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Keine Rose ohne Dorn

von Riniell
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
Tiranu
27.03.2015
12.11.2015
16
64.020
3
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Dieses Kapitel
1 Review
 
08.10.2015 6.042
 
Willkommen zum nächsten Kapitel! Wie der Titel verrät, wird dieses eine Mal der Fokus mehr auf eine dritte Person im Bunde gelenkt. Ich habe etwas länger gebraucht, um alles reinzupacken, was ich drin haben wollte. Zu hundert Prozent trifft es meine Erwartungen nicht, aber ich habe das Gefühl, dass jedes weitere Rum-Doktorn etwas kaputt machen könnte.
Deswegen ist es endlich online.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und freue mich, eure Meinungen zu hören.

____________________

Ein neuer Blickwinkel

Bebend ließ sie sich auf das Sofa nieder und hielt ihr Gesicht in Händen verborgen. Warum war er ihrer Bitte nachgekommen? Sie wusste, ihr Befehl hatte ihm nicht viel Entscheidungsraum gelassen, aber nun war sie fast zornig, dass er auf sie gehört hatte. Ihre Räumlichkeiten fühlten sich im Halbdunkel der Nacht ungewohnt leer an. Ihr wurde kalt.

Als die Tür unvermittelt aufschwang, fuhr sie auf und wurde im selben Moment herbe enttäuscht. Nicht ihr Hofmeister stand in der Tür, sondern Tiranu.

Einige Herzschläge lang sah sie ihren Bruder irritiert an, bis sie realisierte, dass er wohl genauso wortlos zurückgekehrt, wie er schon verschwunden war. In seinen schulterlangen Haaren schmolzen vereinzelte Schneeflocken, die über seinen zurückgeschlagenen Mantel perlten. Der dunkle Pelzkragen war zerzaust vom Wind und auch seine restliche Kleidung zeugte von einem schnellen Ritt durch die Winterwitterung. In seinen Augen glomm der Argwohn.

Er wusste Bescheid…

Morwenna wollte etwas sagen, einen Gruß, eine Rechtfertigung, einen Vorwurf über sein plötzliches Verschwinden. Doch die Worte blieben ihr in der Kehle stecken, als sie der plötzlichen Änderung in seiner Haltung gewahr wurde. Durch seinen prüfenden Blick wurden ihr ihre feuchten Wangen mit einem Male sehr bewusst. Sie fuhr sich mit den Fingern über das Gesicht, um die verräterischen Spuren loszuwerden. Doch lenkte dies nur die Aufmerksamkeit auf die falschen Stellen.

„Was hat er getan?“ Tiranu überwand die Distanz zu ihr und griff ihre Arme. „Morwenna, was hat er getan!?“

Langsam wurde ihr klar, wie die Situation für Tiranu aussehen musste, denn wahrscheinlich war Jornowell ihm auf dem Korridor begegnet …

Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ er von ihr ab und schritt erneut zur Tür: „Wenn du es mir nicht sagen willst, erfahre ich es von ihm.“

Morwenna schloss zu ihm auf und griff seine Hand, die beinahe den Türknauf erreicht hatte. Sie sah ihn aus noch immer feuchten Augen eindringlich an.

„Er hat nichts getan, wofür er deinen Zorn verdient …“ Sie schüttelte den Kopf und schalt sich innerlich eine Närrin. „Ich war es, die sich unangemessen verhielt … und … es … die Schuld, sie liegt allein bei mir.“ Sie keuchte unter ihrer eigenen Bürde auf und hielt sich mit zitternden Händen umschlungen. Verflucht! Sie zitterte nicht! Nicht wegen einer nervenaufreibenden Operation und schon gar nicht wegen eines Elfen. Ihre Mutter hatte sie hundertfach hiervor gewarnt. Sie war blindlinks und willentlich in ihr eigenes Unglück gelaufen…

Verwundert bemerkte die Elfe, wie sich die warmen Hände ihres Bruders um ihr Gesicht legten. Von unzählbaren Stunden, die sie ein Schwert führten, waren sie mit hornigen Schwielen gezeichnet. Ihre Berührung war nicht liebevoll, aber schutzversprechend. „Warum um alles, was die Alben schufen, hast du dich auf diesen kopflosen Narren eingelassen? Als ich in Ishemon hörte, dass … Ich kann nicht fassen, dass du diesem Dilettanten die Führung unseres Haushalts überlasst! Er ist ein Loyalist Emerelles, sein Vater war ihr größter Anhänger! Ist dir das entgangen? Bist du je auf die Idee gekommen, dass er all dies aus dem Vorsatz angezettelt hat, uns zu schaden?“

Morwenna zog die dunklen Brauen zusammen. Ihr Bruder mochte mit Worten taktieren, wie er wollte – und in jedem anderen Fall würde er ihre Akzeptanz gewinnen – aber sie ließ nicht zu, dass er ihren Instinkt und ihre Politmacht heruntersetzte. In dieser Angelegenheit waren sie einander ebenbürtig und sie konnte den Gedanken nicht ertragen, wie offen er ihre Entscheidungen in Frage stellte. Ob er nun unleidliche Gerüchte vernommen hatte, oder sich durch die Situation alles zusammenreimte, wenn er ihre Unbefangenheit anzweifelte, mochte sie mehr erwarten, als seine Spielchen!

„Er hat in deiner Abwesenheit mehr für Langollion erreicht als du …“

„Nun verteidigst du ihn also vor mir, obwohl ich dich in dieser Verfassung vorfinde?“, fuhr er ihr dazwischen, auf den Lippen ein zweischneidiges Lächeln – zum einen schien er nach wie vor um sie besorgt und gespielt interessiert, zum anderen war diese Geste herabsetzend und eine Verurteilung zugleich. „Ich werde euch Frauen nie verstehen ...“

Erbost stieß sie ihm mit flachen Händen vor die Brust. Ihre Handgelenke litten von der Härte, die ihnen entgegenstand, aber der Schmerz stachelte sie nur weiter an. „Was für Frauen hast du schon kennengelernt, kleiner Bruder?! Ob nun dir hörige Elfen aus deinem Regiment oder irgendwelche machthungrige Flittchen: Es ist mir einerlei, aber wage es nie wieder, mich mit ihnen zu vergleichen!“

Tiranus Blick wurde finster wie der Himmel bei einem aufziehenden Gewitter. Innerlich wappnete sich Morwenna vor dem bevorstehenden Donner. „Hast du den Verstand verloren!?“

„Dann befänden wir uns wenigstens endlich auf demselben Niveau!“

Morwenna schritt erhobenen Hauptes an ihm vorbei, den Blick stur geradeaus. Es brachte nichts, mit ihm über solche Dinge zu diskutieren!

Ihr Weg führte sie in ihr Schlafgemach, wo sie sich vor allzu kurzer Zeit noch für eine weitere schlaflose Nacht zurecht gemacht hatte. Die Tür zum Balkon stand weit offen und ließ den Wind herein, welcher träge mit den Vorhängen spielte. Seine Kühle tat ihrem aufgeregten Geist gut und trocknete die Spuren auf ihren Wangen.

Fahrig griff sie nach der Zudecke, welche unter einem schwarzen Wolfspelz auf ihrem Bett lag, und schlug sie auf. Innerlich bebte sie, denn sie wusste, wie irrational sie sich verhielt. Ihre Hände, so fühlte sie, mussten etwas tun, und sei es nur, um sich mit Stumpfsinnigkeiten abzulenken. Sie fuhr über den struppigen Pelz und erinnerte sich daran, wie sie den Wolf selbst mit einem gut gezielten Bogenschuss während einer Jagd in den Wäldern der Königin erlegt hatte. Das Tier war zu nahe an ihre teure Stute geschlichen, welche panisch wiehernd und scharrend an einen Baum gebunden auf die Rückkehr ihrer Herrin gewartet hatte. Morwenna hatte nicht gezögert, den Wolf zu erschießen, um ihr Reittier zu beschützen. Dieser Vorfall war nur kurz nach dem Tod ihrer Mutter geschehen und ihre Hand war durch ihre Angst, das Tier zu verlieren, geführt worden. Ihr war es egal gewesen, wie die anderen Elfen auf ihren Schuss reagiert hatten. Sie warfen ihr vor, kein Beutetier erlegt, und den Mord nur um des Tötens Willen vollführt zu haben. Allen, auch ihr, war klar gewesen, der Wolf hätte auch auf andere Weise vertrieben werden können.

„Du warst immer sehr … fürsorglich, wenn es um den Schutz jener ging, die dir nahe sind.“ Morwenna wandte den Kopf und sah Tiranu im Durchgang zu ihrem Schlafgemach lehnen. Seine Arme waren verschränkt, doch der Blick nicht länger vorwurfsvoll. Den Mantel hatte er abgelegt. „Vielleicht etwas überfürsorglich.“

In seinen Worten schwang sein unterschwelliges Verständnis mit. Er wusste, dass sie niemals so reagiert hätte, wenn Jornowell nur ein beliebiger Elf in ihrer Nähe wäre. Selbst Tiranu kannte sie besser, als sie sich selbst…

„Wundert es dich?!“, sie hob die Augenbrauen und setzte sich trotzig auf ihr Bett. „Mit dir als Bruder, mit deinen ganzen leichtsinnigen Prahlereien, konnte ich doch nur so enden! Oder warum glaubst du, geht mir das Heilen so leicht von der Hand?! Die Übung macht den Meister und Übung hatte ich übermäßig durch dich an meine Seite …“

Ein schmales, fast verkniffenes Schmunzeln erschien auf Tiranus Gesicht, als er sich vom Rahmen stieß. Langsam, mit der kühlen Gelassenheit einer erhabenen Katze, kam er auf sie zu und ging vor ihr in die Hocke. Sein Ärger war für den Moment gebändigt, auch seine Missbilligung. Immerhin äußerlich war für Morwenna nichts zu erkennen. Sie wusste, dass sie ihn nur für diesen Moment ausspielen konnte. Mit den lapidaren Ausführungen ihrer Motive fühlte sich wie ein gescholtenes Kind, das von seinen wahren Belangen ablenkte und nach einem vergebenden Blick haschte. Und tatsächlich fühlte sie sich im Moment verletzlich, denn unter allen Umständen wollte sie seine Akzeptanz, seine Billigung, seinen Rückhalt. Seine Anwesenheit schenkte ihr Klarheit und strukturierte ihre Gedanken neu.

„Verzeih …“, raunte sie mit einem verbitterten Lächeln.

„Es gibt nichts zu verzeihen. Allerdings …“ Die kurze Erheiterung verflog, als er die Hände auf ihre Knie legte, um sein Kinn darauf zu betten: „Wenn du es mir nicht erklärst, kann ich es nicht verstehen.“

Morwenna ignorierte den Umstand, dass ihre Erklärung durch seinen vorschnellen Angriff erst untergegangen war, und griff seine Hände. Sie wusste, dass sein durchdringender Blick ihre Erwiderung suchte, auch wenn sie es nicht wagte, aufzusehen. Sie hatte viele waghalsige Entscheidungen ohne ihren Bruder getroffen und war sich im Klaren darüber, welche Konsequenzen diese auch für ihn haben könnten. Sie wollte ihm aufzeigen, weshalb sie Jornowell so blind vertraute – und das nicht nur, weil sie ihm nahe war. Doch wie war ihr Bruder leichter zu überzeugen, als durch Taten?

„Ich weiß, es ist schwer zu begreifen, aber wir können ihm trauen. Er macht seine Arbeit so gut, dass selbst Cirinth sprachlos ist. Warte die Zusammenkunft des Adels ab, und fälle dann dein Urteil. Du wirst sehen, dass er nicht ganz so dilettantisch ist, wie du  denkst…“

„Welche Zusammenkunft…?“ Tiranu blickte sie fragend bis anklagend an.

„Wie bitte, darüber hat man dich nicht informiert?“

„Morwenna?“

„Du solltest den Elfen, der mich für dich ausspioniert, aus deinen Diensten entlassen…“

„Morwenna!?“

****


Das Verständnis von Prunk bekam in den folgenden Tagen durch das Fürstenhaus Langollions einen anderen Klang, einen besonderen Geschmack, einen unbekannten Reiz und eine völlig neue Wertstellung. Die Ankunft des Landadels aus allen Regionen des Inselstaats wurde nicht nur in der fürstlichen Residenz zum großen Anlass, auch die Hauptstadt glühte unter den Anstrengungen der Vorbereitungen. Etliche Fürsten zogen den Weg mit der Kutsche über die Wälder und Gebirge Langollions vor, während andere mit dem Schiff den Hafen der Hauptstadt ansteuertenoder den nahen Albenstern kamen. Auf jeden Baron, auf jeden Graf wartete ein eigener Abgesandter aus dem Hofstaat der Fürsten, der einzig dem Empfang und der Vorbereitung der Gäste diente.

Während man so in der Hauptstadt die Familien der Adligen umsorgte und die Vorteile der andersartigen Unterkünfte anpries – vielen von ihnen musste man hundertfach versichern, dass alle anderen Grafen und Barone gleich behandelt wurden – trafen im Rosenturm die bestellten Waren und Lebensmittel für das festliche Bankett ein. In den Küchen sah man selten solch einen Betrieb, nicht zu dieser Jahresszeit, und zur Verwunderung der Mägde waren die Köche begeistert ob der ‚fleischlosen Herausforderung‘ in der Menügestaltung des Willkommensbanketts.

Im großen Saal – unter den porträtierten Blicken der fürstlichen Ahnen – nahm eine festliche Tafel gestalterische Formen an. Die Vorbereitungen für das Bankett wurden mit stoischer Ruhe und maßgeblicher Gewissenhaftigkeit durch die Dienerschaft vollführt. Jedes Weinglas war zum Funkeln poliert, jedes Messer lag exakt an Ort und Stelle. Die Stühle wurden in champagnerfarbene Hussen gehüllt, welche den dunklen Holzvertäfelungen der hohen Wände schmeichelten.

Der Abend der ersten Zusammenkunft kam näher und die zahlreichen Kutschen am Rande der Hauptstadt wurden für ihren ersten Gebrauch bereit gemacht. Die Würdenträger und ihre Familien fuhren über Pflastersteinstraßen, erhellt von spalierstehenden Laternen, eine kurzweilige Strecke zum Sitz ihrer Fürsten. Oft drehten sich die Gespräche innerhalb der Kutschen um die Gerüchte, die von einem neuen Hofmeister im Rosenturm handelten. Erst in der Hauptstadt hatte diese Kunde das Gehör des Landadels erreicht und breitete sich aus, wie ein loderndes Lauffeuer.

So wie sie den großen Hof in einer genau durchdachten Welle des Kommens und Gehens erreichten, wurden die Würdenträger erneut überrascht. Denn an den Decken der großen Korridore hingen nicht länger – oder nur für diesen Abend? – die Banner der Fürstenfamilie, sondern die Feldzeichen jeder noch so unbedeutenden Adelsfamilie Langollions. Diese Geste wurde von einigen belächelt, doch von den meisten von einem stolzen Blick erwidert.

Im Innenhof, welcher von Pulverschnee, vier steinernen Brunnen und einer Horde an rot gekleideter Dienerschaft gezeichnet wurde, schenkte man heißen Birnenpunsch aus und warmes Gebäck wurde an unruhige Elfenkinder verteilt. Hier würde der standesgemäße Empfang der Fürstengeschwister stattfinden. Spätestens jetzt war auch der letzte Würdenträger verwundert. Die Anzahl der Diener – es waren fast ausschließlich Elfen, die andere Elfen bedienten! – war beachtlich, dazu die Farbe ihrer Uniformen. In ganz Albenmark war es früher Brauch gewesen, dass vermehrt der Adel dieses Rot trug, um den Stand deutlich zu machen. Mittlerweile war es allein schon das Privileg, als Elf geboren zu sein, welches dieses Zeichen der Erhabenheit unnötig machte.

Wie die Kinder der berüchtigten Alathaia –, der Aufständigen, der Kriegsverschuldnerin, der Schwarzmagierin,  – den mit Lampions erhellten Hof betraten, waren alle Gespräche mit einem Mal verstummt. Kein Anzeichen des Übermuts, keine herausstechende Besonderheit haftete den hohen Elfen an. Ihre Gewänder waren schlicht – und zu jedermanns erstaunen: Rot!

Während ihrer unverfänglichen Ansprache ließ Morwenna nicht außer Acht, die kurzfriste Einladung und den langen Weg einiger Adligen zu erwähnen. Sie erklärte detailliert, wie die Verhandlungen in den nächsten Tagen verlaufen würden. Es wären stets alle Türen im Rosenturm für Besucher und Bewunderer geöffnet und jeder sei gebeten, so viel Zeit und so viel Muße in den Hallen zu verleben, wie es ihm gefiel. Auch an die Familien sei in der Hauptstadt gedacht worden und niemand sollte es an etwas mangeln. Schlussendlich plädierte sie auf ihre Hoffnung, dass die Gespräche sowohl zielführend wie auch von großer, langanhaltender Bedeutung für alle Beteiligten seien. Denn sowohl die Ernennung einiger neuer Würdenträger wie auch die Wahl neuer Führungen der bisher unbesetzten Handelskontore würden im Rahmen des Aufenthalts stattfinden.

Wie Morwenna sprach, stand ihr Bruder wortlos neben ihr. Seine Haltung zeugte weder von Anteilnahme noch von Desinteresse. Als die Fürstin ihre Rede endete, war es an ihm, einen neuen Handelspartner des Fürstentums vorzustellen. Das getroffene Abkommen würde bei den Gesprächen vorgestellt werden und jede Baronie sollte von der gemeinsamen Arbeit profitieren.

Ein Elfenkind quietschte, als eine Hand voll Zwerge in den verschneiten Hof traten. Die filigrane Architektur der Palastfassaden mochte nicht so recht zu ihren gedrungenen Gestalten passen, doch ihr Lächeln war einladend und verriet die Aufgewecktheit ihrer Wesen. Einige Momente herrschte aufgeregtes Raunen inmitten der geladenen Gäste, während die Dienerschaft ein Feixen unterdrücken musste.

Doch dieses Feixen wurde zum breiten Grinsen, als das Elfenkind, welches zuvor noch so erheiterte Laute von sich gegeben hatte, aus der Menge nach vorn trat und die Dunkelalben nach allen Regeln des Anstands grüßte. Schließlich wandte es sich aber an Tiranu, der gerade erneut zum Sprechen ansetzte. Sie winkte ihn frech zu sich herunter. Der fragende Blick des Fürsten streifte erst seine Schwester, die erst gar nicht daran dachte, ihn aus dieser Situation zu befreien, dann die Mutter, welche ihr Kind schon wieder einsammeln wollte. Schließlich rief das Kind ihren Herren an: „Wo sind denn die ganzen Kobolde? Meine Schwester hat mir versprochen, hier gäbe es unzählige Kobolde!“

Die Gattin irgendeines Barons nahm ihren kleinen Knaben auf den Arm, während das Kind mit den verkniffensten Augen, die man sich vorstellen konnte, nach einer Antwort verlangte. Tiranu hob eine Braue: „Nun, mein Hofmeister hielt es für eine gute Idee, ihnen heute frei zu geben …“

„Ist das wirklich der Herr Jornowell? Der Weltenwanderer, er ist hier!“ Die Augen des Jungen begannen zu strahlen. Er sah sich aufgeregt um, doch konnte er nirgends die Gestalt des märchenschreibenden Elfen ausmachen.

„Ich kann ihn dir vorstellen, wenn du möchtest“, erwiderte Tiranu verschwörerisch, ohne eine Miene zu verziehen. „Aber nur, wenn du versprichst, ihm alle Fragen zu stellen, die dir heute Abend einfallen könnten.“

Die Mutter des Elfenkinds schaute verwirrt drein, als sie dem Raunen des Fürsten lauschte. Doch beeilte sie sich, an ihres Kindes Stelle gehörig zu nicken und begab sich zurück in den Schutz der Menge.

Die Zwerge lachten und Morwenna biss sich auf die Lippen, als Tiranu sich räusperte. Schließlich fand er seinen Weg aus der außerplanmäßigen Situation heraus und lud die Gäste an seine Tafel.

Schon sollte die nächste Überraschung an diesem Abend folgen, als nach der Vorspeise der Hauptgang serviert wurde. Es befanden sich keine Ente, kein Hirsch und kein Fisch auf dem Porzellan, sondern Wurzelgemüse, eingelegter Käse, ein warmer Graupensalat, Kürbisragout und einige vielfältige Pilzsorten. Von allem ein wenig und für sich angerichtet und doch wollte es wunderbar miteinander harmonieren. Die Würzung der Speisen war außergewöhnlich und zugleich köstlich. Die Gespräche während des Banketts wollten nicht verstummen.

Nach der letzten Flasche Wein, die bei Tisch geöffnet wurde, luden die Fürsten in die Kaminhallen. Die vielzähligen Teppiche waren beiseite geräumt, die Polstermöbel geselliger angeordnet und jeder einzelne Kamin befeuert worden. Ihr Licht strahlte in die Seitengänge, wo etliche Bücherregale mit ihrem Wissen protzten. Die Flügeltüren zur verschneiten Terrasse waren ebenso geöffnet wie alle anderen Türen innerhalb des Turms. Von außen drängte Fackelschein herein, der Weg zu den Gärten war mit mattem Schein erhellt, wie auch die verschneiten Kronen einiger bunt ausgestrahlter Bäume.

Die Atmosphäre lud zu privateren Gesprächen zwischen den einzelnen Adelsfamilien, welche sich oftmals jahrelang nicht gesehen hatten. Schon wurden auch Diskussionen zu möglichen Kandidaten der zu besetzenden Positionen angestimmt, während weitere Weinflaschen geleert wurden und sich die Dienerschaft langsam zurückzog.

Feine, fremdartige Töne wehten durch die Hallen, leise, um kein Gespräch zu stören. Die Zwerge spielten mit Bravur ihre Instrumente und hatten sich schnell auf ihr Publikum eingestimmt.

Noch war der Abend nicht vorbei, doch das ein oder andere Mal traf der Blick Tiranus auf den seiner Schwester und in seinen Zügen lag Anerkennung. Der Auftakt der Unterredungen hatte begonnen und er würde so schnell nicht vergessen sein.

***


„Wie läuft es?“

„Junge!“ Thorwald sprang auf und ließ fast seine Flöte fallen, die er hatte reinigen wollen. „Da bist du ja endlich! Ist es denn Brauch unter den Elfen, dass man seine eigenen Feste verpasst?“

Jornowell lächelte: „Ein Brauch wohl kaum, doch habe ich mich unter großen Gesellschaften von Höflingen und Würdenträgern nie besonders wohl gefühlt.“ Die Wahrheit waren seine Worte auf jeden Fall, doch ein anderer Aspekt trug viel Wesentlicher zu seiner Abwesenheit bei. Unter keinen Umständen wollte er die Gerüchte um sich und Morwenna weiter schüren und er fürchtete, dass der eine oder andere verräterische Blick alles nur noch schlimmer machen könnte.

So hatte er sich den Abend über zurückgehalten, hinter den Kulissen angepackt, etwa beim Anrichten der Speisen und beim Entzünden der Fackeln und Kamine. Unter der Dienerschaft war die Stimmung ausgelassen, jeder konnte am heutigen Abend stolz auf seine Arbeit sein. Er war so oft gelobt worden, dass ihm das Blut noch immer in den Wangen stand.

Ausnahmsweise hatte er ein feines Wams angelegt und die Haare gekämmt. Die Mägde hatten ihn unablässig davon zu überzeugen versucht, dass er wenigstens nun bei der Gesellschaft auftauchen sollte. Widerwillig hatte er eingelenkt und strebte nicht ohne letzte Anweisungen die Hallen der Kamine an. Er war überrascht, wie viele Gäste schon gegangen waren und befürchtete, einen Fehler in der Planung gemacht zu haben. Doch dann stellte er fest, dass es schon weit nach Mitternacht sein musste und die nächste Zusammenkunft schon morgen Vormittag angedacht war.

Der Zwerg musterte ihn: „Schick! Du bist ja fast nicht wieder zu erkennen … Was nichts Schlechtes ist, wenn du nicht unbedingt als Pferdedieb durchgehen willst.“ Er lachte herzlich und auch die anderen Zwerge schenkten ihm nun ihre Aufmerksamkeit. Vor einigen Minuten hatten sie ihr Musizieren beendet und gönnten sich nun einen Kelch des besten Weins aus dem Haushalt der Familie.

Thorwald prostete ihm zu: „Schade, dass Morwenna nicht trinkt, ich hätte gern mit ihr angestoßen.“ Er grinste. „Vielleicht überlasse ich das aber besser dir?“

Jornowell öffnete seinen Mund zum Protest, wurde aber von Thorwald unterbrochen: „Mach nicht so ein Gesicht! Nach deiner Leistung heute Abend wird sie dir die Füße küssen wollen. Was soll’s, wenn euch jemand sieht? Die meisten Gäste sind schon gegangen, die Gerüchte in aller Munde und ihr Bruder hasst dich ohnehin schon. Also geh zu ihr!“

Der Weltenwanderer und momentane Hofmeister des Rosenturms schloss die Augen. Thorwald verstand es, einem Mut zu machen …

„Wenn du dann endlich still bist …“

****


Morwenna fing kurz seinen Blick ein, als er sich ihr näherte. Die Fürstin war mit ihrem Bruder und einem weiteren Edlen in ein Gespräch vertieft. Zuvor hatte der Hofmeister etliche Zeichnungen der Adelsfamilien studiert, um jede Person beim Namen nennen zu können. So erkannte er das Gesicht des Barons aus Vascar, der Baronie, welche für einige Wochen die Hilfe der Fürstin in Anspruch genommen hatte. Der Würdenträger schien vertraut mit seiner Fürstin – und eingeschüchtert von seinem Fürsten. An seinem Arm stand eine jüngere Elfe mit hübschen Gesicht und hellblondem Haar. Ihre hohe Stirn verriet auf eigentümliche Weise Raffinesse. Immer wieder zog sie diese kraus, als wollte sie einen Teil des Gesprächs missbilligen, doch war sie zurückhaltend genug, um sich nicht mit entsprechenden Anmerkungen unbeliebt zu machen. Diese nachwirkende Erscheinung sollte er im Auge behalten, dachte sich Jornowell und nickte Morwenna bei einem weiteren Blicktausch kurz zu.

Die Heilerin entschuldigte sich bei ihrem Bruder, als sie dem Gespräch den Rücken kehrte und gemessenen Schritts zu Jornowell herüber ging. „Bisher hielt ich Subtilität nicht für eine Stärke von dir, Weltenwanderer.“

„Und nun hast du deine Meinung geändert?“

Morwenna lächelte kurz und strich sich die gelockten Haare hinter die Ohren:„Wohl kaum.“

Die Haltung der Fürstin verriet ungewohnterweise einen Hauch von Unruhe. Ihre schlanken Finger fuhren über die kastanienroten Stoffwellen ihres Rocks und verschränkten sich schließlich lose vor ihrem Schoß. Jornowell konnte nicht widerstehen, sie genauer zu mustern. Sein Blick folgte einem eng anliegenden Mieder, welches ihre Taille betonte. Einige Bronzestickereien zogen sich über deren festen Stoff und funkelten im Schein des Kaminfeuers. Die Ärmel des Kleides wirkten wie überlange Handschuhe, welche ihre Handrücken mit feiner Spitze zierten und ihre blassen Schultern fast bar ließen. Das nackte Dekolleté über dem Mieder war nicht durch Schmuck und Prunk verdeckt, sondern zeigte die scheinende Blässe der Edlen. Dass die intensive Farbe von jungen Kastanien des Gewands einen solch angenehmen Kontrast zu ihrer Haut darstellte, lenkte gewiss viele Blicke auf ihre Erscheinung. Insgesamt wirkte die Robe für die kalte Jahreszeit freizügig, aber überraschend unkompliziert. Seine Idee, die Farben der Kleidung von Dienerschaft und Gastgebern ähnlich zu gestalten, hatte zunächst für wenig Gegenliebe bei den Geschwistern gesorgt, doch die einheitliche Präsentation eines starken Haushalts schien sie schließlich überzeugt zu haben.

Als Jornowell aus seiner Starre erwachte, wurde ihm bewusst, dass Morwenna ihn etwas gefragt haben musste. Ihr Blick suchte seinen, als wolle sie seine Antwort aus den Augen lesen. Doch Jornowell hätte beim besten Willen nicht sagen können, welche Antwort sie erwartete.

„Hörst du mir nicht zu?“ Sie hob eine fein geschwungene Braue und Jornowell blieb nichts anderes übrig, als den Kopf zu schütteln, was ihm ein pikiertes Schnauben einbrachte. Er glaubte fast, dass sie möglichweise doch ein, zwei Gläser Wein gehabt haben könnte, entgegen Thorwalds Behauptung. Jedenfalls schien sie den Zwischenfall ihres letzten Zusammentreffens nicht zu rühren. Dies, oder sie war eine bessere Schauspielerin, als er vermutete. „Ich habe dich gefragt, von wem du die Kleidung geliehen hast … Sie scheint mir etwas zu groß geraten an dir.“

Irritiert sah Jornowell an sich herunter und stellte fest, dass ihr Augenmaß durchaus stimmte. Sein eigenes Auftreten hatte er bei all den anderen Planungen hinten an gestellt. Und leider musste er eingestehen, das edle Wams in der Farbe alten Kupfers tatsächlich geliehen zu haben: „Cirinth“, nuschelte er, „ich wusste, er würde heute Abend das Weite suchen …“

„Du hast es ihm gestohlen?“

„So ausgedrückt …“ Er unterbrach sich, als er ihren missbilligenden Blick auffing, der eine leichte Erheiterung in sich trug. „Ich bringe es morgen zurück.“

„Ich werde dir den Schneider meines Bruders schicken“, befand die Fürstin nüchtern mit einer weiteren kritischen Musterung. „Niemand soll mich für eine geizige Herrin halten.“

Jornowell sah zu Tiranu herüber – und wurde sich bewusst, dass dessen Augenmerk mehr auf ihnen beiden als bei seinen eigentlichen Gesprächspartnern lag. Den Blick nicht abwendend, antwortete er: „Bist du dir sicher, dass dieses … stoische Thema zu mir passt?“

Auch Morwenna schaute in die Richtung des Fürsten: „Du solltest ihn nicht provozieren. Das wäre ein Fehler, den du nur einmal begehst.“

„Wie kommt es eigentlich, dass er noch kein Wort mit mir gewechselt hat? Nicht, dass ich so etwas wie ein ‚Dankeschön‘ erwarten würde, aber lediglich mit diesem todbringenden Starren … durchbohrt zu werden…Ist er missgestimmt?“

„Du hättest es gemerkt, wenn es so wäre“, Morwenna legte den Kopf schief. „Ich weiß, dass er nicht eben dankbar ist. Aber … du ahnst nicht, wie gut dein Konzept auf die Stimmung in den Adelsfamilien geschlagen ist. Viele von ihnen reden heute das erste Mal seit Jahrhunderten wieder miteinander … oder mit uns. Auch er erkennt das an. Wenn du dieses Niveau halten kannst, dann brauchst du nichts zu befürchten.“

„Das klingt wie eine Drohung.“

„Sieh es als Motivation“, raunte sie und lächelte. „Gute Nacht, Hofmeister.“

Sprachlos sah Jornowell der Fürstin hinterher, wie sie sich mit einigen Worten von ihrem Bruder und dem Baron verabschiedete. Ihm entging nicht, wie sehr sich ihr Verhalten in der Nähe ihres Bruders änderte. Er ließ sie ein wenig aufrechter stehen, ein wenig mehr Sicherheit zukommen. So waren ihre Lippen weniger verkniffen, ihre Stirn entspannter. Eine winzige Geste, die Berührung seiner Finger an ihren, verriet ihre Bindung. Er musste eingestehen, dass ihm ein solches Verhalten von seiner eigenen Schwester fremd war. Dies mochte sicherlich daran liegen, dass diese wesentlich älter und mehr wie seine Gouvernante als seine Vertraute an ihm gewirkt hatte. Allerdings auch daran, wie sie zu einem Thema mindestens fünf verschiedene Meinungen haben konnten. Bei Tiranu und seiner Schwester schien das anders. Sie waren seit Kindesbeinen an gewohnt, stets zusammenzuhalten, mutmaßte der Weltenwanderer. Wer sie nicht beide überzeugte, überzeugte niemanden von ihnen.

Schließlich folgte sein Blick den schwingenden Röcken der Fürstin, welche die Hallen verließ. Auf der anderen Seite des Saals schüttelte Thorwald den Kopf und legte dann die Hand über sein Gesicht. Jornowell verdrehte die Augen …

***


Tatsächlich nahm der Klang des Erfolgs in den nächsten Tagen nicht ab. Die Verhandlungsgespräche fanden jeden Vormittag zu selben Stunde statt und verliefen meist bis spät in die Nacht hinein. Während der Zusammenkünfte wurden Problematiken und Anregungen innerhalb der Landespolitik besprochen. Immer wieder versuchte Jornowell, einen unverblümten Überblick der Lage zu gewinnen. Seine Notizen sprengten den Rahmen jedes einzelnen Reiseberichts, den er je verfasst hatte. Das Ergebnis war erschütternd. Natürlich wusste kein Graf von möglichen Steuerrücklagen, die er verschwiegen haben könnte und zusätzlich fehlte das Gold an jedem Ende.

Alles in allem kam die Zusammenkunft einer Debatte gleich, welche Grafschaft wohl am übelsten dastand. Stets wurde versucht, die Fürsten zu überzeugen, dass die eigene Provinz ihre Hilfe am dringendsten benötigte.  Dabei wurde schon bald keine Rücksicht auf andere mehr genommen und die Stimmung des großen Banketts war vergessen. Jornowell hegte den Verdacht, dass der ein oder andere Disput nur durch die Präsenz der Wächter aus Tiranus Einheit vor handgreiflichem Ausgang bewahrt wurde.

Die Abende des Hofmeisters wurden von persönlichen Gesprächen mit einigen potentiellen Anwärtern für die zu besetztenden Burgen Langollions gestaltet. Dazu wählte er sich zuerst die junge Elfe aus, die sich als Tochter des Barons aus Vascar herausstellte. Larielle war die Mutter dreier Söhne, von denen zwei im Tjuredkrieg umkamen. Sie schien wenig begeistert ob des unverhofften Vorschlags, doch Jornowells Instinkt sollte ihn nicht trügen. Ihre Ansichten und die gewählte Gesprächsführung hinterließen einen Eindruck von Standhaftigkeit und Ausdauer. Er war sich sicher, dass sie durch einige wohl platzierte Argumente doch für eine entsprechende Position zu überzeugen wäre.

Auch die Fürstengeschwister beteiligten sich auf der Suche nach würdigen Nachfolgern. Während Morwenna ihm einige Namen zukommen ließ, schwieg Tiranu zu seinen Favoriten, sollte er denn solche gefunden haben. Unter den Vorschlägen Morwennas war auch eine angeheiratete Verwandte aus einem unbedeutendem Hause, welche schon lange verwitwet war. Als Tochter eines bekannten Tuchhändlers, dessen Erfolg einst eine große Familie genährt hatte, war sie bekannt für ihre Schlagfertigkeit. Sie hatte nach ihrem Verlust die Geschäfte zu noch größerem Ertrag geführt und könnte nun die Führung eines kleineren Handelskontors übernehmen. Auch ein ehemaliger Schnitter, ein Krieger aus Tiranus Reihen, war unter ihren Vorschlägen. Er sollte sich durch große Ergebenheit und Effektivität auszeichnen. Jornowell beschloss, mit diesem Elfen noch ein Gespräch zu führen.

In einer abendlichen Besprechung wollten die Geschwister festlegen, ob es geschickt wäre, am Ende der Unterredungen bereits Titel und Ländereien zu vergeben, oder ob sie noch warten sollten. Jornowell riet ihnen zu einer schnellen Entscheidung, die im Rahmen der Aufmerksamkeit und Billigung allen Adels stattfand. Sie folgten seinem Rat.

In den Nächten plante Jornowell den jeweils folgenden Tag und fand meist nur in den frühen Morgenstunden einige Momente der Ruhe. Am dritten Abend nach dem Bankett verabschiedete er die Gesandtschaft der Zwerge und versprach einen baldigen Besuch ihres Reiches. Von diesem Zeitpunkt an, fühlte er sich innerhalb der Mauern des Rosenturms einsam. Ohne die Sticheleien der Zwerge, die laut ihnen selbstverständlich einzig dem Ansporn dienten, war es merkwürdig still um ihn und Morwenna geworden. Die Elfe gab sich betont nüchtern und zwanglos, als wären seine Vorwürfe nie ausgesprochen worden. Ohne die ständige Einmischung von Thorwald zweifelte Jornowell langsam daran, dass er der Fürstin jemals wirklich nahe gewesen war.

So stürzte er sich in noch mehr Arbeit und bewältigte Schritt für Schritt die Planung eines würdigen Abschlusses der Verhandlungstage. Um die angespannte Stimmung aus der fürstlichen Residenz und damit aus dem Ballungsraum aller Dispute zu tragen, wählte er ein kleines Landschloss in der Ebene vor dem berüchtigten Labyrinth der Rosen für das Fest des Abschieds. Die erste Riege an Dienerschaft wurde bereits mit Anweisungen und Aufgaben für die Vorbereitungen ausgestattet in das Anwesen gesandt, um Jornowell zu unterstützen. Im Gegensatz zum Auftakt der Verhandlungen würde dieses Fest mit dem Glanz der berüchtigten Bälle der Edlen Albenmarks aufwarten. Es wurden weitere hochoffizielle Einladungen an Verwandte, sollten sie auch noch so entfernt oder durch offensichtliche ‚Fehler‘ in der Ahnentafel zweifelhaft sein, Großhändler, Gildenführer und Berater gesandt. Noch war die Krise nicht gebannt, und dieses Fest sollte eine letzte größere Chance auf den Fund fähiger Persönlichkeiten sein.

Der Hofmeister begann seinerseits mit der Schrift an die Königin, um die neuen Würdenträger vorzustellen und den Segen der Krone für diese Übertragung an Verantwortung einzuholen. Wenn die Hungersnot damit zwar noch nicht bekämpft und die wirtschaftliche Entwicklung weiterhin lachhaft war, so war eine Reihe an vertrauenswürdigen Namen doch ein großer Schritt für den Aufbau einer intakten Struktur innerhalb des Fürstentums.

Als er am nächsten Morgen, zwei Tage vor dem Abschiedsfest, mit dem Schrieb am der Tür des fürstlichen Studierzimmers stand, sammelte er seine Gedanken und straffte die Schultern. Es wäre das erste persönliche Gespräch mit seinem Fürst, seit er offiziell in seinen Diensten stand. Ein Fehler kam nicht infrage, ein Zögern ebenso wenig. Er klopfte an und wurde auf der Stelle hereingebeten.

Die kühle Sonne kletterte am Horizont die erste Etappe über die verschneite Ebene hinauf und läutete damit den frühen Tag ein. Tiranu saß aber bereits wie eingemeißelt an dem wuchtigen Sekretär und ließ eine lange Schreibfeder über raue Pergamentbögen tanzen. Ein Moment genügte, in dem nichts geschah, und Jornowell wusste, dass diese Besprechung zu einem zermürbenden Spiel der Geduld werden würde. Der Fürst schaute weder auf, noch ließ er sich die fremde Anwesenheit sonst irgendwie anmerken.  So verzichtete Jornowell auch darauf, sich zu räuspern, oder höflich abzuwarten. Er richtete den Stuhl vor dem Pult zurecht und ließ sich stumm darauf nieder, während er den stattlichen Bericht deutlich vernehmbar auf die Tischplatte ‚legte‘.

„Die Liste mit den Namen der Auserwählten“, stellte er fest. Tiranu schrieb weiter. „Für die Königin.“

Der Schreibfluss des Fürsten wurde weder langsamer, noch schneller. Die Ablenkung war nicht bemerkbar, aber immerhin auch keine Ablehnung. Kein Blick fiel auf das Schriftstück und so sah Jornowell sich gezwungen, abzuwarten. Es war seiner Neugier geschuldet, dass er eine Winzigkeit mehr seinen Hals reckte, um auf Tiranus Pergamentbogen zu schielen. Da sah der Fürst seinerseits auf …

„Dein Name steht nicht bei ihnen…“, bemerkte er tonlos.

Jornowell war verwundert und zog die Brauen zusammen: „Wenn mir an einem Titel oder einer Burg gelegen wäre, würde ich es geschickter anstellen, als dir ein Dekret diesbezüglich unterzujubeln.“

„Dein Geschick zweifelt niemand an“, sprach Tiranu ungerührt, während seine Feder weiter über das Pergament kratzte. „Es liegt durchaus eine gewisse Raffinesse darin, einen kleinen Anspruch auszuschlagen, um ein größeres Vertrauen zu gewinnen.“

Der Weltenwanderer biss die Lippen zusammen. Fassungslos suchte er nach einer Erklärung für die haltlose Argumentation des ehemaligen Heerführers. Dachte der Fürst daran, dass er eine Baronie ausschlug, um damit näher an die Fürstin zu gelangen?

„Das Streben nach Titel und Macht sind mir fremd“, stellte er klar und ließ den Blick erneut über den Schrieb des Fürsten gleiten. Sein Ärger hielt sich in Grenzen, wenn er ehrlich war. Mit einer solchen Reaktion hatte er durchaus rechnen können, auch wenn er über die emotionslos ausgesprochene Anschuldigung überrascht war. So herausfordernd diese auch war, so wenig angriffslustig war sie ausgedrückt.

„Dennoch bist du ohne jegliche Referenz innerhalb eines halben Tages zum Hofmeister meines Palastes geworden.“ Tiranu machte eine Pause. „Man könnte das durchaus strebsam nennen…“

‚Er traut mir nicht, und noch mehr misstraut er den Gefühlen und Urteilen seiner Schwester mir gegenüber. Allerdings weiß er, dass er momentan keine Wahl hat, als meine Arbeit zu schätzen, obwohl er alles versucht, um mich mit Unterstellungen zu diskreditieren. Er wird es hassen, sein Misstrauen unbegründet zu wissen. Und er wird es mich wissen lassen.‘

Welche Diskussionen mussten die Geschwister über ihn geführt haben? Nie hatte er etwas von solchen mitbekommen, kein Wunder bei seinem Arbeitspensum, und dennoch bekam er nun einen ungefähren Eindruck davon. Er ahnte, der Unmut, den er hier von Tiranu zu spüren bekam, war die  abgeschwächte Version unzähliger Anschuldigungen und Misstrauensvorhaltungen, geschickt platziert und unmissverständlich. Morwenna hatte sie wohl unverblümt über sich ergehen lassen müssen …

Lange Zeit sagte keiner der beiden unterschiedlichen Elfen etwas. Jornowell nutzte die Zeit, um Tiranu zu mustern. Er war ein durchaus ansehnlicher Vertreter seines Volks. In seinem Gesicht erkannte der Weltenwanderer mehr Ähnlichkeit zu Morwenna, als er bei ihr je zu ihrem Bruder gesehen hatte. Vor allem die ausdrucksstarke Partie um die leicht schräg gestellten Augen unter markant geschwungenen, schwarzen Brauen, teilten sich die Geschwister auf zwei verschiedenen Gesichtern. Tiranus Züge waren allerdings schärfer geschnitten, etwas dunkler gemalt und von steter Ausgewogenheit gezeichnet. Morwenna hatte wohl die feinen Gesichtslinien ihrer berüchtigten Mutter geerbt, die ebenso wenig wie die ihres Bruders von einer klassischen Schönheit, aber großem Reiz und prägnanter Erscheinung erzählten.

Wie die Selbstsicherheit seines Blicks, zeugte die V-Form seines Oberkörpers von der aufrechten Haltung eines bewussten Auftretens und einer gewissen lässigen Standhaftigkeit. Wenn er jemanden ansah, spannte er stets die Schultern, was durchaus ein Wappnen gegen Vorwürfe, Anschuldigung oder Missbilligung sein konnte, aber auch die Reflexe eines Kriegers.

Gerade sah er aber mindestens genauso müde aus, wie Jornowell sich fühlte. Der Hofmeister wusste, dass seine Reise nach Ishemon von wenig Erfolg gekrönt gewesen war. Bei seiner Rückkehr hatte er unmittelbar die Spannungen innerhalb Adels zu spüren bekommen, denn oftmals war es allein an Tiranu, sich deren Vorwürfen zu stellen. Ungern gab er die Verantwortung ab, auch nicht an seine Schwester. Wenn er sich weiterhin so stur gab, würde Jornowells Arbeit dadurch Schaden nehmen. Niemand könnte auf Dauer dem Druck dieser Aufgaben standhalten. So waren schon die ersten Vorboten einer Schwächung seines Zustands zu erkennen. Das schulterlange Haar, welches im Vergleich zu Morwennas nicht von Wellen durchzogen wurde, war matt und ein wenig in Unordnung. Passend dazu trug er sein dunkelledernes Wams, versehen mit langen Ärmeln und schwarzen Zierstichen, offen, sodass sich sein weißes Hemd darunter zeigte. Er machte kein Aufsehen um Schmuck oder Standesbekundungen. Einzig ein dunkelgoldener Siegelring mit rundlicher Rautenform und schwarzem Emblem verriet einem Wissenden seinen Titel. Für Jornowell war es schwer, das Siegel genau zu betrachten, da es beim Führen der Feder mitgeschwungen wurde – aber endlich erkannte er, was das für ein Schreiben war, an dem Tiranu saß.

„Wenn du schon so stur bist und das Schreiben an Emerelle selbst verfassen möchtest, dann solltest du wenigstens ausgeruht genug sein, um sie nicht versehentlich als ‚Despotin‘ zu bezeichnen …“  

Endlich hielt Tiranu inne, starrte auf das letzte geschriebene Wort, suchte ein Stückchen weiter und kritzelte dann mit fleckender, kratzender Federspitze über den verhängnisvollen Fehler. Sein folgender dunkler Blick verriet jede Morddrohung, zu der er fähig war, sollte diese Aufdeckung je den Raum verlassen. Jornowell musste ein Feixen unterdrücken. Jeder wusste, was die Kinder Alathaias von Emerelles Herrschaft hielten, doch eine solche Entgleisung der Gedanken auf Papier, kam allein der Übermüdung des Fürsten zu Schulden. Nun galt seine Aufmerksamkeit wenigstens ihm.

So erhob sich Jornowell siegessicher und ließ seinen Bericht auf die Pergamentbögen vor dem Fürsten sinken: „Deine Unterschrift genügt.“
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