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Keine Rose ohne Dorn

von Riniell
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
Tiranu
27.03.2015
12.11.2015
16
64.020
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Dieses Kapitel
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05.08.2015 3.874
 
Ich melde mich zurück mit einem neuen Kapitel, das die Geschichte um Jornowell und Morwenna dort weiter führt, wo ich sie vor wenigen Wochen beendet habe. Ich habe es wegen der enormen Länge zweigeteilt, das bedeutet, das nächste wird auch nicht lange auf sich warten lassen :)

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und bin gespannt auf eure Meinung!



___________________


Über die Albenpfade





Wie lange hatte Jornowell mit sich gehadert, wie oft sich selbst einen Narren gescholten – und dennoch war er hier.

Als er vor wenigen Nächten den Fuß auf die Küste Langollions gesetzt hatte, war es ihm vorgekommen, als hätte er die härteste Reise seines Lebens hinter sich gebracht. Dabei war er lediglich Passagier auf einer Barkasse auf der Seepassage zwischen Reilimee und dem schroffen Inselfürstentum gewesen. Selten hatte er eine solch angenehme Seereise gehabt. Nicht etwa die Distanz auf der Landkarte, sondern die, welche er in seinem Herzen zurückgelegt hatte, war seine Erschöpfung geschuldet.

Nach dem Krieg hatte er wochenlang mit sich selbst verbracht. Eine Erfahrung, die er nur selten mit sich und seinen Gewohnheiten vereinbart hatte. Er war zu gesellig, zu sehr mit den Schicksalen und Lebenswegen anderer Albenkinder verbunden, als dass er allzu lange auf andere Einflüsse verzichten konnte. Doch die Zeit seiner Abgeschiedenheit war lange ersehnt gewesen. All die Schlachten und Kriege, die Verluste und die tiefe Aufwühlung seiner Seele hatten ihren Tribut gefordert. Allein die Vorstellung, die direkte Nachkriegszeit im Herzland oder Elfenlicht zu verbringen, hatte ihn zurückschrecken lassen.

So hatte er am Morgen nach der großen Schlacht kurzerhand alles stehen und liegen gelassen und war nach Arkadien gereist, wo er vorerst im Hause seiner Schwester, Anarions Mutter, untergekommen war. Diese Zeit war zäh verflossen. Er war zum Albtraum seiner Schwester, deren Gatten und seiner drei Neffen geworden. Seine Familie hatte ihn nicht wieder erkannt. Eine bleierne Trägheit hatte von ihm Besitz ergriffen, die all seinen Lebenshunger in sich erstickt hatte. Besonders Anarion war von seinem Verhalten gelinde ausgedrückt irritiert gewesen. Sein Neffe hatte alles daran gesetzt, ihn aus seiner Lethargie zu reißen.

Je länger er allerdings mit sich und seinen Gedanken allein war, desto klarer wurde ihm, dass dieses Loch, welches sich in seiner Seele aufgetan hatte, nicht so leicht wieder zu schließen wäre. Nicht allein der Krieg und die damit einhergegangenen Verluste – Freunde, Familie, Geliebte – hatten an ihm gezehrt; auch die Trennung der Welten hatte seine Seele schwer verletzt. Bis zuletzt hatte er sich gegen die Entscheidung der Herrscher der Albenmark gestellt und sich dagegen ausgesprochen. Letzten Endes musste aber auch er einsehen, dass es die einzige Entscheidung war, die ihrer aller Überleben sicherte.

Dies bedeutete allerdings nicht, dass er diesen Verlust verwunden hätte.

Nach Wochen der Ruhelosigkeit war er dem vertrauten Instinkt des Umschwungs gefolgt, hatte einen Beutel mit dem Nötigsten zusammengepackt, um das Haus seiner Schwester zu verlassen. Sein Weg hatte ihn durch die Weiten des Windlands und über die Untiefen der Waldbucht nach Vahan Calyd geführt. Bis heute konnte er nicht sagen, weshalb genau er sich in der alten Stadt, die bis heute teilweise in Ruinen lag, wiedergefunden hatte. Er wusste nur, dass er die Einsamkeit gesucht hatte. Schließlich hatte er sie gefunden und wäre beinahe von ihr erschlagen worden.  Die Stadt war fast ausgestorben gewesen, einzig einige Koboldfamilien waren halsstarrig  und unermüdlich mit dem Aufbau der Paläste beschäftigt.

Inmitten dieser betriebsamen Stille waren seine Gedanken das erste Mal seit langem wieder zu ihr zurückgekehrt. Zu der schwarzhaarigen, verschlossenen Schönheit, die ihm mehr als je zuvor ein Rätsel war. Seit ihrem Treffen am Vorabend der letzten Schlacht, hatte er sie nicht mehr gesehen. Wenn er ehrlich war, so ging er ihr damals absichtlich aus dem Weg. Sein Zustand hatte nicht zugelassen, sich mit anderen Dingen als sich selbst zu beschäftigen. Die Nähe zu ihr hätte er nicht verkraftet – geschweige denn gewollt. Zu sehr verwirrte ihn die Anziehungskraft, welche die Elfe auf ihn auswirkte. Der Gedanke an sie zehrte an ihm, schon seit sie einander in Vahan Calyd, im Orchideengarten der Fürsten von Alvemer, begegnet waren.

Seither hatte Morwenna ihn nicht mehr losgelassen, wie er feststellen musste. Schlimmer noch, war sie zwischen den Ruinen Vahan Calyds in seinen Gedanken präsenter als je zuvor. Eine Vorstellung von ihr an seiner Seite war immer realer geworden – am realsten dann, als er erneut in die Orchideengärten einkehrte und an jenem Brunnen saß, von dem aus er vor so vielen Jahren die Taten der dunklen Heilerin beobachtete und jungen Albenkindern Geschichten von seinen Reisen erzählte.

So naiv und unbeholfen es ihm vorkam, in diesen Augenblicken war ihm die Idee gekommen, eine der Orchideen zu schneiden, um sie als eine dauerhafte Erinnerung zu behalten. Und zahlreiche ähnliche Taten an anderen Orten später fand er sich schließlich an der Küste Langollions wieder. Im Gepäck seinen Beutel  und ein übergroßes Blumenbouquet, welches mit einem Zauber vor dem Verwelken geschützt war.  Einige Nächte hatte er bei befreundeten Elfen – vielleicht sollte er eher sagen, ehemalige Korrespondenzpartner seines Vaters – verbracht. Für den letzten Schritt – den Gang zum Rosenturm, in dem die fürstliche Familie residierte -, hatte es einige Überwindung für den Weltenwanderer gebraucht. Lange hatte er überlegt, wie er ihr gegenübertreten konnte. Nicht auszudenken, was sie von ihm denken musste … Es war nicht schwer darauf zu kommen, dass er ihr absichtlich aus dem Weg gegangen war.

Und nun stand Jornowell hier, in ihren Gemächern … und stutzte.

Er war überrascht, die wohlvertraute Kladde mit dem abgenutzten Ledereinband bei der Fürstin zu sehen. Kurz zweifelte er daran, dass dies wirklich sein Büchlein war. Doch der überraschte Ausdruck in den dunklen Augen der Elfe sprach Bände. Sie war alarmiert herumgewirbelt, als er sie vor wenigen Momenten so unvermittelt angesprochen hatte. So weit wie der Tisch in ihrem Rücken es erlaubte, wich sie zurück. Die Überraschung währte nur einen Moment.

Eine sichtlich erboste Miene legte sich über die feinen Züge Morwennas. „Wer hat dich hier hereingelassen?“

Jornowell seufzte. Die Abendsonne, die hinter dem Küstenstreifen niedersank, blendete ihn. Die Fensterfront bot einen atemberaubenden Ausblick über die Gärten des Rosenturms. Der Sohn des Alvias war überrascht von den Gemächern der Fürstin. Niemals hätte er gedacht, hier solch ein lichtdurchflutetes, mit Wandbildern verziertes und gemütlichen Polstern ausgestattetes Refugium vorzufinden. Ein weiteres Puzzlestück im Leben der Heilerin, das ihre Wesenskälte Lügen strafte.

So wie sie sich im Moment gab, mahnte sich Jornowell jedoch zur Vorsicht. Die zierliche Elfe hatte sich nunmehr mit erhobenem Haupt vor ihm aufgerichtet und erwartete mit durchdringendem Blick seine Antwort. Sie hatte sich anders als sonst das Haar nicht streng zusammengesteckt, lediglich zwei Spangen hielten ihre Locken an ihren Schläfen zurück. Das helle Kleid, mit dem sie angetan war, schmeichelte ihrer schlanken, geraden Figur. Um ihre Taille war ein kunstvoll angefertigter Gürtel gelegt, dessen zarte Bronzeglieder das ineinander verschlungene Muster einer Rosenranke nachempfanden. Dazu passend wand sich an ihrer linken Ohrmuschel ebenso feiner Schmuck, in den winzige aber nicht weniger aufwendige Perlmuttornamente und eine an einer zierlichen Kette hängende Perle eingearbeitet waren. Einen Moment lang fühlte sich Jornowell allzu versucht, die Bronzekettchen an ihrem Ohr mit seinen Fingern nachzufahren. Doch ihr Blick warnte ihn …

„Hat dich meine Zofe hereingelassen?“, hakte die Heilerin nach.

Jornowell grinste. „Mein Ehrgefühl hält mich davon ab, sie zu verraten, aber da du ihr auf dem Gang begegnet bist, lässt es sich wohl nicht leugnen.“ Er hob die Hände. „Bitte sei nachsichtig mit ihr. Gegen meinen Charme war sie wehrlos …“

Morwenna verdrehte äußerst undamenhaft die Augen und verschränkte die Arme – zufrieden registrierte Jornowell, dass sich unter ihre finsteren Züge die Andeutung eines Lächelns schlich. Sie schüttelte den Kopf und wandte sich erneut dem Blumenbouquet zu, welches er auf den grünen Glastisch hinter ihr gestellt hatte. Die Blüten schillerten im Licht der untergehenden Sonne.

In einer lockeren Geste faltete der Blonde die Arme hinter seinem Rücken und lehnte sich überzeugt zu ihr vor. „Gefallen sie dir?“, raunte er in ihr spitzes Ohr.

Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie ihr Lächeln wuchs. „Ich frage mich, von wem sie wohl stammen könnten …“

Jornowell hob eine Augenbraue. Sie war also in Spiellaune! Nun wusste sie anscheinend nicht, dass er bei vielen Völkern als großer Spieler bekannt war. Die letzte Distanz zu ihr schließend, nahm er seine Hände hinter seinem Rücken hervor und ließ die Fingerspitzen über ihre Hüften tanzen. „Gewiss von einem großen Bewunderer …“, hauchte an die weiche Haut ihres Nackens. Mit Behagen bemerkte er, wie sie ihren Kopf zurückstreckte, um ihren Hals offenzulegen, und sich unter seinen Berührungen wand.

„Nur welcher von ihnen?“ Ihre Stimme war dunkler geworden. Sie biss sich auf die Lippe, als er auf ihre Worte reagierte – Seine Finger schlossen sich unmittelbar fester um ihre Hüfte und zogen ihren Körper noch näher an sich heran.

„Einer, der gewiss keine Ahnung hatte, dass es sich bei dir um eine Diebin handelt!“, schloss er mit ernüchterter Stimme und küsste ihren Hals, um ihr zu verstehen zu geben, dass er ihr keinesfalls zürnte. Die schwarzgelockte Fürstin jedoch überraschte ihn erneut – Jornowell fühlte, wie ihre Hand über seinen Bein strich: „Wie könnte ich das wieder gut machen?“ Ihre Finger tanzten höher. Jornowell griff ihre Hand. Schluckend ließ er von ihr ab. Vielleicht war sie ein besserer Spieler als er dachte, doch ihm stand nicht der Sinn danach, dieses Spiel fortzuführen. Seine Pläne führten an einen anderen Ort.

Mit sicheren Schritten ging zu der grünen Sofagarnitur herüber, wo er einen schweren Mantel an sich nahm, den er zuvor über die Lehne gelegt hatte. Dabei konnte er nicht umhin, den letzten Sonnenstrahlen am Horizont hinterher zu blicken. An diesen Ausblick konnte er sich möglicherweise gewöhnen, bemerkte er überrascht. Schon als er ihr Gemach das erste Mal gemeinsam mit der Zofe betreten hatte, musste er feststellen, wie wohl er sich hier fühlte. Grinsend legte er den Mantel aus blauem Samt und silbernem Brokat über seinen Arm. Das Gewand war viel zu warm für diese Jahreszeit, dementsprechend irritiert war der Blick der Heilerin, als er wieder zu ihr herüber kam.

„Ist das mein Mantel?“ Ihre Irritation wuchs, als er ihr seinen Arm darbot. „Du hast in meinen Sachen herumgewühlt und meinen Mantel entwendet?!“

Jornowell feixte. „Wir drehen uns im Kreis …“

Morwenna schüttelte immer noch verwundert den Kopf. „Nun, ich bezweifle, dass er dir steht.“ Sie sah auf seinen immer noch erhobenen Arm. „Wohin willst du damit?“

Er dachte, dass sie es mittlerweile eigentlich besser wissen müsste, als solche Fragen zu stellen. „Ich fürchte, den Rest des Abends werden wir an einem Ort verbringen, der auf nicht ganz so warmen Breitengraden liegt wie Langollion. Du wirst sehen, dass du dich über den Mantel noch freuen wirst.“

„So? Wir gehen?“ Sie sah ihn herausfordernd an. „Wer sagt, dass ich nichts Besseres vorhabe?“

‚Deine Zofe‘, hätte er erwidern können. Tatsächlich hatte er sich lange mit der Elfe über Morwenna und ihre Familie unterhalten, immer mehr Angewohnheiten und Vorlieben ihrer Herrin hatte er der Bediensteten entlockt. Die junge Vertraute der Fürstin war geschwätziger als man erst glauben mochte. Am Ende bewies sie aber die Treue zu ihrer Herrin, welche Morwenna verdiente, und schwieg sich über allzu private Dinge aus.

„Was könnte besser sein, als ein geheimnisvolles Abenteuer an einem fremden Ort, dazu an meiner Seite?“

Der skeptische Ausdruck in ihren Zügen formte sich zu einem schmalen Lächeln: „Ein geheimnisvolles Abenteuer?“ Sie griff seinen Arm. „Ich warne dich, die Fürstin Langollions zu entführen klingt nicht nach der besten Idee …“

Jornowell fuhr sich tief ausatmend durch sein aschblondes Haar: „Das ist mir durchaus bewusst …“



***




Ihr war, als würde sie die Luft anhalten müssen – und das seitdem Jornowell in ihrem Gemach hinter sie getreten war. Etwas beklemmte ihre Brust und schloss sich gleichzeitig wie eine Faust um ihren Magen. Dieses Gefühl wollte nicht weichen. Es war entrückend und sie genoss widersprüchlicherweise jeden Herzschlag, den es andauerte. Als sie gemeinsam durch das Portal in die Gärten des Elfenpalastes schritten, bedachte sie ihre Begleitung aufmerksam. Jornowell schien nicht so, als fühlte er sich unsicher oder unwohl – zumindest zeigte er es nicht. Ganz im Gegenteil: Er fand Gefallen an dem großzügig angelegten Park, bewunderte den Abend und sog tief die Küstenluft in seine Lungen.  Wie sehr er sich doch von dem erschöpften Elfen unterschied, dem sie in Elfenlicht begegnet war. Seine Gesichtszüge waren gezeichnet von einem schelmischen Funkeln in den verschiedenfarbigen Augen und einem warmen, gewinnenden Lächeln. Er trug etwas Aufrichtiges in sich – er würde niemals jemanden etwas vormachen wollen, in keiner Situation seines Lebens. All seine Gesten und Taten erzählten davon, dass er keine seiner getroffenen Entscheidungen jemals bereuen würde.

Das aschblonde Haar trug er heute offen, nur einige Strähnen waren ganz uneitel mit einem dünnen Lederband hinter seinem Kopf zusammengebunden, sodass sie ihm nicht ins Gesicht fallen konnten. Eine dunkle Tunika war wenig konventionell seitlich in seine Hose gestopft und gab die Sicht auf eine schlichte silberne Gürtelschnalle frei. Morwenna war fast verwundert, in welch gepflegtem Zustand dabei seine Stiefel waren, auch wenn man ihnen ansah, dass sie schon oft getragen worden waren. Seine Erscheinung war außergewöhnlich für einen Elfen und Morwenna gefiel es, ihn anzusehen.

Die Abendstunden waren angebrochen. Das Zirpen der Grillen hatte den Gesang der Vögel abgelöst, welche sich in die Halbschatten zurückgezogen hatten. Das Licht von Laternen erhellte nunmehr den steinernen Mosaikweg zu den Rosengärten. Kaum ein Albenkind kam ihnen entgegen. Die Elfe genoss die Ruhe und verbannte die Frage, wohin der Weltenwanderer sie bringen mochte. Langsam dämmerte ihr allerdings, dass ihr Weg sie geradewegs zu dem niederen Albenstern führte, der inmitten der Gärten verborgen lag. Jornowell schien so vertraut mit dem Pfad durch die Gärten, als wäre er ihn schon hundert Male gegangen.

„Wie lange weilst du schon in Langollion?“ Sie erinnerte sich an die Rose im Gesteck, das er ihr geschenkt hatte. War er wirklich erst heute angereist?

„Ein paar Tage ...“, antwortete er ausweichend. Als sie ihn weiterhin fragend mit hochgezogener Braue bedachte, seufzte er: „Dich sollte es nicht wundern, dass ich überall in Albenmark Bekanntschaften habe. Bekanntschaften müssen gepflegt werden … Warum also nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden?“

Mit dieser Antwort war sie weder zufrieden, noch gefiel ihr der Unterton in seiner Stimme. Bei ihrer letzten Begegnung schienen sie so vertraut miteinander zu sein – nun zeigte sich ihr, wie wenig sie einander doch kannten und wie nahe sie sich doch fälschlicherweise zu sein glaubten. Es gab so viel, was sie nicht über ihn wusste, weshalb sie ihm misstrauen sollte. Nach allem war er immerhin auch ein Getreuer Emerelles. Sie sollte ihm nicht mehr Vertrauen schenken als schädlich für sie sein könnte. „Welche Art Bekanntschaften?“

Sie hatten das große, freiliegende Mosaik erreicht, welches den sechsgliedrigen Albenstern in sich verbarg. Sechs stilisierte weiße Rosen empfanden die Vereinigung der magischen Pfade kunstvoll nach. Jornowell trat zum Mosaik und wandte sich mit einem Zwinkern zu ihr um: „Keine solchen, für die es sich lohnte, eifersüchtig zu werden.“ Er kniete nieder und griff mit seinen magischen Sinnen nach der Macht der Pfade.

Morwenna erwiderte nichts, als sie das bunt schillernde Tor vor sich entstehen sah. Stumm ärgerte sie sich allerdings darüber, dass er ihr Misstrauen in Eifersüchtelei interpretierte. Oder hatte er ihren Argwohn durchaus bemerkt und wollte sie aufziehen?

Das Tor stand groß vor ihnen, als Jornowell sich erneut zu ihr umwandte. Er seufzte, als er ihr Gesicht sah. „Du wirst sie hier lassen müssen“, sagte er bestimmt.

„Was meinst du?“ Morwenna zog die Augenbrauen zusammen und verschränkte die Arme. Ihre Reaktion führte den Blonden zu ihr herüber; er griff ihre Hände und zog sie aus ihrer starren Haltung vor ihrer Brust auseinander.

„Alathaias Tochter. Sie sollte hier bleiben, auch wenn sie – wie du mir glauben zu machen versuchst – ein Teil von dir ist“, entgegnete er. Die Heilerin hielt abrupt die Luft an und starrte ihn erbost an.

„Genau das“, führte er ernster als zuvor fort. „Den Argwohn, die Distanz. Ich weiß nicht, warum du das tust oder warum du mir immer noch nicht traust, aber der Ort, an den wir gehen, wird deine Maskeraden und Mauern nicht zulassen. Leg sie ab, wenigstens für heute Nacht …“

Für einen Augenblick erwog sie, abweisend zu reagieren. Was bildete er sich ein? Alles was er gesagt hatte, war wie ein Stich für sie. Ein grausamer, niederreißender Stich. Dennoch fühlte sie sich mehr herausgefordert, als von seinen Worten überzeugt.

Jornowell bedachte sie mit wachen Augen und lachte unvermittelt laut auf. Es war ein so aufrichtiges und schönes Lachen, dass sie sich wortlos wiederfand. „Bei allen Alben, Morwenna“, lachte er und hielt ihr Gesicht in einer Hand. „Wovor hast du Angst?“

Abschätzig schob sie ihr Kinn vor und ging an ihm vorbei – so entwaffnend, wie er auf sie wirkte, ihren Stolz würde er nicht bekommen! Das Tor war noch immer errichtet und sie fand sich von der Dunkelheit, die hinter dem Albenpfad lag, angezogen. Die Ungewissheit, wohin der Weg führte, war ein großer Reiz für sie. Schon in ihrer Kindheit – als sie mit ihrer Mutter bereits viele Reisen unternommen hatte – war sie von der Magie dieser Pfade fasziniert gewesen. Sie fühlte keine Angst, als sie durch das Tor schritt und das wollte sie Jornowell spüren lassen.

Einen quälend langen Augenblick musste sie sich allerdings eingestehen, dass Jornowells Worte durchaus ihre Berechtigung hatten. Die ungalante Art, wie er sie formuliert hatte, hinterließ bei ihr allerdings eine ganz andere Art von Schmerz, als sie ihn eben noch vernommen hatte. Am liebsten wäre sie zurück in den Turm gegangen, um ihn und ihre Begegnungen schnellstmöglich zu vergessen. Aber eine  Stimme in ihrem Kopf sagte ihr, dass die Strenge der Worte nur seine Bestimmtheit, wirklich an sie herankommen zu wollen, wiederspiegelte.

Nur wenige Schritte trennten sie vom Zwielicht der anderen Seite. Morwenna war überrascht, wie hell es dort war. Anscheinend führte Jornowell sie auf einen Breitengrad in Albenmark, auf dem die Sonne noch nicht untergegangen war. Zögernd und überrascht trat sie aus dem Albentor und bedachte ihre Umwelt.

Fast war ihr, als wäre sie einen Moment lang geblendet; strahlend weißes Licht flutete ihre Sinneswahrnehmungen. Sie hielt die Luft an. Nicht das blasse Licht des späten Nachmittags, das über die schmale Lichtung waberte, ließ sie so angestrengt gegen die Helligkeit blinzeln – es war eine dicke Schicht Schnee, die sich über einen dicht bewachsenen Tannwald legte. Das satte Grün der Tannnadeln war von einer klaren Schicht Eis besetzt. Vereinzelt standen zwischen den schmalen Tannen knorrige Wildkirschen – sie trugen Blüten! Auch über die feinen, rosanen Knospen hatte sich eine filigran anmutende Schicht Eis gelegt. Es wirkte, als sei der Wald in feines, kristallklares Glas geschlossen. Es ging ein kühler Wind, der den Geruch des Winters, gleichwohl wie den von frischem Harz in sich trug.

Einem inneren Impuls folgend, legte sie sich die Hände über die Arme. Gleichzeitig schützte sie sich mit einem wärmenden Zauber, der die jäh aufkommende Kälte in ihren Gliedern vertrieb. Aus der Ferne vernahm sie den Ruf einer Eule. Er war so dumpf und einnehmend, dass er das Gefühl der Abgeschnittenheit dieses Ortes unterstrich.

Im krassen Gegensatz dazu folgte das warme Lachen Jornowells in ihrem Rücken. Er legte ihr den blauen Mantel über die Schultern, während sie immer noch im Zauberbann der verschneiten Waldlichtung gefangen war. „Überrascht?“

Den schweren Mantel zurechtlegend, wandte sie sich um: „Du hast doch nicht wirklich vor, mich zu entführen?“

Er zuckte nur vielsagend mit den Schultern und bedachte sie mit funkelnden Augen. Zwischen dem satten Grün der Tannen und dem sich brechenden Lichtschein in Eis und Schnee glühten seine verschiedenfarbigen Tiefen in aufregenden Tönen. Es war offensichtlich, dass der Weltenwanderer an einen Ort wie diesen gehörte. Inmitten des Waldes bekam der verwegene Ausdruck in seinen Zügen eine ganz neue Bedeutung. Er war ein Geschöpf der Fremde, kein Ort würde ihn jemals verunsichern, vielmehr immer wieder aufs Neue seinen Abenteuersinn herausfordern. Und dieses verschmitzte Lächeln…

Morwenna wandte sich wieder der Szenerie zu, um nicht durch einen unkontrollierten Gesichtsausdruck mehr zu verraten, als sie beabsichtigte. „Wohin hast du uns gebracht?“

Der Blonde trat neben sie und griff ihre Hand. Langsam, fast bedächtig führte er sie durch die Baumreihen und Morwenna konnte nicht umhin, sich zu fragen, was er in dieser kargen Einsamkeit vorhaben könnte. „Es ist wunderschön, nicht wahr?“, begann er leidenschaftlich. „Es ist ein abgelegener Berghang im Carandamon.“

„Und…?“, hakte sie nach, doch er gab sich geheimnisvoll lächelnd der Umgebung hin. Still führte er sie am Arm – wie er es so gerne tat – den Hang hinauf. Der Schnee unter ihren Füßen gab kaum merklich nach. Es musste sich um frisch gefallenen Neuschnee handeln, doch am Himmel waren keine Wolken zu erkennen. Das Klima war für das Carandamon erstaunlich mild. Die bittere Kälte, die sie bei längerem Aufenthalt hier erwartet hätte, blieb aus. Morwenna sah argwöhnisch aus den Augenwinkeln zu ihm. „Warum hast du mich ausgerechnet hier hingebracht?“ Sie bemerkte, dass er sich über ihre Bestimmtheit amüsierte …

„Ist die Metapher nicht offensichtlich?“ Er sah vielsagend auf die vereisten Blüten eines jungen Kirschbaums und wandte sich zu ihr. Wieder suchten seine Fingerspitzen die Nähe zu ihrer Haut. Er und fuhr ihren Unterkieferknochen entlang und hielt ihren Blick gefangen. Morwenna konnte sich nicht helfen, sie fühlte sich von seinen verschiedenfarbigen Augen so angezogen, dass sie einen Moment nicht seinen Worten folgte, sondern sich in blauen und braunen Tiefen treiben ließ. Was immer er ihr sagen wollte, es erschien ihr nichtig. Was für eine Bedeutung dieser Ort für ihn auch hatte, er würde sie ohnehin nicht freizügig preisgeben…







***






Ihr Weg führte sie den sanft steigenden Hang hinauf, dessen Gipfel nicht mehr fern lag. Die Sonne vollzog nun auch im Carandamon ihre letzte Etappe hinter die Horizonte der Welt. Ihre gleißenden Lichtspiele malten rötliche Gestalten zwischen die schneebedeckten Bäume und Sträucher. Es war ein verwunschener Ort, dessen friedliche Magie ihn berührte.

Neben ihm ging Morwenna, die er nunmehr geschickt an der Hand durch das Unterholz und unter vom Schnee geknickte, niedrig hängende Ästen hindurch führte. Die dunkle Fürstin wirkte inmitten der so unschuldigen, unberührten Schneeweite wie ein Geschöpf aus den alten Liedern. Ihr Haar bildete einen dunklen Kontrast zu ihrer Umgebung, durch den ihre Sinnlichkeit an weicher Tiefe gewann. Ihm war, als würde er die Herrin des Waldes, die Fürstin des Winters durch ihr Königreich, das ewige Eis, in dem die vollkommene Stille wohnte, geleiten. Wenn er ein Traumtänzer war, dann musste sie die Phantasie sein, die ihn in einsamen Nächten heimsuchte. Mehr noch war ihm, als sei sie ein Rausch, der ewig anhalten mochte …

Die schlanken Finger der Fürstin berührten die in Eis gelegten Blüten eines dunklen Wildapfelbaums, den sie passierten. Das Weiß der Blüten leuchtete unter dem gläsern anmutenden Kokon im Schein der Abendsonne. Unter den frostbeschlagenen Ästen hatten sich Buschwindröschen und Veilchen aus dem Schnee erhoben. „Wie ist das möglich? Warum trieb der Frühling mitten im Winter aus?“

Jornowell machte eine ausholende Geste und setzte an: „Der Frühling kam nach dem Winter.“ Seine Stimme erklang in den Tönen des Weltenwanderers, dessen Geschichten die Kinder Albenmarks schon seit Jahrhunderten in Faszination versetzten. „Doch wie jedes Jahr in der Hochzeit des Frühlings, weht ein eisiger Wind über das Carandamon, als wolle der Frost seine Herrschaft über diesen Teil der Welt in einer letzten stummen Schlacht für sich behaupten. Der Wind schlägt einige Tage die Wälder in den Winter zurück, bringt den Schnee und den Stillstand der Kälte. Doch sobald er vorüber zieht, beginnt der Frühling erneut zu leben, als sei nie etwas gewesen …“

Seine Stimme ging in einem klangenden Ruf, der aus dem vereisten Blätterdach zu ihnen wehte, unter. Jornowell lächelte. Sie waren noch immer hier!
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