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Wild Hunt

OneshotAngst, Fantasy / P16 / Gen
die Dame OC (Own Character) Peter/Peter Pan
02.04.2015
02.04.2015
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2.226
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Wild Hunt


Something that I know you've seen before
I'm not the first
Set the trap, I've fallen for it every time
I can't believe, everyone you told this to
This would come back to haunt me
I can't stand to see you now
How could I ever trust you?

Silverstein - Always And Never





Ein Jahr zuvor.

Es war weit nach Mitternacht, Silvester war vorbei und das neue Jahr hatte bereits begonnen.
Grace Morgan verabschiedete sich von ihren Freunden, versprach sie anzurufen und begab sich auf den langen Heimweg. Die Silvesterfeier hatte bei einem Bekannten ihres besten Freundes stattgefunden, in einem Apartmentkomplex, welcher etwa eine halbe Stunde von ihrem eigenem Zuhause entfernt lag. Es machte ihr nichts aus, den Weg zu Fuß zurückzulegen, denn sie war die Strecke schon hunderte Male zuvor gegangen. Sowohl tagsüber als auch nachts.
Noch immer erhellten vereinzelte Feuerwerkskörper den dunklen, sternenlosen Himmel über ihrer Heimatstadt New York City, während die hohen Glasfronten der unzähligen Hochhäuser und Wolkenkratzer das bunte Farbenspiel zurückwarfen.
Es war ein schöner Abend gewesen, an dem sie viele neue Leute kennengelernt und mehr als nur ein Glas Sekt getrunken hatte.

Grace fühlte sich ein wenig beduselt, als sie um die Ecke bog und sich die schmiedeeisernen Tore des Central Parks vor ihr erstreckten.
Der Park wirkte einladend mit seinem hübsch geschmücktem Zaun, an welchem grellrote Lampions hingen und im seichten Wind leicht hin und her schaukelten.
Sie strich sich das dunkelblonde Haar aus der Stirn und fragte sich, ob im Park wohl noch einige Menschen den Jahreswechsel feierten. Sie lauschte in die späte Nacht hinein, doch kein Stimmgewirr oder Lachen drang an ihre Ohren – nur das sanfte Rascheln des Windes in den Bäumen und das Sausen einer letzten Rakete. Und obwohl Grace eine Gänsehaut beim Anblick des dunklen Parks beschlich, legte sie ihre Hand auf das kühle Metall der Gitterstangen und drückte die Klinke hinunter.
Das Tor schwang mit einem leisen Quietschen auf und wie von Geisterhand trugen ihre Schritte sie in den nachtschwarzen Park.

Hätte sie nur gewusst, was sie im Inneren erwarten würde, hätte sie womöglich auf der Stelle kehrtgemacht und wäre schnurstracks in eine andere Richtung geflohen. Doch in dieser Nacht ignorierte die Blonde die mahnende Stimme in ihren Hinterkopf, die versuchte, sie zu warnen.

Die altmodischen Laternen brannten noch, beleuchteten ihren Weg und hüllten die einzigartige Schönheit dieses Ortes in ein gelbliches Licht. Eine weitläufige Oase, inmitten des hecktischen Großstadtdschungels. Ein Zufluchtsort vor dem Alltag, für jene, die der Stress des Arbeitslebens um den Verstand brachte.
Grace schlenderte durch die verlassene Grünanlage und ließ sich dabei Zeit – es war ja nicht so, als würde Zuhause jemand auf das junge Mädchen warten.
Ihre Mutter war mit ihrem Liebhaber über die Feiertage verreist und ihr Vater lag wahrscheinlich mit dem Kopf auf dem Thresen eines schmierigen Pubs und schlief seinen Alkoholrausch aus.
Nein, niemand wartete auf sie und so genoss sie die Stille der Einsamkeit, während sie sich auf einer Steinbank niederließ. Ihre Finger glitten in die Tasche ihrer Lederjacke und fischten ein angebrochenes Päckchen Zigaretten hervor, welches sie auf der Party hatte mitgehen lassen. Mit ihren 16 Jahren hätte Grace sich auch problemlos eine Schachtel an einem der in der Stadt verstreuten Kioske kaufen können, denn sie wirkte älter und wurde selten nach ihrem Ausweis gefragt. Das Leben hatte seine Spuren auf ihr hinterlassen.
Vielleicht war es einfach der Reiz des Verbotenem gewesen, der sie zu einem Langfinger hatte werden lassen.

Mit einem Ratschen entzündete sie ein Streichholz, auf dessen Schachtel der Name eines französischen Restaurantes abgedruckt war - „L’amour du matin“ -, und steckte sich die Zigarette, welche bereits zwischen ihren Lippen ruhte, an.
Genüsslich pustete sie einen kleinen Rauchkringel in die Luft, als eine vage Bewegung in den dunklen Baumkronen ihre Aufmerksamkeit auf sich lenkte.
Eine Gestalt landete auf dem Boden, entfernte ein einzelnes Blatt aus dem wirren Haar und verharrte einige Sekunden mit zur Seite geneigtem Kopf, ehe sie sich aufrappelte und zielstrebig auf Grace zuging.

„Was zur Hölle?“, flüsterte Grace.
Sie wollte aufstehen, doch ihre Beine fühlten sich bleischwer an, schienen mit einem Mal wie gelähmt und gehorchten ihr nicht mehr.
Und dann erkannte sie, dass es sich bei der Schattengestalt lediglich um einen Jungen, höchstens ein oder zwei Jahre älter als sie selbst, handelte. Erleichterung durchfuhr sie.
Die fließenden Bewegungen des Jungen erinnerten an eine Raubkatze auf der Pirsch, als er Schritt für Schritt näher kam und schließlich mit verschränkten Armen vor ihr stehen blieb.
„Was hast du hier verloren? Es ist gefährlich, in einer Nacht wie dieser alleine durch den Park zu schleichen.“
Grace sah zu ihm auf und zwei Augen, die wie flüssiges Gold glänzten, erwiderten ihren Blick. Sein blasses Gesicht zierten Dutzende von Sommersprossen und wurde von feuerroten Haaren umrahmt.
„In einer Nacht wie dieser?“, fragte sie verdutzt. Was meinte dieser seltsame Fremde damit, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war und sich benahm, als gehöre ihm der Park?
„Weißt du denn nicht, wer heute unterwegs ist?“, fragte er und sein Blick schien an Härte zu verlieren. Ein belustiger Ausdruck trat in seine Augen und sie bemerkte ein schwaches Zucken um seine Mundwinkel herum.
„Er will dich nur auf den Arm nehmen und dir Angst machen“, versuchte Grace sich selbst zu beruhigen und trat einen Schritt zurück.
Der Unbekannte musterte sie einen Moment, bevor er weitersprach: „Die Wilde Jagd ist unterwegs. Sie suchen nach verlorenen Seelen, die unbehelligt und ahnungslos durch die sternenlose Nacht wandern.“
Mittlerweile war sich das Mädchen ziemlich sicher, dass von ihm keine Gefahr ausging und er einfach nur betrunken war oder irgendetwas eingeworfen hatte.
Grace schüttelte den blonden Kopf. „Und warum bist du dann ganz alleine unterwegs?“
„Die Jäger haben keinerlei Interesse an mir.“ Schalk blitzte in seinen goldenen Augen auf und ein Grinsen umspielte seine Lippen, als er sich zu ihr hinunter beugte. „Nächstes Jahr um diese Zeit werde ich die Jagd anführen und das Horn blasen, dass ihre Ankunft verkündet. Komm jetzt, ich bringe dich nach Hause, denn im kommendem Jahr werde ich es sein, der dich durch die Bäume jagt, wenn du es wagst, nochmal hier aufzutauchen.“
„Hast du etwas genommen? LSD? Ecstasy?“ Die Worte verließen ihre Lippen schneller, als Grace lieb war, aber der rothaarige Junge lachte nur auf und legte ihr seinen Arm um die Schultern.
„Ich bin Peter“, stellte er sich vor und schob sie in Richtung des Ausganges. „Und ich meine es ernst, komm nicht wieder hierher. Hast du mich verstanden?“
Sie nickte, auch wenn ihr tausend Gedanken und Fragen durch den Kopf geisterten. Spielten ihre vermeintlichen Freunde ihr etwa einen makaberen Scherz?

„Wie heißt du eigentlich?“, kam es von Peter, während er das vergitterte Tor öffnete.
„Grace. Mein Name ist Grace“, sagte sie und durchschritt das Tor. Der Rückweg kam ihr merkwürdig kurz vor und sie drehte sich ein letztes Mal um, doch von dem goldäugigen Jungen fehlte jegliche Spur.
Als hätte sich die Erde aufgetan und ihn verschlungen.
Feuchter Nebel kroch unter dem Gitter hindurch, wabberte umher und ließ sie erschaudern.
Und dann hörte sie es. Ein Laut, den sie niemals zuvor in ihrem Leben vernommen hatte, durchbrach die Stille. Der Laut eines Hornes, tief und voll im Klang.

Grace begann, zu rennen und blieb erst stehen, als sie die Türe ihres Zimmers hinter sich verriegelt hatte.


Seit jenem verhängnisvollem Tag war genau ein Jahr vergangenen.

Ein Jahr, in dem Grace immer wieder in den Central Park gekommen war, auf der Suche nach Peter, welcher eine ungesunde Faszination auf sie ausübte und sie bis in ihre Träume verfolgte. Jede Nacht. Sie konnte ihn deutlich vor sich stehen sehen, seine Augen, die an Gold erinnerten, den Schalk darin, und sein sommersprossiges Gesicht, dass ihm etwas Verspieltes verlieh.

Und obwohl Grace sich das ganze Jahr über vor dieser Nacht gefürchtet hatte, stand sie erneut vor dem schmiedeeisernem Eingangstor des Parks und versuchte, trotz der allumfassenden Dunkelheit etwas zu erkennen.
Sie war die unheimliche Begegnung mit Peter immer und immer wieder durchgegangen, hatte schon fast daran geglaubt, er wäre ihrer allzu lebhaften Fantasie entsprungen und dennoch … ein Teil von ihr sehnte sich danach, ihn wiederzusehen.

Im kommendem Jahr werde ich es sein, der dich durch die Bäume jagt, wenn du es wagst, nochmal hier aufzutauchen.

Grace hatte seine Warnung nicht vergessen, aber sie konnte die aufkeimende Neugierde, welche von ihr Besitz ergriff, nicht unterdrücken. Mit klopfendem Herzen legte sie ihre Hand auf die Klinke, drückte sie hinunter und schlich sich in die Dunkelheit der Parkanlage.

Es war totenstill und selbst der Wind schien in dem Jahr einen weiten Bogen um diesen verfluchten Ort zu machen.
Grace drang tiefer und tiefer in das verworrene Labyrinth aus Bäumen und Sträuchern ein. Dünne Äste kratzen über ihre helle Haut und zerrten an ihren langen Haaren, verfingen sich in einer losen Strähne und ließen sie innehalten.
Und da war es wieder – der Hall eines Hornes, durchdringend und laut schallte es durch die Nacht. Nackte Angst kroch ihre Wirbelsäule hinauf, legte sich auf ihre Haut und ließ sie die Arme um ihre Körpermitte schlingen. Grace Morgan war kein Mädchen, welchem man leichtfertig Angst einjagen konnte, aber dieser Laut hätte selbst den tapfersten aller Krieger in die Knie gezwungen.
Das Getrappel von Hufen folgte, das fremdartige Heulen hunderter Kreaturen mischte sich darunter und dichter Nebel ummantelte die hohen Bäume, bahnte sich seinen Weg durch den Park und erst da, erkannte sie ihren Fehler.

Sie hätte niemals hierher kommen dürfen, nicht in dieser Nacht. Peter hatte sie gewarnt und ihr wurde der Ernst der Lage bewusst. Was hatte sie sich nur dabei gedacht?
Der rothaarige Junge hatte ihr eine Chance geboten und was machte sie? Lief ihm entgegen, wie ein treues Schoßhündchen, welches auf die Ankunft seines Herrchens wartete.

Es war zu spät, um jetzt das Weite zu suchen.
Sie kamen – die Wilde Jagd brach durch das Unterholz. Ein langer, gespenstischer Geisterzug ritt daher und kreuzte ihren Weg. Grace hob den Kopf und erstarrte.

Hochgewachsene Jungen mit Speeren und leuchtenden Fackeln in den Händen, die sie gen Himmel streckten, saßen auf riesenhaften Keilern, deren Hauer mit altertümlichen Mustern in dunkelroter Farbe verziert waren.
„Blut“, ging es ihr durch den Kopf.
Die merkwürdigsten Wesen begleiteten das Heer, trollten umher, legten ihre Häupter in den Nacken und brüllten.
Weitere Jungen folgten dem Marsch zu Fuß. Dämonische Masken verhüllten ihre Gesichter und menschliche Knochen waren mit ihrem Haar verwoben, welches in alle möglichen Himmelsrichtungen abstand.
Hyänenähnliche Kreaturen, mit einem gebogenem Stachel am Schweif, fauchten Grace an, kesselten sie ein und nahmen ihr somit sämtliche Möglichkeiten zur Flucht.
Sie fing an, am ganzen Leib unkontrolliert zu zittern, während sich der Kreis lichtete und die Gestalten einen schmalen Durchgang bildeten. Grace wusste nur zu gut, wem sie im nächsten Augenblick gegenüber stehen würde.
Peter.

Er thronte hoch über ihr auf einem schwarzem Elch, dessen Geweih mit kleinen Glöckchen geschmückt war. Bei jeder Bewegung des Tieres, erklang ein unheilvolles Läuten.
Peter selbst trug einen gehörnten Helm, der ihr die Sicht auf seine einmaligen Augen verwehrte und viel zu groß für ihn wirkte. Um seine Schultern war ein blutroter Umhang geschlungen, welcher ihn leicht umwehte und mit einem Schlucken entdeckte das blonde Mädchen das lange Schwert, welches an seiner Seite hing und dessen glänzender Stahl das fahle Mondlicht einfing.

Ein Kind, das König spielt.

Neben ihm ritt eine fragile Frauengestalt auf einer Schimmelstute und Grace fiel auf, dass die Hufen des Pferdes den Erdboden nicht berührten – es schien über dem Boden zu schweben.
Das Antlitz der Dame war so schön und einschüchternd, dass ihr Herzschlag für einen kurzen Moment drohte auszusetzen. Kostbare Juwelen, die wie Sterne schimmerten, waren in ihr weißes Haupthaar geflochten und unterstrichen ihre grazile Anmut.
„Ich hatte dich gewarnt“, kam es von Peter und die Härte in seiner Stimme ließ sie zusammenzucken. Seine Stimme klang anders, erbarmungslos und auch einen Hauch tiefer. Peter nahm den Helm ab und kein verspieltes Grinsen verzerrte seine Züge – stattdessen starrten ihr zwei ausdrucklose Augen entgegen. Kalt, gefühllos und ohne eine Spur von Wärme.
„Ich gewähre dir eine letzte Chance. Lauf. Lauf um dein Leben!“
Die Worte bohrten sich wie eisige Dolche in ihr Herz und ohne eine weitere, kostbare Sekunde zu verschwenden lief Grace los.

Die Wilde Jagd hetzte sie durch das Unterholz, folgte ihr mühelos auf Schritt und Tritt. Und immer wieder erklang das Horn, geblasen von einem Jungen, den sie das Jahr zuvor nicht ernst genommen hatte. Dem sie gefolgt war und welcher sie nun durch den finsteren Park jagte.
Grace kam schlitternd vor einem kleinen See zum stehen und eine seltsame, abstruse Ruhe breitete sich in ihr aus. Es war vorbei. Sie hatte es in seinen Augen gesehen – er würde sie heute Nacht töten.
„Das hat Spaß gemacht, Grace. Du hast dich gut geschlagen“, gab Peter zu und richtete die messerscharfe Spitze seines Schwertes auf ihren Kehlkopf. „Vielleicht sollten wir dich mitnehmen, du wärst eine wahre Bereicherung für unseren Zug.“
Er blickte zu der weißhaarigen Frau an seiner Seite und verzog den Mund, als sie den Kopf schüttelte. Ihre bläulichen Lippen bildeten eine harte Linie. „Nein, mein lieber Petervogel. Das kleine Mädchen passt nicht zu uns, sieh doch nur wie sie zittert. Erlöse sie, Peter.“
Die feingliedrigen Finger der Frau umschlossen seine Hand und das Letzte, was Grace sah, war der dunkle Schatten, welcher über das Gesicht der Dame huschte, und die unbarmherzige Kälte in Peters goldenen Augen.
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