Das Herz einer Indianerin

KurzgeschichteFreundschaft / P6
31.03.2015
31.03.2015
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Hallo!
Willkommen bei meinem Beitrag zu dem Wettbewerb Coverzauber von Feathery Rain.

Ziel  
Der Auftrag des Wettbewerbs lautete, zu einem von Feathery Rain erstellten Cover einen One Shot zu schreiben, und zwar eine Freie Arbeit mit nicht mehr als 3500 Wörtern.
Vielen Dank an dich für deine Mühen, sie sehen wirklich fantastisch aus und es hat Spaß gemacht, dazu zu schreiben!

Mein Cover findet ihr im Titel ;)

Mein Dank geht an...
... meine beiden Betas, die in aller schnelle Korrektur gelesen haben, obwohl ich sie erst gestern gefragt habe: ^^
- silent cookie und HeartOfAngel
Ihr seid die Besten! :D

Weiteres
Die Legende, die Ian erzählt, habe ich Hier gefunden und nur ein bisschen sprachlich aufgebessert. Ich hoffe, sie stimmt; ich habe zumindest nichts Gegenteiliges gefunden ^^

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen!


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Zehn Tage in einem Indianercamp.
Mit gemischten Gefühlen saß Anna in dem Reisebus, der sie und die anderen Teilnehmer dieses Sommercamps zu eben jenem bringen sollte. Einerseits freute sie sich auf die Erfahrung; sie wusste nicht viel über Indianer, war aber sehr neugierig, mehr zu erfahren und der Flyer, den ihre Mutter ihr als Vorbereitung in die Hand gedrückt hatte, war sehr vielversprechend gewesen. Wanderungen in der Natur, Lagerfeuer am Abend, bei denen gegrillt wird und Geschichten erzählt werden… und die Pferde. Sie würden ganz auf die altmodische Art diese Tiere nutzen, um von einem Lager zum nächsten zu gelangen.
Andererseits machte sie sich Sorgen. Lange schon war es her, seit sie das letzte Mal auf einem Pferd gesessen hatte. Wie würde sie sich anstellen, wenn sie den halben Tag im Sattel verbringen würde? Und sie war alleine hier, alle anderen Teilnehmer schienen sich bereits zu kennen. Sie war die Außenseiterin, der Neuling. Sie hasste dieses Gefühl.
Mit einem kaum hörbaren Seufzen lehnte Anna sich in ihrem Sitz zurück und schloss die Augen, um noch einmal den Anfang dieser ganzen Geschichte Revue passieren zu lassen.

Es war ein hübscher, sonniger Junitag gewesen. Anna lag mit einem Buch draußen im Garten in der Hängematte und genoss das schöne Wetter, als ihre Mutter beschloss, diesen Augenblick zu wählen, um Anna die frohen Neuigkeiten zu überbringen.
Scheinbar hatte sie sich gedacht, Anna würde sich in den Ferien zu sehr langweilen und hatte deswegen rumgefragt, ob nicht jemand etwas Tolles für Jugendliche in den Ferien wüsste. Ihr Cousin zweiten Grades hatte sie an ein Camp verwiesen, das damit warb, eine „tolle Erfahrung für jeden Heranwachsenden zu sein“ und ihnen gleichzeitig „die Natur näher bringen würde“.
»Ist das nicht wundervoll, Schatz? Zehn Tage mit anderen Jugendlichen draußen in der Natur unterwegs… Jeden zweiten Tag reitet ihr zu einem anderen Camp und schlagt dort erneut euer Lager auf… und was du alles lernen kannst!«, pries Annas Mutter ihre Idee.
Zu dem Zeitpunkt war Anna reichlich entsetzt gewesen über diesen Einfall ihrer Mutter. »Aber… aber Mama! Ich hatte so viele Pläne für die Ferien!«
Pikiert schürzte ihre Mutter die Lippen. »Mit deinen Freunden kannst du dich immer treffen! Das hier ist eine einmalige Gelegenheit, die nur in den Sommerferien stattfindet. Du bist so eine hübsche 16-jährige, denk doch nur, wen du dabei alles kennenlernen kannst! Und du liebst doch Reiten…«
»Ich bin seit fünf Jahren nicht mehr geritten, Mama!«, rief Anna ihrer Mutter in Erinnerung. Diese winkte ab.
»Reiten verlernt man nicht so einfach. Probier es doch einfach aus, es macht dir bestimmt Spaß!«
»Aber Mama…«
»Kein Aber! Ich habe dich schon angemeldet, eine Woche nach Ferienbeginn bringe ich dich hin«, schloss die Mutter entschieden die Diskussion ab und erstickte jeden weiteren Protest von Anna gleich im Keim.


In dem Moment hatte sie ihre Mutter gehasst, erinnerte Anna sich. Aber nachdem sie ein paar Tage Zeit gehabt hatte, sich die Prospekte und die Internetseite durchzulesen und sich mit dem Gedanken anzufreunden, hatte sie ihren Frieden mit dem Camp geschlossen, ja, sie freute sich fast darauf. Fast. Denn sie saß immer noch alleine in diesem verflixten Bus, während alle anderen zumindest einen Sitznachbarn hatten und den meistens auch kannten.
Ein lautes, geräuschvolles Räuspern neben ihr riss Anna aus ihren Gedanken. Verwundert sah sie auf und bemerkte den schlaksigen, sehr großen und leicht pickligen Jungen, der im Gang stand und verlegen lächelte. Als er sah, dass er erfolgreich Annas Aufmerksamkeit erweckt hatte, lächelte er scheu.
»Ist neben dir noch frei?«, fragte er und räusperte sich direkt danach wieder. Verwirrt sah Anna ihn an. Sie kannte den Jungen nicht, und es gab durchaus noch Sitze, die komplett leer waren.
»Äh, ja, klar. Da ist frei«
»Darf ich mich setzen? Die Hinten bewerfen mich mit Brotkrümeln und… naja, ich sitze nicht gerne alleine…«, erklärte er mit abgewandtem Blick, während von hinten Gelächter an Annas Ohr drang. Wut erfasste sie. Sie hasste dieses Vergnügen auf Kosten anderer.
»Klar, setz dich. Ich bin Anna, und du?« Aufmunternd klopfte sie auf den Sitz neben sich und lächelte den Jungen an. Sogleich schlich sich ein glückliches Leuchten in seine grünen Augen, das ihn wie verwandelt erscheinen ließ. Mit einem erleichterten Seufzen ließ er sich auf den Sitz plumpsen.
»Simon. Mein Name ist Simon.«

Angespannt und voller Vorfreude beobachtete Anna, wie der Hof näherkam. Als der Bus in die staubige Einfahrt fuhr, konnte sie ein leichtes Gefühl der Enttäuschung nicht unterdrücken; das hier sah genauso aus wie jeder andere Reiterhof, den sie kannte. Ein großes Haus, in dem wahrscheinlich das Büro und ein paar Gästezimmer waren, eine Halle für die Reitstunden, zwei Koppeln mit viel grünem Gras, und… da war er ja, der langgestreckte Stall für die Pferde. Neugierig sah sie sich um, ob sie ein paar der Tiere entdecken konnte, sah zu ihrer Enttäuschung aber keine.  Simon neben ihr lachte leise.
»Du magst wohl Pferde?«, schmunzelte er. Anna und er waren sich über die dreistündige Fahrt näher gekommen und verstanden sich ausgezeichnet.
»Ja, sehr«, gab Anna zu, »aber ich bin schon sehr lange nicht mehr geritten…«
»Warum nicht?«, fragte Simon erstaunt.
»Kein Geld und keine Zeit… und außerdem hat der Reiterhof, auf dem ich war, zugemacht. Zu einem anderen zu gehen fühlte sich einfach… falsch an, verstehst du? Als würde ich fremdgehen.«
»Ich kann gar nicht reiten.« Verlegen kratzte Simon sich am Hinterkopf und schielte unter seinen langen Wimpern hindurch zu Anna auf.  
»Ich helfe dir, wenn du magst«, bot Anna ihm leichthin an und grinste, als ihm ein erleichtertes Aufseufzen entkam. Der Junge sollte lernen, um Dinge zu bitten, dachte Anna amüsiert, sagte jedoch nichts und machte sich lieber fertig zum Aussteigen, denn in diesem Moment fuhr der Bus auf den Platz zwischen den Gebäuden und kam zum Stillstand.

Die Gruppe, bestehend aus circa fünfzehn Teilnehmern, wurde von einer kleinen, sehr hübschen Frau und einem sehr gut gebauten, leicht ausländisch aussehendem Mann empfangen. Anna musterte die zwei und versuchte herauszufinden, wer sie waren. Die Frau war grade mal um die 1,53m groß, mit kupferfarbenen, wilden Locken und einem herzlichen Lächeln und, wie Anna durch die Internetseite wusste, sie war die Geschäftsführerin. Der Mann neben ihr hingegen war groß und leicht muskulös, mit glatten schwarzen Haaren, die ihm auf die Schultern fielen und ebenso dunklen Augen. Seine Haut war von einem kräftigen Goldton und seine Züge erinnerten Anna tatsächlich ein wenig an die von amerikanischen Ureinwohnern. War er derjenige, mit dem sie unterwegs sein würden?
Die glockenhelle Stimme der Frau unterbrach ihre Gedanken. »Wir heißen euch herzlich Willkommen auf unserem Hof Wild Heart, liebe Gäste!
Mein Name ist Katherina Lionheart, und das hier ist mein Mann und Gefährte, Ian Lionheart. Zusammen führen wir diesen Hof, wobei ich… ach egal, das interessiert euch eh nicht. Was für euch aber wichtig ist, ist Folgendes:
Zunächst einmal wird es Ian sein, unter dessen Führung ihr die nächsten zehn Tage verbringen werdet. Es geht in die Wildnis, und dort ist es gefährlich. Zu eurer eigenen Sicherheit und der anderer müsst ihr jedem seiner Befehle folgen. Wenn er euch etwas aufträgt, macht ihr es. Wenn er sagt, ihr sollt still sein, seid ihr es. Wenn er euch zu Bett schickt, geht ihr schlafen. Bei Zuwiderhandlung sehen wir uns gezwungen, das Camp für diese Person abzubrechen, um nicht jemanden unnötig in Gefahr zu bringen. Verstanden?«
Fünfzehn Köpfe nickten unisono ob der strengen Ansage und einige warfen sich skeptische Blicke zu. Anna zog etwas zweifelnd eine Augenbraue hoch, widersprach aber nicht. Schließlich kannte nicht sie sich da draußen aus, sondern Ian. Katherina ließ ihren Blick über die versammelten Jugendlichen schweifen und nickte dann zufrieden. Ihre Botschaft schien angekommen zu sein. Sie fuhr  fort.
»Gut, wenn das geklärt ist, können wir uns erfreulicheren Themen zuwenden. Morgen früh geht es offiziell los, genaueres erfahrt ihr nachher beim Abendessen. In der Zwischenzeit werde ich euch kurz über den Hof führen, euch eure Zimmer für die Nacht zuweisen und Ian wird euch dann den Pferden vorstellen. Jeder von euch bekommt für die Dauer des Camps ein Pferd, auf dem er von Lager zu Lager reiten wird, und um das er sich kümmern muss. Ihr seid für diese Zeit verantwortlich für dieses Wesen – nehmt das Ernst, ihr werdet auf euer Pferd angewiesen sein.
So, dann folgt mir mal, wir fangen mit dem Haupthaus an, damit ihr eure Rucksäcke abstellen könnt…«

Mit angehaltenem Atem beobachtete Anna die wunderschönen Kreaturen vor ihr. Eine ganze Herde Pferde graste auf einer Koppel hinter dem Haupthaus, die Anna vom Bus aus nicht hatte sehen können. Langsam ließ Anna ihren Blick schweifen. Es waren alle Farben vertreten: schneeweiße Schimmel und pechschwarze Rappen, wunderschöne Füchse und sowohl schwarze als auch braune Schecken. Manche rupften gemütlich Gras, andere trabten fröhlich über die Wiese und ein besonders feurig aussehender Rappe musterte die Gruppe am Zaun interessiert mit aufgerichteten Ohren und geblähten Nüstern.
Ian pfiff laut und der Rappe antwortete ihm mit einem schrillen Wiehern, bevor er zutraulich auf den Mann zu trottete und seinen Kopf an dessen Schulter schmiegte. Hingebungsvoll kratzte Ian den Hengst hinter den Ohren und wandte sich dann an seine Zuschauer.
»Das hier ist Black Wind, mein Pferd. Er ist der Leithengst dieser kleinen Herde hier. So«, er klopfte dem Pferd entschuldigend den Hals und schubste den großen Kopf dann fort, »es ist Zeit, herauszufinden, mit welchen Pferd ihr eure Tage verbringen werdet! Einer nach dem anderen bitte, wir wollen die Pferde ja nicht scheu machen, nicht?«
Anna sah zu, wie sich eine Schlange zu bilden begann und stellte sich schnell an, Simon hinter sich her ziehend, damit sie nicht als letzten drankämen. Sie wollte ein gutes Pferd und nicht das letzte, was noch übrig war. Nach und nach bekam jeder ein Pferd zugewiesen, und endlich war Anna an der Reihe, nach einer Zeit, die ihr unendlich lang vorgekommen war, obwohl sie als fünftes in der Reihe gestanden hatte.  
Wahrheitsgemäß beantwortete sie alle Fragen, die Ian ihr stellte – Bist du schon mal geritten? (Ja) Wann zuletzt? (Vor fünf Jahren) Wie sicher fühlst du dich auf einem Pferd? (Ziemlich sicher) – und folgte ihm dann über die Koppel, wo er jedes Pferd gründlich musterte und nachdenklich vor sich hin pfiff. Der Mann pfeift gerne, dachte Anna, während sie auf seine Auswahl wartete. Dabei fiel ihr eine wunderschöne Fuchsstute auf, deren Fell in der Sonne glänzte wie poliertes Kupfer und die sie direkt ansah. Wie hypnotisiert ging Anna auf das Pferd zu, das ruhig dastand, als würde es auf Anna warten.
»Ah, Amber…«, erklang Ians Stimme dicht hinter Annas Ohr. Überrascht und ertappt zuckte Anna zusammen, doch Ian schien das nicht zu bemerken. »Ja, Amber würde zu dir passen. Sie ist ein gutes Pferd, temperamentvoll und garantiert eine Herausforderung, aber nicht wild. Geh auf sie zu, vorsichtig. Mal sehen, was sie zu dir sagt«, flüsterte er.
Dem Pferd nicht direkt in die Augen sehend, näherte sie sich ihm langsam leicht von der Seite, damit sie es nicht erschreckte. Die Stute blieb ruhig stehen, bis Anna direkt vor ihr stand. Gelassen streckte Anna die Hand aus und hielt sie dem Pferd vor die Nüstern. Nach kurzem Zögern witterte das Tier an ihren Fingern und stupste das Mädchen dann auffordernd an. Anna lächelte und streichelte den Hals des Pferdes.
»Hallo Amber, ich bin sicher, wir werden uns gut verstehen.«
Wie zur Zustimmung schnaubte das Pferd.


Zwei junge Männer schlenderten durch die Nacht und redeten über  ihre Liebesaffären. Sie gingen um einen Hügel herum und kamen zu einer kleinen Schlucht.
Plötzlich sahen sie eine wunderschöne Frau aus der Schlucht kommen. Sie sah aus wie gemalt und ihr Kleid war aus feinstem Stoff.
»Was für ein schönes Mädchen!», sagte einer der jungen Männer. »Ich liebe sie. Ich werde sie stehlen und sie zu meiner Frau machen.«
»Nein«, sagte der andere. »Wir dürfen ihr nichts tun, denn sie könnte heilig sein.«
Die junge Frau kam näher und hielt eine Pfeife in ihren ausgestreckten Händen, welche sie erst zum Himmel, dann lange Richtung Erde streckte.
»Ich weiß, was ihr beiden junge Männer gesagt habt. Einer von euch ist gut, der andere ist böse«, sagte sie.
Sie legte die Pfeife auf den Boden und auf einmal wurde sie zu einer Büffelkuh. Die Kuh stampfte auf den Boden und streckte ihren Schwanz gerade nach hinten. Dann hob sie die Pfeife mit ihren Hufen wieder vom Boden auf und wurde sofort wieder zu einer jungen Frau
»Ich bin gekommen, um euch dieses Geschenk zu überreichen«, sagte sie. »Es ist die Pfeife des Friedens. Nach allen Verträgen und Zeremonien soll sie geraucht werden. Sie wird euch friedliche Gedanken in eure Köpfe bringen. Es soll ein großes Geheimnis sein, das Mutter Erde euch anbietet.
Die beiden jungen Männer liefen in das Dorf und erzählten, was sie gesehen und gehört hatten. Das ganze Dorf lief dorthin wo die junge Frau gesehen worden war.
Die Frau wiederholte, was sie schon den jungen Männern gesagt hatte und fügte hinzu: »Wenn ihr den Geist befreien möchtet, den Geist eurer verstorbenen Ahnen, so müsst ihr ein weißes Büffelfell besitzen.«
Sie übergab die Pfeife den Medizinmännern des Dorfes, verwandelte sich wieder in eine Büffelkuh und floh in das Land der Büffel.

Ian beendete seine Geschichte über die weiße Büffelfrau, die den Lacota die Pfeife gebracht hatte und verstummte. Es war still um das Lagerfeuer herum, man hörte nur das Knistern der Flammen und das Summen der Insekten im nahen Wald. Alle hatten gespannt zugehört, wie schon jeden Abend zuvor.
Die Tage waren anstrengend gewesen; lehrreich, aufregend, wunderschön; aber eben auch sehr kräftezehrend. Da waren die Lagerfeuer am Abend mit den Geschichten und Legenden immer ein erfreuliches Ende des Tages. Heute war die Geschichte der Friedenspfeife dran gewesen. Ein passender Ausklang, wie Anna fand. Denn, wie sie leicht wehmütig feststellte, morgen wäre der letzte Tag im Camp, bevor es zurück zum Hof Wild Heart ging.
Schläfrig lehnte sie den Kopf an Simons Schulter und dachte an all die schönen Dinge, die sie gesehen und gelernt hatte. Da war zum Beispiel der Tag gewesen, an dem sie versucht hatten, mit einem selbstgebauten Speer Fische in einem Fluss zu fangen, die sie dann zu ihrem Abendessen verzehrt hatten… natürlich war die Ausbeute mager gewesen, und alle Jungs und Mädchen nach kurzer Zeit durchnässt von dem Flusswasser.  Anna lächelte. Nur zu gerne dachte sie an die folgende Wasserschlacht zurück.
Zufrieden brummend legte Simon seinen Arm um ihre Schulter und schläfrig sahen sie dem flackenden Tanz der Flammen zu, während sie mit halbem Ohr den Diskussionen der anderen Jugendlichen zuhörten, die raunend ihre eigenen Gespräche führten.

»Ich wette, ich kann am besten reiten!«
»Pah, du kannst dich kaum auf deinem Gaul halten!«
»Halt die Klappe, Thomas, du auf deinem alten Klepper hast hier gar nichts zu melden!«
Entnervt rollte Anna mit den Augen und knurrte innerlich. So ging es schon seit über dreißig Minuten hin und her. Konnten sie nicht einfach die frische Luft und die Sonne genießen, so wie sie? Anna rollte sich in dem weichen Gras auf den Bauch, um auch ihre andere Seite von der kräftigen Sommersonne wärmen zu lassen.
Sie hatten vor einer Viertelstunde auf dieser großen Wiese Halt gemacht, um eine letzte Rast vor dem „Endspurt“ zum Hof einzulegen. Nur war von Rast leider nicht die Rede, wenn man gezwungen war, sich das Geprahle dieser Idioten anzuhören, die meinten, alles besser zu können. Warum gingen solche Leute noch einmal in ein Camp? Es war dem Mädchen unverständlich.
Nach weiteren fünf Minuten platzte Anna der Kragen. Gereizt richtete sie sich auf und fuhr die vier Debattierenden an: »Könnt ihr endlich mal Ruhe geben?«
Dass das nicht die beste ihrer Ideen war, bemerkte sie sogleich. Jetzt richtete sich nämlich die gesamte Aufmerksamkeit auf sie. Jason, ein gut aussehender schwarzhaariger Junge in lässiger Kleidung, ein Kaugummi kauendes Mädchen namens Melinda, das hauptsächlich kurze Röcke trug und sich schminkte, als hinge ihr Leben davon ab, und Thomas, der Californiaboy, sie alle schenkten Anna jetzt ihre Aufmerksamkeit. Drei Paare verengter Augen sahen sie abschätzend an.
»Wenn du es besser kannst, Anna Schätzchen, kannst du es uns ja beweisen! Bis dahin mischst du dich lieber nicht ein, Kleines«, verkündet der sehr gut aussehende Junge hämisch. Nicht zu fassen, wie kann er es wagen?, dachte Anna zornig und in ihrem Stolz verletzt. Wen nannte er hier Schätzchen und Kleines?
»Anna, nicht!«, versuchte Simon neben ihr sie aufzuhalten, doch Anna war bereits aufgestanden und wischte sich Gras von der Jeans.
»Schön«, fauchte sie, »gegen wen soll ich antreten?«
Siegessicher lächelte Thomas, ein bereits achtzehn Jahre alter, blonder Surferboy. »Gegen uns alle natürlich.«
»Schön«, sagte Anna noch einmal und strebte auf Amber zu, die gemütlich an der Seite Gras rupfte. Sie wollte sich schon in den Sattel schwingen, als Thomas sie zurückhielt.
»Was ist denn?«, wollte Anna ungehalten wissen und fragte sich, was das hämische Grinsen auf seinem Gesicht wohl zu bedeuten hatte.
»Du hast mich nicht ausreden lassen, Kleines. Du trittst gegen uns alle an. Und zwar wird ohne Sattel geritten!«
»Aber… das ist verboten!«, stammelte Anna und hätte sich gleich darauf am liebsten geohrfeigt für dieses Zeichen der Schwäche. »Schön«, gab sie deswegen kurz und knapp als Antwort, bevor irgendwer was Gehässiges sagen konnte, und machte sich daran, Amber abzusatteln.
Nach getaner Arbeit schwang sie sich auf den Pferderücken. Ihr Herz raste vor Aufregung, aber zum Glück ritt sie nicht zum ersten Mal ohne Sattel, und das Zaumzeug hatte sie auch behalten dürfen. Kurz sah sie sich um, ob Ian in der Nähe war, dann ignorierte sie Simons verzweifelte Versuche, sie aufzuhalten, und folgte stattdessen Thomas und den anderen, die sich ein Stück vom Lager entfernt aufstellten, zum Rennen bereit.
Aufmunternd klopfte Anna Amber auf den Hals. »Also dann, mein Mädchen, zeig, was in dir steckt«, flüsterte sie der Stute zu. Als wüsste diese, worauf es ankam, warf sie den Kopf hoch und trabte dann mit ausgreifenden, leichten Schritten zu ihren Herausforderern.

Es war ein Rausch.
Ein glücklicher, schwindelerregender, aufregender Rausch, der kein Ende zu nehmen schien und gleichzeitig flüchtiger war als ein Augenblick.
Wie ein Blitz galoppierte Amber über die Wiese. Ihre Schritte waren raumgreifend, ihre Muskeln arbeiteten geschmeidig unter Annas Schenkeln. Nie hatte sie sich ihrem Pferd näher gefühlt, nie war sie so dahingerast wie jetzt. Nichts schien mehr etwas zu bedeuten außer diesem Moment.
Der Wind pfiff ihr um die Ohren und Anna duckte sich noch tiefer auf Ambers Hals, um noch windschnittiger zu werden und ihr Ross nicht zu behindern und stieß einen glücklichen Freudenschrei aus.
Es war ihr egal, was für Konsequenzen  das hier haben könnte – es war ihr verdammt noch mal egal, solange sie nur so weiterreiten konnte.
Sie hörte Hufgetrommel hinter sich, das langsam näher kam, und nahm an, dass es ihre Gegner waren, doch sie konnten es mit ihr und Amber nicht aufnehmen, wie Anna voller Genugtuung feststellte. Das sollte ihnen das Maul stopfen!
Doch es war weder Thomas, noch einer der anderen, der langsam zu ihr aufschloss, sondern Ian, der auf Black Wind jetzt neben ihr auftauchte. Erschrocken zog Anna die Zügel an und versuchte, Amber zum Stillstand zu bringen, doch das Pferd wollte weiterrennen. Mit viel Mühe und Zureden brachte sie ihr Pferd dazu, anzuhalten, und wandte sich dann mit vor Scham hochrotem Kopf Ian zu, der seinen Hengst neben ihr hielt. Fest rechnete sie mit einem Wutausbruch des stillen Mannes, doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen wendete der Mann sein Pferd, ohne auch nur ein Wort zu sagen, und ritt in gemäßigterem Trab zurück. Nach kurzem Zögern stupste Anna ihrer Stute die Fersen in die Seite und folgte ihm zurück zum Lager, wo die anderen Teilnehmer sie schon teils bewundernd, teils sorgenvoll, teils voller Schadenfreude beobachteten, doch immer noch geschah nichts. Ian ignorierte sie alle und sprang von seinem Pferd.
»Macht euch zum Weiterreiten bereit«, befahl er, dann ging er davon und ließ Anna einfach stehen.
»Was sollte das denn?«, beschwerte sie sich bei Simon, als dieser neben ihr auftauchte, doch der schüttelte unwissend den Kopf.
»Meine Güte, Anna, hast du irgendeine Ahnung, was für ein Bild du und Amber abgegeben habt? Ihr saht aus wie… wie…« Er brach ab, ohne zu wissen, was er eigentlich hatte sagen wollen. Nachdenklich betrachtete er Anna und lachte dann kurz auf.
»Oh Anna, du hast wirklich das Herz einer Indianerin!«
»Vielleicht hat er deswegen nichts gesagt«, überlegte Anna laut, ohne eine Antwort zu erwarten.
Was auch immer der Grund war: Ihr kleiner Ausritt war jedenfalls ohne Konsequenzen abgelaufen, und sie hatte es diesen Aufschneidern einmal ordentlich zeigen können!
Dankbar tätschelte sie Ambers schweißfeuchte Flanke, bevor sie ihr Pferd sattelte, ihre Sachen zusammensuchte und dann wieder aufstieg.
Es war Zeit, nach Hause zu gehen.
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