Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Abstieg

von Fulmaire
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Deekin Schuppensänger Valen Schattenhauch
01.04.2015
01.01.2018
28
114.432
5
Alle Kapitel
21 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
01.04.2015 2.206
 
Langsam kehrte unter den Anhängern der Eilistrae wieder Ruhe ein. Die Verfolger waren in die Flucht geschlagen. Vorerst. Die Macht der Valsharess wuchs mit jedem Tag und damit die Gefahr für die kleine Gruppe rebellischer Drow. Sie waren ängstlich und erschöpft, immer kurz davor, aufzugeben und sich dem Unausweichlichen zu beugen. Was sie daran hinderte, war die schmale Gestalt, die sie führte. Tatsächlich wirkte die Seherin zart und zerbrechlich, aber dieser Eindruck verschwand, sobald man in ihre Augen sah. Kraft, Glaube und Sanftmut verschwammen darin zu einer Mischung, die ihre Anhänger aus der tiefsten Hoffnungslosigkeit zu reißen vermochte. Eine innere Stärke, die beinahe greifbar war und noch an Intensität gewann, wenn die Seherin von ihren Visionen sprach. An diesem Tag allerdings war keine Zeit dafür. Es hatte keine Toten gegeben, wofür sie der Göttin dankte, aber viele ihrer Anhänger waren verwundet und wurden zu ihr gebracht. Sie nahm sich Zeit für jeden von ihnen, heilte nicht nur ihre Verletzungen, sondern schenkte den verängstigten Drow auch freundliche Worte und neue Zuversicht. Als sie alle Verwundeten versorgt wusste, verließ die Seherin das improvisierte Lager. Valen saß am Rande des Plateaus und blickte über die Ebene, die sich im trüben Dämmerlicht des Unterreichs vor ihm ausbreitete. Wie immer nach einer Schlacht hatte der Tiefling die Einsamkeit gesucht und wandte sich um, als er Schritte hinter sich hörte. Beim Anblick der Seherin verlor sein Gesicht den abweisenden Ausdruck.
„Wie geht es den Anderen?“
„Ein paar Blessuren, die schnell geheilt werden konnten. Lass' mich deine sehen.“
Die Seherin wies auf seine Stirn und als Valen die Stelle berührte, bemerkte er erstaunt, dass er blutete.
„Ein Kratzer, mehr nicht.“
Anstatt ihm zu antworten, lächelte die Seherin und Valen spürte, wie ihre heilende Kraft durch ihn floss.
„Ich danke Euch.“
„Nein, ich danke dir. Erneut hast du uns gerettet.“
Auf ihre Bemerkung hin lächelte er freudlos.
„Wir waren in der Überzahl und besser vorbereitet, aber beides wird sich bald ändern. Sie werden stärker, jagen uns wie Vieh und reiben uns immer weiter auf. Ich weiß nicht, wie vielen Angriffen wir noch Stand halten können.“
„Das ist wahr. Wir brauchen einen Ort, der gut befestigt ist, der uns die Möglichkeit gibt, uns auszuruhen und für den Kampf zu rüsten. Ich hoffe, dass man uns in Lith My'athar willkommen heißt.“
„Und danach?“
„Ich weiß es nicht. Diese Zukunft hat Eilistrae vor mir verborgen.“
„Eilistrae. Also werden wir weiter kämpfen in der Hoffnung dass sich die Gottheit irgendwann dazu herablässt Eure Bitten zu erhören?“
Valen biss sich auf die Lippen. Die Worte waren heftiger gewesen, als er es beabsichtigt hatte.
„Verzeiht, es ist die Müdigkeit, die aus mir spricht.“
Er hatte den Blick gesenkt und zuckte zusammen, als die weiche Hand der Seherin seine Wange berührte.
„Es gibt nichts zu verzeihen, Valen. In so vielen Kriegen hast du gekämpft, dass es ein Wunder ist, dass du erst jetzt die Stimme erhebst. Ich wünsche dir Frieden und Ruhe. Und doch kann ich dir nichts versprechen.“
Die Seherin lächelte traurig und Valen griff nach ihrer Hand.
„Ich benötige keine Versprechen. Ihr habt mir bereits mehr Frieden geschenkt, als ich Zeit meines Lebens kannte.“
Unwillkürlich berührte er mit der freien Hand eines seiner Hörner, dann sah er der Seherin ins Gesicht.
„Welches Schicksal Eure Göttin mir erdacht haben mag, kümmert mich nicht. Ich werde Euch folgen .“

***


Blassrosa lag der Winterabend über Hügelspitze. Dorna fischte einen glühenden Span aus dem Kaminfeuer, entzündete ihre Pfeife und reichte ihn dann an Ava weiter. Auf den ersten Blick gaben die robuste Zwergin und die finster blickende Elfenfrau ein ungleiches Paar ab, tatsächlich aber war in den letzten Monaten eine vorsichtige Freundschaft zwischen ihnen entstanden. Nach Meister Drogans Tod hatten seine ehemaligen Schüler lange überlegt, ob sie die Schule für Abenteurer weiter führen sollten, aber letztlich hatte man ihnen die Entscheidung abgenommen. Nachdem sich herumgesprochen hatte, welche Persönlichkeiten man dort ausgebildet hatte, konnten sie sich vor Anfragen kaum retten. Mit dem Geld der reichen Familien, die ihre Sprösslinge schickten, hatten sie die Schule ausgebaut und vergrößert. Nach einigen Diskussionen hatten die vier verbliebenen Abenteuer entschieden, dass  jeder, in dem sie ein Talent erkannten, aufgenommen wurde, sodass neben Söhnen und Töchtern aus gutem Haus auch Jugendliche aus armen Familien, Waisen und Straßenkinder unterrichtet wurden. Die unterschiedliche Herkunft der Schüler sorgte häufig für Spannungen, nicht selten auch mit den Lehrern. Alles in allem gab es auch neben dem eigentlichen Unterricht viel zu tun, sodass Drogans ehemalige Lehrlinge an den Abenden die Ruhe suchten. Während die Menschenfrau Mischa sich meist auf ihr Zimmer zurück zog und der Halbork Xarnos die Bibliothek aufsuchte, um sein immenses Wissen noch weiter zu vergrößern, verbrachten die Elfenfrau Ava und die Zwergin Dorna ihre Zeit gern im Gemeinschaftsraum, wo sie in einverständlichem Schweigen Pfeife rauchten und zusahen, wie der Tag in die Nacht überging. An diesem Abend allerdings hatten sich alle vier ehemaligen Schüler dort versammelt. Am Mittag hatte ein Bote aus Tiefwasser eine Nachricht überbracht. Durnan, ein Abenteurer im Ruhestand der ein Wirtshaus über dem legendären Unterberg besaß, schrieb, dass sich in der Stadt Seltsames zutrug und bat um Hilfe. Die Entscheidung, Ava zu schicken, wurde schnell getroffen. Sie war die Erfahrenste unter ihnen und wenngleich die Nachricht keine detaillierten Informationen enthielt, klang sie ernst. Zumindest waren das die Aussagen, mit denen Dorna Xanos und Mischa überzeugt hatte. Ava selbst hatte die Entscheidung mit einem knappen Nicken akzeptiert und dann stumm den Vermutungen und Ratschlägen der Anderen gelauscht. Ihr ungewohntes Schweigen beunruhigte Dorna und nun, da die Anderen sich zurückgezogen hatten, beschloss sie, Ava aus der Reserve zu locken.
„Du scheinst nicht glücklich darüber, uns morgen zu verlassen. Hast du uns langsam ins Herz geschlossen?“
„Wie kommst du darauf?“
„Mischa hat dir vorhin mindestens sieben Vorlagen geliefert und du hast dich nur zu einer winzigen Stichelei herabgelassen. Keiner sehr gelungenen, nebenbei.“
Auch wenn die aufrichtige Abneigung von früher verschwunden war, bereitete es sowohl Dorna, als auch Ava weiterhin Spaß, an Mischas Frömmigkeit zu kratzen. An guten Tagen arteten ihre Versuche, den jungen Paladin in rhetorische Bedrängnis zu bringen zu regelrechten Wettbewerben aus.
„Eine schnelle Reise erfordert leichtes Gepäck. Ich überlege, was ich benötige.“
„Was gib es in diesem Kaff, was du in Tiefwasser nicht auch besorgen kannst? Vermutlich sogar günstiger und von besserer Qualität. Du reist in die größte Stadt der Schwertküste und nicht wieder in eine verdammte Wüste.“
„Unter die Stadt trifft es wohl besser.“
„Dann nimm' festes Schuhwerk mit.“
„Und du bezeichnest meine Sprüche als schwach.“
Ava zog an ihrer Pfeife und blickte nach draußen, wo nun der Schein des Vollmonds die Ebene in feines Silber tauchte. Eine Angewohnheit, welche die aufmerksame Dorna nicht zum ersten Mal bemerkte. Wann immer Ava sich unbeobachtet glaubte, wanderte ihr Blick in die Ferne, glitt suchend zum Horizont und Dorna wusste, wen sie dort zu sehen erhoffte.
„Was würdest du ihm sagen, wenn er zurückkäme?“
Dorna bemühte sich, ihre Stimme neutral klingen zu lassen. Weder sie noch Ava hatten eine Vorliebe für Herzensergüsse und die Frage verstieß eindeutig gegen die unausgesprochene aber existente Regel, nie weiter in die Gefühle der jeweils Anderen zu dringen, als die es zuließ. Ava schwieg lange genug um Dorna wissen zu lassen, dass sie zu weit gegangen war, aber als sie sich der Zwergin zuwandte, war ihr Gesicht unerwartet weich.    
„Ich weiß es nicht.“
Dann streckte sie sich.
„Es ist schon spät und wir sollten schlafen gehen. Ich werde im Morgengrauen aufbrechen. Es wäre schön, wenn du meinen Schülern einen Gruß übermittelst.“
Der Themenwechsel machte deutlich, dass keine weiteren Fragen erwünscht waren, aber Ava milderte die harsche Geste mit einem aufrichtigen Lächeln ab. Dorna erwiderte es. Wenn ihre Freundin schon keine Aussprache wünschte, wollte sie sich wenigstens im Guten von ihr verabschieden.
„Bevor oder nachdem ich ihnen die frohe Kunde gebracht habe, dass sie nun Meister Xanos unterstehen?“
„Such' es dir aus. Mir ist nicht nach Abschieden. Hast du gesehen, dass Xanos mir vorhin auf die Schulter geklopft hat? Ich weiß nicht, ob ich eine weitere Sympathieattacke überstehe.“
Unsicher gegenüber Rührseligkeiten, setzten die beiden jungen Frauen ihr Geplänkel fort. Es war ihre Art, einander Lebewohl zu sagen. Später, allein ihrem Zimmer, lag Dorna noch lange wach und war sicher, dass es Ava nicht anders ging. Sie war nicht die erste Schülerin gewesen, die Meister Drogan in ein Abenteuer geschickt hatte. Kurz vor dem Überfall auf die Schule und das folgende Chaos hatte Drogan ein Hilferuf aus Niewinter ereilt. Dort war eine merkwürdige Krankheit ausgebrochen und man hatte die Hilfe von Abenteurern gebeten, um bei der Suche nach dem Heilmittel behilflich zu sein. Damals war Treasa Drogans ältester Schüler gewesen. Ein Elf und Hexenmeister wie Ava und - diesbezüglich vertraute Dorna nicht auf Xanos' anzügliche Bemerkungen, sondern auf ihre eigene Beobachtungsgabe - scheinbar hatte die beiden weitaus mehr als diese Gemeinsamkeiten verbunden. Kurz nachdem Treasa begeistert aufgebrochen war, hatte auch Avas Abenteuer begonnen. Während sie sich vom Rest der Welt unbemerkt durch die Ruinen der vergessenen Stadt Undernzit kämpfte, wurde Treasa zum Helden von Niewinter. Als Ava aus der Anauroch zurückkehrte, war ihr ehemaliger Mitschüler bereits zur Legende geworden. Man schrieb Geschichten und Lieder über ihn, die bis nach Tiefwasser drangen. Anfangs hatten Drogans verbliebene Schüler diesen Erfolg gefeiert, aber als Treasa nicht zurück kehrte, wich ihre Freude leiser Sorge. Ava reiste nach Niewinter, um ihn zu suchen, stieß aber nur auf Gerüchte. Eine Zeit lang folgte sie verstreuten Hinweisen und Spuren, kehrte aber schließlich müde und erfolglos nach Hügelspitze zurück, um beim Neuaufbau der Abenteurerschule mitzuwirken. Mit der Ankunft der ersten Schüler schienen neue Aufgaben und Hektik Avas doppelte Trauer zu vertreiben. Wie Dorna nun erkannte, waren sie aber nur in den Hintergrund getreten. Seufzend drehte sich Dorna auf die andere Seite und überlegte, ob sie Ava am Morgen erneut darauf ansprechen sollte, verwarf den Gedanken aber, als sie draußen den Hufschlag eines einzelnen Pferdes vernahm. Ava war wahrlich nicht nach Abschieden.  

***


In Elfenjahren gerechnet stand Vin auf der Schwelle zwischen Kind und Mann. Gefühlt war er in diesem Moment Erstes. Der Abend hatte gut begonnen. Unzählige und vor allem unwissende Reisende waren in Tiefwassers Vergnügungsviertel unterwegs und Vin hatte bereits mehr Beutel geschnitten und Börsen gezogen, als er es dort wo er herkam innerhalb eines Monats vermochte. Er war ein junger Dieb, ausgestattet mit einem sanften Gesicht und arglos blickenden Augen, hinter denen sich ein messerscharfer Verstand verbarg. Dieser in Verbindung mit seinem Geschick hatte es ihm ermöglicht, als Waise auf den Straßen von Tiefwasser zu überleben. Er geriet selten in Schwierigkeiten und wenn doch, fand er stets einen Ausweg. Dieses Mal sah die Lage weniger gut aus. Das Messer des Mannes war kalt, was man von der Stimmung nicht behaupten konnte.
„Unser Revier, kleiner Elf. Es heißt, du seist so klug, was hast du also hier zu suchen?“
Vin schluckte. Die Anderen hatten ihn gewarnt, vor diesem Viertel und vor der Bande, die es für sich beanspruchte. Die Aussicht auf fette Beute hatte ihn ebenso hierher getrieben, wie die Herausforderung und nun begriff er, dass er einen Fehler gemacht hatte. „Einen schwerwiegenden Fehler“, korrigierte er sich selbst in Gedanken, als der Mann noch ein Stück näher kam und das kühle Metall fest genug an Vins Kehle presste, um ihm den Atem zu nehmen. Vin unternahm einen Versuch, der Klinge auszuweichen, scheiterte aber an dem Mann, der hinter ihm stand und seine Arme in einem schraubstockartigen Griff festhielt. Sieben seiner Angreifer konnte er sehen, aber er vermutete, dass sich weitere Mitglieder der Bande in den umliegenden Gassen aufhielten. Um einen vermeintlichen Fluchtversuch zu vereiteln, hauptsächlich aber um dafür zu sorgen, dass sie hier ungestört waren. Ein dritter Mann trat an Vin  heran, durchsuchte seine Taschen und beförderte die Beute des heutigen Abends ans schummrige Licht der Gasse.
„Das hatte er hier zu suchen.“
Grimmige Befriedigung lag in der Stimme des Mannes, als er die Münzen zählte und die verschiedenen Schmuckstücke auf ihren Wert untersuchte.
„Eine ansehnliche Ausbeute, wie ich finde. Betrachtet sie als Geschenk.“
Vins Stimme klang gehetzt, aber er versuchte ein Lächeln. Der Mann, der ihm das Messer an die Kehle presste erwiderte es.
„Du kannst uns nicht schenken, was uns rechtmäßig zusteht. Und für eine Wiedergutmachung ist das wohl kaum ausreichend. Wie also planst du, deinen Fehltritt wieder gut zu machen, kleiner Elf?“
Vin versuchte, sich eine Antwort einfallen zu lassen, wurde aber von den umstehenden Männern unterbrochen, die eine Diskussion darüber begannen, an welchen Körperteilen er wohl am meisten hing. Der Mann vor ihm lächelte breiter, dann ließ er das Messer sinken.
„Bitte! Wir sind doch kultivierte Menschen. Wir können über alles reden, nicht wahr? Lass' ihn los.“
Vin rieb sich die Hände, um das Kribbeln darin zu beruhigen, zuckte aber zusammen, als der Mann mit dem Messer ihm einen Arm um die Schultern legte.
„Wir sollten uns einen netten, ruhigen Platz suchen, um die Sache dort in Ruhe zu klären. Wie findest du das?“
Dieses Mal lächelte Vin, um das Zittern seiner Lippen zu verbergen.
„Großartig.“



Beim Schreiben auf den Ohren: https://www.youtube.com/watch?v=WbZh3vaNLwk


AN: Ich weiß, dass die Helden von Niewinter und Undernzit eigentlich das gleiche Geschlecht haben, aber mir gefällt die Idee, dass sie einander etwas besser kennen.  Ansonsten ist dies mein erster Versuch einer FF und ich freue mich über Rückmeldungen.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast