Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Keine Rose ohne Dorn

von Riniell
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
Tiranu
27.03.2015
12.11.2015
16
64.020
3
Alle Kapitel
14 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
26.09.2015 3.821
 
Im neuen Wind



„Kein Fleisch? Das kann unmöglich …“

„Es ist mein Ernst und es wird so umgesetzt!“

Cirinths Protest ging im Lachen zweier musizierender Zwerge unter, die sich vom Gespräch abgelenkt, gehörig im Ton vergriffen hatten. Der Klang ihrer Flöten wehte wenig später schon wieder durch die hinteren Nischen der Kaminhalle. Ihr neugieriger Blick jedoch hing an den beiden hochgewachsenen Elfen, welche angeregt in ihre morgendliche Besprechung vertieft waren.

Jornowell klemmte sich einen Bogen Pergament unter die Arme und bedachte Cirinth mit einem abschätzenden Blick: „Ich werde den Menüplan der Küche selbst unterbreiten …“

„Die Köche werden lachen über diesen Vorschlag, ebenso die gesamte Gesellschaft …“ Cirinth schien fassungslos. Er war wenig begeistert von den Vorschlägen seines Nachfolgers, mehr noch missfiel ihm allerdings der Umstand, dass man all seine Plänen für die anstehenden Festlichkeiten stattgab. „Ich habe noch nie gehört, dass ein Festbankett unter den Edlen Albenmarks ohne Fleisch oder Fisch serviert wurde.“

Jornowell wollte, augenscheinlich des Themas überdrüssig geworden, etwas erwidern. Kaum jedoch trat Morwenna in das Sichtfeld ihrer beiden Höflinge, wandte sich Cirinth mit Empörung in seinem Gesicht an sie: „Herrin, ich insistiere! So sehr ich seinen Vater für sein Werk respektierte … aber was seine Planungen für das Bankett angeht … Ich fasse es nicht, dass du dein Vertrauen in ihn setzt! Seine Motive scheinen offensichtlich nicht  …“

Morwenna hob eine Hand, ermüdet von den sich ständig wiederholenden Anschuldigungen, die ihr ehemaliger Hofmeister gegen Jornowell vorbrachte. Etliche Male war er in den letzten Tagen auf sie zugegangen, um sie anzuflehen, ihre Entscheidung über seine Absetzung zu überdenken. Dabei fiel Morwenna auf, dass Cirinth tatsächlich etwas an seinen Aufgaben zu liegen schien – oder hatte er gar Angst vor Emerelles Unmut, wenn sie erfuhr, dass er seinen von ihr anvertrauten Posten einfach verloren hatte?

Die Fürstin antwortete nicht gleich, doch spürte sie ihre Vertraute Abelle in ihrem Rücken lächeln. Sie wusste, dass ihr Haushalt  von Cirinths bisheriger Führung nicht sonderlich angetan war. Oftmals hatte es Anschuldigungen falscher Loyalität und nicht nachgewiesener Bespitzelung gegeben. Der Hof war nach dem Regimentswechsel ebenso überrascht wie hoffnungsvoll. Dass mit diesem Wechsel bald auch die Reise des ehemaligen Hofmeisters an die Vasallenhöfe des Lands begann, schien nicht nur Abelle zu gefallen.

Cirinth versuchte zwar, mit allen Mitteln seinen Unmut Luft zu machen. Doch auch er musste eingestehen, dass seine angedachte Tätigkeit an den Landhöfen Langollions ein großer Schritt gegen die Korruption und für den Wiederaufbau sei. Er traute sich diese Aufgabe als ausgebildeter Rechnungsmeister durchaus zu und war angetan von dem Gedanken, nachhaltig etwas bewirken zu können. Begeistert zeigte er sich allerdings dennoch nicht. Vor allem nicht von der Wahl für seine Nachfolge.

Jornowells Ruf verleitete zu Cirinths Erleichterung viele Höflinge neben ihm dazu, skeptisch zu sein. Die Spannung zwischen dem neuen und dem ehemaligen Hofmeister trug nicht eben zu großer Effektivität des Hofstaats bei. So war es an Morwenna, die Angelegenheiten zu überwachen. Der größte Streitpunkt war die Planung der nahenden Festlichkeiten am Hof, bei denen sich der gesamte Landadel unter anderem für längere Verhandlungen am Hof des Rosenturms versammeln würde.

Morwenna streckte die Hand nach dem Pergament aus, welches Jornowell ihr bereitwillig übergab. Sein Blick war so reserviert, wie jeden Tag, seit er in ihren Diensten stand. Sein Enthusiasmus litt aber keinesfalls unter ihrem starren Umgang. Mehr noch war seine Arbeit inspirierend für die festgefahrenen  Strukturen des Hofstaats. Seine Ideen waren ebenso außergewöhnlich, wie sein Auftreten.

Morwenna stöhnte innerlich auf, als sie ihn kurz genauer betrachtete. Das aschblonde Haar war wirr in einem losen Knoten auf seinem Kopf zusammengehalten, während er statt eines edlen Wamses eine einfache Tunika und abgetragene Stiefel trug. So stellte sie sich nicht eben das Auftreten ihres Haushofmeisters vor!

Mehr noch schien sein Umgang mit dem Personal – so hatte die angetane Abelle ihr berichtet – auf einer sehr gleichgestellten, zwanglosen Ebene stattzufinden. Was ihre Dienerschaft anging, so hatte Jornowell sie schon auf seine Seite gezogen. Die Höflinge und Cirinth jedoch würden noch lange zweifeln. Und auch Morwenna selbst blieb vorsichtig.

Flüchtig studierte sie den Speiseplan des großen Banketts, welches zu Beginn der Besuche des Adels stattfinden sollte. Tatsächlich waren keine Fleischspeisen zu finden.

„Es ist ein Armutszeugnis“, schlussfolgerte Cirinth.

Jornowell räusperte sich: „Wohl kaum.“ Er suchte ihren Blick und schloss Cirinth mit seiner Körperhaltung aus. „Dein Volk leidet Hunger, was glaubst du, wie sie reagieren werden, wenn sich hier der Adel versammelt und sich auf ihre Kosten den Bauch vollschlägt? Es wird zu neuem Unmut führen …“ Er hob die Braue. „Wenn wir dagegen auf überflüssige Verköstigung verzichten und stattdessen die Bauern unterstützten, indem wir ihre Erträge beziehen, dann wird das der Stein des Anstoßes zum Umdenken sein. Der Adel wird sich von solch einem gewagten Verzicht zum Nachdenken anregen lassen. Zumindest aber werden wir ihren Respekt für die mutige Entscheidung gewinnen.“

„Es wird im Fiasko enden“ Cirinths Meinung stand fest.

Morwennas ebenso – „Wir werden es nach Jornowells Plänen umsetzten. Außerdem soll die Menge Fleisch und Fisch, die wir für die Gesellschaft benötigt hätten, an die Bedürftigen der Hauptstadt gespendet werden.“

„Eine gute Entscheidung“, befand Jornowell und schenkte ihr nun doch ein Lächeln. Er schien sich allzu bewusst, dass er es gewesen war, der sie zu dieser Entscheidung geführt hatte. Sein Geschick, derartige Verhandlungen zu führen, rang Morwenna Respekt ab. Die Tatsache, dass er sich stets gegen den Einfluss von Alvias gesträubt hatte, machte diese ganze Angelegenheit umso kurioser.

„Du wirst sehen, auch aus Wintergemüse und anderen Bodenschätzen dieses Landes lassen sich köstliche Speisen zubereiten!“ Jornowells unverhohlenes Lächeln wuchs in die Breite.

Erneut lachte einer der Zwerge auf, der sich von seinem Sessel erhoben hatte, um Feuerholz nachzulegen. Morwenna hatte nicht bemerkt, dass ihr Flötenspiel unterbrochen worden war. Der Zwerg wandte sich zu ihnen hinüber: „Jornowell weiß wovon er spricht, das können wir und unsere Bäuche bezeugen. Während unseres Aufenthaltes hat er manch nahrhaftes Mahl in euren Küchen für uns zubereitet. Man mag es uns zwar nicht ansehen, aber Zwerge sind äußerst anspruchsvolle Esser!“

Morwenna war von dieser Offenbarung überrascht. Nur schwer konnte sie sich Jornowell in den Küchen ihres Hauses vorstellen, mit hochgebundenen Haaren und einem Kochlöffel in der Hand.

Mit einem Zwinkern neigte der Zwerg leicht den Kopf in ihre Richtung, was die Fürstin als Entschuldigung für sein Einmischen auffassen wollte. Ihr war aufgefallen, dass diese Gesandten einen außerordentlichen Narren an Jornowell gefressen hatten – und seit sie von seiner Ernennung als Hofmeister Wind bekommen hatten, ließen sie keine Möglichkeit verstreichen, ihre Hilfe anzubieten. So war es nicht verwunderlich, dass sie ihren Aufenthalt für die anstehenden Beratungen verlängerten. Sie hatten sich sogar angeboten, für die musikalische Untermalung während des Eröffnungsbanketts zu sorgen.

„Allerdings ist uns aufgefallen, dass die ein oder andere Prise Salz allzu leicht durch seine Finger den Weg in den Topf findet…“, lachte der Zwerg weiter. „Was sagt man noch gleich, beutet das? Thorwald, hilf einem alten Mann auf die Sprünge …“ Sein angesprochener Kamerad zeigte nur ein zahnluckiges Lächeln. Diese Andeutung schien ihm ein zu heißes Pflaster zu sein, um noch nachtreten zu wollen.

Was die Zwerge in ihrer unbedachten Unverschämtheit andeuteten, ließ in ihr allerdings eine unangenehme Berührtheit zurück. Für einen Moment blieb ihr die Luft zum Atmen im Halse stecken. Ihre Wangen wurden unangenehm warm. Was wussten diese Zwerge? Jornowell sollte doch nicht indiskret gewesen sein?

Morwenna schaute Jornowell durchdringend an. Er wirkte vor allem von durchgearbeiteten Nächten ausgezehrt und betont sachlich. Die Andeutung der Zwerge schien ihn nicht zu rühren. Bei allem Unmut, diese Reaktion hätte sie nicht von ihm erwartet – oder erhofft? Die Leichtigkeit seines Wesens, so unpassend es manches Mal auch war, ließ sich vermissen. Morwenna schluckte.

Cirinth wirkte über ihre Entscheidung und die Einmischung der Zwerge erbost. Der zukünftige Abgesandte, der zur Unterstützung der innenpolitischen Situation an die Höfe des Landadels reisen würde, zeigte einmal mehr offen, was er von seiner Degradierung hielt. Er würde nicht müde werden, Jornowell Steine in den Weg zu legen.

„Habt ihr euch auf eine Ordnung für die Unterbringung der Gäste geeinigt?“, lenkte Morwenna daher das Thema um.

Jornowell nickte sofort. Es war allzu offensichtlich, dass er das Heft in die Hand genommen hatte und sich nicht mehr nach Cirinths Erfahrung richtete. „Die Grafen und Barone werden während der Festlichkeiten nicht im Rosenturm, sondern in der Hauptstadt untergebracht.“

Während Cirinth in seiner Empörung die Sprache vergessen haben zu schien und nur einen undefinierbaren Laut des Schocks von sich stieß, legte Morwenna ihren Kopf schief: „Wie bitte?“

Jornowell breitete die Hände aus, als fasse er eine Offensichtlichkeit ein: „Warst du in den letzten Tagen einmal in der Hauptstadt? Ich muss zugeben, dass ich bei der Menge meiner Arbeit nur ein einziges Mal die Möglichkeit hatte, einen Ausritt dorthin zu machen. Was soll ich sagen? Es ist, als sei der Hafen von einem Zauber umgeben, der die Zeit still stehen lässt. Die Arbeiter an den Docks haben Feuerstellen errichtet, an denen sie Stockbrot in ihren Pausen backen, während sie mit ihren Kindern Knallfrösche springen lassen, um sie vom Frost abzulenken. Die Kälte setzt ihnen zu, doch sie bilden sich ihre eigene Welt, in der sie die Wintermonate zu ihren Gunsten auslegen. Wenn der Schneefall im kalten Ozean untergeht und die vertäuten, von Schnee bedeckten Kähne auf den Wellen der Bucht tanzen, dann denkt niemand von ihnen an ihre Notlage. In der ganzen Stadt helfen sich die Albenkinder, kochen Eintopf und Tee für die Eistänzer auf den unzähligen gefrorenen Brunnen. Der Geruch der heißen Blutbirnen und gebrannten Mandeln weht bis über die Dachgiebel, noch weit über die Stadtgrenzen hinaus. In den Werkstätten werden verzauberte Kristalle hergestellt, die nur zugunsten der nicht magiebegabten Bedürftigen verteilt werden. In ihnen glüht das Licht hunderter Flammen gegen Dunkelheit und Kälte.“

Cirinth schnaubte: „Was soll dieses sentimentale Geschwätz? Wir diskutieren über politische Entscheidungen, nicht über gebrannte Mandeln!“

Jornowell lächelte bei diesen Worten – nicht sein strahlendes, warmes Lächeln, welches ihr so vertraut war, sondern eher abschätzig und kühl. „Du solltest die Augen öffnen, wie der Adel auch! Da draußen lebt euer Volk in seiner Not und selbst dieses weiß sich besser zu helfen, als die Schuld ständig von sich zu schieben und andere verantwortlich zu machen. Wenn die feinen Grafen mit ihren Familien in der Hauptstadt leben, dann bekommen sie endlich vor die Augen geführt, wer ihre Anvertrauten sind und um wen es letztlich bei diesem Zusammenkommen geht: Die einfachen Albenkinder Langollions. Wenn die Stimmung in der Stadt die Edlen und ihre Angehörigen nicht ergreift, dann wird es uns erst recht nicht gelingen, sie hier im Rosenturm zum Umdenken zu überzeugen, wo Morwennas und Tiranus ständige Präsenz ihre Missgunst nur noch vergrößern wird. Ein wenig mehr Freiraum wird eine Wohltat für die angespannte Stimmung sein. Niemand wird sich durch eine ungleiche Raumordnung im Palast benachteiligt fühlen. Es wird eine Freude für die mitgereisten Familien werden, an dem Treiben der Stadt teilzunehmen, während der zugehörige Graf bei den Verhandlungen anwesend ist und genau weiß, wie gut die Familie umsorgt ist. Außerdem kann auf diese Weise eine Menge Gold gespart werden.“

„Wie das?“, Cirinth warf die Hände in die Luft. „Es wird eine planerische Herausforderung, all das abzuwickeln. Welche Häuser sollen den Grafen zur Verfügung gestellt werden? Welche Zahl an Dienerschaft wird für die vielen Haushalte sorgen? Du wirst doch nicht verlangen, dass sie ihren eigenen Haushalt führen?“

Morwenna überraschte dieser Vorschlag auch. Die eigenwillige musikalische Untermalung der Zwerge während des Banketts und der abgewandelte Menüplan waren eine Sache, aber das grenzte an einen politischen Affront! Der Ruf ihrer Gastfreundschaft könnte erheblichen Schaden nehmen!

„Ich habe bei meinem Ausflug in die Hauptstadt die Bäcker und Wirtshäuser mit der Verpflegung der Adligen während ihres Aufenthalts beauftragt. Durch ein kleines System an Botengänger – meistens die Kinder der Verantwortlichen – wird es bei keinem der Gäste an irgendetwas mangeln. Außerdem kenne ich keinen noch so unbedeutenden Baron, der ohne seinen Leibdiener verreist, welcher mehr als fähig sein sollte, den Haushalt zu leiten.“ Er sah mit einem verschwörerischen Lächeln zu Abelle. „Die großzügigen Stadthäuser, welche den Grafen und Baronen zur Verfügung gestellt werden sollen, sind bereits vorbereitet und entsprechend hergerichtet. Der Grund und Boden wurde von einigen Edlen deines Hofstaats bereitwillig zur Verfügung gestellt.“ Jornowell zwinkerte Abelle bei diesen Worten zu.

Morwenna wandte sich überrascht zu ihrer Vertrauten um. Sie wirkte angetan von Jornowell. Die Fürstin wusste, dass die Elfe aus einer wohlhabenden Familie stammte. Gewiss war ihre Sippe in Besitz von einigen Stadthäusern. Die Ahnung, dass Abelle mit Jornowell in die Hauptstadt geritten war, und ihm all die Dinge gezeigt hatte, welche er zuvor beschrieben hatte, war wie ein Stich für sie. Sie würde sie später zur Rede stellen, beschloss sie.

„Du hast bereits Vorkehrungen getroffen, ohne eine Erlaubnis abzuwarten? Das ist unfassbar!“ Cirinths erwartender Blick lag auf ihr. Er kochte offensichtlich vor Wut.

„Du hast das an die ausreichende Zahl an Kutschen und Pferde gedacht?“, fragte sie schließlich ohne jede Wertung in der Stimme. „Die Beteiligten werden oft die Reise zum Turm auf sich nehmen müssen.“

„Ja“, erwiderte Jornowell ohne großes Zögern. „Ich konnte einen Kutschenbauer zu einem sehr niedrigen Leihkurs überreden.“

Noch einen kurzen Moment ließ sie die Auswirkungen eines Scheiterns seiner Pläne auf sich wirken. Doch seine Argumente waren eine Hausmarke für sich. Sein unkonventionelles Denken würde in jedem Sinne für Gesprächsstoff sorgen – ob nun gut oder schlecht. Die Chance auf einen entsprechenden Erfolg war verlockend groß.

„Du hast meine Zustimmung.“ Morwenna war sich nach dem Gesagten noch sicherer, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

„Herrin, du entschuldigst mich.“ Cirinth machte bei ihrem Nicken auf dem Absatz kehrt und verließ mit großen Schritten die Halle. Morwenna sah es ihm nach, war sie mehr davon erleichtert, sich seiner Anwesenheit entledigt zu wissen, als von seinem Fehltritt pikiert.

„So oft wie in den letzten Tagen hat er mich noch nie zuvor ‚Herrin‘ genannt“, stellte Morwenna fest und erreichte damit ein flaches Lächeln bei Jornowell.

„Ich sollte mich auch zurück an die Arbeit begeben.“ Jornowell senkte leicht den Kopf vor ihr – sie wusste allerdings, dass diese Geste nur der Anwesenheit der Zwerge und Abelles geschuldet war. Dann folgte er Cirinth aus der Halle hinaus.

Irritiert von dieser erneuten Abweisung wandte sie sich nach Abelle um. Sie hatte einige Fragen! In einer fast freundschaftlichen Geste griff sie den Arm ihrer Vertrauten, welche damit aber kein positives Zeichen der Zuneigung verband, wie unschwer an ihrem Gesichtsausdruck zu erkennen war. „Lass uns spazieren gehen“, forderte Morwenna süß wie ein fauliger Apfel.

***


Jornowell entging nicht der skeptische Blick, welcher ihm von den beiden Wachen entgegenschlug. Nicht nur diesem war das kurze Zögern geschuldet, welches ihn von einem Klopfen abhielt. Doch schließlich hob er die Hand gegen die massive Tür zu den Gemächern der Fürstin.

Einige Momente vergingen, ehe Morwenna die Tür öffnete. Ihr überraschter Blick hielt ihn nicht davon ab, unaufgefordert durch den Rahmen zu treten. Ihrem Schnauben folgte das Klacken des zufallenden Schlosses.

Das Blumenbouquet, welches er ihr aus so vielen Teilen Albenmarks zusammengetragen hatte, war aus ihrem Vorzimmer verschwunden. Es überraschte ihn nicht. Dennoch wirkte ihre Abwesenheit wie ein Loch in der Perfektion dieses Raumes.

Jornowell lenkte seinen Blick unwillkürlich zur großen, die Rundung des Raums einnehmende Fensterfront. Hinter dem Frost der gefrorenen Scheiben glitzerten die Sterne am dunklen Firmament. Das Mondlicht strahlte durch die Musterung der Fensterrahmen in eigentümlichen Formen über den steinernen Boden. Zwei Barinsteine schienen sonst als einzige Lichtquelle von niedrigen Sockeln herauf, ihr Licht war sehr warm.

Jornowell roch Morwenna in ihren Räumlichkeiten, die Heilkräuter, die leise Note von Rosenöl und den eigenen Charakter des Holzinterieurs.

Die zierliche Heilerin schritt hinter ihn und bedachte ihn abwartend: „Es ist reichlich spät für eine Aufwartung, Hofmeister!“

Wie zur Unterstreichung ihrer Worte zog sie die Kordel, welche ihren seidengrünen Mantel um ihre Hüfen hielt, enger. Das lange dunkle Haar hatte sie in einem Zopf über ihre Schulter geflochten. Einen kleinen Moment zu lange konnte Jornowell den Blick nicht von ihren nackten Waden lösen. Er räusperte sich, legte seine Arme hinter seinem Rücken zusammen und war plötzlich sehr dankbar dafür, sie selbst während ihrer Liebesnacht nicht völlig entkleidet gesehen zu haben. Zu wissen, was sich unter ihrem Abendmantel verbarg, mochte quälender sein als seine Neugier.

„Ich komme nicht wegen einer Aufwartung, sondern wegen dem Klärungsbedarf gewisser Gerüchte…“

Morwenna hob eine Braue: „Neben den ganzen Vorbereitungen und Auseinandersetzungen mit Cirinth hast du also noch ein Ohr für den Klatsch bei Hofe!?“

„Ein guter Hofmeister weiß um die Geschehnisse seines Haushalts.“ Jornowell straffte sich. Unsicherheit glomm in ihm bei den Gedanken an das auf, was er durch den Mund eines Zimmermädchens vernommen hatte. Ganz genau wusste er mit dem sensiblen Thema nicht vor die Fürstin zu treten. „Hat dein Bruder schon sein Kommen angekündigt?“

Morwenna verschränkte ihre Arme. „Es geht also um ihn?“ Nach ausbleibender Antwort fügte sie hinzu: „Nein, er hat noch nicht auf meinen Brief reagiert. Allerdings wird es kaum verwunderlich sein, wenn seine Botschaft auf sich warten lässt. Er ist gewiss sehr beschäftigt in Ishemon.“

Nun war es an Jornowell, seine Brauen zu heben: „Davon bin ich überzeugt.“ Er ging hinüber zu dem niedrigen Sofa und ließ sich darauf nieder. Nach kurzem Zögern  setzte sich Morwenna ihm gegenüber und forderte ihn auf, weiterzusprechen.

„Mir ist durch zweifelhafte Quelle zu Ohren gekommen, dass Tiranu in Ishemon eine Geliebte zu haben scheint. Ich wäre nicht eben angetan von dem Gedanken, mir hier den Arm für sein Reich auszureißen, während er sich mit irgendeiner Elfendame zwischen Seidenlaken wälzt.“

Morwennas Blick hätte er gern in einer Zeichnung festgehalten. Sie schien zu verstummen von seiner indiskreten Offenbarung. Seine Wortwahl sollte ihren Effekt nicht verfehlen. „Weißt du etwas davon?“

„Das … Das ist Unsinn, eine ruchbare Verleumdung“, erwiderte sie mit dunklem Blick. „Er selbst erzählte mir von seinem Vorhaben, Ishemons Fürsten zum Einlenken bewegen zu wollen.“

„Bist du dir sicher?“ Jornowell hatte keine andere Reaktion von ihr erwartet. Dennoch blieb er skeptisch. „Es gibt noch weiteres Gerede über ihn … Er scheint wohl einen gewissen Schlag bei Frauen zu haben … nicht, dass es mich sonderlich wundern würde.“

Morwenna lächelte mit kaum verhohlenem Spott: „Stellst du jetzt meinem Bruder nach?“

„Er scheint mir fast umgänglich … in seiner Abwesenheit.“

Jornowell lehnte sich, die oberflächliche Erheiterung aus seinen Zügen verbannend, nach vorn. „Da ist noch mehr … Anscheinend geht das Gerücht bei Hofe um, wir … beide … hätten eine Affäre und meine Ernennung begründet auf falscher Bevorzugung.“

Der Blick der Fürstin suchte die Leere. Ihr schien sehr deutlich bewusst zu sein, dass diese Gerüchte – teilweise bestimmt mit haltbaren Fakten hinterlegt – ihrem Ansehen sehr schaden würden. Wenn erst das Volk von diesem Gerede Wind bekam, dann würde alles so auslegt werden, dass die beiden Geschwister ihren Hof in ein Freudenhaus verwandelten, während ihre Untertanen hungerten. Dies würde bestimmt nicht zur Entspannung der Situation beitragen. Gerade die Absetzung eines Loyalisten der Königin – Cirinth – könnte ihnen als massive Fehlentscheidung ausgelegt werden, wenn bekannt wurde, dass Jornowell und sie das Bett teilten.

Morwenna musste sich auf entsprechende Anschuldigungen vorbereiten, auch im Hinblick auf die nahenden Verhandlungen. Der Adel würde keine Chance auslassen, die Herrschaft der Geschwister anzuzweifeln, um sich selbst Vorteile zu erschleichen.

„Ich wollte dich nicht in noch größere Schwierigkeiten bringen…“, raunte er ihr zu, doch erhielt keine Reaktion, die ihm die nächsten Worte irgendwie erleichtern könnten. „Du solltest diese Sache leugnen und dich von den Gerüchten distanzieren, ehe sie zu Anschuldigungen werden.“

Nun kam Leben in ihr Gesicht, doch nicht so, wie er es sich ausgemalt hätte. Eine steile Zornesfalte grub sich zwischen ihren Brauen, während ihr Blick dunkel wie eine mondlose Nacht wurde. Sie erhob sich und ließ sich dabei alle Zeit, ihren Mantel glatt zu streichen und ihre Mimik unter Kontrolle zu bringen: „Hofmeister, es ist spät. Du solltest gehen, um dich auszuruhen. Deine Aufgaben dürfen nicht vernachlässigt werden.“

Jornowell fuhr sich enttäuscht durch das Haar. Wie konnte man nur so sein? Glaubte sie denn, es bereitete ihm Spaß, sie so zu quälen? Dass sie seine Worte verurteilte, war ihr offensichtlich anzusehen. Wohl nahm sie seinen Rat als Schmähung auf.

‚Ihr gefällt es ganz und gar nicht, dass ausgerechnet ich ihr diesen Vorschlag unterbreite. Ihrem Ego zufolge sollte ich mich eigentlich mit dem Fakt, dass man sie mit mir verbindet, brüsten. Sie will, dass es mir gefällt, wenn man mutmaßt, sie gehöre zu mir. Sie will, dass ich sie will. Selbst wenn sie unerreichbar für mich bleibt. Ausgerechnet in dieser Hinsicht ist sie wohl nicht anders, als andere Frauen auch …

Dabei war sie es, die ihn vor den Kopf gestoßen hatte und dieses Thema seitdem mied, wie die Maus das offene Feld.

Und nun konnte sie nicht zwischen dem Elfen unterscheiden, der als ihr Verehrer vor sie trat, und dem, der ihr politischer Berater sein sollte. Es machte umso deutlicher, dass Anarion mit seinen Vermutungen recht behielt.

Auch Jornowell erhob sich. Kurz zögerte er, doch wollte er sich von seinem Stolz nicht so zerfressen lassen, wie sie. Also überwand er sich, endlich das so lange umschiffte Thema beim Kragen zu packen: „Du musst mit jemandem darüber reden. Wenn schon nicht mit mir, dann …“

„Raus!“ Morwenna gab sich als die bleiche, emotionslose Puppe, welche sie von der Pike auf zu sein gelernt hatte. Wenn sie wenigstens wieder zornig sein würde...

„Bitte verschließe dich nicht“, versuchte er weiter, doch erreichte damit nur das Schließen aller Tore zu ihrer Vernunft. „Irgendwann wirst du an einem solchen Verhalten zerbrechen! Es liegt kein Stolz darin, seine Gefühle zu verdrängen, nur Leere! Ebenso ist es keine Schande, unsicher zu sein. Bitte, lass dir helfen, rede mit irgendjemanden!“

„Geh!“ Ihr Ton machte deutlich, dass sie keinen Widerstand duldete. „Wenn du mir wirklich helfen willst, dann hilf meinem Land, aber halte dich fern von mir!“

Sie blickte ihn nicht an, aber es war deutlich, dass sie kurz davor war, ihre Beherrschung zu verlieren. Das minimale Zittern ihrer Hände, dieses vehemente Versuchen, ihr Gesicht vor ihm zu verbergen …

Jornowell erkannte, dass er auf dieser Basis nie etwas erreichen würde. Er trieb sie nur weiter gegen die Wand, zog ihr den sicheren Boden unter den Füßen weg. Diese Scharade hatte sich so sehr über ihr eigenes Wesen gelegt, dass sie ihre wahren Empfindungen nicht mehr erkannte.

Es schmerzte ihn, doch er ging.

Kaum war er aus der Tür hinaus, traf ihn erneut der herablassende Blick der Wachen. Gerade wollte er zu einem spitzen Kommentar ansetzten, als er bemerkte, wie sie plötzlich Haltung annahmen und an ihm vorbei schauten.

Verwundert lenkte er sein Augenmerk in Richtung des schwach erhellten Korridors. Kaum erkannte er, wer da mit großen, schweren Schritten den Weg zu Morwennas Gemächern einschlug, da versteifte auch er sich.

Der Fürst war aus Ishemon zurückgekehrt.

Erneut machte Jornowell den Mund auf, um etwas zu sagen. Doch Tiranu ging, den Blick geradewegs durch ihn hindurch, tonlos an ihm vorbei. Einzig der herabwürdigende Ausdruck auf seinen Zügen verriet, dass seine Anwesenheit überhaupt wahrgenommen wurde. Die Schatten in seinem Gesicht zeugte von nichts Gutem. Er schien also genauestens darüber informiert, was am Hofe des Rosenturms während seiner Abwesenheit von Statten gegangen war. Und begeistert schien er auf keinen Fall.

„Mein Fürst“, grüßte Jornowell ernüchtert gegen die scheppernde Tür, welche ihm unmissverständlich das Gefühl gab, seine Arbeit habe gerade erst richtig begonnen.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast