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Keine Rose ohne Dorn

von Riniell
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
Tiranu
27.03.2015
12.11.2015
16
64.020
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11.04.2015 1.453
 
Der Rosenturm, Fürstensitz Langollions

Es war einer der letzten warmen Herbsttage. Der frische Westwind wehte den Geruch der Gischt in den Küstengarten, der über den Klippen des Waldmeers lag. Die Brandung rauschte in der Ferne und ließ die wenigen Albenkinder, die in den frühen Abendstunden in den Palastgärten wandelten, andächtig lauschen.

Die Gärten waren weitläufig unter dem majestätischen Fürstenturm angelegt, großzügig erstreckten sich wilde Rosenfelder zwischen den vielfältigen Kakteenarten und versreuten Küstensteinfindlingen, die von einer dünnen Salzkruste überzogen wurden. Über den Königinnen der Blumen und den murmelnden Brunnen, trugen krumme, knorrige Fruchtbäume ihr Obst. Die alte Blutbirne, dessen anregende Wirkung auf Geist und Körper weit über die Grenzen der Insel berüchtigt war, verströmte einen angenehmen holzigen Geruch. Andere Baumarten, wie Steineichen, Kastanien und Buchen zeigten bereits ihre bunt verfärbten Blätter.

Es waren die friedvollen Monate, die nach den langen Kriegen Albenmarks währten. Der Kampf gegen die Ordensritter lag seit vielen Wochen im Schatten der Gedanken der Völker. Obgleich die Narben, welche die Menschen in ihrer Welt hinterlassen hatten, wohl noch mehrere Jahrzehnte nicht verheilen würden, war es an Tagen wie diesen zu verspüren, dass sich das Leben der Albenkinder wieder der einstigen Pracht und Vielfalt öffnen würde.

Morwenna saß im letzten Lichtschein, der vom Küstenstreifen herreichte, auf einer steinernen Bank und war in ein Buch vertieft. Es berichtete ihr von der fernen Insel Tanthalia, dessen blinde Märchenerzähler und den Geschichten, die sie zu erzählen hatten.

Morwenna schmunzelte. Sie schenkte keinem einzigen Wort Glauben, das sie las. Die Märchen, die der Autor in seinen Schriften wiedergab, waren reines Seemannsgarn. Geschichten, die man Kinder vortrug, bis sie in einen traumreichen Schlaf fielen. Es war alles andere als eine Lektüre nach ihrem Geschmack. Würde jemand bemerken, welches Buch sie auf ihrem Schoß hielt, würde sie es wohl beschämt zuschlagen. Dennoch war etwas in diesen Zeilen, das sie fesselte. Der Schreiber gab die Märchen nicht Wort für Wort wieder, sondern hatte ihnen ihr eigenes Leben in seinen Schriften verliehen.

Die Heilerin wusste, wie zahlreich dieses Buch kopiert worden war und wie viele Anhänger – vor allem aus dem Volk der Kobolde – die Schriften des Autors fanden. Doch dieses Buch war keine Kopie – sie hielt das Original in den Händen. Die Handschrift war geschwungen, die Tinte an vielen Stellen ausgebleicht. Etliche Textpassagen zeigten Ausbesserungen, waren durchgestrichen und teilweise ohne Punkt und Komma verfasst. Viele Gedanken und Eindrücke waren nur in dieser in Leder eingebundenen Kladde niedergeschrieben und hatten ihren Weg in die vervielfältigte Version nicht geschafft.

Ihr kam es vor, als würde sie der Stimme des Autors aus seinen Zeilen heraus lauschen. Es war eine warme Stimme, die jedem Gefühl in seinen Erzählungen Leben und Tiefe verlieh.

Wie erbost würde diese Stimme wohl klingen, wenn sie herausfand, dass sie diese Kladde aus den Gemächern des Verfassers entwendet hatte? Der Gedanke daran rang ihr Gefallen ab.

Wenn Jornowell jemals in dem Chaos seiner Gemächer einen Überblick gewann und feststellen würde, dass die Kladde fehlte, geriete sie wohl nicht als einzige in den Verdacht. Der Sohn des Alvias‘ hatte bei Hofe etliche Verehrerinnen, mit denen er gewiss einige Affären führte. Dazu kamen die Kobolde, die mehr sein Gemach in den Monaten seiner Abwesenheit pflegten.

Morwenna schüttelte den Kopf und schlug den Ledereinband zu. Er war in der Sonne angenehm warm geworden. Sie hätte diese Kladde nicht entwenden sollen und noch kopfloser war es, so viele Stunden damit zu verschwenden, darin zu lesen. Es tat ihr nicht gut.

Schlimmer als die Stunden mit lesen zu verbringen, war allerdings, dass sie auch in der Zeit, in der sie die Kladde nicht mit sich führte an ihn – den sprunghaften und großsprecherischen Weltenwanderer – dachte. Jedes Mal fluchte sie, wenn sie sich selbst dabei erwischte, dass sie sich an ihn und seine Worte erinnerte. Jedes Mal ermahnte sie sich, dass sie gewiss nur eine von vielen war, mit denen es der Spross des Hofmeisters so hielt, wie mit ihr.

Und dennoch …

Morwenna glaubte ihm nahe zu sein, wenn sie die Schriften über seine tolldreisten Abenteuer las. Dabei stellte sie sich vor, wie unter einem Baum saß und versonnen lächelte, wenn er die Erlebnisse noch einmal durchlebte, die er niederschrieb. So wie in Vahan Calyd, als er an ihrem Bett gesessen hatte, um ihren diktierten Brief niederzuschreiben. Nur glich sein Schriftbild von diesem Brief nicht der chaotischen, unordentlichen Handschrift, die sich in der Kladde wiederfand. In diesen Zeilen befand sich die Seele des Seelenwanderers und nicht nur diktierte Worte an ihren Bruder.

Es war dumm und lächerlich romantisch, sich ihm nahe fühlen zu wollen. Und dennoch erwischte sie sich dabei, wie sehr ihr es gefiel, seine Aufzeichnungen wieder und wieder durchzugehen.

Was faszinierte sie nur so sehr an diesem Elfen? War es seine andersartige Erscheinung, die sie als Heilkundige interessierte? Noch niemals zuvor hatte sie solche Augen gesehen. Vielleicht war sie auch nur immer noch erstaunt darüber, dass er sie abgewiesen hatte … und das gleich zwei Mal. Es kamen dabei immer noch gemischte Gefühle zwischen Ärger, Kränkung und Erstaunen in ihr zum Vorschein, die sie grübeln ließen. Vielleicht wollte sie es nicht wahrhaben, dass er sie abgewiesen hatte und nicht andersherum? War es das? Verletzter Stolz? Andererseits war sie sich nicht sicher, welche Intention er dabei verfolgt hatte. Möglicherweise hatte er die Wahrheit gesprochen als er ihr gesagt hatte, er wollte ihre Aufmerksamkeit verdienen und nicht nur dem Umstand verdanken, dass sie beide nicht eine Nacht in Einsamkeit verbringen konnten.

Wenn dem so war, warum bemühte er sich jetzt nicht mehr um sie? Kein Wort hatte sie mehr vernommen, seit sie von Elfenlicht nach Langollion abgereist war. Auch bei Hofe hatte sie ihn nicht mehr gesehen.

Nichts als leere Phrasen, dachte sie sich und schalt sich eine Närrin.

Noch einmal strich sie mit den Fingerspitzen über den warmen Einband und erhob sich.

Ihr Weg führte über den angelegten Kiesweg durch den Rosengarten, hinauf auf die Terrasse, die den Turm hinter dem Festsaal umgab. Im Innern herrschte eine angenehme Kühle.

Wie sie die Tür zu ihren Gemächern in den obersten Winkeln des Turms erreichte, wurde diese vor ihr aufgerissen. Mit Verwunderung stellte sie fest, dass ihre sonst so zurückgezogene Magd mit hochroten Wangen aus ihren Gemächern eilte und sich kaum, dass sie ihre Herrin erblickt hatte, mit einem schelmischen Lächeln verbeugte und an ihr vorbeistürmte.

Morwenna sah ihr irritiert hinterher und betrat dann kopfschüttelnd ihre Räume, die rundlich den Verlauf der Turmmauern einnahmen. Der Lichtschein der untergehenden Sonne fand seinen Weg über die geöffneten Flügeltüren der großen Fensterfront in das Empfangszimmer der Fürstentochter. Der rosa Schein erhellte die grünen Sofagarnituren, die mit aufwendig bestickten Samtkissen bestückt waren, und malte ein strahlendes Rot an das Wandbild im Eingangsbereich, welches einen Flussreiherschwarm über einem türkisenen See zeigte.

Heute nahm allerdings nicht das aufwendig gestaltete Wandbild oder der atemberaubende Blick zur Terrasse heraus die Aufmerksamkeit der Heilerin gefangen, sondern das riesige Blumenbouquet, welches man auf dem Glastisch in der Mitte des Raumes drapiert hatte.

Es kam nicht selten vor, dass die Mägde an dieser Stelle Blumen aufstellten, wenn sie in Langollion weilte. Doch dieser Strauß war nicht von ihnen zusammengestellt, das erkannte Morwenna sofort, als sie zum Tisch herüber ging.

Schluckend legte sie die Kladde auf das grüne Glas neben die einfach gehaltene hölzerne Vase und betrachtete die Blüten. Ein wilder Kranz aus Farnen und Efeu hielt neben weißen und rosa gemusterten Orchideen eine einzige, rote Rose umschlungen. Ehrfürchtig strich sie über die samtene Blüte einer gefleckten Orchidee. Sie kannte diese Züchtung aus dem Garten des Alvemer-Palasts in Vahan Calyd. Auch der Wuchs der Farne schien ihr vertraut. Selbst das Holz der Vase …

Eine matte weiße Karte war im üppigen Grün verborgen. Mit spitzen Fingern nahm sie das kleine Stück Papier entgegen und las:



Ich kann Dich nicht vergessen. Ich will Dich nicht vergessen!


–J.






Morwennas Lippen bebten, als ihr klar wurde, dass diese Schrift ihr ebenso vertraut vorkam wie die Blüten. Sie schluckte erneut. Ihr dämmerte, was hinter diesem Strauß steckte. Jornowell hatte das Holz des Schiffs, mit dem sie von Valloncour nach Albenmark gereist waren, in eine Vase geformt. Er hatte die Orchideen aus ihrem Garten in Vahan Calyd gestohlen und die Farne zusammen mit dem Efeu im Palastgarten Elfenlichts geschnitten. Und die Rose … Sie sah aus den Fenstern, deren Ausblick auf der einen Seite die nahe Küste zeigte und auf der anderen ins Landesinnere reichte, wo in der Ferne das Labyrinth der Rosen lag. Sie war sich sicher, die Rose stammte von dort.

Von diesen Gedanken übermannt, nahm sie nur am Rande wahr, dass die Blüten von einem schwachen Zauber umgeben waren, der sie vor dem Verwelken schützte.

Wenn Jornowell die Rose aus Langollion genommen hatte, bedeutete dies, dass er …?

Sie zuckte unter einem warmen Hauch an ihrem Ohr zusammen. „Du hast mein Buch gestohlen …!?“
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