Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Keine Rose ohne Dorn

von Riniell
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
Tiranu
27.03.2015
12.11.2015
16
64.020
3
Alle Kapitel
14 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
05.11.2015 7.102
 
Ein gläserner Palast





Der Regenfluss füllte die steinernen Bäuche der Wasserspeier am Fuße des gefliesten Plateaus, bis er sich rauschend in dutzenden filigranen Sturzbächen hinunter ins Tal ergoss. Unter den Bögen dieser Wasserfälle, an der steinernen Außenmauer des hochherrschaftlichen Anwesens, verlief eine breite Treppe, die zu tiefer liegenden Plateaus über den Wäldern führte.

Es war so dunkel, dass er die niedrigen, aber umso glitschigeren Stufen unter seinen Füßen kaum ausmachen konnte. Der nahende Tag ließ sich Zeit, über die Welt zu kommen. Langsam zweifelte Jornowell daran, den richtigen Ort für seine Suche auserkoren zu haben. Es wäre doch besser gewesen, sich weiterhin in der Küche zu betrinken. Armutszeugnis hin oder her …

Er sprach einen Zauber, der eine grünliche Lichtkugel in seiner Hand erscheinen ließ. Behutsam schickte er sie hoch über seine Schulter, wo sie vom Regen immer wieder in die Tiefe gedrängt wurde, aber tapfer an seiner Seite die restlichen Stufen hinabschwebte.

Zwischen Kies, Erde und Moos war ein abgetretener Pfad zu erkennen, dessen Spuren an ein großes, bewachsenes Tor führten. Filigrane Arkaden, halb dem Zerfall unterworfen, bildeten einen Gang hinter diesem Tor. An seinem finsteren Ende lag der ‚gläserne Palast‘. Jornowell wusste, dass dieser Name der Bauart des Gebäudes geschuldet war. Mehrere Kuppeln aus filigranstem Kristallglas überdachten ein durscheinendes Refugium, dessen Wände ebenso zerbrechlich wie erhaben einen Schatz hüteten, an den Gold und Edelsteine nicht heranreichen.

Der Weltenwanderer war ein einziges Mal bereits hier gewesen und war beeindruckt von der exotischen Pflanzenvielfalt, welche dieses Ziehhaus im Innern bot. Hunderte Blüten aus allen Regionen Albenmarks, Farne, Obstbäume, Kakteengewächse und Moose bewucherten mehrere Ebenen im Rücken des eigentlichen Palastes über der Talsohle. Die Fürsorge von etlichen talentierten Feen ließ dieses Reich geheimnisvoll und verspielt zugleich erscheinen. Zwischen Farnblättern und Buschröschen hatten sie aus Tonscherben Muster gelegt, züchteten die farbenprächtigsten Schmetterlinge und erschufen künstliche Bachläufe, die selbst der aufmerksamste Beobachter nur als sanftes Tröpfeln mitbekommen dürfte.

Jornowell fand die gläserne Eingangstür einen Spalt weit geöffnet vor und seine Zuversicht, Morwenna hier zu finden, wuchs. Er hatte lange gezögert, ihr zu folgen. Hätte des Weltenwanderers Schwester ihn nach Morwennas Verschwinden in den Küchen vorgefunden, hätte sie sein Verhalten im Bestfall als ‚Schmollen‘ abgetan. Er schnaubte, als er an das Gesicht seiner Schwester und an Morwennas Worte denken musste. ‚Infantiles Verhalten‘! Warum warf ihm das jeder immerzu vor?

Vorsichtig betrat er das Innere des Gewächshauses und war froh über die angenehme Wärme, welche ihm entgegenwaberte. Eine gewisse feuchte Note, gemischt mit unzähligen schweren Gerüchen hing in der Luft. Der Geschmack von Erde legte sich auf seine Lippen, als er in der Dunkelheit nach Orientierung suchte.

Zwischen den finsteren Gebilden, die von Blättern, Ästen, Büschen und Blüten gebildet wurden, hingen winzige Kokons aus magischem Licht über dem Boden. Ihr Leuchten zeichnete knochige Schatten in die Szenerie.

„Morwenna?“, rief er in die zwielichtige Welt aus Düften und Schattenspielen. Sein Instinkt hatte ihn selten getäuscht.  Sie musste hier sein!

Man hatte ihm erzählt – als es längst zu spät und das Abschiedsfest bereits zu weiten Teilen ausgerichtet war –, dass dieses Anwesen einst von der ältesten Schwester der Fürsten geführt wurde. Dieses Gewächshaus war ihr Werk und ihr Vermächtnis. Auch wenn man nicht viel über diese Elfe wusste, so glaubte Jornowell doch, ein Stück ihrer Seele auf den geplättelten Pfaden, unter dem Baldachin einer großblättrigen Palme, in dessen Schutz blaue Veilchen aus dem Boden ragten, zu finden.

Jornowell schritt durch verschiedenste Vegetationsarten, stieg über Bäche und Rinnsale und unzähmbare Wurzeln. Immer wieder führten kleine Treppen in tiefer liegende Ebenen, die sich dem abschüssigen Hang anpassten, auf denen sie errichtet waren. Das Klima wechselte, ebenso wie die Farben der Leuchtkokons. Immer tiefer Drang er in dieses Reich, welches keine Jahreszeiten zu kennen schien, ein. Dabei begleitete ihn der grünlich strahlende Lichtkegel seiner Magie, welche seine Umgebung um etwa eine Armlänge weit für ihn deutlich sichtbar werden ließ.

Während von außen der stärker werdende Regen an die Scheiben klatschte, war es im Innern so ruhig, dass ihm schauderte. Bei seinem ersten Besuch klangen die Pfiffe einiger Vögel, das Flattern der Feen und das Quaken von Fröschen durch das Dickicht. In dieser Nacht schien die kleine, abgeschottete Welt zu schlafen.

Dennoch erwartete er, hinter jeder Ecke die Fürstin zu finden. Welches Spiel übte sie an ihm?

Als er drei weitere Stufen in den nächsten Raum hinabschritt, empfing ihn eine tiefere Dunkelheit als noch in den Räumen davor. Einzig einige spärlich verteilte, golden leuchtende Lichtfragmente erhellten in winzigen Kegeln das Blätterdach über seinem Haupt, doch der Boden blieb finster.

So hielt er kurz inne und musterte den Weg vor seinen Füßen, der keiner mehr war. Er erkannte, dass er in der größeren Halle, die das Ende des Ziehhauses markierte, angekommen war. Sie war von einem lichten Obsthain gezeichnet, der sich hin und wieder in scheinbar wildwachsenden Wiesen unterbrach. Aus einem hinteren Winkel war das Murmeln eines Brunnens zu hören. In seinen Wogen schwirrten zierliche Goldfische im Schatten von Seerosen, erinnerte er sich. Er ging dem Raunen des Wasserspiels entgegen.

Im Schein des raren Lichts konnte er eine Gestalt am Rande des Brunnens ausmachen. Ihr Kleid lag in einer silbernen Kaskade um ihre sehnige Figur und umhüllte ihre Beine, welche lang und angewinkelt über den Rand des mit Sandstein eingefassten Brunnens reichten.  Ihr rabenschwarzes Haar, noch immer festlich zusammengesteckt, fiel halb offen über ihre Schultern. Sie hielt sich weit gebeugt über die Wasseroberfläche und ließ ihre Fingerspitzen träge über sie gleiten.

Jornowell überwand die Distanz zu ihr, über weiches Moos und scharrendes Laub, zwischen gefallenen Kirschen und wuchernden Heidelbeeren, und blickte neugierig über ihre Schultern. Der goldgelbe Umriss eines kleinen Fischs tanzte in den Wellen, welche die Finger der Fürstin erschufen. Für einige Zeit war ihr Spiel, verwischt im Klang des Regens, das einzige Geräusch, welcher die Ruhe durchbrach.

„Meine älteste Schwester erschuf dieses Reich. Sie … Luana war eine wunderschöne Elfe und so begnadet, wenn sie von etwas  sprach, was ihr teuer war. Ihr Wille war unerschütterlich, doch nie auf sich selbst ausgerichtet …“, murmelte Morwenna in die Dunkelheit, als würde sie überhaupt nicht bemerken, dass er hinter ihr stand. „Ihr Lehrmeister förderte ihre besonderen Talente, die weitab derer von uns anderen lagen … oder im Interesse von Mutter. Er lehrte sie Dinge über eine nicht existente Gleichheit aller Lebewesen, einem gewaltlosen Miteinander. Und obwohl Luana die Erbin der Fürstenkrone war, noch vor Arien und Selin, wandte sie sich innerlich von Mutter und ihren Idealen ab. Stattdessen strebte seinem Bild der absoluten Gerechtigkeit entgegen und sollte daran zerbrechen, es nie gefunden zu haben. Als Mutter herausfand, welche Theorien sie vertrat und wie sehr diese bereits in ihr verankert waren, schickte sie Luana fort – dieses Anwesen sollte ihr Exil sein.“

Morwenna ließ sich Zeit, weiter fortzufahren und so setzte sich der Blonde schweigend neben sie. Das Gesagte ließ ihn nachdenklich werden. Bevor er vor zwei Tagen auf diesem Anwesen angekommen war, hatte er den Namen Luana nicht einmal gehört. Sicher, Alathaia hatte viele Kinder geboren, aber eigentlich hatte er geglaubt, sie alle vom Hörensagen zu kennen.

Was musste in einer Elfe vorgehen, ihr eigenes Kind zu verstoßen? Von ihren Geschwistern zu trennen, als würde sie eine Schwachstelle im Glied der Kette einfach herauszuschneiden?

„Ich weiß, was du denkst und ich dachte es lange Zeit auch, aber …“ Erneut stockte die Elfe. „Mutter verbannte sie nicht, nicht wirklich. Sie schützte sie. Mutters Streben sollte Luanas Herz nicht schwärzen oder sie gar vor eine Entscheidung stellen, die sie nie hätte treffen können. Sie sah, dass ihre Meinung bereits geformt und ihr Wesen zu bestimmt war, um ihr in den Krieg nachzufolgen, also nahm sie ihrer Erstgeborenen die Entscheidung ab und wählte lieber den eigenen Schmerz, als die Seele ihres Kindes zu zerreißen.“

Redete sie sich das wirklich ein?

„Wie viele ihrer anderen Kinder fielen für ihren Wahnsinn?“, wagte Jornowell zu sagen.  

Morwenna sah ihn an, ihre Augen feucht von Tränen, doch ungetrübt in ihrer Sicht: „Wir … Sie gingen freiwillig mit ihr.“

‚Umso schlimmer, dass sie es zuließ …‘

Es schien ihm besser, nicht weiter darauf einzugehen. „Was wurde aus Luana?“

Morwenna fuhr so hart durch das Wasser, dass der Fisch erschrocken das Weite suchte. „Sie ist tot, das ist alles, was zählt.“ Mit versteinerter  Miene wandte sie sich vom Brunnen ab, ihr Blick ging in die Leere: „Diese Hallen sind alles, was von ihr blieb.“

Jornowell beschloss, nicht nachzuhaken, auch wenn das Gesagte ihn keineswegs zufrieden zurückließ. Er ahnte, dass dies nur der aufkommende Wind vor den brodelnden Gewitterwolken war, welche auf ihn zuhielten. Ihre Vergangenheit war ein Mysterium, das er sowohl fürchtete, wie auch erschließen wollte…

Der Weltenwanderer fühlte ihre feuchten Fingerspitzen über seinen Handrücken tanzen und sah wieder zu ihr auf: „Wenn ich eher gewusst hätte, dass sie hier lebte …“

„Bitte“, murrte sie und legte die Stirn in Falten. „Ich habe mich mit Tiranu heute schon lange genug darum gestritten.“

Langsam ging ihm auf, weshalb die Geschwister verspätet im Ballsaal erschienen und weshalb sie so missmutig gestimmt waren …  Nun hatte der Fürst also einen Grund mehr, ihn zu verachten. Wie oft mochte die Heilerin ihn wohl schon aus dessen Schusslinie gezogen haben, ohne dass er etwas davon ahnte?

„Ihr macht mir meine Arbeit nicht eben leichter …“, bemerkte er, nicht ohne einen Hauch von Verzweiflung.

Ihre kühlen Finger strichen weiter über seine Hand, welche auf dem rauen Brunnenrand ruhte. „Das kann ich mir vorstellen“, verriet sie mit einem einnehmenden Tonfall. Die Trauer aus ihrem Blick war gewichen, für eine besondere Art von Aufmerksamkeit, die allein ihm galt. Er wusste, dass er nicht dem Ebenbild eines Edlen unter den Elfen entsprach. Seine verschiedenfarbigen Augen, blau und braun, verschreckten viele auf den ersten Blick. Dazu die dunklere Färbung seiner Haut, die im Kontrast zu dem selten glatt gekämmten, aschblonden Haar stand … nein, edel war er nicht, und dem entsprach auch sein sprunghafter, impulsiver Charakter.

Ihre Musterung aber sprach von einer aufgeregten Faszination, als sie ihm in die Augen sah. Er mahnte sich zur Vorsicht. Eigentlich war er gekommen, um mit ihr zu sprechen … Alles, was er im Moment hörte, war das Plätschern des windgerissenen Regens. Ihre Finger wanderten höher …

„Morwenna“, hielt er sie an und entzog ihr seine Hand. „Hör auf, diese verdammten Spiele fortzuführen! Wenn du mit mir noch immer nicht aufrichtig sein kannst, dann ….“

In ihren dunklen Augen zeigte sich eine Mischung aus Unverständnis und Unbehagen. Ja, auch ihm fiel es schwer, die passenden Worte zu finden und er wünschte sich so sehr, dass sie endlich den Mund aufmachen würde. Da saß sie, die Fürstin Langollions, in ihrer perfekten Maskierung: gewandet in eine prächtige Robe, das Licht fing sich in den dunklen Steinen ihres Diadems, im dunklen Haar – und sie wirkte verletzlich wie niemals zuvor.

„Möchtest du, dass ich gehe?“ Er erinnerte sich an die Nacht in Vahan Calyd, nach den Angriffen der Ordensritter, als er sie auf dem Balkon über den Orchideengärten aufgrund ihres beharrlich abweisenden Verhaltens zurücklassen wollte. Damals hatte es sie beinahe in Panik versetzt, allein zu sein. Ob diese Wendung noch einmal griff?

Er stand auf, als sie ihn weiterhin nur anstarrte und einen inneren Kampf ausfocht, von dem er nichts erahnen mochte.

Fast hatte er für sich tatsächlich die Entscheidung getroffen, einfach zu gehen. Er kam keinen Schritt weit, als sie hörbar hinter ihm auf den Stein schlug: „Was willst du von mir hören, was du nicht ohnehin schon zu wissen scheinst? Warum quälst du mich?“

Jornowell schloss die Augen und wandte sich zu ihr: „Ich möchte dich nicht zwingen, etwas …“

Der Zorn in ihren Augen glomm dunkel, als auch sie vom Stein aufsprang: „Aber das tust du! Jeden Tag, seit du hier bist, mit jedem Blick, jeder Geste und jedem Lächeln!“

„Ich werde gleich morgen mein Amt niederlegen, wenn du es verlangst.“

„Wage es nicht, diese Entscheidung auf mich abzuwälzen.“ Ihre Stimme erhob sich, hallte unter dem Prassen des Regens bis tief in sein Mark. „Wenn du gehen willst, dann geh! So wie jedes Mal, wenn du etwas überdrüssig geworden bist!“

Ihm blieb nur, sie entsetzt anzustarren: „Was…?“

„Ist es nicht so?“ Ihre Hände zitterten, als sie eine weit umfassende Geste machte. „Wo verweilst du schon länger, als es angenehm für dich ist!?“ Tränen bildeten sich in ihren Augen. „Nie hast du einer Elfe lange die Treue gehalten und besser du gehst nun, als dass ich die ‚zweifelhafte Ehre‘ erhalte, als eine von ihnen zu enden, während mein Gesicht eine weitere Seite deiner Zeichenkladde ziert und du schon der nächsten hinterhersteigst …“

Die Lippen Jornowells bildeten einen schmalen Strich, als er zu verhindern versuchte, etwas Falsches zu sagen, doch der Unmut brannte in seinem Herzen: „Ist deine Meinung denn wirklich so gering von mir?“

„Das ist das, was ich mit eigenen Augen sah, als ich in deinen Gemächern in Elfenlicht war und das, was jeder über dich erzählt!“

Er schnaubte fast abfällig. Diese Vorwürfe waren lachhaft! „Ausgerechnet du solltest es besser wissen, als dem Geschwätz bei Hofe Glauben zu schenken, und dir stattdessen ein Herz fassen, deine eigene Meinung zu bilden.“ Er warf die Hände in die Luft, während sein Blick unstet umherfuhr, als suchte er eine Antwort in den Gewächsen, welche um sie herum wucherten. Fast verzweifelt schaute er schließlich in ihr Gesicht, welches sie ihm kaum offen zuwenden konnte. „Habe ich dir je das Gefühl gegeben, es sei mir nicht ernst? Bei den Alben, Morwenna! Ich opfere gerade mein gesamtes Leben für dich auf … Glaubst du, dass tue ich nur des Ansehens wegen? Das hält sich bisher noch in Grenzen. Erinnerst du dich etwa noch an die Delegation der Zwerge? Wenn heraus gekommen wäre, dass ich keinesfalls mit Sondervollmachten von dir ausgestattet worden bin, hätte ich mich in Aelburin nie wieder blicken lassen können. Und wie Arkadien nach dem Vorfall auf diesem verfluchten Fest zu mir steht, kannst du dir vorstellen … Um wessen Willen verhalte ich mich wohl plötzlich so, wie ich es mir nie wünschen wollte? In die Fußstapfen meines Vaters zu treten war wahrlich nicht dass, was ich mir für mein Leben gewünscht habe. Dennoch bin ich hier. Um deinetwillen, ohne Hintergedanken… auch wenn ich gestehen muss, dass … Meine Zurückhaltung war wohl nicht so zurückhaltend, wie ich dachte.“

Die dunkelgelockte Fürstin öffnete tief Luft holend den Mund, um etwas zu erwidern. Doch alles, was ihr entwich, war ein weiteres schweres Atmen. Die noch immer zitternden Hände legten sich um ihre Arme: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll …  Du bist unfassbar, Jornowell …“ Er schauderte. Dies war das erste Mal, dass sie seinen Namen vor ihm aussprach – und es verriet sie, noch bevor sie die nächsten Worte flüsterte: „Aber … Ich will dich nicht verlieren. Du berührst mich, mit allem, was du bist. Und ich habe Angst … Angst, dass ich dich irgendwann nicht mehr verlieren kann … Wer sagt, dass du es dir nicht doch anders überlegst? Du kennst mich nicht, du glaubst es, aber die Wahrheit würde dich erschüttern … Du würdest mich verschmähen – zu Recht.“

Wie sehr sie sich darin verstrickte, ihn davon überzeugen zu wollen, seine Wahl zu überdenken. Mit allen denkbaren Argumenten, welche ihr in den Sinn kamen …  Als seien seine Gefühle eine Entscheidung, über die er verfügen konnte! „Ich habe eine andere Seite an dir kennengelernt, welche …“

„Du willst es nicht verstehen“, wehrte mit zusammengezogenen Brauen ab. „Ich bin niemand, den man leicht liebt, der nachgiebig ist oder verständnisvoll. Wenn du glaubst, ich könne mich ändern, so täuscht du dich. Sie mich an. Das ist, was du bekommst: Lügen, Geheimnisse und … Ich will dir nicht wehtun, ich kann es nicht.“

Jornowell schluckte und wurde sich bewusst, dass dieses Geständnis wohl die aufrichtigste Wahrheit war, zu der sie fähig war. Wenn er sie nicht anders überzeugen konnte, dann … „Dann tu es nicht!“

Begierig griff er in die Locken der – seiner! –Fürstin und küsste sie. Wie lange hatte er sich hiernach gesehnt? Der zarte Druck ihrer Lippen, das Streicheln ihres Haars auf seinen Wangen, das Krallen ihrer Finger in die Muskeln seines Rückens. Er hörte ihr Seufzen und ein weiterer Schauder wanderte über seine Haut. Welche Zauber wob sie, ihn derart zu bannen? Jede Berührung ihrer Fingerspitzen fühlte er nach, an seinem Rücken, seinen Armen, entlang des Halses, hin zum Nacken, wo sie in seine Haare griff, um ihn weiter zu sich zu ziehen. Er lächelte in den Kuss hinein, als sie nach Nähe suchend ihre Beine an ihn schmiegte und damit fast aus dem Gleichgewicht brachte. Bei den Alben, ja, ihm fehlte der Schlaf, so sehr, dass seine Augen brannten und die Glieder schmerzen, aber bei diesem betörenden Geruch, der von ihr ausging, und dem Wissen, wie weich ihre nackte Haut unter der seinen war, verging jeder Wunsch nach Ruhe. Auch sie lächelte – und biss ihm spielerisch in die Lippe.

„Vielleicht sollten wir …“, löste er sich von ihren Fängen und lehnte seine Stirn an ihre, bis sie ihren Kopf zurücknahm und ihn irritiert anschaute.

Ihr Flüstern schnitt mit einem unterschwelligen Ton der Warnung durch die Stille: „Ich schwöre dir, wenn du mich nun wieder abweist …“

Oh nein, die Nacht in Vahan Calyd – und seine halsstarrige Weigerung, in ihrer damaligen Verfassung das Lager mit ihr zu teilen – waren nicht vergessen. So strich er einem Hauchen gleich mit den Lippen über ihr Ohr und korrigierte sie: „Eigentlich wollte ich vorschlagen, uns nun doch in deine Gemächer zurückzuziehen!“

„Du hast mir nicht zugehört, oder?“, raunte sie, die Brauen verzweifelt verzogen. Fast gelang es ihr, etwas Abstand zwischen sie zu bringen, doch Jornowells Griff hielt sie an Ort und Stelle. Wie konnte ein Stoff nur so verführerisch weich und zugleich kühl wie die Oberfläche von Wasser sein? Er zuckte mit einer Schulter und konterte nonchalant: „Mittlerweile solltest du es wissen – Ich bin mehr ein Elf der Taten. Gerade in unserem Volke wird die Bedeutung eines Worts leider allzu leichtfertig zurechtgebogen, bis es daran zerbricht.“

Mit geschlossenen Augen schüttelte sie ihr Haupt: „Du hast mir also nicht zugehört!“

Ihre immer noch kühlen Finger griffen nach seinen Händen und erneut bog sie denn Hals durch, um ihn zu mustern. „Ein Elf der Taten also?“ Ihre vollen, geröteten Lippen zeichnete ein Lächeln, ihre Augen leuchteten im Zwielicht auf, als sie ihn unvermittelt mit sich zwischen schmale Stämme unter ein dichtes Blätterdach zog. Der Untergrund war weich, von buntem Laub und farbenprächtigen Blumen gezeichnet, welche wie Juwelen im Schein seiner magischen Lichtkugel funkelten. Er war überrascht, wie sicher sie ihn unter Ästen, entlang wilder Beete und Wasserläufe auf einem unsichtbaren Pfad entlangführte, welcher stetig tiefer in den Hain reichte. Ein würzig-frischer Duft – gemischt mit der dezenten Note ihres Parfums – stieg in seine Nase und berauschte seine Sinne.

Unwillkürlich hielt sie inmitten des Hains inne, wo auf einer wilden Wiese Stiefmütterchen und Veilchen zwischen Moos und Kräutern blühten. Sie lehnte sich mit dem Rücken an einen Stamm, der von hellem Efeu bewuchert war. Sein Blattwerk wurde mit den kleinen grüngoldenen Lichtkokons geziert, deren Strahlen sanft auf sie herabfielen. Wirklich alles in diesen Hallen schien dazu geschaffen, den Sinnen zu schmeicheln und zu gefallen.

Morwenna sah ihn unverwandt an, als sein Blick die dunkle Umgebung musterte. Schließlich, als ihr aufzugehen schien, dass er sich absichtlich etwas mehr Zeit ließ, zog sie ihn bestimmend an sich heran. Ihre Lippen fuhren warm und so fordern über seine, dass er unweigerlich seinen Mund für sie öffnete. Sie zu schmecken trieb seine Lust weiter an, ließ ihn willentlich für sie brennen. Die Hände tief vergraben in ihrem geknoteten Haar klemmte er sie in voller Länge gegen den Stamm und ließ somit keinen Zweifel an seinem Willen, als er seinen Unterleib gegen ihren presste, während er wohlig, nach Erfüllung sehnend in den Kuss hinein keuchte.

Bevor er sich fragen konnte, wohin ihre Hände gewandert waren, bemerkte er, wie sie langsam ihr engliegendes silbernes Kleid herabzog und dabei durch seine Gestalt behindert wurde. Ihm schwirrte wild der Kopf und sein Blut pochte in all seinen Adern, als er das letzte Bisschen an Vernunft zusammenklaubte: „Bist du … dir sicher?“

Der Kontakt ihrer Lippen war nur einen spaltweit gebrochen, doch konnte er genau den herausfordernden Ausdruck auf ihren Zügen ausmachen, als sie ihm sanft, aber nachdrücklich vor die Brust stieß, um etwas Raum zwischen sie zu bringen. Langsam zog sie den letzten Stoff von ihrem Körper und lehnte sich aufreizend lächelnd gegen den Baum – dieses Mal berührten nur ihre Schulterblätter die bewucherte Rinde, während ihr Becken provokativ eine Handbreit davor lehnte und ihr durchgestreckter Rücken keine Rundung ihres Körpers verborgen hielt. Jornowells Mund wurde trocken wie Asche, als er sie ganz ohne Scham und mit unverhohlener Begierde bedachte. Bereits in Vahan Calyd, als sie sich vor seinem mehr schlecht als recht abgewendeten Blick entkleidet hatte, und schließlich während ihrer gemeinsamen Momente am Berghang inmitten des Carandamons hatte er eine Ahnung ihres nackten Körpers bekommen. Doch diese Ahnung reichte nicht an das Bild heran, das er nun zu sehen bekam. Unter ihrer aufwendig gefertigten Silberkette, welche die langen Finger einiger Eiszapfen nachempfanden, hoben und senkten sich ihre kleinen, runden Brüste im Rhythmus ihres Atems. Zwischen ihnen führte, zunächst den Verlauf ihrer Rippen folgend, eine tief gezeichnete Linie über einen straffen Bauch bis hin zum Bauchnabel. Sie verriet, wie überaus schlank ihre Taille war, dass selbst die Umrisse der untersten Rippen deutlich zu erkennen waren. Ihr Körper war nie weich gewesen, wie er es von anderen Elfen kannte, und einzig der Schwung ihrer Hüften mochte mit viel Milde nicht als knabenhaft angesehen werden. Und dieser sehnige Verlauf ihrer langen Beine ließ ihn nicht länger daran zweifeln, dass ihr Körper sowohl in Ausdauer als auch Geschick im Kampfe trainiert worden war …

„Willst du die Frage noch einmal stellen?“, raunte sie.

‚Welche Frage?‘, schoss es Jornowell durch den Kopf, als er den Blick wieder in ihre Augenhöhe zwang. Als ihr Lachen erklang, wurde ihm allerdings klar, dass er es laut ausgesprochen haben musste.

Statt ihn antworten zu lassen, flüsterte sie, beinahe verlegen auf den Boden schauend: „Dieser Ort ist voll von schönen Erinnerungen … Ich habe nichts dagegen, eine weitere hinzuzufügen.“

Oh, diese Frage! Jornowell wurde klar, dass sie ihn falsch verstanden hatte. Nicht den Ort – obwohl die Anteilnahme ihn erst zweifeln ließ – stellte er infrage, sondern ihren Willen. „Ich fragte dich, ob du es wirklich willst, ob du dir sicher bist mit mir. Ich möchte nicht wieder mein Herz vor deine Füße legen und dich darauf davon laufen sehen.“

Geschmeidig wie eine Raubkatze auf der Pirsch kam sie auf ihn zu und hielt nur eine Fingerlänge vor ihm Inne. Ihre schwarzen Augen schimmerten in einer Note von Trotz: „Ich sagte es dir bereits: Ich bin niemand, den man leicht liebt.“ Sie schüttelte das dunkle Haupt. „Mein Herz … ich schloss es vor so vielen Jahrhunderten und begreife selbst nicht mehr, wie ich es …“  Sie biss sich auf die Lippen, als wollte sie sich selbst vom Reden abbringen. Dann jedoch begann sie von neuem: „Ja, ich zweifle, und das vielleicht für immer. Aber nach allem, was ich tat, der Liebe und des Glaubens wegen, nach allem, was ich verlor … Es wird nie wieder leicht für mich sein, zu vertrauen – zu lieben!“ Ihre Stimme war so zart, als würde sie jeden Moment brechen und sogleich so dunkel wie das Rauschen des Ozeans. Jornowell wollte ihr nahe sein, sie an sich ziehen, aber er ahnte, dass es ein Fehler wäre, sie zu unterbrechen. Zugleich war er gebannt von ihren Worten, wie sie ihn auch abschreckten. Ihr Ton änderte sich bei den folgenden Worten, ihre Augen suchten die Dunkelheit zu ihren Füßen: „Ich schwöre dir, ich trage dich und dein verfluchtes Lächeln tief in meinem Herzen ... und ... solange du bei mir bist, vergeht es nicht. Du bist meine Sicherheit, solange du hier bist.“

Kein Zweifel, keine Etikette, nicht einmal die Alben selbst würden ihn nun davon abhalten, sie nun an sich zu ziehen, um sie in einen langen Kuss gefangen zu halten. Das Gesagte klang in seinen Ohren wieder und breitete sich langsam in seinem Bewusstsein aus. Nie hätte er geglaubt, dass sein Weckruf vor zwei Tagen derart in ihr wirkte. Seine sture Fürstin! Die Kladde, welche sie aus seinem Zimmer gestohlen und wochenlang mit sich herumgetragen hatte, das eigenwillige Vertrauen, welches sie ihm seit Vahan Calyd schenkte … Anarion sollte in seiner jugendlichen Weisheit Recht behalten. Diese Elfe hatte allein mit sich selbst und ihren Gefühlen gehadert und so lange ihre eigenen Gefühle bekämpft – und er war so dumm und ließ sich darauf ein, entgegnete ihr mit derselben Kälte, welche von ihr ausging... Lange hatte er das jedenfalls nicht ertragen. Erst die Gerüchte, welche ihrem Ansehen schadeten, schließlich ihre offengelegte verletzte Seele, ihre Einsamkeit. Ihr Wesen hatte seine Selbstkontrolle zum Schmelzen gebracht. Zum ersten Mal bekam er nun eine Ahnung, was es bedeutete, ihr wirklich nahe zu sein, seine Gefühle erwidert zu wissen und schauderte bei der Tiefe ihrer Gedanken und Emotionen. All die Zeit war sie damit allein gewesen. Er würde dies nie wieder geschehen lassen.

Wo gerade noch die Leidenschaft den Puls seines Lebens gezeichnet hatte, stand nun die Vertrautheit mit dieser Elfe, der dunklen Fürstin Langollions, deren Hände wohl von mehr Blut als dem ihrer Patienten benetzt worden war, in deren Herz das Zwielicht herrschte und welche als Würdenträgerin niemals ganz die Seine werden würde.

Ein neues Gefühl von Wärme – Hitze – fuhr unter seine Haut, als er seine Hände um ihre Taille legte und sie langsam nach hinten drängte. Während er das tat, streifte er ungeschickt das dunkle Wams von seinen Schultern. Sein Hemd, welches er nicht weniger ungelenk und schließlich nur mit ihrer Hilfe über den Kopf strich, flog wenige Momente später ebenfalls auf den erdigen Boden.

Morwenna lehnte sich erneut an den moosigen Stamm des Baumes, an den er sie fester drückte, als er unter ihre Schenkel griff, um ihre Beine um seine Hüften zu legen. Ihre Haut an seiner zu fühlen war die aufregend kühle Brise des Winters und ließ seinen Verstand sirren. Ein weiterer tiefer Kuss, ihre Hände an den Verschlüssen seiner Hose und die Welt um ihn herum, die Zweifel, sie waren vergessen.

Eine seiner bebenden Hände strich an ihrem flachen Bauch entlang, tiefer, bis – „So angetan?“

Morwenna knurrte: „Kannst du nicht einmal jetzt schweigen?“

Er wollte etwas erwidern, doch stockte, als ihre Hände endlich seine Beinkleider über seine Hüften strichen und er kaum merklich später die Wärme zwischen ihren Beinen an seinen Lenden fühlte. Gegen die Trockenheit in seiner Kehle schluckend ließ er sich weiter gegen sie sinken, der besitzergreifenden Hitze entgegen. Seufzend zog sie ihre Beine enger um seine Hüften. Ihre Augen, welche seinen Blick unnachgiebig erwiderten, wurden Nuance um Nuance dunkler bis er sich in einem einnehmenden Obsidianschwarz verloren glaubte. Unter ihrem Starren dauerte es einige Herzschläge, ehe er ihre zitternden Fingerspitzen an seiner Wange fühlte. Er lehnte seinen Kopf in die Berührung, während er sich gegen ihr Becken trieb. Bereitwillig kam sie seinem Fordern nach und erwiderte es mit fahrig-wilden Bewegungen. Ihre raue Leidenschaft traf ihn mit unverhohlener Heftigkeit.  Längst konnte – wollte – Jornowell seine Erregung nicht mehr zähmen. Einen Unterarm stemmte er an den rauen Stamm neben ihrem Kopf, während die Hand seiner Linken unter ihr festes Gesäß griff, um sie noch näher an sich zu drücken. Sie lächelte und stöhnte und keuchte zugleich, als sie ihren Kopf in den Nacken warf, was ihre Locken unbändig tanzen ließ. Jornowell raunte den Namen seiner dunklen Fürstin, halb aus Angst, sich völlig in ihr zu verlieren, halb um sich endlich glauben zu machen, sie endlich wieder in seinen Armen zu halten.





***






Jornowell wandelte in einer anderen Sphäre, schwebte über dem Wind der Vergangenheit. Er war wieder ein Kind, welches es so sehr liebte, an der Hand seiner Mutter durch die Gärten Elfenlichts zu wandeln, während seine ältere Schwester gut ein paar Schritt vor ihnen ging und vergnügt sang. Diese Wandelgänge zwischen blühenden Bäumen und filigranen Bauwerken fanden meist dann statt, wenn sein Vater einmal mehr keine Zeit aufraffen konnte, um ihre Familie auf ausgedehnteren Ausflügen zu komplettieren. Jornowell würde es nicht so viel ausmachen – auch wenn er es liebte, die nahe gelegenen Siedlungen im Herzland zu besuchen, um auf den rasanten Wochenmärkten den Albenkindern beim Umherwuseln und Feilschen zu beobachten –, wenn er nicht wüsste, wie sehr seine Mutter darunter litt, ihre Kinder quasi allein großziehen zu müssen.

Der Geruch der königlichen Gärten lag moosig und schwer in seiner Nase, während ihre bunte Blütenpracht seinen Augen keine Ruhe ließ … Die Stimme seiner Schwester war verstummt, wie er plötzlich bemerkte. Eine andere, viel tiefere und sachlichere Stimme wurde laut:

...Irgendwann wirst du es verstehen ... Luana musste gehen, bevor sie uns allen noch mehr geschmerzt hätte, als ihr Abschied es tut."

Jornowell sah verwundert zu seiner Mutter, deren Stimme und der eigenwillige, fast gereizte Tonfall gar nicht zu ihr passen wollten. Entsetzt sah er, dass seine Hand in der einer anderen Elfe lag, die ihm nicht völlig fremd war, aber so plötzlich mit Furcht erfüllte, dass er sich ihrer entriss. Irritiert bemerkte er, dass er nicht länger den kleinen Knirps mimte, welcher an der Hand einer viel älteren Elfe ging, sondern diese sogar überragte. Ihm war eigenwillig bewusst, dass er träumte, wie er es oft tat, aber auf völlig fremden Pfaden seines Unterbewusstseins wandelte. Die schwarzhaarige Elfe neben ihm schien nicht überrascht von seiner abweisenden Reaktion...

Du wirst doch mich nicht fortschicken, oder? Ich verspreche, ich bin brav...", klang eine bedrückte, fast entsetzte Stimme vor ihnen.

Ich weiß, meine Kleine..." Die Elfe lächelte, ihr Ton änderte sich völlig, als sie weitersprach: „Ganz anders meine jüngsten Söhne …Wohin sind sie nun schon wieder gelaufen?

Verwirrt blickte er nach vorn, wo gerade noch seine Schwester gegangen war. Nun aber ging dort ein viel zierlicheres Mädchen, deren Schultern betrübt gesenkt waren. Sie stand am Rand der Obsthaine, welche an den Gärten Elfenlichts grenzten. Ihr entschlossen-strenger Blick suchte den der Elfe neben ihm, ehe sie heftig nickte: „Sie machen sich wieder schmutzig, während sie sich mit erfundenen Trollen balgen!“ Ihr Fuß stapfte auf den erdigen Boden, während ihr Kinn übertrieben hoch in die Luft stieg. „Gestern haben sie mein Katerchen grau angemalt und ihn durch die Hallen gejagt. Sie haben ihn einen hässlichen Troll-Kopf geschimpft!“

Die Elfe lächelte, doch die Tirade der Kleinen war noch nicht vorüber. Sie legte die Hände wie einen Trichter vor ihren Mund und rief in kleinkindlich-bockiger Manier zwischen die nahen Baumreihen: „Tiranu, Avenir! Kommt endlich zurück, ihr verlauft euch nur...Ich suche euch jedenfalls nicht!" Jornowell hörte die Beklemmung einer echten Furcht in ihrer Stimme heraus, welche allerdings irrational schien sich in diesen lichten Wäldern zu verlaufen, war eigentlich unmöglich. Die dunkel gewandete Elfe neben ihm lachte nur bei diesen Worten.

Lass nur", rief sie und nahm das zierliche Elfenmädchen bei der Hand. Jungs sind nun mal Jungs!"

„Sie werden sich bestimmt nicht ändern!“, hielt das Elfenmädchen dagegen.

„Niemals“, stimmte die Ältere feixend zu. „Ein Umstand, welcher dem männlichen Geschlecht eigen ist.“

Wieder nickte das Mädchen. „Luana hat sowas auch gesagt.“

Die dunkelhaarige Elfe erstarrte, hob die Brauen und beugte sich langsam zu ihrer zierlichen Begleitung herab, nein, korrigierte sich Jornowell – sie beugte sich in bedrohlicher Geste über sie! In ihren Augen blitzte es, ihr Ton schnitt wie ein Eismesser durch seine Adern: „Ich sage es dir zum allerletzten Mal: Rede nie wieder von ihr! Hast du mich verstanden!? Kein Wort mehr!“

Nicht nur Jornowell zuckte unter diesen Worten zusammen. Die junge Elfe fing, wahrscheinlich unbemerkt, an zu zittern und umfing sich mit ihren Ärmchen selbst. Keine weiteren Worte entrangen sich ihrer Kehle, während sie mit feuchten Augen gehorchend nickte. Die Elfe erhob sich, betont langsam: „Ich nehme es als Versprechen. Sollte ich je erfahren, dass du es brichst, sorge ich persönlich dafür, dass nichts mehr von … ihr … übrig bleibt, über das es sich zu sprechen lohnt. Hast du mich verstanden?!“

„Ja, Mutter.“



***






Der moosig-würzige Geruch blieb, als Jornowell erwachte. Er blinzelte den Schlaf aus seinen Augen und wurde dabei von hellgoldenen Lichtstrahlen geblendet, welche zwischen den Gewächsen ihren Weg ins Dickicht suchten.

Es war ungewöhnlich warm, dazu stickig wie in einem ...

Jornowell riss die Augen auf und richtete sich schlagartig auf. Die Orientierung kam hart wie ein Hammerschlag. Der Tag war längst angebrochen ... das konnte er selbst unter den dicht gewachsenen Baumkronen erkennen. Verdammt! Die Festgesellschaft …

Er griff neben sich, um seine Kleidung zu suchen. Stattdessen ertastete er etwas viel Weicheres und ...

Morwenna!

Die Elfe lag zusammengerollt neben ihm, ihr langes Kleid war ausgebreitet über ihrer hellen Haut und bedeckte sie doch kaum. Mit ihrem Anblick kamen die Erinnerungen an die letzte Nacht zurück. Jornowell schauderte und lächelte zugleich wie ein Jüngling, welcher das erste Mal wirklich und über beide Ohren verliebt war. Sie hatten sich mit einem Feuer geliebt, welches ihn nur selten ergriffen hatte. Ihre Leidenschaft war verzehrend gewesen, ihre Worte wahrhaftig, ihre Gesten nicht verstellt und unbeirrt...

Der Sohn des Alvias lehnte sich über die schlafende Gestalt und pustete ihr unter einem Feixen das Haar aus dem Gesicht. Ihre ruhigen Züge sprachen von einer Unschuld, welche er nie wieder bei ihr vermuten könnte. Gegen seinen Unwillen, sie zu wecken, strich er mit den Fingerspitzen über ihren Arm. „Morwenna ... ungern reiße ich dich aus deinen Träumen von mir, aber ich fürchte, die Pflicht ruft!"

Ein Grummeln löste sich von der Gestalt vor ihm: „Sag ihr, sie soll morgen wieder kommen!“ Ihre Züge verzogen sich in eine unwillige Miene. „Bei den Alben, sie ist nur schwanger und liegt nicht im Sterben!" Jornowell beherrschte etliche Sprachen, doch bei ihrem Nuscheln brauchte selbst er seine Zeit, um das Gesagte zu verstehen – und lachte in sich hinein.

„Die Gesellschaft verabschiedet sich heute Vormittag ...", korrigierte Jornowell. „Nach einem vermutlich längst an uns vorbeigegangenen Frühstück. Dein Bruder wird uns beide ..."

Augenblick fuhr auch Morwenna in die Senkrechte und blickte ihn empört an. Für einen Moment dachte Jornowell an seinen eigenwilligen Traum zurück und wunderte sich – das Mädchen, welches ihn dort mit diesem trotzigen Blick angesehen hatte, glich der Elfe vor ihm in so vielem. Er drückte ihr einen Kuss auf die gerunzelte Stirn – worauf sie sich noch mehr verzog – und erhob sich.

„Wir sind eingeschlafen", stellte die Fürstin fest und starrte auf die Sonne, die verräterisch hoch über den Scheiben des Gewächshauses stand.

„Wundert es dich?" Der Weltenwanderer blinzelte ihr zu, was ihm nur einen unbeeindruckten Blick einbrachte. Währenddessen hatte er bereits sein Hemd übergestreift und seine Hose über die Hüften gezogen. Wo waren seine Stiefel?

Auch in Morwenna war Leben gekommen. Die Elfe löste fluchend die Spangen aus ihrer teilweise gelösten Frisur, bis die wirren Locken offen über ihre Schultern fielen. Trotz des unangenehmen Erwachens gelang es ihr doch, würdevoll auszusehen, während sie mit gespreizten Fingern durch das Haar kämmte. Jornowell beobachtete sie schweigend und glaubte sich noch immer in seiner Traumwelt gefangen. Das Gesagte in der letzten Nacht schien ihn mehr zu verfolgen, als er zunächst geglaubt hatte. Was hatten seine wirren Gedanken für eine merkwürdige Konstruktion aus Halbwissen und Emotion gebildet?

„Du wirst mir helfen müssen, das Kleid anzuziehen", raunte sie ihm zu und riss Jornowell damit aus seinen Überlegungen. Er schloss entgeistert die Augen, als er die filigrane silbernschimmernde Knopfreihe beäugte, welche sie gerade mit flinken Fingern öffnete, ehe sie in den schweren Stoff stieg. Das mussten hunderte schwer zu greifende Knöpfchen sein!

Während sie mit einer Hand das Oberteil an ihrer Brust hielt, wandte sie sich ihm zu. Seufzend strich er ihr Haar über die blanke Schulter und zurrte den Stoff zu Recht. Ihm entging nicht, wie tief sich die Rinde des Baums während der letzten Nacht an ihrem Rücken verewigt hatte und musste unwillkürlich lächeln. „Ich fürchte, ich habe mehr Übung darin, Damen zu entkleiden, als ….“

Morwenna stöhnte auf: „Kannst du nicht einmal den Mund halten?“

„Gestern Nacht hast du dich nicht beschwert.“ Jornowell feixte – und fluchte im nächsten Moment, als sich ein besonders störrischer Knopf seinem Griff entzog.

„Glaubst du …“, sie stockte, als ihre Stimme brach. „War es ein Fehler?“

Die Erheiterung wich dem Ernst und sein Herz zog sich schmerzlich zusammen, als würde es unter dem Gesagten erschrocken zucken. Dann griff er den Stoff und zog sie an sich. „Nur, wenn du es zu einem machst“, raunte er beschwörerisch in ihr Ohr. Er würde ihr keine Vorwürfe machen. Wahrscheinlich hatte sie mit ihren Bedenken sogar Recht. Aber sie würden noch genug Zeit haben, über alles, was sie bewegte, zu sprechen. Vorausgesetzt, sie zog sich nicht wieder hinter ihrem Wall zurück.

„Wie kann man an einem solchen Morgen nur so verkopft sein“, murrte er schließlich doch und schloss den letzten, mit Seide bezogenen Knopf.

„Wie kann man morgens nur so viel reden“, hielt sie dagegen uns sammelte ihren Schmuck zusammen. Ihr Lächeln, welches sich schlecht verborgen hinter ihren Locken zeigte, enttarnte ihre Neckerei.

Eine gefühlte Ewigkeit später traten die beiden ins Freie vor dem Glashaus, wo Jornowell gewissenhaft die durchscheinende Tür verschloss, um die feuchte Kälte nicht hinein zu lassen. Ihm war, als würde er hinter dieser Tür auch die Magie der letzten Nacht einsperren.

Der Weg zur steinernen Treppe war klamm und matschig, doch wenigstens die Regenwolken waren weiter gezogen. Stattdessen zog ein feiner Nebel über die Wälder am Fuße der Klippen. Je weiter sie die Stufen hinaufstiegen, desto klarer wurde die Sicht. Jornowell seufzte, als er als erstes die weitläufige Terrasse erblickte und die letzte Stufe erklomm. Ihm wäre lieber, der Nebel stünde hier so dicht, dass er nicht sehen könnte, was sich dort vor dem Landpalast abspielte.

Denn was er sah, munterte diesen trüben Morgen nicht unbedingt auf: In gut sechzig Schritt Entfernung saß die ihm flüchtig bekannte Adelsfamilie um den Grafen von Wasu auf ihre Pferde auf. Die dunkle Gestalt Tiranus stand ein Stück entfernt und nickte den Elfen zum Abschied zu. Kaum war diese Geste der Wertschätzung getan, erklang das Klappern der Pferdehufe auf dem steinernen Untergrund und die Reisegesellschaft machte sich langsam über die breitstufigen Treppen auf. Vermutlich führte ihr Weg zum naheliegenden Albenstern, welcher sie entweder zurück in die Hauptstadt, oder je nach dem Verlauf ihrer Planung, direkt in ihre Grafschaft bringen würde.

Es waren wohl die letzten Würdenträger gewesen, welche sich vom Fürsten verabschiedet hatten, denn außer ihm und zwei Dienern befand sich niemand mehr auf dem großen Außenhof vor dem alten Gemäuer des Anwesens.

Das Ende der Verhandlungstage war gekommen – und er, Jornowell, hatte es verpasst!

Mit schwerem Herzen ließ er Morwenna an sich vorbeigehen, welche stumm Tiranus Blick auffing. Der Fürst schickte die Diener ins Innere und kam mit festen Schritten auf sie zu. Auf seinen Zügen lag ein böses Lächeln: „Ich hoffe, es hat sich gelohnt." Seine Musterung sprach Bände.

Morwenna wollte etwas sagen, doch ihr Bruder hob eine Hand. „Ich will es nicht hören.“ Er schnaubte und schüttelte dann sein Haupt. „Heute Morgen kam ein Bote aus Arkadien.“

Jornowell zog verwundert die Stirn kraus. Was mochte so wichtig sein, dass der Bote nicht im Rosenturm auf ihre Rückkehr gewartet hatte?

Tiranu hob die Hände in gespielter Verwunderung. „Wahrscheinlich wissen nicht einmal die Alben den Grund, warum, aber Fürstin Valaria erklärt ihre Bereitschaft, ein Handelsabkommen mit Langollion zu schließen…"

Vor ihm keuchte Morwenna auf und er konnte nicht sagen, ob vor Überraschung oder Erleichterung. In Jornowell begann es derweil unkontrolliert zu arbeiten, denn mit einer solchen Entwicklung hätte selbst er nicht gerechnet. Er kannte Valaria, ein wenig zumindest, und wusste, wie eitel diese Elfe war. Ein Abkommen zwischen ihr und den zweifelhaften Fürsten Langollions? Undenkbar! Eigentlich ... Besonders nach seiner 'Rangelei' mit ihrem Vetter auf dem Fest an ihrem Hof vor so vielen Wochen. Ihr musste zu Ohren gekommen sein, dass er, der Störenfried dieser Feierlichkeit, nun im Dienste Langollions stand. Weshalb also hatte sie plötzlich ihre Meinung geändert?

„Anarion!", rief Morwenna dann aus und wandte sich zu ihm, als wüsste er um diese Verschwörung genauestens Bescheid. Sie musste glauben, er hätte diese Wendung herbeigerufen …dabei … dann fiel es auch ihm wie Schuppen von den Augen ... Sein kleiner, wahnwitziger Neffe!

Der Weltenwanderer lachte auf und griff Morwennas Hand. Sie musste Recht haben: Anarion hatte seine selten ruhigen Finger im Spiel und das Unmögliche geschafft! Mit diesem Abkommen wäre Langollion nicht länger ohnmächtig in seiner Lage gefangen, sondern endlich finanzkräftig genug, um wirkliche Umstrukturierungen in seiner maroden Gesellschaft vornehmen zu können. Als ginge es um sein eigenes Land, freute er sich für die Geschwister und eine ganze Lawine von Geröll fiel von seinem Herzen.

Als er seine Augen von Morwenna löste, bemerkte er, dass Tiranus unleserlicher Blick auf ihm lag. Seine markanten Züge sahen ungewohnt müde aus, doch waren sie nicht mehr ganz so hart wie in den tagelangen Diskussionen, welche sie zum Wohle oder Wehe Langollions – und ihres Stolzes – geführt hatten. „Ich weiß zwar nicht, wie du das geschafft hast ... oder wer dieser Anarion sein soll, aber..." Er atmete tief durch und sah zum Himmel, als er ein fast unverständliches „Anscheinend hast du zur Abwechslung etwas richtig gemacht" hervorstieß.

Als Jornowell unglaubend den Blick der Elfe neben ihm suchte, wirkte diese nicht minder überrascht, ja geradezu geschockt: „Was hast du gerade gesagt?"

Mit zusammengekniffenen Augen sah der Fürst abwechselnd zu Morwenna und Jornowell: „Noch mal sagen werde ich das bestimmt nicht ... und ... sagt euch das Wort 'Diskretion' denn gar nichts?" Er hob eine Augenbraue, als er erneut vielsagend den Blick über sie schweifen ließ: „Ihr seht schlimmer aus als ungewaschene Fjordländer ..."

Mit diesen Worten wandte er sich um und schritt langsam Richtung Haupthaus.

Morwenna feixte: „Ich glaube, das war seine Art, Danke zu sagen!"

„Ich bin … beeindruckt, schätze ich“, raunte Jornowell, wohl wissend, dass dieser ‚Dank‘ nicht wirklich verdient war. „Allerdings ist das Abkommen noch nicht getroffen … Wir sollten nicht euphorisch werden, ehe Valarias Gold in der Staatskasse klingelt.“

„Mich nennst du verkopft, ja?“ Sie sah ihn durchdringend an. „Du sprichst von ‚Wir‘. Bedeutet das etwa, dass du weiterhin in unseren Diensten stehen willst?“

„Ich werde jedenfalls nicht zulassen, dass ihr alles, was ich bisher mühsam aufgebaut habe, wieder verkommen lasst!“ Er zwinkerte ihr zu. „Ich bleibe dein pflichtbewusster Hofmeister, keine Sorge. Für eine Zeit. Die wirkliche Arbeit beginnt erst jetzt. Und ich möchte verdammt sein, wenn ich sie nicht zu Ende bringe…“

Die Fürstin hob mit einem zuckendem Mundwinkel die Braue: „Ich bin … beeindruckt, schätze ich.“



________________

So, das Kapitel ist nach etwas längerer Wartezeit mit allem Inhalt, den ich verpacken wollte, endlich online. Ich hoffe, es gefällt euch. Falls bei dem einen oder anderen ein wenig das Gefühl aufkommt, dass es langsam zu Ende geht, kann ich nur bestätigen. Ich muss noch nachdenken, ob ich einen Epilog einfüge, oder es so belasse.

Insgesamt kann ich mir gut eine Fortsetzung vorstellen, welche sich dann mehr mit Tiranu und der Vergangenheit der beiden Geschwister befasst, aber natürlich für die Zukunft einiges bereit hält. Wenn ihr Interesse daran habt, lasst es mich wissen :)

Liebe Grüße an all meine fleißigen Leser
Riniell
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast