein Bier. Als die Erinnerungen zu verfliegen schienen, lächelte er freudlos in die ihn umgebende Menge.
„Mein Sohn hat Sie einmal im Theater gesehen, und er war danach sehr aufgeregt über Ihre Schauspielkunst.” Ein älterer, menschlicher Mann berichtete mit sanfter Stimme, als wäre er tief in Gedanken versunken. Er trug eine alte, dunkelbraune Lederjacke, und neben ihm lag ein Paar zerrissener Handschuhe auf dem Tisch.
Nun wandten sich die Gesichter ihm zu, und Estelle fragte: „Wirklich? Schön zu hören, dass ihm meine Schauspielerei gefallen hat. Aber das muss schon Jahre her sein.“
“Ja. Es ist fast 15 Jahre her”, nickte der Mann, und Trübsal verzerrte sein Gesicht.
Gunnar hob sein Bierglas und prostete ihm zu. „Und was geschah dann?”, fragte er mit düsterem Lächeln.
„An dem Tag passierte nichts Besonderes”, erwiderte der Mann.
„Warum sitzen Sie dann hier?”, erkundigte sich Akitsu. Sie hatte bereits Mitleid mit ihm, ohne auch nur irgendetwas zu wissen.
„Vor vielen Jahren habe ich mich mit meinem Sohn gestritten. Heute kommt es mir einfach so lächerlich vor. Aber damals sah alles ganz anders aus. Hm, ich war nicht einverstanden mit seiner Lebensplanung und seinen Plänen für seine Zukunft. So stritten wir uns eines Tages sehr heftig darüber. Wenig später ist er ausgezogen, und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.“ Er starrte auf sein Glas Whiskey hinab, welches fast leer war. Die Überreste der Chicken Wings mit Pommes und Ketchup auf dem Teller daneben sahen noch trauriger aus, als das Glas.
„Auch deine Geschichte haben wir vernommen, Richard”, bekannte Dax, welcher noch immer etwas im Hintergrund stand. „Das sieht ja fast wie ein Wettstreit aus. Wer bietet die traurigste Erzählung, und den herzzerreißendsten Grund dafür an, warum er Heiligabend in meiner Kneipe hockt“. Ein niedergeschlagenes Lächeln huschte über sein Gesicht, ohne jedoch seine Augen zu erreichen.
„Vielleicht hast du sogar Recht, und es ist eine Art Wettbewerb? Ich bin mir nicht sicher, und ich weiß es nicht genau“, bemerkte Richard.
Damit blickte er in die Richtung eines jungen, menschlichen Mädchens, welches ganz alleine etwas abseits an einem Tisch saß. „Warum bist du heute hier?“, fragte er. Nachdem er ihren offensichtlich teuren, warmen Mantel aus Fellimitat begutachtet hatte, fügte er hinzu: „Eine schattige Kneipe am Rand der Slums von Mittenmang ist wohl kaum ein passender Ort für ein Mädchen, wie dich. Du bist viel zu gut gekleidet, und viel zu anständig für solch eine Spelunke“. Ein warmes, väterliches Lächeln huschte über sein Gesicht. Doch nur wenige Sekunden später kehrte die Trauer zurück, ganz so, als hätte es das flüchtige Lächeln nie gegeben.
Langsam erhob sich das Mädchen, strich mit ihren Fingern durch ihre langen, blonden Haare, ging zu ihm herüber, und setzte sich an den Tisch, um den sich alle versammelt hatten.
Akitsu las ihre SIN, welche für jedermann in der AR deutlich sichtbar war. Ihr Name lautete Annabell von Reichenbach, und sie war 16 Jahre alt. Weitere Details wurden nicht angezeigt.
„Hm, ja” begann das Mädchen zögerlich. „Ich war echt mies drauf, als ich hierher kam. Aber nun, da ich alle Ihre Geschichten gehört habe, ist meine nicht mehr so wirklich traurig, denke ich.“
„Was ist denn passiert?”, fragte der Ork neugierig.
„Okay, also ich habe mir unbedingt ein Pferd zu Weihnachten gewünscht, aber ich habe es nicht bekommen. Obwohl ich es mir die letzten Monate ganz dolle gewünscht, und mich nur darauf gefreut habe, habe ich ein Auto bekommen. Es ist der alte Wagen meiner Mutter, sie hat sich kürzlich einen neuen gekauft“, erzählte sie schließlich.
„Ein Pferd?”, fragte der Barkeeper verwundert. „Hast du denn überhaupt genug Platz, um ein Pferd zu halten?“.
„Ja, tatsächlich habe ich genug Platz. Ich wohne am Stadtrand von Wandsbek, meine Eltern haben dort ein großes Grundstück. Wir haben einen großen Garten und sogar eine Weide. Da ist genug Platz für mein Pferd. Aber wie ich bereits erzählt habe, ich habe keins bekommen“. Trauer überschattete ihr junges Gesicht, während sie alles erklärte.
Was für eine verwöhnte Göre!, dachte das Elfenmädchen. Oh, Moment mal, falls sie wirklich von dem großen Haus in Wandsbek redet, dann habe ich vor ein paar Wochen den Zentralknoten erfolgreich gehackt, und einige Passwörter gestohlen. Das hat mir etwas Geld eingebracht, und war nicht sonderlich schwierig. Diese überbezahlten Konzernschlipse sollten definitiv mal über eine bessere Firewall nachdenken! Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus, nur um im nächsten Moment wieder zu verschwinden.
Annabell fuhr fort: „Aber jetzt denke ich, dass ich einfach nur blöd war. Ihr habt viel schlimmere Probleme, als ich. Also vielleicht ist es doch gar nicht so schlecht, ein Auto anstatt eines Pferdes zu bekommen“. Ein scheues, widerwilliges Lächeln kroch von ihren Lippen nach oben, erreichte ihre sommerblauen Augen, und verweilte auf ihrem Gesicht.
Das erklärt den teuren, roten Wagen vor Elisabeths Destille, schlussfolgerte Akitsu, und war zufrieden, das Rätsel gelöst zu haben.
Eine silberhelle Stimme unterbrach ihre Gedanken: „Und du? Warum arbeitest du hier am Heiligabend?“, das menschliche Mädchen schaute die gleichaltrige Elfe direkt an.
„Hai. Ich bin einfach hier, weil ich arbeiten muss”, antwortete sie, und wollte unbedingt vermeiden, die Gründe für ihre Anwesenheit zu erzählen. Ihre Haarfarbe lief in Orange und Hellblau über.
„Komm schon. Du weißt genau, dass das nicht stimmt”, sagte Dax sanft, kam ein paar Schritte näher, legte seine Hand auf ihre Schulter, und drückte sie zärtlich. „Jeder hat seine Geschichte erzählt, und nun ist es Zeit, deine zu hören.“
„Wirklich? Warum?”, fragte Akitsu widerstrebend.
„Wie ich gesagt habe, jeder hat erklärt, warum er heute Abend hier ist. Und nun bist du an der Reihe“, erwiderte ihr Schieber. „Komm schon, Akitsu“.
Wie konnte sie ihm nur diesen Wunsch verwehren? Seine beruhigende Stimme hallte in ihrem Kopf wider, während seine Hand ermutigend ihre Schulter drückte. Langsam löste sich ihre Trauer auf, und ihre Haare färbten sich Petrol mit einem Hauch von Purpur.
„So ka”. Okay …”, begann sie langsam und fühlte, wie sich alle Augen auf sie richteten, was sie etwas nervös machte. Sie riss sich zusammen, und berichtete: „Meine Eltern haben mich nicht sehr nett behandelt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mich sogar regelrecht gehasst haben, einfach weil ich eine Elfe bin und kein Norm. So bin ich vor ungefähr einem halben Jahr von Zuhause weggelaufen, und in Elisabeths Destille gestolpert. Und jetzt bin ich hier. Es stimmt, dass ich heute Abend nicht arbeiten muss, allerdings weiß ich nichts anderes, was ich machen kann, und ganz alleine in meinem Zimmer rumzusitzen ist einfach viel zu deprimierend. Das ist alles.“ Sie seufzte, nachdem sie ihre kurze Geschichte beendet hatte.
Bitte, stellt keine weiteren Fragen. So ist es schon schlimm genug für mich. Sie hoffte ängstlich, dass sie auch jeden mit ihrem kurzen Bericht zufrieden gestellt hatte.
„Oh, das tut mir leid zu hören. Hast du deine Familie denn nie vermisst, oder jemals darüber nachgedacht, nach Hause zurück zu kehren?“, fragte Estelle mitfühlend.
„Iye. Ich bin für jeden Tag dankbar, den ich hier verbringen kann, und an dem ich nicht an sie denken muss”, antwortete das Mädchen bestimmt. „Und warum sollte ich zurück gehen? Sie haben sich nie auch nur die Mühe gemacht, nach mir zu suchen. Ich weiß es, weil ich die Vermisstenanzeigen überprüft habe, nur ein paar Tage, nachdem ich hier her gekommen war.“ Ihre Trauer kehrte zurück, ihre Haare wurden dunkelblau, und sie starrte betrübt zu Boden.
„Du armes Ding! Es tut mir wirklich so leid. Und ich habe dir vorhin noch erzählt, wie sehr ich mir wünsche, eine Elfe zu sein, so wie du. Vergib mir. Ich habe nicht im Entferntesten geahnt, dass du so schlimme Dinge nur deswegen erlebt hast. Um ehrlich zu sein, ich war in dem Moment sehr unglücklich, aber als du gekommen bist, habe ich mich ein kleines bisschen besser gefühlt.“ Erwiderte die Schauspielerin.
Meine Güte, warum muss sie es so an die große Glocke hängen, dass sie mir etwas früher am Abend gesagt hat, dass sie so gerne eine Elfe wäre? Akitsu wunderte sich leicht verwirrt. Also antwortete sie milde: „Ist schon okay. Die kleine Unterhaltung hat mich jetzt nicht gestört. Sie haben mich damit nicht an meine Eltern und meine Vergangenheit erinnert. Also es ist alles in Ordnung.”
„Ich bin erfreut, das zu hören”, antwortete die Frau. „Ich hoffe nur, Dax kümmert sich auch gut um dich, und gibt auf dich Acht.“
Das Elfenmädchen fühlte Dax’ Hand nun kräftiger ihre Schulter drücken. Sie atmete tief ein, und wartete einen Moment, um sich wieder zu beruhigen. Die noch  immer sanfte Berührung half ihr dabei.
„Hai, er behandelt mich wirklich gut.” Ein dünnes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, und angenehme Wärme durchflutete sie. Ihr Schieber hat sie von dem Tag an gut behandelt, an dem sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Sie hatte in ihm einen neuen, wirklichen Vater gefunden, was so viel mehr war, als sie sich jemals am Tag ihrer Flucht erhofft hatte.
Dann drehte sie sich um, sah dem blonden Elfen direkt in die Augen, und fragte: „Dax, du bist der letzte, der noch übrig ist. Warum bist du an Heiligabend hier? Ich habe niemals gedacht, dass du heute arbeiten würdest. Nun erzähl’ uns deine Geschichte.“
“Wie ich dir vorhin schon gesagt habe, Ich muss arbeiten. Das ist alles“, war seine Antwort.
Aber sie glaubte ihm nicht. Sie merkte, dass er ihrer Frage auswich, und einfach nicht über seine Gründe, hier zu sein, reden wollte. Also fragte sie erneut, diesmal mit festerer Stimme: „Dax, zuerst wolltest du mich nicht in Ruhe lassen, und hast mich schließlich überredet, meine Geschichte zu erzählen. Somit ist es meiner Meinung nach nur fair, wenn du jetzt auch deine Geschichte mit uns teilst.“
„Das stimmt. Warum bist du hier, Dax?”, fragte Richard, und Gunnar hob sein Glas, und prostete ihm zu.
„Ja, was ist Ihre Geschichte?”, Estelle wollte es jetzt auch wissen.
Mit einem Mal waren alle Augen aufmerksam auf den Schieber gerichtet.
„Scheint so, als bliebe mir keine Möglichkeit, drum herum zu kommen mein Geheimnis zu verraten, oder?”, seufzte er. Trauer und Leid breiteten sich in seinem Gesicht aus. Er seufzte erneut, und begann: „So ka. Hier also ist meine Geschichte. Und erinnert euch, ihr habt mich danach gefragt. Es geschah am Heiligabend, genau heute vor 10 Jahren. Damals habe ich für die DeMeKo gearbeitet. Gegen Mittag war ich mit der Arbeit fertig, und ging nach Hause. Während ich auf meine Frau und meine kleine, fünf Jahre alte Tochter gewartet habe, die den Weihnachtsmarkt besucht hatten, sah ich Trideo. Der Nachrichtensprecher berichtete über einen schrecklichen Unfall, welcher sich nur wenige Stunden zuvor hier in Hamburg ereignet hatte. Ein offensichtlich betrunkener CEO von Proteus war mit seinem Wagen direkt in eine Gruppe Menschen gerast, die an einer Bushaltestelle gewartet hat. Meine geliebte Frau und meine kleine Tochter sind an dem Tag nie nach Hause gekommen.“ Der Elf begann leise zu schluchzen, während alle Augen noch immer auf ihn gerichtet waren.
Er atmete tief ein, blies die Luft langsam wieder aus, und fuhr fort: „Sie wurden bei dem Unfall getötet, wie so viele andere auch. Es war das elendste Weihnachtsfest, was ich je erlebt habe. Am nächsten Tag habe ich mich hingesetzt, und über mein Leben nachgedacht, über meine Arbeit, und die gesamte Welt. Und ich kam zu dem Entschluss, dass ich nicht länger Teil dieser Welt aus großen, grausamen Konzernen sein wollte, deren CEOs so oft ungestraft für ihre Verbrechen, Steuerhinterziehung und anderes davonkommen. Also plante ich ein neues Leben. Eine Kneipe aufzumachen, erschien mir eine gute Idee. Gesagt, getan! Im Januar kaufte ich mir dieses Haus, und eröffnete Elisabeths Destille. Seit dem Unfall habe ich mir gewünscht, den verdammten CEO tot zu sehen, weil er meine kleine Tochter, meine Frau und so viele andere getötet hatte. Oft genug habe ich daran gedacht, einen Auftragskiller oder gleich ein ganzes Team von Shadowrunnern anzuheuern, um ihn für all die unschuldigen Leben bezahlen zu lassen, die er ausgelöscht hat!“
„Und, hast du es getan? Hast du ihn ermordet?“, fragte Akitsu. Sie wollte unbedingt wissen, ob ihr geliebter Schieber in der Lage war, so eine grausame Tat auszuführen.
Abermals machte er eine Pause, bevor er fortfuhr: „Nein, ich konnte mich nicht überwinden, es zu tun. Und irgendwann habe ich verstanden, dass ich meine kleine Tochter nie wieder lebendig machen kann, ganz egal, wie viele CEOs der großen Konzerne ich töte.“ Dann drehte er sich um, und sah sie an: “Eines Tages kam ein Elfenmädchen mit wechselnder Haarfarbe in meine Kneipe. Ich habe ihr geholfen, indem ich ihr eine Unterkunft und einen Job gab. Wie ich bereits gesagt habe, meine Tochter kann ich nicht wieder lebendig machen. Aber ich kann andere, gute Taten vollbringen, die viel mehr Sinn ergeben, als CEOs zu töten.“ Er drückte sie fest an sich, und strich sanft über ihr Haar.
“Oh Dax!”, flüsterte Akitsu, und presste ihr Gesicht an seine Brust.
“Du bist wie eine Tochter für mich, Akitsu”, murmelte er leise, während er sie im Arm hielt.
Das Mädchen fühlte tröstliche Wärme durch ihren ganzen Körper strömen. Aber am allerwichtigsten war, dass sie sich wirklich geliebt fühlte. Ein Gefühl, nach welchem sie sich unbewusst ihr ganzes Leben lang gesehnt hatte, während ihre Eltern nur Ablehnung für sie übrig hatten. Sie wünschte sich, Dax würde sie niemals loslassen, und seine Umarmung würde ewig währen.
Der Barkeeper hob ihr Gesicht langsam an, und gab ihr einen leichten Kuss auf die Stirn, bevor er sie wieder los ließ.
„Oh, wie rührend”, murmelte Annabell, und wischte eine Träne aus ihrem Gesicht. Sie war die einzige, die sich zu sprechen traute. Die anderen Gäste beobachteten die Szene schweigend.
„Und jetzt, nachdem jeder hier seine traurige Geschichte erzählt hat, reicht es mir mit Kummer für heute Abend“, rief Dax, und verbannte so das allgemeine Schweigen. „Lasst uns was Nettes machen, und gemeinsam einen schönen Heiligabend feiern. Ich habe auch schon eine Idee: Lasst uns einen anständigen, und vor allem echten Weihnachtsbaum besorgen, und ihn schmücken! Keiner kann diesen armseligen Plastikbaum noch länger ansehen. Ich kenne eine Baumschule, wo sie Weihnachtsbäume züchten. Heute Abend ist sie sicherlich komplett verlassen. Wer macht mit?”. Er lächelte schelmisch.
„Ich natürlich! Ich will wenigstens einmal im Leben einen richtigen, echten Weihnachtsbaum haben”, rief das Elfenmädchen aufgeregt. „Und du brauchst jemanden, der die Alarmanlage ausschalten kann.“
„Ich auch!“
„Ich mach mit, das klingt nach Spaß!“
„Ich komme auch.“
Jeder in der Kneipe willigte ein.
„Ein richtiger Weihnachtsrun. Ja, das machen wir”, Gunnar hob sein Bier, und prostete den anderen zu.
„Ich habe eine Säge in meinem Kofferraum”, verkündete Richard.
„Wir können alle mit meinem Auto fahren”, fügte Annabell hinzu.
„Klasse”, Dax sah jeden an. „Dann lasst uns alle einen Drink nehmen, um uns warm zu halten, bevor wir losfahren. Es ist verdammt kalt draußen. Eine Runde Rum aufs Haus, Io!“
Ein paar Augenblicke später, brachte die kräftige Orkfrau mit den leuchtend roten Haaren ein Tablett mit gefüllten Rumgläsern an den Tisch. „Hier, bitte schön“, sagte sie zu Dax, und bot jedem ein Glas an.
„Nein, du bist noch nicht alt genug für das Zeug. Außerdem bist du zur Hälfte Japanerin, weshalb dein Körper den Alkohol langsamer verstoffwechselt. Ich will nicht, dass du betrunken bist, bevor wir auch nur bei der Baumschule ankommen“, sagte der Barkeeper zu Akitsu.
„Aber, Dax …”, bat sie.
„Ich habe Nein gesagt, Akitsu. Allerdings kannst du stattdessen eine Cola haben. Komm schon, du weißt selber, dass dies besser für dich ist”, sagte er bestimmt, aber auch wohlwollend.
„So ka”, grummelte sie, holte sich aber ohne weitere Umstände zu machen eine Cola.
„Ich merke, Sie scheinen wirklich gut auf sie aufzupassen, auch dann, wenn es ihr nicht gefällt”, nickte Estelle anerkennend.
„Ja, sie hatte damit schon recht”, stimmte ihr der Elf zu.
Alle leerten ihre Gläser, und zogen ihre Jacken an. Akitsu lief eilig die Treppe in ihr kleines Zimmer hinauf, und zog sich entsprechend dem Wetter warm an. Als sie wieder in den Schankraum kam, warteten alle bereits ungeduldig darauf, dass es endlich los ging.
Sie trat neben Dax durch die Tür auf die Straße hinaus. Saure Schneeflocken fielen sanft herab, und schmolzen auf ihrem Gesicht. Ihre Haare schimmerten in einer Mischung aus Grün und Gold, und wurden sanft von der grünlichen Fluoreszenz ihrer Haut angeleuchtet. Ein eisiger Wind fegte durch die Straßen. Weitere Schneeflocken fielen herab. Akitsu hielt sich an Dax‘ Arm fest. Eine Welle der Glückseligkeit spülte über sie hinweg. Dies wird das beste Weihnachten meines Lebens! dachte sie glücklich. Aber warum fährt Richard eine Säge in seinem Kofferraum spazieren?

Das Gedicht in der Geschichte heißt  „Wenn —“ und ist von Rudyard Kipling (http://de.wikipedia.org/wiki/If%E2%80%94).
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