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Keine Rose ohne Dorn

von Riniell
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
Tiranu
27.03.2015
12.11.2015
16
64.020
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05.09.2015 5.729
 
Willkommen zum nächsten Kapitel!

Dieses Mal führt die Reise an den prunkvollen Fürstenhof Arkadiens, dessen Feste berüchtigt sind. Was das mit Morwenna und Jornowell zu tun hat, lest selbst! :)

_____________________  


Auf den Festen Arkadiens



Erleichtert erreichte sie eine der zahlreichen, gläsernen Flügeltüren und stieß sie auf. Hinter ihrer Schwelle empfing sie der kühle Wind einer klaren Winternacht. Am dunklen Firmament glitzerten die Sterne, weitab vom Klangteppich des schillernden Festes mit seiner dröhnenden Musik und seiner endlos währenden Gespräche.

Morwenna flüchtete sich an die marmorne Brüstung der weitläufigen Terrasse, die vor dem Festsaal lag. Man hatte den Schnee von den Fliesen gefegt, doch die Kälte grub sich durch die leichten Schuhe an ihre Fußsohlen. Es war eine Wohltat … Mit einem leisen Klirren stellte sie ihr Weinglas auf die Brüstung. Die dunkle Flüssigkeit glänzte wie Blut im kristallenen Kelch.

Tief sog die Heilerin die eiskalte Nachtluft in ihre Lungen und fühlte sich sogleich ruhiger. Welch Fest! Selten hatte sie erlebt, dass sich so viele Gäste in einen Saal drängten. Dazu der schwere Wein, die schnelle Musik, die Auswahl der Gesellschaft …

Die junge Fürstin Arkadiens war ein Exot – sie liebte die Extreme. Alles in dieser Nacht war eine Inszenierung gewesen, um Arkadiens Ruhm für die Festlichkeiten an den Fürstenhöfen an eine neue Spitze zu führen. Selten sah man solch eine riesige Bankett-Tafel, auf der so viele fremdländische Köstlichkeiten für jeden Geschmack zusammengeführt worden waren. Die Noten der Musiker mussten aus der Feder eines der talentiertesten und bestbezahltesten Komponisten stammen, denn bis spät in die Nacht wurde begeistert getanzt.

In einem glich dieses Fest allerdings jedem anderen, an dem sie teilgenommen hatte: Der Anteil der männlichen Gesellschaft überwog den des weiblichen bei weitem. Sie war unzählige Male zum Tanz aufgefordert worden. Und nur selten konnte sie sich erlauben, abzulehnen …

Die Fürstin strich sich ihr offenes Haar hinter die Ohren und sah in den finsteren Garten hinaus, während ihr Gehör halb der schwach klingenden Melodie folgte. Innerlich verfluchte sie ihren Bruder. Er hatte eigentlich hier sein sollen. Doch es war ihm wie so oft gelungen, sie davon zu überzeugen, an seiner Stelle auf einem Fest zu erscheinen. Und bei dieser Gastgeberin konnten sie sich nicht erlauben, der Einladung nicht zu folgen.

Seit Jahrzehnten schon versuchte Langollion in Arkadien einen Handelspartner zu gewinnen. Doch Valaria, die Fürstin Arkadiens, stellte sich ebenso stur wie viele andere Fürstenhäuser Albenmarks auch.

Langollion war unter den Edlen Albenmarks ebenso belächelt wie geduldet. Von den großen Erz- und Edelholzerträgen wollte kaum ein ernstzunehmender Handelspartner wissen. Sich nach den Schattenkriegen wieder in den Kreisen der Handelsgroßmächte zu etablieren war eine Sache gewesen – schwer, aber durch die Ernennung einiger fähiger Loyalisten der Königin, die im Namen der jungen Fürstengeschwister die ertragsreichsten Provinzen Langollions verwalteten, durchaus zu stemmen gewesen.

In den Ordenskriegen war diese Zahl der Verwalter aber zusehends geschrumpft – entweder Kriegsopfer oder von der Königin wieder in ihre Dienste Gerufene. Viele der neugewonnenen Handelspartner wollten daraufhin nichts mehr von den qualitativ hochwertigen Handelsgütern des Inselreichs Wissen, denn die vertrauenswürdigen Korrespondenten waren nicht mehr da, um über die Richtigkeit der Geschäfte zu wachen.

Morwenna schnaubte. Niemand hatte mit Langollion Handel betreiben wollen. Diese Verwalter waren von der Königin weder als Hilfe zum Aufbau des Küstenreichs geschickt worden, noch um die junge Regentschaft zu unterstützen. Sie hatten einzig dem Zweck gedient, einen Großteil der Handelseinnahmen an die Kasse der Krone weiterzuleiten. Entschädigungszahlungen für die Kriegsverluste, die Langollion zuvor verursacht hatte.

Diese waren nun zwar endlich eingestellt worden – in Anbetracht dessen, dass Langollion nach dem Ordenskrieg gebeutelter als jedes andere Fürstenreich war, allerdings kein Wunder. Trotzdem erhielten sie von der Krone weder finanzielle, noch tatkräftige Hilfe. Viele der Handelskontore waren unterbesetzt oder ohne Führung, ganz zu schweigen von den Burgen vielzähliger Baronien und Grafschaften. Kaum eine Adelsfamilie hatte nicht erhebliche Verluste erlitten, und es fehlte an vertrauenswürdigen Nachfolgern, die nicht bereits von anderen Herrenhäusern abgeworben wurden.

Es war eine Abwärtsspirale, in der sich Langollion befand. Ohne neue Handelsabkommen ginge das Land früher oder später Bankrott.

Morwenna und Tiranu machten sich schon länger die Hoffnung, dass Valaria, deren Mutter Ganavee einst für eine einzige Nacht im Untergang Vahan Calyds zur Königin gekrönt worden war, einlenken könnte. Diese Hoffnung beruhte auf der Tatsache, dass Arkadien kaum über eigene Rohstoffe verfügte und sich nach dem Krieg vermehrt nach bezahlbaren Alternativen umsehen musste, um die Kontingente wieder aufzustocken. Denn obgleich Arkadien reich war, so hatte es doch mit den steigenden Preisen von Gütern anderer Fürstentümer zu kämpfen, die einer Art Ausgleichszahlung gleichkam. Wenn Langollion diese Güter nun in der gleichen hervorragenden Qualität aber zu einem günstigeren Kurs anbot, so musste die Rechnung auch für Arkadien aufgehen.

Jedenfalls war das ihre Überlegung. Dass sich die Fürstin am heutigen Tage allerdings als so verschwenderisch mit diesem Fest wie selten zuvor zeigte, war ein klares Signal, befand Morwenna. Ein klares Signal der Ablehnung. Valaria würde sich niemals die Blöße geben, mit den Abtrünnigen auf der anderen Seite des Meers ein Abkommen einzugehen, wenn dies bedeutete, ihre eigene Schwäche einzugestehen.

In ihrem Rücken hörte sie, wie sich leise Schritte näherten. Beinahe hätte sie in ihren Grübeleien das Fest vergessen, welches noch immer mit leiser klingenden Tönen von statten ging. Es war spät geworden …

„Suchst du die Einsamkeit, meine Schöne?“, erklang die Stimme, deren Ton passend zu den leisen Schritten selbstsicher und mit einem Hauch schleichender Aufdringlichkeit versehen war.

Morwenna wandte sich, die Abweisung aus ihrem Ausdruck verbannend, um und blickte in die leidlich vertrauten Augen von Alain, dem dunkelhaarigen Vetter der Fürstin. Ihm hatte sie am heutigen Abend einen guten Anteil an den Blessuren ihrer Füße zu verdanken. Nach der fünften Aufforderung zum Tanz von ihm hatte sie aufgehört zu zählen. Das letzte Mal hatte sie jedenfalls dankend abgelehnt. Die Gesellschaft des Elfen war nicht eben das, was sie als angenehm beschreiben würde. Er bewerkstelligte es immer wieder mit plumpem Geschick, das Gespräch auf sich, seine Belange, Taten, Interessen und Vorlieben zu lenken. Alles an ihm troff vor Selbstherrlichkeit, in seinen Adern floss das Blut eines echten Arkadiers.

Deine Schöne?“ Morwenna hob eine Augenbraue. „Ich kann mich nicht erinnern, dir gestattet zu haben, irgendwelche Ansprüche an mir zu erheben.“

„So gereizt?“, er lächelte überheblich. „Den ganzen Abend scheinst du doch ziemlich angetan von mir. Man könnte meinen, du wolltest mich für deine Sache gewinnen …“

Morwenna war in der Tat gereizt. Was er da anzudeuten versuchte, war eine Unverschämtheit. Natürlich konnte sie sich nicht erlauben, den Vetter ihrer möglichen Handelspartnerin zu verschmähen. Deshalb hatte sie sich ihm gegenüber offener gezeigt, als sie sich normalerweise gab. Dies beinhaltete Gespräche, Tänze, die Darstellung oberflächlichen Interesses, aber auf keinen Fall mehr. Sie hatte nicht distanziert genug auf seine unverschämten Annäherungsversuche das Fest hindurch reagiert … und er wollte es so auslegen, als würde sie ihm Avancen machen wollen.

„Du scheinst etwas viel Wein gehabt zu haben  …“

Alain stieß ein kurzes Lachen aus, mit einem durchdringenden Blick legte er das dunkle Haupt schief. „ Du bist ziemlich vorlaut … Valaria hat mir berichtet, in welcher Situation sich die selbstherrlichen Fürsten von Langollion befinden.“ Er deutete eine spöttische Verbeugung an. „Uns ist durchaus bewusst, dass du dieses Fest nur aus eigensinnigen Zwecken besuchst. Valaria ist euch nicht eben zugewandt … Leider … Wenn du möchtest, dass ich sie umzustimmen versuche, dann solltest du etwas freundlicher zu mir sein …“

„Was versuchst du, anzudeuten?!“ Morwenna presste angewidert die Lippen zusammen und war fassungslos, zu sehen, dass Alain noch näher auf sie zukam. Er versuchte, eine Hand an ihre Hüfte zu legen, doch die Heilerin wich zurück.

„Gib es zu: Einen angenehmeren Weg, dieses unsägliche Problem zu lösen, kannst du dir auch nicht vorstellen …“ Alain streckte die Hand erneut nach ihr aus und wollte an ihr Gesicht fassen. Morwenna hatte zwar das ein oder andere Glas Wein getrunken – meist war es ihr von Alain angeboten worden, stellte sie verärgert fest – dennoch hatte sie die Reaktionsschnelligkeit, seine Hand in der Luft abzufangen.

„Wie kannst du es wagen …!?“ Sie reckte drohend ihr Kinn, in ihren Augen glitzerte es warnend. Der Schimmer der nahen Lichter offenbarte die Verwirrung in seinen Zügen, die allmählich in Wut umschlug.

„Morwenna?“ Hinter Alain erklang eine vertraute Stimme. Die Elfe konnte sie im ersten Moment nicht zuordnen, was sie auf den Alkohol in ihrem Blut schob. Als sie allerdings an dem dunkelhaarigen Elfen, der genervt den Kopf nach hinten wandte, vorbei sah, erkannte sie das aufrichtig dreinblickende, weich geschnittene Gesicht des vertrauten Elfenritters, den sie in Vahan Calyd das erste Mal gesehen hatte.

Anarion trat ohne zu zögern an die Situation heran: „Ah, guten Abend, Alain. Ich habe dich gesucht. Valaria schickt mich, dich zu ihr zu bitten.“

Morwenna war verwundert zu sehen, dass Anarion die Farbe Arkadiens, das dunkle Moosgrün, trug. Weshalb erledigte er die Botengänge der Fürstenfamilie? Alain schien hingegen nicht im Mindesten verwundert. „Der Speichellecker meiner lieben Cousine. Ich muss sagen, du entwickelst zu meinem Leidwesen ein Talent dafür, in den falschen Momenten aufzutauchen.“

„Nun, ich lerne noch, aber mir scheint, dieses Talent möchte ich mir erhalten.“ Anarion lächelte süffisant und nickte ihr zu. Morwenna erkannte dieses militärische Verständigungsmittel, war es ihr doch vertraut von ihrem Bruder. Sie nickte zur Erwiderung, nicht etwa um zu grüßen, sondern um ihm zu verstehen zu geben, dass es ihr gut ging. Der einstige Elfenritter schien doch mehr von dem zu verstehen, was gerade vorgefallen war, als er in seiner oberflächlichen Gelassenheit vorgab. Sie war erleichtert, ihn zu sehen, obgleich sie nicht daran zweifelte, dass sie dieser Situation allein Herr geworden wäre.

Als hätten sie nie miteinander gesprochen, wandte sich Alain endgültig von ihr und schritt an Anarion vorbei in Richtung des Festsaals. Morwenna schluckte die Verwünschung herunter, die für ihn auf ihrer Zunge lag. Stattdessen sah sie in das besorgte Gesicht des blonden Elfen, welches schmerzliche Ähnlichkeit zu seinem Onkel besaß. Sie verdrängte den Gedanken und strich ihr Haar hinter die spitzen Ohren.

Anarion trat vor sie. „Er kam dir nicht zu nahe?“

Die dunkel gelockte Fürstin räusperte sich: „Nicht so nahe, wie er gerne wäre. Er ist nur ein großspuriger Maulheld …“ Nach kurzem Zögern fügte sie ein leises „Danke“ hinzu.

Endlich zeigte sich das vertraute schelmische Lächeln auf den weichen Zügen ihres Gegenübers. Trotz ihrer knappen Bekanntschaft schien er ihr wohlgesonnen. Innerlich seufzend erinnerte sie sich an den überschwänglichen und tatenfreudigen jungen Elfenritter, der er in Vahan Calyd gewesen war. Damals schien es ihm wichtig, sich zu beweisen. Sie war sich fast sicher gewesen, dass er auch ein klein wenig ihre Anerkennung durch seinem vorschnellen Mut gewinnen wollte. Heute war davon nichts mehr zu sehen. Der blonde Ritter schien das Schwert niedergelegt zu haben, sein Auftreten erschien ihr insgesamt … geordneter.

„Du siehst stattlich aus, Anarion“, bemerkte sie. „Es ist bestimmt kein Zufall, dass du Alain vormachen konntest, dass die Fürstin nach ihm verlangte?“

Die Luft durch seine Zähne ziehend, legte er die Arme hinter seinem Rücken zusammen. „Ein Zufall gewiss nicht, auch wenn es mich beschämt, dass ich die Maskerade des höfischen Zeremoniells offenbar noch immer nicht zur Perfektion hin gemeistert habe.“ Er zwinkerte ihr zu – eine bitterlich bekannte Geste der verschwörerischen Freudigkeit, welche seine Worte Lügen strafte. „Ich bin als Schreiber in Ausbildung hier bei Hofe. Valaria schätzt mich wohl für … meine Diskretion kann es nicht sein … möglicherweise aber meine direkte Art. Warum auch immer sie einen Narren an mir gefressen zu haben scheint, ich bekomme die mehr oder weniger ehrenvolle Aufgabe kleine und größere Botengänge für sie zu unternehmen.“

Morwenna nickte anerkennend. Auch wenn sie nicht viel mit dem ehemaligen Elfenritter verband, so schien er ihr doch nahe. Von ihrem Innern ging ein aufrichtiges Interesse aus, dessen Wärme sie sich nicht gänzlich verschließen konnte. Wenn nur nicht diese Ähnlichkeit wäre …

„Du siehst im Übrigen auch sehr … hübsch aus …“, schob Anarion nach einigen Herzschlägen hastig hinterher.

„Hübsch?“ Morwenna lachte bei diesem Ausdruck, der sie an die Jugend ihres Gegenübers erinnerte, musste aber lächeln, als sie eben dieses erröten sah. Diese überschwängliche Offenheit … Valaria schien doch nicht so exzentrisch und unverständlich zu sein, wie Morwenna erst dachte, wenn die Fürstin Anarion so sehr ins Vertrauen zog.

„Ich meine schön … wunderschön … Du siehst wunderschön aus …“ Anarion deutete mit beiden Händen auf ihre Erscheinung, als versuchte er, ein Gemälde zu ergründen. Er stolperte bei seinen Erklärungen immer wieder über seine eigenen Worte. „Verzeih …“

„Es gibt nichts zu verzeihen …“, unterbrach sie ihn. „Mit hübsch kann ich sehr gut leben. Du scheinst allerdings, etwas unruhig zu sein …“

Anarion räusperte sich und fand wieder zu seinem zaghaften Lächeln. „Ich muss ehrlich sein. Ich habe schon den ganzen Abend beobachtet, dass Alain sehr angetan von dir zu sein schien… Nun, ich kenne seine Art und hatte kein gutes Gefühl dabei, als er dir nach draußen gefolgt ist.“ Er runzelte die Stirn. „Er ist ein Widerling, von dem ich mir nach dieser Finte gewiss einiges anhören darf. Aber ich bin froh, dass ich nicht auf Jornowell gehört habe und euch gefolgt bin …“

Er ist hier …?“ Es war nur ein Hauchen, das aus ihrem Mund kam. Innerlich fluchte sie. Kaum ein Monat war vergangen seit ihrem letzten Treffen und er mochte wohl kaum vergessen haben, wie sehr sie ihn damals abgekanzelt hatte.

„Schon den ganzen Abend und allmählich verstehe ich, wo seine schlechte Laune herrührt“, erwiderte Anarion. „Ihr seid nicht im Guten auseinandergegangen, habe ich recht?“

Sie schüttelte den Kopf. Welch geschmacklose Farce des Schicksals …

Ihre Gedanken ordnend, versuchte sie das Thema anders anzugehen: „Du wusstest doch, dass mein Name auf der Gästeliste stand? Warum hast du ihn dann mit hierher gebracht?“

„Woher sollte ich denn wissen, dass ausgerechnet du seine Stimmungsschwankungen heraufbeschworen hast? Er hat dich mit keinem Wort erwähnt. Außerdem hat er die Einladung nicht von mir, sondern ist in Begleitung meiner Mutter erschienen. Sie ist seit ihrer Jugend ein gern gesehener Gast bei Hofe.“

„Und seine Schwester …“, erkannte Morwenna.

Anarion nickte: „Jornowell verbringt schon Wochen und Monate in ihrem Stadthaus und strapaziert mit seinen Launen ihre Geduld … Sie hat ihn überredet, heute Abend mitzukommen, um etwas Ablenkung zu finden. Nun … die hatte er auch, bis er dich sah.“ Er verschränkte in untypischer Manier die Arme. „Als ich realisiert habe, dass ein Aufeinandertreffen von euch beiden auch unschön enden könnte, war es schon zu spät.“

„Er hat mich mit Alain gesehen …“ Die Heilerin zog die Brauen zusammen. „Den ganzen Abend…“

„So wie heute habe ich ihn noch nie erlebt.“ Der junge Lehrling löste seine Arme voneinander und atmete tief durch. „Langsam wird mir klar, was mit ihm im Argen ist.“ Der Elf bedachte sie vielsagend.

„Das …“

Morwenna wurde von einem lauten Klirren und mehreren empörten Ausrufen von Richtung des Festsaals unterbrochen. Kurz darauf war erneut das Scheppern feinen Porzellans zu hören, ein durchdringendes Krachen hallte bis in die verschneiten Gärten.

Die beiden Elfen, die auf der vereisten Terrasse standen, sahen erschrocken zum Festsaal. Durch die gläsernen Flügeltüren hindurch sahen sie in die perfekt ausgeleuchteten Räumlichkeiten …

Ein riesiger Banketttisch stürzte mit all seinen Köstlichkeiten in Richtung der Fensterscheiben um, mit ihm gingen zwei festlich gekleidete Elfen zu Boden – der eine Elf blond, der andere schwarzhaarig.

Morwenna stand unvermittelt der Mund offen und konnte nur mit halbem Ohr hören, wie Anarion neben ihr trocken wie der Sand in der Steppe sagte: „Und mich schimpft er überschwänglich …“

****  


Diese Nacht war verflucht.

Seit zwei Wochen glaubte er, sich endlich wieder fangen zu können und nun prangte eine dicke Platzwunde an seiner Schläfe, die genau das Gegenteil bewies.

Dieser verdammte Wein!

Und diese verdammte Elfe …

Jornowell lächelte bitter, was sofort ein schmerzhaftes Ziehen an seiner Schläfe zufolge hatte. Er zuckte kaum merklich unter dem Schmerz zusammen und der Heiler musste ihn erneut mahnen, still zu halten.

Der große Raum, in dem sie sich befanden, lag bis auf das Licht einiger Barinsteine im Dunkeln und war dankenswerterweise bis auf ihn und den Heiler verlassen. An den Wänden ragten finstere Bücherregale bis unter die Decke. Der Geruch des Pergaments war allgegenwärtig in der kleinen privaten Bibliothek von Valaria. Der Sessel, auf dem er saß, stand so vor dem riesigen, ungenutzten Kamin, dass sein Blick zu den großen Fenstern hingewandt war. Vor ihm hockte der junge Heiler und gab sein bestes, sein Gesicht zu flicken. Alains Faustschläge waren gut gezielt gewesen …

Anarion hatte ihn, nachdem die Wachen ihn von Alain gezerrt hatten, hierher gebracht und einen Heiler geholt. Jornowell hatte ihn zu überzeugen versucht, dass dies nicht nötig sei … Doch sein Neffe zeigte sich wie stets stur. So hatte er einen Heiler bestellt, welcher zu Jornowells Leidwesen noch in der Ausbildung zu sein schien. Offenbar war er ein guter Freund von Anarion, der darauf plädierte, zu dieser Uhrzeit keinen fähigeren Elfen gefunden zu haben.

Jedenfalls sollte er verschwiegen sein, wie Anarion beschwor. Nicht, dass dies von besonderem Belang wäre …

Spätestens morgen wüsste ganz Arkadien von seinem … Ausrutscher. Und am Tag darauf ganz Albenmark. Seine Schwester würde ihn vor die Tür setzten und sich im Leben nicht mehr trauen, bei Hofe zu erscheinen …

Im dunklen Gang vor der offenen Türe waren Stimmen zu vernehmen. Jornowell stöhnte, als er neben der seines Neffens die von Morwenna erkannte.

„Hab ich etwas falsch gemacht?“, erkundigte sich der Heiler unsicher, der den Laut seines Unmuts wohl missinterpretierte. Jornowell schenkte ihm nur einen bitterbösen Blick und reute diesen erst einige Momente später, als der junge Elf schluckte und sich missmutig weiter an die Arbeit machte.

„Ich möchte mit ihm sprechen!“, erklang in diesem Moment die sichere Stimme der langollischen Fürstin am Eingang. Sie mussten direkt neben der offenen Türe stehen. Jornowell erkannte schon an ihrem Ton, dass nicht einmal ein Alb sie von ihrem Vorhaben abbringen konnte.

Warum schenkte sie ihm nicht wenigstens seinen Frieden?

„Was willst du ihm sagen?“, entgegnete Anarion aufgebracht.

„Ich möchte ihm nichts sagen, ich möchte mit ihm sprechen!“ Morwenna klang ganz und gar wie die unnahbare, fremdartige Elfe, welche sie nach außen hin darzustellen versuchte. War er ein Narr, dass er geglaubt hatte, sie besser zu kennen?

„Diese verfluchte Haarspalterei von euch Edlen kannst du dir bei mir sparen!“ Anarions Stimme wurde ungewohnt laut. „Mein Onkel ist momentan nicht in der Verfassung…“

„Ich bitte dich! Meine Brüder waren nach einer Rauferei im Kindesalter schlimmer lädiert als er!“

„Er hat sich für dich eingesetzt und du …“

Jornowell rieb sich über die geschlossenen Augen: „Anarion! Schon gut … Lass sie rein.“

Der Weltenwanderer kannte Morwennas sture Art nur zu gut und wusste, dass sein Neffe die Situation für ihn bei einer Diskussion lediglich Wort zu Wort unangenehmer gestalten würde. So sah er wenige Momente später die Fürstin in ihren weinfarbenen Festgewändern die kleine Bibliothek betreten. Zu seiner Enttäuschung – er konnte es nicht leugnen – schritt sie an dem niedrigen Sessel vorbei, auf dem er saß, und öffnete seelenruhig eines der großen Fenster, um die Nachtluft hereinzulassen. Wie schlecht sie ihn kennen musste, dass sie den Geruch von altem Pergament aus einem Raum zu vertreiben versuchte, in dem er sich befand. Jornowell schluckte.

Als die Heilerin sich zu ihm umwandte, wollte er vor Scham im Boden versinken. Der tadelnde Blick in ihren Augen schürte jedoch auch seine Wut; er konnte sie nicht länger ansehen.

„Du kannst gehen“, teilte sie wie selbstverständlich dem jungen Heiler mit, der daraufhin an ihr und Anarion vorbeirauschte, wohl unendlich froh, von seiner Aufgabe erlöst worden zu sein.

Statt des jungen Elfen kniete nun Morwenna zu seinen Füßen und ergriff sein Gesicht. Er konnte nicht schnell genug in eine andere Richtung sehen, um den Anblick ihrer dunkelroten Lippen und der schwarzen Augen aus seinem Sichtfeld zu verbannen. Ihre Schönheit traf ihn schlimmer als jeder Faustschlag Alains.

Die Elfe begann schweigend damit, sein Gesicht zu untersuchen und heilte schließlich einer Fingerübung gleich die Wunde an seiner Schläfe. Dann griff sie sich das Tuch, welches der junge Heiler zurück gelassen hatte, und wischte das teils getrocknete Blut von seiner Haut. Seinen Widerwillen ausdrückend, nahm er es ihr jedoch aus der Hand und rieb selbst motivationslos an der Stelle herum, von welcher der Schmerz fast vollständig verschwunden war.

„Ist dir übel?“

Er schüttelte den Kopf.

Als sie erneut sein Kinn griff und ihn so zwingen wollte, sie anzusehen, warf er genervt das Tuch nach ihr. Die Heilerin starrte ihn für einen Moment ungläubig aus zusammengekniffenen Augen an und warf es nun ihrerseits kurzerhand in sein Gesicht. Keinen Herzschlag später musste sie es erneut von ihrem Schoß angeln. Sie zerknüllte es in ihrer Hand und stand in einer fließenden Bewegung auf. Ihre Lippen waren zusammengekniffen.

Mit einem schnellen Blick sah sie sich nach Anarion um. Sie entschied sich wohl dagegen, ihn hinaus schicken zu wollen, denn im nächsten Moment erhob sie ihre Stimme gegen die unangenehm gewordene Stille.

„Du solltest deinen Weinkonsum überdenken. Nicht nur, dass du in fünf verschiedene Richtungen schielst – noch dazu zielst du schlechter als ein kleines Menschenmädchen. Ob es sich mit deinen Schlägen wohl genauso verhält?“

Jornowell sprang vom Sessel auf. Er baute sich direkt vor der dunkel gelockten Heilerin auf, welche keinen  Schritt von der Stelle wich. Ihre obsidianschwarzen Augen leuchteten herausfordernd im Schein der Barinsteine. In diesem Moment erinnerte sie ihn stark an Tiranu, ihren kämpferischen Bruder. Zumindest im Halbdunkel dieser Räumlichkeiten sahen sie sich unglaublich ähnlich.

„Was hat dich nur dazu verleitet, so kopflos zu sein, auf den Vetter der Fürstin los zu gehen?“ Morwennas Miene zeigte nun, wie aufgebracht sie wirklich war. Ihre dunklen Brauen waren zusammengezogen, eine steile Falte erschien zwischen ihnen. „Hast du den Verstand verloren?“

Ja‘, dachte er. ‚An dich.‘

Schwer ausatmend und ernüchtert von seinen eigenen Gedanken ließ er sich wieder in den Sessel fallen. Der Blick des Weltenwanderers glitt zu Anarion. Sein Neffe hatte vor geraumer Zeit exakt dieselbe Frage gestellt. Schon ihm hatte er nicht geantwortet.

Nun lagen aber zwei Augenpaare erwartend auf ihm und er sah ein, dass er sich wenigstens rechtfertigen sollte, wenn er schon keinen vernünftigen Grund nennen konnte.

Aber was sollte er ihnen sagen? Dass er aus allen Wolken gefallen war, ja regelrecht geschockt, ausgerechnet Morwenna auf dem Fest zu sehen? Dass er schon den ganzen Abend mit Missgunst und Abscheu beobachtet hatte, mit welchen Blicken Alain ebendiese bedachte? Dass er kaum den Blick von ihm und ihr zusammen auf der Tanzfläche nehmen konnte? Dass er gekocht hatte vor Eifersucht und falscher Wut, sie mit ihm umgehen zu sehen? Dass er, um sich das alles nicht eingestehen zu müssen, viel zu viel Wein getrunken hatte?

Jornowell kannte ebenso wie Anarion die fürchterliche Art des Verwanden der Fürstin, wenn dieser zu viel trank. Anders als sein Neffe hatte er sich allerdings dagegen entschieden, Morwenna und Alain auf die Terrasse vor dem Festsaal zu folgen. Der falsche Stolz reute ihn, wenn er daran dachte, wie betrunken Alain wirklich gewesen war.

„Anarion, kann es sein, dass du Alain auf der Terrasse vor den Kopf gestoßen hast? Ihn möglicherweise sogar mit einer Lüge loswerden wolltest?“ Morwenna und Anarion wechselten ein Blick, woraufhin sein Neffe schuldbewusst auf seine Schuhspitzen schaute. „Nun …“, deutete  Jornowell und musste nun seinerseits auf den Boden schauen. „Alain scheint über den Abend hinweg wohl den ein oder anderen Ausdruck von mir bemerkt zu haben, als er mit Morwenna zusammen war. Er kam offensichtlich zu dem Schluss, Anarion hätte auf meine Anweisung hin gelogen.“

Der Weltenwanderer ging dazu über, das Blut in seinen zusammengeklebten Haarsträhnen mit seinen Fingern auszukämmen, um seine neu aufflammende Wut aus der Stimme zu verbannen. „Die allzu schlechte Lüge kam ans Licht und ihr könnt euch vorstellen, dass er wenig begeistert war. Jedenfalls machte er mir mit ziemlich deutlichen Worten klar, dass wir uns die Mühe, ihn von Morwenna fernzuhalten, schenken könnten. Er hatte ziemlich klare Vorstellungen, was er heute Nacht noch zu tun gedenke und scheute sich nicht vor genaueren Ausführungen … Laut seinen Worten scheinst du nicht abgeneigt gewesen zu sein.“

Bei diesen Worten suchte er Morwennas Blick. Den ganzen Abend hatte er schon mit sich gehadert. Auf der einen Seite kannte er die aufdringliche Beharrlichkeit des schwarzhaarigen Höflings und konnte Morwenna diesbezüglich keinen Vorwurf machen, dass sie ein, zwei Mal das Gespräch mit ihm aufgenommen hatte. Auf der anderen Seite hatte Jornowell ganze fünf Tänze der beiden gezählt und die langollische Fürstin hatte für ihre Verhältnisse erstaunlich oft gelächelt, viel geredet und einige Becher Wein getrunken. Vielleich steckte in Alains Provokationen ein Funken Wahrheit, denn Morwenna hatte sich ihm nicht abweisend gegenüber verhalten.

Morwennas Blick allerdings zeigte nun eines deutlich: Enttäuschung.

Enttäuschung darüber, dass er diesen Umstand in seinen Erzählungen betont fragend wiedergegeben hatte und sie dabei anklagend bedachte. Er senkte beschämt den Blick. Wäre er seiner Schwester doch nie auf dieses unselige Fest gefolgt!

„Alain weiß, dass ich nur deshalb in Arkadien bin, weil ich weiter an möglichen Handelsabkommen zwischen Arkadien und Langollion arbeiten möchte. Valaria lehnt seit Jahren ein solches Abkommen ab und gab gleichzeitig mit zweideutigen Ausflüchten zu verstehen, dass es doch bald dazu kommen könnte. Langollion steckt in einer Krise und neue Handelspartner sind so wichtig für mein Land, dass es stimmt, dass ich die Aufforderungen zu Tanz und Gespräch mit Alain nicht ablehnen konnte. Schließlich wollte ich meine Gastgeber nicht vor den Kopf stoßen. Alain verstand das wohl als falsches Interesse und bot mir an, mit Valaria über mein Problem zu sprechen, wenn ich die Nacht mit ihm verbringe.“

Morwenna klang weder enttäuscht noch wütend, sie hatte jegliche Emotion aus ihrer Stimme verbannt. Für Jornowell war das schlimmer als jeder Vorwurf, den sie ihm hätte machen können. Indirekt hatte er sie dazu gezwungen, offen über diese unangenehme Situation zu sprechen.

„Ich hoffe es ist unnötig zu erwähnen, dass ich abgelehnt habe.“

Der Weltenwanderer schluckte. „Natürlich. Bitte … vergib mir.“ Nach allem, was zwischen ihnen geschehen war, hätte er nicht geglaubt, sich noch einmal für irgendetwas bei ihr zu entschuldigen. Er war so sauer auf sie gewesen …

„Ich dachte nur … Ich … Ich bin ein Idiot.“

„Wenn man es nur darauf schieben könnte“, entgegnete sie mit plötzlich brüchiger Stimme. „In Wahrheit bist du allerdings ein Elf, der genau weiß, was er tut. Nur bist du einfach nicht bereit, dich einmal zurückzunehmen oder etwas zu tun, das dir gegen den Strich geht. Stets wählst du den einfachen Weg. Weder besitzt du große Ausdauer, noch Durchhaltevermögen – wenn es nicht gerade um eine deiner Reisen oder Eroberungen geht.“

Vor den Kopf gestoßen, wollte Jornowell etwas erwidern, doch die schwarzhaarige Fürstin erhob nur gebieterisch die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. So hatte Jornowell sie noch nie erlebt …

„Denkst du überhaupt nach, bevor du etwas tust? Du scheinst immer noch nicht verstanden zu haben, welche Konsequenzen diese Nacht haben wird. Und das nicht nur für dich … Valaria wird sich nun endgültig gegen ein Handelsabkommen mit Langollion stellen.“ Sie schüttelte den Kopf: „Für Anarion bedeutet dein ‚Ausrutscher‘ womöglich den Verlust seiner Stellung – wenn er Glück hat. Wenn er Pech hat, behält er sie und Alain wird seine Lehre zur Folter machen.“

Jornowell wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er fühlte nur unendliche Scham in sich aufwallen, die selbst die kurzzeitig aufgeflammte Wut und den Schmerz ihr gegenüber in sich verschluckte.

„Wenn du also glaubst, du hast in meinem Sinne gehandelt, dann hast du dich geschnitten. Du bist lediglich einmal mehr deinem Stolz gefolgt, warst egoistisch und impulsiv. Ich sollte erleichtert sein, dass wenigstens eine Entscheidung, die ich auf dich bezogen getroffen habe, richtig war.“

Nichts hätte ihn in diesem Moment härter treffen können, als diese Anspielung auf ihre plötzliche Ablehnung nach ihren gemeinsamen Momenten der Lust. Nie hatte er verstanden, woher ihre plötzliche Kälte rührte. Natürlich hatte er versucht, den Fehler bei sich zu finden. Hatte er etwas Falsches gemacht? Sie nicht gebührend behandelt? Er hatte es sich nicht erklären können. So hatte er es auf die verschrobene Verschlossenheit der Fürstin schieben wollen – erfolglos. Er hatte so sehr mit sich gehadert, sich so sehr gehen gelassen. Seine Schwester, Anarion … Alle hatten darunter leiden müssen. Und nun auch sie, die er unter allen Umständen vor jeglichen Unmut schützen wollte.

Jornowell fand noch immer keine Worte, die er hätte sagen können – und genau dies schien sein nächster Fehler zu sein, denn Morwenna stieß ein leises Schnauben aus und schüttelte erneut kaum merklich den Kopf. Mit einem letzten enttäuschten Blick wandte sie sich zum gehen um.

„Morwenna, bitte … Ich verspreche, ich werde es wieder gut machen.“ Jornowell stand auf, aber seine Beine versagten den Dienst, als er ihr folgen wollte. Auch Anarion schüttelte den Kopf, um ihm zu bedeuten, dass es besser war, ihr nicht zu folgen.

Die Heilerin, obgleich sie schon fast die Tür erreicht hatte, erwiderte noch kühler als zuvor: „Wer könnte dir schon vertrauen?!“ Sie hatte es mehr zu sich selbst gesagt, wandte sich dabei nicht einmal mehr um. Schon war sie aus der abgeschiedenen Bibliothek verschwunden.

Im Halbdunkel der großzügigen Bücherkammer war es mit einem Mal totenstill. Jornowell sank zurück auf seinen Sessel und fühlte sich wie ausgebrannt. Selbst die Scham war nun verloschen. Er fühlte nichts mehr. Was hatte er nur getan, dass sie so von ihm dachte? Sicherlich, heute Nacht hatte er einen folgenschweren Fehler begangen. Aber er meinte es ernst, wenn er sagte, dass er das wieder in Lot bringen wollte – und würde! Lag es wirklich an seinem zugegebenermaßen schlechten Ruf, dass sie ihm so misstraute?

„Respekt“, ließ Anarion verlauten. „Du hast anscheinend alles falsch gemacht, was es falsch zu machen gab.“

Sein Neffe ging zu dem großen Sekretär am anderen Ende des Raums. Im Gegensatz zum restlichen Interieur wirkte der dunkelholzige Schreibtisch wuchtig und zeigte wenig von der restlichen Eleganz der Räumlichkeiten. Gegen den seichten Mondschein, der von der großen Fensterfront hineinwaberte, sah Jornowell, wie Anarion eine helle Flasche mit fast versiegtem Inhalt aus einer der Schubladen griff und sie mit den Zähnen entkorkte. Mit einer übertrieben gönnerischen Geste prostete er ihm zu: „Auf meinen möglicherweise letzten Abend in diesen Hallen der Vernunft und Bescheidenheit.“

Anarion nahm einen großen Schluck und kam mit der Flasche in der Hand zu ihm herüber. Er ließ sich auf den Sessel neben ihm nieder und reichte ihm die Flasche mit bräunlichem Inhalt. Auf Jornowells fragenden Blick hin, meinte er beschwichtigend: „Ich arbeite hier jeden Tag mit den unerbittlichsten Lehrmeistern Albenmarks zusammen, da bereitet man sich auf Härtefälle jeglicher Art vor.“

Jornowell nickte verständlich und nahm einen großzügigen Schluck von dem bitteren Schnaps. Innerlich aufstöhnend rieb er sich über die Stirn. Wer hätte gedacht, dass diese unsägliche Nacht eine solche Wendung nehmen würde?

„Was ist zwischen euch vorgefallen?“ Anarions Frage war ebenso knapp wie unvermittelt. Der interessierte Blick seines Neffen lag durchbohrend auf ihm. Sowohl Neugier, als auch aufrichtiges Interesse konnte er darin finden.

„Wir … kamen uns vor der letzten Schlacht in Elfenlicht näher…“, begann Jornowell zögerlich. „Nach der Trennung der Welten habe ich noch lange an sie gedacht. Sie ging mir einfach nicht aus dem Kopf. Schließlich bin ich nach Langollion gereist und wir … kamen uns noch näher … direkt danach … plötzlich hat sie sich von einer anderen, eiskalten Seite gezeigt und hat mich einfach stehen gelassen. Sie wies mich ab und ging. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was ich falsch gemacht haben könnte.“

Anarion hob seine Brauen und breitete ratlos die Hände aus: „Möglicherweise hast du sie … enttäusch, in Bezug auf gewisse … Fähigkeiten …!?“

Jornowell sog tief die Luft in seine Lungen und schenkte seinem Neffen einen bitterbösen Blick: „Ernsthaft … Ist das wirklich dein Ernst!?“

Anarion drehte die Hände so, dass sie wohl beschwichtigend wirken sollten. „Nach diesem Abend hättest du mit Spott rechnen sollen.“ Er unterdrückte mehr schlecht als recht ein dickes Feixen. „Aber um ehrlich zu sein, denke ich, dass hinter ihrer Reaktion mehr steckt als ein plötzlicher Meinungswechsel. Ich habe mich heute mit ihr länger auf der Terrasse unterhalten … du hättest sehen sollen, wie sie reagiert hat, als sie erfuhr, dass du auch anwesend bist und sie beobachtet hattest. Sie schien … getroffen.“

„Und was sagt mir das nun?“, entgegnete Jornowell teils interessiert, teils hoffnungslos.

Anarion rutschte in seinem Sessel nach vorn, verschwörerisch lehnte er sich in die Richtung des anderen Elfen. „Eine Elfe, für die du nur ein schnelles Abenteuer gewesen wärst, wäre es niemals unangenehm gewesen, wenn du sie mit einem anderen gesehen hättest. Sie hätte sich auch nicht darüber geärgert, dass du dich oder mich in Schwierigkeiten gebracht hast, aus einem eifersüchtigen Impuls heraus. Schon gar nicht wäre sie dir hinterhergelaufen – ihren Stolz schluckend –, um dein Gesicht zu flicken. Oder hätte dir so den Kopf zurechtgerückt, wie sie es gerade getan hat.“

Jornowell strich sich ratlos über das Gesicht. Es mochte stimmen, was Anarion sagte, aber: „Worauf willst du hinaus?“

Der junge Höfling verdrehte die Augen und warf einmal mehr die Hände in die Luft: „Sie empfindet etwas für dich! Allerdings scheint dies das letzte zu sein, was sie möchte … Ich hoffe, ich muss ihre Worte nicht wiederholen, um dir zu erklären, warum.“

Jornowell musste schlucken. Wenn das wirklich stimmte … So hatte er ihre Befürchtungen genährt bis zum Erbrechen. Warum hatte er nicht früher daran gedacht, dass seine Unbeständigkeit schuld an ihrer Abweisung sein könnte? Nie hatte sie eine andere Seite an ihm kennengelernt, die seine sprunghafte Art revidieren könnte. Dabei hatte er so viel mehr zu bieten, eigentlich.

Lediglich die letzten Monate – fast ein halbes Jahr  war vergangen seit der Trennung der Welten – war er so ziellos wie selten zuvor in seinem Leben gewesen, dass er sich nun selbst nicht wieder erkannte.

Wenn Morwenna ihn wirklich an sich heran gelassen hatte – und das wollte er nach allem, was sie geteilt hatten, wirklich glauben –, dann mochte es möglicherweise noch nicht zu spät sein, sie davon zu überzeugen, dass er nicht der Elf war, für den sie ihn hielt.

Schmerzlich schlich sich die Hoffnung in sein Herz.

„Wenn du meinen Rat hören möchtest“, begann Anarion noch eindringlicher als zuvor, „dann hör auf damit, deinen Kopf in den Sand zu stecken und fang endlich an, dir ein Leben aufzubauen.“

Jornowell schloss die Augen und schüttelte den Kopf: „Ich höre deine Mutter aus dir sprechen… “

„Sie wird dich aus ihrem Haus werfen, wenn sie Wind von deinem Verhalten heute Nacht bekommt. Und das ist nur eine Frage der Zeit bei den Klatschbasen bei Hof.“

Der Weltenwanderer wusste, dass sein besserwisserischer Neffe wenigstens dieses eine Mal Recht hatte.

Euphorisiert von der plötzlichen Anerkennung, die ihm – zu erkennen durch fehlendes Kontra – entgegenzuschlagen schien, fuhr Anarion fort: „Möglichweise kannst du Morwenna davon überzeugen, dass du nicht ganz der sprunghafte Querulant bist, für den sie dich hält …“

„Und wie soll ich das deiner hochgeschätzten Meinung nach anstellen?“

Erneut lehnte sich Anarion verschwörerisch zu ihm und machte ihm einen tollkühnen Vorschlag, bei dem Jornowell nicht sicher war, ob sich seine Schwester oder irgendwer so ein geregeltes Leben vorstellen würde …  

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Danke euch fürs Lesen, ich hoffe, euch im nächsten Kapitel wieder zu sehen!

Bis dahin
Riniell
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