Blutendes Herz

GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
02.04.2015
02.04.2015
6
8695
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Alles hätte so einfach sein können. Wir hätten das ideale Traumpaar werden können. Er und ich – wir waren immer schon füreinander geschaffen. Zwar habe ich ihm niemals gesagt, dass ich ihn liebe, aber ich glaube, er hätte es irgendwann gespürt. Nein – er hätte es ganz sicher gespürt. Wenn sie mir nicht in die Quere gekommen wäre. Wenn sie nicht mit ihm zusammengekommen wäre, dann hätte ich vielleicht den Mut gefunden, ihm alles zu sagen. Wie sehr ich in ihn verliebt bin. Wie sehr ich mich danach sehne, in seinen Armen zu liegen. Wie sehr ich jeden Tag mit ihm genieße und stets darauf hoffe, dass er niemals vorübergeht. Aber sie hat alles zerstört. Sie hat ihn mir einfach weggenommen, ohne Rücksicht auf mich und meine Gefühle.
Aber alles auf Anfang: Mein Name ist Dippy und ich wohne schon mein ganzes Leben lang auf dieser kleinen, idyllischen Farm hier in Grutely. Naja, eigentlich heiße ich Dipstick, aber da ich diesen Namen absolut nicht ausstehen kann, haben meine Freunde und ich uns irgendwann auf die Kurzform „Dippy“ geeinigt. Das ist zwar bei weitem auch nicht gerade mein Wunschname, aber ich finde, es klingt immer noch besser als Dipstick. Vorneweg möchte ich gleich eine Sache loswerden: Ich bin schwul. Ich habe relativ früh gemerkt, dass ich mich mehr zu Männern als zu Frauen hingezogen fühle. Anfangs habe ich gedacht, das wäre nur eine Phase, ich war damals schließlich erst 16 – also jung und unerfahren. Alle meine Freunde hatten zu der Zeit bereits ihre ersten Erfahrungen gemacht, sowohl in emotionaler als auch sexueller Hinsicht. So gut wie jeder auf dem Hof hatte eine Freundin und scheute sich auch nicht, das offen kundzutun. Nur ich blieb ständig allein. Die anderen freuten sich immer wie verrückt auf den Frühlingsball, der jedes Jahr in unserer Scheune stattfindet. Ich dagegen erfand immer die skurrilsten und verrücktesten Ausflüchte, um dort nicht alleine aufkreuzen zu müssen. Egal ob Magenbeschwerden, Erkältung oder eine vorgetäuschte Blinddarmentzündung – ich war um keine Ausrede verlegen. Vor einem Jahr habe ich zum Beispiel behauptet, ich hätte mir eine Rippe gebrochen. Für die anderen war es sozusagen schon zur Normalität geworden, dass ich, wenn der jährliche Frühlingsball anstand, urplötzlich erkrankte. Und so merkwürdig meine Ausreden auch klangen, niemand schöpfte Verdacht. Nunja, fast niemand. Denn vor einem Jahr hat mich mein Bruder Wizzer um ein ernstes Gespräch gebeten. Er sagte, dass ihm aufgefallen sei, dass ich jedes Jahr um diese Zeit krank wäre und er vermute, dass ich mich bewusst vor dem Frühlingsball drücken würde. Da ich wusste, dass Wizzer es sofort durchschaut hätte, wenn ich ihn weiter anlog, indem ich zum Beispiel behauptet hätte, dass das nur Zufall war, entschloss ich mich schließlich dazu, die Karten auf den Tisch zu legen und ihm die Wahrheit zu sagen. Zuerst hatte ich Bedenken, dass er es jedem erzählen würde, doch er versprach mir hoch und heilig, die Sache für sich zu behalten. Er hat sofort vollstes Verständnis für meine Situation gezeigt und mir versichert, dass Schwulsein nichts ist, wofür man sich schämen muss. Trotzdem habe ich das so lange ich konnte geheimgehalten, aus Angst, abgelehnt oder verspottet zu werden. Doch Wizzer hat mir Mut gemacht und mir gesagt, dass ich irgendwann den Richtigen finden würde. Und schon kurze Zeit darauf schien sich seine Aussage zu bewahrheiten, denn ich habe mich tatsächlich verliebt. Und zwar in meinen besten Freund Mooch. Mooch ist wirklich der süßeste Hund des gesamten Hofes. Er gibt sich zwar äußerlich stets cool und spielt vor anderen gerne den Macho, aber ich weiß, dass das alles nur Fassade ist. In Wirklichkeit ist Mooch ein rücksichtsvoller, zuvorkommender und manchmal auch emotionaler Typ. Ich glaube, gerade deshalb bin ich so sehr in ihn verliebt. Weil er ist, wie er ist – einfach perfekt.
Als ich gemerkt habe, dass ich in ihn verliebt bin, war ich zuerst völlig perplex und wusste weder ein noch aus. Es hat mich einiges an Überwindung gekostet, mich meinem Bruder Wizzer anzuvertrauen. Dieser hat mich aber wider Erwarten nicht ausgelacht oder verspottet – im Gegenteil: Er hat mich dazu ermutigt, Mooch meine Liebe zu gestehen. Zwar war ich anfangs unsicher, ob das auch wirklich der richtige Weg ist, aber nach einigen weiteren Gesprächen mit Wizzer habe ich mich schließlich doch dazu durchringen können. Ich hatte damals alles perfekt geplant: Ich hatte vor, mich mit Mooch unten am See zu treffen. Das war schon immer unser Lieblingsplatz gewesen, an den wir immer gingen, wenn wir allein sein wollten. Für mein „Outing“ - wenn man so will – konnte ich mir also kein geeigneteres Fleckchen vorstellen. Schließlich kam der Tag aller Tage und Mooch und ich machten uns auf den Weg zum See. Dabei hat mein Herz so laut wie noch nie geschlagen und ich habe gebetet, dass Mooch es nicht mitbekommen würde.
Als ich schließlich anfangen wollte, Mooch meine Liebe zu gestehen, hat er gesagt, dass auch er wichtige Neuigkeiten für mich hat und darum gebeten, anfangen zu dürfen. Ich wollte ihm diese Bitte nicht verwehren und ließ ihn schließlich erzählen. Doch was ich da zu hören bekam, machte meinen Mut und meine Illusionen mit einem Schlag zu Nichte. Denn Mooch erzählte mir, dass er ein Mädchen kennengelernt hat und die beiden seit einiger Zeit ein Paar sind. Äußerlich tat ich zwar so, als würde ich mich für ihn freuen, doch innerlich zerbrach nicht nur mein Herz, sondern meine ganze Seele in zwei Teile. Ich habe Mooch dann nach ihrem Namen gefragt. Sie hieß Zweiton. Zweiton – ein Name, den ich niemals mehr vergessen werde. Ein Name, der mich jeden Tag daran erinnert, dass ich meine Chance vertan habe. Für immer.
Review schreiben