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Keine Rose ohne Dorn

von Riniell
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
Tiranu
27.03.2015
12.11.2015
16
64.020
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24.10.2015 7.012
 
Willkommen zum nächsten Kapitel!

Es hat etwas länger gedauert dieses Mal, aber dafür ist das Kapitel auch entsprechend … auslandend. Ich hatte überlegt, es in zwei Teile zu splitten, aber es hätte sich keine Stelle gefunden, die es verschmerzen ließe.

Also hoffe ich, ihr seid vernarrt in lange Kapitel und genießt den nächsten Teil:





_____________________________________





Ein Fest der Irrwege

Der Dampf strich in weißen Kaskaden den Fliesenboden entlang, waberte höher und hing in dichten Wolken unter der schroffen Decke. Ein stetes Tropfen perlte vom Fels, in dessen Herz die Badehäuser gehauen waren. Es war stickig, die Essenzen unzähliger kostbarer Öle hingen schwer in der Luft und legten sich über den bearbeiteten Stein. Als gegensätzliches Element zum beinahe naturbelassenen Höhlenfels, erstreckte sich ein kunstvoll verarbeitetes Mosaik von unzähligen Blütenformen über den klammen Boden zwischen Badebecken und Liegestätten.

Morwenna genoss den aufsteigenden Duft der vielen Jasminblüten, die in ihrem Becken trieben. Das Wasser war heiß, fast schon zu heiß, aber genauso liebte sie es. Die Hitze hatte etwas Reinigendes, was sich vollkommen von der Wirkung des Wassers unterschied. Sie legte den Kopf an den Rand des Beckens und glitt bis zum Scheitel in das glühende Nass ein. Wenn es nach ihr ging, sollte jeder Tag auf diese Weise beginnen. Leider ließen ihre Pflichten ein ausgiebiges Bad nur selten zu, und spätestens seit ihren ausgedehnten Reisen in die Anderswelt während der Tjuredkriege wusste sie solche Momente wahrhaft zu schätzen.

Wieder auftauchend strich sie sich die wirren Strähnen, welche sich aus dem Knoten ihres Haars gelöst hatten, zurück und horchte in die Stille.

Die Badehallen lagen tief in der Erde unter dem Rosenturm, sodass von den kunstvoll arrangierten Marmorplatten eine eisige Kühle ausging. Einige sporadisch angebrachte, tief hängende Barinsteine kämpften fast vergebens gegen die Dunkelheit. Viele kleinere und ein großes, tieferes Becken waren über eine riesige Fläche verteilt. Sie waren durch niedrige, bespannte Stellwände getrennt und von kleinen mit Phiolen und Tiegeln bestickten Beistelltischchen aus Dunkelholz umgeben. Das Quellwasser, welches diese Becken speiste, sprudelte schon seit Jahrhunderten.

Morwenna wusste, dass diese Momente der Entspannung gestohlen waren. Ihre Anwesenheit wurde dringend in den Heilhäusern der Stadt erwartet. Sie hatte ihr Versprechen, zu erscheinen, schon lange genug herausgezögert. Am Abend des übernächsten Tages würde zu allem Überfluss das abschließende Fest der Verhandlungen stattfinden. Die Fürstin konnte sich wahrlich vorstellen, dass dies kein Fest der ausgelassenen Heiterkeit werden würde, egal wie sehr ihr neuer Hofmeister sich bemühte. Die Stimmung war gelinde ausgedrückt angespannt. Es war nicht anders zu erwarten gewesen, als dass keine endgültige Lösung für alle Probleme gefunden werden konnte. Dennoch fühlten sich viele der Würdeträger nicht ausreichend angemessen behandelt. Schon allein die Auswahl der zukünftigen Standesherren sorgte für Unmut. Angesichts der niederen Herkunft einiger Erwählten, entstanden Zwietracht und Missgunst unter dem Adel. Dabei geriet immer wieder die wahre Krise der anhaltenden Hungersnot in den Hintergrund.  Das Handelsabkommen mit den Zwergen war nur ein Tropfen auf den heißen Stein, dem noch ein wahrer Sturzbach folgen musste, um wirkliche Auswirkungen zu erzielen. In wenigen Tagen allerdings würde Cirinth bereits mit seiner Arbeit an den niederen Adelshöfen beginnen, um unter einem verführerischen Schutzmantel – der Anspruchsprüfung auf finanzielle Hilfeleistung durch das Fürstenhaus – die Korruption der Grafen aufzudecken. Der ehemalige Hofmeister hatte bereits eine kleine Riege an Verständigen zusammengestellt, um die Arbeit schneller und effizienter abzuwickeln. Seine Begeisterung ließ sich aber nach wie vor missen. Wenn er Erfolg haben würde …

Weit neben ihr erklang ein unterdrücktes Kichern, gefolgt von dem Schlagen einiger Wasserwellen innerhalb eines Badezubers. Jemand war gekommen. Innerhalb ihres Sichtfelds herrschte nur dämmriges Zwielicht, was ihr schwer machte, die Neuankömmlinge zu sehen. Einzig das Raunen von Stimmen zeugte von der Anwesenheit mindestens dreier weiblicher Elfen. Morwenna versuchte, sich wieder zu entspannen. Doch dann verstand sie wenige Bruchteile von dem Getuschel der Elfen.

„… hält ihn nun doch nur an der kurzen Leine…“

„Unverständlich, wie er das aushält!“ Ein Schnauben. „…so ein verklemmtes Biest!“

„Lange wird er ihr nicht hinterher … und wenn er Trost finden möchte …“ Wieder erklang ein einstimmiges Kichern. „Ich weiß ohnehin nicht, was er an ihr findet … kalt wie ein toter Fisch!“

„… Passen überhaupt nicht zueinander …“

Morwenna kniff die Brauen zusammen. Ihr wurde unwohlig bewusst, wie stark sie sich auf dieses Gespräch konzentrierte. Es sollte sie nicht kümmern. Wahrscheinlich war es nur unbedeutender Tratsch über eine Adlige, welche hier über die Verhandlungen hinweg weilte … Andererseits …

Hinter ihr raschelte ein leichter Stoff. Morwenna war fast erleichtert, als sie Abelle erblickte. Die Vertraute war gekommen, um ihr aus dem Becken zu helfen. Ihre Miene verriet sehr wohl, dass auch sie die Stimmen hörte. Das Geschnatter erklang plötzlich ungewöhnlich laut. Eilig erhob sich die Fürstin und ließ sich von Abelle in ein Tuch wickeln, welches ihre Haut trocknete. Ihr Haar wurde von der langen Nadel  befreit, welche es hochgehalten hatte. Während die Vertraute sie in ihre Robe kleidete, schwieg sie beharrlich. Es war in letzter Zeit zu oft vorgekommen, dass Abelle mit ihren Andeutungen einen gewissen Elfen betreffend zu weit gegangen war. Und seitdem Morwenna herausgefunden hatte, dass Abelle und Jornowell gemeinsam in die Hauptstadt geritten waren und wie sehr die Magd wirklich von Jornowell angetan schien, war es ihr fast unerträglich, überhaupt in ihrer Nähe zu sein. Zuerst war Morwenna ungewohnt erpicht darauf gewesen, – sie würde sich nie eingestehen, neugierig gewesen zu sein –, zu erfahren, was während des Ausflugs geschehen war … und ob der Weltenwanderer irgendetwas über sie gesagt hatte. Abelles Antworten waren ehrlich gewesen, ehrlich ebenso wie enttäuschend.

Morwenna knöpfte ihre Robe zu – ein schwerer, dunkelblauer Mantel mit weiten Ärmeln, dessen schräger Schnitt den Blick auf ein helleres Unterkleid aus Samt bot – und versuchte, sich innerlich auf den kommenden Tag zu konzentrieren. Ihre Arbeit in den Heilhäusern würde ihr helfen, eine klare Sicht auf die unzähmbaren Empfindungen zu bekommen. Sie kannte Abelle, seit diese eine junge Elfe in ihrem Dienste gewesen war, nie hätte sie es für möglich gehalten, etwas wie Missgunst für ihr unscheinbares Wesen zu entwickeln…

Diese Gedanken begleiteten sie auf dem Weg hinaus aus dem Badehaus – der argwöhnisch-spöttische Blick der badenden Elfendamen begleitete sie – zum großen Hof vor den Toren des Turms.

Am frühen Morgen hatte es angefangen, zu schneien. Der Schnee auf den hellen Steinplatten im Freien war zerfurcht von Pferdehufen, Kutschrädern und den emsigen Schritten der Stallburschen. Das Treiben war ruhiger als sonst, als würde die Kälte ihren ganz eigenen Rhythmus von den Arbeitenden fordern.

Die Kutsche, welche sie in die Heilhäuser nahe der Hauptstadt bringen würde, wartete am Fuße der Stufen auf ihre Ankunft. Der Kutscher beeilte sich, ihr die Tür ins Innere zu öffnen, als er ihre Gestalt erblickte. Morwenna erkannte ihn kaum gegen das dichte Treiben der Schneeflocken, welche sich kalt und feucht in Haar und Wimpern sammelten. Der Tag begann unselig trüb.

Ebenso trüb, wie sich die Mimik der Fürstin verfärbte, als sie eine Gestalt nahe den Stallungen ausmachen konnte, die ihr allzu vertraut war. Abelle verspannte sich neben ihr.

‚Dieser Morgen ist verflucht …‘

Unter dem schützenden Vordach der Stallungen nahm Jornowell sein gesatteltes Pferd entgegen und steckte ihm in einer liebevollen Geste einige Blutrote Hagebutten zu. Der Schimmel schien aufgeregt, seinen Herrn wiederzusehen. Es rieb spielerisch seine Nüstern an dessen Seite, als wolle er gierig nach mehr Leckereien verlangen. Jornowell lächelte und sprach einige Worte, als er sich rücklinks unter den Hals des Tiers stellte, um den Sitz des  ledernen Halfters zu korrigieren.  Während er sich unter den Spielereien des Schimmels wand, fand sein Blick durch das Fallen des Schnees hindurch den ihren. Er schien nicht überrascht, sie zu sehen. Im Gegenteil fiel es ihr schwer, überhaupt etwas in seinem Gesicht zu lesen. Morwenna war, als höre sie die Worte der Hofdamen erneut in ihren Ohren klingen. Jedes von ihnen riss wie ein eisiger Dorn an ihrem Innern.

Es war ihr schwer gefallen, die Tage der Verhandlungen an seiner Seite zu gestalten. Meist hatte sie keine tragenden Aufgaben erhalten, wenn es nicht gerade darum ging, mit Anwesenheit zu glänzen. Ihr Bruder hatte gesprochen und Jornowell hatte seine Gespräche in die Wege geleitet. Ihre Gedanken waren so oft auf unleidige Wanderschaft gegangen … nicht nur einmal hatte ihr Bruder sie mit einem mehr oder weniger unsanften Knuff aus der irreführenden Gedankenwelt reißen müssen. Seine Blicke und seine Worte straften sie seit dem Moment, als er aus Ishemon zurückgekehrt war. Seine Geduld mit Jornowell war nicht eben groß, doch die gegebene Situation war für ihn unveränderlich, wenn er sein Gesicht nicht verlieren wollte – seinen Unmut darüber ließ er sie allzu gern spüren. Auch er war es, der sie aufforderte, einen normalen Umgang mit Jornowell zu pflegen. Er konnte es nicht ertragen, wenn sie – und das vor den anwesenden Adelsfamilien – die schmachtende Jungfer gab, die nicht damit umzugehen wusste, sich von dem falschen Elfen angezogen zu fühlen. Er machte keinen Hehl daraus, dass er den wankelmütigen Weltenwanderer nicht als passende Partie für seine Schwester erachtete.

So ließ sich Morwenna auf distanzierte Gespräche ein, ganz öffentlich, stets unter den Augen vieler, und fühlte sich närrischerweise zurückgestoßen, wenn Jornowell ebenso kühl reagierte, wie sie sich gab.

Morwenna straffte die Gestalt, schüttelte diese Gedanken von sich und stieg die gefrorenen Treppen hinab. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie aber, wie Jornowells stummer und nachdenklicher Ausdruck ihr folgte, als sie steifer als gewohnt in die Kutsche stieg. Kurz darauf ließ sich Abelle gegenüber von ihr auf die Pritsche nieder und versuchte, in alle möglichen Richtungen zu schauen, die nicht in ihrer oder Jornowells Nähe lagen.

Als die Hufe ihres Gespanns zu klappern begannen, setzte sich das Gefährt langsam in Bewegung. Es verging ein gutes Stück Weg über matschige Platten, durch das Tor, hinaus auf die gepflasterte Straße, die sie in das Herz der nahen Stadt führen würde. Der melodiöse Takt der klirrenden Hufen klang in ihren Ohren wieder, als sie durch das vereiste Fenster in die Weite blickte, welche sich leblos unter einem weißen Tuch aus Schnee und Eis bis zum Horizont, wo die Küste des großen Waldmeers lag, erstreckte.

Fast beschwörerisch versuchte sie, ihre Gedanken an das reglose Feld anzupassen – und scheiterte, als ein weiterer Ton erklang, welcher sich geschickt in den gleichmäßigen Rhythmus der Pferdehufe einfand und zugleich störend aufdringlich wirkte. Abelle schaute aus dem Fenster, hob die Brauen und schüttelte entgeistert das Haupt. Anschließend beeilte die Magd sich, den Fokus wieder auf ihre Hände zu konzentrieren.

Morwenna wusste, was sie sehen würde, als sie aus dem kleinen Fenster zu ihrer Linken sah. Sie hielt den Kopf nur ein wenig in die Richtung des Reiters gewandt und verschränkte mit verkrampften Muskeln die Finger auf ihrem Schoß. Als sie in Jornowells verschiedenfarbene Augen sah, leuchtete ihr der Schalk entgegen. Obwohl sich der Elf deutlich bemerkbar machte – tief in den Hals seines Schimmels gelehnt lächelte er und klopfte mit behandschuhter Hand gegen die eisige Scheibe – rührte sich die Elfe nicht von der Stelle. Stattdessen versuchte sie, Abelle zu mustern. Doch die Magd gab nicht eben ein reizvolles Bild ab, wie sie sich unter einem schlecht verborgenen Lächeln wand und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

Ein dünnes Dolchblatt wurde nach etlichen Klopfzeichen durch den Schlitz der Fensterflügel geschoben. Die Fürstin biss die Zähne zusammen, als der Dolch nach oben und unten ruckelte, um den Haken zu lösen, der die Scheiben zusammenhielt. Als die kühle Winterluft unlieblich ihre Wange streifte, wagte sie einen eindeutigen Blick hinaus ins Freie.

Jornowell hatte den Fensterflügel an Abelles Seite der Kutsche, zum Gespann hin, geöffnet, und lugte ins Innere des Gefährts. Sein unverschämtes Lächeln galt ihr, als er den Dolch siegessicher in seinem Mantel verschwinden ließ. Seelenruhig band er das im Wind flatternde blonde Haar zusammen und fiel dabei ein wenig zurück. Als er sein Pferd erneut antrieb, um mit ihnen Schritt zu halten, bemerkte er im Plauderton: „Ein wundervoller Tag für einen Ausritt in die Stadt!“ Der Schneefall schnitt ihm in die Augen.

Er erhielt keine Antwort.

„Ich glaube, wir haben ein ganzes Stück gemeinsamen Weges vor uns …“, schwatzte er jedoch unbeirrt weiter. „Ich kenne mich nicht sehr gut aus auf den Pfaden Langollions … ist es die zweite oder dritte Kreuzung, die ich einkehren muss, um zu dem Anwesen zu gelangen, welches ich für die Festlichkeiten auserkoren habe?“

Keine Reaktion.

„Wenngleich es viel spannender sein kann, den Weg nicht zu kennen. Wer weiß, welch Wunder mich auf den Irrpfaden Langollions erwarten…?“ Er seufzte theatralisch und Morwenna empfand allmählich Mühe, ruhig zu bleiben. „Hast du schon eine Begleitung für den Ball, meine Herrin?“

Keine Regung.

„Ich auch nicht“, winkte er ab. „Ich muss gestehen, es weilen nicht besonders viele reizvolle Elfen bei Hofe. Langsam frage ich mich, ob man sie nicht vielleicht vor mir verstecken könnte …“

Nicht einmal ein Laut.

„Vielleicht ist das auch besser so“, er zuckte mit den Achseln. „Bei der Menge an Arbeit, die es benötigt, ein ganzes Reich aus dem Sumpf der Verkommenheit zu ziehen, bleibt mir ohnehin nicht viel Zeit für die Muse einer schönen Elfe.“

Morwennas Kiefermuskel zuckte. Es war allzu offensichtlich, dass er sie zu reizen versuchte. Dies in der Anwesenheit Abelles zu tun, kam einem Affront gleich. Nie würde sie ihrer Vertrauten die Genugtuung gönnen, ihre Fassung splittern zu sehen… Doch ihre Geduld war zum Zerreißen gespannt und nur mühsam heilt sie ihre verräterische Wut zurück. Mochte er sich winden, wie er wollte, ihren Stolz bekam er nicht!

„Aber ich muss fürwahr anerkennen: Es kann unglaublich spannend sein, über Silberbesteck, Weinkrüge und Protokolle zu herrschen, ja fast erfüllend … im weitesten Sinne. Wobei es natürlich auch seine Schattenseiten hat. Meine Herren sind recht … sonderbar, wie ich feststellen musste, zu meinem Leidwesen vor allem sehr schweigsam. Heute Morgen beispielsweise befand ich mich in einer Besprechung mit dem Fürsten und durfte mir seine Antworten quasi selbst aussuchen ... Und seine Schwester ist mindestens genauso verquer. Ich weiß sehr genau, wie sehr sich darunter quälen muss, nicht zu wagen, meine Begleitung für den Ball zu erbitten … aber sie traut sich wohl einfach nicht, den Mund aufzumachen. Zugegebenermaßen absolut verständlich bei einem Elfen wie mir. Wobei ich natürlich ohnehin ablehnen…“

Morwenna hob den Arm und klopfte mit flacher Hand gegen die niedrige Decke der Kutsche. Das dumpfe Geräusch war das Zeichen für den Kutscher, das Gefährt stockend zum Halten zu bringen. Abelle starrte sie aus großen Augen an und öffnete den Mund, als wolle sie zum Protest ansetzten, oder sie sogar aufhalten. Doch ihre Haltung war wie eingefroren, als Morwenna die kleine Tür auf der rechten Seite aufriss und in den klammen Matsch zwischen den Rädern sprang. Dem verdutzten Kobold auf dem Bock blieb dabei nicht einmal die Zeit, den Tritt vor der Tür herunterzuklappen – oder sonst mit einer klugen Reaktion aufzuwarten.

Auch Jornowell hatte innegehalten – der Ausdruck noch triumphierend. Sein Pferd tänzelte ein gutes Stück hinter der Kutsche umher, sein nervöser Blick galt ihrer Gestalt. Die Fürstin wusste genau, wie närrisch es war, sich einem Pferd, mochte es auch noch so gut trainiert sein, derart aufbrausend zu nähern. Und tatsächlich hatte Jornowell Schwierigkeiten, es ihm Zaum zu halten, während sie mit zornig glimmenden Augen den Saum ihres Gewands durch den Schneematsch schleifte und sich schließlich bedrohlich vor ihnen aufbaute.

„Was ist für dich nicht daran zu verstehen, dass du Abstand zu mir halten sollst?“

Jornowell konnte sie kaum ansehen, war er doch noch immer damit beschäftigt, sein unruhiges Pferd zu besänftigen. Doch halb erstickt rief er spielerisch entsetzt aus: „Das ist, als würdest du von einer Blume verlangen, nicht der Sonne entgegen zu wachsen …“

„Wohl eher eine lästige Fliege, die nicht genug bekommt vom …“ Sie schüttelte das dunkle Haupt. „Hör auf mit diesem poetischen Nonsens!“ Sie umrundete den Schimmel und fand sich an Jornowells Seite wieder. Es störte sie, so sehr zu ihm aufschauen zu müssen. Überhaupt ließ er den ihr gebührenden Respekt missen – er würde nie ein Höfling werden! – aber dieser Umstand hinderte sie nicht, ihn wütend anzufunkeln und sein dreistes Lächeln zu verfluchen.

„Das ist nun mal mein Wesen …“

„Oh, vielen Dank, nun erinnere ich wieder daran, weshalb ich dich nicht ausstehen kann!“

***


Der Versuch der Fürstin, ihn weiterhin finster anzustarren, wurde dadurch vereitelt, dass er sein eigenes strahlendes Lächeln ihn ihren dunklen Tiefen schimmern sah. Der Anblick irritierte ihn für einen Moment.

Er hatte gewusst, dass es eine ausgemachte Dummheit war, ihr zu folgen. Wie so oft gab er einem willkürlichen Impuls nach und wies jene schwache Stimme der Vernunft, welche ihn auf längere Sicht hin ohnehin nur verstimmte, von sich. Sie mochte ihn verunglimpfen, wie sie mochte, aber ihre Augen verrieten eine Wahrheit, die ihr ganz und gar nicht schmecken würde.

Dabei waren ihre Züge, als sie die Treppen hinab in den Hof gestiegen war, noch so von Strenge und Missmut verzogen gewesen, dass selbst das Wimmeln der Schneeflocken sie nicht verbergen konnte. Er fühlte sich an ihr erstes Treffen vor so vielen Jahren zurückerinnert, als er ihr in der Kabine des Kriegsschiffs, kurz nach der Attacke auf Valloncour, wenig einfühlsam gesagt hatte, dass er den Kummer in ihren Augen fast nicht ertragen konnte.

So oft hatte er sich immer wieder vorgenommen, ihr diesen Kummer zu nehmen. Sein Wunsch, ihr zu helfen, war aufrichtig und bisher hatte er geglaubt, einigermaßen erfolgreich damit zu sein.

Doch im Moment sah er, wie falsch er lag. Ihr unkontrollierbares Spiel aus Distanz und Maskierung wurde für ihn immer fadenscheiniger. Weshalb quälte sie sich? Und noch wichtiger, warum ließ er das zu?

„Bei all der Zwielichtigkeit, die deiner Familie unterstellt wird, bist du fürwahr eine schlechte Lügnerin!“

Es war eine ungemeine Verlockung für ihn, sie bis zum Äußersten zu reizen.

„Wie hast du mich gerade genannt?“

Jornowell konnte dankbar sein – und das auch an ihrer Stelle –, dass man sie hier weder sehen noch hören konnte. Abelle war verschwiegen, meistens jedenfalls, und den Kutschfahrer könnte er mit einigen Worten gewiss zum Schweigen bringen.

„Warum gehst du mir aus dem Weg?“ Jornowell ließ die Zügel ein wenig lockerer in seinen Fingern hängen und bedachte sie kritisch.

„Das tue ich nicht“, empörte sich die zierliche Elfe, die im stärker werdenden Schneefall mehr wie eine Erscheinung als eine reale Person wirkte. Ihr Gewand besaß keine Kapuze und so sammelte sich der weiße Niederschlag in ihrem geknoteten Haar. Sie schlang die Arme um ihren Körper als wäre ihr kalt, was sie aber bestimmt durch einen Zauber zu verhindern wusste…

Er seufzte: „Dass du mir nicht aus dem Weg gehst, hat nichts damit zu tun, dass du dich vor  mir verstellst und mich behandelst, als sei ich einfach ein beliebiger Elf in deinem Leben …“ Er bemühte sich, nicht wütend zu klingen, sondern verständnisvoll oder einfühlsam. Doch wie stets, wenn er versuchte, sich zusammenzureißen, scheiterte er kläglich. Vielleicht bildete er sich ihre Reaktion ein, doch ihre Haltung schrumpfte unter seinen Worten, als würde sie vor einem Schlag zusammenzucken. Ihre Wut schien verraucht. Ihre Stimmungen konnten schwanken wie eine junge Birke im böigen Wind.

Der blonde Elf griff nach der Spange seines Mantels und löste den schweren Stoff von seinen Schultern. Er warf ihr das dunkelgrüne Kleidungsstück herüber und wurde mit einem zweifelnden Blick dafür entlohnt. Der Mantel war zugegebenermaßen etwas löchrig und arg verschlissen – er glaubte fast, dass seine ursprüngliche Farbe einmal Blau gewesen war – und wurde ihr nicht im Mindesten gerecht. Doch wie sie ihn über das dunkle Haar streifte, erkannte er, dass sie schöner nicht sein könnte. Während sie die Falten des Stoffs zurechtlegte, murmelte sie kaum verständlich gegen den Hauch des Winterwinds: „Du zeigst dich auch nicht eben … zugewandt.“

Der Sohn des Alvias musste sich wahrlich anstrengen, nicht aufzuschreien. Machte sie ihm wirklich einen Vorwurf, nach allem, was sie ihm angetan hatte? Zeigte sie sich wirklich so blind gegenüber seinen Handlungen? Er war wegen ihr auf einen fremden Elfen – einen Würdenträger – losgegangen, war für sie – zweimal! – durch halb Albenmark gereist, hatte in ihrem Namen Verhandlungen mit Aelburin geführt, die ihm bei einem Misslingen bestimmt nicht zugutegekommen wären, hatte seine Unabhängigkeit für sie aufgegeben und arbeitete wie ein Irrer daran, ihre Politik auf feste Beine zu setzen, während er sich selbst zurücknahm, um ihren Ruf nicht weiter durch den Dreck zu ziehen.

„Außerdem …“, führte sie fort und der Trotz legte sich wie ein Schatten über ihre Stirn. „Warum glaubst du, sollte ich dich anders behandeln? Weil wir unsere Körper teilten? Das war kaum mehr als eine Laune, ein Moment der Schwäche.“

Ihm blieb nur, entrückt nach einer Antwort zu suchen, während sein Mund offen stand. Die Elfe spielte sich selbst aus … Sprach diese Worte, um sie sich selbst Glauben zu machen.

Hatte sie denn keine Vertrauten, mit denen sie über so etwas reden konnte? Die ihr halfen, mit solchen Situationen umzugehen? War sie denn das erste Mal verliebt? Er dachte daran, wie Anarion ihm die Augen geöffnet hatte. Man würde wohl von jemandem wie Tiranu kaum etwas Ähnliches erwarten können. Soweit er wusste, war er ihr der engste Bezug. Er würde sich auf Dauer nicht damit abfinden können, zugleich ihr Freund und Verehrer zu sein. Doch ein einziges Mal in seinem Leben wollte er nicht egoistisch sein und das kleine bisschen Stolz, dass sie ihm gelassen hatte, wurde von ihm zurückgestellt.

„Du kannst dich winden und wehren, wie du willst. Ungerecht zu dir und zu mir sein, wie es dir gefällt. Aber sei nicht so ausgesprochen dämlich, mich zu verachten, weil du verliebt in mich bist und dabei nicht deinen Vorstellungen entspreche. Nicht nach allem, was ich für dich tat.“

Es kam ihm nicht richtig vor, so offensichtlich in seinem Interesse zu sprechen. Doch wenn sie nicht bereit war, selbst ihre Augen zu öffnen, sich ihrer Halsstarrigkeit zu entsagen, dann war er auch nicht bereit, weiter geduldvoll zu sein, wo dies noch nie seine Art war.

Ihre Reaktion zeigte nur, wie wenig sie mit diesen Worten gerechnet hatte. Ihre Lippen bebten in einer Mischung aus Empörung, Entsetzen und Wut – oder Unsicherheit?

„Du …“ Ihre Stimme zitterte, unverkennbar vom Zorn gezeichnet. Doch der abgetragene Mantel, der Matsch auf dem Saum ihres kostbaren Gewands und die gelösten schwarzen Strähnen, die ihr feucht ins Gesicht fielen, machten es ihm schwer, ihren Zorn als echte Reaktion aufzunehmen.

„Ja…?“ Er hob eine blonde Braue und staunte ein wenig, sie tatsächlich sprachlos zu sehen. Das Gespräch war lange nicht beendet, doch weder der Ort noch die Zeit wollten so recht zu seinem Anspruch, es weiterzuführen, passen.

Morwenna biss sich auf die Lippen und wandte den Blick ab, was der Weltenwanderer nur mit einem verzweifelten Feixen quittieren konnte. Es war nichts, als ihr eigenes Spiegelbild, welches sie so aus der Contenance brachte.

Er trieb seinen Hengst zu einem – argwöhnischen – Schritt in ihre Richtung und beugte sich weit aus dem Sattel, zu ihr herab, wo ihr finsterer Blick ihn bereits erwartete. Ehe sie zurückweichen konnte, platzierte er einen sanften Kuss auf ihrer Stirn, wo sich die Furchen ihres Unmuts schlagartig glätteten. Ihre Augen wurden groß, bis sich ihre zitternden Lider schlossen.

„Meine schöne, halsstarrige Fürstin …“, murmelte er und zweifelte fast, dass sie ihn gegen das Pfeifen des Windes hörte.

Zu gerne würde er sie bitten, bereits nun mit ihm auf das Anwesen zu kommen – und damit all die möglichen Gerüchte um sie in den Wind zu schlagen. Allerdings würde er ohnehin keine Zeit aufbringen können, in den nächsten Tagen bei ihr zu sein. So blieb ihm, wenigstens den Abstand zueinander positiv zu sehen. Er wusste aber auch, wie sehr es die Heilerin beherrschte, sich durch Abstand nur weiter in sich selbst zurückzuziehen. Sie hatte ihm nicht nur ein Mal demonstriert, wie viele Winkelungen ihr Schneckenhaus besaß.

„Wir sehen uns in zwei Tagen …“, wollte er sich verabschieden, doch konnte nur feststellen, dass sie sie wohl nicht sonderlich auf einen langen Abschied erpicht war.

„Mach, dass du wegkommst“, grollte sie, mit glänzenden Augen und zuckenden Mundwinkeln. Dann wandte sie sich zurück zur Kutsche. Ihre Hand hielt sich bereits an deren Wand fest, um den Tücken des Schneematsches zu entgehen, als sie sich noch einmal umwandte. Auf ihrem blassen Gesicht lag ein fast scheues Lächeln, ein spöttisches Tanzen auf den geschwungenen Linien ihrer Lippen.

Sein Hengst hatte sich bereits erheblich entspannt, als die Fürstin Abstand zu ihnen gewonnen hatte, doch zuckte er kaum merklich zusammen, als Jornowell in den Winterwind rief: „Morwenna!“ Verwundert wandte die Elfe sich ein letztes Mal zu ihm. „Im Interesse deiner Patienten: versuche bitte, nicht allzu oft an mich zu denken. Ich möchte nicht verantwortlich sein für versehentlich abgetrennte Gliedmaßen oder dergleichen …“

***


Wäre nicht der leise Klang des andächtig wirkenden Musikspiels, so wäre es im Tanzsaal totenstill gewesen. So viele Elfen waren anwesend, so viele Gerüche lagen in der Luft – der nahe Wald, die Blüten der Ziehhäuser, der Zimt- und Waldbeerduft des gereichten Punschs, zahllose edle Duftwässer über dem Wirbel der kühlen Winterbrise, welche durch die geöffneten Hochfenster Einlass hielt –  und zahllose Nuancen an den prächtigsten Farben – das Dunkel der Nacht und das Strahlen der festlichen Kleidung. Doch alle Gespräche und alle Eindrücke traten in den Hintergrund oder verblassten völlig, als der Wächter des Saaltors mit einem wuchtigen Stab auf den Boden donnerte, um seine Herren anzukündigen. Sein Klopfen fuhr bis ins Mark und so verhielt es sich auch mit der Erscheinung der beiden Elfen, welche wie gewöhnlich mit ungezähmten dunklem Haar, und dunklerem Ausdruck auf den blassen Gesichtern über eine hölzerne Treppe, aufgeprunkt durch einen kunstvoll geschnitzten Handlauf und einem roten Teppich feinster Webung, zur Festgemeinde traten.

In keinem Ansatz wirkte dieses Auftreten so wie vor wenigen Tagen, als sie das Bankett im Rosenturm ausgerichteten. Die Nähe, welche sie zu Hofstaat und Landadel demonstrierten, war geschwunden und kehrte sich nun in hochherrschaftliche Distanz um.

Tiranu führte seine Schwester am Arm, doch schienen sie sich nicht wirklich zugewandt. Es war auch an dem Fürsten, die Worte der Begrüßung dieses abschließenden Ereignisses der Verhandlungstage zu sprechen. Sie hatten sich beide reichlich Zeit gelassen mit ihrem Erscheinen. Das Buffet wurde bereits zu großen Teilen abgebaut und die Musik für allerlei höfische Tänze stimmte schon seit einigen Minuten eine angenehme Stimmung an.

Jornowell stand im Schutz der Menge, zwischen Gräfinnen und Baronen, Handelsgrößen und Innungsmeistern, entfernten Verwandten der Fürsten und offensichtlichen Spöttern der Politführung. Alle lauschten den Worten des Fürsten, still und einvernehmlich, und doch konnte der Weltenwanderer und frisch ernannte Hofmeister des Rosenturms die unterschiedlichsten Schwingungen in den Auren der umstehenden Albenkinder ausmachen.

Die Verhandlungstage hatten nicht eben reiche Früchte getragen. Jornowell nahm dies nicht so schwer, wie einige der anwesenden Grafen. Für ihn vordergründig war die Ernennung von Persönlichkeiten, welche der wesentlichen Unterstützung der Landesführung dienen sollten – welches andere Fürstentum würde sich auf einen Partner wie Langollion einlassen, ohne die Sicherung der Geschäfte durch fähige Korrespondenzen? So konnte der Sohn des Alvias nicht behaupten, dass die Mühe und Kraft, welches er in dieses Unterfangen gesteckt hatte, verschwendete Liebesmüh gewesen sei, doch gab es unter den Anwesenden einige, welche wohl lieber in ihren Burgen geblieben wären. So war von der entspannten Stimmung des Auftakts dieses großen Zusammenkommens nicht wirklich viel geblieben.

Jornowell wies mit einer unauffälligen Handbewegung die Geiger zum Spiel an, als Tiranu geendet hatte, und schickte zwei Diener zu den Geschwistern, um ihnen Wein zu reichen. Der Fürst wählte Wasser. Die Stimmung versprach nicht besser zu werden.

In den Ecken und Winkeln des Saals war kaum Platz zum Stehen, so viele Edle versuchten, dem Tanzparkett aus dem Wege zu gehen. Unter riesigen Kerzenständern und hinter wuchtigen Buffettafeln, im Schatten der Eisskulpturen wurden steife Gespräche und zwielichtiges Getuschel zelebriert, statt sich in den Wogen der Musik zu bewegen.

Jornowell blieb es, den Blick einiger Bediensteten aufzufangen, darunter Abelle, die ihm ihr Unverständnis über die maue Stimmung auszudrücken versuchten. Auch er wusste keinen Rat, dieses Fest zu retten und wünschte sich – wie so oft in den letzten Wochen und Monaten – dem Rat seines Vaters gelauscht und nicht belächelt zu haben.

Es konnte nicht an Musik, Speis und Trank liegen. Alles stimmte überein, wirkte in einer Harmonie jenseits steifen Hofzeremoniells zusammen und wob eine fast andächtige Stimmung, ganz im Sinne der kalten Jahreszeit. Vor den Fenstern tobte ein leichter Wind, mit Schnee und Regen klatschte er an die Scheiben des Tanzsaals, als wollte selbst er zum Tanze auffordern.

Auch die Wahl des Anwesens wollte er nicht für die gedämpfte Stimmung verantwortlich machen. Jornowell lächelte. Der Palast lag über einem dichten Tannwald gelegen, auf der höchsten Ebene im Tal, welches so nahe an den Rosenlabyrinthen lag. Steile Treppen führten von bewucherten Straßen das zerklüftete Felsplateau hinauf, vorbei an unbewohnten Gesindehäusern, gehauenen Reliefs namenloser Kreaturen, zu einer riesigen Terrasse über den Wipfeln der Bäume. Die Steinmetzarbeiten des Anwesens allein waren einen Besuch wert – Wasserspeier in den Formen von Drachen und Dryaden lehnten sich wagemutig über die Hänge unter der Terrassenwand, Fassadenschmuck von Blumen, Wappen und wechselhaften Maserungen  waren sowohl an das Haupthaus, dem zierlichen Palast, wie auch an das schlichtere Nebengebäude angebracht. Auffallend dunkle Giebel, schmale Türmchen und wild tanzende Bannerfahnen, zeichneten eine recht ansehnliche aristokratische Note zwischen Wald, Stein und Moos, welches sich durch die Furchen der Felsplatten kämpfte. Jornowells Herz allerdings hatte sofort für das anliegende Gewächshaus geschlagen. Auf einer tieferen Ebene, dem Schatten des Palasts entflohen, lag ein kleinerer Palast, welcher von massivem Stein und überlaufendem Prunk nichts hielt. Hunderte Glasscheiben bildeten ein filigranes Gebilde, in dessen Inneren angelegte Pfade zwischen exotischen Blüten, riesigen Farnen, duftenden Kräutern, Heilpflanzen aus allen Regionen Albenmarks und Kakteensorten, gezüchtet in Terrakottavasen, verliefen. Über den Gewächsen flatterten Schmetterlinge, gleichwohl wie emsige Feen, welche sich hingabevoll um ihren Pflanzenschatz kümmerten.  

Das Anwesen war ein Kuriosum in den dunklen Wäldern Langollions. Einst hatte es eine ältere Schwester der heutigen Fürsten geführt, heute stand es die längste Zeit leer.

Über all dem blieb Jornowell nur, die Schuld der kenternden Stimmung bei sich selbst zu suchen. Ob nun ein Fehler in der Planung, eine missliche Kommunikation oder schlichtweg das Fehlen von Talent verantwortlich war, konnte er dabei nicht erkennen. Ihm war nur klar, dass er schleunigst etwas tun musste, um dieses Fest zu retten.

Wein half bei solch spontan benötigten Einfällen nicht selten …

Sein Blick suchte die Fürstengeschwister, als er einen ordentlich gefüllten Kelch vom Tablett eines Bediensteten griff. Beide Elfen waren in festliche Gewänder gehüllt, welche sie selbst in der Menge erhaben wirken ließen.

Tiranu, der größere der beiden, trug seinen schmal geschnittenen Gehrock in der Farbe dunklen Schiefers offen, dazu passende graue Hosen, die von einer stilisiert gewundenen Gürtelschnalle geziert wurden. Seine festen Stiefel aus schwarzem Leder eigneten sich kaum zum Tanzen, doch ihre Machart schien fein genug, um als festlich durchzugehen. Zum Anlass hatte er einen schmalen Silberreif um sein Haupt gelegt, dessen Rankenmuster dunkel eingefasst und mit einem Onyxsplitter an der Stirn versehen war. Der Kontrast des Metalls zu seiner dunklen Mähne wirkte kaum, da dessen Bearbeitung es bereits angelaufen erscheinen ließ.

Seine Schwester wirkte nicht minder in ihrer silbergrauen Robe, die weitaus mehr für einen Ball geeignet schien, als der Gehrock ihres Bruders. Das Kleid lag eng an der Taille an und funkelte dort, wo in aufwendigen Ornamenten unzählbare Strasssteine zusammenfanden. Erst weit unter den sanften Rundungen der Hüften fiel der Rock bis kurz über den Boden. Der helle Stoff war so fein gearbeitet, dass er jeder ihrer Bewegungen schmeichelte. Über dem herzförmigen Dekolleté zierte ein aufwendiger Halsschmuck die blasse Haut; poliertes Silber empfand die spitzen Formen einiger Eiszapfen nach, an deren eingearbeiteten Beschlägen der Steinstaub von Onyxen für kunstvolle Schatten sorgte. Die Locken der Fürstin waren halb hochgesteckt und zum feinsten Glanz gekämmt, wo es über die nackten Schultern fiel. Im Haar thronte ein Diadem, dessen dunkler Silberton durch mattschwarze Edelsteine betont wurde. Wie die Zier frischgefallenen Schnees legten sich einige Fragmente von weißen Perlen in ihre kunstvoll gearbeiteten Betten aus Silber in den zierlichen Zacken des Kopfschmucks.

Jornowell bahnte sich den Weg durch die überschaubare Zahl an Höflingen, welche sich um die Fürsten gereiht hatten. Seine Musterung dauerte nur einige Herzschläge, welche sich unwillkürlich beschleunigten, als er näher kam. Morwenna würde ihm noch immer zürnen für sein unverschämtes Verhalten auf der Straße zur Hauptstadt. Es war das erste Mal, dass er sie seither sah, denn ungeziemlicherweise hatte er sie und ihren Bruder nicht bei ihrer Anreise empfangen.

Nach einer knappen Verbeugung, die von keinen der beiden bemerkt wurde, ließ er recht eindringlich vernehmen: „Vielleicht sollten die Gastgeber den Abend mit einem Tanz eröffnen.“

Es war allzu offensichtlich, dass die Gespräche der Geschwister mit den umstehenden Höflingen allein der Ignoranz wegen weiter geführt wurden. Jornowell räusperte sich – und erreichte nichts.

Wer ihn gut kannte, wusste, dass auch seine Geduld Grenzen besaß. Nicht nur der Ruf der Fürsten wurde hier auf die Waagschale gelegt, sondern auch der seine. Viel zu ehrgeizig verfolgte er die Ziele, welche die beiden auch ihre nannten, als dass er nun klein beigab und alles dem Zufall überließ. So wagte er einen Schritt nach vorn und drängte sich nicht eben dezent zwischen Tiranu und seinen Gesprächspartner.

„Entschuldigt mich“, richtete er an irgendeinen unbedeutenden Elfen und dessen Begleitung, als er sich Tiranus wenig beeindrucktem Blick stellte.

„Was!?“, wollte er tonlos wissen und schaute fast abfällig auf den Weinbecher in seiner Hand – Jornowell hatte unlängst am Geruch erkannt, dass es sich eigentlich um Punsch handelte, dem er recht wenig abgewann. So drückte er den Kelch in die Hand einer anderen Elfe in ihrer Nähe und widmete seine Aufmerksamkeit ganz und gar seinem ‚Herrn‘.

„Dir ist nicht eben aufgefallen, dass der ein oder andere anwesende Gast“, er ließ seinen Blick durch die Menge schweifen, „etwas von dir erwarten könnte?“

„Zum Beispiel?“

Ein Augenrollen gerade noch verhindernd, nannte Jornowell das Offensichtliche: „Einen Tanz.“

Der Fürst hob eine seiner markanten dunklen Brauen und musterte ihn innerhalb eines Atemzugs. Er verzog die Lippen. „Nein und ich spare mir einen Dank.“

Als er sich zum Gehen wandte, wurde er nicht nur von einigen Elfen durch ihre bloße Präsenz, sondern auch durch Jornowells Hand aufgehalten: „Mit deiner Schwester!“

„Ich tanze nicht.“

„Das höre ich zum ersten Mal“, lachte eine dunkle Stimme neben ihnen. Morwenna hakte sich bei ihrem Bruder unter. „Wer soll nun die unzähligen Maiden trösten, welche sich heute Abend Hoffnungen machten, wenn sie davon Wind bekommen?“

Tiranus Blick sprach Bände. Ebenso das provozierende Lächeln auf den Lippen Morwennas.

Nur wenige Momente später bekam Jornowell einen grauen Gehrock in die Arme gedrückt, den er mit unterdrücktem Feixen nur sehr gern entgegennahm und dabei den Einsatz der Musikanten dirigierte. Noch waren die beiden Fürsten auf der Tanzfläche allein, doch dem Hofmeister blieb zu hoffen, dass sich dies bald ändern dürfte.

Zu seiner Erleichterung wurde sehr wohl wahrgenommen, dass etwas geschah und es dauerte nicht lange, bis die Aufmerksamkeit der Anwesenden wieder bei den verbliebenen Kindern der Alathaia weilte.

Mit dem stimmungsvolleren Spiel der Geigen änderte sich auch die Atmosphäre im Saal. Der Tanz begann.

Im Takt des Musikspiels bewegten sich die beiden dunkelhaarigen Elfen mit einer Eleganz, welche Jornowell an die Geschmeidigkeit wilder Raubkatzen erinnerte, die sich im Spiel mit einer sicheren Beute verloren. Ihre Bewegungen waren sicher – Tiranu war der Gang des Kriegers, Morwenna der einer herangezogenen Adligen anzusehen – und dennoch so leicht, als müssten sie den Boden nicht berühren, um sich einander perfekt zu ergänzen. Getrieben wie Blätter im Wind ließ die Fürstin sich führen, während ihr Bruder aufrecht und mit gestrecktem Rücken nobel wirkte, als führe er eine unsichtbare Klinge im Kampf für Eleganz und Gefühl.

Auch Jornowell hatte in seiner Jugend Tanzstunden ‚genossen‘ und sie bis aufs Blut verachtet. Nie hatte er sich so bewegen können, wie die Meister es forderten, und selten gefiel es ihm, eine genaue Schrittfolge auswendig zu lernen. So wunderte es ihn auch keineswegs, dass er diesen höfischen Tanz nicht kannte. Jeder Schritt, jede Drehung, die Führung ihrer Hände – in der Luft, aneinander – es war, als seien diese Bewegungen allein für sie geschaffen.

Die Takte verstrichen, die Melodie klang sanft, dann wieder rasant, so hingabevoll und zugleich einnehmend. Jornowell hörte sie bald nicht mehr, auch wenn sie das wilde Pochen seines Herzens dirigierte. Sein Wesen war gebannt, gebannt von ihr.  Jede ihrer Bewegungen wurde von seinem zweifarbigen Blick verfolgt und er wusste genau, was andere in ihm erkennen mochten. Er schluckte, doch seine Kehle war trocken wie die Wüste des Verbrannten Landes.

Wortlos drückte er den Gehrock des Fürsten in die Hand eines umstehenden Dieners und verließ schnellen Fußes die Szenerie. Noch lange klang die Musik in seinen Ohren nach, selbst als er das Haupthaus längst hinter sich gelassen hatte.

Auf der Terrasse empfing ihn die kalte Winterluft, deren schneidende Argumente ihn eines klar sehen ließen: Trotz all seinen Bemühungen, ihr mit aufrechten Absichten helfen zu wollen, war dies hier längst kein Uneigennutz mehr. Trotz all seinen lockeren Sprüchen und den heiteren Versuchen, ihr entgegen ihres aufgesetzten Unwillens nahe zu sein,  war dies längst kein Spiel, keine Laune mehr. Er war nicht nur verliebt, wie er es schon etliche Male gewesen war … Er wollte diese Elfe, mit allem, was sie war. Selbst mit dieser verfluchten Krone auf dem Haupt.

 

***








Die Nacht war so weit fortgeschritten, dass der Morgen nicht mehr fern schien. Ein stetig heller werdendes  schwarz-graues Gebilde aus dicken Wolken zog über den Himmel. Schließlich, als die letzten Noten des Streichquartetts im Saal verklangen, setzte der Schnee aus und ein stetiger Fall von Regen tröpfelte auf den steinernen Boden.

Morwenna schritt im Licht der Laternen über den großen Hof, der zwischen dem Anwesen und einem Nebengebäude lag. Ihr Gang wurde kaum merklich schneller, als sie einige Kerzen in den Küchen des kleineren Hauses brennen sah. Der Regen perlte kühl über die Haut ihrer Arme und sie genoss das kitzelnde Gefühl beinahe zu sehr, als dass sie ihm allzu schnell wieder entfliehen wollte. Sie erreichte die knarrende Holztür und wurde hinter ihr von einer einladenden Wärme empfangen. Auf den Korridoren war es finster, doch bereits hier waren fröhliche Stimmen zu vernehmen, die eindeutig aus den Küchen stammten, und keinem Edlen Albenmarks gehörten.

Die Fürstin hörte auch Jornowells Lachen.

Während der Feierlichkeiten hatte der Hofmeister die meiste Zeit mit Abwesenheit geglänzt. Seit dem Eröffnungstanz hatte sie ihn nicht mehr gesehen und währenddessen war ihr nur durch kurze Blicke sein immer dunkler werdendes Mienenspiel aufgefallen.

Wie auch Tiranu hatte sie noch etliche Tänze und zahllose Gespräche geführt, bis sie sich endlich von der Gesellschaft verabschiedete. Die Stimmung war zuletzt doch aufgeblüht, auch wenn man von rosigen Frühlingsgefühlen noch lange nicht sprechen konnte. Einige Abschiede wurden bereits an diesem Abend ausgesprochen und lange war Morwenna von ihren Pflichten in Anspruch genommen worden.

Räuspernd betrat sie schließlich die große, tief im Fundament des Haus liegende Küche, in der sich die halbe Dienerschaft versammelt haben musste. In einem engen Kreis – einige Elfen lehnten an dem einnehmenden Ofen, andere saßen an der Feuerstelle im Zentrum des Raums, auch an der großen Speisetafel hatten sich einige niedergelassen – war bis vor wenigen Momenten über die gut organisierte Arbeit und dem fragwürdigen Auftreten des ein oder anderen Edlen getratscht worden, natürlich bei einem guten Glas Wein. Auf dem Holztisch neben der Feuerstelle, an dessen Haken ein Topf brodelte, standen einige Flaschen der edelsten Rebe von jenseits des Meeres.

Wie von einem Zauber gepackt erhoben sich die Elfen in ihrem Dienst von ihren Plätzen, oder beeilte sich, in aufrechte Position zu kommen, nur um sich beinahe huldvoll – der Blick zu den Weinflaschen war nicht verborgen geblieben – zu verneigen. Einer nach dem anderen eilte an ihr vorbei aus dem Raum. Alle, nur nicht Jornowell, der unverwandt rittlings auf einem Stuhl saß, die Lehne unter verschränkten Armen und ein zur Neige gegangenes Weinglas in einer Hand balancierend.

Seine verschiedenfarbigen Augen, im Schein der Holzkohle auf dem Herd fast einheitlich dunkel, sahen sie an, als sei sie eine größere Spielverderberin als sein Vater, der gestrenge Hofmeister der Königin, selbst.

„Zieh den Wein von meinem Lohn ab…“, murmelte er und kippte sich noch reichlich nach.

Morwenna lächelte zweifelbehaftet und schritt die zwei steinernen Stufen auf den Lehmboden hinab: „Wir bezahlen dich?“

Ihr Weg führte sie herüber zur Feuerstelle. Ein verlockender Duft stieg aus dem Kessel empor, der dort auf der Restwärme hing. Dass sie vom Buffet des heutigen Festtags nicht viel mitbekommen hatte, reute sie nun, als ihr Magen sich zusammenzog. Sie griff nach einem umliegenden Löffel, wahrscheinlich benutzt, und füllte seine Spitze mit der Suppe, welche fast verhalten köchelte.

„Was läuft nur schief, dass meine Dienerschaft speist besser als ich“, fragte sie in die Stille des Raums hinein und legte den Löffel beiseite. Sie musterte Jornowell, der verlegen grinste. Der Schneider ihres Bruders hatte offensichtlich ein kleines Wunderwerk am Hofmeister vollbracht. Würde er das dunkle Wams, welches er trug, nun noch zuknöpfen, würde er vielleicht sogar als Höfling durchgehen. Als ihr Blick auf das wilde Durcheinander seines Haars fiel, das mit einem Lederband im Nacken zusammengezwirbelt war, verwarf sie diese Idee jedoch und sah sich stattdessen im dämmrigen Licht des Raums um, dessen winterliche Essensdüfte betörend waren. Die Reste des Buffets waren auf Teller und Schüsselchen verteilt worden und zu großen Teilen bereits verspeist. Niemand hatte sich bisher um den Abwasch oder sonstige Ordnung gekümmert, sodass ein unüberblickbares Chaos herrschte.

„Du scheinst meinen Hofstaat gut im Griff zu haben“, bemerkte sie zynisch, als sie das siebenundzwanzigste halbvolle Weinglas zählte.

„Irgendjemand sollte es“, grinste er, fast süffisant. Doch unter seinem Lächeln lag ein warmer Zug, die seine Worte als Neckerei entlarvte. Er erhob sich von seinem Platz. „Ich nehme an, du bist nicht gekommen, um über die Hausordnung zu philosophieren.“

Morwenna bedachte ihn erneut und spürte seine unterschwellige Unsicherheit. Das trieb sie nicht unbedingt, ihre Überwindung zu finden. Die Fürstin räusperte sich: „Wir sollten reden. Aber nicht hier …“

Jornowell grinste, die Unsicherheit hinter einem Deckmantel der lasziven Anzüglichkeit verborgen. „Wenn das eine Einladung in deine Gemächer sein soll …“

Sie hob eine Braue: „Ich dachte eher an einen Spaziergang…“

„Ich erinnere mich ungern an unseren letzten…“, hielt er plötzlich grollend dagegen und zeigte sich wenig begeistert.

„Ich verspreche …“

„Zudem regnet es wie aus Kübeln … mein lächerlich teures Wams wird ruiniert werden!“

„Wenn du es mir schwer machen möchtest, bitte.“ Sie wandte sich zum Gehen. „Solltest du doch noch einen Weg aus dem Irrgarten deiner infantilen Gedankenwelt finden …“

„Wirklich, ausgerechnet du wirfst mir das vor?“

„…dann hoffe ich, dass du weißt, wo du mich suchen musst.“

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Ich hoffe, ihr habt es geschafft, ohne schmerzende Augen durchzukommen… Ich wollte mich kurz fassen, wirklich, aber die beiden haben einfach keine Ruhe gegeben, bis ich diese letzte Szene niedergeschrieben habe :D

Wenn es euch gefallen hat, freue ich mich über einen Kommentar von euch. Schließlich möchte ich gern mehr meiner Leser auch kennenlernen :)

Liebe Grüße

Riniell
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