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Keine Rose ohne Dorn

von Riniell
GeschichteLiebesgeschichte / P16 / Gen
Tiranu
27.03.2015
12.11.2015
16
64.020
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15.09.2015 3.287
 
Und schon folgt das nächste Kapitel. Dieses Mal wird es nicht weniger politisch, allerdings haben sich Jornowell und Morwenna auch zwischen den Zeilen einiges zu sagen. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.


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Im Angesicht der Pflicht



Sollte es mich überraschen, dass er den schnellsten Weg zu meinen Gemächern genauestens zu kennen scheint?‘  Morwenna kannte die Antwort, kaum hatte sie an die Frage gedacht.

Der Weltenwanderer ging vor ihr über die großen, freiliegenden Treppenhäuser, die zur Innenseite des Turms hin lagen. Wie Erzadern im Stein wandten sie sich die offenen, kreisrunden Wände hoch. Über die Geländer hinweg konnte man in den großzügigen Innenhof blicken, in dem das Wasser gefrorener Brunnen glänzte.

„Was geht hier vor sich?“, rief Morwenna in den Rücken ihres Begleiters. Ihre Worte prallten wie Wind an ihm ab. „Warum hast du diesen Zwergen vorgemacht, wir hätten dich als Gesandten zu ihnen geschickt?“

Jornowell blieb unvermittelt vor einem Tor ins Innere des Turms stehen und wandte sich zu ihr. „Wir sollten ungestört darüber reden.“ Er bedeutete ihr, durch das Tor zu gehen.

Sie folgte seinem Fingerzeig mit einem skeptischen Blick: „Das ist nicht der Gang zu meinen Gemächern.“

„Dahin möchte ich auch nicht“, erwiderte Jornowell kälter, als sie es nach seinem Verhalten in der Kaminhalle erwartet hätte. „Wir sollten in das private Studierzimmer gehen.“

Die Heilerin war überrascht. Normalerweise würde man weiter den offenen Treppengang wählen, bis das Stockwerk erreicht war. Außer natürlich … „Woher weißt du von der Wendeltreppe?“ Diese Abkürzung war allein ihr und Tiranu … und möglicherweise Cirinth bekannt.

Jornowell zuckte mit den Schultern: „Ich bin bereits seit einigen Tagen dein Gast,  schon vergessen?“

Sie biss sich auf die Lippe, um sich einen bösen Kommentar zu verkneifen. Wie oft hatte sie in den einsamen Wochen in Vascar an ihn denken müssen und sich jedes einzelne Mal dafür gescholten. Gerade ihr letztes Aufeinandertreffen in Arkadien sollte ihr zeigen, dass sie mit ihren Vorbehalten ihm gegenüber richtig lag. Er war sprunghaft und impulsiv, niemals verweilte er lange an einem Ort … oder bei einer Elfe. Sie war ihm gefährlich nahe gekommen und noch immer schien sie ihn nicht vergessen zu können. Dabei wusste sie, dass er nicht gut für sie war. Doch wie die Motte das helle Licht liebte, so schien sie nach jedem Male, das sie an ihn dachte, ein wenig mehr für ihn zu brennen.    

Für Jornowell schien dies nicht zu gelten. Trotz seines überraschenden Erscheinens, war er kühl und abweisend, wie sie ihn noch nie erlebt hatte. Allerdings brauchte sie das nach ihrem Verhalten nicht zu wundern.

***


Vor der Tür zum Arbeitszimmer standen wie immer die beiden bewehrten Elfen, welche die Dokumente der Fürsten schützten. Doch anders als sonst, trat die Wache bereitwillig zur Seite, als sie Morwenna sahen.

Jornowell fühlte etwas wie Erlösung in seinen Fingerspitzen prickeln. Endlich konnte seine eigentliche Arbeit beginnen.

Kaum hatten sie das Studierzimmer betreten, umfing sie der Duft alter Bücher, Ledereinbände, Federn und Tinte. Das Licht des Vormittags strahlte durch die breiten Fenster über den mächtigen Sekretär, der am anderen Ende des rundlichen Raumes stand. Allerlei Pergamentbögen, Bücher und eine Karte Langollions waren über die Tischplatte ausgebreitet.

Jornowell ließ den einen oder anderen neugierigen Blick über die Dokumente gleiten, ehe er zu Morwenna aufschaute. Die Fürstin stand auf dem schmalen roten Teppich, der von der Tür zum Sekretär reichte. Ein alter Kerzenständer überragte die zierliche Elfe etwa um eine Haupteslänge. Dennoch wirkte die Elfe mit diesem Ausdruck der gespielten Feindseligkeit und verschränkten Armen respekteinflößend. Nichts war von der irritierten jungen Fürstin zu sehen, die gerade von Zwergen in ihrem eigenen Heim aufs Herzlichste empfangen wurde. Jornowell ahnte, dass dieses Ereignis wohl wirklich nur für ihn ein längeres Nachspiel haben würde.

Morwenna trug ihr Haar in einem strengen Knoten, der vom Wind gepeinigt einige Haarsträhnen losgelassen hatte. Das weiße Kleid war von zierlichen Stickereien eingefasst – nach den Dingen, die er im Rosenturm über sie in Erfahrung bringen konnte, mochte es gut sein, dass sie diese Arbeit selbst angebracht hatte.  Das Gesicht der Heilerin wirkte blasser als sonst, ihre vollen Lippen waren verkniffen.

„Ihr steckt in Schwierigkeiten“, begann Jornowell die lange Rede, die er einstudiert hatte und verwarf diese im selben Atemzug. Wenn er etwas erreichen wollte, sollte er überzeugend und nicht einstudiert wirken.

Als er die hochgezogene Braue von Morwenna bemerkte, räusperte er sich. Um Zeit für seine Überlegungen zu schinden, rückte er einen der Stühle von dem Sekretär zurecht und breitete ihren weichen Mantel darüber aus. Wortlos nahm sie Platz. Der dunkle Bärenpelz schmiegte sich an ihre Schultern und rahmte ihr zeitloses Gesicht ein.

Jornowell zwang sich zu etwas Abstand zwischen sich und der Elfe und stellte sich neben den Sekretär. „Tiranu wird in Ishemon nichts erreichen, da kann er seinen Sturkopf noch so sehr anstrengen.“

Morwenna griff nach den Stuhllehnen: „Woher …?“

Der blonde Elf hob eine Hand. Sie schien es wirklich zu überraschen, dass ihre Lage so offen vor aller Augen lag. Wenigstens verbarg sie ihre Emotionen nicht vor ihm, das würde seine Arbeit um einiges erleichtern.

„Du scheinst zu vergessen, dass Beziehungen immer noch der Schlüssel zu allerlei Macht und Wissen sein können.“ Er lehnte sich an den Sekretär. „Als du mir berichtet hast, wie dringend Langollion Arkadien als Handelspartnerin benötigt, da haben Anarion und ich die Ohren offen gehalten. Mein Neffe hat als Angestellter der Fürstin einen guten Zugang zu den interessantesten Informationen. Ich habe derweil mit alten Korrespondenten meines Vaters, die hier in Langollion leben, geschrieben, die mich über die ernste Lage ihres Landes aufklärten.“ Er deutete vielsagend auf die Landkarte, die zu seiner Linken lag. „Nach Vascar werden andere Baronien und schließlich auch Grafschaften in die Armut folgen. Wenn ihre Korruption nicht vorher aufgedeckt werden kann … aber ich fürchte, selbst dazu fehlen euch die Mittel. Wenn ihr nicht bald einen Handelspartner findet, der Gold in die Kassen bringt, wird euer Land nicht nur Bankrott gehen, sondern sich auch in Frust und Armut erheben … es wird nicht lange dauern, bis eure Herrschaft angezweifelt wird.“

„Eine gute Erörterung der Problematik“, raunte Morwenna schlagfertig. „Allerdings wirfst du mit Lösungsvorschlägen nicht gerade um dich …“

„Ein erster Ansatz sitzt unten bei Tee und Kuchen.“ Jornowell legte ob ihrer sturen Haltung die Stirn in Falten. „Die Zwerge benötigen für den Wiederaufbau dringend die Rohstoffe, die Langollion zu bieten hat. Die Erzmienen in ihren Bergen sind fast aufgebraucht und das Holz des Walds um ihre Hallen ist Eigentum der Königin und damit wesentlich teurer als sich eurer Angebot darstellen wird. Ihr größtes Interesse gilt dem Edelholzvorkommen, welches den Witterungen unter Tage stand halten kann … über ihre Zahlungsfähigkeit brauchst du dir im Übrigen keine Sorgen zu machen.“

Noch immer lag im Blick der schwarzhaarigen Elfe Skepsis. „Keine Sorgen machen … Ich kenne so gut wie nichts über die Mentalität der Zwerge. Sie könnten ebenso gut morgen ihre Meinung ändern.“

Jornowell mochte sich die Haare raufen. „Deine Lage erlaubt keinen falschen Stolz.“

„Was weißt du schon von Politik?“ Morwenna war angriffslustig. Allein seine Anwesenheit schien sie unmäßig zu provozieren. Der Elf ließ sich davon nicht abschrecken, eher stachelte es seinen Willen an.

„Mein Vater war jahrhundertelang einer der mächtigsten Elfen im Schmelztiegel aller wesentlichen politischen Entscheidungen und Handlungen. Seine Arbeit war maßgeblich …“

Morwenna schüttelte den Kopf, die Mimik abschätzig verzogen: „Alvias war nicht mehr als der Schoßhund einer besseren Tyrannin und Mörderin …“ Jornowell wollte erbost etwas erwidern, doch die Elfe fuhr ungerührt fort: „Wenn du das Politik nennen möchtest …“

„Rede nie wieder so von ihm!“ Jornowell musste sich mäßigen, nicht aus der Haut zu fahren. Das Verhältnis zu seinem Vater war nie das Beste gewesen, doch stets war eine gewisse Bewunderung für das Werk des Haushofmeisters der Königin in Jornowell geklungen.

„Er war blind für das wahre Gesicht der Königin, ebenso wie all die anderen …“

„Du wirfst ihm Blindheit vor!?“ Der Weltenwanderer stellte sich hinter den Sekretär und stemmte die Hände auf die Platte. „All das …“ Er deutete auf jene Landstriche Langollions, welche so sehr unter den dunklen Zaubern Alathaias gelitten hatten, dass sie völlig aus dem magischen Netz gerissen waren. „Wenn diese Orte noch für die Landwirtschaft tauglich wären, müsste niemand aus deinem Volk hungern. Doch statt aus den Fehlern euer Mutter zu lernen, vergesst ihr in eurem Stolz die Chancen in der Fremde! Kam den niemand von euch auf die Idee, dass die neue Menschensiedlung im Windland einen riesigen Bedarf an neuen Rohstoffen benötigt? Dass die Zwerge sich eine komplett neue Wirtschaft aus dem Boden stampfen müssen? Ich habe mir seit ich denken konnte immer geschworen, niemals zu werden wie mein Vater … Seine Fehler sollten nicht die meinen sein.“ Er hob seine Brauen und registrierte zufrieden, dass er endlich die Aufmerksamkeit der Fürstin genoss. „Du und Tiranu jedoch begrabt euch in eurem Schmerz und erstickt in Selbstmittleid, statt zu beweisen, dass ihr nicht wie Alathaia seid.“

„Wie kannst du es wagen?!“ Jede Sekunde mochte die Fürstin aufspringen, ihre Augen glühten wie die eines Raubtiers. Ihre Muskeln waren angespannt. Jornowell wusste, dass er ein gefährliches Spiel spielte. Wenn er Morwenna richtig einschätzte, so hatte sie von Tiranu nicht nur gelernt, sich wehrhaft zu verteidigen, sondern auch einen folgenschweren Angriff zu tätigen.

„Wagen, dir die bittere Wahrheit zu offenbaren?“ Der blonde Elf schnaubte und ließ sich in den großen gepolsterten Stuhl sinken. Er saß nun am Platz, der normalerweise den Fürsten vorbehalten war, und Morwenna wirkte wie eine Bittstellerin. „Dir muss doch klar sein, dass dir niemand in ganz Albenmark etwas gönnen oder schenken wird … umso mehr liegt es an dir, etwas für deinen Erfolg zu tun. Spring über deinen Schatten und lass mich helfen!“

„Was glaubst du, kannst du schon ausrichten? Führst du ein Handelskontor oder hast du Beziehungen in anderen Fürstentümer … mal abgesehen von etlichen Affären mit Hofdamen?“ Morwenna lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und überschlug die Beine. Ihre Haltung strahlte Ablehnung aus. Der Weltenwanderer konnte nicht verhindern, dass ihre Worte ihn trafen. Natürlich hatte sie nicht ganz unrecht mit ihrer Vermutung … Woher hatte sie nur all dieses Gerede über ihn aufgeschnappt? Er konnte sich diese Erscheinung, welche selbstsicher und kühl wie eine Dryade des Alten Walds vor ihm saß, einfach nicht unter schnatternden Hofschranzen vorstellen, die sich über ihn das Maul zerrissen … oder ihn hinter vorgehaltener Hand anbeteten. Aber wie sonst hatte sie von seinem Lebensstil Wind bekommen? Jornowell strich sich über die Schläfe. Dass sie ihn so ausspielte kam ihn schmähend vor. Er dachte an Anarions Vermutung, dass Morwenna mit ihren eigenen Gefühlen überfordert war … konnte es sein, dass er gerade Zeuge eines sonderbaren Eifersuchtsausbruchs wurde?

„Wenn du es zulassen kannst, öffne ich dir Augen und Ohren für die Dinge, die in deinem Land geschehen, ich zeige dir Möglichkeiten und Wege auf, aus dieser Situation herauszukommen.“

Endlich schien die Kampfeslust in Morwenna zu versiegen. Ihr Blick ging ins Leere, die Überwindung, mit der sie rang, war ihr förmlich anzusehen. „Warum … Warum solltest du mir helfen wollen? Was willst du damit beweisen? Und nun versprich mir nichts, was du nicht halten wirst.“ Ihre Stimme war ungewohnt brüchig. Jornowell schluckte.

„In Arkadien hast du mir von der Not deines Landes erzählt. Du brauchst Hilfe und ich habe Hilfe zu bieten. Das hat nichts mit einer Zurschaustellung oder meinen Gefühlen für dich zu tun.“

Der dunkle Blick Morwennas traf ihn. In diesem Moment schien etwas in ihr bis zum Zerreißen gespannt. Ihre Lippen bebten: „Gefühle …?“ Dem leisen Hauchen folgte ein schwaches Kopfschütteln: „Was schlägst du vor, sollen wir tun?“

„Bemühe dich um ein Handelsabkommen mit den Zwergen. Mit ihrem Geld kannst du die Ressourcenstärke in den einzelnen Grafschaften ausbauen und neue Führungen für die Handelskontore ausbilden.“ Jornowell lehnte sich zurück. „Ich habe mich viel umgehört in den letzten Tagen. Cirinth ist geschwätziger als man zuerst vermuten könnte. Sind alle Würdenträger in deinem Land so vertrauenswürdig wie er?“

Sein Gegenüber hob eine Braue: „Du schnüffelst hier also herum!?“

„Lenk nicht vom Thema ab … Vertraust du deinem Adel oder nicht?“

Morwenna wandte den Blick ab und kniff ihre Lippen zusammen. „Nicht einen Schritt weit. Ich wäre dumm, es zu tun. Sehe ich davon ab, dass einige Baronien keine Führung haben…“

„Wer verwaltet sie dann?“ Jornowell wurde hellhörig. Dass Langollion große Kriegsverluste zu beklagen hatte, wusste der Elf zwar, aber dass es so weit in die Strukturen des Landes reichte, war ihm neu.

„Die zugehörigen Grafen …“ Morwenna schüttelte ihr dunkles Haupt. „Sie sind korrupt, veruntreuen Steuergelder und diskreditieren Tiranu und mich.“

„Wem kannst du trauen? Gibt es niemanden, der geeignet ist, diese Posten auszufüllen?“

„Niemanden, der mir bekannt wäre.“

„Dann wird die Findung der würdigen Nachfolge nach der Schließung neuer Handelsabkommen die oberste Priorität haben …“ Jornowell würde sich von Cirinth eine Liste mit den führungslosen Abschnitten Langollions aushändigen lassen. Möglichweise kannte Anarion einige geeignete Kandidaten, oder Ausbilder, welche mögliche Nachfolger formten könnten.

„Glaubst du, das ist uns nicht bewusst? Cirinth sucht schon wochenlang …“ Jornowell verdrehte die Augen und platzierte in lässiger Manier seine Füße auf dem Sekretär, was Morwenna irritiert innehalten ließ. „Was!?“

„Cirinth ist ausgebildeter Rechnungsmeister … er ist wohl kaum für seine Aufgaben hier im Reich befähigt.“

„Wie willst du die Arbeit von ihm bemessen können?“ Morwenna stand auf und umrundete die Tischplatte. Angeekelt wischte sie seine Stiefel vom Tisch.

„Wenn es jemanden gibt, der das kann, dann bin ich das …“ Jornowell räusperte sich und brachte seine Gliedmaßen wieder in annehmbare Position. „Mein Vater hat ihn in Elfenlicht ausgebildet. Du ahnst nicht, wie oft er über ihn geflucht hat und wie glücklich er war, als Emerelle entschied, ihn zu deinem Bruder zu schicken. Er sollte Langollion in politischen Dingen nach den Schattenkriegen unterstützen … und Tiranus Entscheidungen in die richtigen Bahnen lenken.“

„Er ist nichts weiter als ein Wachhund“, knurrte Morwenna. Ihrem Ärger war anzusehen, dass er nicht plötzlich aufkam. Diese Erkenntnis ruhte schon lange in ihr. Die Tochter der Alathaia war nach dem Verrat ihrer Mutter nach Elfenlicht gerufen worden und zum Mündel der Königin geworden, während ihrem viel zu jungen Bruder Tiranu die Fürstenkrone aufgesetzt wurde. Im Herzland war die zwielichtige Magierin zur Heilerin geworden … und zur Geisel. Tiranu war mit ihrer Anwesenheit im Palast der Königin hörig gemacht worden.

Auch Jornowell erhob sich. Irritiert bemerkte der Elf, dass die schwarzhaarige Fürstin so eilig Abstand zwischen sie brachte, als hätte sie sich verbrannt. Es war nur ein schmerzlich kurzer Augenblick, in dem ihr etwas anzumerken war. Er musste einen Impuls unterdrücken, sie an sich zu ziehen. Was ging in ihr nur vor?

Der Sohn des Alvias rief sich zur Räson – er musste weiter sprechen, sonst würde er ihre Aufmerksamkeit verlieren. „Nichtsdestotrotz kannst du seine Fähigkeiten für dich nutzen. Warst du nicht die letzten Wochen im verschneitesten Hinterland, um eine lächerlich winzige Grafschaft zu unterstützen? Wer könnte nach dir die Arbeit besser fortführen und die Grafschaften unterstützen als Cirinth? Kaum ein Graf weiß von seiner Vergangenheit mehr, als dass er ein Höfling Emerelles war. Niemand wird sich wundern, wenn er in ihren Hallen erscheint und die Aufbauarbeiten unterstützt. Im Gegenteil wird man die Position des Hofmeisters als Respektsbekundung des Fürstenhauses sehen.“

Morwenna runzelte die Stirn: „Ich kann mir Cirinth kaum als Wohltäter vorstellen …“

Jornowell lachte: „Ich mir dich auch nicht, meine Fürstin.“ Bei ihrem folgenden bösen Blick, fügte er hastig hinzu: „Dennoch bin ich mir sicher, dass du hervorragende Arbeit geleistet hast … Außerdem scheinst du nicht zu verstehen, worauf ich hinaus möchte: Wenn Cirinth in den Grafschaften weilt, wird sich niemand wundern, wenn er die Rechnungsbücher verlangt, um zu überprüfen, ob der Adel finanzielle Unterstützung benötigt. Wenn er Auffälligkeiten findet, dann haben wir unseren Grund, die Vertrauenswürdigkeit der jeweiligen Grafen und Barone anzuzweifeln und durch geeignetere Elfen zu ersetzen.“

Zuerst bemerkte Jornowell, dass es hinter den nachtschwarzen Augen der Heilerin arbeitete. Sie biss sich auf die Lippe und knetete mit Zeigefinger und Daumen an ihrer anderen Hand. Dann mischte sich so etwas wie Zustimmung oder Erkenntnis in ihren Blick. Doch der Elf mahnte sich vorschnell Triumpf zu empfinden. Morwenna traute er durchaus zu, ihm Recht zu geben und gleichzeitig  anderer Meinung zu sein…

„Ich gebe zu, dass dies ein raffinierter Plan ist. Allerdings hat er auch einige Lücken“, raunte die Fürstin dann aber nach kurzer Zeit. Sie ging hinüber ans Fenster. Jornowell schluckte bei ihrem verschlagenen Ton. Er sollte vorsichtig sein, sie zu unterschätzen. „Wir können keine Würdenträger mit Luft ersetzten … Wenn wir nicht rechtzeitig geeignete Nachfolger finden, wird das unsere Lage nur verschlimmern.“

„Vorrübergehend könnt auch du und Tiranu die Verwaltung übernehmen“, er legte die Arme zusammen. „Außerdem habe ich den einen oder anderen Kontakt, den ich um Hilfe bitten könnte.“

Der Widerwillen spiegelte sich wie das Licht in ihren schwarzen Augen wieder. Doch schien sie der Vernunft endlich den Einzug zu gewähren. „Ich kann nicht ablehnen … Nicht bei diesen Argumenten.“

„Danke“, strahlte Jornowell unverblümt stolz auf seine Taktik. Anarion hatte es ihm nicht ganz zugetraut, diesen Schachzug umzusetzen.

„Freu dich nicht zu früh, Weltenwanderer“, erwiderte Morwenna dann kühl. „Noch hast du meinen Bruder nicht überzeugt und Cirinth ist nicht in die Grafschaften gezogen. Wenn Emerelle davon erfährt, könnte es ebenso gut sein, dass sie ihn zurück in den Rosenturm beordert. Sie möchte hier einen Loyalisten wissen, der die Staatangelegenheiten verwaltet. Jemanden, den sie kennt und einschätzen kann. Deshalb ... Du wirst Cirinths Aufgaben ab sofort übernehmen, um ihn in seiner nahenden Abwesenheit angemessen vertreten zu können.“

Jornowell biss sich auf die Zunge. Dieser Vorschlag kam überraschend, selbst in solch einer verzwickten Situation. „Was!?“

Die Fürstin verschränkte die Arme: „Du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass ich dich einfach in den Angelegenheiten meines Fürstentums herumpfuschen lasse, ohne dir Verantwortung und Rechenschaftspflicht aufzuerlegen? Du wirst deine Vertrauenswürdigkeit erst unter Beweis stellen müssen. Cirinth wird dich einlernen, solange er noch hier ist. Und mir schwebt auch schon die Feuerprobe für dich vor: In Anbetracht dessen, dass wir neue Würdenträger für die Baronien suchen, werden wir den Landadel und alles, was daran auch nur im entferntesten erinnern könnte, in den Palast laden, um geeignete Kandidaten zu finden. Im gleichen Zug können wir die Probleme Langollions in Beratungen erörtern und Konzepte ausarbeiten …“ Sie malte mit der Hand eigentümliche Muster in die Luft, die bei jeder anderen Elfe visionärisch gewirkt hätten – bei ihr allerdings eher wie Hohn. „Ich dachte auch einen großen Empfang, Bankette, Feste ... und alles möglichst zeitnah. Die Zwerge möchten sicherlich ihre Handelspartner besser kennenlernen und mein Bruder kehrt  bald aus Ishemon zurück – frag mich aber nicht, wann. Du siehst, es gibt viel zu planen und berücksichtigen … Am besten fängst du gleich damit an, dem Namen deines Vaters Ehre zu erweisen, Hofmeister.“

Mit den letzten Worten musterte sie ihn eindringlich von oben bis unten. Die Herausforderung stand in ihren Augen, ebenso die Abschätzung. Wie sie den Raum verließ und einige Anweisungen an die Wachen richtete, bekam Jornowell nur in Trance mit. Wie oft hatte er sich geschworen, nie auch nur ansatzweise so zu werden, wie sein Vater! All die Verluste, die Alvias durch seinen Posten erleiden musste – Zeit, Herzblut, Aufopferung, Kraft und Nerven. All das war für ihn stets die reine Abschreckung gewesen. Und nun war er so leichtsinnig gewesen, sich bei diesem Gespräch ausgerechnet auf ihn zu berufen.

Hofmeister …

Es würde in einer Katastrophe enden. Die Planungen, die Umstände… Jornowell ertrank in Gedankensprüngen. Die Adelsfamilien würden versuchen, sich mit allen Mitteln auszustechen … Wie sie auf die Zwerge reagieren mochten … oder auf ihn! Jeder kannte seinen Ruf, jeder wusste, wie sehr er sich gegen Pflichten sträubte. Niemand würde ihn ernst nehmen.

Und doch … in seinem Kopf formte sich bereits Ideen zur Unterbringung der Adelsfamilien, der Möglichkeiten zur richtigen Einbindung der Gesandten aus Aelburin, der Diskussionsführungen, der Örtlichkeiten für beeindruckende Feste… und über all dem lag das Bild einer zaghaft lächelnden Elfe.

Die Herausforderung brannte wie Feuer unter seinen Fingern, das es zu löschen galt. Wenn Morwenna glaubte, ihn damit abschrecken zu können, hatte sie sich einmal mehr in ihm getäuscht.

Das einzige, was ihm wirklich Sorgen bereitete, war der unberechenbare Faktor mit dem Namen Tiranu …
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