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Keine Rose ohne Dorn

von Riniell
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
Tiranu
27.03.2015
12.11.2015
16
64.020
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Auf den Straßen Vahan Calyds

Der Tag begann trüb. Morgendlicher Nebel vermischte sich mit dem Schwefelgeruch der Feuerwaffen.  Das Krächzen einiger Aras wob eine unheimliche Tiefe in die bleierne Stille. Überall am Hafen herrschte stumme Betriebsamkeit, dabei schien die Zeit langsam und unnatürlich zäh zu verstreichen.

Die Ordensritter hatten einen grausamen Rachefeldzug gegen die Herrschafft der Albenmark vollführt. In der Nacht waren sie in die ewige Stadt Vahan Calyd eingedrungen und hatten diese auf grausamste Weise gebrandschatzt. Unzählige Opfer hatten sie gefordert und die altehrwürdigen Straßen mit dem Blut von Albenkindern getränkt. Ebenso überraschend wie effektiv hatten die Ritter aus der Anderswelt die Stadt eingenommen und plünderten die Paläste der Edlen Albenmarks, während in den Straßen Verwundete, die man achtlos zurück gelassen hatte, um ihr Überleben kämpften. Der magische Puls der Stadt war vergangen und hinterließ einen wundübersäten, klaffenden Kadaver aus Palastruinen und zerschlagenem Prunk. Der Widerstand war gebrochen.

Zumindest war Jornowell davon ausgegangen.

Als er letzte Nacht am Hafen stand, umringt von hundert Albenkindern, um der Krönung der Königin beizuwohnen, war er angetrunken gewesen. Gemeinsam mit den stämmigen Kentauren aus Uttika hatte er voller Verblüffung erlebt, dass Emerelle zum ersten Mal in ihrer jahrhundertlangen Herrschafft nicht in der Nacht des Festes der Lichter zur Königin gekrönt worden war. Die Elfe war nicht erschienen. Stattdessen riefen die Fürsten Albenmarks Ganavee aus Arkadien zur neuen Herrscherin aus.

Die Kobolde und Kentauren hatten dies als böses Omen gesehen. Da näherten sich zwei Galeeren dem Prunkschiff der neuen Königin – und der Untergang Vahan Calyds nahm seinen grausamen Anfang. An Bord der Galeeren war Schießpulver geladen, dessen gewaltige Explosionskraft die Barkasse der Königin zerschlagen hatte, wie ein gewaltiges Feuerwerk der Zerstörung. Dann waren die Ordensritter zu Tausenden über die verstörten und panischen Albenkinder gekommen, die sich in Scharen am Hafen gesammelt hatten. Die eiskalten Mörder hatten unter ihnen ein Fest des Blutes und des Grauens begangen.

Jornowell war außer sich gewesen. Unfähig, auch nur ansatzweise einen klaren Gedanken fassen zu können, sah er sich dem Schutz der Kentauren ausgeliefert. Obgleich schlagartig nüchtern, kam er sich betäubt wie nie vor. Nie hätte er geglaubt, dass diese Stadt, welche wie kein anderer Ort die Macht Albenmarks bekundete, von den Menschen angegriffen werden könnte. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass er – ein ausgesuchter Lebemann und Kämpfer für seine Freiheit – so kurz davor stand, die Schwelle zwischen dem Lebenshunger und dem Todeswillen zu überschreiten, um sich dem Schrecken dieser Nacht entziehen zu können.

Die Kentauren hatten sich erst dem fliehenden Pulk der Albenkinder angeschlossen, der vom Hafen wegströmte. Anschließend entschieden sie sich aber, den Menschen entgegenzureiten. Jornowell war in der Massenhysterie von seinen Freunden getrennt worden. Statt sich ihrem hoffnunglosen Unterfagen hinzugeben, wählte er den Weg des Schwertes. Er war ein Elfenritter!

Bald wurden verzweifelte Kämpfe auf den Straßen, Gassen und Höfen der alten Stadt ausgefochten. Es war ohne jede Chance. Die Menschen waren überlegen. Es vergingen nur wenige Stunden, ehe die Ordensritter die Stadt eingenommen und ihre Geschosse ihren Glanz in Ruinen gelegt hatten.

Doch das Schicksal wollte nicht, dass er fiel.

Seite an Seite mit seinem Neffen Anarion war der Elfenritter nun auf verborgenen Wegen zum Fürstenturm Alvemers unterwegs, an dem sich ein kleinerer Hort des Aufstandes gegen Tod und Verderben befinden sollte. Anarion hatte ihm unlängst von diesem Ort berichtet, zu dem verwundete Albenkinder aus der gesamten Stadt gebracht wurden. Jornowell hatte nicht gezögert, Anarion zu begleiten, um das Seinige zu tun, diesen Widerstand zu unterstützen.

Wie auch Jornowell war Anarion ein Elfenritter, der persönlich von Ollowain in die vordersten Reihen der weißen Streitmacht Albenmarks berufen wurde. Er war der junggebliebene und hitzköpfige Sohn seiner älteren Schwester, einem Kampf stets geneigt und sowohl furcht- wie auch kopflos. Jornowell hatte Mühe damit, seinen Begleiter hinter den schattigen Winkeln der engen Gassen zu halten, die er als ihren Weg zum Turm von Alvemer auserwählt hatte. Wohl kein Albenkind – außer vielleicht die Holden – kannten Vahan Calyd besser, als Jornowell es tat.

Schon als Kind begleitete er seinen Vater bereits Wochen vor dem eigentlichen Beginn des Festes der Lichter, um die nötigen Vorbereitungen für den Einzug der Königin zu treffen. Statt sich aber brav und stumm bei seiner Amme aufzuhalten, erkundete Jornowell die Stadt auf seine eigene kleine Faust und wäre dabei beinahe in den nahen Mangroven ertrunken. Doch auch an jedem darauffolgenden Fest zog er es vor, die feiernden Elfen zu meiden und sich stattdessen die Minotauren, Kobolde und Apsaras als passendere Gesellschafft auszusuchen und stieß so in die entlegensten Teile der Stadt und sowie die der Sitte und Moral vor.

All diese Erinnerungen an durchzechte Nächte und feiernde Albenkinder lagen nun in Ruinen vor seinen Füßen. Es war nicht das erste Mal, dass Vahan Calyd derart verwüstet wurde. Damals hatte er sich nicht in der Stadt aufgehalten, sondern den Schrecken nur aus Berichten anderer mitbekommen. Diese ihm so geliebte Stadt so sehen zu müssen, brach ihm beinahe das Herz.

„Es ist nicht mehr weit, warum gehen wir nicht schneller voran?“ Anarion klang ungeduldig hinter ihm und Jornowell verdrehte die Augen.

„Ein schnelles Vorankommen bedeutet möglicherweise auch einen schnellen Tod“, entgegnete er gereizt. Noch immer waren die Ordensritter in der Stadt und plünderten Vesten und Paläste. Es war dumm, ein unnötiges Risiko einzugehen.

„Die Elfe im Orchideengarten hat sich von ihnen nicht so einschüchtern lassen.“

‚War ich jemals so jung?‘, fragte sich Jornowell, als sie sich weiter die Gasse hinauf pirschten und schließlich dem Tor des für seine Schönheit berühmten Orchideengarten von Alvemer gegenüberstanden.

Der große Vorplatz, der sie noch vom Turm trennte, lag verlassen vor ihnen. Jornowell und Anarion gelangen ungesehen durch einen langen Tunnelgang in den Garten, dessen Blütenduft die Luft tränkte. Eine kristallene Kuppel verlieh dem Ort eine entrückte Atmosphäre und wirkte abschirmend vor dem Schrecken, der hinter ihnen lag.

Was ihnen aber vor den Füßen lag, schockte den Elfenritter. An den Rändern der zahlreichen schmalen Blumenbeete lag Verwunderter an Verstümmeltem. Elfen, Kobolde, zwei Kentauren und selbst Blütenfeen hatten sich auf die Grünflächen niedergelegt. Wenige Helfer und Heiler gaben ihr Bestes, um die Albenkinder zu versorgen. In einer Ecke waren unter einem Laken mehrere reglose Körper übereinandergestapelt. Zwischen dem Schweigen der Heiler und dem Stöhnen der Verwundeten war das Murmeln einiger Brunnen und das Zirpen von Singvögeln zu vernehmen. Tausende Blüten vermochten nicht zu überdecken, was er hier sah.

Dies war kein Hort des Widerstands, sondern vielmehr ein letzter Versuch, sich gegen Tod und Zerstörung aufzubäumen. Es gab keine Wachen, keine Krieger, die diesen Garten gegen den sehr wahrscheinlichen Fall, dass sich die Ordensritter auch hier nicht auf Gnade berufen würden, verteidigen konnten.

Jornowell durchschritt die Reihen der Verwundeten und versuchte, sich zu sammeln. Am Rande des Gartens bemerkte er viele Gesichter, die sich trotz des Elends der Schönheit dieses Ortes nicht verschließen konnten. Gemeinsam schöpften diese Helfer Wasser aus den Brunnen, kümmerten sich um Kinder oder schnitten Stoffbahnen für die Verletzungen der anderen Albenkinder.

„Bringt ihn hierher, die Blumen scheinen ihm zu gefallen. Achtet aber darauf, dass er den Kopf nicht dreht.“ Die Stimme, die dies ausgesprochen hatte, klang zwischen Bestimmtheit und Zuversicht. „Naylin, sorg dafür, dass dieser Holde die doppelte Ration Wasser bekommt. Er hat zu viel Blut verloren … Dann hilf deiner Schwester dabei, die zerschmetterten Vorderläufe des Kentauren zu richten. Wendet euch an mich, falls es euch nicht gelingen sollte.“

„Jawohl, Herrin“, kam die zweifellose Antwort. Die junge rothaarige Elfe eilte an Jornowell vorbei, um die Anweisungen auszuführen. Ebenso wie die anderen Helfer, welche sich bestimmt ihren Aufgaben widmeten.

Die zierliche Elfe, die inmitten der Geschehnisse stand, koordinierte noch einige weitere Heiler, ehe sie sich in dem großzügig angelegten Garten umsah. Dabei strich sie sich die dunklen Locken aus dem Gesicht, die aus ihrer schlichten Hochsteckfrisur gefallen waren. Ebenso wie die anderen Elfen trug auch sie noch ihre festlichen Roben. Ein schulterfreies Kleid in der Farbe des Nachhimmels betonte ihre schlanke Figur und ließ sie gleichzeitig erhaben erscheinen.

Jornowell wusste, dass in der letzten Nacht die Fürstin Ganavee aufgrund der Abwesenheit Emerelles zur nächsten Königin Albenmarks gewählt worden war, bevor das Morden begonnen hatte. Wie so viele andere war auch sie dem Feuer der Ordensritter zum Opfer gefallen. Morwenna war von diesem Schicksal verschont geblieben und ebenso wie dem Tod schien sie der Wahl der Elfenfürsten die Stirn zu bieten. Inmitten des alten Gemäuers, umrankt von Blüten und Efeu, wirkte sie wie eine Königin, zu der das Volk aufblickte.

Sie war unvergleichbar schön.

Anarion räusperte sich neben ihm, sodass Morwenna zu ihnen blickte. „Meine Herrin, wir sind gekommen, um unsere Hilfe anzubieten. Mein Name ist Anarion und dies ist mein Onkel Jornowell. Wie können wir euch unterstützen?“

Die dunkelhaarige Heilerin wirkte überrascht, sie zu sehen. Jornowell fragte sich, ob sie ihn überhaupt erkannte. Er selbst hatte noch immer einen Anflug von schlechtem Gewissen, wenn er an sie dachte. Er hatte sie bei ihrem letzten Zusammentreffen weder ihrem Stand angemessen behandelt, noch sich für ihre Hilfe bedankt.

Einen Moment lang schwieg sie, dann bedachte sie beide mit einem strengen Blick: „Ist euch jemand hierher gefolgt?“

„Nein, niemand“, entgegnete Anarion selbstsicher und ohne zu zögern. Einige Herzschläge lang bedachte Morwenna ihn kritisch: „Die anderen Heiler und ich sind am Ende unserer Kräfte. Wir haben kein Wundbesteck, mit dem wir operieren könnten. All unsere Macht wird dazu benötigt, die Verwundeten am Leben zu erhalten. Dabei ist dies nur ein Wettlauf gegen die Zeit – uns fehlen die Mittel, um sie versorgen zu können. Wir brauchen Nahrung und das fehlende Wundbesteck.“

„Die Fürsten haben sich alle auf große Feste vorbereitet. Die Türme müssen überquellen vor Lebensmittel für ganze Festbankette. Sicherlich wird sich auch Wundbesteck finden lassen …“

Anarions Einwand wurde von Morwenna mit einer gehobenen Braue bedacht. „Natürlich habe ich bereits Männer in die Stadt ausgeschickt, doch sie sind alle nicht zurückgekehrt. Der Turm von Alvemer ist vollständig geplündert worden.“

„Der Turm unserer Familie ist nicht – zumindest noch nicht – geplündert worden. Er liegt nicht weit von hier, dort werden wir ausreichend Lebensmittel finden.“

Morwenna wechselte einen Blick mit Jornowell und er nickte: „Wir werden den Weg durch die Kanalisation wählen. Dort wird uns kein Ordensritter sehen.“

Als er das Wort Kanalisation gesagt hatte, bedachte Morwenna ihn mit einem Blick, der deutlich machte, wie passend sie diesen Ort für ihn hielt. Jornowell ärgerte sich ein wenig über ihre Überheblichkeit. Wie sie sich gab, zeugte weder von Dankbarkeit noch von Wertschätzung. Dennoch wollte er sich ihr gegenüber erkenntlich zeigen. Sie hatte in ihrem Vorhaben die Unterstützung verdient, die sie ihr anboten, ganz gleich, wer sie war und wie sie diese Hilfe entgegennahm.

Er würde sie nicht enttäuschen – und ihr beweisen, dass er nicht der sprunghafte Elf ohne Anstand war, für den sie ihn hielt. Wenn er letztlich ehrlich zu sich selbst war, konnte er ihr nicht einmal übel nehmen, dass sie eine solch niedrige Meinung von ihm hatte.

***


Die Nacht war längst über die hohen Türme der Hafenstadt gezogen, als sie sich auf dem Rückweg zum Orchideengarten befanden. Die steinernen Decken der Kanalisation warfen eine angenehme Kühle zurück und hallten ihre Schritte wider. Der Gestank allerdings …

Jornowell blickte hinter sich, wo Anarion sich an seine Fersen geheftet hatte. Sein Neffe war ungeduldig, der Drang sich zu beweisen, sprach in dieser Nacht aus all seinen Taten. Wie auch Jornowell hatte er sich mehrere Taschen voll mit Essen, Verbandsmaterial und Wundbesteck umgehangen. Immer wieder drängte er zur Eile.

„Kann es sein, dass dir an mehr gelegen ist als an der Genesung der Verwundeten? An der Aufmerksamkeit einer bestimmten Elfe vielleicht?“, fragte Jornowell mit einem erheiterten Lächeln auf den Lippen.

Anarion sah zu ihm auf, auch er lächelte: „Sie ist beeindruckend, nicht wahr?“

Jornowell schüttelte den Kopf. „Eher kalt und herablassend. Vergiss nicht, wer sie ist und aus welcher Sippe sie stammt.“ Dies waren die Worte, die er als Onkel seinem Neffen schenkte, doch Jornowell, der Mann hinter diesen Worten, konnte Anarion verstehen.

„Ich kenne rein zufällig einen Elfen, der sich trotz der Schwüre, die sein Vater geleistet hatte, gegen jedwede Erwartung und Pflicht seiner Sippe stellte. Er hat mir einmal beigebracht, dass man Personen nur aufgrund ihrer Taten beurteilen sollte, niemals aufgrund ihrer Abstammung. Was ist aus diesem Elfen geworden?“

Jornowell legte nicht ohne Stolz seinem Neffen einen Arm um die Schulter: „Möglichweise will dieser Elf etwas nicht wahrhaben …“

***


Morwenna beugte sich über eine Elfe, deren Arme unter starken Verbrennungen leiden mussten. Sie waren in dicke Verbände gewickelt worden. Man hatte der totenblassen Elfe das Kleid bis zu den Hüften herabziehen müssen, um sie behandeln zu können. Als der Elf in ihr Gesichtsfeld trat, versuchte sie, ihre Blöße zu bedecken. Sie zuckte allerdings nur heftig unter den Schmerzen zusammen, die sie im nächsten Moment zu überwältigen schienen.

Jornowell zog Anarion ein Stück zurück und wurde dabei von Morwenna mit einem bitterbösen Blick bedacht. Innerlich schalt der Weltenwanderer seinen Neffen für seine Unbedachtheit, sich der Verwundeten derart zu nähern. Sein jungendhaftes Ungestüm war hier absolut fehl am Platze. Anderseits wusste er, dass der Sohn seiner Schwester nur helfen wollte. „Geh zum Tor und halte dort Wache!“

„Was?! Aber …?“

„Tu, was ich dir sage. Wenn du wirklich helfen willst, dann warne uns, falls sich die Ordensritter hier noch einmal blicken lassen sollten!“

Anarions Blick änderte sich und wurde ein wenig abschätzend. Der Trotz sprach aus ihm, als er mit einem kurzen Blick zu Morwenna hin sagte: „Ich verstehe. Wie mir scheint, sind dir meine Interessen ein Dorn im Auge …“ Er wandte sich dennoch zum Gehen und sein Onkel war froh, dass er keinen Streit vom Zaun brach.

Seufzend wandte Jornowell sich um und blickte in die obsidianschwarzen Augen von Morwenna. Die Elfe stand völlig unvermittelt direkt vor ihm und hatte die Arme vor der Brust verschränkt, auf ihren vollen Lippen lag ein spöttisches Lächeln: „Anstand und Sitte scheinen in deiner Familie wohl ein großes Thema zu sein.“

„Ich entschuldige sein Ungestüm. Er will nur helfen, wo er kann.“ Er deutete auf die vielen Beutel, die Anarion und er vor dem Brunnen im Zentrum des großzügig angelegten Gartens niedergelegt hatten. „Wir haben genug Lebensmittel für die nächsten Tage zusammengetragen. Hoffen wir, dass wir hier so lange nicht ausharren müssen.“

Morwenna wandte sich nicht zum Brunnen um, sondern hielt seinem Blick stand. Sie wirkte wenig beeindruckt. Erwartete sie, dass er noch etwas sagte?

„Wie kann ich helfen?“ Mit dieser Frage zeigte sich die Elfe anscheinend zufrieden. Sie kam einen Schritt auf ihn zu, noch immer durchbohrten ihre dunklen Augen seinen Blick. Er kam sich vor, als würde er einer Musterung unterzogen.

„Das Mädchen dort ist die Tochter von der Verwundeten mit den Verbrennungen.“ Die Heilerin sah zum Rande des Gartens, wo sich mehrere Kinder um einen kleineren Brunnen sammelten. Sie sprach leise: „Das Mädchen fürchtet sich vor dem Anblick ihrer Mutter und diese sieht sich momentan außer Stande, sich um sie zu kümmern. Geh zu ihr und lenk sie und die anderen Kinder von dem Elend hier ab.“

Eine steile Falte erschien auf der Stirn des Blonden. Jornowell kam sich herabgesetzt vor. Eine Amme zu spielen war nicht seine Vorstellung von Hilfeleisten. Dennoch widersprach er der Elfe nicht. Er wollte nicht, dass sie dachte, er sei sich zu schade für solch eine Aufgabe. In Wahrheit war er froh, eine Beschäftigung zu haben, die auch ihn von dem Gefühl der Machtlosigkeit ablenken würde. Außerdem war er immer gut mit Kindern gewesen und ihm würde es gewiss gelingen, sie ein wenig aufzuheitern.

„Worauf wartest du? Du hast doch auch sonst so viele Geschichten zu erzählen …“

***


Der Heilerin fiel es schwer, sich auf die Versorgung ihres Patienten zu konzentrieren. Den Armbruch zu richten war eine Aufgabe, die ihr normalerweise leicht von der Hand gehen würde. Doch zwischen dem Plätschern der Brunnen hallte eine warme Stimme über das naheliegende Blumenbeet. Seit geraumer Zeit opferte sich ein großer Teil ihrer Aufmerksamkeit dieser Stimme. Sie sprach von aufregenden Abenteuern in fremden Ländern und anderen Welten.

Morwenna sah auf und blickte herüber zu Jornowell, der sich auf dem steinernen Rand des Brunnens niedergelassen hatte und zu den Kindern sprach. Die kleinen Elfen und Kobolde saßen ihm zu Füßen und jedes der Kinder schenkte ihm mit großen Augen seine Aufmerksamkeit, stellten ihm aufgeregte Fragen und verlangten unermüdlich, dass er weitere Geschichten erzählte. Inzwischen war es tiefe Nacht, der Garten wurde von silbernen Lampions erhellt, die ihr Licht in die verborgenen Winkel des kleinen Wunderreiches sandten. Eigentlich sollten die kleinen Albenkinder längst erschöpft eingeschlafen sein, doch wann immer Jornowell feixend von etwas berichtete, lachten die Kinder, welche vor wenigen Stunden noch verängstigt an der Mauer gekauert hatten, laut und unbeherrscht auf. Sie waren wie gebannt von seinen Erzählungen. Und nicht nur die Kinder fanden Gefallen an seinen Abenteuern – Morwenna war sich sicher, dass sie zum Großteil aus den Fingern gesogen waren – zu finden. Etliche Verwundete zeigten ebenso ein Lächeln auf den Lippen, wenn er die Stimme hob, ganz so als hätten sie ein klein wenig Frieden für sich gefunden.

Jornowell sah unvermittelt auf, direkt zu ihr herüber. Er stockte in seinen Erzählungen. Einen Moment lang hielten sich ihre Blicke gefangen und Morwenna stellte verblüfft fest, dass sie selbst aus dieser Entfernung die verschiedenen Farben seiner Augen ausmachen konnte. Es war nur die Länge eines Herzschlags, den sie sich einfach nur ansahen – und genauso plötzlich wie dieser Moment gekommen war, war er wieder vorüber.

Sie senkte den Blick. Noch lange waren ihr seine Worte von ihrer letzten Begegnung, als er vor ihr im Krankbett gelegen hatte, in den Ohren widergehallt. Die Trauer in ihren Augen, von der er gesprochen hatte, sah sie am heutigen Tag in vielen Gesichtern. Und anders als sie, vermochte er diese Trauer wenigstens für einige Momente in ein Lachen zu verwandeln. Er lenkte die Kinder mit den Erzählungen über feuerspeiende Drachen, zauberwebende Dryaden und geheimnisvolle Dunkelalben ab und half dabei, ihre unschuldigen Seelen wenigstens ein klein wenig von dem Leid, das sie heute erfahren mussten, zu heilen. Leise wurde in ihr der Wunsch wach, dass es jemanden geben würde, der ihr ein Lachen schenken könnte.

In Gedanken versunken machte sie sich wieder daran, die Knochen ihres Patienten zu richten, als Jornowell erneut ansetzte.

„In einem fernen Sommer meiner Jugend wagte ich eine lange und gefährliche Reise auf die Insel Langollion. Viele meiner Freunde wollten mich abhalten, dieses Reiseziel zu wählen. Sie warnten mich vor den Ungeheuerlichkeiten, denen man auf Langollion begegnen konnte – Diese ebenso riesige wie schroffe Insel, mit steilen Felsküsten und tiefen, verwunschenen Wäldern.“

Jornowells Stimme klang gespielt finster und bedrohlich, er schaffte es, eine atmosphärische Stimmung bei den Kindern aufzubauen. Viele von ihnen machten große Augen oder hatten die kleinen Münder aufgeklappt.

„Doch sie konnten mich mit ihren Warnungen nicht abhalten, denn schon oft habe ich von der Schönheit des riesigen Rosenlabyrinths gehört, welches sich auf der fernen Insel befinden sollte. Man erzählt sich, dass sich inmitten dieses Labyrinths ein Quell mit kristallklarem, süßem Wasser, der die Schönheit der Rosen nährt und das Land zum Blühen bringt, befinden soll. Wer aus diesem trinkt, so heißt es weiter, sollte eine Erkenntnis über das Leben erhalten, die von den Alben persönlich geschickt wurde.

Also reiste ich nach Langollion und mein Sinn für Abenteuerlust wurde nicht enttäuscht: Selbst die Einheimischen warnten mich davor, das Labyrinth zu betreten, denn viele, die es wagten, dort hineinzugehen, kamen nicht mehr zurück.“ Er machte eine unwirsche Geste mit der Hand, als wolle er die Einwände in der Geschichte beiseite wischen. „Nun, da ich schon so weit gereist war und die Schönheit der wuchernden Rosen erblickte, ließ ich mich nicht mehr von meinem Vorhaben abbringen, und betrat das Labyrinth. Und tatsächlich – ich begegnete der ein oder anderen Kreatur der Finsternis, die mich aufhalten wollte, doch furchtlos trat ich ihnen entgegen und konnte am Ende den Quell erreichen.“

Er kniff die Augenbrauen zusammen, als würde er schwer über etwas nachdenken: „Ich denke, ich kann euch anvertrauen, welche Erkenntnis ich von dem Quellwasser erhielt: So bedrohlich die Rosen des Labyrinthes mit ihren zahlreichen Dornen auch gewirkt haben, am Ende hat es sich gelohnt, die Hindernisse, die sie umgaben, zu bewältigen und die Dornen an ihr hinzunehmen, denn die Schönheit von ihnen zu erblicken, war alle Mühen wert. Ihr werdet feststellen, so ist es mit vielen Dingen im Leben: Man muss um vieles kämpfen, um es zu erreichen und am Ende lohnt es sich deshalb umso mehr.“ Damit endete der Weltenwanderer seine Geschichte.

Erneut blickte er zu ihr herüber und diesmal schenkte er ihr ein warmes Lächeln, das sie nicht richtig einzuordnen vermochte. Dieser Vergleich mit der dornigen, schönen Rose … wollte er damit etwa andeuten …?

Elender Aufschneider, dachte Morwenna und schüttelte den Kopf. Sie hatte noch nie von einem Quell oder dergleichen innerhalb des Labyrinths gehört! Romantische Vergleiche wie diese schien er jedenfalls zu Genüge geübt zu haben, dessen war sie sich sicher.

Sie sah zu ihrer Patientin. Die Koboldfrau hatte ein vielsagendes Lächeln aufgesetzt: „Ich wusste gar nicht, dass Elfen wie du rot werden können … Ist er dein Stech… ähm Geliebter?“

„Nein“, entgegnete die Elfe gereizt. Sie war sich sicher, dass die Frau log. Sie wurde nicht rot wie eine frischverliebte Jungfer! Sie wollte sie gewiss nur reizen … Jornowells Vergleich – und auf wen er damit abzielte – war allzu eindeutig gewesen.

Die Alte lachte und zwinkerte ihr verschwörerisch zu: „Nun, ich bin mir sicher, er wäre es gerne.“

Morwenna schwieg und brachte ihre Aufgabe gewissenhaft zu Ende, ehe sie sich dem nächsten Patienten widmete. Dies war nun schon das dritte Mal, dass sie sich über den Sohn des einstigen Haushofmeisters der Königin ärgerte. Er sollte es besser nicht auf die Spitze treiben …
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