Mein liebes Tagebuch

KurzgeschichteHumor / P12
31.03.2015
31.03.2015
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Mein liebes "Mode-Entwürfe-Buch",

am liebsten würde ich mich heute einfach nur noch in meinem Zimmer verkriechen, meinen Kopf unter dem Kissen verstecken und mein Bettlaken bejammern. Genau genommen tue ich das ja auch. Während ich schreibe.

Manchmal frage ich mich echt, wieso ich überhaupt nach Düsseldorf gekommen bin. Es hätte so viel einfacher sein können bei "Schulze und Schultens" in unserem gemütlichen Städtchen. Na gut, vielleicht eher Dörfchen. Oder, um das Ganze direkt bei der Wahrheit zu benennen, der 'Arsch der Welt'. Ich würde keinem gut aussehenden Modedesigner ein Bügeleisen auf den Fuß schmeißen und nicht halbnackt, verheult und mit Drinks bekleckert vor ihm stehen. Ich würde nicht herumstottern, sobald ich ihm begegne, und müsste mich nicht von Kim schikanieren lassen. Überhaupt frage ich mich, wie Kim überhaupt an ihren Job gekommen ist. Na gut, Vitamin B ist die halbe Miete. Aber eben auch nur die halbe. Dass sie bei ihrem in außerordentlich geringen Maßen vorhandenen Talent noch nicht längst hochkant rausgeschmissen wurde, ist mir ein Rätsel. Immerhin ist sie die Assistentin von Rebecca und dabei kann sie allerhöchstens Seide von Wolle unterscheiden. Und glaube mir, ich übertreibe nicht. Man kann ja schon froh sein, dass sie einem türkisblauen und nicht karmesinroten Stoff liefert, wenn man welchen verlangt.

Wenigstens Dana hat mich nett empfangen und zeigt mir sogar die Stadt. Überhaupt ist die ganze Wolf-Familie total nett und demnächst bekommen wir sogar einen neuen Schreihals, darauf freue ich mich schon total! Leider wohne ich dadurch zwangsläufig mit Kim zusammen. Naja, immerhin ist sie ausgezogen, aber vermutlich wird sie nach dem ersten Problemchen auch schon wieder hier antanzen.

Das Schlimmste kam aber erst noch. Im "No Limits" habe ich einen Mann getroffen, der mich total nett angesprochen hat. Ich habe mich in seiner Gesellschaft wirklich wohl gefühlt! Und dann ... bezeichnet der mich als 'fetten Fliegenpilz'. Mir standen die Tränen schon in den Augen und ich konnte mich nicht einmal rühren, als sie mich fotografiert haben, total entgeistert und entsetzt, ich ... ich fühlte mich wie versteinert, konnte mich nicht rühren und mich nicht dagegen wehren. Es war zum Haare-Ausraufen. Wieso muss die Gesellschaft nur so intolerant sein, wenn man mal ein paar Kilos mehr auf den Rippen hat? Und so viel wiege ich nun wirklich nicht. Da wiegt Thomas ja noch mehr. Glaube ich jedenfalls.

Und dann kam mein Retter in der Not. Dachte ich zumindest. Juri hat den Mann aufgegabelt und ihm die Nase herumgedreht, das war ganz schön gewaltsam und ich habe mich selbst erschrocken. Er war einfach da, mein Traumprinz, hat sich diesen Mistkerl geschnappt und diesen aufgefordert, sich schleunigst zu entschuldigen. Der hat es tatsächlich gemacht und hat sich eilig mit seinen Kumpels aus dem Staub gemacht. Das war ihm hoffentlich eine Lehre. Und mir auch. Juri hat anschließend kein Wort mit mir gewechselt. Ich muss mich damit abfinden, dass ich nicht attraktiv genug bin, um einen Mann für mich zu begeistern. Was auch immer alle sagen, niemand will mich. Mein Ex-Freund hat mich verlassen und ständig muss ich mir Beleidigungen wegen meines Gewichtes anhören. Es ist einfach nur traurig. Es gibt Tage wie solche, an denen möchte ich mich nur noch verkriechen. Am liebsten für immer. Aber vorher möchte ich noch Kim die Meinung sagen, dass sie Platz machen sollte für Leute, die talentiert sind, im Gegensatz zu ihr.

Sorry, dass es etwas länger geworden ist. Aber das musste einfach mal raus.

Bis bald, deine Martha
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